Samstag, 19. Oktober 2013
Hurra! – Ein kurzer Reigen aus Patrioten
Geschrieben 2012


Wir dürften in Deutschland ähnlich viele Friesen- wie Jahnstraßen haben. Der Sohn eines Magdeburger Feld-webels und Buchhalters Friedrich Friesen geriet zunächst an die Berliner Bauakademie, warf sich aber bald, von Kants und Fichtes Schriften beflügelt, auf Philosophie und Pädagogik und unterrichtete ab 1808 an der Plamannschen Erziehungsanstalt, einem Knabeninternat in Berlin, das Pestalozzis Grundsätzen verpflichtet war. Dabei erwärmte er sich, im Fahrwasser des Salzmann-Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths und dessen Schüler Friedrich Ludwig Jahn, besonders für die Turnkunst, wie man damals dazu sagte. Der Name ist allerdings etwas irreführend, weil es bei dieser Veran-staltung, die auch Dauerläufe, Schwimmen, Reiten, Fechten und Schießübungen einschloß, mindestens zur Hälfte nicht um Kunst oder Gymnastik, vielmehr um Wehrertüchtigung ging. Ein aktuelles Anwendungsgebiet gab es auch: praktisch halb Deutschland, das 1806 von Napoleons Truppen besetzt worden war. In den später so genannten „Befreiungskriegen“ sollte der General und Kaiser wieder zum Teufel oder in die Arme seiner Pariser Mätresse gejagt werden. Friesen war daran führend beteiligt. 1810 gründete er mit Jahn, Harnisch und anderen den Deutschen Bund, einen Geheimbund, der sowohl die Vertreibung der Franzosen wie eine „sittliche Erneuerung“ des „Vaterlandes“ anstrebte. In diesem Rahmen verfaßte er zusammen mit Jahn auch die Denkschrift Ordnung und Einrichtung der deutschen Burschenschaften, die das Burschenschaftswesen oder -unwesen entscheidend beförderte. Bis 1813, als Preußen Frankreich den Krieg erklärte, hatte Friesen gemeinsam mit Adolf Freiherr von Lützow an einer Freischar gebaut, die er nun als Offizier und Adjutant Lützows mitbefehligte. Nachdem bei Gadebusch, Mecklenburg, Mitstreiter Theodor Körner gestorben war, angeblich sogar in Friesens Armen, kam dieser selber ein Jahr darauf in den Ardennen an die Reihe. Laut Norbert Heise von der Magdeburger Universität (2004) hatte der 29jährige Turnlehrer aus Berlin den Anschluß an seine Schwadron verloren, geriet Mitte März bei Rethel in einen Hinterhalt und wurde nach Gefangennahme durch zwei einheimische Bauern von einem französischen Nationalgardisten im Handgemenge getötet.

Bevor ich weiterer verdienstvoller Patrioten gedenke, scheint es mir angebracht, dieser Spezies einmal schonungslos auf den zumeist wenig stumpfen Zahn zu fühlen. Andererseits sind sie stumpf. Ein vernünftiger Mensch könnte ja Patrioten leicht für Idioten halten, weil sie das Phänomen der Herrschaft mit dem ganz anders gearteten Phänomen vermischen, daß sich Menschen von unterschiedlicher Hautfarbe, Sprache, Kultur antreffen lassen. Einem echten Knecht sollte es selbstverständlich einerlei sein, ob sein Schinder ein fremdländischer oder ein einheimischer oder auch ein schwarzweiß gestreifter oder ein blauorange karierter Herr ist. Somit hat er es auch abzulehnen, den einen mit Hilfe des anderen zu bekämp-fen und damit den anderen zu stärken – und dabei übrigens auch sein Leben aufs Spiel zu setzen, obwohl er vielleicht gar kein Anthroposoph ist, also nicht an Wiedergeburt glaubt.

Hinzu kommt die Angst des echten Freisinnigen vor „großen Sachen“, wie sie Arthur Koestler einmal genannt hat. Gott, Vaterland, Aufbruch, Partei, Wissenschaft, Europa, Fortschritt, Klimawandel, Energiewende – alles Autoritäten, die die Knechte blenden, einschüchtern und kleinhalten sollen. Alles religiöse Gebilde, die die tiefen Interessensgegensätze, die in dergleichen „großen Sachen“ zu beobachten sind, vernebeln sollen. Aber sie sollen auch unser aller Zwergenhaftigkeit vernebeln. Dichtet Petöfi „Wir sterben alle miteinand. / Doch nimmer stirbt das Vaterland“, wird gleich klar, wofür uns die großen Sachen entschädigen sollen: für unsere Sterblichkeit, für unsere Verlorenheit. „Vaterland oder Tod“, in allen Sprachen und Lagern der Welt beliebt – eine blindwütigere Losung hat es selten gegeben. Sitzen die Patrioten dann am Ruder, geht es den Leuten an den Kragen, die auch mit dem neuen, geretteten Vaterland nicht einverstanden sind.

Der erwähnte Sándor Petőfi ist ein ungarischer „Nationaldichter“, der 1849 mit 26 Jahren im Gefecht mit habsburgischen Truppen fiel. Eine bulgarische Entspre-chung war der Lyriker Christo Botew. Ihn traf 1876 mit 27 eine osmanische Gewehrkugel, nachdem er auf dem mit 200 Gefährten entführten österreichischen Donau-Raddampfer Radetzki in sein Heimatland geeilt war, um am sogenannten „April-Aufstand“ teilzunehmen. Leider stellte sich dieser bei der Ankunft der Patrioten schon als gescheitert heraus. Drei Jahre früher war in Sofia ein 35jähriger führender Patriot gehängt worden, auf dessen Ende Botew ein Gedicht verfaßt hatte: Wasil Lewski. Der ehemalige Klosterbruder wird (oder wurde) in seinem Land als „Diakon“ oder „Apostel der Freiheit“ verehrt. Die Türken hatten ihn in einer Karawanserei aufgespürt. Ein Befreiungsversuch durch Genossen mißglückte. Den 1914 gegründeten, inzwischen professionellen Fußballclub Lewski Sofia gibt es nach wie vor.

Im Sammelband Recht ist, was den Waffen nützt, herausgegeben von Helmut Kramer und Wolfram Wette 2004, wird eins der absolut raren Verfahren gegen die faschistische Wehrmachtsjustiz erwähnt, hier gegen Generalrichter Dr. Manfred Roeder, der zu den Haupt-verantwortlichen für die 49 Todesurteile gegen Wider-standskämpferInnen der sowjetfreundlichen Roten Kapelle zählte. Das Verfahren wurde 1951 von der Staats-anwaltschaft Lüneburg eingestellt. In der ursprünglichen, nach öffentlichen Protesten etwas abgemilderten Begründung ist zu erfahren, diese Leute seien zu Recht zum Tode verurteilt worden, da Grundlage ihres Wirkens „Landesverrat“ gewesen sei. „Landesverrat hat immer und zu allen Zeiten als das schimpflichste Verbrechen gegolten.“ Darauf, was in dem betreffenden Lande geschieht, kommt es also nicht an. Das ganze neuzeitliche Recht ist schief – weil es nicht auf Humanität, vielmehr auf Buchstabengläubigkeit, kaltem Formalismus beruht.

Der freiheitsliebende Mensch wird seine Sachen eher klein halten. So wird er auch überschaubare Lebens- oder Arbeitsgemeinschaften vorziehen, in denen dann auch Gesetzbücher und 300 Kommentare der Gesetzbücher überflüssig sind. Nationalität oder Rasse der Beteiligten sind dabei völlig unerheblich, sofern sie die Freiheitsliebe teilen und gemeinsame Interessen besitzen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall, wenn in der betreffenden Gemeinschaft einige Leute darauf pochen, sich als Kapitalisten, Soldaten oder BerufspolitikerInnen zu betätigen. Sie werden bekämpft, sofern sie nicht freiwillig gehen, um sich woanders eine ihnen angemessenere Gemeinschaft zu suchen. Genau nach diesem Muster hätte man 1989/90 die DDR entvölkern sollen. Jede Wette, die Leute zum Auffüllen der entstandenen Lücken wären binnen weniger Monate mit Handkuß gekommen – und zwar „aus aller Herren Länder“.

Verehrten die Damen und Herren SED-Funktionäre etwa den kurzlebig (1807–13) in Kassel als „König von Westfalen“ thronenden Jerome, einen Bruder Napoleons? Weil er immerhin für das erste Parlament auf deutschem Boden, die älteste deutsche Verfassung, die Abschaffung der Leibeigenschaft, Religionsfreiheit, ein auf deutsch gedrucktes Gesetzbuch und dergleichen sorgte, weshalb er im Vergleich zu Dutzenden schon in Kassel herrschenden Kurfürsten geradezu als Freiheitsapostel gefeiert werden könnte? Nein, denn der Leichtfuß und Schürzenjäger, im nordhessischen Volksmund auch „König Lustig“ genannt, kam von der anderen Seite des Rheins. Er war Franzose. Er hatte die Pest. Die Leute in Kassel wußten es selbst-verständlich zu schätzen, daß seine paar Geheimagenten kaum ein Wort deutsch verstanden.

Da verehrten die SEDler lieber einen wortmächtigen Kollegen von Heinrich Heine, den 1845 mit 35 gestorbenen Geilenkirchener Gerichtsschreiber Nikolaus Becker, der fünf Jahre vor seinem Ableben die Herzen seines Volkes mit dem Rheinlied im Sturm gewann. Geilenkirchen liegt bei Aachen. Beckers Hit endet mit den verräterischen Versen: „Sie sollen ihn nicht haben, / den freien, deutschen Rhein, / bis eine Flut begraben, / des letzten Mannes Gebein.“ Ob Deutscher oder Franzos, am Ende sind alle tot. Dafür ließ der preußische König Friedrich Wilhelm IV. Becker 1.000 Goldtaler zukommen. Bismarck rühmte später (1893), die Wirkung des Liedes sei der Schlagkraft von „ein paar Armeecorps mehr am Rhein“ gleich gekommen. Dabei erfuhr die schlagkräftige Posse just in seiner Ära noch eine Verdopplung: mit der Vertonung (1854) und Aufwärmung (1870/71!) des Werkes Die Wacht am Rhein des schwäbischen Fabrikanten und Gelegenheitsdichters Max Schneckenburger, der 1849 außerhalb aller Schlachtfelder, in Burgdorf bei Bern, schon mit 30 Jahren einer „heftigen Erkältungskrankheit“ zum Opfer fiel. Sein Genius hatte sich ebenfalls, wie im Falle Becker, 1840 an der „akuten Bedrohtheit“ des Rheins durch französische Bazillen oder Bajonette entzündet. Jeder hat es irgendwo sicherlich schon einmal vernom-men: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, / Wie Schwert-geklirr und Wogenprall ...“

Nun gut, vielleicht ordneten die SEDler Becker auch als „Chauvinisten“ ein, wie Heine es tat; man kann nicht jeder Rheinmücke nachrecherchieren. Aber Theodor Körner, den ich bereits beim Turnbruder Friesen gestreift habe, verehrten sie bestimmt. Die NVA vergab jährlich einen Theodor-Körner-Preis an vorbildlich patriotische KünstlerInnen oder Organisationen. Der auch bei Frauen beliebte „Sänger und Held“ des „Kampfes gegen die napoleonische Fremdherrschaft“, 1791 als Sohn eines hohen Dresdener Justizbeamten geboren, hatte ähnlich wie Novalis erst die Freiberger Bergakademie besucht, um sich dann zunehmend dem Schmieden von schwärme-rischen Versen und Dramen zu widmen. Er spielte auch „prächtig“ Gitarre, wie bei Guido K. Brand* zu lesen ist. Als er sich 1811 (in Leipzig) mit einer studentischen thü-ringischen Landsmannschaft zu einer Schlacht mit der „adligen Fechtgesellschaft“ Sulphuria begab, ließ er seine Gitarre vermutlich wohlweislich auf seiner Bude. Als Rädelsführer von der Leipziger Universität ausgeschlossen und mit Gefängnis bedroht, ging Körner zunächst nach Berlin, wo er bei Zelter sang, bei Jahn und Friesen turnte oder focht, und dann nach Wien, das in Gestalt der Schauspielerin Antonie Adamberger eine Braut für den angehenden Erfolgsdramatiker (Zriny, 1812) bereithielt. Doch aus der Hochzeit wurde nichts, da das Vaterland rief. Im Grunde hatte Körner die Schlägerei in Leipzig nur überlebt, um zwei Jahre darauf, im August 1813, mit Kameraden der Lützow-Freischar im Forst von Rosenow bei Gadebusch auf diese verhaßten Franzmänner zu stoßen. Ob der 21jährige Dichter dabei in den Armen Friesens starb, ja ob er überhaupt im Gefecht fiel, ist allerdings unter Historikern umstritten.* Die Liste deutsch-österreichischer Körner-Denkmäler (Park in Wien) ist jedenfalls länger als ein Flintenlauf. Nikolaus Becker hätte seine Freude besonders an der Aachener Theodor-Körner-Kaserne gehabt. Körners sogleich nach dem Heldentod herausgegebener Sammelband mit Gedichten Leyer und Schwert soll sich später (um 1940) einen Vorzugsplatz auf dem Schreibtisch Manfred Haus-manns erobert haben. „Denn was berauscht die Leyer vor-gesungen, / Das hat des Schwertes freie That errungen.“

Hier liegt ein Schwenk zu der patriotischen Unternehmung „Erster Weltkrieg“ nahe. Der schlesische Arzt Hans Breuer, zuletzt in Gräfenroda am Thüringer Wald praktizierend, ehe er sich 1914 freiwillig zum Dienst am Vaterland meldete, war als Aktivist der deutschen Wandervogel-Bewegung und Herausgeber des bis heute millionenmal aufgelegten Liederbuchs Zupfgeigenhansel bekannt geworden. Den 34jährigen Oberarzt des Lazaretts Merles bei Verdun erwischte es im April 1918 an der Westfront, als ein Sanitätsunterstand durch Beschuß verschüttet wurde. Ein gutes Jahr darauf unterzeichnete Friedrich Ebert im „Kaisersaal“ des Schlosses Schwarzburg bei Rudolstadt die sogenannte Weimarer Verfassung. Das Schloß liegt auf einem schmalen, schroffen Bergrücken des Thüringer Waldes in einer Schlaufe der wilden Schwarza, womit sich der Ort Schwarzburg auch für Maßnahmen der Jugenderholung anbietet. Als „Weimar“ in Schutt und Asche lag und die FDJ-ler die Ärmel aufkrempelten, tauften sie die Schwarzburger Jugendherberge auf den Namen des bekannten Goebbels-Gegenspielers Georgi Dimitroff. Um 1990 wurde diese Einrichtung erneut umbenannt – sie heißt nun Jugendherberge Hans Breuer. Laut Lutz G. Wetzel (2009) hatte der neue Namenspatron 1915 vom Elsaß aus im Vorwort zur Neuauflage seines Zupfgeigenhansels geschrieben: „Draußen, an der Brustwehr, lehnen schweigend die Feldgrauen in der Morgensonne, spähen wohl hinüber, wo Tod und Wunde aus den Stahlschilden bricht. Bald wird Mittag sein. Wandervögel, an die Arbeit.“ Als diese Auflage schließlich erschien, meldete sie noch vor dem Vorwort Breuers pflichtbewußtes Ende.

Um 1910 versuchte sich Walter Flex, Sohn eines Eisenacher nationalliberalen Gymnasialprofessors, zunächst als Hauslehrer des Otto-von-Bismarck-Clans. Zum Glück sattelte er mit dem Läuten der Kriegsglocken auf Dichter und Leutnant um, sonst wären Legionen von Wandervögeln um einen Gipfel ihrer Inbrunst betrogen worden, den sie, noch heute, bei jedem Anstimmen des Liedes Wildgänse rauschen durch die Nacht erklimmen. Das Stück fand sich noch nicht in Flex' Gedichtband Ein Volk in Eisen von 1914, sondern in einer im Oktober 1916 veröffentlichten Novelle mit dem Titel Der Wanderer zwischen beiden Welten, die ihm über Nacht literarischen Ruhm bescherte, selbst über männerbündische und vaterlandstrunkene Kreise hinaus. Ein Jahr darauf hatte es der im Felde stehende, nun 30jährige Dichter geschafft: ein Gefecht an der Ostfront (Insel Ösel, Estland) beförderte ihn unzweideutig ins Jenseits. „Wir sind wie ihr ein graues Heer / Und fahr'n in Kaisers Namen / Und fahr'n wir ohne Wiederkehr / Rauscht uns im Herbst ein Amen!“

Der von Liebeskummer oder Weltschmerz gebeutelte heimliche Selbstmörder Flex soll seinen Tod mit gezogenem Degen auf einem Pferd preschend gefunden haben. Ein toller Anachronismus! Aber während gewisse KritikerInnen die Idealisierung des Krieges durch Literaten wie Flex beklagen, versichert das Deutsche Rote Kreuz Leverkusen auf seiner aktuellen Webseite, seine Kindertageseinrichtung Forscherpänz in der Walter-Flex-Straße sei großzügig und gemütlich. Bohrt man hier nach, müssen womöglich sogar Friesen und Jahn vor Neid erblassen. Flex-Straßen finden sich nämlich ferner in: Nürnberg, Braunschweig, Rüsselsheim, Wolfsburg, Stuttgart, Bonn, München, Hannover, Erlangen, Hamburg, Solingen, Köln, Ludwigsburg, Kaiserslautern, Siegen, Schweinfurt, Leonberg, Lage/Lippe, Delmenhorst, Krefeld, Freiburg, Oberhausen. Das klingt alles ziemlich westlich. Weitere Orte mit Flex-Straßen sind der Redaktion zu melden, damit es der Namensgeber womöglich, neben Goethe und Bismarck, ins Guinnes Buch der Rekorde schafft.

Kaum anders verhält es sich mit dem norddeutschen Schriftsteller Gorch Fock, geboren 1880. Sein Name überdauert weniger in seinen Büchern, dafür in Straßen, Schulen, Plätzen, Mettwürsten, Schnäpsen und einem „Segelschulschiff“ der bundesdeutschen Marine, dessen Vorläufer am 3. Mai 1933 auch schon als Gorch Fock vom Stapel gelaufen war. Ursprünglich als seeuntauglich befunden, war der Sohn eines Hamburger Hochseefischers notgedrungen Buchhalter geworden. Ab 1904 hielt er sich freilich als Schriftsteller schadlos, indem er das Fischer- und Matrosenleben in zumeist auf plattdeutsch verfaßten Texten verherrlichte, die rasch Zuspruch fanden. Seinen Roman Seefahrt ist not! kannte und liebte zumindest an der „Waterkant“ jedes Kind, das sich nach verwegenen, oft auch vaterländischen Heldentaten verzehrte. Die Hamburger Schulbehörde bestellte zu Weihnachten 1912 gleich 5.000 Exemplare, um sie unter den männlichen Schülern der Hansestadt zu verteilen. Traut man Kindlers Neuem Literatur Lexikon (von 1988), ist das Werk durchaus geeignet, auch heute noch Jung und Alt anzusprechen, ja gar zu fesseln. Das hatten sich schon die Nazis zunutze gemacht, wobei ihnen des Dichters außereheliche Geliebte und Nachlaßverwalterin, die Schauspielerin Aline Bußmann, durch Entfernung einiger kritischer Klippen im Text, außerdem Focks Brüder Jakob und Rudolf Kinau durch Aufbereitung anderen Materials, etwa Tagebücher, zur Hilfe gekommen sein sollen.

Im Ersten Weltkrieg, als Freiwilliger, zunächst zur Infan-terie eingezogen, setzte Fock im Frühjahr 1916 doch noch seinen seemännischen Einsatz durch: er wurde Matrose mit dem Aufgabenbereich „Berichterstattung“ auf dem Kreuzer SMS Wiesbaden. Mit diesem Schiff ging der 35jährige Familienvater und Haudegen auf Papier noch im Mai desselben Jahres in der berüchtigten Skagerrak-schlacht (gegen die Briten) glorreich in der Nordsee unter.

Die beiden Mitglieder der berühmten Künstlergruppe Der blaue Reiter Franz Marc und August Macke teilten neben dem „expressionistischen“ auch das vaterländische Anliegen. Sie hatten sich beide 1914 freiwillig zum Frontdienst gemeldet. Sie fielen beide in französischer Landschaft, die bis dahin für so manches schöne Gemälde gut gewesen war: der 36jährige Marc im März 1916 bei Verdun, der 27jährige Macke schon im September 1914 in der benachbarten Champagne. Auch der Maler Albert Weisgerber, wie Marc in München wirkend, ließ sich anfänglich von der Woge chauvinistischer Begeisterung in den Krieg ziehen. Zu allem Unglück hatte der Sohn eines saarländischen Bäckers und Gastwirts auch noch eine Vorliebe für religiöse Sujets. „Im Felde“ stellte sich freilich rasch Ernüchterung ein, wie Weisgerbers Briefen an seine Frau Margarete Pohl zu entnehmen ist, in denen er das Grauen ungeschminkt schildert. Möglicherweise hatten ihn zusätzlich die Probleme mit Margarete davon Abstand nehmen lassen, eine Freistellung vom Kriegsdienst zu erwirken. Als den Leutnant und Kompanieführer, der eigentlich eher als bemerkenswerte malerische Begabung galt, im Mai 1915 in Flandern eine englische Kugel in die Schläfe traf, war er 37. An Weihnachten war man noch beiderseitig, Deutsche und Engländer, aus den Schützen-gräben gestiegen, um einander zu beschenken, hatte Weisgerber in einem Brief erwähnt. Das war der religiöse Zug an dem Schlachtfest enger Stirnen. Mit vielen Grüßen an die Albert-Weisgerber-Schule in St. Ingbert.

Zur schreibenden Fraktion des vorwiegend braun getünchten „Malerdorfes“ Worpswede bei Bremen zählten nach dem Ersten Weltkrieg schwungvolle jugendbewegte Autoren wie Manfred Hausmann, Ludwig Tügel, Gustav Schenk. 1945, nach dem nächsten Weltkrieg, gaben sie sich wortgewandt als gebeutelte „Innere Emigranten“ aus und setzten ihre Laufbahn, da dieser Legende so gut wie niemand auf den Zahn fühlte, erfolgreich fort. In welches stille Kämmerlein hatte sich also der „Innere Emigrant“ Tügel im September 1940 zurückgezogen? Er stand in einem gut gefüllten Weimarer Saal an einem Rednerpult, um den Teilnehmern des „Großdeutschen Dichtertreffens“ Die Gestaltung der Lebensordnung unseres Volkes als Aufgabe der Gegen-wartsdichtung nahezubringen. Anschließend ging's zum Empfang durch den „Gauleiter“ und „Reichsstatthalter“ Fritz Sauckel ins Weimarer Schloß. Wie sich kurz darauf einem ausführlichem, bebildertem Tagungsbericht** in Goebbels Wochenblatt Das Reich entnehmen ließ, war Dichter Tügel in seiner Hauptmanns-Uniform erschienen. So verblüffte es wenig, wenn der Autor dieses Berichtes, Manfred Hausmann, mit Begeisterung von jenem „totalen Krieg“ sprach, den Gastredner Oberstleutnant Kurt Hesse vor den in Weimar versammelten Männern und Frauen des Geistes beschworen hatte. In wirkungsvoll biblisch-altertümelndem Bilde versicherte Hausmann den Lesern des Reichs, im heutigen Deutschland gehöre „das Buch zum Schwert, das Schwert zum Buch“. Als die faschi-stischen Kanonen endlich zum Schweigen gebracht worden waren, saß Hausmann erneut, wie schon vor dem Krieg, für die SPD im Worpsweder Gemeinderat. Die Auflage seiner Bücher – für viele „harmlose Vagabundenliteratur“ – hatte inzwischen die Millionengrenze überschritten. Dem fügte er nun in neuer Eigenschaft als ordinierter Ältestenprediger der Evangelischen Kirche und treuer „Knecht Gottes“, so seine Eigenbezeichnung, noch Unmengen an erbaulichen Schriften hinzu, in denen jeder, der es nur will, die Scheinheiligkeit studieren kann.

Nach den Anekdoten hier noch ein paar weitere grund-sätzliche Bemerkungen zum Thema. Die Beobachtung, auch die anderen besäßen stets Vaterländer, Spione und MörderInnen, müßte eigentlich schon hinreichen, allen mit Vernunft begabten Menschen den sie versuchenden nationalistischen Kriegsgelüsten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber nein, sie pochen darauf – um mit einer Bemerkung Montaignes zu spotten – der eigene Himmel sei stets der blauste. Leider wird die enge Verwandtschaft zwischen Patriotismus und Besitzerstolz (die sich im Kapitalismus ausgezeichnet treffen) oft übersehen. Ob eigener Sprößling, eigener Clan, eigenes Vaterland – sie genießen stets ein ungeheures Vorzugsrecht, eben dadurch, daß sie die unseren sind. Aber nichts daran ist Bestimmung. In Wahrheit hängt sich der Stolz auf unsere Besitztümer je nach Geburt, Lage und Gelegenheit an sehr verschiedene Dinge, die sich in der Regel rein zufällig gerade uns zugeordnet haben. Freilich können sie im Laufe eines Lebens auch wechseln, was ihre Zufälligkeit unterstreicht. Hier steht und fällt meine „Ehre“ (der religiöse Ausdruck für Besitzerstolz) mit dem Sieg der Fußballmannschaft oder der Armee von X.; bin ich aber umgezogen oder habe ich vielleicht eine Ausländerin geheiratet, steht und fällt meine Ehre mit dem Sieg der Fußballmannschaft oder der Armee von Y. Nicht anders im Falle von Stief- oder Adoptivkindern. Jedoch, und das ist der Trick bei der Sache: es handelt sich stets um meine Ehre. Wo und was auch immer, ich beziehe meinen Stolz, der notfalls über Leichen geht, aus Dingen, die mir gehören, die mir wichtig sind, die ich richtig finde. Ich beziehe ihn also aus meinem Selbstbehauptungsdrang, um nicht zu sagen: meiner Selbstüberschätzung.

Der Psychoanalytiker und Soziologe Erich Fromm (1973) würde wahrscheinlich von Narzismus oder jedenfalls übersteigerter Eigenliebe sprechen. Der ganze Fanatismus, auf welchem Gebiet auch immer, kommt daher, daß ein Ich besonders hartnäckig auf sein Eigentum pocht, mag es aus Dingen, Vorzügen, Meinung, Ansprüchen, angeb-lichem Recht bestehen. Eine Studie, ich glaube der Berliner Universität, hat das kürzlich sogar auf banalster Ebene nachgewiesen. Die unterschiedlichsten Versuchs-personen bewerteten dieselben Gegenstände (zum Beispiel durch Preisgestaltung) immer dann verblüffend hoch, wenn es ihre waren. Dieselbe Kaffeemaschine ist in meinen Händen hübscher und also teurer, wenn ich sie verkaufen will, als in dem Fall, wo ich sie einem anderen abkaufen soll. Hier haben wir ersichtlich auch die Quelle der weltweit beliebten Doppelmoral. Die Kaffeemaschine oder die Kaffeeplantage erfährt ihre Wertsteigerung durch die Zugehörigkeit zu meiner Person. Die Granate wird plötzlich gut, weil ich sie werfe. Nicht anders auf internationaler Ebene, wenn sich alle auf zwei Seiten vorhandenen Personen jeweils miteinander verbünden, sodaß sich zwei Clane, Nationen, Religionen, Kulturen – Definitionsbegehren gegenüber stehen. Nur wirds dann gefährlicher und verlustreicher. Nun werfe ich die Granate für unsere große Sache – und gingen wir alle dabei drauf.

* Die Frühvollendeten. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte, Berlin und Leipzig 1929, S. 171. Brand schildert im übrigen zwar Gefechte bei Gadebusch, läßt dabei aber Friesen völlig aus.
** „Das Großdeutsche Dichtertreffen in Weimar. Ein Überschlag und Ausblick von Manfred Hausmann“, in: Das Reich, 29. September 1940




Siehe auch
>Ehre
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