Freitag, 12. Oktober 2012
Von der Post zum Posten
Erstveröffentlichung in Nr. 161 (Sept./Dez. 2012) der Zeitschrift Die Brücke


Wakiya, in der Schule der (weißen) „Geister“ Byron genannt, lehnt am Stamm einer freistehenden Kiefer. Für feierliche Anlässe hat er bestimmte Plätze, darunter das Grab des alten Häuptlings. Es blickt von einer Bodenwelle herab auf das King'sche Anwesen, das freilich nur aus einer Blockhütte und dem ehemaligen Tipi des Alten besteht. Während die Präriegräser wie seit Jahrtausenden im Wind schaukeln, betastet Wakiya ehrfürchtig zwei Briefumschläge. Er hat tatsächlich Post bekommen! Cowboy Bob von der Nachbarranch hat sie ihm aus der Agentursiedlung mitgebracht. Die Briefe kommen von seinen Pflegeeltern. Queenie King schreibt aus der fernen Kunstakademie; Joe King dagegen meldet sich mit einem dünnen Brief aus dem Knast von New City. „Der dünne Brief war ihm wichtiger, daher wollte er ihn erst an zweiter Stelle lesen. Ein Indianer erledigt erst das Unwichtige, um sich dann dem Wichtigen ganz widmen zu können.“

DDR-Autorin Welskopf-Henrich hat ihre fünf Reserva-tionsromane um Joe King, dem das Messer recht locker im Stiefelschaft saß, zwischen 1966 und 1980 veröffentlicht. Wie ließe sie ihren Indianerknaben heutzutage verfahren? Gut, er muß nicht unbedingt in der Blockhütte am Computer sitzen, er kann seinen Laptop mit hinauf zum Grab des alten Häuptlings nehmen. Ja, wie ich höre, täte es heutzutage bereits sein Handy. Nun ruft er also sein Email-Programm auf. Aha, seit gestern abend sind 17 neue Mails eingetroffen. Welche öffnet er zuerst? Betasten kann er sie alle 17 nicht. Aber wir lassen diese Sache, sie ist gar zu abwegig. Sie würde bereits daran scheitern, daß Wakiya heutzutage für den Abstecher zum Grab des alten Häupt-lings gar keine Zeit mehr hätte.

Über Jahrzehnte hinweg stellten Briefe auch für mich etwas Besonderes dar. Entsprechend empfing ich sie. Aber das ist vorbei. Es kommen keine Briefe mehr. Man könnte einwenden, was ich neuerdings täglich in meinem Email-Programm abriefe, das seien doch auch Briefe. Ja, dann könnte man auch Nacktschnecken als Nachtigallen ausgeben. Verkehr per Email ist schriftliches Telefonieren. Da das Medium sofortige Reaktion geradezu provoziert, ähneln diese Verlautbarungen Hustenstößen oder Schwällen aus Erbrochenem, die den Planeten wie die jeweilige Großwetterlage einhüllen. Emails sind nahezu gestaltlos und in der Tat blitzschnell austauschbar. Der Server könnte die Adressen verwechseln, es fiele nicht sonderlich auf. Sie wimmeln von Formeln, Gemeinplätzen und Rechtschreibfehlern. Sie werden überflogen, um im „Papierkorb“ der Festplatte zu landen. Entsprechend erschreckend sind die Irrtümer und Mißverständnisse, die einem in Antworten zugemutet werden, sofern denn welche kommen. Emails züchten, was zu den vier oder fünf wesentlichen Zügen der Moderne zählt: Flüchtigkeit.

Von daher vermute ich stark, das einst so beliebte Herausgeben von Sammelbänden mit Korrespondenzen hat sich inzwischen erledigt. Wie wollten es zwei Buch-deckel bewerkstelligen, diesen so leicht manipulierbaren Müll zusammen zu halten, den einer Tag für Tag in seinen Computer hackt? Der herkömmliche Brief zwang mich und meine PartnerInnen durch zahlreiche unvermeidliche Erschwernisse zu wohlerwogenen knappen Sätzen und damit zum genauen Ausdruck. Von daher war er ungleich erkenntnisträchtiger als jedes Gespräch. Die altmodischen SchriftstellerInnen nutzten ihre Korrespondenz seit jeher als Sandkasten, Komposthaufen, Steinbruch. So begegnen uns etwa im Briefwechsel von Wilhelm Dilthey und Paul York von Wartenburg ständig Bausteine ihrer philoso-phischen Gedankengebäude. Alles habe abgewirtschaftet, seufzt Dilthey einmal 1892; ein Glaube sei nicht mehr da, nur noch eine „furchtbare nervöse Unruhe“. Und das vor 100 Jahren! Wie soll man da erst den heutigen Zustand nennen?

Er ist die Frucht eines seit vielen Jahrhunderten einge-übten quantitativen Denkens, das selbstverständlich nur in der allgemeinen Charakterlosigkeit enden kann. Auf Zeitgenössisch heißt schreiben posten und Charakter-losigkeit Flexibilität. Selbst ein konservativer und diszipli-nierter Rebell wie ich ist nicht davor gefeit. Warum soll ich mir beim Verfassen oder Überarbeiten von Wikipedia-Artikeln uneingeschränkte Konzentration, Geduld und Sorgfalt abverlangen, wenn ich doch das in diesem Internet-Lexikon „Veröffentlichte“ schon nach Sekunden wieder ändern kann? Und wenn es auch jeder andere jederzeit ändern kann? Man sieht, das einzige Feste im Zeitalter des Computers ist die Festplatte – die lediglich als Durchgangslager für Eintagsfliegen zu dienen hat. Entsprechend setzen die Gestalter der Webseiten alles daran, die BesucherInnen restlos daran zu hindern, den dort gebotenen Text aufzunehmen: durch unlesbare Schriften, Kraut&Rüben-Layout, Laufschriften, routie-rende Fotostrecken, Trommelfeuer aus Videoclips und so weiter und so fort. Man lebt im Irrenhaus.

Die Gediegenheit des klassischen Briefwechsels verdankte sich also der verhältnismäßig hohen, wohltuenden Unumstößlichkeit der darin aufscheinenden Positionen und Charakterzüge. Dabei konnte es allerdings ungemüt-lich werden, wenn einer die Briefe, die er empfing oder selbst versandte, für bare Münze nahm, pflegten sie doch aufgrund ihrer guten Formulierung nicht selten eine Höhe zu erreichen, von der man gar zu leicht abzustürzen drohte. Hier lauerten Enttäuschung und Beschämung. Das Phänomen ist auch von zahlreichen Bücherschreibern her bekannt. Sie bilden sich ein, sie wären so gut wie ihre Texte. Tatsächlich hinken sie diesen natürlich hinterher wie Esel Adlern. Lassen sie sich trotzdem auf die Dichter-lesung zum Anfassen ein, können sie nur verlieren; man möchte ihnen am liebsten eine Schlafmütze über die Löffel ziehen. Solche Ernüchterung blieb womöglich selbst Briefwechslern wie Goethe und Schiller oder Georges Simenon und Federico Fellini nicht erspart, wenn sie sich gelegentlich leibhaftig trafen. Vermutlich vermieden sie es soweit es ging. In der Tat gab es immer Menschen, die gerade deshalb zum Briefverkehr griffen, um sich die betreffenden PartnerInnen vom Leibe zu halten. Sie waren vielleicht von Natur aus schüchtern oder die geborenen EigenbrötlerInnen und von daher gar nicht an einer Begegnung interessiert.

Wer solche Abstürze nicht zu befürchten hatte, sah freilich im Brief die gleiche Chance, die uns die Literatur gewährt: uns aus dem Sumpf des Gewöhnlichen und Unzuläng-lichen mehr oder weniger emporzuziehen. Der Brief erzog. Meistens diente er ohnehin der Klärung und Selbstver-gewisserung. Er zwang mich zu einer präzisen Mitteilung dessen, was ich will oder bin. Ein kritischer Kopf – war es Karl Kraus? – soll allerdings einmal bemerkt haben, gute Briefe zeichneten sich dadurch aus, daß aus ihnen vor allem etwas über ihre EmpfängerInnen hervorgehe. Vielleicht hatten ihn gerade Rilkes um 1920 verfaßte, selten gespreizte Briefe an eine junge Frau erbost. Im Vergleich dazu bot uns Umstandskrämer Stefan Zweig mit seiner Erzählung Brief einer Unbekannten (von 1922) geradezu eine Labsal dar. Sie hat lediglich den Schönheits-fehler, die „Unbekannte“ zur Hündin des Briefempfängers zu machen – zufällig ein Schriftsteller, dem sie einmal eine Nacht versüßen durfte.

Der Brief an sich hat ebenfalls einen Schönheitsfehler, den ich nicht verheimlichen will: er hat keine Form. Selbst Essay und Roman sind reglementierter. Es ist wie bei gewissen Feuilletons. Es fehlt dieser „Form“, die keine ist, an Hürden, die den Autor daran hinderten, vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen. Sie verführt zu Orgien der Abschweifung, des Ausweinens, der Beschimpfung. Ein Brief macht jeden Unfug mit. Wenn Sie da nicht standhaft sind! Jules Renard seufzte vor 100 Jahren (in seinem Tagebuch), mit all seinen nicht abgeschickten Briefen könne er ein ganzes Buch füllen. Aber er tat es eben nicht.

Heute würde Renard seine vielen Botschaften zurück-halten, weil er wüßte, sie brächten ihm im besten Fall einen Musterbrief, in der Regel jedoch gar kein Echo ein. Zu glauben, die Beschleunigung und Vereinfachung des Schriftverkehrs durch Elektropost führe prozentual zu mehr Beantwortungen, wäre ein Trugschluß. Selbst ein randständiges Blatt wie die anarchistische Monatszeitung Graswurzelrevolution empfängt im Schnitt täglich 100 Mails, wie mir einmal erklärt wurde. Setzen wir fürs Bearbeiten jeder Mail lediglich fünf Minuten an, käme man schon auf einen Acht-Stunden-Tag eines Mitarbeiters, der ausschließlich Emails bearbeitet. Bei sogenannten linken Verlagen dürfte der Einlauf von Emails eher noch größer sein. Da ist es doch klar, daß man bei der bekannten Personalknappheit und dem ebenso bekannten Über-angebot nur dann antwortet, wenn ein Knüller winkt, der zudem noch haargenau in die akute Programmlücke paßt. Alles andere läßt man sausen.*

* Die veraltete Höflichkeit also auch.
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