Donnerstag, 20. September 2012
Im Gelben Sack
Mein Nachbar N., ein Landwirt, hat öfter Hilfe von seinem Vetter V. Im jüngsten Frühjahr sprach mich dieser V. über den Zaun hinweg auf meine CD Schneeschippen an. Auf N.s Wohnzimmertisch habe das Textblatt der CD gelegen, darin habe er gelesen, als er auf N. warten mußte, er sei überrascht und beeindruckt. „Freut mich“, erwiderte ich, „du kannst auch gern die Platte haben.“ Das nahm er dankbar an, wobei er noch wortreich versicherte, ich würde in Kürze selbstverständlich seine Meinung zu der Platte hören. Aber nichts geschah. Lief V. bei N. über den Hof, was mindestens einmal in der Woche vorkommt, tauschten wir wie immer grüßende Handbewegungen, auch ein paar Worte übers Wetter – nur nicht über meine Platte aus. Letzte Woche endlich faßte ich mir ein Herz und sprach ihn auf die Gefahr hin an, er werde mich als eitel und aufdringlich empfinden. Weit gefehlt! „Ach so“, meinte er ohne jede Verlegenheit, „ehrlich gesagt, ich bin noch gar nicht dazu gekommen, die Platte zu hören.“ Ich nickte nur verständnisvoll.

Hatte ich anfangs noch erwogen, der gelegentliche Stall-ausmister V. schweige sich aus, weil er meine Texte zwar gut, die Musik jedoch scheiße gefunden habe, wußte ich nun: sie war ihm scheißegal. Das weitet sich bei empfind-samen Geistern natürlich leicht zu der Annahme aus, sie seien ihm scheißegal. Zum Glück bin ich weniger nach-tragend als der alte Verdi. Im Sommer 1898 erregt er sich in einem Brief an Giulio Ricordi über das Ansinnen des Mailänder Konservatoriums, dieser Anstalt Verdis Namen verleihen zu dürfen. 1832 nämlich hatte es just das Mailänder Konservatorium gewagt, den 18jährigen Giuseppe Verdi nicht als Schüler aufzunehmen. Diese – von ihm so empfundene – Kränkung hatte der taktstock-artig dürre Komponist 66 Jahre lang sorgsam mit sich herumgetragen. Es machte den Kohl auch nicht mehr fett: Verdi neigte ohnehin dazu, sich Krankheiten einzubilden. Im übrigen war seine Auffassung der Sache gelinde gesagt einseitig, versichert doch sein Biograf Alfred Marquart, die damaligen Ablehnungsgründe des Konservatoriums ließen sich durchaus nachvollziehen.

Mein Nachbar N. hält Bienen, Hühner, Ziegen und Hänge-bauchschweine. Es dürfte kaum an der „artgerechten“ Haltung liegen, die ihnen ihr anthroposophisch gestimmter Züchter angedeihen läßt, wenn ich bei noch keinem Exemplar dieses Viehs Anzeichen dafür erblicken konnte, es fühle sich durch diese oder jene Bemerkung oder wegen der bloßen Grundtatsache seiner Gefangen-schaft gekränkt. Kühe, die man beim Wandern trifft, mögen einen oft mit traurig oder töricht wirkendem Blick betrachten, aber nichts deutet darauf hin, in ihren Gedärmen fräßen Gram oder Groll, während sie ihr Gras wiederkäuen. Dasselbe gilt mehr noch für Feldhasen oder Tiger. Man kann sie einfach nicht „abwerten“, nur totschießen. Das Dumme ist, mit dem fragwürdigen Vermögen, auf uns selbst zu reflektieren, auf unsere Stellung in der Welt, empfingen wir auch die historische Dimension. Häufig schmerzt uns ja gar nicht die akute Kränkung, sondern der wunde Punkt, den sie getroffen hat – zum Beispiel den berüchtigten Minderwertigkeits-komplex, den wir oft unserer Kindheit, gern auch Schulzeit verdanken. Dieser Zusammenhang lugt wohl auch aus Ilse Aichingers kurzem Gedicht „Briefwechsel“ hervor, das sich in ihrem Sammelband Verschenkter Rat von 1978 findet. „Wenn die Post nachts käme / und der Mond / schöbe die Kränkungen / unter die Tür: / Sie erschienen wie Engel / in ihren weißen Gewändern / und stünden still im Flur.“

Ich selber laufe in Sachen Briefe keine Gefahr gekränkt zu werden, weil ich sowieso keine bekomme. Die darin verborgene Mißachtung verstehe ich selbstverständlich zu „rationalisieren“: die Leute antworten mir nicht deshalb nicht, weil sie mich nicht leiden könnten, vielmehr haben sie einfach, wie jedermann, keine Zeit. Dadurch ist das Übel von der persönlichen auf die anthropologische Ebene gehoben – wo übrigens neue Klippen lauern, wie wir gleich sehen werden. Obwohl sie weniger „hermetisch“ als Ilse Aichinger schrieb, gottseidank, darf Marlen Haushofer, gestorben 1970 in Wien, als enge Verwandte ihrer Landsmännin gelten. Beide Schriftstellerinnen litten stark unter ihren Beobachtungen. Es nage alles mögliche an ihr, notierte Haushofer 1967 in ihrem Tagebuch. „Längstver-gangene Ärgernisse sind quicklebendig. Habe überhaupt garnichts vergessen oder verziehen. Wundert mich, da sonst so vergeßlich. Komme sichtlich über garnichts hinweg.“ Sie starb bald darauf an Knochenkrebs – wie man so sagt. In ihrem überragenden Roman Die Wand hatte sie ihrer 40jährigen Ich-Erzählerin kurzerhand die Konse-quenz verordnet, den Leuten, die sie ständig zu verletzen drohten, einfach völlig aus dem Weg zu gehen. Sie steckte ihre durchängstigte „Heldin“ gleichsam ins Gefängnis eines von jener rätselhaften „Wand“ umschlossenen Gebirgskessels. Psychologen sprechen hier auch von „Konfliktvermeidungsstrategie“. Sie hat den Nachteil, daß unaufgelöste Kränkungen gern zur Verbitterung führen; man schleppt sie ja mit. Man wird zwar steinalt, jedoch wie Stein. Selbstmord kann übrigens ebenfalls ein Akt der Konfliktvermeidungsstrategie sein – nur konnte bislang noch nicht empirisch nachgewiesen werden, ob diese Methode gesünder ist.

Um jene „anthropologischen“ Pferdfüße unseres irdischen Daseins wissen wir spätestens seit Sigmund Freud. Er wies in seinem 1917 veröffentlichten Aufsatz Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse auf „drei Kränkungen der Menschheit“ hin: Die Erde, und damit der Mensch, steht nicht mehr im Mittelpunkt des Universums (Kopernikus); obwohl so leicht kränkbar wie weder Kuh noch Känguruh, ist der Mensch, schon von der Abstammung her, dem Tierreich verhaftet (Darwin); unser Ich ist nicht Herr im Hause, ständig machen uns irgendwelche Triebe oder Komplexe Striche durch die Rechnung (Sigmund Freud!). Ausge-fuchst, wie er war, machte Freud die zuletzt genannte Kränkung auch für die Widerstände verantwortlich, die seiner Lehre entgegengebracht wurden. Dadurch lieferte er sich natürlich beiläufig eine hervorragende Waffe gegen Kritik: er konnte immer sagen, sie sei nur Ablehnung aus der Kränkung heraus. Später wurde Freuds Liste um etliche Gesichtspunkte erweitert, die sich hier und dort auch schon in meinen Schriften finden: Wir sind lediglich (ein ökologisch von ihr abhängiger) Bestandteil der Welt; wir sind gemacht worden, somit kann von Selbstbestim-mung keine Rede sein; wir waren nie Ziel der Evolution, von der wir vielmehr nur ein winziger zufälliger Ausschnitt sind (Stephen Jay Gould); man betrog uns um die „Willensfreiheit“, daher zum Beispiel unser häufiges Scheitern bei Versuchen, uns zu bessern, etwa nie mehr zu rauchen oder uns nie mehr kränken zu lassen; Sinn oder Plan der Welt sind uns schleierhaft, die Drahtzieher, die in Kafkas Schloß sitzen, lassen sich einfach nicht in die Karten gucken; unsere ganze Ausstattung ist unzulänglich, wie uns neuerdings unsere Autos, Computer, Romanfigu-ren und Roboter zeigen; womit haben wir die Kränkung unserer Vergänglichkeit verdient – der Verwundung, des Alterns, des Sterbens?

Alles ist noch viel schlimmer, als Sie vielleicht bis hierher gedacht haben. Denn in der Regel – die ich mir einbilde zu repräsentieren – pflegen sich die psychologischen und anthropologischen Quellen unserer Kränkbarkeit in der undurchschaubarsten Weise zu verquicken. Ich bin ganz sicher darin, in acht von 10 Fällen nicht zu wissen, ob eine bestimmte Wut, die ich habe, mehr auf das Arschloch Soundso, auf meinen jeweiligen Chef, auf Vater Staat, auf meinen leibhaftigen Erzeuger – oder auf mich selber gemünzt ist. Aber stets hat sie einen Anlaß, dem wahrscheinlich wieder einmal Unrecht geschieht. Oder anders ausgedrückt: bei allen philosophisch gestimmten Menschen schlägt jede Kränkung, die uns ein Mitmensch zufügt, jede Wette doppelt durch, weil sie auf der Folie unseres grundsätzlichen Protestes gegen unsere Unfreiheit stattfindet. Da sehen wir sie dann wieder einmal, die empörende Knechtung, der wir ausgesetzt sind. Mit uns kann man's ja machen. Erst setzt man uns ungefragt in eine Welt, wo man zwei Drittel des Jahres heizen muß, weil das Thermometer unter 20 Grad absinkt – dann hat man die Frechheit, uns um unsere Scheibe Schneeschippen zu bitten, damit man sie demonstrativ in den Gelben Sack schmeißen kann!


Selbstverständlichkeiten

Obwohl sie naturgemäß nicht der Rede wert sind, will ich mir trotzdem ein paar Sätze gestatten. Ein anderer Bekannter, dem ich eine CD aus eigener Produktion hatte zukommen lassen, erwidert auf mein beiläufiges Nach-haken bei einer Begegnung vorm Bäckerladen: „Ach so – ja, sicher. Herzlichen Dank!“ Er will abdrehen, erkennt jedoch, daß ich möglicherweise noch einen Kommentar erwarte. So hebt er entschuldigend die Hände und fügt lächelnd hinzu: „Streckenweise ist der Text schwer zu verstehen. Da müßte man vielleicht noch ein bißchen dran drehen.“ Ich resigniere, nicke und verabschiede mich mit einer grüßenden Handbewegung im besten Einvernehmen mit ihm.

Schließlich bin ich dieses Muster auch von Redakteuren und Lektoren her gutgewohnt. Vorausgesetzt, sie lassen sich überhaupt zu einem Echo herbei, kennen sie lediglich die Alternative, den Text entweder kommentarlos zu akzeptieren oder aber auf seiner Unvollkommenheit herumzureiten, durch die sich eine Veröffentlichung verbiete. Neulich hielt mir eine mir bis dahin unbekannte Lektorin im ganzen fünf, für ihr Empfinden, mangelhafte Züge eines längeren Manuskriptes vor. Es passe aber leider ohnehin nicht ins Verlagsprogramm. Ihre einzige positive Äußerung belief sich am Briefende auf den Nebensatz, denn schreiben könne ich ja. Man beachte das ja. Es ist eben selbstverständlich, daß einer gut schreiben und vielleicht sogar komplizierte Sachverhalte fesselnd, klar und einfach darlegen kann, bekommt doch jeder Fötus dafür das yf-Chromosomen mit auf den Weg. Macht er zusätzlich auch noch flotte, einfallsreiche Musik, kann er sich auf das yt-Chromosomen stützen.

Vom Bäcker wieder zu Hause, fällt mir die Ankündigung jenes Bekannten ein, sich demnächst mit Freundeshilfe ein eigenes kleines Haus zu bauen. Auch darin habe ich ja Erfahrung. Ich hoffe, O. bringt es zustande. Drei Jahre nach seinem Einzug werde ich erstmals vor seinem Häus-chen aufkreuzen. Er wird mich erwartungsvoll ansehen. Nachdem ich sein Häuschen eine Weile gemustert habe, ohne eine Miene zu verziehen, werde ich feststellen: „Vielleicht hätte man das Küchenfenster doch niedriger setzen sollen, damit es besser zur Hintertür paßt. Ein derart hoch angebrachtes Küchenfenster ist weder üblich noch praktisch. Verstehe mich nicht falsch: aber ein Haus, das so ein Küchenfenster hat, ist eigentlich gar kein Haus.“

Das selbstgebaute Haus sei gut beheizbar? Es regne nie hinein? Es sei in drei Jahren trotz aller Herbst- und Frühjahrsstürme nicht umgefallen? Diese Tatbestände sind leider wie weggeblasen. Fertigkeiten, für die es neben einer gewissen Begabung vieler Übungen und somit großer Mühe bedarf, sind selbstverständlich.

Aber auch hier winkt die Doppelmoral, die zu den füh-renden Themen meiner Ausgewählten Zwerge zählt. Denn peinlicherweise verfahre ich in anderen Belangen nicht anders. Daß mir Schuster N. die Lieblingsschuhe retten oder Freund Ludwig den Computer einrichten kann, setze ich voraus. Die gebühren- und zensurfreie Freundlichkeit des Projektes blogger.de, mir einen offenbar unbegrenzten Speicherplatz zur Verfügung zu stellen, nutze ich wie ein Naturrecht. Die Bemerkung einer Freundin, bei ihrer verpfuschten Kindheit müßte sie normalerweise in Knast oder Klapsmühle sitzen, nehme ich mit einem verständnis-vollen Kopfnicken entgegen, das alles Nachdenken über die Kragenweite der Angelegenheit vom Tisch wischt. Jahrzehntelang kam ich gut ohne Computer aus. Ist heute für einen Tag die Internetverbindung unterbrochen, bin ich einen Tag lang zerknirscht. Da Gewohnheit unsere Achtung vor Dingen oder Menschen schmälert, hieße es besonders wachsam zu sein. Doch zwischen der Anerkennung, die ich und ein geschulter Kommunarde verteilen, besteht der Unterschied von einer Gießkanne und einem Landregen. Der geschulte Kommunarde hätte jene Email der Lektorin „selbstverständlich“ mit einigen ungeheuchelten Worten der Anerkennung über das ihm unterbreitete Prosawerk eröffnet. Jede Mutti hält es mit den Farbkritzeleien ihres Sprößlings „instinktiv“ genauso. Ja, sicher – weil es eben ihr Sprößling ist. Nur bei ihrem Sprößling kommt es der Offenbarung des Johannes gleich, wenn er erstmals fehlerfrei „Wauwau“ sagen kann.

Leider lechzen wir alle nach nichts mehr als nach Anerkennung. Während jeder einzelne Befehl von den millionen Befehlen, die ein Kind zu ertragen hat, laut Canetti wie ein „Stachel“ in seinem Fleisch stecken bleibt (der geduldig darauf wartet, 25 Jahre später als Lanze gegen das eigene Kind gekehrt zu werden), läßt uns jedes Lob einen Zentimeter wachsen. Allerdings nehmen wir Wachstum, Leben, Fröhlichkeit auch wieder als Selbstver-ständlichkeit. In Wahrheit ist es die Regel, sich mit einem Schnupfen abzuplagen, nur noch auf einem Bein durch die Gegend zu humpeln, zu verhungern oder sowieso schon tot zu sein.

Daraus ließe sich sogar folgern, wenn es dem Mann an den Krücken gelinge, mit seinem einen noch erhaltenen Bein, ob rechtes oder linkes, einen Elfmeter zu verwandeln, müßten wir den Hut vor ihm tiefer als vor Uwe Seeler ziehen. Die Dinge seien relativ und die vielbeschworene „Chancengleichheit“ habe es nie gegeben. Für einen Kna-ben, der seine Höhlen unter dem elterlichen Bechstein-Flügel bauen konnte, ist es in der Tat keine Kunst, wenn er als 62jähriger Noten schreiben, Lieder komponieren, leidlich fünf oder sieben verschiedene Musikinstrumente spielen und auch noch ein digitales Aufnahmeprogramm beherrschen kann. Es ist selbstverständlich. Wo wollten wir hinkommen, wollten wir jedes Mal erst die Hinter-gründe einer Tat aufhellen, ehe wir an ihre Würdigung – oder Herabwürdigung schreiten? Das ist bestenfalls Gerichtsprozessen vorbehalten.

Trotzdem versuche ich mich stets daran zu hindern, meine untergeordnete Position im Gefälle der Chancen als Quelle für Selbstmitleid zu nutzen. Hier liegt auch das Wort Zufall nahe. Mein wiederholt erwähnter Bruch des linken Handgelenks 2003 war sicherlich Pech. Dafür bin ich aber schon mehrmals nur um Haaresbreite dem Unfalltod von der Schippe gesprungen. Einmal sogar als Fußgänger. Um 1990 war das Haus in der Kasseler Wilhelmshöher Allee, in dem ein Naturkostgeschäft lag, eingerüstet. Als ich den Laden verließ und meinen Kopf gerade aus dem Gerüst gesteckt hatte, krachte ein etwa faustgroßes Ding vor meinen Füßen auf die Gehwegplatten. Nachdem ich meinen Schrecken überwunden hatte, hob ich es auf. Es war eine gußeiserne Muschel, aus der ein Stück rot eingekreideter Faden hing – eine sogenannte Schlagschnur also, mit dem die Dachdecker eine Fluchtlinie auf den Dachsparren zu markieren pflegen. Heute sind die Gehäuse solcher Schnüre aus Kunststoff und erheblich kleiner – wie sich erst neulich bei meinem Hausbau gezeigt hat. Damals sah ich nach oben und erkundigte mich bei einem Arbeiter, der sich bereits über die Querstange zu mir beugte, ob noch was nachkäme. Sein betretenes Gesicht war meinen Schrecken fast wert. Drei Sekunden eher aus dem Laden getreten, hätte das Ding vermutlich meine Schädeldecke ernstlich beschädigt. Ich läge jetzt schon seit 20 Jahren unter der Erde oder säße in einem Rollstuhl. Ich nehme an, letztlich halten sich Glück und Pech in den meisten Leben die Waage, und so auch Bevorzugung und Benachteiligung. Halte ich mir allerdings einen verkrüppelten afrikanischen Kindersoldaten oder einen „Zigeunerjungen“ vom Balkan vor Augen, gerät die Angelegenheit wieder aus dem Lot.

Kürzlich (2015) war ich so frei oder frech, im Wikipedia-Artikel über den rumänischen Schriftsteller Mihail Sebastian einen „Weblink“ zu einer Betrachtung aus eigener Feder zu setzen. Es kam mir angebracht vor, weil im Artikel zu Sebastians Tagebuch nicht ein kritisches Wort fällt (ganz im Gegenteil) und ansonsten erst zwei Weblinks gelistet waren, nicht eine ganze Latte, wie in manchen anderen Fällen. Mitarbeiter E. jedoch tilgte meinen Eintrag (am 18. März) mit der in Klammern gegebenen Erklärung: „wenn auch der Text auch an sich gar nicht so doof ist: who the fuck is hennes reitmeier, außerdem funktioniert der link so nicht.“

Damit war der kritische Einwand von außerhalb weggefegt. Das Erschreckende ist allerdings weniger dieser willkür-liche, bekannt bedenkenlos und liederlich ausgeführte Schlenker mit dem Handrücken ins Gesicht, vielmehr der Umstand, daß er mich, trotz allem, was ich bereits über Wikipedia oder das Außenseitertum (unter anderem in meiner von E. gekippten Kritik) gesagt habe, noch so brennend treffen kann. Who the fuck is hennes reitmeier! Allmählich fürchte ich, man lerne ein Leben lang nicht nennenswert hinzu. Die Verletzungen wiederholen sich genauso wie die eigenen, gebetsmühlenartig vorgebrachten Beschwichtigungen, mit denen man sich abzulenken oder zu beruhigen sucht. Man bleibt zeitlebens eine einzige, bestimmte, wenn auch ohne Zweifel recht eigentümlich schillernde Wunde. Das Herumdoktern an ihr ermüdet und macht einen womöglich noch kränker.


Rache süßsauer (2015)

Sie können nehmen, was Sie wollen: Basenarme Ernäh-rung bei Magenproblemen / Gymnastik gegen „Hexen-schuß“ / Auslandsreisen bei Depressionen / Sexorgien im Alter – stets finden sich unter 100 sogenannten Experten 50, die zu-, und 50, die abraten. So auch im Falle des verbreiteten Rachedurstes. Wer sich Wut und Rachdurst verkneift, wird krank – wer nicht, verroht und setzt überdies das Karussell gesellschaftlicher Gewalttätigkeit in Gang. Dazu kann wiederum eingewendet werden, er müsse sich eben auf subtile Weise rächen, nicht auf rohe. Als handele es sich bei den feinen Nadelstichen, die sich gut miteinander Bekannte versetzen können, nicht um Gewalt! 300 davon über drei Jahre gestreckt, und aus dem Betroffenen ist alles Blut gewichen. Er verreckt.

Gewiß wird einer, der sich „alles gefallen läßt“, oft als Dummkopf verachtet – doch schon widersprechen etliche Stoiker, Pazifisten oder AnhängerInnen des einen oder anderen Buddhas, es lasse sich durchaus bewerkstelligen, daß einen auch jene Verachtung gar nicht mehr ankratze. Wahrscheinlich muß man zu diesem Zwecke gleich aus reiner Luft bestehen oder alternativ aus Robinienholz geschnitzt sein. Die leichte Kränkbarkeit eines Dichter-fürsten wie Thomas Mann wird gern belächelt, dabei ist sie eine Massenerscheinung. Da wird uns „Schmach“ von den geringfügigsten Vorfällen bereitet, die solche fragwürdigen Dinge wie unsere Ehre, unsere Menschenwürde, unser Selbstwertgefühl angreifen. So habe ich mich einmal dabei ertappt, über ein Antiquariat empört zu sein, weil es mir schon zwei Tage lang Antwort auf einen durchaus höflich formulierten Einspruch die Zahlungs- und Lieferbedin-gungen betreffend verweigerte. Aber in dieser Branche gibt es neben Firmen mit einem Dutzend Mitarbeitern viele kleine Krauter, die mutterseelenallein vor ihrem Computer sitzen, der zu allem Unglück auch noch abgestürzt ist. Oder der gute Mann ist plötzlich erkrankt, tot umgefallen oder aus seinem brennenden Laden gerannt, um die Feuerwehr zu alarmieren. Da wird es wahrscheinlich nicht seine vordringlichste Sorge sein, ausgerechnet mich von seinen augenblicklichen Lebensumständen in Kenntnis zu setzen. Das täten nur überhöfliche Menschen, und die sind inzwischen ausgestorben. Während die näheren Umstände also häufig kaum einzuschätzen sind, darf man auf die Überschätzung der eigenen Wichtigkeit, die sich so leicht übergangen fühlt, getrost die vielen Ehrenurkunden, Verdienstorden und Doktorhüte wetten, die man nicht besitzt.

Gewiß gibt es auch gewichtige Fälle, wo die uns bereitete Schmach vor allem unseren Gerechtigkeitssinn verletzt. Das Paradebeispiel ist Kleists Kohlhaas. Aber auch dann muß man auf der Hut sein, weil sich der Gerechtigkeits-sinn gern mit Narzißmus und Doppelmoral paart. Ein Dutzend Journalisten eines „islamkritischen“ Satire-magazins umzulegen, ist höchst verwerflich und zur Herstellung einer in die Millionen gehenden Trauer- und Haßgemeinde geeignet; um Hunderte palästinensischer oder anderer muslimischer, dazu anarchistischer oder auch nur „skeptischer“ Journalisten, die in jüngster Zeit von Nahost bis Mexiko wegen ihrer wahrheitsliebenden Berichterstattung ermordet wurden, ist es jedoch nicht weiter schade, ganz im Gegenteil.

Im Beitrag über Zivilisationsopfer, siehe weiter unten, streife ich den Mordfall Paasche. Dabei ging es ursächlich nicht um einen Wortbruch in einer Frage der Eigentums-pflege (wie bei Kohlhaas um zwei vom Junker Wenzel von Tronka heruntergewirtschaftete Reitpferde), vielmehr um nichts Geringeres als den Kampf zweier Linien in der grundlegenden Frage, wie man leben sollte. Der bekannte Pazifist Hans Paasche, ursprünglich Marineoffizier, hatte sich nach der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs mit seinen Kindern auf sein kleines, jenseits der Oder gelegenes Gut Waldfrieden (!) zurückgezogen. Dort wurde er 1920, erst 39 Jahre alt, unter einem Vorwand von bewaffneten Gesetzeshütern überfallen – und „auf der Flucht“ erschossen. Dieser dreiste Anschlag wurde nie geahndet. Die Mutter der vier Kinder, Ellen Paasche, hatte insofern Glück gehabt, als sie bereits 1918 der Spanischen Grippe zum Opfer gefallen war. Andernfalls wäre sie vermutlich über kurz oder lang an Gram gestorben – es sei denn, sie hätte auf den berühmten Deckmantel des Gewaltmonopols des Staates geschissen und die Mörder ihres Mannes aus eigener Kraft verfolgt.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist alles darauf ange-legt, uns unselbstständig zu halten – wirklich alles, von der „Existenzgründung“ bis zur sogenannten Rechtsprechung. Gleichwohl geschehen hin und wieder Zeichen & Wunder. 1926 wurde der nach Paris emigrierte ukrainische nationalistische Politiker Symon Petljura (47) ebendort beim Einkaufsbummel vom jüdischen Anarchisten Scholom Schwartzbard erschossen. Den Polizisten, die herbeieilten, übergab der Täter seinen Revolver mit den Worten: „Ich habe einen großen Meuchelmörder getötet.“ Petljura, um 1919 zeitweise Regierungschef der Ukraine und gleichermaßen mit dem Kampf gegen Rote, Weiße und die „Banden“ Nestor Machnos befaßt, wird allgemein für Pogrome mitverantwortlich gemacht, denen 35.000 bis 50.000 Juden zum Opfer fielen. 15 davon sollen nahe Verwandte von Schwartzbard gewesen sein, daher dessen Akt der Vergeltung. Senationellerweise wurde der Attentäter eben wegen dieses Motives („Verbrechen aus Leidenschaft“) von einem Pariser Gericht freigesprochen. Er starb 1938 mit 51 auf Reisen.

Ein Racheakt macht mich aktiv, macht mich vom Opfer zum Täter. Dagegen bleibe ich bei bloßen Rachephantasien passiv. Möglicherweise gilt dies nicht für Leute, die schreiben, und die ihre Texte sogar veröffentlichen dürfen. Oder für Leute, die miteinander sprechen. In dem Versuch, den Groll zu erkennen, zu benennen und auf den Tisch zu packen, sei es der Kommune, der Freundschaft, der gemeinsamen Firma oder Liebschaft, liegt ja immerhin auch schon eine gewisse Aktivität. Aber dazu kann sich nicht jeder überwinden. Dürrenmatts Alte Dame hegt ihren Groll ungefähr 45 Jahre lang, ehe sie ihren damaligen Demütiger und ihre ganze Kindheitsstadt ins Verderben stürzt. Mein Rekord steht bislang erst bei 15 Jahren, sofern ich nichts übersehen habe. Damals, um 2000, bemerkte ich im Gespräch mit einem Freund, der sich als Korrektor einer angesehenen Kunstzeitschrift ernährte, schließlich sei ich nicht umsonst Schriftsteller. Der Zusammenhang ist hier gleichgültig. Es kommt nur darauf an, daß der Freund wie Dutzende anderer Leute offensichtlich nicht an mich glaubte, da ich noch keine offiziellen Weihen vorzuweisen hatte, wobei es bekanntlich bis heute geblieben ist. Er verkniff nämlich seine Augen und korrigierte mit mildem Lächeln und betont bedächti-ger Aussprache: „Du möchtest gern einer sein ...“ Obwohl ich diese winzige, feine Episode nie aufschrieb, trage ich sie bis heute mit mir herum, als sei sie ein Pflasterstein. Ich habe ihn hiermit fallen gelassen.

Mit einem Vielfraß läßt sich allerdings kaum diskutieren, zumal wenn man ihm das Maul zubindet. „Man“ war in diesem Fall ein mit Alaska Slim befreundeter Indianer namens Mentasta Sam, dem in einem Winter um 1905 ein Vielfraß ein lebenswichtiges, offenbar nicht gut genug verstecktes Nahrungsmittellager mit Karibufleisch geplündert und zerstört hatte. Vielfraße sind äußerst räuberische, bösartige und furchtlose Marder, die eher wie kleine Braunbären aussehen. Sam verfolgte den Übeltäter, doch statt ihn zu töten, fesselte er ihn an den vier Beinen und band ihm, wie gesagt, auch noch das Maul zu. So konnte „der auf diese Weise reglos gemachte Vielfraß nur mit Blicken versprechen, sich zu rächen“, schreiben Richard Morenus/Fritz Steuben, Autor und Übersetzer des zu meiner „Greenhorn“-Zeit beliebten Jugendbuches (von 1956/62). In diesem Fall sollte die furchtbare Rache freilich auf Seiten Sams und seiner Squaw liegen. Sie packten ihren Gefangenen jeweils an den gefesselten Vorder- und Hinterläufen und schwangen ihn nun über ihrem lustig prasselnden Feuer hin und her, wodurch er sich zunehmend das Fell versengte und mit seinem zugebundenen Maul vom Knurren zum Winseln überging. Besucher Alaska Slim versuchte der Marter mit dem Argument Einhalt zu gebieten, es habe doch keinen Sinn, den Vielfraß zu quälen; Sam möge ihn lieber auf der Stelle töten. Er werde sich hüten, entgegnete Sam und beschrieb den „Sinn“ unter ausholenden Armbewegungen, nachdem er den völlig kahl gebrannten Vielfraß freigelassen und verjagt hatte. Der Geschundene und Gezeichnete werde jetzt allen Räubern des Gebirges unmißverständlich klarmachen, es sei gesünder, sich von Mentasta Sams Vorratslagern fernzuhalten, denn dieser Mann sei ein ganz großer, böser Zauberer. Dazu machte Slim große Augen, sagte aber lieber nichts. Man sieht hier wieder einmal, wie sich jede aus Rachedurst begangene Scheußlichkeit „rationalisieren“ läßt, um einen Ausdruck zu bemühen, der in den 1960er Jahren die Universitäten verließ, um wie Mosquitos über die deutsche Arbeiterjugend herzufallen ...

Einen interessanten Gesichtspunkt steuert Orwell in seiner kleinen Betrachtung Rache ist sauer bei, die er 1945 unter dem Eindruck seines Besuches im besetzten Deutschland verfaßte. Im Grunde gehörten Vorstellungen von Vergeltung und Bestrafung einer „kindischen“ Traumwelt an. Auf Rache sinne einer, der machtlos sei – wie eben grundsätzlich das Kind. Sobald jedoch „dieses Gefühl des Unvermögens“ beseitigt sei, pflege sich in der Regel auch der Wunsch nach Rache zu verflüchtigen. Wenn nicht, erscheine das rächende Handeln „nur noch pathetisch und widerlich“, wie ja auch im geschilderten Falle Mentasta Sams. Orwell denkt hier an jüdische Wachsoldaten, die gefangene und gefesselte ehemalige KZ-Schergen treten, oder an jene ItalienerInnen, die Mussolinis Leichnam – der in Mailand wie eine Schweinehälfte öffentlich an den Füßen aufgehängt zur Schau gestellt worden war – unbedingt noch bespucken mußten.

Ich glaube, Orwell hat recht, doch spendet er mir mit seiner Auffassung wenig Trost, weil ich noch nie die Nagelprobe darauf machen konnte. In politischer und selbst kulturpolitischer Hinsicht stand ich nämlich in nunmehr 65 Jahren noch nie auf der Seite des Siegers. Ich stand stets zerknirscht vor den Trümmern der einen oder anderen Hoffnung und hatte wie schon zuvor an meinem Unvermögen zu nagen. Und ich vermute stark, dabei bleibt es auch, was bedeutet, ich werde demnächst auch als Verlierer in mein Grab sinken.



Zum Thema Kränkung–Anerkennung siehe auch
Ohrfeigen
Ignoranz im Briefverkehr: Kapitel Die Zeit ..., in der 2. Hälfte des Beitrags
Kränkende Unfreiheit: Schlußkapitel Schraubzwinge
Anerkennung: Schlußabsatz bei Auster
Leben verpfuscht?
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