Montag, 1. Oktober 2012
Durchs Fensterloch
Vermutlich sagt Ihnen der Name Luise Kapp, geborene Windmüller, so wenig wie der von Gottfried Kapp. Die beiden heirateten 1927. Neuerdings lese ich seit Wochen in einem Band mit Briefen Gottfrieds an Luise, veröffentlicht 1963 in Dülmen. Ich kannte bis dahin lediglich Gottfried Kapps Roman Das Loch im Wasser von 1929. Ein reiz-voller Titel, wie ich finde, aber das Buch konnte mich nicht so richtig packen. Kapp, geboren 1897, stammte aus einer Mönchengladbacher Arbeiterfamilie, wurde jedoch Literat. Er neigte zu der Schwärmerei, die man von Legionen romantisch, mystisch, „spirituell“ veranlagter Menschen her kennt beziehungsweise nicht kennt. Denn was diese Leute eigentlich wollen, bleibt stets nebulös. Insofern endet Kapps junger Romanheld angemessen: er geht ins Meer. Er schwimmt in die Nordsee hinaus; er wird immer kleiner – bis man ihn nicht mehr sieht. Vielleicht hat er jenes Loch im Wasser gefunden.

Hält man sich an die Briefe, könnte der niederrheinische, später südhessische Erzähler, der bis heute nicht sonder-lich viel Anerkennung fand, ein humorvoller und überwie-gend angenehmer Mensch gewesen sein. Er schreibt Briefe am laufenden Meter, klammert sogar Philosophisches und Politisches weitgehend aus, und dennoch sind sie nie langweilig. Was mir freilich mißfällt, ist die Rolle, die die Empfängerin dieser unterhaltsamen Briefe offensichtlich zu spielen hat. Diese Rolle ist weder neu noch witzig. Auch die 1898 geborene Luise scheint im wesentlichen die klassische Muse und Hauseselin gewesen zu sein. Sie kocht, bügelt, flickt, putzt, und tippen tut sie selbstver-ständlich ebenfalls. Nebenbei ist sie wohl auch als Buch-binderin tätig gewesen. Nach Kapps frühem Tod kümmert sie sich hingebungsvoll um sein Werk und schreibt überdies ein ganzes Buch über ihn. Die Liebe zwischen den beiden muß groß gewesen sein. Kapp hat ein Füllhorn an Kosenamen für Luise. Allerdings auch eine streckenweise geradezu rüde Ironie. An Luises Stelle hätte mich diese Ironie ohne Zweifel gekränkt.

2001 legte Doris Sessinghaus-Reisch eine überfällige Monografie über Luises Gatten vor. Sicherlich eine verdienstvolle Tat, wenn auch nach Schema und Stil einer typischen Diplomarbeit vollbracht. Meines Erachtens geht aus dem biografischen Abschnitt der Arbeit nicht klar hervor, warum der junge Niederrheiner Kapp um 1916, nach seiner Relegation vom Odenkirchener/Linnicher Lehrerseminar, dem Schicksal des Kanonenfutters, also dem Ersten Weltkrieg entging. Immerhin betont die Autorin jedoch, Kapp sei damals nicht der allgemeinen Kriegsbegeisterung und Vaterlandsliebe verfallen, daher Außenseiter gewesen (S. 54). Auf Wanderschaft in Bayern unterwegs, sei er zu einem Bayreuther Infanterie-Regiment eingezogen worden. Dort sei er aber „nicht lange“ geblieben, sondern „zur Wiederherstellung der Gesundheit in ein Erholungsheim in Franken überwiesen“ worden (56). Sein Leiden wird nicht benannt. Vermutlich war es just der Mangel an Kriegsbegeisterung und Vaterlandsliebe. Mit anderen Worten, ich nehme an, er verstand es, sich zu drücken.

Die nächste Enttäuschung: Über Kapps Gattin Luise, „Tochter aus einer großbürgerlichen jüdischen [Lipp-städter] Familie“, ist von Sessinghaus-Reisch so gut wie nichts zu erfahren. Kapp hatte sich in Lippstadt dem kurzlebigem Versuch, das Abitur nachzumachen, dann aber lieber dem Schreiben sowie dem dortigen Fußballver-ein Borussia gewidmet, der ihm sogar eine Wohnung zur Verfügung gestellt habe. Mit diesem Club habe er am 1. Mai 1921 „die Meisterschaft der A-Klasse“ errungen, vermutlich der westfälischen, denn die an diesem Spieltag mit 2:5 gegen Lippstadt unterlegene Mannschaft kam aus Ahlen (bei Warendorf, Münsterland). Mögen im übrigen Fußballexperten feststellen, wie hoch dieser Abstecher des abgebrochenen Lehrers und zukünftigen Schriftstellers (vor allem Erzähler) in den Leistungssport zu werten sei. Kapp soll sich damals sogar bemüht haben, aufgrund von Drähten nach Rumänien, Fußballtrainer auf dem Balkan zu werden (57). Somit kann er kein so schlapper Junge gewesen sein. Der Vater war Facharbeiter in einer Maschinenfabrik. Man wohnte, am Niederrhein, im eigenen Haus. Das einzige mir bekannte Bildnis Kapps – schmale Lippen, hohe Stirn, die Brillengläser rund – zeigt eher weiche Züge.

Nach der Heirat (1927) lebt das Ehepaar Kapp zunächst in Berlin, dann eine Zeitlang auf Capri, Italien. Kapp versucht sich bereits als Freier Schriftsteller über Wasser zu halten. Trotz der wohlhabenden Schwiegereltern scheint Kapp ums Brot zu kämpfen zu haben. 1934 kann er immerhin mit finanzieller Hilfe der Schwiegermutter im Städtchen Kronberg am Taunus, nahe der in Frankfurt lebenden Schwägerin, ein „kleines Haus“ erbauen. Glanzstücke des Häuschens seien eine Bibliothek und ein Klavier gewesen, „an dem Kapp oft und gerne saß“ (61). Möglicherweise ging Kapps Blick vom Klavierschemel aus ins Hessische Ried bis nach Darmstadt, wo Kollege Ernst Kreuder mit Gattin Irene in der ehemaligen Kaisermühle (angeblich) der berüchtigten „Inneren Emigration“ nachging. An Kreuder, der nur einige Jahre jünger war, erinnert mich Kapps Leben und Wirken in mancherlei Hinsicht immer mal wieder. Daß sich die beiden einmal getroffen hätten, wüßte ich nicht, aber es ist keineswegs unwahrscheinlich.

Den „gleichgeschalteten Kultur-Institutionen“ der Nazis blieb Kapp, wie es aussieht, fern. Er habe deshalb auch alle Hoffnungen auf Broterwerb in Presse und Rundfunk begraben müssen, schreibt Sessinghaus-Reisch (61, 68). Ferner sei es der „Jüdin“ Luise schon nicht mehr möglich gewesen, einkaufen zu gehen, „dies übernahm Gottfried“. Doch im September 1937 zerschlägt sich auch der Aus-reisewunsch des Paares, weil Kapps Antrag auf Reisepaß abgewiesen wird. Das Paar wird zunehmend schikaniert. Am 10. November 1938 („Reichskristallnacht“!) setzte es zunächst Prügel und Zertrümmerung im Hause Kapp mit abschließender Verhaftung für mehrere Tage. Schon eine gute Woche nach diesem faschistischen Überfall werden die Eheleute erneut zu Hause belästigt und, nach Beschlag-nahmung „verdächtiger“, nämlich „staatsfeindlicher“ Texte Kapps, auch erneut verhaftet. Man sperrt sie getrennt im Frankfurter Gerichtsgefängnis ein. Am 21. November wird Gottfried Kapp im Haus der Gestapo dem Verhör unter-zogen, das ihm, 41 Jahre alt, das Leben kosten sollte. In einer Zuschrift an die Frankfurter Neue Presse im Jahr 1963, die Sessinghaus-Reisch anführt, behauptet der ehemalige Gestapo-Beamte Heinrich Baab, auf dem Weg zu seinem Dienstzimmer habe er damals verfolgt, wie Kapp von Kriminal-Obersekretär Gabbusch und Kriminal-Sekretär Fengler prügelnd durch den Flur des Polizeige-fängnisses getrieben und auf eine Bank unter einem Fenster geworfen worden sei, worauf sie den Häftling vorübergehend allein gelassen hätten. Nach wenigen Minuten habe Baab von seinem Dienstzimmer aus Aufregung vom Flur her vernommen. Man erklärte ihm wohl, Kapp sei aus dem Flurfenster gesprungen. Baab behauptet, er sei wie andere auf den Hof geeilt und habe dort noch den letzten Atemzug des Schriftstellers erlebt. Fengler sei die Angelegenheit sichtlich unangenehm gewesen. Gabbusch und Kriminal-Assistent Wildhirt hätten Späße gemacht, während sich Kriminal-Rat Grosse jeden Kommentar verkniffen habe (63 u. 212).

Die offizielle Version der Gestapo belief sich offenbar auf „Selbstmord im Polizeigefängnis“ (213). Kapp war also selber schuld … Ob im Nachhinein jemand versuchte, den Vorfall aufzuklären und zum Beispiel die Genannten, falls noch am Leben, ihrerseits gezielt in Sachen Kapp verhören zu lassen, bleibt bei Sessinghaus-Reisch unklar. Leserbrief-schreiber Heinrich Baab, geb. 1908, damals wohl Sekretär bei der Frankfurter Gestapo, später Chef des dortigen „Judenreferats“, war natürlich mehr als befangen. Nach verschiedenen Internetquellen hatte er zahlreiche Morde an Mitbürgern auf dem Gewissen und saß von 1947–73 im Gefängnis. Kriminalrat (ab 1940) und SS-„Sturmbann-führer“ Ernst Grosse kam, vor Einstellung der Ermitt-lungen 1952, wegen seines faschistischen Wirkens mit wenigen Jahren Haft davon. Kriminalinspektor Hans Gabbusch wurde in der SBZ/DDR verurteilt und bis 1956 eingesperrt; ein Jahr darauf starb er in Westberlin. Kriminalsekretär Fengler hieß mit Vornamen wahrschein-lich Gotthold oder Gottlieb. Ein Kriminalassistent Wildhirt ist im Internet überhaupt nicht bekannt.

Was die Darstellung durch Baab betrifft, den es von allen genannten Faschisten nach dem Krieg am härtesten traf, ist Anschwärzung und Rachsucht sicherlich nicht ganz auszuschließen. Im Grunde dürften die Einzelheiten und Tatanteile allerdings unerheblich sein. Kapp wurde wegen der Solidarität mit seiner jüdischen Frau und wegen seiner antimilitaristischen und antifaschistischen Haltung eindeutig verfolgt, gequält und in den Tod getrieben. Hier läge immerhin ein auffallender Unterschied zum Schicksal Ernst Kreuders oder gar Horst Langes vor. Allen gemein-sam ist dafür ein streckenweise schmerzhaftes Pathos der romantisch-mystischen, also der unbestimmten Art. Sie verbreiten Nebel über Bodenständigkeit, Seelengröße, sittsamen Lebenswandel und erhebende Kunstwerke. Dabei hat Kreuder Kapp einen gewissen antiautoritären Zug voraus; jener pflegte Amtspersonen und große Um-gestalter der Menschheit, Fabrikherren und pflügende Bauern eingeschlossen, nicht, wie dieser, mit Ehrfurcht zu bedecken. Kapp war ohne Zweifel „Einzelgänger“, wie Sessinghaus-Reisch schreibt; er war auch sicherlich ein mutiger, scherzhafter und hilfsbereiter Zeitgenosse; aber zum Anarchisten hätte er nicht getaugt. Er war ein etwas fruchtloser Grübelkopf.

In stilistischer und dramaturgischer Hinsicht stand er den genannten Kollegen keineswegs nach. Das bezeugt unter anderem sein meist als sein „Hauptwerk“ gehandelter Roman Peter van Laac, den er 1931 vollenden, aber zu Lebzeiten nie (im ganzen) veröffentlichen konnte. Er ist stark autobiografisch gefärbt. Entsprechend spielt er hauptsächlich am Niederrhein. Aber auch in diesem Text ist Kapp der Frage nach Militärdienst und Kriegsteilnahme (der Hauptfigur Peter) ausgewichen, wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich läßt. Ferner zählt Kapps schon erwähnte Ämterliebe zum Fundament des Romans. Der unstete und grüblerisch veranlagte Peter wird nämlich „Sekretär“, will heißen rechte Hand und Wahlkampfhelfer des wohlhabenden Sozialreformers und zukünftigen Brüggendoncker Oberbürgermeisters Dr. Nieder. Zuletzt wird er sogar selber Stadtoberhaupt, nämlich des von beiden Männern geschaffenen Brüggendoncker Vororts „Heidsee“. Man rät wohl nicht sehr daneben mit der Vermutung, Kapp habe diese Gartenstadt mit Fabriken, Siedlungshäusern und Heilstätten an das bekannte Reformprojekt Hellerau bei Dresden angelehnt. In Heidsee sind alle Einrichtungen zunächst Gemein-, dann Stadtbesitz. Bis zur Verknöcherung staatsbürokratischer Natur fehlte wahrscheinlich nicht mehr viel, aber vorher endet der Roman. Er endet, nach manchem Wälzen von Schuldgefühlen der Hauptfiguren, versöhnlich, zudem hoffnungsfroh. Das schließt „natürlich“ Peters Ehebund mit Nieders Tochter Eugenie ein. Ein furchtbarerer weiblicher Vorname war Kapp nicht eingefallen.

Die junge „rechte Hand“ des „lebensreformerisch“ orientierten sächsischen Möbelfabrikanten und Hellerau-Gründers Karl Schmid war übrigens Wolf Dohrn (1878–1914). Den Niedergang des von ihm maßgeblich mitbetriebenen Reformprojektes vor den Toren Dresdens mußte Dohrn nicht mehr erleben, kam er doch mit 35 Jahren, jünger als Kapp, nicht etwa im ersten Kriegsjahr – vielmehr durch einen schnöden Skiunfall in der Schweiz um. Vermutlich hatte er da Gesundung oder zumindest Erholung gesucht.
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