Samstag, 19. Oktober 2013
Elegante Schnauftöne
Neben zahlreichen Briefen und Notizen hinterließ Katherine Mansfield rund 70 in der Regel kurze Erzäh-lungen. Sie war mit D. H. Lawrence, Viginia Woolf und dem Philosophen Bertrand Russel befreundet, der angeb-lich gern ihr Liebhaber geworden wäre. Auf Fotografien wirkt sie blaß, dünnlippig und zerbrechlich. In der Tat hatte sie sich 1923 als 34jährige in die endlose Kette der Särge mit Tuberkulose-Opfern einzureihen. Auch sonst war die neuseeländisch-britische Schriftstellerin vom Leben nicht gerade auf Rosen gebettet worden: zwei gescheiterte oder fadenscheinige Ehen, eine Totgeburt, Tripper, ein im Ersten Weltkrieg gefallener Bruder, an dem sie sehr gehangen hatte, Nervenkrieg mit ihrer langjäh-rigen Freundin, Pflegerin, vielleicht auch Geliebten Ida Baker und dergleichen mehr. Andererseits hatte Rivalin Woolf eine „japanische Puppe“, Lawrence „eine wider-wärtige Schlange“ gesehen, schätzte sie doch auch Intrigen, wenn wir Annette Meyhöfers Darstellung glauben dürfen (deutschlandradio Oktober 2012). Und als Autorin hatte Mansfield keineswegs unter Verkennung zu leiden. Der Vater, Bankier in Neuseelands Hauptstadt Wellington, ließ sie nach London gehen, ließ sie studieren, was sie wollte, und gewährte ihr regelmäßige Schecks. 1910 erschien ihr erstes Buch mit Erzählungen.

Am erstaunlichsten ist ihr anhaltender Nachruhm. Gibt man ihren Namen, in Gänsefüßchen, bei einer Suchma-schine ein, kommen ungefähr 500.000 Treffer. Allein die Liste der „Sekundärliteratur“ im deutsprachigen Wikipedia-Artikel über Mansfield ist bald einen Kilometer lang. Wahrscheinlich liegt der Artikel (Februar 2013) nicht so schief, wenn er eingangs feststellt, möglicherweise verdanke sich die auffallend breite Resonanz auf Mans-fields eher schmales Werk zumindest teilweise ihrem vergleichsweise ungewöhnlichen und harten Los. Wird Mansfields Werk von einigen „Literaturwissenschaftlern“ kurzerhand in die Nähe von Tschechow gerückt, muß man sich allerdings fragen, ob diese Herren oder Damen ihre Augen in den Fersen oder in der Bauchhöhle haben. Was Mansfield vor allem fehlt, ist der soziale Blick. Sie kreist um private Mittelstandssorgen, das ganze Elend der Welt ist ihr unbekannt. Ins Detail geht sie bis zur Folterung (des Lesers), nur von Zusammenhängen will sie nichts wissen. Da hätte ihr sogar Russel gut getan. Man hat ihre handlungsarmen Erzählungen „Charakterstudien“ genannt – aber wo böte sie psychologische Erkenntnisse? Sie zeigt uns: so ist dieser Mensch – und so soll er gefälligst bleiben. Es ist eine in jeder Hinsicht passive, kraftlose, letztlich aber zynische Prosa. Tschechow dagegen liebte die Menschen. Wenn Mansfields Sätze beziehungsweise Figuren gelegentlich aufbegehren, dann in belanglosen Dingen oder im Traum.

Freilich, das hat seinen Reiz – zumal für AnhängerInnen eines Billardspiels, bei dem rote Kugeln vorherrschen. Während der Busch im Hitzedunst flimmert, hat sich „Trouts Hund Snooker mitten auf der sandigen Landstraße hingelegt. Das blaue Auge nach oben verdreht, die Beine steif von sich gestreckt, hechelte er und gab von Zeit zu Zeit verzweifelte Schnauftöne von sich, als ob er sagen wollte, er habe beschlossen, mit allem Schluß zu machen, und warte nur noch darauf, daß ein freundliches Gefährt daherkäme.“

So in der Erzählung An der Bucht von 1922. Snookers anderes, gegen den Sand gerichtetes Auge war vermutlich pink oder schwarz.
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