Freitag, 10. August 2012
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Erzählung

Umfang 65 Druckseiten


Ungefähr im Sinne des eingangs erwähnten Vorschlages, die vorstehende Geschichte („Flußmusik“) zu verlängern, beschloß ich rasch, ihr eine zweite folgen zu lassen. Zeder Zamirs Aufschwung war trotz der Verhaftung einer Spit-zenspielerin nicht zu bremsen. Jetzt richtet der Club sogar ein Weltranglistenturnier aus. Die angereisten Champs sind des Lobes über die Turnierstätte voll – bis einer von ihnen im Hafen auf einer Jacht unter einer Plane entdeckt wird: erstochen.



1

Zamirsteigtauf und ich schnalzten wie auf ein Kommando mit den Fingern. Da unser Clubvorsitzender Linkshänder war, hätte das fast zu einem Fingerhakeln geführt, saß er doch an der Bar im Haus der Weißen auf einem Hocker an meiner rechten Seite. Unsere Clubkameradin Marica war soeben einem hundsgemeinen Snooker Slightons durch einen sehenswerten Stoß über vier Bande entkommen. Dabei hinterließ sie dem Champ aus Großbritannien noch nicht einmal eine Stellung, obwohl noch vier Rote auf dem Tisch lagen. Sie hielt sich überhaupt sehr achtbar. Den letzten Frame hätte sie, nach einer 37 bis Blau, Slighton sogar um ein Haar abgenommen. Aber dann verschoß sie die Blaue. Der smarte Kevin Slighton versäumte es nicht, seiner tüchtigen und hübschen Sparringspartnerin nach dem Versenken der Schwarzen sein Bedauern auszu-drücken, will sagen, Marica die etwas eckige Schulter zu kneten. Sie ließ es mit nachsichtigem Lächeln geschehen. Sie tat es ja uns zuliebe – zum Ruhme ihres Clubs Zeder Zamir, der jetzt sogar ein Weltranglistenturnier im Rahmen der professionellen „Main Tour“ ausrichten durfte.

Zwar wurden zur Stunde 70 Meter weiter, in der soge-nannten Zuckerdose, an vier Tischen die letzten, durchaus hochkarätigen Erstrundenbegegnungen der ersten Balkan Open Zamir (BOZ) ausgetragen, doch ich hatte es vorge-zogen, Slightons Training zu beobachten, zumal man dabei Capuccino schlürfen durfte. Die Zweitrundenbegegnung des 27jährigen Briten war für den nächsten Vormittag angesetzt. Er glänzte an der Adriaküste nicht nur durch sein gewohnt drängendes, zielstrebiges Spiel; er war auch der spiegelnden Frisur treu geblieben, die ich bereits im Internet an ihm gesehen hatte. Da dieser aufgeworfene Kurzhaarschnitt an eine Jacht denken ließ, die abwech-selnd braun und blond lackierte Planken zeigte, hatte ihn Slighton vielleicht unserer eigentlich unbedeutenden Hafenstadt zuliebe beibehalten. Ansonsten trug er ein schlichtes, aber sicherlich teures kurzärmliges Hemd, das ungefähr die Farbe von Salbeiblättern hatte, also ebenfalls in die Landschaft paßte.

„In dem losen Hemd wirkt er schon beinahe mit-menschlich“, sagte ich mehr zu mir als zu Zamirsteigtauf, der an einem Martini nippte.

„Na na na“, gab der rundliche Chef des Hauses mit unterdrückter Stimme zurück. „Was machst du denn, wenn er Kroatisch versteht?“

Somit hatte zumindest Zamirsteigtauf meine Anspielung verstanden.

Tisch Sechs, an dem Slighton und Marica die Klingen kreuzten, stand keine fünf Meter von der Bar entfernt. Auch an einigen anderen Tischen trainierten Turnier-teilnehmer. In der Regel verzichteten sie auf Gegner, um sich ihr bißchen Spielfreude für die zweite Runde aufzu-sparen. Vor den Turnierbegegnungen pflegten sie sich an diesen Tischen auch einzuspielen. Das Publikum belief sich im Moment auf uns zwei. Ich hatte eben im Polizeiprä-sidium, wo ich mich seit Tagen über den Akten einer Einbruchsserie zu langweilen hatte, Feierabend gemacht. Vom Club war auch noch der lange, blonde Fritz da. Trog mich mein Fernblick nicht, hatte er an einem entlegenen Tisch gerade die Ehre, gegen den beleibten Stephen Lee den Kürzeren zu ziehen. Wie sich versteht, war der Salon für die Laufkundschaft während des gesamten Turniers geschlossen. Schließlich sollten die Leute die Zuschauer-ränge in der Zuckerdose füllen, wo die Plätze, umge-rechnet, zwischen 20 und 120 Euro kosteten.

Mein Verhältnis zu Zamirsteigtauf war ungetrübt. Im vergangenen Sommer, als ich ihm eine Schlägerei ins Haus holte und ihn dann auch noch, durch Verhaftung, um gleich zwei Mitglieder der Ersten Mannschaft beraubte, hatte er mir nur vorübergehend gegrollt. Mein Glück war es, daß er kurz darauf seinerseits geradezu von einer Glückssträhne erfaßt und zu einer strahlenden Zukunft empor gehoben wurde. Zunächst starb sein Vater. Das brachte ihm einen Batzen Erbschaft ein, den er erfreu-licherweise überwiegend nicht seiner grünen Partei, vielmehr dem Snookersport opferte: er kaufte das Haus der Weißen, in dem er bis dahin lediglich Pächter gewesen war, und baute auch gleich noch an. Auf der Nordseite hatte sich nämlich ein Trümmergrundstück befunden, das noch zu haben war. Auf der Südseite wäre kein Platz gewesen: dort schloß sich lückenlos jenes Nachbarhaus an, vor dem die flüchtende Snookerspielerin Liubina Suker von einer Polizeikugel kampfunfähig gemacht worden war. Nachdem Bagger den halben Hang zur Jüdengasse hin abgetragen hatten, ließ unser Millionenerbe (in Kuna) die entstandene große Baulücke mit der damals noch namenlosen Zuckerdose füllen. Das runde Gebäude mit dem leicht gewölbten Dach faßte, neben den erwähnten vier Snookertischen, knapp 1.000 Zuschauer. Der Haupteingang lag im Dachgeschoß und führte unmittelbar auf die Jüdengasse. Im Kellergeschoß war das Gebäude durch einen kurzen umbauten Gang mit dem Souterrain des Hauses der Weißen verbunden.

Slighton hatte Marica einen weiteren Frame gewährt. Während sie mit langen safe-Bällen plänkelten, erweiterte sich ihr Publikum um einen Mann mit Diplomatenköffer-chen, der das Haus der Weißen womöglich mit der Zagre-ber Börse verwechselt hatte. Er kam jedoch zielstrebig auf uns zu. Er mochte in Zamirsteigtaufs Alter sein, Anfang 30, und in der Tat begrüßten sie einander mit Handschlag, als hätten sie schon die Schulbank gemeinsam gedrückt. Während der neue Gast Boris um ein Mineralwasser bat, flüsterte mir Zamirsteigtauf mit einem Nicken zu Slighton ins Ohr:

„Brucinelli – sein Manager!“

Mister Brucinelli war deutlich weniger schlank als sein Schützling Slighton, sprach aber das gleiche Englisch wie er. Mit seiner Armbanduhr aus Platin hätte er die flüchtende Suker ebenfalls kampfunfähig werfen können. Er ließ sich mit gönnerhaftem Lächeln an Zamirsteigtaufs Seite nieder und bedeudete Slighton mit einem Blick, er möge es, mit Marica, kurz machen. Wahrscheinlich ödete ihn Snooker an.

Für mich war das Spiel mit den 15 roten und sechs „farbigen“ Kugeln im zurückliegenden Jahr zum maßgeb-lichsten Lebensinhalt geworden. Gab ich nicht acht, würde dieser Leidenschaft sogar meine Liebesbeziehung mit Vedrana zum Opfer fallen. Vedrana machte sich nicht viel aus Snooker und war auch entsprechend unbegabt dafür – oder umgekehrt. Ich selber hatte immerhin noch im vergangenen Herbst den Sprung in die Zweite Mannschaft von Zeder Zamir geschafft, die in der Bezirksliga spielte. Im April hatten wir die Saison mit einem guten Platz im Mittelfeld abgeschlossen. Mein höchstes Break stand inzwischen auf 53. Doch unserer Ersten Mannschaft war in derselben Saison der Aufstieg in die Erste Nationalliga gelungen – und das war in erster Linie der ganz persön-liche Triumph des Mannes gewesen, der soeben neben mir vom Hocker glitt, weil ihn sein Handy aufgeschreckt hatte. Zamirsteigtauf entfernte sich eilig Richtung Kellertreppe. Vermutlich war er von der Turnierleitung in die Zucker-dose gebeten worden.

Wer weiß, mit welchen Süßigkeiten Zamirsteigtauf im vergangenen September Marica von Zagreb nach Zamir gelockt hatte. Sie hatte gleich noch Dinko mitgebracht, der ebenfalls bei Dynamo Zagreb gespielt hatte. So verstärkt, hatte Zeder Zamir den Aufstieg gepackt. Zu allem Überfluß bekam Zamirsteigtauf am Jahresende auch noch den Zuschlag für die Ausrichtung des Weltranglistenturniers – während auf dem Gerippe der gewölbten Dachkonstruk-tion der Zuckerdose erst der Richtkranz schaukelte! Doch das Glück fiel mit Zamirsteigtauf einem Tüchtigen zu, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Dadurch unterschied er sich wohltuend von meinem Mitzuschauer Mister Brucinelli. Während sich der Manager mit seinem rechten Unterarm nach hinten hin auf dem Thekenbord abstützte, trommelte er mit seiner linken Hand auf den Ledersitz des Barhockers, der noch von Zamirsteigtaufs Hintern warm war. Auf diese Weise kam auch Brucinellis Platinuhr erneut zur Geltung. Es war inzwischen kurz nach 18 Uhr.

Ich entschloß mich, meine Zuschauerrolle aufzugeben und die zwei Stunden bis zu meiner Verabredung mit Fritz und Leukenfels dem eigenen Training zu widmen. Ich bat Boris um meinen Queuekoffer und einen zweiten Capuccino. So bewaffnet, ging ich zu einem freien Tisch in der Südecke des Salons, auf dem noch vom Training des blutjungen Chinesen Lü Haotian her Kugeln lagen. Vielleicht färbten sie ja ein wenig auf mich ab. Haotian war kürzlich mit erst 14 Jahren U-21-Weltmeister geworden. Sein höchstes Turnierbreak stand auf 135.


2

Gegen 20 Uhr verständigte ich mich mit Fritz, der inzwischen ohne Stephen Lee trainierte, per Handzeichen darüber, es sei Zeit zum Aufbruch. Wir ließen Boris anschreiben und tauchten in die noch ziemlich warme Luft, die vor der Flügeltür des Billardsalons auf der Freitreppe stand. Dort links hatte ich meine mit einer Pistole bewehrten Hände auf der Brüstung abgestützt. In der Gerichtsverhandlung hatte Suker alles daran gesetzt, ihren Geliebten Vlasic als Drahtzieher des Mordes an der alten Frau Mikulinez hinzustellen, doch die Richter sahen die Sache eher umgekehrt. Suker bekam Lebenslänglich, Vlasic dagegen, wegen Beihilfe, nur 12 Jahre Haft. Sie saßen beide in Split.

Wir querten den nun erweiterten Vorplatz des Hauses der Weißen, den ein gut gesprengter und daher saftig grüner Rasen von der neuerbauten Zuckerdose trennte. Das runde Gebäude mit dem mäßig gewölbten Dach zeigte mehrere Gürtel aus rechteckigen, weißlackierten Fenstern, die in der Tat an Dosenschmuck oder gar an Zuckerwürfel erinnerten. Da die steilen Zuschauerränge fast bis unters Dach gingen, verbargen sich hinter ihnen die Nebenräume, darunter vor allem zahlreiche „Künstlergarderoben“, die durchweg über Duschen verfügten. Das ganze Gebäude war klimatisiert. Die Außenwände waren aus aubergin-farbigen Klinkersteinen gemauert. Fritz hatte den Neubau in die Nähe der Bauhaus-Architektur gerückt. Er wußte mir neulich auch zu berichten, die Zuckerdose sei für einen angesehenen Architekturpreis nominiert worden. Eine solche Aufwertung würde selbstverständlich auch dem Bauherrn und Betreiber Zamirsteigtauf zugute kommen. Übrigens würden Fritz und ich ab September die Ehre haben, unsere Ligaspiele ebenfalls in diesem erlauchten Snookertempel zu bestreiten. Er tat es lediglich zwei Klassen höher.

Fritz war meinem Blick gefolgt. „Hast du schon gehört? Vor ein paar Stunden hat Shaun Murphy unseren Natio-nalhelden zur Strecke gebracht.“

„Au wei!“ sagte ich mit erhobenen Brauen. „Andy ist bereits aus dem Turnier geflogen?“

„Ja. Er verlor 2:5. Genaueres weiß ich noch nicht.“

Wir mischten uns in den schnatternden Touristen- und Feierabendstrom auf der Stadtseite der Hauptstraße. Auf der anderen Straßenseite begann schon das Hafengelände. Als wir nach einigen hundert Metern in die ansteigende Domgasse bogen, hatten wir zumindest den Autoverkehr vom Hals. Unser Ziel war das kleine Hotel Zum Steinbock, das ungefähr zwischen Vlasics ehemaliger Polsterei und dem Waisenhausplatz in einer wenig belebten Seitengasse der Altstadt lag. Fritz hatte es seinem Landsmann Leuken-fels empfohlen, weil es ruhig und dennoch, von der Wettkampfstätte aus, gut zu Fuß zu erreichen war.

Selbst unser geschlagener „Andy“, immerhin amtierender kroatischer Meister, hatte eine Beziehung zu Deutschland, wie ja schon sein Spitzname anzeigte. Er hieß mit richti-gem Namen Sanjin Kusan. Er spielte seit einiger Zeit für den 1. Münchner SC in der deutschen Ersten Bundesliga. Da er einziger Kroate im Feld der BOZ-Teilnehmer gewe-sen war, schmerzte uns sein frühes Ausscheiden umso mehr.

„Wenn Kusan für München spielt – muß ihn Leukenfels dann nicht kennen?“ wollte ich von Fritz wissen, als wir von der Domgasse in die schmale Traubengasse einbogen.

„Ja, sicher. Heinz spielt ja für Wuppertal. Jedenfalls noch. Er war sehr erleichtert, sagte er mir, daß ihm Andy hier nicht als Erstrundengegner zugelost wurde. Jetzt hat Murphy den Schwarzen Peter. Das einheimische Publikum wird den Briten vermutlich nicht auf Händen in die Finalrunden tragen.“

Ich nickte. „Und du meinst, Wuppertal kann Leukenfels nicht mehr lange halten?“

„Ja. Aber es geht nicht um Geld, wie mir Heinz versichert hat. Ganz im Gegenteil, ihm schwebt ein Aufbauprogramm für die deutsche Provinz vor. Er will sie mit Snookerclubs spicken. Im Grunde haßt er ja alles Profitum.“

Ich nickte erneut. Der 62jährige Heinz Leukenfels war wirklich ein einzigartiger Fall. Er hatte erst mit 57 das erste Billardqueue seines Lebens in die Hand genommen. Damals hatte eine nahezu erfolglose Laufbahn als Schriftsteller hinter ihm gelegen. Den einen schrieb er zu linksradikal, den anderen zu anspruchsvoll, den dritten zu skeptisch, und so weiter. Nun, als frischgebackener Snookerspieler, blieb er zwar ebenfalls Außenseiter – aber zum Schrecken der Konkurrenz und dem Erstaunen des Fachpublikums! Mit 59 spielte Leukenfels bereits beim deutschen Starclub Wuppertal. Die Journalisten rissen sich um ihn. Gleichwohl bewahrte sich grandpa, wie sie ihn getauft hatten, seine Bescheidenheit. Er bestach vor allem durch den Gegensatz seiner etwas bulligen Statur und der heiteren Gelassenheit seines Auftretens. Mit 60 legte er sein erstes Maximum Break vor. Das sind 147 Punkte in Serie. Ein Jahr darauf nahm er die Main Tour in Angriff. Nun fehlten ihm nur noch wenige Punkte, um sich für die Weltmeisterschaft in Sheffield zu qualifizieren. Kein Kenner wäre verblüfft, wenn diese Punkte Kevin Slighton zu liefern hätte. So, wie sie mit Absicht gesetzt worden waren, konnten die beiden Champs, wenn überhaupt, erst im Finale des BOZ aufeinander treffen. Um zu verhindern, daß einer von den beiden schon vorher auf der Strecke blieb, hätte Turnierausrichter Zamirsteigtauf sogar für den Rest seines Lebens dem Martini abgeschworen.


3

Leukenfels hatte uns bereits am Empfang des Steinbocks erwartet. Fritz konnte sich nicht den Scherz verkneifen, mich als staatlich geprüften Jäger aller schwarzen Schafe vorzustellen. Leukenfels sprach hervorragend Englisch. Wir einigten uns rasch darauf, den geplanten Stadtbummel auf den Weg in die Ruine zu beschränken. Er sei etwas massenscheu, meinte Leukenfels mit fast verlegenem Lächeln. Sein in den Nacken gekämmtes Haar war noch schwarz und dicht. Der gedrungene Mann hatte ein knol-liges Gesicht, von dem man sich gut vorstellen konnte, es hüpfe über dem Lenkrad jenes mit Sprengstoff beladenen „trucks“ auf und ab, der in dem Film Lohn der Angst durch die Pampa rattert.

Konsequent machten wir auch um den überlaufenen Domplatz einen Bogen, wo auf jeden Touristen ein Andenkenhändler und ein Straßenmusikant kamen. Wir würden ihn ohnehin noch von oben sehen. Das kaum von Touristen aufgespürte Lokal Ruine lag ähnlich wie Fritz' Häuschen schon fast in der Macchia, nur weiter nördlich. Somit hieß es schnaufen. Bald hinter dem Domplatz warteten etliche schmale und steile Treppen auf uns, die fast durch die Wohnküchen der Häuschen führten, die dort am Hang klebten. Gleichwohl hatten die AnwohnerInnen dem felsigen Hang ihre Zwerggärten abgerungen, in denen sie Küchenkräuter zogen oder Trichtermalven hätschelten. Viele Hunde, meistens kleine Kläffer, und Katzen gab es natürlich auch.

Wie es aussah, setzte Leukenfels weder die Hitze noch der Höhenunterschied zu. Als wir die Zuckerdose in den Blick bekommen hatten, hielt er allerdings auf den hier erneuerten hellgrauen Granitstufen inne und meinte mit einem Nicken gen Süden:

„Noch weiter hinten liegt Australien. Morgen früh um 10 habe ich gegen den Kollegen Neil Robertson anzutreten. Die Welt ist klein. Wenn sie nur auch so friedlich wäre, wie sie an solchen Sommerabenden erscheint!“

Fritz und ich lächelten uns zu. Solche Melancholie konnten wir immer gut nachvollziehen. Wahrscheinlich hätte Leukenfels' Seufzer sogar einem Schnurschlag auf dem Globus standgehalten, wenn ich mir überlegte, wo Syrien lag – ein Land, in dem die nordatlantischen Hüter der Menschenrechte und der Erdölvorräte gerade mal wieder die Demokratie aus den Gewehrläufen ihrer Lakeien zu zaubern gedachten.

Fritz nutzte die Pause inzwischen dazu, Leukenfels zumindest flüchtig über das unter uns brodelnde Küstenstädtchen ins Bild zu setzen, den häßlichen Dom eingeschlossen. Er gestattete sich in diesem Fall deutsch zu sprechen, weil er zurecht annahm, mir seien diese Dinge nicht neu. Leukenfels nickte artig zu allem. Zur Seebühne stellte er sogar neugierige Fragen, wie ich trotz der Fremdsprache erriet. Diese Arena, die immerhin sechsmal so viele ZuschauerInnen wie die Zuckerdose faßte, lag im Hafen – und die eigentliche Bühne wiederrum wie ein Floß im Wasser. Im letzten Sommer hatte sie die Karriere meiner Ex-Geliebten Dejica, einer Marimbaspielerin, entschieden befördert. Ihre Gruppe Dux 4 hatte Platten-aufnahmen in Zagreb gemacht und gondelte seitdem durch die Welt. Meinem „Nachfolger“ Fritz hatte die Gruppen-chefin längst den Laufpaß gegeben. Daran war er aller-dings nicht gestorben. Dejica war sowieso anstrengend, und der steile Aufstieg war ihr doch sehr ins Köpfchen gestiegen.

Da Fritz und Leukenfels nach wie vor palaverten, fragte ich mich, welche Karten wohl Leukenfels in dem Pokerspiel namens Liebe habe. Ich hatte darüber nichts gelesen. Im Augenblick steckte Leukenfels' Brustkorb in einem weinroten Polohemd, das seine unbehaarten und mäßig gebräunten muskulösen Oberarme sehen ließ. Er schien eine recht reine und anschmiegsame Haut zu besitzen. Gestern Vormittag, als er sich in der Zuckerdose mit dem erst 17jährigen Belgier Luca Brecel auseinander zu setzen hatte, war er selbstverständlich, zur Weste, in einem langärmligen Hemd aufgetreten, einem beigen. Die Weste war hellbraun gewesen. Zum ungewollten Markenzeichen grandpas waren schon in den Anfängen seiner Laufbahn seine unüblichen Schuhe geworden. Sie waren zwar schwarz, aber stets so schlicht wie stumpf, ließen also jegliche schnittige Form vermissen. Vielleicht trugen sie ja – weil sie bequem waren – zu dem auffallend leichtem Schritt des „bulligen“ Leukenfels bei. Von diesem Schritt her hätte er eigentlich das Gewicht des schmächtigen Brecel haben müssen. Aber vielleicht bestand auch eine Korrespondenz zwischen Leukenfels' Füßen und Leuken-fels' Schädel. Vielleicht ermöglichten die Füße – weil sie nie seine besorgte Aufmerksamkeit beanspruchten – seinem Gesicht das uneingeschränkte und abwechslungs-reiche Mienenspiel, das Leukenfels in jeder Begegnung zeigte. Im Gegensatz zu seinen nahezu sämtlichen Konkurrenten machte Leukenfels aus seinem Herzen keine Mördergrube, wie das Sprichwort so sagt. Einige von ihnen, die ein Pokerface in dieser Branche für ein Muß hielten, haßten ihn deshalb bereits. Andere ließen sich dadurch immerhin verstören, wenn sie auch dem Schiedsrichter nicht den Paragraphen des Reglements hätten nennen können, der ein bewegtes Mienenspiel und selbst das Scherzen bei Turnierspielen untersagte. Das Scherzen kam ja bei Leukenfels noch hinzu. Brecel war gestern erfreulicherweise mehrmals darauf eingegangen, was ihn freilich nicht davor bewahrt hatte, von Leukenfels mit einer 67er Clearance und dem Resultat 1:5 verab-schiedet zu werden.

Der junge Belgier hatte es erstaunlich gefaßt aufgenom-men. Als die Kontrahenten nach dem üblichen Hände-schütteln miteinander und mit der Schiedsrichterin von einem Fernsehreporter abgefangen wurden, versicherte Brecel, es sei zwar schade, schon in der ersten Runde aus dem Turnier zu fliegen, aber gegen Grandpa sei es fast ein Vergnügen. Daraufhin war ihm Leukenfels spontan derart liebevoll über die kurzbehaarte Rübe gefahren, daß jeder anwesende Würdenträger der katholischen oder ortho-doxen Kirche garantiert homosexuelle Umtriebe gewittert hätte. Zum Glück hatten sie die Zuckerdose noch nicht entdeckt.


4

Die Stätte unseres Abendessens hieß Ruine, weil sich ihr Bier- oder Weingarten in einem verwitterten Gemäuer befand, das hier und dort noch Tor- oder Fensterbögen sehen ließ. Überall rankten oder hingen Pflanzen, die streckenweise üppig blühten. Durch das tiefer liegende, vorgelagerte eigentliche Wirtshaus war zwar nicht viel von der Altstadt zu sehen, aber umso mehr von der Adria und ihren Inseln, auf die sich inzwischen die Sonne senkte. Wir bestellten alle drei das gleiche Lammgericht, dazu eine Flasche vorzüglichen Roséweins. Die meisten Tische waren besetzt, doch es gab keine Beschallung; man konnte die Tauben auf den Dachfirsten gurren hören. Später mischten sich von der Macchia her die Zikaden ein, die gleichsam ein Netz aus singenden Stromleitungen über die Ruine warfen. Leukenfels meinte, für ein vergleichbares Lokal wäre er in Wuppertal bis auf den Brocken gestiegen – allerdings verstand ich diese Bemerkung erst, nachdem sie mir Fritz erläutert hatte.

Auch das Essen war ausgezeichnet. Zwar war es nicht gerade spottbillig, aber der Mitanwärter auf den Sieg im laufenden Turnier hatte uns eingeladen. Sollte er gewin-nen, war er um 40.000 Euro reicher. Im Vergleich zu alteingesessenen Weltranglistenturnieren war das sogar noch wenig, wobei die gesonderten Prämien für hohe Breaks noch nicht berücksichtigt waren. Der englisch-sprachigen Wikipedia zufolge hatte der deutsche „Spätzünder“ als Snookerprofi in nur anderthalb Jahren immerhin rund 250.000 Euro verdient, obwohl er sich aller Werbegeschäfte enthielt. Da urplötzlich auch seine Bücher „gingen“, war er wahrscheinlich schon Millionär. Allerdings war es selbst Ignoranten bekannt, daß Leuken-fels nicht nur „stumpfe“ Schuhe trug, sondern auch in seinem Finanzgebaren den gewohnten Biß vermissen ließ. Bei anspruchsloser Lebensführung steckte er den Löwen-anteil seiner Einkünfte in nicht staatskonforme Projekte, die ihm außer Dankbarkeit gar nichts einbrachten. So hatte er neulich einer bolivianischen Kooperative den Erwerb eines Fabrikgebäudes ermöglicht, und erst in diesem März hatte er, wie mir Fritz erzählte, einem von Roma und Sinti betriebenen, anarchistisch orientierten Wanderzirkus, der irgendwo in der ehemaligen DDR stationiert war, mit 20.000 Euro unter die Arme gegriffen. Da mir Leukenfels ohnehin gerade zuprostete, hakte ich hier nach.

„Fritz erzählte mir von verschiedenen subkulturellen Projekten, die du großzügig unterstützt. Nach welchen Gesichtspunkten wählst du sie aus?“

Er dachte nicht lange nach. „Ganz subjektiv. Ich muß sie sinnvoll finden, und ich muß Beteiligte persönlich kennen. Schließlich wäre es schade, wenn das Geld verpraßt würde. Es ist sauer genug verdient.“

„Du sprichst von harter Arbeit? Rühmt man nicht gerade die Unbeschwertheit, mit der du zu Werke zu gehen scheinst? Als Zuschauer deiner gestrigen Begegnung mit Luca Brecel konnte man sich über weite Strecken im Kabarett wähnen!“

Leukenfels zwinkerte mir nachsichtig zu, da er vermutlich meinem Gesicht einen ironischen Zug entnahm. Als frischgebackener Bezirksligaspieler wußte ich selbstver-ständlich, man schüttelt die Breaks über 50 so wenig aus dem Ärmel wie ein Yves Montand Chansons – zumal, wenn sich einer erst in Sichtweite des Sargdeckels zur Unsterblichkeit entschließt.

Leukenfels' Gesichtsausdruck war inzwischen ernster geworden. Er sagte bedächtig und beinahe wie im Selbstgespräch:

„Das Schlimmste ist nicht das Training. Das Schlimmste sind, zumindest in der ersten Zeit, die Auftakte einer jeden Begegnung, weil der Wettkampf stets in einer Hotelhalle stattzufinden scheint, die nur durch eine Drehtür betretbar ist. Der Anblick dieser vertrackten Schleuse möchte dir jedesmal einschärfen: wenn du hier nicht gelassen bleibst, bist du gleich wieder draußen. Daraufhin verkrampfst du dich selbstverständlich sofort und verpaßt die Lücke, durch die man in die Halle schlüpft, garantiert. Meine Rettung war der trotzige Gedanke: Na und? Dann fliegst du eben gleich wieder hinaus aus diesem Irrsinnsbetrieb. Umso besser! Als Schriftsteller warst du ja nicht gerade vom Erfolg verwöhnt. Du bist auf Erfolg nicht angewiesen. Zur Not kannst du dich immer als Tablefitter oder Barkeeper über Wasser halten ... Den paar wirklichen Freunden, die du hast, wärst du als Barkeeper sogar noch lieber: dann wäre stets ein Hocker an der Theke für sie frei.“

Mit der abschließenden Bemerkung hatte uns Leukenfels wieder angesehen. Da wir schmunzelten, tat er es uns nach. Auch dabei kam ihm sein knolliges, bewegliches Gesicht zugute. Der baumlange, aber flachgesichtige Fritz war in dieser Hinsicht viel ärmer daran. Wenn Fritz schmunzelte, wurden die gerafften Bühnenvorhänge, die seine blonden Strähnen bildeten, kaum einen Millimeter beiseite geschoben.

Dann fiel mir der geschniegelte Dicke aus dem Haus der Weißen wieder ein, dieser Mister Brucinelli, der den neben mir stehenden Barhocker betrommelt hatte. Ich sagte:

„Wie man liest, hast du keinen Manager, Heinz – 'aus Prinzip' nicht. Bereust du diese Prinzipienfestigkeit nicht zuweilen? Wenn du siehst, wieviele Moneten gutberatene Kollegen wie Neil Robertson oder Stephen Hendry scheffeln?“

Leukenfels schüttelte seinen Kopf und lachte leise auf. „Ich beneide diese Kollegen keineswegs. Sind die nicht täglich auf der Hut wie ein Luchs, werden sie von den Maden, die sie in ihrem Speck mitmästen, gleich noch selber aufge-fressen, mit Haut und Haaren und Rolex-Uhr! Im Grunde ist dieser ganze professionelle Spielbetrieb doch obszön, wenn du es einmal unbefangen siehst. Ein paar Hundert Arschlöcher – nämlich die Spitzenspieler, ihre Manager, einige VeranstalterInnen, die Bosse der Snookerverbände und die Bosse einiger Sportartikelfabriken – verdienen sich dumm und dämlich, weil sie ein sogenanntes Freizeitvergnügen ausbeuten. In einer Welt, wo jeder mit Freude einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen würde, wären sie absolut entbehrlich. Ich habe mich vor einigen Jahren nur entschlossen, bei diesem Irrsinn mitzumachen, weil ich nicht das Zeug zum Bankräuber hatte.“

Leukenfels faßte mich ins Auge und fügte zwinkernd hinzu: „Und wie ist es? Hast du wenigstens bei der Jagd auf Bankräuber oder Tantenmörder deinen Spaß? Fritz hat mir von dieser hübschen Saalschlacht in eurem Haus der Weißen erzählt, wo dir so eine kleine Rote ein Tablett mit Snookerkugeln an die Birne geworfen hat ..!“

Ich grinste, schob jedoch eine Antwort hinaus, weil die weibliche Bedienung gerade abservierte. Wir richteten ihr dankbare Grüße an den Koch oder die Köchin aus. Die Chefin selber koche, erläuterte uns die junge, dralle Kellnerin. Das hatten selbst wir Einheimischen, Fritz und ich, nicht gewußt. Wir baten um Espresso und eine weitere Flasche von dem vorzüglichen Wein. Die Sonne war inzwischen hinter der Insel Cres verschwunden. Der Himmel glühte. Ich grub mein Gedächtnis nach dem englischen Ausdruck für Vermessenheit um. Da ich nur ein Loch fand, behalf ich mir mit Hybris. Ich sagte zu Heinz:

„Wäre ich hybrid, würde ich zurückfragen, ob es der Sonne wohl immer Vergnügen mache, Tag für Tag dieses Irren-haus namens Erde zu beleuchten. Wie du dir denken kannst, würde ich viel lieber die Besitzer der Banken jagen, oder jene Damen und Herren, die Kinder, die keine betuchte Tante haben, Turnschuhe nähen lassen. Ich würde auch sofort den Dienst quittieren, wenn ich eine Alternative wüßte. Vedrana hat mir kürzlich einen Buchladen vorgeschlagen. Sie kommt aus dieser Branche. Aber von der eher ungünstigen Marktlage in Zamir einmal abgesehen – muß das nicht furchtbar sein, sich jeden Tag die Beine hinter derselben Ladenkasse in den Bauch zu stehen, nur um Leuten den jüngsten Schinken von Stephen King oder Henning Mankell anzudrehen?“

Leukenfels lächelte, erkundigte sich jedoch bei Fritz: „Henning Mankell? Wer ist das? Ein Landsmann von uns?“

Bei meinem schiefen Adjektiv hybrid hatte Fritz natürlich gleich ein Gesicht wie beim Genuß einer Zitrone gemacht. Jetzt wollte er auf den schwedischen Krimiautor eingehen, den er möglicherweise mit ähnlichem Gesichtsausdruck zu lesen pflegte, mußte Leukenfels jedoch zunächst eine Antwort schuldig bleiben, weil sich eine ältere Dame in unser Gespräch mischte, die in männlicher Begleitung soeben erst den Weingarten betreten hatte. Sie rief aus:

„Na, das ist ja ein aparter Zufall, Karel, findest du nicht!?“

Ohne auf die Zustimmung oder Ablehnung ihres Begleiters zu warten, kramte sie schon ein Dokument aus ihrer Handtasche, legte es Leukenfels vor, als handle es sich um die Speisekarte, und fügte mit ihrem verführerischsten Lächeln hinzu:

„Ich habe Sie gestern in der Zuckerdose gesehen, Herr Leukenfels, gegen diesen jungen Brekkel, oder wie der heißt. Sie waren ja hinreißend, Herr Leukenfels! Würden Sie mir freundlicherweise ein Autogramm schenken?“

Es war das Programmheft des Turniers. Zwar hatte sie Kroatisch gesprochen, doch ihr Wunsch war unmißver-ständlich genug, um Leukenfels sofort nach dem Kugel-schreiber greifen zu lassen, den ihm Fritz geistesgegen-wärtig entgegenstreckte. Leukenfels gab ihr das signierte Heft mit einem Lächeln zurück und sagte dazu, allerdings an Fritz gewandt:

„Ich danke der Dame für das ermunternde Kompliment!“

Fritz übersetzte es sofort – die Dame lachte begeistert, woran vermutlich auch die kleine Umleitung ihren Anteil hatte, warf Leukenfels einen Handkuß zu und ließ sich von Karel zu einem freien Tisch im Hintergrund des Wein-gartens drängen.

Der kleine Zwischenfall hatte uns durchaus belustigt. Fritz hob sein Weinglas, in dem noch ein Schluck schaukelte, und sagte mit einem Blick von mir zu Leukenfels:

„Du könntest Autogrammhändler werden. Wo Zamir-steigtauf die Turnierprogramme gelagert hat, weißt du ja. Heinz wird sich kaum sträuben.“

Leukenfels bestätigte es prompt durch ein übertriebenes Nicken. Er besann sich freilich und fügte hinzu: „Von mir allein kannst du nicht leben. Doch mit Kollegen wie Robertson, Lee und Slighton dürfte kaum zu rechnen sein. Die verschenken nichts. Die würden auch ihr Ohren-schmalz vermarkten, wenn es einem Oberschwätzer von Eurosport gelänge, es als unverzichtbares Fett für die Queuekuppe hinzustellen.“

Ich lachte. Da uns die Bedienung inzwischen die Espressos und die neue Flasche Wein gebracht hatte, hob ich mein Tässchen und trank auf Leukenfels' immerwährende Unbestechlichkeit. Dann erkundigte ich mich, was eigentlich an den Gerüchten daran sei, bei den German Open im März dieses Jahres habe Leukenfels Slighton beleidigt. Leukenfels hatte den erheblich jüngeren Briten trotz eines großen Rückstandes aus dem Halbfinale geworfen, was ja auch schon fast einer Demütigung gleich gekommen war.

Leukenfels winkte ab. „Ich will nicht bestreiten, daß man sich an Slightons Stelle hätte beleidigt fühlen können. Es ging just um ein Autogramm, wie eben. Er war ja in der letzten Session der Begegnung immer nervöser geworden, servierte mir lange Einsteiger, verschoß eine Schwarze und dergleichen. Es war nicht übertrieben, wenn ein Kommen-tator schrieb, ich hätte den Jungen mit meiner Art – die ihr ja kennt – nicht nur zermürbt, sondern geradezu zermalmt. Nun gingen wir nach der Bejubelung zu den Kabinen und wurden dabei, wie üblich, von Autogramm-jägern angegangen. Slighton war schlecht gelaunt genug, um einem Fan fast den Filzstift aus der Hand zu schlagen. Ich bekam es mit, zeigte dem Fan mein Bedauern, bat ihn aber auch sozusagen um Nachsicht, indem ich mit einem Nicken auf Slightons Rücken murmelte, er zittere noch zu sehr ... Da hättet ihr mal Sligthons jähen Blick über die Schulter sehen sollen! Ich hatte es selbstverständlich auf englisch gesagt. Normalerweise hätte ich in diesem Augenblick eine kugelsichere Weste benötigt – Herr Kriminalkommissar ...“

Ich schmunzelte und pfiff zugleich durch die Zähne. „Auf diese Art macht man sich keine Freunde.“

„Das gebe ich zu. Aber man kann nicht in jeder Minute seines Lebens Pazifist sein. Slightons Großmäuligkeit war mir schon im Vorfeld des Turniers aufgestoßen, und dann ergab sich eben diese spontane Situation.“

Er griff nach der neuen Flasche Wein, um allen nachzu-schenken, und hob dann sein Glas: „Vergessen wir Slighton! Kennst du Berlin, Danilo?“

Da ich meinen Kopf schüttelte, erzählte er also von Berlin, und auch das war erheiternd. Es blieb auch nicht bei der zweiten Flasche Wein, wie ich noch gern verraten will.


5

Während sich Leukenfels, falls alles mit rechten Dingen zuging, in der Zuckerdose mit Robertson, dem Champ aus Australien, zu schlagen hatte, schlurfte ich lustlos durch die Altstadt, weil mich wieder einmal Mißerfolge beutelten. Ich kam von einem pompösen Geschäftshaus, das im Rahmen der erwähnten Einbruchsserie heimgesucht worden war. Es lag unweit vom Dom. Was die Aufklärung des Falles anging, war ich dort kaum einen Millimeter weiter gekommen. Im Gegenteil, ich mußte mir vom Geschäftsführer der Firma, immerhin nicht ohne Witz, sagen lassen, er habe mitunter den Verdacht, die Zamirer Kriminalpolizei sei zu dumm zum Ziegenmelken. Offensichtlich wußte er, daß unser Hauptquartier am Ziegenmarkt lag, den ich jetzt wieder ansteuerte. Aller-dings ging ich, wie meistens, zu Fuß. Sich das Gehirn über Dinge zu zermartern, die einen nicht im geringsten interessierten, stellte schon eine Qual dar, besonders wenn es bereits um 11 so heiß war wie heute. In der engen Laurentiusgasse hatte ich immerhin Schatten. Ich streifte das Porzellangeschäft, über dem das Parteibüro der Grünen lag. Die Kaffeetasse, die ich in dem Parteibüro vor rund einem Jahr gestohlen hatte, weil sie Fingerabdrücke von Liubina Suker aufwies, hatte ich bis heute nicht zurückerstattet. Ich hatte sie freilich auch jetzt nicht zufällig dabei. Während mein helles Leinenjäckchen wie ein Lämmerschwanz in meiner Linken schaukelte, hielt ich mich dazu an, trotz der angestrengten Gedankenarbeit auf Hundehaufen zu achten. Dabei fiel mein Blick auf sehenswerte Waden.

Ich hielt inne, tat so, als musterte ich die Auslage des Musikhaus Vinko Jelić und observierte die junge Frau, zu der die Waden gehörten. Sie war vor einem Rundständer mit Kleidern, der vor der anschließenden Boutique Bel Ami stand, damit beschäftigt, verschiedene Dinge unter das kecke Hütchen zu bekommen, das ihre lange Mähne krönte. Wie es aussah, gelang ihr diese Vereinigung mühelos. Während sie mal gelangweilt, mal giftig in ihr Handy sprach, klapperte sie mit ihren lackierten Finger-nägeln die Kleiderbügel durch, hielt sich hin und wieder ein Fähnchen vor den Busen, überprüfte in der Schaufen-sterscheibe, ob es ihr womöglich auch stand, krempelte die Preisschildchen um und versäumte es auch nicht, Richtung Domplatz nach Mitbürgern zu spähen, die sie entweder strahlend zu grüßen oder aber mit Mißachtung zu strafen hatte. Ihr Telefongespräch endete mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu ihrem Geliebten. Streckenweise hatte sie ihm wortlos zugehört, weil er „sowieso nur Scheiße“ sprach. Sie schien ihn aber vor allem für einen „Langweiler“ zu halten, weil er eine bestimmte Party nicht aufgesucht hatte. Aber vielleicht hielt sie ihn auch für einen Langweiler, weil er nicht so viele Dinge gleichzeitig tun konnte wie sie in diesen Minuten in der Laurentiusgasse. „Nein, ich habe die Nase voll“, sagte sie nach drei Minuten, drückte das Handy aus und verschwand mit drei Fähnchen über dem Arm in der Boutique, um sie dort vermutlich anzuprobieren. So riß auch ich mich vom Anblick eines miniaturhaften Cembalos los, das ich immerhin – auch noch! – wahrgenommen hatte. Ich war stolz auf mich.

Wie zum Hohn, dudelte wenige Schritte weiter mein Handy. Der Chef wollte wissen, ob ich auf dem Rückweg beim Bezirksgericht vorbei gehen könne, um mir von Richter X. eine Mappe mit Dokumenten aushändigen zu lassen. Ich versprach es ihm, obwohl es ein kleiner Umweg war.

Das Zamirer Justizgebäude lag in Bahnhofsnähe unweit jener Villa des Rechtsanwaltes Marini, bei dem ich im vergangenen Sommer gekreuzte Hellebarden bewundert hatte. Während ich die abschüssige Straße der Freiheit benutzte – so hieß sie wirklich! – saß mir gleichsam die langhaarige Zicke aus der Boutique im Nacken. Das war der nächste Mißerfolg. Dummerweise hatte sie mich an Vedrana erinnert, die ohne Zweifel liebenswerter war. Gestern abend hätte ich sie freilich ohrfeigen können, hätte mich nicht glücklicherweise die Kommunikationsebene daran gehindert. Vedrana hatte mich zu später Stunde in meiner Dachwohnung angerufen, nachdem ich kaum von der Ruine heimgekehrt war, übrigens recht beschwingt. Das legte sich rasch, weil sie mir wieder einmal zu verstehen gab, auf der Welt gebe es wichtigere Dinge als Fachgespräche über weiche Stopbälle oder als Spritztouren mit alten Kumpels, nämlich sie. Man hätte nun behaupten können, dieses wenig ersprießliche Telefongespräch sei schon aufgrund der Rollenverteilung nicht mit jenem zu vergleichen, in dem die Zicke vor der Boutique im Angesicht herabgesetzter Kleiderware mit ihrem Lover „Schluß gemacht“ hatte. Mich jedoch beschlich immer mehr der Eindruck, im Falle von Liebesbeziehungen sei alles Jacke wie Hose. Immer fühlte sich jemand zu kurz gekommen, und wer es gerade war, war im Grunde genommen egal.

Was Vedrana betraf, sah ich die Benachteiligung selbst-verständlich auch auf meiner Seite – zum Beispiel deshalb, weil sie sich nicht für Snooker interessierte. Warum hatte ich in ihr keine Frau getroffen, die sich für das Küssen oder Dreschen von Billardkugeln erwärmen konnte? Warum gestattete sie sich nicht hin und wieder einen Seitensprung mit so netten Männern wie etwa Fritz oder Leukenfels? Gewiß wäre ich in einem solchen Fall vor Eifersucht fast geplatzt, aber das machte die Sache ja auch wieder interessant.

Ich wurde aus meinen fruchtlosen Überlegungen gerissen, weil ich auf dem Bushalteplatz vorm Hafenkasino Kescher erblickte. Der abgerissene und stadtbekannte Mitbürger stocherte mit seiner Hakenrute in den dort aufgestellten Altglascontainern herum – im Grunde ein vertrauter Anblick. Aus naheliegenden Gründen ließ mich Pfand-flaschenangler Kescher allerdings an einen banalen Streit denken, den ich kürzlich mit Vedrana bei einem Gang durch die Stein- und Weingärten oberhalb der Zamirer Friedhöfe hatte.

Im Graben des Schotterweges hatten „Schweine“ wieder einmal Müllsäcke, Fliesenbruch, Farbeimer und über-flüssige Elektrogeräte deponiert. Die Bezeichnung „Schweine“ stammte von mir. Ich schimpfte auch, wenn ich sie nur träfe, würde ich diesen Schweinen doch zu gerne den Rüssel polieren. Daraufhin ging Vedrana fast raketenartig in die Luft. Was diese Aggressivität sollte; vielleicht wären die Umweltsünder mittellos und könnten die fetten Gebühren für die städtische Müllabfuhr nicht mehr aufbringen; davon abgesehen gäbe es ja weißgott größere „Schweine“, beispielsweise die von Shell, die das gesamte Nigerdelta kaltblütig in eine Kloake verwandelten, und dergleich mehr. Für mich war es sehr unwahrschein-lich, daß sie nur den Verzierern des Schotterweges zuliebe explodierte. Sie war jede Wette auch wütend auf mich, weil ich mich in den vergangenen Tagen gar zu tatkräftig an der Vorbereitung der BOZ beteiligt hatte. Ich hielt es aber auch nicht für ausgeschlossen, sie sei auf ihre Chefin in der Stadtbücherei sauer, wo ja eigentlich sie, Vedrana, die faktische Federführung inne hatte. Aber auch mit ihren Eltern stand Vedrana derzeit nicht auf bestem Fuße – und wer konnte wissen, von wievielen tatsächlichen, vermeint-lichen oder drohenden Enttäuschungen des Lebens sie in diesem Augenblick zwischen den Rebstöcken noch gebissen worden war.

Ich hütete mich freilich, ihr diese Mutmaßungen vorzu-tragen. Stattdessen wies ich sie wenig später, an der Ecke der Friedhofsmauer, auf eine auf silbernem Grund schwarz und rot gefleckte Schlange hin, die sich gerade im Unkraut eines brachen Ackerstreifens dünne machte. Ja, knurrte sie, so eine täte sie mir jetzt gern ins Hemd stopfen. Das führte erfreulicherweise dazu, daß sie die ersehnte Aktion ahmend vorwegnahm, und infolge dieses Handgemenges wanden wir uns bald selber küssend in jenem Graben, den die „Schweine“ mit Müll verschandelt hatten. So hatte die milde Abendsonne die ungefähr billionste Versöhnung zwischen Mann und Frau auf Erden gesehen – Versöh-nungen, die erfahrungsgemäß bestenfalls ein paar Tage hielten. Übrigens kamen wir bei mir zu Hause mit Hilfe des Internets überein, es sei eine Leopardnatter gewesen.


6

Drei Tage später – am Donnerstag – kam ich auf diese Gedanken zurück, weil mich die Hausherrin einer Villa auf sich warten ließ. Ich war mit einem Polizeiwagen gekom-men, lag die Villa doch etwas außerhalb, übrigens nahe der Dubrinamündung, wo Speelmanns Flöße zu landen pflegten. Es ging nach wie vor um die verdammten Ein-brüche. Ich saß in der Eingangshalle und blätterte lustlos, ja eher sogar angewidert in einem Wochenmagazin, das zufällig zuoberst auf einem Poststapel gelegen hatte. Also warf ich es bald wieder beiseite. Ich versuchte zunächst, meine Stimmung durch die Vorfreude auf den nächsten Tag zu heben. Leukenfels hatte sowohl Robertson wie am folgenden Tag im Achtelfinale den Nordiren Mark Allan besiegt, womit er im Viertelfinale stand, das morgen beginnen sollte. Ich hatte mir wohlweislich für den ganzen Freitag freigeben lassen, was mir mein Chef angesichts meiner vielen Überstunden und der Tatsache, daß ich aktuell keine Mordsache zu bearbeiten hatte, schlecht verweigern konnte. Leukenfels hatte gegen den chine-sischen Champ Ding Junhui anzutreten. Erwartungsgemäß hatte auch Slighton diese aus vier Begegnungen bestehende drittletzte Turnierrunde erreicht. Auf ihn wartete sein Landsmann Mark Selby. Aber ich hatte mir selbstverständlich ein Plätzchen an dem Tisch der Begegnung Leukenfels–Ding reservieren lassen.

Ich hätte sicherlich noch manche Formvergleiche anstellen können, um die Chancen der acht noch in den BOZ verbliebenen Snookerprofis besser abwägen zu können, doch mein Blick blieb wieder an diesem Magazin hängen, das ich dummerweise nicht weit genug geworfen hatte. Danach hatte die Filmschauspielerin X, die gerade ihre Scheidung von dem Spitzenpolitiker Y angekündigt hatte, mit Vedrana, bei flüchtigem Hinsehen, immerhin den üppigen Busen gemein. Deshalb sann ich also erneut über unsere wacklige Beziehung nach, während ich durch ein vergittertes, ovales Fenster auf tadelos geschnittene Hecken starrte. Mir ging eine Kleinigkeit auf, die uns vermutlich auch nicht zu einem neuen Fundament verhalf, aber es war immerhin eine Entdeckung, die mich jetzt für ein paar weitere Minuten beschäftigen konnte. Ich hatte Vedrana noch niemals klarzumachen versucht, daß mein Sport- und Freizeitvergnügen „Snooker“ nicht nur ein Sonnenschein war, der sie, die Ärmste, in den Schatten drängte. Sondern es brockte mir auch manches Ungemach ein. So war die Kehrseite der Kameradschaft im Club die Konkurrenz in demselben Club. Beides verquickte sich wieder mit Ansprüchen des Verbandes, der Presse, der sogenannten Öffentlichkeit, aber auch mit den unter-schiedlichsten persönlichen seelischen Dispositionen. Ich hatte es erlebt. Zufällig hast du das letzte Match einer Ligabegegnung zu bestreiten, und dummerweise entscheidet es über Sieg oder Niederlage, vielleicht sogar über Klassenerhalt oder Abstieg. Und dann verschießt du eine Pink, die wie eine Apfelsine vor einem geöffneten Scheunentor lag! Ja, ja, die Kameraden trösten dich, damit du es überlebst. Aber zu Hause im Bett, bei ihrer Frau, verwünschen sie dich Versager. Und du selber, ein paar Häuser weiter, hast keine Möglichkeit, dich an Vedranas Busen auszuweinen, weil du dir damit ihren Hohn oder ihre pädagogischen Bemühungen auf den Hals zögest.

Mit Fritz hatte ich einmal über solche Situationen, die für jede Menge Gram und Schuldgefühle gut sind, gesprochen. Er verstand mich selbstverständlich, meinte jedoch, wir seien selber schuld. Es zwänge uns schließlich niemand, aus bunten Kugeln geflochtenen Lorbeerkränzen nachzu-jagen. „Na gut“, erwiderte ich, „aber was mache ich als Polizist? Als Polizist gehe ich einem Brotwerb nach, der für mindestens genauso viele heikle Situationen sorgt. Schieße ich die flüchtende Liubina Suker mitten in ihr hartes Herz, stürzen sich gleich die erwähnte Öffentlichkeit und die Staatsanwältin auf mich. Treffe ich daneben, lachen sich die Kollegen schiefer als der Turm von Pisa. Von dem ganzen Mobbing, das ohnehin im Polizeipräsidium herrscht, brauche ich wahrscheinlich gar nicht zu reden. Wäre ich aber Feuerwehrmann, Architekt oder Lehrer, wäre meine Lage auch nicht harmloser. Was ist denn, wenn die Zuckerdose einstürzt, während 1.000 Augen-paare verfolgen, wie Stephen Lee um den Snookertisch tappt? Vielleicht kann der Architekt die Schuld auf den Statiker oder auf den Bauherrn abwälzen, aber seine Schuldgefühle ist er, falls er ein Mensch ist, damit noch lange nicht los. Du wirst vielleicht entgegnen, er möge sich eine Gefährtin anschaffen, die ihn 'auffangen' könne. Ja, damit sie ihm wieder ihrerseits 1.000 seelische Snooker legen kann. Niemand von uns handelt uneigennützig. Wir sind Snookertische mit doppelten Böden.“

Was sollte Fritz schon dazu sagen? Es war bei ihm zu Hause. Er ging zu seinen Regalen und durchsuchte sie. Als er das erwünschte Buch schließlich hervorzog, hielt er es mir freudestrahlend entgegen und versicherte mir: „Danke – ich hatte es schon lange nicht mehr in der Hand!“ Es war ein Gedichtband von Hanibal Lucić, der seine Lorbeer-kränze so um 1500 auf der Insel Hvar geflochten hatte. Mich hatte man mit ihm in der Schule gequält. Jetzt trug mir Fritz ein paar Verse aus einem Sonett vor, an das ich mich selbstverständlich nicht mehr erinnern konnte. Es kam ihm natürlich nur auf das Bild mit der Waage an: „Elende Welt, du schwanke dreiste Waage, / Nur wer ganz blind ist, mag gern auf dir stehn ...“

Vermutlich hatte ihn das simple Bild vor allem als Akrobaten angesprochen. Er konnte sich die Waage nur als das Gerät der Justizia oder des Krämers vorstellen, als Gerät mit zwei Schalen also, die mit Ketten an den beiden Wiegearmen schaukelten. Darauf zu balancieren, stellte ich mir in der Tat nicht einfach vor. Wenn ich es jetzt in Ruhe nachzuempfinden versuchte, konnte sich mir glatt der Magen umdrehen, obwohl ich noch immer in diesem verdammten Lehnstuhl hockte, der ausgezeichnet zu Marinis Hellebarden und damit auch in die Zeit Lucićs gepaßt hätte. Paradoxerweise schien einen gerade auch die Ruhe zum Spielball jener Waage zu machen – das Warten auf die schrecklich beschäftigte Dame des Hauses, oder die Dame des Herzens, oder die Chance am Spieltisch, die Alternative zum Polizeiausweis, die Erleuchtung des Lebens, den Tod und so weiter. All diese Situationen, die uns nicht wie ein Hase durch die Macchia rennen oder wie eine Katze auf der Fensterbank dösen lassen, versetzen uns nur in Aufruhr, ziehen uns durch das Wechselbad aus Niedergeschlagenheit, Hoffnung und Übermut. In der einen Sekunde möchtest du dich an der hohen Lehne dieses spärlich gepolsterten Stuhls aus schwarz gebeizter Eiche mit dem Hosengürtel aufhängen, in der nächsten weidest du dich an der Vorstellung, die Hellebarden oder sonstwas vom Haken zu nehmen, um es der endlich erscheinenden Dame des Hauses ins Gedärm zu rammen. Aber sie kam nicht. Stattdessen dudelte mein Handy.

Es war mein Chef. Auf die entsprechende Frage erklärte ich ihm die Sache mit dem Lehnstuhl und den Hellebar-den. Dummerweise schien er aber nicht zum Scherzen aufgelegt zu sein. Er sagte:

„Wenn sie dich sowieso noch nicht vorgelassen hat, setze dich sofort in den Wagen und komme zum Hafen, Dock 5. Du wirst die Dienstfahrzeuge sehen, und du wirst Antun sehen, der die Ermittlungen leiten wird. Streite dich nicht mit ihm – diene ihm mit Auskünften und Ratschlägen, soweit es geht.“

„Was ist den passiert, verdammt noch mal?!“

„Ja, Danilo, das ist eine üble Sache. Ich kann es dir leider nicht verheimlichen. Du hast mir doch von deinem neuen Bekannten Leukenfels erzählt, diesem Snookeras aus Deutschland?“

„Ja – und?“

„Leukenfels ist getötet worden.“


7

Dock 5 war der Jachthafen, wie sich zeigte. Als ich dort eintraf, war es kurz nach 12. Ich sah zwei Polizeifahrzeuge, darunter den Kleinbus der Spurensicherung, und einen Rettungswagen. Ich stellte meinen Wagen dazu. Die Blau-lichter waren nicht eingeschaltet. Ich sah auch Zvonimir und Antun. Während sich der erste auf dem Deck einer kleineren Jacht zu schaffen machte, die zwischen vielen anderen am Kai lag, schien sich Antun gerade von der Besatzung des Rettungswagens zu verabschieden, Mann und Frau. Der Leichenwagen war vermutlich schon verschwunden. Ich ging zu dem Grüppchen. Im Hinter-grund, die höher gelegene Hauptstraße eingeschlossen, äugten ein paar Schaulustige. Der Verkehr auf der Hauptstraße toste ungleich mehr als die Adria. Es war windstill und dazu heiß wie immer.

Antun trug sein restliches Kopfhaar wie eine Pelzmütze, von der nur noch die beiden, nun hochgestellten Seiten-klappen vorhanden waren. Mit Anfang 50 war er deutlich älter als ich, was er mich hin und wieder auch ganz gern spüren ließ. Unser Chef tat das nie. Ob sich Antun darüber im klaren war, daß ich noch vor zwei Tagen mit dem angeblich Getöteten zusammen gespeist und gescherzt hatte, wußte ich nicht. Er begrüßte mich und setzte mich sofort mit knappen Worten ins Bild. Auf die gleiche Weise hätte er einem Journalisten die Ein- und Ausführungs-bestimmungen für Thunfisch umreißen können.

Zum Glück war die Leiche bereits fortgeschafft worden. Es war schlimm genug, die Fotos mustern zu müssen, die mir Antun zeigte. Der Jachtbesitzer hatte die Leiche nahe der Kaimauer unter einer Plane entdeckt, die auf seinem Schiffsdeck einiges Gerümpel aus seiner Kajüte vor neugierigen Blicken schützen sollte. Obwohl sie auf der Seite lag, entging ihm nicht die Stichwunde im Rücken des muskulösen Manns. Das war erst vor einer knappen Stunde gewesen. Der Jachtbesitzer hatte in dem Mann auf Anhieb Horst Leukenfels erkannt, weil er sich im Snooker-geschehen auskannte und auch das gegenwärtige Welt-ranglistenturnier verfolgte. Er hatte sofort die Polizei angerufen.

„Ja“, erwiderte ich Antuns fragenden Blick. „Das ist Leukenfels ... Das ist er gewesen.“

Die Tatwaffe sei noch nicht gefunden worden, auch habe er in der Kleidung keine Hinweise auf die Identität des Toten entdeckt, erklärte Antun weiter. Keine Geldbörse oder Brieftasche, keinen Schmuck, noch nicht einmal eine Uhr. Das deute auf Raubmord hin. Nach den bislang ge-sicherten Spuren sei Leukenfels wahrscheinlich nicht auf der Jacht erstochen worden, vielmehr von der Kaimauer aus auf die Jacht gewälzt und dort notdürftig versteckt worden. Die Ärztin habe unter Vorbehalt geschätzt, der Deutsche sei vor 12 bis 15 Stunden gestorben, also vielleicht am späten Mittwochabend.

Wo, können wir natürlich noch nicht wissen. Möglicher-weise hier in dieser etwas abgelegenen und eher dunklen Hafenecke.“

Antun beschrieb mit dem Handrücken einen Halbkreis über dem Kai. Tatsächlich konnte ich in unmittelbarer Nähe keine Laternen entdecken. Die Sicht zur Hauptstraße hin – oder umgekehrt – wurde durch ein heruntergekom-menes verwaistes Lagergebäude eingeschränkt.

„Du bist doch in dieses Turniergeschehen involviert, Danilo“, fuhr mein Kollege fort. Er sagte tatsächlich involviert – wie einer zum Beispiel in den etwas anrüchigen Gerümpelhaufen auf dem Deck der Yacht verstrickt sein konnte. „Hatte Leukenfels gestern Spiele?“

„Ja. Er hatte im Achtelfinale gegen Mark Allan anzutreten, aber ich glaube, diese Partie war schon gegen 17 Uhr gelaufen. Anschließend hatte er frei. Er sollte erst morgen wieder spielen, im Viertelfinale.“

Während mir mit ganzer Wucht bewußt wurde, welche entsetzliche Lücke jäh durch ein Messer gerissen worden war, hörte ich Antun fortfahren:

„Könntest du so nett sein und diese ganzen gestrigen Vorgänge in der Wettkampfstätte, soweit sie Leukenfels betrafen, gleich einmal untersuchen, vielleicht auch noch das Anschließende – wohnte Leukenfels in einem Hotel?“

„Ja, im Hotel Zum Steinbock, ich kenne es.“

„Prima. Also machen wir es so? Mußt du noch etwas wissen?“

Ich versuchte nachzudenken. „Ich glaube nicht“, sagte ich nach einem Augenblick. „Nur das eine höchstens noch: Soll – nein, muß ich die Turnierleitung ins Bild setzen?“

„Ja, sicher“, nickte Antun. „Nicht zuletzt deshalb schicke ich dich hin. Wahrscheinlich kommen wir sowieso nicht umhin, noch für heute eine Pressekonferenz einzube-raumen. Ich muß erst einmal mit dem Chef sprechen. Im übrigen wäre es nicht schlecht, wenn du bei dieser Gelegenheit versuchtest, die familiären und beruflichen Verhältnisse des Deutschen zu erhellen, damit die unumgänglichen Benachrichtigungen erfolgen können. Du verstehst? Gut. Rufst du mich nach Mittag einmal an?“

Ich nickte und ging zu meinem Dienstwagen. Ich schloß ihn ab, weil ich zu Fuß gehen wollte. Bis zur Zuckerdose war es ja nicht weit. Ich mußte dringend in Ruhe nach-denken. Den Wagen konnte ich immer noch abholen und mir bei dieser Gelegenheit noch einmal den mutmaßlichen Tatort anschauen.


8

Nachdem ich mich ungefähr eine Stunde im Haus der Weißen und der Zuckerdose aufgehalten hatte, verließ ich diese durch den Haupteingang im Dachgeschoß, weil in der Jüdengasse die kleine Bar Le Jüd lag, in der ich mich zu sammeln und bei einem Imbiß mit Pastiz für die nächsten unangenehmen Schritte aufzupäppeln versuchte. Ich saß in einer rückwärtigen Nische am Hinterhoffenster. Es war recht still in der Bar, sah man einmal von dem Deckenventilator ab, der just die gedämpfte Stimme von Yves Montand zwischen den Ohren der rund 20 Gäste zu verteilen hatte. Ob Montand gerade von Liebe oder irgendwelchen Gemeinheiten sang, konnte ich nicht beurteilen, denn ich hatte nie Französisch gelernt. Jeden-falls war Heinz Leukenfels tot.

Die spärlichen Ergebnisse meiner bisherigen Ermitt-lungen, die ich gleich auch Antun mitteilen würde, waren rasch zusammengefaßt. Ich übergehe das Entsetzen, das ich auf etlichen Sportler- und Funktionärsgesichtern hervorgerufen hatte. In meinem Notizbuch standen nun Adressen und Kontaktdaten von Leukenfels selber und seinem Wuppertaler Verein. Ich hatte sogar schon versucht, in Leukenfels' dortiger Wohnung anzurufen, was möglicherweise auf Antuns Mißbilligung gestoßen wäre, sofern ich es ihm verraten hätte. Es nahm niemand ab. Dagegen ließ ich Leukenfels' Handynummer einstweilen unüberprüft. Ich stellte fest, Leukenfels hatte die Zucker-dose gegen 18 Uhr ohne Begleitung auf der Jüdengasse Richtung Altstadt verlassen – gerade so wie ich – nur wußte niemand, mit welchem Ziel. Wie es aussah, hatte der Deutsche im Feld der Turnierteilnehmer keine Freund-schaften gepflogen. Er galt ja ohnehin als Einzelgänger. Es gelang mir auch, mit Leukenfels' letztem Gegner Mark Allan zu sprechen, da er – ein glücklicher Zufall – trotz seines Ausscheidens noch nicht abgereist war. Der Nordire hatte sich nämlich entschlossen, die Gelegenheit für einen kurzen Badeurlaub zu nutzen. Ich telefonierte mit ihm, während er irgendwo an der Adriaküste im Sand lag. Aber er konnte mir nichts berichten, das wir als Anzeichen für Leukenfels' bevorstehende Ermordung hätten deuten können. Leukenfels sei wie immer gewesen, wie Allan ihn kenne – eben deshalb habe Leukenfels ja auch gewonnen, fügte der junge Nordire nicht ohne schwarzen Humor hinzu. Und dann fluchte er in sein Handy, daß der nächste Sendemast auf dem Vorgebirge wackelte. Nicht etwa über seine Niederlage, sondern über diese Untat.

Ich stimmte Allan zu und berichtete ihm, die Turnierlei-tung habe sich „schweren Herzens“ dazu durchgerungen, das Turnier nicht abzubrechen, allerdings am nächsten Morgen, Punkt 10 Uhr, erst nach einer kurzen Gedenkfeier fortzusetzen. Ob er daran teilnehmen könne? „Selbst-verständlich!“ knurrte Allan. Damit beendeten wir unser Gespräch.

Inzwischen hatte ich gegessen. Montand war France Gall gewichen, und vielleicht suchte mir ihre helle Stimme die unangenehmste Aufgabe zu erleichtern, die mir noch bevorstand: Ich mußte Fritz benachrichtigen. Wie ich wußte, hatte er heute Dienst auf Speelmanns Floß. Es kam mir ziemlich unpassend vor, ihn über Telefon mit Leukenfels' Ermordung zu konfrontieren, während er vielleicht gerade die Dixiland-Version von Mama told me not to come ins Bordmikrofon stampfte oder stammelte. Wartete ich andererseits ab, bis er am frühen Abend wieder zu Hause einliefe, bestand die Gefahr, daß er inzwischen von dritter Seite aus, etwa dem Rundfunk oder von Zamirsteigtauf im Haus der Weißen, informiert worden war. Deshalb nahm ich mir vor, ihn an der Landungstreppe abzupassen, falls sich dies mit der Dienstbesprechung vereinbaren ließ, die mein Chef jede Wette schon für den Nachmittag angesetzt hatte. Von den psychologischen Gesichtspunkten dieser Benachrichtigung einmal abgesehen, hegte ich selbstverständlich gewisse Hoffnungen, Fritz könne uns weitere Kontakte und sogar Aufschlüsse in diesem Mordfall geben. Immerhin hatte Fritz seinen Landsmann, wenn er ihn auch bis dahin noch nie getroffen hatte, vom ersten Tage an sozusagen betreut.

Ich zahlte, hockte mich vor der Bar auf die Außenbrüstung des großen Schaufensters und telefonierte mit Antun. Na also, die Dienstbesprechung sollte um 16 Uhr beginnen. Bis dahin hatte ich noch rund zwei Stunden Zeit. Ich gab Antun meine mageren Ergebnisse durch und kündigte ihm an, als nächstes Leukenfels' Hotel aufzusuchen. Er hatte nichts dagegen. Er feuerte mich im Gegenteil an, noch irgendetwas Brauchbares herauszufinden, denn just vor 20 Minuten sei die Staatsanwältin beim Chef aufgekreuzt und habe den Untergang Zamirs als blühendes Sport- und Touristenzentrum für den Fall prophezeit, dieser Fall werde nicht „umgehend“ aufgeklärt. „Ja“, erwiderte ich spontan, „durch diesen Untergang wird auch die Zamirer Kripo endlich aufgelöst.“ Das schien Antun aber nicht sonderlich witzig zu finden. Er legte nach einem Grunzen auf.

Nach 10 Minuten stand ich im Empfangsraum des Hotels Zum Steinbock, den ich ja sogar schon flüchtig kannte. Auch die diensthabende Dame, um 50, erkannte ich sofort wieder. Sie saß wie kürzlich hinter dem geschwungenen Empfangstresen. Wie sich herausstellte, war sie die Chefin persönlich. Offenbar übernahm sie in dem kleinen Hotel regelmäßig Schichten im Empfangsdienst. Sie hatte bereits im Rundfunk von der Ermordung ihres Gastes gehört und zeigte mir ihre Bestürzung, die ich für echt hielt. Ja, gestern abend sei Leukenfels gegen halb sieben im Hotel erschienen und gleich auf sein Zimmer gegangen. Gegen acht habe er das Hotel wieder verlassen.

„Wirkte er irgendwie seltsam auf Sie?“

„Seltsam? Nein, er wirkte wie immer: freundlich und sehr sympathisch.“

Bei dieser Antwort zog sogar eine leichte Röte über die Wangen der Schwarzhaarigen, was ihr ja durchaus gut stand. Ich bohrte weiter:

„Wurde Herr Leukenfels abgeholt? Oder auf der Gasse von irgend jemandem erwartet?“

„Nein.“

„Prima!“, sagte ich, um ihre Beobachtungsgabe zu loben. „Aber woher wissen Sie das, wenn ich fragen darf?“

Die Röte erschien erneut. Sie nickte durch ein Fenster auf die schattige Gasse: „Ich stand gerade draußen, weil ich die Blumenkästen goß.“

„Wohin wandte sich Herr Leukenfels?“

„Zur Domgasse.“

„Erreichte er die Domgasse auch?“

„Ja. Ich blickte ihm nach. Er bog nach rechts ein, Richtung Dom. Wissen Sie, Herr Leukenfels ist ein liebenswürdiger und attraktiver Mann – ach, was sage ich! Er war es.“

Sie schlug jäh die Hände vor ihr Gesicht, fischte dann nach einem Taschentuch, bat mich um Entschuldigung.

„Selbstverständlich“, erwiderte ich schonend. „Ich kann Ihre Betroffenheit sehr gut nachempfinden. Nur eine Frage noch: Könnten Sie eine Uhrzeit für den Zeitpunkt angeben, da Herr Leukenfels auf der Domgasse verschwand?“

Sie überlegte eine Weile. „Es könnte ziemlich genau um acht gewesen sein. Ich bilde mir ein, die Domuhr hätte gerade geschlagen.“

Ich dankte ihr und versicherte ihr im folgenden, es würden ihrem Hotel durch die Untat schwerlich finanzielle Einbußen entstehen, notfalls stünde ich persönlich dafür gerade. Ob ich nun noch das Zimmer von Herrn Leukenfels sehen könne – wahrscheinlich könne es anschließend für einen anderen Gast freigegeben werden.

„Selbstverständlich.“

Sie händigte mir sofort den Schlüssel aus und erklärte mir den Weg. Wie sich versteht, hatte ich ihr meinen Dienstausweis gezeigt, trotzdem wunderte ich mich im ersten Moment über ihre Arglosigkeit. Aber vermutlich verbot es sich für sie, mir ihre Begleitung anzubieten, weil sie im Empfang unabkömmlich war. Oder war es gar Pietät, die sie das Zimmer des Ermordeten meiden ließ?


9

Das Zimmer lag im ersten Stock und ging auf den Hinter-hof. Es entsprach dem Stil des ganzen Hauses: schlicht, ländlich, sauber. Eine bemalte Bauerntruhe stellte bereits den Gipfel des Zimmerschmuckes dar. Sie war leer. Vermutlich diente sie nur als Nacht- und Telefontisch. Über einer Stuhllehne hing eine leichte Blousonjacke, sonst wirkte das Zimmer sehr aufgeräumt. Freilich war inzwischen auch ein Zimmermädchen hier gewesen – darum, daß es nichts gestohlen oder verfälscht hatte, konnte man nur beten. Ich durchsuchte die Jackentaschen: nichts von Bedeutung. Ich zog auch keine anzüglichen Fotos hervor, Gott sei Dank. Dies alles war schon vorgekommen. Ich haßte es grundsätzlich, in fremde Privatsphären einzudringen, und im Falle Heinz Leukenfels' erst recht. Aber aus beruflichen Gründen blieb mir nichts anderes übrig. So durchsuchte ich auch den Kleiderschrank und das Badezimmer, ohne etwas Aufschlußreiches zu finden. Ein Laie des Billardsports hätte sich vielleicht über den Umstand gewundert, keinen Queuekoffer zu entdecken, aber er lag natürlich in der Zuckerdose im sogenannten Panzerschrank. Den meisten Champs war es zu fahrlässig, ihre Wunderwaffen in einem Hotelzimmer aufzubewahren. Der Panzerschrank stellte genauer gesagt eine Schließfachwand dar, und was Leukenfels' Schließfach anging, hatte die Karte, mit der es sich öffnen ließ, vermutlich das noch unaufgehellte Schicksal von Leukenfels' Brieftasche geteilt. Allerdings besaß auch Zamirsteigtauf für alle Schließfächer Karten, und so hatten wir uns vorhin davon überzeugt: Leukenfels' Queue war noch vorhanden. Wir hatten es einstweilen in die „Waffenkammer“ des benachbarten Salons verlagert.

Schon unweit der Zimmertür stehend, zwang ich mich noch einmal, meinen Blick schweifen zu lassen, um auch ja nichts zu übersehen. Doch ich schüttelte den Kopf: hier war nichts zu holen. Selbst den kleinen Teppich, der zwischen Bett und Schrank lag, hatte ich bereits umge-schlagen. Man macht es aus Gewohnheit. So entschloß ich mich zum Gehen, streckte meine Hand zur Türklinke aus – da dudelte das Zimmertelefon. Ich wandte mich wieder um und starrte die Bauerntruhe an, auf der es stand. Erfreu-licherweise biß sich die Truhe nicht mit dem Teppich, weil ihn die schwarzhaarige Dame des Hauses nahezu einfarbig (strohgelb auf Kieferndielen) gehalten hatte. Ich hielt es allerdings für sehr unwahrscheinlich, daß sie mich nun hier anrief, und auch Antun hätte doch eher mein Handy angewählt. So ging ich hin und nahm ab.

„Hallo“, sagte ich.

Nach kurzer Stille fragte eine Frauenstimme: „Heinz ..?“

Es klang deutsch. Während mich noch mindestens weitere sieben Gedanken durchfuhren, schaltete ich auf Englisch um und erwiderte:

„Nein, es tut mir leid, Herr Leukenfels ist im Moment nicht zu sprechen. Kann ich etwas ausrichten?“

Etwas Dümmeres war mir auf die Schnelle nicht einge-fallen. Jedenfalls sprach die Dame Englisch. Sie wollte wissen, mit wem sie denn spreche?

„Ja, sehen Sie“, erwiderte ich, „das wollte ich Sie auch gerade fragen. Kennen Sie Herrn Leukenfels näher?“

„Doch, das kann man schon sagen. Meine Name ist Iris Trögner. Ich bin seine Lebensgefährtin. Was ist denn mit Heinz? Über sein Handy habe ich ihn nicht erreicht.“

Ich hatte es befürchtet. Was tun? Ihre Stimme war nicht so hell wie die von France Gall und auch nicht so keck, zumal ihr bereits anzuhören war, daß ihr die Lage in Zamir nicht ganz geheuer vorkam. Aber früher oder später mußte sie es ja doch erfahren. Ich sagte:

„Mein Name ist Danilo Matavulj, Frau Trögner. Ich gehöre der kroatischen Kriminalpolizei an. Leider ist hier eine sehr üble Sache vorgefallen. Ich wäre heilfroh, wenn ich Sie nicht damit belästigen müßte, aber leider sind Sie mitbetroffen.“

Jeder Blinde hätte gesehen, wie sich ihr Herz verkrampfte, während ihr Atem stockte. Dann stieß sie fast ungehalten hervor:

„Was ist passiert?!“

„Heinz Leukenfels ist gestern abend in unserer Stadt ermordet worden. Er ist tot.“

Es dauerte mindestens 60 Sekunden, bis sie wieder zur Sprache fand. Sie sagte fast tonlos: „Und das soll ich Ihnen glauben? Er ist tot?“

„Ja. Ich fürchte, wenn Sie gleich im Internet nachschauen, weiß es schon alle Welt. Er war ja nicht irgendwer.“

„Ermordet, sagen Sie? Und warum?“

„Wir untersuchen es gerade. Möglicherweise ein Raub-mord. So ein hundsgemeiner Raubmord, wissen Sie, der jeden treffen könnte ... Es ist übrigens erst drei Tage her, da hatte ich die Ehre, mit Ihrem Gefährten in einem hiesigen Speiselokal zu sitzen ... Es ist furchtbar ... Ich spiele ebenfalls Snooker, wissen Sie?“

Sie schien sogar schwach zu lächeln. „Ja – jetzt weiß ich es.“

Aber dann schwieg sie wieder gramvoll, wie ja anzu-nehmen war. Deshalb sagte ich:

„Vielleicht sollte ich Sie jetzt erst einmal in Ruhe lassen, Frau Trögner. Allerdings bräuchte ich Ihre Kontaktdaten. Wir sind auf ihre Mithilfe angewiesen.“

Sie schien nachzudenken. Plötzlich meinte ich förmlich zu sehen, wie ein trotziger Ruck durch sie ging. Sie sagte entschieden:

„Nein. Das machen wir anders. Ich komme. Ich werde in Düsseldorf das nächste Flugzeug nehmen. Wenn Sie da sowieso in Heinz' Zimmer sind: behalten Sie es, für mich. Sind Sie noch da? Gut. Ich gebe Ihnen jetzt meine Telefonnummern und meine Mailadresse und brauche dann natürlich auch die von Ihnen. Ich würde Sie benachrichtigen, sobald ich die Flüge und Züge gebucht habe. Sind Sie einverstanden?“

Das bejahte ich selbstverständlich, obwohl ich mich fast ein wenig überrollt fühlte. Vielleicht hatte die Empfangs-chefin den zweiten Pastiz des Tages für mich.


10

Da ich mich sozusagen als Zimmervermittler bewährt hatte, ließ es sich die Hotelchefin nicht nehmen, mir den Pastiz auszugeben. Anschließend nannte sie mir auch die fahrplanmäßige Ankunftszeit von Fritz: 18 Uhr 30, ohne ihren Computer bemühen zu müssen; sie hatte Speel-manns Fahrplan im Kopf. Jetzt war es kurz nach 15 Uhr. Ich verabschiedete mich und ging zügig zum Hafen hinunter, um mir noch einmal die Szenerie an Dock 5 anzuschauen, wo ich meinen Polizeiwagen geparkt hatte.

Er war noch da. Zu Wasser hatte sich außerdem ein kleines Schiff der Küstenwacht zu den übrigen Jachten gesellt. Es hatte in Steinwurfweite vom Kai an einer Mole festge-macht. Das Wasser um die Yacht, auf der man den Toten gefunden hatte, war bewegt. Ich begriff, die Stelle wurde gerade von Tauchern abgesucht, vermutlich nach der Tatwaffe oder anderen Indizien. Ich verzichtete darauf, die Leute anzusprechen, drehte eine Runde auf dem Kai und ließ mich dann auf der Rampe jenes verrammelten Lagergebäudes nieder, dessen Dach fast die Hauptstraße berührte.

Selbst wenn es verrammelt ist, sagte ich mir, kann sich da sicherlich jemand gut im Schatten verbergen, um einem nichtsahnenden Opfer aufzulauern. Aber was hatte Leukenfels zu später Stunde in diesen unattraktiven Winkel des Hafens gelockt? Zogen ihn Jachten auch im Dunkeln magnetisch an, oder war er vielleicht bestellt worden? Unser Jachtbesitzer hatte behauptet, von nichts zu wissen. Wahrscheinlich hatte gestern abend auch auf keiner anderen Yacht eine Party stattgefunden, wie mir Antun aufgrund eines Gesprächs mit der Hafenaufsicht gesagt hatte. Warum sollte dann ein Raubmörder ausgerechnet hier auf Beute hoffen? Gut – er konnte sich Leukenfels schon vorher, in der Stadt, ausgeguckt haben. Aber warum gerade ihn? Woher wußte er, mit Leukenfels ein lohnendes Opfer vor sich zu haben – wenn es denn so war? Denn wir hatte ja leider keine Ahnung, was Leukenfels mit sich führte. Gut – der Raubmörder hatte vielleicht den prominenten Snookerspieler in ihm erkannt. Das bot ihm freilich noch immer keine Gewähr auf nennenswerte Beute. Oder er hatte ihn in einem Restaurant oder einem Juweliergeschäft beim Zahlen beobachtet. Allerdings konnte ich mir Leukenfels nur schlecht in einem Juweliergeschäft vorstellen. Vielleicht hatte der spätere Täter auch nur auf den Busch geklopft, Leukenfels dadurch jedoch gereizt – es gibt eine Schlägerei, und der schmächtige Räuber, in seiner Panik, stößt mit dem Stilett zu. Und warum wirft er dann nur das Stilett ins Wasser, statt lieber die Leiche hineinzuwälzen? Und hätte er sein Stilett nicht woanders doch beruhigender entsorgen können?

Schon diese wenigen Erwägungen deuteten darauf hin, daß es kaum Anhaltspunkte, dafür aber tausend Möglichkeiten gab. Somit war Antun wahrhaftig nicht zu beneiden.

Ich sah auf meine Uhr und erschrak. Ich ging eilig zu meinem Dienstwagen. Immerhin besaß ich noch die Geistesgegenwart, mir vorm Einsteigen den Hintern abzuklopfen, war doch die Rampe ziemlich staubig gewesen. Meine gute, helle Leinenhose!


11

Um sechs durfte ich gehen, obwohl die Dienstbesprechung noch nicht beendet war. Ich nahm den Fuß- und Radweg, der unterhalb der geschwungenen Hauptstraße am Strand verlief. Wo der Hafen aufhörte, wurde die Hauptstraße auch auf der Küstenseite wieder von Häusern gesäumt, die in ihrer Staffelung selbst von hinten her einen merkwür-digen Liebreiz auf so gut wie jeden Betrachter ausübten. Allerdings hatte ich mich noch nie nach dem Grund gefragt.

Mal waren die Häuser drei-, mal viergeschossig. Sie schmiegten sich aneinander, ohne doch je dieselbe Trauf-höhe zu teilen. Das gleiche galt ja für die unterschiedlichen Häuserbreiten, Dachformen, Erker, Anstriche und so weiter. Trotzdem drängte sich der Eindruck auf, die Häuser nähmen aufeinander Rücksicht. Deshalb strahlte die bunte Reihe völlige Harmonie aus. Nichts daran war zufällig. Vermutlich gefielen solche Häuserzeilen, weil sie das Sinnbild einer befriedeten, vielfältigen Gemeinschaft waren, die es natürlich unter den Menschen, die sie bewohnten oder jedenfalls bestaunten, nie gegeben hatte und auch in Zukunft nicht geben würde.

Ironischerweise hätte man der Dienstbesprechung, soweit es den Mordfall Leukenfels betraf, große Einhelligkeit bescheinigen können. Alle, den Chef eingeschlossen, schienen von der These „Raubmord“ auszugehen. Ich hatte es mir allerdings verkniffen, Bedenken anzumelden, da ich schließlich, bar aller andersgelagerten Spuren, nicht als Naseweis dastehen wollte. Jeder Kriminalbeamte pflegt sich bei jeder Tat sofort und zuerst zu fragen: wem nützt sie?, und wenn die lieben Kollegen in diesem Fall der Überzeugung waren: dem Strauchdieb!, waren sie selber schuld.

Selbstverständlich hatte ich mein Gepräch mit Iris Trögner erwähnt und deren geplante Reise nach Zamir angekün-digt. Der Chef schien das fast als bemerkenswertes Verdienst von mir aufzufassen, von seinen wohlgefälligen Blicken her zu schließen. Immerhin würden wir in der Lebensgefährtin jemanden haben, der den Toten an Ort und Stelle noch einmal zweifelsfrei identifizieren konnte. Wahrscheinlich blieb dadurch Fritz das gleiche Amt erspart. Andererseits hatte mich der Chef mit drohendem Unterton daran erinnert, meine Hauptaufgabe bestehe nach wie vor darin, die Einbruchsserie zu bearbeiten. Mit anderen Worten, er hatte mir zu verstehen gegeben, Antun nicht ins Handwerk zu pfuschen, es sei denn, man bitte mich ausdrücklich um die eine oder andere Unterstützung. Das hinderte mich allerdings nicht daran, mir in einer Gesprächspause ein Exemplar der Abzüge in die Jacke zu schieben, die Zvonimir von den auf der Jacht geschossenen Fotos gemacht hatte. Der Abzug zeigte den Toten.

Während die Bebauung an der Hauptstraße allmählich auslief, versuchte ich mich auf die Frage zu konzentrieren, wie und wo genau Fritz die Todesnachricht am schonend-sten beizubringen sei. Ich kannte das Verfahren nach der Landung des Floßes: Der gelbe ZOS-Kleinbus, von dem ich bereits das Verdeck sah, nahm die Instrumentenkoffer und Verstärker der Gruppe und dann die Musiker selbst auf, um sie zum Haus der Weißen zu schaffen, in dessen Souterrain der ZOS-Übungskeller lag. Erfahrungsgemäß war der Bus geräumig genug, um auch mich noch hinein zu quetschen. Aber sowohl die Überfahrt als den Übungs-keller stellte ich mir als wenig geeignet für unsere Unterredung vor. Waren wir freilich erst einmal im Haus der Weißen eingetroffen, drohten uns Zamirsteigtauf oder andere SpielerInnen über den Weg zu laufen, die Fritz gleich das übliche „Hast du schon gehört?!“ um die Ohren hauen würden. Vielleicht war es am besten, wenn ich ihn sofort am Ufer beiseite nahm.

Das offenbar vollbesetzte Floß und ich trafen nahezu gleichzeitig an der Dubrina-Mündung ein. Ich nickte Nevenka zu, die in der bereits geöffneten Hecktür des gelben Buses saß. Sie war die Frau von Keyborder „Tröte“ und hatte den Bus hierher gefahren. Die Fahrgäste strömten unter viel Geschnatter auf und über die Trep-penstufen in der Ufermauer, die hier einen Steg ersetzten. Fritz hatte mich bereits entdeckt und kam auf mich zu. Einerseits schien er mein Auftauchen für eine erfreuliche Überraschung zu halten; andererseits schien sein müder Gang zu sagen, schlimmer könne es nicht mehr kommen. Wir begrüßten uns. Doch als ich zu einer Erklärung ansetzte, winkte er ab:

„Ich weiß es schon, Danilo. Speelmann hatte das Bordradio angemacht, weil er den Wetterbericht hören wollte. Es ist aber klasse, daß du gekommen bist.“


12

Als ich im ZOS-Bus zu Fritz bemerkt hatte, eigentlich müßte ich dringend Snooker spielen, um nicht völlig aus dem Tritt zu kommen, fürchtete jedoch, gar nicht die Kon-zentration dafür aufbringen zu können, hatte er erwidert, es gehe ihm ähnlich. So lud ich ihn zum Essen ein. Wir entschieden uns für eine Pizzeria, die kürzlich am Waisen-hausplatz eröffnet hatte. Am Kopf des abschüssigen Platzes, der von Robinien beschattet war, thronte die Stadtbücherei, in der Vedrana arbeitete. Es drohte aber keine Stippvisite von Vedrana, weil sie schon am Mittag, fürs Wochenende, zu ihrer Schwester nach Triest gefahren war.

Fritz wurde seiner Erschütterung durch Leukenfels' Tod trotz der ausgezeichneten Pizza kaum Herr. Wir saßen im Freien, und in den Gesprächspausen ersetzte das Plät-schern vom Waisenhausbrunnen her die Tränen, die Fritz nur mühsam zurückhalten konnte. Wie sich versteht, drehten wir das Unglück hin und her, ohne es dadurch freilich besser zu begreifen. Für Fritz' Empfinden war sein prominenter Landsmann erfreulich guter Laune gewesen. Er habe sich über nichts beklagt, auch nicht das Turnier oder seine Freizeit betreffend. Von Bekanntschaften, die Leukenfels möglicherweise in Zamir geschlossen hatte, wußte Fritz nichts. Allerdings war Fritz auch die Existenz Iris Trögners neu. Einmal habe Heinz lediglich erwähnt, er sei nicht verheiratet, was ja, laut Trögner, auch zutraf. Heinz habe wenig über „Persönliches“ gesprochen. Sein Lieblingsthema sei die Literatur gewesen, und dem hätten sie selbstverständlich ausgiebig gefrönt.

„Wann hast du Heinz das letzte Mal gesehen oder gesprochen?“

„Am Mittwochmittag in der Pause seiner Begegnung mit Allan. Wir setzten uns für ein halbes Stündchen ins Le Jüd. Ich ging dann nicht mit zurück, weil ich einen Zahnarzt-termin hatte. Selbstverständlich wünschte ich ihm – für den Rest der Begegnung – weiter 'viel Glück'. Aber wenn ich das jetzt so wiedergebe, kommt es mir wenig selbst-verständlich, vielmehr makaber vor. 8 oder 10 Stunden später war er ja schon tot.“

Er sah mich grimmig an, und ich nickte. Er schien sich dann weiter zu besinnen. Schließlich beugte er sich zu mir vor, machte mit flacher Hand eine Bewegung des Hals-abschneidens und sagte:

„Weißt du was? Es steht mir mal wieder alles bis hier. Ich denke gerade an die Rundfunknachrichten auf dem Floß. Du weißt ja, ich habe zu Hause weder Radio noch Fernsehen. Was die da an Belanglosigkeiten 'berichten', kaum zu glauben! Die wesentlichen Vorgänge auf der Welt sparen sie offenbar konsequent aus, es sei denn, sie sehen sich gezwungen, sie zu verharmlosen oder zu verfälschen. Kernschmelze in Fukushima? Haben sie, wie mir Tröte bestätigte, seit Wochen nichts mehr von gehört. Die Nato hetzt die sunnitischen 'Rebellen' in Syrien zu Folter, Mord und Brandschatzung auf? Pustekuchen. Der Kapitalismus hat das Ende der langen Bank erreicht, auf die er seit Jahren seine Verwertungsschwierigkeiten durch immer groteskere Akrobatik mit nie erwirtschaftbaren Milliarden schiebt? Hat er natürlich nicht. Und dann so einen sinnlosen angeblichen 'Raubmord' an einem der liebens-würdigsten Menschen, die ich kenne. Nein, ich wiederhole es, es steht mir bis hier!“

Er legte sich zurück und bedeutete dem Kellner, der gerade in der Nähe war, wir benötigten noch zwei Bier.

Ich lächelte besänftigend und zwinkerte. „Selbstverständ-lich stimme ich dir grundsätzlich oder weitgehend zu. Woher willst du aber wissen, daß der angebliche Raub-mord so sinnlos war? Hast du eine Vorstellung, was Heinz in der Regel mit sich führte? Und wenn nicht: was hieltest du für wahrscheinlich?“

„Schon richtig, in dieser Hinsicht habe ich keine Vorstel-lung. Ich pflege ja auch nicht in die Brieftaschen der Leute zu linsen, wenn sie bezahlen. Vielleicht weiß in dieser Hinsicht Frau Trögner Genaueres, die ihn schließlich kennt. Was wird jetzt überhaupt aus Heinz' Vermögen? Hast du wenigstens davon eine Ahnung?“

„Wie sollte ich? Warten wir ab, was Frau Trögner darüber erzählt.“

„Wie alt ist sie denn?“

„Mein Gott – soll ich das durchs Telefon riechen?!“

Fritz grinste, was ja immerhin ein Hoffnungsschimmer war. Bald darauf, gegen 20 Uhr, trennten wir uns. Ich hatte ihm versichert, ich fände für heute keine Ruhe, wenn ich nicht noch dem gestrigen Abendspaziergang des Ermor-deten hinterher schnüffelte, und genau das tat ich. Wir würden uns ja bereits am nächsten Vormittag wieder-sehen, wenn in der Zuckerdose die Gedenkfeier für Heinz Leukenfels stattfand.


13

Ich stand an der Einmündung der Trauben- in die Dom-gasse, gerade dort, wo Leukenfels vor genau 24 Stunden den Augen der Hotelchefin entschwunden war. Sie hatte gesagt, er sei Richtung Dom eingebogen, also tat ich es auch. Aber es war natürlich wahnwitzig. Die Domgasse war von Erlebnishungrigen überfüllt, und alle 30 Meter ging rechts oder links eine Nebengasse ab. Woher wollte ich wissen, Leukenfels sei zumindest bis zum Domplatz geschlendert? Vermutlich kannte er ihn längst und suchte ihn eher zu meiden. Überhaupt: er hatte gesagt, er sei etwas „massenscheu“ – warum hatte er dann nicht gleich auch die Domgasse gemieden? Gewiß, die meisten Altstadtgeschäfte hatten bis 22 Uhr geöffnet; vielleicht brauchte er etwas aus einem Geschäft, das nun einmal in der Domgasse lag. Allerdings gab es hier mindestens hundert Geschäfte, und zwar aller Art, von den Lokalen zu schweigen. Im Augenblick berührte ich beispielsweise ein Hut- und Mützengeschäft, das sich just der Taverne Admiral gegenüber in Branko Vlasics ehemaliger Polsterei etabliert hatte. Benötigte Leukenfels eine Kopfbedeckung? Sollte ich hinein gehen, um mein Foto nicht vergeblich in der Innentasche stecken zu haben? Doch wie ich mich kannte, hätte ich mich eher danach erkundigt, wer eigent-lich inzwischen der Hauseigentümer oder wenigstens Hausmeister sei, saß doch Vlasic in Split im Kittchen. So ließ ich es sein.

70 Meter weiter kam sogar ein Geschäft, dessen Inhaber ich flüchtig kannte, nämlich von der gemeinsamen Schulzeit her. Ich machte den hageren Jossip mit dem hängenden Schnauzbart auch gleich hinter seinem Tresen aus. Er verkaufte Tabakwaren und Zeitungen. Nun hatte zwar Leukenfels so wenig geraucht wie ich selber – aber für das Zeitgeschehen durfte man sich ja vielleicht noch interessieren, obwohl es Fritz gerade erst verwünscht hatte. Und immerhin, Jossip kannte hier jede Maus, und wahrscheinlich spähte er sowieso alle paar Sekunden durch sein Schaufenster auf die Gasse, weil er sich keine der Blumen der Adria entgehen lassen wollte, von denen er zu Hause neben seiner schnarchenden Gattin träumte. Ich ging hinein.

Er warf mir sofort vielsagende und belustigte Blicke zu, während er noch zwei Kunden abkassierte. Dann stemmte er die Fäuste in die Seiten:

„Mußt du Proberauchen, weil irgendein Einbrecher am Tatort einen Stumpen verloren hat, mein lieber Danilo – wie geht's?“

Ich sagte „Danke!“ und schüttelte ihm die Hand. Den Spruch hatte er sich ja gar nicht schlecht überlegt – als hätte er geahnt, daß mir diese blöde Einbruchsserie im Nacken saß.

„Folgendes, Jossip“, sagte ich und griff in meine Jacke. „Ich bin in der Tat im Dienst. Ich suche eine Stecknadel im Heuhaufen. Kennst du diesen Mann?“

Damit legte ich ihm das Foto vor, das den toten Leukenfels zeigte.

Jossip lachte. „Willst du mich veräppeln? Den kennt ja wohl jeder zweite.“ Er schlenkerte seinen Handrücken zu einem Wandbord, in dem die Zeitungen und Illustrierten lagen, und ergänzte: „Und jetzt haben sie ihn auch noch kaltgemacht, die Schweine!“

„Ja“, sagte ich. Tatsächlich grüßte mich von dem Wand-bord mindestens dreimal Leukenfels' Porträt. Ich wandte mich wieder zu Jossip. Ich winkte mit dem Daumen nach draußen:

„Und hast du Leukenfels auch auf der Domgasse gesehen?“

„Ja – zwei- oder dreimal vielleicht. So genau weiß ich das nun auch nicht mehr. Vielleicht hat ihn auch noch Dora gesehen, sie macht in dieser Woche die Frühschicht. Momentchen, bitte!“

Er bediente ein junge Frau, die eine ganze Stange Zigaretten kaufte. Dora war übrigens Jossips Frau. Jetzt schloß er die Kassenlade wieder, lachte auf und faßte mich verschmitzt ins Auge:

„Irre ich mich nicht, ist er vor ein paar Tagen sogar in Begleitung eines berühmten Kriminalkommissars und von diesem langen Blonden, der ebenfalls Snooker spielt, hier vorbei gekommen!“

Ich grinste. „Sehr gut, Jossip! Du täuschst dich nicht ... Und wie ist es gestern abend ab genau 20 Uhr gewesen? Ging da Leukenfels ebenfalls vorbei?“

„Ja, sicher“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen.

Aber im nächsten Augenblick mußte er wieder einen Kunden bedienen, der die jüngste Neue Zürcher Zeitung erwarb. Als der Mann draußen war, hakte ich nach:

„Warum sagst du 'Ja, sicher'?“

„Na, weil er diese rassige Mieze dabei hatte! Die übersehe ich doch nicht!“

Ich verkniff meine Augen. „Sag das nochmal, Jossip,
bitte ...“

„Er war in Begleitung einer bemerkenswerten Dame, wenn dir das lieber ist. Sie hatten sich sogar untergehakt. Sie gingen Richtung Dom. Aber du wirst nicht das Geständnis von mir erwarten, ich sei sofort mit dem Fernglas hinaus gestürzt, um ihren weiteren Lebensweg zu verfolgen, weil mir Danilo Matavulj später Löcher in den gar nicht vorhandenen Bauch fragen wird.“

Er grinste über seinen gelungenen Scherz, begrüßte eine Kundin, die ausgerechnet jetzt ein „richtiges, gutes“ Feuerzeug erwerben wollte und führte der älteren Dame vor, was er in dieser Hinsicht zu bieten hatte. Ich stand wie auf glühenden Kohlen. Schließlich entschied sich die Kundin und warf Jossip für ein geschmackloses Tisch-feuerzeug nahezu 130 Kuna in den Rachen. Als sie verschwunden war, sagte ich:

„Wann war das, als du das Paar gesehen hast?“

Er dachte nach. „Na, ungefähr so wie jetzt. Jedenfalls vor halb neun, denn da kam Dora herein, weil sie den Wagenschlüssel brauchte.“

„Gut. Und könntest du Leukenfels' Begleiterin näher beschreiben?“

Jossip sah mit verkniffenen Augen auf die Gasse. „Schwarze Locken bis auf die Schulter, etwas kleiner als er, auch schlanker, aber einen deftigen Busen, außerdem Stöckelschuhe. Sie trug ein schwingendes Kleid, eher hell, und geblümt. Ja.“

„Wie alt?“

„Schwer zu sagen. Vielleicht wie wir, vielleicht schon 50. Himmel, ich habe sie ja nur ein paar Sekunden gesehen, leider.“

„Hervorragend, Jossip, dankeschön. Ich will dich im Augenblick nicht weiter belästigen.“

Es wäre mir ohnehin schwer gefallen, weil schon wieder Kundschaft eingetreten war. Vielleicht war der Laden geradezu eine Goldgrube. Aus lauter Dankbarkeit nutzte ich die Gelegenheit, mir in dem Wandbord die jüngste Ausgabe des Magazins Die Sportwoche herauszufischen, die prompt auf dem Titelblatt ebenfalls Leukenfels und noch ein paar andere Snookerprofis zeigte.

Meine Dankbarkeit kostete mich 12 Kuna. Jossip strich sie ungerührt ein, schüttelte mir aber dann, zum Abschied, wieder die Hand, als hätte ich ihm den ganzen Donners-tagabend versüßt. Umgekehrt verhielt es sich unbedingt so.


14

Ich hatte sofort beschlossen, meine Spurensuche für heute abzubrechen. Während ich durch den lauen und jenseits des Waisenhausplatzes auch recht stillen Abend nach Hause ging, wiederholte ich im Geiste die Aussagen meines alten Schulkameraden, um sie mir einzuprägen und um meine Schlüsse aus ihnen zu ziehen. Danach war die „rassige“ Schwarzgelockte sehr wahrscheinlich irgendwie in den angeblichen Raubmord an Leukenfels verwickelt, denn der fand ja, laut der präzisierten Vermutung der MedizinerInnen, schon vor Mitternacht, nämlich zwischen 22 und 23 Uhr statt. Ein kurzes Stelldichein von weniger als zwei Stunden war doch unwahrscheinlich, wenn die beiden, wie Jossip sagte, um ungefähr 20 Uhr 15 „unter-gehakt“ durch die Domgasse geschlendert waren. Es war auch anzunehmen, daß sie bald darauf irgendwo zu Abend gegessen hatten, ob in einem Lokal, ob bei Freunden. Somit stünde uns die kräfte- und nervenraubende Aufgabe bevor, diesen Weg des Paares nachzuzeichnen. Das ging kaum ohne die „Öffentlichkeit“, die uns erfahrungsgemäß, nach den entsprechenden Aufrufen in den Medien, mit Hinweisen überhäufen würde, von denen 99 Prozent Müll waren, durch den wir uns freilich erst einmal zu wursteln hätten. Daneben hieß es für uns „Kriminalkommissare“ Klinkenputzen mit dem Foto in der Hand, gerade so, wie ich es für heute abend erst einmal verschoben hatte.

Wie sich vesteht, erging ich mich auf den Gassen und Treppen zur Friedhofsallee hinauf, wo ich wohnte, auch in Spekulationen über das Liebesleben des Spitzensportlers Heinz Leukenfels. Es waren Spekulationen, ja sogar Unterstellungen, weil ja die Schwarzgelockte mit den Stöckelschuhen beispielsweise auch eine weitläufige Verwandte von Leukenfels gewesen sein konnte, oder eine nette Rechtsanwältin, mit der er am Mittwochabend irgendeinen gelungenen Vertragsabschluß zu feiern gedachte. Gipfel meiner Erwägungen war es, die unbe-kannte Schöne sei die Tochter von Iris Trögner, die diese vielleicht schon morgen nachmittag in ihre Arme schließen würde. Das würde umso einleuchtender machen, warum sich Frau Trögner senior so rasch zu ihrem Flug nach Kroatien hatte durchringen können. Es hieße freilich auch, sie könne unter Umständen nicht mehr die Jüngste sein. Schließlich hatte Jossip nicht ausgeschlossen, Leukenfels' Begleiterin sei schon 50 gewesen.

Nachdem ich geduscht hatte, fuhr ich meinen Computer hoch, um mir einige Notizen zu machen und ein paar Dinge im Internet zu recherchieren. Zunächst blickte ich allerdings in mein Emailprogramm. Und siehe da, Iris Trögner hatte sich bereits gemeldet. Sie verlasse Düssel-dorf gegen 8 und treffe um 13 Uhr 21 im Zamirer Bahnhof ein. Ob ich sie abholen könne, und wenn ja, woran sie mich erkennen würde? Sie selber sehe aus wie angehängt.

Sie hatte tatsächlich ein Foto von sich angehängt! Schon allein von dieser Tatsache war ich vorübergehend verblüfft.

Das Foto zeigte eine schlanke Dame mit halblangen, dunkelblonden Fransen, die mich verdammt an Dejica erinnerte, das sorgte für die nächste Verblüffung. Aber sie war älter als Dejica. Ich schätzte sie auf Mitte 40. Somit konnte sie durchaus eine halbwüchsige Tochter haben, aber so alt war das nun auch wieder nicht, zumal, wenn ich an Leukenfels dachte, den 62jährigen. Ich fand sie auch ähnlich anziehend wie Dejica, obwohl sie, nicht nur in den Gesichtszügen, etwas derber wirkte. Ja, sie hatte etwas Bäuerliches. Nun denn, sagte ich mir und schloß den Anhang wieder, dann paßt sie ja zu der Bauerntruhe im Hotel Zum Steinbock, Zimmer 7, 1. Stock rechts.

Ich überlegte für eine Weile, ob ich der Verlockung nachgeben sollte, meinem Chef die Sache mit Leukenfels' Begleiterin brühwarm noch in dieser Abendstunde zu servieren. Doch ich wollte es nicht tun, ich hatte sie noch zu wenig durchdacht.

Ich ließ den Computer laufen, griff aber zum Telefon, weil ich wußte, der Chef verbrachte den heutigen Donnerstag-abend in seinem Büro. Er nahm sofort ab. Ich erzählte ihm von Frau Trögners Wunsch und erkundigte mich, ob irgend etwas dagegen spräche, wenn ich sie morgen mittag – auf ihre oder meine Kosten – in ein Taxi lüde und ins Hotel Zum Steinbock brächte.

„Nein. Aber du bist morgen nicht im Dienst, Danilo, das habe ich keineswegs vergessen. Also behellige sie nicht. Antun wird sich schon überlegen, ob und was er von ihr wissen will. Ich werde ihn informieren. Für den Nach-mittag möge sie schon einmal mit einer Fahrt zum Leichenschauhaus rechnen. Und grundsätzlich, aber das weißt du ja: sie möge uns bitte benachrichtigen, falls sie vorhabe, die Stadt zu verlassen. Vielleicht braucht Antun sie ja noch.“

Ich versprach ihm alles und legte auf. Tatsächlich war ich allerdings sauer auf ihn, weil er mir in den paar Sätzen zweimal den Kollegen Antun unter die Nase gerieben hatte. Ich wußte nicht, daß es am nächsten Tag noch schlimmer kommen würde.

Ich wandte mich wieder zum Computer, fischte ein Foto von mir heraus, das mich wenigstens nicht in Polizei-uniform zeigte, und schrieb Iris Trögner, wir würden uns schon nicht verfehlen. Ich verkniff mir die Anmerkung, das Foto sei lediglich ein Jahr alt. Denn natürlich hatte ich mir als Kriminalbeamter gesagt, ob ihr Foto vor zwei Monaten oder zwei Jahrzehnten aufgenommen worden sei, könne ich leider nicht wissen.

Ich nannte ihr für alle Fälle die Telefonnummer des Polizeipräsidiums. Die vom Hotel und mir besaß sie ja bereits. Als ich die Email abschickte, war es noch keine 22 Uhr. Ich sagte mir: falls sie nicht mehr in ihr Emailpro-gramm guckt, wird sie ja wohl anrufen.

Anschließend sah ich verschiedene Nachrichtenportale und Online-Ausgaben der Presse durch. Der „Raubmord“ an Heinz Leukenfels zählte überall zu den Hauptnach-richten. Wie ich meinen Chef kannte, hatte er bei der für 19 Uhr einberufenen Pressekonferenz von einem mutmaß-lichem Raubmord gesprochen, aber so ging es ja immer. Aus Wünschen oder Vorurteilen wurden im Nu Tatsachen gemacht. Den Vogel schoß die einheimische Lokalpresse ab, für die sich Zamir, ganz im Sinne der Staatsanwältin, bereits zum New York oder Mexiko City unseres geliebten Vaterlandes auszuwachsen drohte. Unser Bürgermeister, übrigens erneut ein „grüner“, wurde mit der betroffen, mutig und selbstkritisch wirkenden Phrase zitiert, wenn es den dafür Verantwortlichen nicht „sofort“ gelinge, die Sicherheit unserer ausländischen Gäste zu garantieren, sei er die längste Zeit Bürgermeister gewesen. Darunter verstanden diese Politclowns selbstverständlich auch, der Täter müsse „sofort“ gefaßt werden, am besten noch an diesem Freitag, mitten im Hafenkasino ...

Ich schaltete den Computer aus und setzte mich mit einer Flasche Bier auf meinen Dachbalkon. Das „Abendrot“ über der Stadt und dem Meer belief sich heute auf einen gelblichen Längsstreifen, der fast parallel zur Horizontlinie verlief. In der Düsternis dazwischen konnte man sicherlich ganze Passagierdampfer, Flugzeugträger oder Fregatten wie Enten beim Gründeln mit dem Bug zuerst auf immer verschwinden sehen, sofern man denn ein Infrarotfernrohr und die naturwissenschaftlichen Kenntnisse der um 1500 herrschenden Kleriker besaß. Sie hatten Kolumbus entge-gengehalten, sicherlich käme er auf dieser Seite der Erde hinunter, aber niemals auf der anderen wieder hinauf!

Durch die Erdkugel mußte ich wieder an Snooker denken. Es hatte mich ja fast rührend beeindruckt, daß mein Chef meine Beurlaubung für die morgigen Viertelfinal-Begeg-nungen des BOZ derart gegenwärtig haben wollte, wie er es am Telefon behauptet hatte – nur zweifelte ich inzwischen am Sinn dieser Beurlaubung. Von der Gedenkfeier für Heinz Leukenfels einmal abgesehen, konnte ich mir nur schwer vorstellen, mich mit Genuß den Darbietungen der Ding, Slighton, Selby & Co hingeben zu können. Dabei mußte Ding Junhui ja noch nicht einmal antreten, weil die Partie, nach der Ermordung seines Gegners, kampflos an ihn gegangen war. Dafür konnte er zwar nichts; der Makel klebte jetzt freilich gleichwohl an ihm. Aber wer weiß? Vielleicht konnte er doch etwas dazu? Dieser Gedanke erschreckte mich. Er war mir auch entschieden zu kühn, um ihm zu später Stunde nachzugehen.

Ich gähnte und dachte an mein Bett. Vielleicht sollte ich abwarten, in welcher Stimmung sich Fritz nach der Gedenkfeier befinden würde. Vielleicht ergab sich ein alternatives Programm für meinen Überstundenab-bummel, wenn man das so nennen durfte. Im übrigen rief an diesem Donnerstagabend niemand mehr bei mir an.


15

Die Bombe platzte, als ich beim Frühstück saß. Ich hatte gerade mit mir gerungen, ob es nicht doch meine Pflicht wäre, Antun von meinem Gespräch mit Jossip zu berichten, bevor ich mich in die Zuckerdose begäbe und sozusagen in Urlaub ging. Da klingelte mein Handy. Es war der Chef.

„Ich hoffe, du sitzt noch nicht im Snookertheater, Danilo.“

Ich beruhigte ihn.

„Gut so. Ich wollte dich vorsichtshalber über die jüngste Entwicklung im Fall Leukenfels informieren, bevor du vielleicht Mutmaßungen oder gar Untersuchungen anstellst, die sich dadurch erübrigen. Antun hat gestern am frühen Abend einen Hinweis auf den möglichen Täter bekommen. Er kassierte ihn sofort ein und verhörte ihn. Der Mann legte noch in der Nacht ein Geständnis ab, worauf ihn Antun natürlich gleich einsperrte. Vermutlich wird er heute nachmittag nach Split überführt.“

Ich ahnte nichts Gutes, denn so gewunden drückte sich der Chef selten aus. Ich sagte: „Was ist das denn für ein Mann?“

„Kescher.“

Ich fiel aus allen Wolken. „Kescher? Der bekannteste und wahrscheinlich auch beliebteste Pfandflaschenangler dieser Stadt?“

„Ja, Kescher. Er trieb sich zur Tatzeit an Dock 5 herum, was wir auch schon niet- und nagelfest überprüft haben; es mangelt ihm selbstverständlich auch nicht an Motiven – und, wie gesagt, er gestand die Tat, und zwar auf eine Weise, die Antun schlüssig vorkam. Zur Zeit wird erneut, unter diesem Gesichtspunkt, Leukenfels' Kleidung untersucht. Wahrscheinlich werden wir schon für mittags eine Pressekonferenz einberufen.“

Es war förmlich zu riechen, wie er nun, da er schwieg, als gespaltenes Wesen auf meine Einwände wartete – halb wie eine geduckte, vor Angst zitternde Maus, halb wie ein sprungbereiter, ausgehungerter Tiger. Aber ich verkniff mir jeden Kommentar, weil mich seine Eröffnung zu sehr überrumpelt hatte. So sagte ich:

„Also gut – hoffen wir das Beste. Ich danke Ihnen für den Anruf. Ich würde sagen, normalerweise sehen wir uns am Montagmorgen wieder. In dringenden Fällen können Sie mich selbstverständlich wieder anrufen.“

„Das ist mir klar, Danilo. Gute Erholung!“



Fortsetzung hier
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