Mittwoch, 11. September 2013
Homage to Eileen O’Shaughnessy
Erstveröffentlichung 2013 in Nr. 164 der Zeitschrift Die Brücke


Als die 1905 geborene Tochter eines hohen Zollbeamten 1935 in London einen Schriftsteller trifft, der sich nach einem englischen Fluß Orwell nennt, hat sie bereits mehrere Berufe hinter sich. Fotos zeigen eine schlanke, dunkelhaarige Frau mit hübschem, etwas breitem Gesicht. Eileen wird als gebildet, witzig, hilfsbereit, nicht schüch-tern, aber unaufdringlich und auch ihrerseits wenig zugänglich geschildert. Zuletzt betrieb sie ein Schreibbüro, bevor sie ein Psychologie-Studium aufnahm, beides in London. Ihr großer Bruder Laurence ist Mediziner und bereits eine Kapazität auf dem Gebiet der Herz- und Lungenkrankheiten. Eileen hatte ihm zeitweise als Sekretärin gedient. Wie Orwells Biograf Michael Shelden (1991) versichert, standen die Geschwister einander sehr nahe. Eileen habe Laurence „unendlich bewundert“ – warum, schreibt Shelden nicht. Ein Grund war wohl die „brillante“ Karriere des Bruders. Vielleicht waren auch inzestiöse Neigungen im Spiel? In einem der erhaltenen Briefe Eileens stößt man auf die reichlich unvermittelte Kennzeichnung, ihr ehrgeiziger Bruder sei „von Natur aus Faschist“ (one of nature's Fascists). Das mußte sich freilich, falls es zutrifft, arg mit Orwells sozialistischen oder gar anarchistischen Positionen beißen. Doch die Blutsbande waren stark. Wenn sie ihren Bruder Laurence vom entgegengesetzten Ende der Welt bäte, sofort zu ihr zu kommen, täte er es – Orwell dagegen nicht. Orwell stelle sein Schaffen über alles.

Wie sich versteht, traf sie diese Feststellung noch nicht im Überschwang ihrer anfänglichen Verliebtheit. Damals arbeitet George Orwell halbtags in einem Buchladen und hat Anfangserfolge als Schriftsteller. Schon im Sommer 1936 mietet das Paar ein primitives Häuschen (mit Außenklo) in Wallington, 60 km nördlich von London, wo sich der lang aufgeschossene, hagere Orwell nun als Dorfkrämer versucht; daneben schreibt er an The Road to Wigan Pier. Wegen der Entfernung brach Eileen ihr Studium kurz vorm Examen ab, zumal ihr Orwell inzwischen einen Heiratsantrag gemacht hatte. Sie folgt hier ihrer romantischen Neigung. Sie betreut den Laden mit, hilft im Garten, kümmert sich um Dorfkinder. Doch es muß alles andere als eine Idylle gewesen sein, wie Briefen Eileens an eine Freundin zu entnehmen ist, die erst 2005 gefunden und von DJ Taylor im Guardian vorgestellt worden sind. Die beiden stritten sich unablässig, „Mord oder Trennung“ lagen in der Luft. Auch Eileens Bot-schaften aus Spanien verraten ihren häufigen Ärger über Orwell und ihre Angst um seine Gesundheit. Frisch verheiratet, hatte Orwell bereits Ende 1936 dem Mahnruf des republikanischen Spaniens gehorcht. Eileen folgt ihm im Frühjahr, nachdem sie als POUM-Sekretärin für Barcelona engagiert worden ist. Sie besucht ihn an der Front. Im Sommer kommt umgekehrt Orwell nach Barcelona und nimmt an den berüchtigten dortigen „Bruderkämpfen“ zwischen Kommunisten und Anarchi-sten teil. Kaum an die Front zurückgekehrt, inzwischen als Leutnant, wird Orwell verwundet (Halsdurchschuß). Wegen der Verfolgungen, denen die angeblich „trotzki-stische“ POUM ausgesetzt ist, entschließen sich die beiden zum Rückzug aus Spanien.

Während Orwell die Festigung seiner Abscheu vor einem autoritären Sozialismus und eine endgültig zerrüttete Gesundheit mitnimmt, zehrt Eileen von der rätselhaften Beziehung zu Orwells ehemaligem Kommandeur Georges Kopp, inzwischen Häftling der (kommunistisch be-herrschten) Republik. Er hatte ihr heftig den Hof gemacht. Vielleicht bot ihr Kopp Verehrung und Zärtlichkeit, die sie bei dem ihr angetrauten Schriftsteller, der vorzeiten, im kolonialen Burma, eine Art Bezirkssheriff gewesen war, vermissen mußte. Zwar erklärt sie der Freundin, nicht in Kopp verliebt zu sein, gesteht dies aber nicht diesem selber, weil sie sein Gefängnislos nicht noch verschlim-mern will. Angesichts der engen Freundschaft der „Rivalen“ hat sie starke Schuldgefühle.

Noch im selben Sommer 1937 treffen die Orwells wieder in ihrem Häuschen ein. Sie lassen den Laden geschlossen, schaffen dafür Tiere an: Hund, Hühner, Enten, Ziegen. Im Folgejahr hat Orwell, der schon früher eine Lungenentzün-dung durchzumachen hatte, seinen ersten Sanatoriums-aufenthalt, wobei ihn Eileens Bruder Laurence betreut. Dieser kann keine Tuberkulose feststellen – sagt er jeden-falls seinem Patienten. Inzwischen ist Orwells Spanien-buch Homage to Catalonia erschienen. Im Winter 1938/39, einer ärztlichen Empfehlung folgend, halten sich die Orwells in Marrakesch, Marokko, auf. Doch neben Orwells Gesundheitszustand scheint sich auch die Bezie-hung zu Eileen nicht zu bessern. Orwells Hauptaugenmerk gilt nun dem Romanmanuskript Coming Up for Air. Eileen bewirbt sich bei Kriegsausbruch mit Erfolg bei der Zensur-behörde in London. Orwell hält zunächst an seinem Landleben fest. Eileen wohnt im Hause ihres Bruders und besucht Orwell hin und wieder. Erst im Sommer 1940 nehmen sie sich in London eine gemeinsame Wohnung. Orwell schreibt jetzt vor allem Essays und Kritiken für Zeitschriften, erfüllt patriotische Propaganda-Pflichten beim Rundfunk (der BBC) und tritt außerdem der Heimwehr bei. Die deutschen Luftangriffe beginnen. Eileens Bruder Laurence, inzwischen Sanitätsmajor und knapp 40 Jahre alt, fällt bei Dünkirchen, was sie bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs und in tiefe Depressionen führt, die mindestens anderthalb Jahre anhalten. 1941 stirbt zudem ihre Mutter. Freunde haben den Eindruck, Eileen wirke nicht nur müde, erschöpft, grau, vernachlässigt, sondern habe sich offenbar völlig in sich verkrochen. Ihrem Mann fehlte der rechte Zugang zu diesem Leid; die Auseinandersetzung mit Gefühlszu-ständen lag Orwell ohnehin nicht.

Shelden schreibt, nach dem Tod ihres Bruders sei Eileen „nie wieder dieselbe“ gewesen, aber allmählich kehrten doch ihre Lebensgeister zurück. Um 1942 betreute sie im Rundfunk eine Sendung über (Kriegs-)Ernährung – sie stand jetzt an der Kitchen Front, so der Obertitel dieser Reihe. Das befriedigte sie. Weniger begeistert war sie allerdings davon, auch noch den eigenen Haushalt verrichten zu müssen. Zudem ließ sie sich von Orwell überreden, ein Kind zu adoptieren. Ihr Gatte war nämlich steril oder glaubte es zumindest. An ihr habe es jedenfalls nicht gelegen, versicherte sie Freunden laut Shelden, wenn es nie zu einer Schwangerschaft gekommen sei. Orwell wollte einen Jungen. Eileen gewann den nun adoptierten Richard tatsächlich lieb, und auch die Ehe erhielt Auftrieb. Daneben nahm sie starken Anteil an Orwells neuer Prosaarbeit Animal Farm, die ihn zum „Bestsellerautor“ machen würde. Er hatte das Manuskript im Juni 1944 nach einem Luftangriff aus den Trümmern ihrer Wohnung gerettet – sie zogen um. Leider, so später auch Orwell, erlebte Eileen diesen Erfolg nicht mehr mit.

Anfang 1945 ging Orwell trotz schwacher Gesundheit für den Observer und die Manchester Evening News als Kriegsberichterstatter nach Frankreich. Er wollte die letzten Tage des Hitler-Regimes miterleben. Eileen zog mit dem kleinen Richard ins Haus ihrer Schwägerin Gwen. Mit Orwell wechselte sie Briefe. Auch mit Kopp, der inzwischen auf dem Festland als Agent abenteuerte, stand sie noch in Verbindung. Er heiratete Gwens Schwester Doreen, was Eileen vermutlich nicht ohne jede Eifersucht zur Kenntnis nahm. Doch in diesem Frühjahr wurde unvermutet Eileens eigene Gesundheit bedroht: man stellte Uterus-Geschwüre fest. Orwell kabelte seine Zustimmung zur Operation. Eileen schrieb ihm noch wenige Minuten vor der Opera-tion mit Humor. Doch dann erlitt die 39jährige unter der Narkose einen Herzanfall und starb.

Orwell war entsetzt und flog sofort nach London, wo er freilich nur noch die Beerdigung besorgen konnte. Söhn-chen Richard brachte er einstweilen bei Doreen unter. Gegen die Ärzte wurden keine Vorwürfe erhoben. Bald darauf gestand Orwell einer neuen Bekannten, seine Ehe sei sicherlich oft schwierig gewesen, beide hätten einander unrecht getan, er sei Eileen auch „manchmal untreu“ gewesen, aber sie hätten doch immer zueinander gehalten. Das dürfte zutreffen, zumal Orwell allgemein als verläßlich geschildert wird. Allerdings legen die Quellen den Eindruck nahe, Eileen habe „Seitensprünge“ des Partners als ungleich bedrohlicher empfunden als umgekehrt ihr Ehemann. Und die Beziehung zu ihrem Bruder Laurence, die doch eine erhebliche Rolle gespielt zu haben scheint, liegt nach wie vor im Dunkeln.

Eines ist völlig klar. Als fragwürdiges Entgelt für die Mühen und Entbehrungen, die Eileen O'Shaughnessy mit dem werdenden Schriftsteller Orwell hatte, konnte sie noch nicht einmal das Lob miteinstreichen, das erst nach dem Erscheinen von Animal Farm und 1984 auf ihn gehäuft wurde. Das blieb Orwells zweiter Ehefrau Sonia Brownell vorbehalten. Ein geringer Trost: Auch George Orwell wurde nicht eben alt. Er starb 1950 mit 46.



Siehe auch
Kapitel „Hörsel“ (Sonia Brownell) und „Philosophie“ (Orwell als underdog) im ABC
O.s Proletkult: Kapitel Arbeiterklasse, in der 2. Hälfte des Beitrags
O.s Reformismus: Mindesthohn
O. und Koestler, im Beitrag vor der Mitte
O. zum Ausdruck: Kapitel Diplomarbeitsdeutsch, im Beitrag vor der Mitte
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