Sonntag, 22. Juli 2012
Döhnerichs Durchbruch
Kurze Erzählungen und Skizzen

Gesammelt seit ca. 2000. Umfang rund 170 Druckseiten, hier in vier Teilen.


1 Döhnerichs Durchbruch + Kolkraben + Edmund + Die Spule + Flußgespräch + Roßkur + Gundula + Ein Unglück kommt selten allein + Krankenbesuch + Floß für zwei

2 Frau Schöll wird eingestellt + Das Gleisdreieck + Most + Kirschen + Schotter für Conradi + Roussturz + Lösegeld für eine Pizza + Der Mann im Trafoturm

3 [Skizzen, entstanden 2013–16] Panglos + Elina + Sid Hookers letzte Worte + Zermalmung einer Ikone + Ein Pechvogel in einer Feldscheune + Die Fußmatte + Frettchen platt + Elba oder Die Republik dankt ab + Locke + Das Mädchen, das nicht mehr Mareike heißen muß

4 [Skizzen 2017] Folgen eines Skiunfalls + Vorübergehendes Hauen und Stechen auf der Schweinsblaseninsel + Sprengkraft einer Stiftung + Der Untergang des Werner Motz



Döhnerichs Durchbruch

Erstveröffentlichung 2002 in Junge Welt

Offenbar frönt mein neuer Zahnarzt dem Billardsport. Ich blättere in der jüngsten Ausgabe des Billardmagazins Anstoß, während ich im Wartezimmer sitze. Ich staune nicht schlecht, springt mir doch unversehens der Name Elmar Döhnerich aus der Überschrift einer kurzen Notiz ins Auge. Von diesem Mann habe ich seit knapp 20 Jahren nichts mehr gehört. Wie aus der Notiz zu schließen ist, betrieb Döhnerich in Valetta – der Hauptstadt der Mittelmeerinsel Malta – einen in Fachkreisen hochangesehenen Snookersalon. Asse wie Sean Lanigan, Mario Geudens, Stephen Hendry sollen sich dort ein Stelldichein gegeben haben. Jetzt sei der Inhaber des DD – so der Name des bekannten Salons – einem von ihm nicht verschuldeten Verkehrsunfall zum Opfer gefallen. „Elmar Döhnerich war erst 52, als er in einem Krankenhaus von Valetta seinen schweren Verletzungen erlag. Das Snookerspiel hat einen großen Fan und Förderer verloren.“

Es wäre womöglich reizvoll zu erfahren, wie ein völlig mittelloser Berliner Bildhauer zu einem renommierten Billardsalon auf Malta kommt. Leider kann ich Ihnen dazu nichts sagen. Dafür dürfte ich der einzige Augenzeuge von Döhnerichs Durchbruch gewesen sein, der Ende August 1983 erfolgte – und ich fühle mich jetzt verpflichtet, daran zu erinnern.

Der Durchbruch brachte dem 33jährigen nur vorübergehend das Schmunzeln so mancher Westberliner ZeitungsleserInnen ein. Es hätte auch anders kommen können. Was fehlte, waren ein alarmierter Jochen Gerz, ein einflußreicher Kunstwissenschaftler, ein beherzter Leiter des Landesamtes für Denkmalschutz. Schon wäre die bräunliche „Kanzel“, die der flüchtige Bildhauer auf einem Hinterhof an der Kreuzberger Heimstraße hinterlassen hatte, zu einem großartigen Kunstwerk erklärt und damit zum Ziel unzähliger Wallfahrten gemacht worden. So aber wurde sie nach wenigen Tagen spurlos beseitigt.

Döhnerich hauste in einem heruntergekommenen Backsteinhäuschen, das einmal als Schusterwerkstatt gedient hatte. Es klebte an der rückwärtigen Hinterhofmauer, die zugleich die Mauer des benachbarten Friedhofs war. Es überragte die Mauer mit einem niedrigen Oberstock, dessen Dach in den Hinterhof abfiel. Im Erdgeschoß hatte Döhnerich seine Werkstatt eingerichtet. Überall standen die kleinen Stahlplastiken herum, die er aus Schrotteilen zusammenschweißte. Als Musiker konnte ich ihre Qualität kaum beurteilen. Ich kann nur sagen, offenbar wollte sie niemand haben. Döhnerich war ein hagerer Kerl mit der hellen sommersprossigen Haut der Rothaarigen. Und obwohl er Abend für Abend einige Krüge Bier in sich hinein zu schütten schien, setzte er nicht an. Ich glaube, er war ziemlich verzweifelt.

Ich wohnte damals im Vorderhaus des betreffenden Grundstücks. Als Querflötist in einem Kammerorchester erteilte ich auch Privatunterricht auf diesem Instrument, sodaß ich mich tagsüber öfter in meiner Wohnung aufhielt. Abends liebte ich es, über die Friedhöfe zu spazieren, die sich längs der Bergmannstraße bis zum Südstern ziehen. Dabei nickte ich so manches Mal Döhnerich zu, der hinter seinem Friedhofsfensterchen hockte und zuweilen mit dem Bierkrug in der Hand zurückgrüßte. Er hatte das kleine Fenster eigenhändig in der Rückwand seines Oberstocks eingesetzt. Dort hatte er sich eingenistet, um die Miete für eine Wohnung zu sparen. Nebenbei konnte er von seinem Friedhofsfensterchen aus beinahe Friedrich Schleiermacher und Ludwig Tieck auf die Köpfe spucken. Tieck war durch einen hochglanzpolierten Klotz aus rötlichem Marmor präsent.

Da Döhnerich verschwand, ohne ein Interview zu geben, kann ich nur mutmaßen, wie er seine Abende verbrachte. Besuch bekam er nach meinen Beobachtungen nie. Vielleicht lauschte der Klausner nicht ohne Neid dem keineswegs entsagungsvollen Gassenhauer der Mönchsgrasmücken, während er sein Flaschenbier trank. Für sein verrostetes Fahrrad hatte er einen kleinen Anhänger, worin regelmäßig ein Kasten Bier durch die bucklig gepflasterte Heimstraße schepperte. Er benutzte den Anhänger auch, um Brennholz von Abbruchhäusern herbeizuschaffen – und zuletzt vermutlich auch für den Transport einiger Säcke Zement.

Als seine Werkstattfenster es noch zuließen, hatte ich einmal die Leiter gesehen, die in einer Falluke des Oberstocks lehnte. Mit der Zeit ließ Döhnerich seine Werkstattfenster erblinden. Er benötigte kein Tageslicht zum arbeiten mehr; schließlich drohten ihn seine Stahlplastiken bereits zu erschlagen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie er des Abends öfter von seinem Tisch am Fenster zur Luke wankte, um sich dann in der Werkstatt unten einen Weg durch die Schrottberge zum Abort zu bahnen. Auf dem Rückweg griff er vermutlich in den Kasten Bier, den er auf dem Estrich der Werkstatt kühlhielt. Wieder an seinem Friedhofsfensterchen, grübelte er womöglich über irgendeine grandiose Verwandlung seiner selbst oder doch wenigstens der unter ihm gelegenen Schrotthalde nach.

Bekanntlich verdanken sich geniale Lösungen nicht selten den schnödesten Anstößen. In Döhnerichs Fall war es die Kündigung. Wie später in den Zeitungen zu lesen war, hatte sich ein größerer Mietrückstand angestaut. Im Verein mit der „Zweckentfremdung von Gewerberäumen“ und einem illegalen Fensterdurchbruch genügte dies für die strikte Aufforderung, zum 1. September das Feld zu räumen. Ich könnte mir denken, insbesondere der Vorwurf hinsichtlich des Fensterchens wurmte Döhnerich. So mochte er sich plötzlich der Tatsache entsonnen haben, daß Deutschlands Hauptstadt überwiegend auf märkischen Sand gebaut ist. Da war der Gedankensprung zu den erwähnten Zementsäcken nicht mehr weit.

Der skandalöse Abriß seines Werkes hatte den einen Vorteil, Döhnerichs Vorgehensweise nachvollziehbar zu machen. Zum Auftakt brach er im Estrich der Werkstatt ein etwa brunnengroßes Loch auf. Das sah ich sogar mit eigenen Augen, wenn auch nur schemenhaft. Döhnerich hatte seit vielen Monaten nicht mehr zum Schweißbrenner oder nach Hammer und Meißel gegriffen; das ließ mich stutzen. Als Freizeitornithologe besitze ich ein ziemlich gutes Fernglas. Meine Küche und mein Arbeitszimmer gingen auf unseren Hinterhof. Ich richtete mein Fernglas auf die arg verschmutzten Fensterscheiben von Döhnerichs Werkstatt und verfolgte, wie er offensichtlich auf den Boden einhieb – vermutlich mit einer Spitzhacke. Später schien er für immer längere Zeit in dem Loch zu verschwinden. Da dämmerte mir, was sich der ziemlich niedergeschlagene und völlig abgebrannte Bildhauer vorgenommen hatte.

Das brunnengroße Loch lag genau auf der verlängerten Linie einer Ligusterhecke, die unterhalb von Döhnerichs Oberstockfensterchen im rechten Winkel von der Mauer in den Friedhof abging. Nach rund 15 Metern endete die Hecke an einem der vielen Grabhäuschen oder Mausoleen, die für die alten Friedhöfe der Hauptstadt kennzeichnend sind. Wer in der Kaiserzeit betucht genug dazu war, ließ sich aus Sandstein, Granit oder gar Marmor ein solches Mausoleum errichten. Nicht selten war es mit allerlei Säulen und Erzengeln bewehrt. Die Grabstätte als Festung, dieser Gesichtspunkt dürfte Döhnerich kaum entgangen sein. Nachdem er den senkrechten Förderschacht ausgehoben hatte, trieb er einen Querstollen in den Friedhof. Er unterwand die Hinterhofmauer und orientierte sich beim weiteren Vortrieb am Wurzelwerk der Ligusterhecke. Der Bildhauer verwandelte sich in einen Bergmann. Döhnerich baute seinen Querstollen fachmännisch mit den vielen Balken und Bohlen aus, die er als Brennholz für den kommenden Winter gehortet hatte. Schubkarre, eine kleine Tonne, ein Zugseil waren seine Gerätschaften zum Fördern. Den Aushub – ein sand- und geröllhaltiges Erdreich – rührte er mittels Zement und Wasser zu einer Art Beton an, den er – wie sich versteht, von außen nach innen, nämlich von den Wänden weg – in seinem Häuschen aufschichtete. Die Sommerhitze sorgte für eine rasche Abbindung der Mixtur.

So wuchsen in seinem Häuschen die Wälle: im Oberstock auf die Luke, in der Werkstatt aufs Förderloch zu. Natürlich war es ihm nach einigen Wochen nicht mehr möglich, die Werkstattür freizuhalten; vermutlich hatte er sich rechtzeitig mit Vorräten eingedeckt. Da er um das Förderloch herum bis zuletzt Platz zum Anmischen brauchte, füllte er vorher schon den Oberstock aus, womit ihm nichts anderes übrigblieb, als in seinen Querstollen umzuziehen. Dort schlief und aß Döhnerich. An der Stollendecke brachte er in gewissen Abständen Kellerlampen an. Mit dem Wasserhahn in der Werkstatt verband ihn bis zuletzt ein Schlauch, den er ersatzweise mit einem Drehverschluß versehen hatte. Wie sich versteht, hatte er – neben seinem Mobiliar, dem Abort und vor allem seinen unseligen Stahlplastiken – auch ein Belüftungsrohr mit einbetoniert, sodaß er nicht zu ersticken drohte.

Wie mag ihm als Maulwurf, der sich den Rückweg verbaut hatte, zumute gewesen sein? Wir können es nicht wissen. Ich selbst hätte ohne Zweifel höllische Ängste ausgestanden, drohe ich doch bereits bei klemmenden Toilettentüren in Panik zu geraten, von hin und wieder unumgänglichen Fahrstuhlfahrten ganz zu schweigen. Möglicherweise hatte sich Döhnerich diese Roßkur verordnet, um neben dem Ehrgeiz auch gleich die Todesangst hinter sich zu lassen. Denn was sonst treibt den ehrgeizigen Künstler an? Im übrigen wurde Döhnerichs Querstollen in überraschend säuberlichem Zustand vorgefunden. Ich schließe daraus, daß er seine Notdurft über dem Bottich verrichtete, in dem er die Mixtur für seine „Kanzel“ anmischte.

Verschiedene Faktoren zusammengenommen, war ich mir nahezu sicher, Döhnerich werde, wenn überhaupt, an einem der letzten Augusttage wieder auf Erden auftauchen – selbstverständlich in der Dunkelheit. So gewann meine Anteilnahme an Döhnerichs berserkerhafter Unternehmung ebenfalls einen märtyrerhaften Zug. Etliche Nächte durchwachte ich am Fenster meines Arbeitszimmers hockend, das Fernglas im Schoß und die Ohren gespitzt. Glücklicherweise hatte unser Kammerorchester Sommerferien, sonst wäre ich bei den Proben selbst über einer Partitur von Jean Francaix eingenickt. Immerhin lernte ich auf diese Weise die dämonischen Rufe einiger Friedhofseulen kennen, die ich mir im Kerzenschein notierte. Ich schreibe hin und wieder Filmmusik. Vielleicht hatte Döhnerich seinen Vortrieb zuletzt verzögert; vielleicht hatte er auch nur das Glück des Tüchtigen. Jedenfalls schreckte ich genau in der Nacht vom 31. August auf den 1. September von meiner Fensterbank auf. Eisen klang auf Stein!

Jetzt hat er die Grundmauer des Mausoleums erreicht, sagte ich mir alarmiert, während ich nach meinem Fernglas tastete. Vermutlich löst er einen der Sandsteinquader aus der Grundmauer heraus. Er zwängt sich durch das Loch – abgemagert genug war er ja – und rappelt sich in der Gruft des Mausoleums wieder auf. Er wirft seinen Rucksack über und tastet sich auf der Grufttreppe nach oben. In der Tat quietschten bald darauf die verrosteten Angeln der Mausoleumstür. Da stand er! Die Arme gereckt, bekundete er dem Mond, die Erde habe Döhnerichs Feuerschopf und Döhnerichs Sommersprossen wieder. Schon rief er sich zur Besinnung. Er duckte sich unter der Hängeesche durch und schlich zwischen stummen Grabmalen Richtung U-Bahnhof Südstern
davon ...

Kaum hatte ich drei oder vier Stunden geschlafen, scheuchten mich schon wieder Geräusche auf, die nach Schwerarbeit klangen. Ein Herr von der Wohnungsbaugesellschaft machte sich mit einer Brechstange am Schloß von Döhnerichs Werkstattür zu schaffen. Ich kannte den Bürokraten flüchtig. Vermutlich hatte sein Zweitschlüssel nicht gegriffen, wodurch es ihm zunächst unmöglich war zu überprüfen, ob Döhnerich ordnungsgemäß ausgefegt hatte. Dann krachte und splitterte es, und das Schloß – einen Teil der Türbretter mit sich reißend – fiel in den Hof.

Der Mann starrte entgeistert auf die bräunliche körnige Masse, die hinter den abgesprengten Brettern zum Vorschein kam. Er gab sich einen Ruck, um mit Hilfe der Brechstange auf die Masse einzustechen – nur ein paar Krumen sprangen ab. Er fluchte und zertrümmerte zunächst das linke, gleich darauf das rechte Werkstattfenster. In beiden ergab sich derselbe Befund: Sie waren wie zubetoniert.

„Eine Leiter!“ schrie der Mann und fuchtelte zum Dach. „So schafft mir doch eine Leiter her!“ Die Gören, die ihn längst umringt hatten, flitzten davon und erschienen mit der Stehleiter der Aufwartefrau wieder. Der Mann erklomm sie und hebelte mit seiner Brechstange an den vordersten Dachziegeln herum, als gelte es, einen größeren Schmiergeldbetrag auszugraben. Die Ziegel flogen zum Teil in den Hof. Während sich die Fenster der Seitenflügel mit grinsenden Zuschauern füllten, stach er auch von oben mit der Brechstange auf die bräunliche Masse ein – es war kein Durchkommen. Darauf sah er wild um sich. Schließlich winkte er unwirsch ab, stieg halbwegs gemessen wieder in den Hof und schnauzte die Gören an: „Pfoten weg von dem Scheißding! Das ist ein Fall für die Polizei!“

An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken. Während ich mein Frühstück bereitete, sagte ich mir: Wenn sie ihn schnappen, kommt auch noch schwere Sachbeschädigung, Diebstahl städtischen Erdreichs, Störung der Totenruhe hinzu ... Beim Essen fiel mir der Schriftsteller Erhart Kästner ein, der so gerne über bildende Künstler meditierte. Ich nehme an, er hätte Döhnerich ohne zu zögern in seine Lerchenschule von 1964 aufgenommen. „Viel gewonnen, wenn man lebt, ohne zu Ehren zu kommen.“ Denn davon war ich überzeugt, daß sich Döhnerich seinen Weg ins Ruhmlose gebahnt hatte. Dabei war er genial genug, um die Leere, aus der er kam, mit den Verheißungen zu stopfen, die man vor ihm aufgetürmt hatte. Da mußte er durch.



Kolkraben

Wenke war keine Heuchlerin. Sie kam gar nicht auf die Idee, sich an dem Ausfall durchs Hoftor zu beteiligen. Ohnehin wußte jeder in der Kommune, daß sie mit Karsten eben wegen dessen Hund auf eher schlechtem Fuße stand. Dieser Hund war nun tot. Jemand hatte ihn am hellichten Mittag erschossen, als er, wie gewohnt, schier außer sich vor Wachsamkeit und Wut das geschlossene Hoftor besprang, um das Postauto zu verbellen. Der erste Schuß traf ihn in der Kehle, der zweite am Ohr. Die Kommunarden stürzten aus dem Gutshaus, wo sie gerade zu Mittag aßen; die weiblichen natürlich auch. Das Postauto fuhr bereits durch die Senke aufs Dorf zu. Am Ulfensbach blühten Sumpfdotterblume, Brunnenkresse und Vergißmeinnicht.

Sie durchsuchten die umliegenden Hecken und Feldgehölze, ohne einen Schützen zu entdecken. Nach einer halben Stunde kehrten sie um. Wenke und die Kinder standen am Gutsteich, wo die Hundeleiche jetzt im Gras lag, weil sie sonst das Hoftor nicht hätten öffnen können. Karsten sank auf die Knie und nahm Abschied von seinem Hund. Etliche Kommunarden, auch die Kinder, versuchten ihn zu trösten. Dann gingen sie ins Gutshaus zurück, wo die Reibekuchen kalt geworden waren.

So sehr sie sich auch die Köpfe zerbrachen, sie fanden zu keinem Verdacht. Und dann: Polizei oder keine Polizei? Hund oder nicht? Darauf lief es hinaus. Das Thema Hund war neuerdings ein Dauerbrenner auf dem Ulfenshof; alle paar Tage kam die Hundefrage auf den Tisch. Für Wenke war es höchst befremdlich, daß mehr oder weniger anarchistisch gesonnene Frauen und Männer auch nur erwägen konnten, vielleicht einen um Liebe und Befehle winselnden Sklaven in ihren Reihen zu dulden. Karsten hatte den Hund im Herbst mitgebracht; in wenigen Wochen würde Karstens Probezeit enden. Vermutlich sah er sich morgen schon nach einem neuen Hund um. Wie die Aktien standen, würde Karsten bleiben.

Wenkes Haltung war allerdings hinlänglich bekannt. Sie hielt sich aus der Debatte beim Mittagessen heraus, stellte bald ihren Teller auf die Durchreiche und verschwand in ihrem Zimmer.

Ihr war ein Verdächtiger eingefallen. Wie sie von der Bäckersfrau wußte, hieß er Leskoll – als Arbeitsloser ein Opfer der „Wende“, denn in Lübow war er Melker in der LPG gewesen. Er sah ziemlich verwittert aus, weshalb sein Alter schwer zu schätzen war; vielleicht war er Ende 40. Wenke kannte ihn nur flüchtig. Er wohnte jenseits der Senke, durch die der Ulfensbach floß, am Rande des Dorfes. Der Ulfenshof lag ähnlich einer baumbestandenen Insel in den Wiesen und Feldern. Von der Einfahrt aus waren es rund 1.000 Meter Luftlinie bis zu Leskolls heruntergekommenem Landarbeiterhäuschen, das sich auf der Anhöhe unter einer ausladenden Kastanie duckte. Vermutlich waren 1.000 Meter für zwei Kopfschüsse zu viel.

Wenke hatte Leskoll zuweilen seine Ziegen anpflocken oder Holzspalten gesehen, wenn sie mit dem Fahrrad ins Dorf fuhr. Ihr Verdacht rührte von ihrer einzigen Begegnung mit Leskoll her. Es war im Herbst gewesen, nachdem Karsten bereits zur Kommune gestoßen war. Sie durchstreifte den Ulfenswald nach Pilzen, weil sie damals die Küchenwoche hatte und weil ihre Soßen mit angebratenen frischen Pilzen sehr geschätzt wurden. Als sie den Ulfenswald auf dem Weg verließ, der durch die Senke zum Dorf führt, fiel ihr Blick auf Leskoll. Er stand mit verschränkten Armen auf dem Weg und äugte in die Kronen der mächtigen Eichen, die dort den Waldrand markieren. Nachdem sie ihn erreicht und gegrüßt hatte, nickte er zu den Eichenkronen hinauf und erklärte ihr nahezu begeistert:

„Sie sind sehr treu! Sie halten ein Leben lang zusammen!“

Wenke war natürlich verdutzt. Wie sich jedoch herausstellte, war nicht sie gemeint. Leskoll hatte sich vielmehr etwas unvermittelt auf die beiden Kolkraben bezogen, die in den Eichen hausten. Allerdings winkte er ab: im Moment seien sie gar nicht im Horst. Wenke nickte lächelnd. Sie hatte die Kolkraben schon öfter durch die Senke rudern gesehen, wobei sie seltsame tiefe Laute von sich gaben, die mal gebellt, mal wie gehupt klangen.

Leskoll schien sein Interesse an den Raben schon wieder verloren zu haben. Sein zerfurchtes, von Bartstoppeln übersätes Gesicht nahm einen lauernden Zug an; dann nickte er auf Wenkes mit Pilzen gefüllte Spankörbe und erkundigte sich listig:

„Auch ein paar Knollenblätterpilze gefunden ..? Könnt ihr eurem Kommuneköter in den Napf mischen!“

Damit lachte er auf, ließ Wenke brüsk stehen und verzog sich in den Wald.

Wenke weinte dem „Kommuneköter“ nicht eine Träne nach. Anstelle der Postbotin hätte sie den Oberkläffer in der Tat längst vergiftet. Im Grunde hieß der Schuldige allerdings Karsten. Es wäre ja ein Leichtes gewesen, dem Hund einzuschärfen, angesichts eines lärmenden gelben Dinges, das sich mit großer Regelmäßigkeit vor ihrem Grundstück einfand, habe er sich mucksmäuschenstill zu verhalten. Dazu hätte es nur geringer, gezielter Züchtigung bedurft, worauf sich Karsten grundsätzlich durchaus verstand. Er führte sich ungeniert als der Herr seines Hundes auf, wobei er in der Kommune nur wenig angefochten war. Im Falle des Postautos hatte er aber eine Umerziehung seines Hundes mit einer Begründung von sich gewiesen, die Wenke so spitzfindig wie abwegig vorkam. Schließlich sei das ein Wachhund, so Karsten. Und wer garantiere ihnen denn, daß nicht eines schönen Mittags Polizisten oder Faschisten aus einem gelblackierten Auto sprängen?

Wenke begriff sich als Christin im Sinne der Bergpredigt, deshalb stand der gewaltsame Weg für sie außerhalb jeder Debatte. Weder gedachte sie AngreiferInnen – wenn es sie denn gäbe – mit Steinen zu bewerfen noch einen blutrünstigen Hund auf sie zu hetzen. Ging es aber allein darum, wachsame AlarmschlägerInnen auf dem Hof zu haben, brauchte sich die Kommune lediglich ein paar Gänse anzuschaffen. Diesen Vorschlag schob die Kommune seit Monaten vor sich her. Etliche Leute wollten Karsten auf keinen Fall verprellen.

Karsten war ein Arbeitstier. Vom Pflügen und Dielenverlegen bis zum Baumfällen und Dachdecken beherrschte er ungefähr alles, was einem dabei behilflich sein konnte, nie zur Besinnung zu kommen. Ein richtiger Mann also. Wenke war längst klar, sie würde ihn niemals riechen können, mochte sich selbst der Gestank seines Köters aus seinen Klamotten und Poren verflüchtigen. Für den Fall, Karsten bliebe auf dem Ulfenshof, erwog sie sogar, sich dem ZEGG im Hohen Fläming anzuschließen. Diese „spirituell“ orientierte Kommune umfaßte – mit Kindern – über 80 Leute, da fielen persönliche Antipathien wenig ins Gewicht.

Am späten Nachmittag holte Wenke ihr Rad aus der Scheune, um noch einmal ins Dorf zu fahren – vielleicht zum Bäcker, vielleicht zum Schreibwarengeschäft, das auch Poststation war. Zwar schloß sie ihr Fahrrad in der Tat vor dem Schreibwarengeschäft an; aber dann ging sie zu Fuß durch ein paar Nebenstraßen, um vor dem Landarbeiterhäuschen unter der mächtigen Kastanie einzutreffen. Der Hauseingang lag vom Ulfenshof abgewandt. Die Haustür war ähnlich verwittert wie Leskolls Gesicht. Über Schulterhöhe wies sie drei schmale, gelblich getönte und zudem genarbte Glasscheiben auf – ursprünglich jedenfalls, denn die mittlere Scheibe war durch eine Sperrholzplatte ersetzt worden. Eine Klingel entdeckte Wenke nicht. Sie klopfte – an die Sperrholzplatte. Hätte sie gegen Karstens Stirn geklopft, hätte es wahrscheinlich ähnlich geklungen.

Sie hörte Leskoll brummelnd durch den Hausflur schlurfen. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, lächelte Wenke und nickte anerkennend.

„Alle Achtung! Die beiden Schüsse saßen ... Der Hund war übrigens nicht mein Busenfreund ... Auf welche Entfernung mußten Sie denn treffen? Doch nicht von hier?“

Leskoll hatte nur seine Augen verkniffen und sah sie nun länger so an, ohne etwas zu erwidern. Doch schließlich trat er mit einem Schmunzeln beiseite und nickte in den Flur.

Sie gingen in Leskolls Wohnküche, deren Tür noch aufstand. Sie wirkte zwar etwas schäbig, war aber verblüffend aufgeräumt und sauber gehalten. Die beiden Fenster gingen auf die Senke. Nahebei waren Leskolls Ziegen und deren geducktes Stallhäuschen zu sehen. Auf dem Küchentisch lag ein geöffnetes Buch, das sich auf den Rand einer Schale mit Äpfeln stützte. Leskoll nahm wieder vor ihm Platz, tat aber dann das Lesezeichen hinein, um das Buch allmählich zuzuklappen, während er aus dem Fenster zum Ulfenshof starrte. Da er Wenke keinen Stuhl angeboten hatte, nahm sie den nächstbesten, der übereck zu Leskolls Stuhl stand. Dann wandte sie ihren Kopf und blickte ebenfalls über die Senke. Der Ulfenswald umgab und krönte die Senke fast wie eine grüne Mauer, die nur der Landstraße Durchschlupf gewährte.

„Na wo denn wohl ..?“ ließ sich Leskoll nach einigem Schweigen vernehmen. „Siehst du das schilfbestandene Wasserloch, das 100 Meter südlich von eurem Hoftor im Acker liegt? Da habe ich auf das Postauto gewartet. Ich stand bis zu den Knien im Wasser. Natürlich hatte ich meine Anglerstiefel an.“

Merkwürdigerweise machte es Wenke nichts aus, daß Leskoll sie duzte, obwohl sie immerhin schon 34 war. Nach einer Weile fragte sie zurück:

„Und warum? Was hatten Sie denn gegen unseren Köter?“

„Weil er Tag und Nacht wie ein Verrückter bellt!“ Leskoll sah sie wütend an. „Das ist doch klar! Na sicher, daß er anschlagen muß, wenn Fremde kommen! Aber nicht wegen jeder Feldmaus und schon gar nicht beim Postauto! Da kriegt er ein paar Tritte in die Flanke, dann dämmert ihm schon, er hat die Schnauze zu halten!“

Leskoll unterbrach sich in seiner Tirade, indem er unwirsch abwinkte und das zugeklappte Buch befingerte. Es hieß Der farbige Brehm – offenbar eine populäre Ausgabe mit Fotos. Leskoll grinste, nahm einen Apfel aus der Schale und biß herzhaft hinein. Auch die Äpfel wirkten, wie Leskolls Gesicht, nicht mehr ganz glatt; vermutlich hatte er sie im vergangenen Herbst eingekellert. Nun tippte der Eigenbrötler auf den Buchdeckel und stellte kauend fest:

„Ein Hund ist kein Fuchs. Wir von der Menschensorte haben ihn mit Blindheit geschlagen. Wir müssen ihm also zeigen, wo's langgeht. Hast du einmal 20 Jährchen in einer LPG geschafft, statt auf 'Kommune' zu machen, wirst du wissen, was ich meine. Ohne die Führung bist du aufgeschmissen; am Ende ballerst du noch wild in die Gegend. Wie kriegst du deinen Tag herum? Das frage ich dich, Mädchen.“

Leskoll sah sie bohrend an. In Wenke stieg jäh ein verdammt mulmiges Gefühl auf. Vielleicht hatte sie sich übernommen. Sie schob bereits ihren Stuhl zurück, während sie sich für ihren eiligen Aufbruch mit dem drohenden Ladenschluß der Bäckerei entschuldigte. Dann wurde sie nur von dem Gedanken getrieben, unbehelligt zur Haustür zu kommen, was ihr auch durchaus gelang.

Leskoll war einfach sitzen geblieben. Er starrte aus dem Fenster, während er geistesabwesend über den Fuchs auf dem Buchdeckel strich. Wenige Minuten später sah er seine Besucherin, die auf ihrem rotlackierten Fahrrad vom Dorf aus in die Senke rollte. Rings um Wenke stiegen die Lerchen auf, denn die Sonne hielt bereits auf den Saum des Ulfenswaldes zu.

Wenke hatte heute kein Ohr für die Lerchen. Dafür war sie von ihrer Begegnung mit Leskoll zu aufgewühlt. Sie mußte mit jemand darüber sprechen. Ihre MitstreiterInnen aus der Kommune kamen allerdings nicht in Frage; es lag ihr fern, Leskoll zu verpfeifen und vielleicht zu gefährden. Dazu war ihr der Sonderling zu sympathisch. Gewiß, auf der anderen Seite flößte ihr Leskoll auch ein Gruseln ein. Sicherlich lagen Welten zwischen ihnen. In der Rolle eines Kommunarden war er ebenfalls kaum vorstellbar. Doch was dann tun mit ihm? Er hatte ja offensichtlich um Hilfe gerufen. Von der unseligen Zeit vor der „Wende“ her mußte er zumindest eine Ahnung von Solidarität haben. Vielleicht zählte er bereits auf Wenke, zumal sie ein Geheimnis teilten.

Solche Erwägungen beherrschten auch das Telefongespräch, das Wenke nach dem Abendessen mit ihrer langjährigen Freundin Ulrike führte, die in Bremen wohnte. Ein handfestes Ergebnis wurde nur insofern erzielt, als Ulrike Wenke vorschlug, kurzentschlossen auf ein paar Tage bei ihr vorbeizukommen. Freiberuflich als Übersetzerin tätig, hatte Ulrike im Moment nichts Dringendes zu tun. Auch Wenke konnte ihre Flechtarbeiten – sie setzte vor allem entsprechende Sitzmöbel instand – leicht verschieben. Sie sagte sofort zu.

Nachdem sie sich eine Zugverbindung herausgesucht hatte, vereinbarte sie mit Christian, sie am nächsten Morgen gegen 11 zum Bahnhof in Bad Kleinen zu bringen. Sie packte ihre Reisetasche und legte sich mit Claude Tilliers Onkel Benjamin ins Bett. Sie schlief erheitert und tief wie immer. Weder hörte sie im Morgengrauen vom Dorf her das Martinshorn, noch ahnte sie etwas von dem Verhängnis, das auf sie selber zukam.

Zunächst hatte Karsten im Morgengrauen bereits seine Rache verübt. Schuld daran war Wenkes Unvorsichtigkeit. Sie hatte nicht damit gerechnet, beim Telefonieren mit Ulrike belauscht zu werden. Das Telefon der Kommune stand in einem schmalen Zimmerchen neben der Gutshaustür, an das sich das Büro der Kommune anschloß. Die Verbindungstür pflegte stets aufzustehen; das Büro war unbesetzt gewesen. Im Hintergrund der am Hoffenster gelegenen Telefonecke barg das Zimmerchen jedoch ein separates WC, das nach wie vor für BesucherInnen vorgesehen war, denn es war abschließbar. Es stammte aus der Zeit vor der „Wende“, als das Gutshaus einen sogenannten Jugendwerkhof beherbergte, nämlich eine Besserungsanstalt für mißratene DDR-Jugendliche. Hatten sie tags auf den LPG-Äckern Kartoffeln oder Steine gelesen, durften sie abends Fußball spielen. Bei Führungen unterließ es die Kommune nicht, auf die Arrestzelle im Keller hinzuweisen. Zwei Glasbausteine mit einem Luftschlitz zur Decke erhellten sie. Die handspannendicke Stahltür hätte für den Tresorraum der Bausparkasse Wüstenrot genügt. Für besonders ketzerische Sünder ließ sich sogar der eiserne Bettrost hochklappen und an der Wand anschließen. Dann hieß es buchstäblich, die Nacht durch zu stehen.

An diesem Abend saßen allerdings weder der Kreissekretär der Wismarer SED noch der Vater einer Kommunardin auf dem Besucherklo, vielmehr Karsten. Als Kommunarde hatte er die WC-Tür gewohnheitsgemäß nicht verriegelt, so daß an dem Drehriegel von außen frei zu lesen war. Aus diesem Grund wähnte sich Wenke beim Telefonieren mit Ulrike unter vier Ohren.

Nachdem sie das Telefonzimmerchen verlassen hatte, blieb Karsten länger als erforderlich auf der Kloschüssel hocken, bot sich der Ort doch wesensgemäß dazu an, dringend benötigte Pläne auszubrüten. Also Leskoll hieß der Schuft! Die Vogelscheuche aus der Bruchbude jenseits des Ulfensbaches! Man konnte die Bude natürlich kurzerhand anzünden. Freilich mußte das bei Dunkelheit geschehen. Dann lief Karsten allerdings Gefahr, auch den schnarchenden Leskoll auf dem Kerbholz zu haben, was selbstverständlich nicht in Frage kam. Mochte Karsten auch keine Zimperliese sein, den Unterschied zwischen Hund und Mensch machte er durchaus. Aber hielt Leskoll nicht Ziegen? Das war es.

Es liegt dem Erzähler fern, den arbeitslosen, etwas verschrobenen Einsiedler Leskoll zu verklären. Leskoll mochte sich für Kolkraben interessieren und hin und wieder sogar in einem „richtigen“ Buch lesen – abends tat er regelmäßig, was sehr viele Menschen auf diesem verfehlten Planeten tun: er sah fern und trank sich dabei die Hucke voll. Leskoll bevorzugte Oettinger-Pils, gebraut in Schwerin, verschmähte allerdings auch ein paar Gläschen Klaren nicht. Im Ergebnis sank er stets zufrieden in sein Bett, um sich mehr oder weniger züchtigen Träumen hinzugeben.

Von daher überhörte Leskoll sogar das Martinshorn. Der Nachbar hatte die Ziegen schreien gehört, war ans Fenster gestürzt, hatte die Feuerwehr alarmiert. Diese konnte freilich nicht mehr viel ausrichten. Sie dämmte das Feuer ein; dann rüttelte sie – der Morgen graute schon – den Ziegenhalter aus seinem Rausch. Leskoll tappte hinaus, um die schwelenden Überreste seines Ziegenstalls und seiner fünf Ziegen zu beäugen. Nur mit Mühe gab er zu Protokoll, von nichts zu wissen. Zu diesem schlaftrunkenen Zeitpunkt entsprach das durchaus der Wahrheit. Leskoll war sich noch nicht im klaren darüber, daß ein Hund offenbar fünf Ziegen wert war. Die Feuerwehr zog ab.

Leskoll brühte Kaffee auf. Er ließ sich an seinem Küchentisch nieder und starrte in die Senke, in der jetzt kein geduckter Ziegenstall mehr ausgespart war. Dabei wurde es hell über dem sanft gewellten Land. Plötzlich fiel es Leskoll wie Schuppen von den Augen. Das Mädchen! Es hatte ihm etwas vorgespielt, um ihn auszuhorchen und sein Grundstück auszukundschaften! Und dann schlug sie mit ihrer Dreckskommune zu. „Na warte, Früchtchen!“ knurrte Leskoll und schenkte sich derart grimmig Kaffee nach, daß er den halben Küchentisch überschwemmte. Eine Viertelstunde später brach er auf.

Gegen 11 ließ Christian den Wagen an. Üblicherweise gingen MitfahrerInnen unterdessen über den Hof zum Tor, um es zu öffnen und dann auch hinter dem ausfahrenden Wagen wieder zu schließen. Aber dazu kam Wenke nicht mehr. Diesmal schaffte es Leskoll, der wie gehabt im Schilf stand, mit nur einem Kopfschuß. Nebenbei scheuchte der Knall die beiden Kolkraben auf, die sich für eine kurze Rast auf den hohen Eschen am Gutsteich niedergelassen hatten.



Edmund

Heute morgen sind seine gewohnten Schlurfspuren im Flur mit Kotklümpchen garniert. Die Türen von Schlafzimmer und Bad stehen auf. Das Bett ist leer. Für Sekunden kommen mir wieder die Bedenken hoch, die mir die Ärztin vom Arbeitsamt eigentlich genommen hatte: Und wenn er es endlich geschafft hat? Wer ist dann schuld?

Aber er lebt noch. Er liegt verkrümmt zwischen dem Fuß der Kloschüssel und der 30 Zentimeter entfernten gefliesten Wand auf dem Rücken – also auch auf dem Hinterkopf, der noch heil zu sein scheint, denn er röchelt leise. Antwort gibt er nicht. Vermutlich ist er vom Klo gekippt. Die dreckige Unterhose hängt auf seinen Knöcheln; sonst hat er nur das gestreifte Hemd an, das er schon seit Tagen trägt. Er schläft auch darin. Der Spalt zwischen Klo und Wand ist eigentlich wie gemacht für seinen ekelhaften ausgezehrten Körper. Deckel drauf – und das langatmige Kapitel Vater-Sohn-Konflikt hat seinen Abschluß gefunden.

Ich ziehe ihn aus dem Spalt und trage ihn aufs Bett. Ich versuche erneut, ihn anzusprechen – vergebens. Er hat inzwischen die Augen geschlossen. Nach Sekunden ist er offenbar eingeschlafen. Sich bei ihm zu erkundigen, bevor man irgendetwas unternimmt, ist sehr wichtig, denn sein Wille ist sein Himmelreich. Er fühlt sich auch so bereits genug bevormundet und hintergangen von mir. Aber nun ist sein Wille lahmgelegt. Zum Glück geht das Telefon noch, das vorm Bett auf der Erde liegt. Ich wähle den Notruf. Nach einigen Fragen nehmen sie mir den Ernst der Lage ab und versprechen zu kommen.

Hoffentlich beeilen sie sich nicht zu sehr – ich muß wenigstens den Flur sauber machen. Edmunds abgerissenes, „pennerhaftes“ Aussehen ist mir schon peinlich genug. Schob ich ihn alle paar Monate im Rollstuhl zum Augenarzt, kam es jedesmal einem Spießrutenlauf gleich – für mich, den Schiebenden. Er selbst sieht ja sowieso nicht mehr viel. Im Fahrtwind schlottern die Hosenbeine seines schäbigen alten Anzugs und seine stinkige Mähne. Jetzt hat er seit mindestens sechs Wochen nicht mehr geduscht, denn nach seinem Rückfall schaffte er es nicht mehr aus eigenen Kräften. Hilfe lehnte er ab. Kein Hausarzt, keine Pflegekraft und schon gar kein Sohn darf seinen erbärmlichen Körper antasten. Er kommt allein zurecht.

Manchmal fragte ich mich, auf wieviel Meter Entfernung er mich wohl dereinst mit meiner Mutter gezeugt hat. Es muß ein großes Versehen gewesen sein. Hätte er sich schon mit 20 zu seinem Ideal des Hagestolzes bekannt, wäre uns mancher Verdruß erspart geblieben. Im Grunde genommen pflegte er in den letzten Jahren nur seiner Haartracht zuliebe noch einmal wöchentlich zu duschen. Er trägt schulterlanges Haar und Vollbart, seit ich ihn kenne. Diese Haartracht war sein Stolz. Sie war der Ausweis seiner makellosen antibürgerlichen Gesinnung. Jetzt könnte ihn keiner an den grauen Strähnen auf die Straße zur Demo schleifen – bei ihrem Verfettungsgrad glitten sie einem durch die Finger. Sein Bart sieht wie ein Hagebuttengestrüpp aus wegen der verdammten Kirschgrütze, die er immerhin noch ißt. Einige Male bat ich ihn, seinen Bart abwischen zu dürfen – er schlug nach meiner Hand. Mit fünf Löffeln Kirschgrütze, einem Hörnchen, einer Banane und einem Stückchen Käsebrot verhindert er seit Monaten sein Ableben. Wahrscheinlich lebt er nur noch, damit es sein Sohn nicht zu einfach hat. Noch niemals in seinem Leben hat er zu mir von seinen Gefühlen gesprochen. Dafür hat er mich politisiert. In seiner kämpferischen Hochzeit war es überflüssig, mich an den Haaren aus der Wohnung zu ziehen. Seine Gründe für den Kampf waren derart überzeugend, daß ich zu Hause vor lauter Gewissensbissen wenig Freude gehabt hätte. Was lief ich mir auf den Ostermärschen die kleinen Füße wund oder stand mir hinter dem Büchertisch in der Fußgängerzone die kurzen Beine in den Bauch! Schließlich sollte ich es einmal besser haben.

Nachdem ich die Kotklümpchen aufgefegt und ins Klo gekippt habe, mache ich mich mit feuchtem Putztuch und Schrubber an die Schlurfspuren, die ich seit langem gewohnt bin. Mein guter Vater neigte immer zum Aufbrausen, zudem rauchte und trank er viel. Was Wunder, wenn er vor Jahren einen Schlaganfall erlitt. Seitdem konnte er sich nur noch am Gehwagen durch die Wohnung schieben. Hinzu kam eine rapide Verringerung seiner Sehkraft – grauer und grüner Star. Den größten Teil des Tages verbrachte er an seinem Arbeitstisch im Wohnzimmer mit Radiohören. Bis zum Küchentisch sind es rund vier Meter. Um diese Strecke am Gehwagen zurückzulegen, benötigte er schon vor seinem Rückfall vier Minuten. Da er seine Füße nicht mehr anheben konnte, schob er sie in Abständen von Zehenlänge über den Teppich oder die Fliesen. Dadurch kam es zu den appetitlichen Schlurfspuren. Unter der Kloschüssel standen nämlich regelmäßig mehr oder weniger kleine Urinlachen, weil er beim mühsamen Pinkeln offensichtlich nicht mehr zielsicher war, obwohl er sich zu diesem Zwecke hinzusetzen schien. Schon nahezu blind, war dem Patriarchen wohl nichts anderes übrig geblieben, als sein Wasser nicht im Stehen zu lassen. Doch auch im Sitzen ging immer etwas daneben. Einen Teil seines Urins pflegte er offenbar geradewegs unter der Klobrille hindurch zu verstrahlen, denn deren Unterseite hatte ich oft genug von rötlichem Belag zu befreien. Die Schlurfspuren ergaben sich, weil er nach vollbrachter Tat mit seinen geliebten Filzlatschen in seinen eigenen Urin trat. Beim Schlurfen vermählte sich dieser bereitwillig mit Staub, Fusseln und ausgefallenen grauen Haaren. Traf ich täglich morgens und abends ein, um ihm die Augentropfen zu verabreichen, Kaffee zu kochen und sein üppiges Mahl zu richten, spielte ich zunächst Akrobat, um nicht an seinen Schlurfspuren festzukleben. Während der Kaffee durchlief, beseitigte ich sie möglichst unauffällig. Bekam er mit, daß ich schon wieder meinem Putzfimmel nachging, tobte er.

Das Bettenmachen hatte er sich ohnehin verbeten. Es war schon viel, wenn ich gelegentlich die Waschmaschine füttern durfte. Leider bewachte er mich trotz seiner Sehschwäche ziemlich zuverlässig, denn er hatte Ohren wie ein Luchs. Sobald er Unheil witterte, legte er den Kopf schief, um die Gefahrenquelle genau orten und bestimmen zu können. „Was war denn das?“ hörte ich ihn einmal vom Flur aus. Ich hatte widerrechtlich eine Spinnwebe entfernt und dabei mit dem emporgereckten Besen versehentlich die neben der Verteilerdose sitzende Türklingel angestoßen. Da Edmund allerdings grundsätzlich Unheil witterte, war sein Kopf so gut wie immer schiefgelegt – wobei er ihn genau in dem Maße wieder zurückwandte, wie ich mich ihm näherte und beispielsweise den Küchentisch umrundete. Sein Argwohn, den ich natürlich seit Jahrzehnten kannte, hatte sich neuerdings so sehr in diesem Kopfwenden und Ohrenspitzen manifestiert, daß ich diese von vielen Gehörschwachen bekannte Geste bereits haßte – einerlei, bei wem sie auftrat.

Die Undurchsichtigkeit seiner Fensterscheiben fiel ja für Edmund sowieso nicht mehr ins Gewicht. Auch die Blicke der Nachbarn und des Vermieters trafen nicht ihn. Versuchte ich ihn zur Anschaffung neuer Filzpantoffeln zu überreden, tobte er ebenfalls. Ich glaube, sein Geruchssinn war selbst für diesen starken Tobak zu schwach entwickelt. Hätte ich ihm seine Latschen unter die Nase halten sollen? Ihm versichern sollen, das Linoleum vorm Badezimmer gleiche einem Flußdelta, weil er zu dumm zum Trinken und zum Pinkeln sei? Da die Wege ins Bad ungleich länger als die zum Küchentisch waren, versuchte er sie logischerweise zu vermeiden. Diese Logik ist bekannt: Wenn ich weniger trinke, muß ich weniger aufs Klo. Schlug ich ihm hin und wieder vor, mehr Flüssigkeit zu sich zu nehmen, weil sein Gehirn sonst immer weniger durchblutet werde, beschimpfte er mich. Er läßt sich verdorren, legt es in seinem bornierten Eigensinn auf Altersdemenz und Säuglingswindeln an – und du hast die Folgen auszubaden! Ja, ich hätte ihm die Latschen unter die Nase halten sollen. Denn meine Rücksichtnahme bedeutete, dem Tyrannen, der einen tritt, die Füße zu küssen.

Die Klemme ist, daß er mir aufgrund seiner Geschlagenheit und seines Angewiesenseins auf Hilfe auch wieder leid tut. Wem wünscht man das schon? Nicht mehr lesen, laufen, pinkeln zu können? In der Tat wieder zum Kind degradiert zu sein? Es ist dann vielleicht kein Wunder, wenn einer, der sowieso zu Wutanfällen neigt, besonders leicht reizbar ist und aus Mücken Elefanten macht. Einmal ging es um zwei Handtücher. Er pflegte die getrocknete Wäsche stets eigenhändig vom Ständer zu nehmen und zu sortieren, hatte er dadurch doch ein wenig Beschäftigung. Er machte es im Sitzen, weil er sonst zu stürzen drohte. Nun wollte ich die Wäschestapel wegtragen, fand aber auf dem Stuhl zwei nicht gefaltete Handtücher. Welche Bewandtnis es damit habe, erkundigte ich mich. Er verkrampfte sich jäh, zitterte, tobte: „Das weiß ich ja auch nicht!“ Ich versuchte sofort zu beschwichtigen. Ich würde gleich feststellen, ob es saubere oder gebrauchte Wäsche sei und sie entsprechend verstauen. Aber er tobte weiter: „Gestern habe ich die blaue Hose gesucht und nicht gefunden! Weil ich sie nicht sehe!“ Sie hing noch im Wäschetrockner. „Ich bin es leid!“ – „Was denn?“ fragte ich möglichst unverfänglich zurück. – „Meine verdammte Hilflosigkeit!“ Damit übermannten ihn nach dem Zorn auch fast die Tränen. Ich empfand ihn in diesem Augenblick noch bedauernswerter als ein kleines Kind. Denn das Kind kann sich wenigstens noch Hoffnung machen, seine Ohnmacht irgendwann zu überwinden. Für einen gebrechlichen Greis geht es gnadenlos bergab.

Ein andermal tat er mir leid, obwohl er zum wiederholten Male meine Versuche durchkreuzte, ihn in ärztliche Obhut zu bekommen. Bekannte hatten mir eine am Arbeitsamt tätige Ärztin vermittelt, die sich bereit erklärte, einmal mit Edmund zu sprechen. Mir schwante bereits nichts Gutes, als ich ihr öffnete. Sie war eine stämmige Frau um 50, die mir fast die Hand quetschte. Vielleicht trug sie so als Linke, die sie war, zur Arbeitsunfähigkeit der ihr vorgeführten Hartz-IV-EmpfängerInnen bei. Sie pflügte gleich in die Küche und ließ ihr lautes Organ erschallen. Ich zog ihr beflissen einen Stuhl herbei, doch sie winkte ab. Stattdessen lehnte sie sich mit ihrem üppigen Hintern an die Spüle, verschränkte die strammen Beine und Arme und unterzog den im Rollstuhl am Tisch hockenden Edmund einem Verhör und einer Strafpredigt, die sich gewaschen hatten. Sie bellte wie ein Feldwebel. Eine Altenpflegerin, auf die ich einmal ein Auge geworfen hatte, versicherte mir, vor RollstuhlfahrerInnen, die sie auf dem Flur oder in ihrem Zimmer anspreche, stets in die Knie zu gehen, damit gleiche Augenhöhe gegeben sei. In einem Seminar, zu dem uns einmal unsere Dienststelle schickte, lernte ich mit meinen Kollegen, bei Konflikten gelte es seinem Gegenüber Brücken zu bauen statt es mit Vorwürfen zu überhäufen und ihm gar noch wie die Arbeitsamtsärztin vorzuhalten, er führe sich „wie ein trotziges Kind!“ auf. An ihrer Stelle hätte ich Edmund mit behutsamen Strichen die Wonnen ausgemalt, heutzutage noch einen Arzt ins Haus geschickt zu bekommen – statt ins Pflegeheim verfrachtet zu werden. Einen solchen Kollegen wollte die Frau vermitteln. Doch sie vermittelte eben nicht. So blieb Edmund verstockt und warf sie schließlich hinaus. Wahrscheinlich hätte ich das gleiche getan.

Immerhin verdankte ich der Frau ein paar beruhigende Auskünfte, die sie mir bereits am Telefon gegeben hatte. Wie es mit meiner Fürsorgepflicht bestellt sei, wollte ich von ihr wissen – ob man mir beispielsweise aus Edmunds Verwahrlosung einen Strick wegen „unterlassener Hilfeleistung“ drehen könne? Das verneinte sie. Edmund sei frei – sein Wille geschehe. Er habe sozusagen ein Recht auf Verwahrlosung, solange er keine Dritten oder sich selbst gefährde. In diesen Fällen könne ihn beispielsweise ein Notarzt ins Krankenhaus einweisen lassen. Weiter könne ein amtsrichterliches Betreuungsverfahren eingeleitet werden, das zu seiner Entmündigung führe. Hiermit verband sie allerdings schon wieder eine Drohung, wenn auch unwillentlich: Oft würden Verwandte zum amtlichen Betreuer bestellt, also beispielsweise der Sohn ...

Sie sind da. Das Blaulicht flackert durch die Zimmerfenster. Ich öffne zwei schwer bepackten Leuten, die in ihrer wetterfesten grellfarbigen Kluft fast wie Astronauten wirken. Sie wecken Edmund auf, doch er lallt nur unverständliches Zeug. Sie nehmen mit Hilfe ihrer Geräte verschiedene Messungen vor. Der Blick, den sie tauschen, sagt mir als Laien: Völlig entkräftet und ausgetrocknet, der Mann. Ob sie den hier verhungern lassen?

Auf ihre weniger derben Fragen hin umreiße ich Edmunds Krankengeschichte, seine Ernährung, seine Widersetzlichkeit. Dabei verabreichen sie ihm bereits eine Injektion. Als ich geendet habe, nickt der Wortführer und sagt zu seinem Assistenten:

„Also ab die Post!“

Der Assistent nickt zurück, verschwindet nach draußen und kehrt mit einem Paket wieder, das sich als entrollbare Tragbahre aus Stoff entpuppt. Sie legen den federleichten Edmund hinein und bugsieren ihn in den Hausflur. Es wäre nicht die schlechteste Idee vom Schöpfer gewesen, Edmund vor 73 Jahren gleich als Schmetterlingsraupe zu deklarieren.



Die Spule

Erstveröffentlichung 2007 in Die Brücke

Sie schlugen die steile Querstraße zu den Schloßterrassen ein. In den Einfahrten blinkten teure Limousinen. Zur Bergseite hin war ein schmaler Graben ausgehoben worden für ein neues armdickes Telekom-Kabel. Die Arbeiter hatten schon Feierabend gemacht. Ein paar erste gelbe Lindenblätter lagen in dem lehmigen Graben. Sie verkündeten das nahe Ende der Briefpost.

Maria geriet bald ins Keuchen. Jost verblüffte das wenig, denn von dem Berg einmal abgesehen, hörte sie nicht auf wie ein Wasserfall zu reden. Zu Hause hatte sie niemanden, der ihre Verbitterung hätte nachvollziehen können. Sie sahen sich ungefähr jährlich. Jost war sofort aufgefallen, daß sie weiter abgemagert war. Ihre dunkel geränderten Augen zeigten kaum noch Glanz. Marias Feuer, von ohnmächtiger Wut gespeist, schien die Form eines häuslichen Schwelbrandes zu bevorzugen. Sie wußte kein Mittel, es zu löschen. Ihre Stelle als Streetworkerin war von ihrer angeblich rotroten Landesregierung gestrichen worden. Inzwischen lebte sie von Hartz IV, was sie immer noch „beinahe üppig“ fand im Vergleich zu all dem Elend ringsum – von den Obdachlosen am Spreeufer bis zum Niger-Delta.

„Die Luft ist verpestet“, keuchte Maria, „und auf den Feldern wächst kaum noch was! Entschuldige bitte, ich muß einen Moment verschnaufen.“

Sie ging zu einer mächtigen leeren Kabelspule, die auf der Stadtseite neben einer noch vollen auf einem Rasenstück abgestellt worden war, und lehnte sich mit ihrem Hinterteil gegen das trommelförmige Mittelstück. Zum Ausruhen lag die Trommelwölbung aber viel zu hoch. Die beiden Räder der aus rohem Holz gezimmerten Spule reichten fast einen halben Meter über Josts Baskenmütze.

„Sie fackeln da unten seit Jahren das Erdgas ab“, empörte sich Maria weiter. „Shell meine ich. Das lodert und qualmt da Tag und Nacht, obwohl es schon einheimische Gerichtsurteile dagegen gibt. Shell ignoriert sie einfach.“

Jost nickte. Die Spulen waren natürlich rechtwinklig zum Bürgersteig und damit zum Gefälle geparkt. Trotzdem lagen beidseitig Kanthölzer als Bremsklötze vor den Rädern. Andernfalls wäre die Spule bei Marias Anlehnen womöglich unvermutet eine Ellbogenlänge zurück in die Ziersträucher gerollt. Beule am Hinterkopf – maximal Genickbruch, dachte Jost mit Erschrecken. Sein Erschrecken galt seiner eigenen Phantasie.

Maria putzte sich die Nase. Jost stand vor ihr und knetete seine Finger in den schrägen tiefen Taschen seiner gefütterten Lederjacke. Maria hatte ihm erzählt, um zu sparen, habe sie sogar ihre Zeitung abbestellt. Zum Zeitunglesen gehe sie jetzt zwei- oder dreimal in der Woche in die nahe Stadtbücherei. Jost zwinkerte ihr zu und sagte:

„Vielleicht solltest du dankbar sein, wenn in Kürze auch eure Stadtbücherei dem Rotstift eures roten Senats zum Opfer fällt. Oder wenn die Leiterin wenigstens die Zeitungsabonnements kündigen muß ...“

Maria schlug mit ihrem Taschentuch nach ihm. „Du glaubst doch selber nicht, daß solche Enthaltsamkeit was hülfe! Diese Dinge kriegst du zwangsläufig überall mit. In jedem Kiosk läuft ein Fernsehgerät. Diese offenbar unausrottbaren brutalen Strukturen, die mich manchmal rasend machen, ziehen sich durch unseren Alltag. Hier, bitte!“

Sie nickte verächtlich zu dem frischausgehobenen Graben für das Telefonkabel. Dann fuhr sie mit einer Hand über die Vorgärten und Fassaden der umliegenden Villen.

„Und hier! Was meinst du denn, wer hier wohnt? Eine unschuldige Kleinanzeigensachbearbeiterin eures Lokalblatts?“

„Ein Chef von Shell wohl kaum ...“ kratzte sich Jost unterm Mützenrand. Die Vorstellung einer Zapfsäule ließ ihn an Gesine denken. „Immerhin“, nickte er die Straße hinab, „drüben am Hang wohnt unser Bürgermeister. Ich weiß es von seiner Tochter, die öfter Thekendienst im Schwarzspecht macht.“

Maria schien sich nicht für die Tochter des Bürgermeisters zu interessieren. Offenbar hatte sie eine Idee gefaßt. Sie musterte abwechselnd die abschüssige Straßenflucht und die neben ihnen geparkte volle Kabelspule. Schließlich nickte sie ins Tal:

„Siehst du den Neubau unten am Abzweig? Genau der Einmündung gegenüber?“

„Ja, sicher. Warum?“

Sie waren ja eben erst an dem Grundstück vorbeigekommen. Es war noch nicht eingezäunt. Einer Stelltafel zufolge entstanden in dem Rohbau vier komfortable Eigentumswohnungen. Die linke untere Wohnung hatte neben der Terrasse einen sehr großzügigen verglasten Wintergarten. Seit wenigen Minuten war er sogar durch Baustrahler hell erleuchtet; offenbar wurde trotz der beginnenden Dämmerung noch gearbeitet. Dieser Wintergarten lag genau auf der Achse der Straße, die sie im Moment hinabblickten.

Maria lehnte noch immer an der Trommel. Inzwischen hatte sie ihre Arme verschränkt. Jetzt lachte sie schnaubend.

„Das da unten ist die neue Stadtwohnung eures Landrats. Wie du wissen wirst, ist er vor allem von einem weltweit engagierten Energiekonzern gewählt worden, weil er diesem die regionale Wasserversorgung zuzuschanzen gedenkt. Während dieser Wahlperiode wirst du das zunächst nur an enormen Preissteigerungen und vermehrten Schadensfällen merken. Das verseuchte, rationierte oder pulverisierte Wasser ist bislang dem Pöbel in jenen Schurkenstaaten vorbehalten, in denen der Konzern agiert. Obwohl im Wintergarten noch die Freihanddekorationen fehlen, hat der Landrat heute abend einen hiesigen Direktor des Konzerns zu Gast. Wir wissen es von der Bürgermeisterstochter. Die beiden Gattinnen lassen wir aus dem Spiel. Jetzt heben die beiden Herren ihre Weingläser, um auf weitere gute Zusammenarbeit anzustoßen. Sie ahnen nicht, wie sehr es gleich klirren wird. Zu aufgeräumt die Stimmung und zu dunkel draußen, um die auf sie zurollende volle Kabelspule zu bemerken. Was meinst du, was sie wiegt? Eine Tonne doch wohl sicher. Und sie hat Fahrt!“

Jost pfiff durch die Zähne, während er auf den erleuchteten Wintergarten starrte. Obwohl er jetzt vorbereitet war, zuckte er zusammen, als er sich den Einschlag der Spule und die Schmerzensschreie ausmalte. Nach einer Weile des Nachdenkens blickte er zu Maria, die ihn trotzig anfunkelte. Er zog seine Hände aus den Jackentaschen und sagte:

„Angenommen, die Spule rollt schon. Was ist denn, wenn plötzlich die kleinen Kinder des Landrats in den Wintergarten platzen, um dem Onkel Direktor ihre neuen Sattelschlepper oder ihre neuen Wasserwerfer vorzuführen?“

„Na und? Soll'n sie doch!“ zischte Maria. „Weißt du nicht, wie viele tausend dunkelhäutige Kinder so ein Spitzenmanager auf dem Gewissen hat? Zählen die weniger, nur weil diese Morde nicht so leicht nachzuweisen sind wie eine Messerstecherei? Weißt du nicht, wie viele irakische Kinder US-Außenministerin Albright auf dem Gewissen hat wegen des jahrelangen Boykotts, von den Bomben ganz zu schweigen? Und diese Sau hat das sogar zugegeben und gerechtfertigt! Nein, ich nehme nichts zurück. Soll die Landratsbrut nur kommen! Woher nimmt so ein Schwein das Recht, Kinder in die Welt zu setzen?!“

Maria stand schon kurz vorm Schreien. Jost machte beschwichtigende Handbewegungen, zumal sich von den Schloßterrassen her ein Fußgänger mit einem Hündchen an der Leine näherte. Jost sah wieder die Straße hinab. Inzwischen waren die Laternen angegangen. Er schüttelte seinen Kopf und sagte über die Schulter:

„Und was machst du, wenn unten gerade ein Auto kommt? Da sitzen doch wahrscheinlich völlig unbeteiligte Menschen drin, vielleicht sogar Bekannte von mir!“

Da Maria nichts erwiderte, wandte sich Jost ihr wieder zu. Sie biß ihre Lippe und sah dem Mann mit Hündchen entgegen. Er mochte um 40 sein. Er trug eine lederne Schlackenkappe; sie schimmerte. Außerdem schien ihm ein Glühwürmchen vorauszufliegen, denn zwischen seinen Lippen wippte eine brennende Zigarette. Bevor er bei ihnen eintraf, machte Jost den Bürgersteig frei, indem er sich neben Maria an die Kabeltrommel lehnte. Maria aber sprach den Mann plötzlich an.

„Entschuldigen Sie! Könnten Sie uns vielleicht einen kleinen Gefallen tun?“

Der Mann hielt inne, zuckte mit den Achseln und sah Maria gelangweilt an, während sein weißer fransiger Scotchterrier an einem der Spulenräder sein Hinterbein hob.

Maria kicherte. „Wenn Sie unten angekommen sind, halten Sie bitte mit der Autorität Ihres gefährlichen Hundes für einen Moment den Abzweig von möglicherweise nahenden Autos frei. Wir benötigen für höchstens zwei Minuten freie Bahn. Springen Sie aber selber rechtzeitig beiseite!“

Der Mann hatte zunehmend seine Stirn gerunzelt. Nun nahm er seine Kippe aus dem Mund, um sie mit dem Schuhabsatz vor ihnen ins spärliche Gras zu bohren. Dann zupfte er an der Leine und knurrte seinem Hündchen im Weggehen vertraulich zu:

„Ich glaube, die beiden haben 'n Rad ab, Fridolin.“

Jost grinste und hielt die kichernde Maria fest, die sich jäh an ihn geworfen hatte. Die Ziersträucher zitterten, obwohl ein Kantholz hinter der Spule lag.



Flußgespräch

Einen lieben Freund, mit dem ich mich bis zum heutigen Tage mindestens zweimal jährlich treffe, lernte ich 1998 unter einer ländlichen Brücke kennen. Damals war ich mit dem Rad im Fränkischen unterwegs. An jenem Nachmittag folgte ich einem staubigen Fahrweg, der sich wiederum an einen Nebenfluß des Mains hielt. Mit meinen Speichen drehten sich die hellblauen Räder der Wegwarte, die hervorragend mit Lachen des gelb blühenden Sichelklees korrespondierten. Wir hatten Ende Juli. Sofern sie gerade abgeerntet wurden, hingen über den Getreideschlägen ebenfalls Staubfahnen – was Dutzende von Milane oder Störche nicht daran hinderte, auf den noch zitternden Stoppeln zu landen. Die dröhnenden Mähdrescher frästen mit ihren breitausgelegten Schneidwerken (Messerbalken und Haspel) Schneisen in den Raps oder den Weizen, die für eine vierspurige Schnellstraße ausgereicht hätten. Genau das sei eben der gute Grund für diese Gigantomanie, wird hier gern von sogenannten Volkswirten eingewandt: damit es schneller, daher auch billiger gehe. Schließlich sei die halbe Welt am Verhungern. Ja, so ist es. Denn Autos, Schnellstraßen, Kampfbomber, Flugzeugträger, Marsfähren und Rolex-Armbanduhren sind zu unverdaulich für die Welt. Verzichten wir aber auf Scherze, erklärt und rechtfertigt sich die Gigantomanie allein aus einem Wachstumswahn, der mit Getreidehalmen so wenig zu tun hat wie der Pfeiler eines modernen Windrades. Die Rendite soll wachsen. Vor allem die Rendite der Landmaschinenfabrikanten.

Bevor es dunkel wurde, fand ich eine stillgelegte Eisenbahnbrücke, die den schmalen Fluß und die jenseits verlaufende Landstraße in mehreren Bögen überspannte. Hier war es vergleichsweise still. Nach einem Bad und einem Abendbrot kroch ich in meinen Schlafsack, denn ich war aufgrund eines Pensums von ungefähr 25 Kilometern ziemlich erschöpft. Irgendwo unter den Sandsteinbögen hockte ein Heimchen, das mir mit beinahe ohrenbetäubendem Zirpen eine gute Akustik verhieß. So schlief ich befriedigt ein.

Nachdem ich beim Erwachen das Gewölbe über mir wiedererkannt hatte, stütze ich mich auf die Ellbogen und äugte über den Fluß. Am anderen Ufer saß ein Mann, der sich aufgrund seines weißen Hemdes recht gut vom mit der Zeit gedunkelten Sandstein des nächsten Brückenpfeilers abhob. Er deutete mit seiner linken Hand einen Gruß an und sah wieder ins Wasser. Sein blondes Haar trug er zurückgekämmt. Seine Arme hingen jetzt wieder beide von seinen Knien herab. Allerdings war der rechte Arm mit einem merkwürdigen Gerät bewehrt, in dem man zum Beispiel das Zielfernrohr einer Flinte mutmaßen konnte. Ich verkniff die Augen, wurde aber nicht schlau aus dem Ding. Deshalb sprach ich ihn schließlich an:

„Wollen Sie die Forellen, die es hier vielleicht gibt, harpunieren? Oder was sonst für eine Konstruktion tragen Sie da am Arm, wenn ich fragen darf? Das sieht ja gefährlich aus!“

„Ach so“, erwiderte er nach einem griesgrämigen Blick auf sein Edelstahlobjekt. „Das ist statt Gips. Hab mir gerade die Hand gebrochen, komplizierter Trümmerbruch. Von der Leiter gefallen, wie es so geht ... Der Chirurg hat mir dieses feinmechanische Wunderwerk als Klammer verpaßt ... Nur hat er mir leider nicht verraten, wie man damit schlafen soll. Deshalb sitze ich hier in aller Herrgottsfrühe und drehe Däumchen. Als Krankengymnastik, wissen
Sie ..?!“

Ich mußte grinsen. Der Mann gefiel mir; er nahm sein Unglück mit Humor. Später konnte ich seine „Maschine“ aus der Nähe mustern. Es handelte sich um ein blitzendes Gestänge mit etlichen verstellbaren Gelenken, das mit Schrauben einerseits im Handwurzelknochen, andererseits, auf halber Armhöhe, in der Elle verankert war. Das war natürlich unter Narkose geschehen.

Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir: es war tatsächlich erst halb Sieben. Aber ich fühlte mich ausgeschlafen und übungsbereit. So stand ich auf, ging zunächst hinter einen Busch, dann zwecks Katzenwäsche ans Wasser und erkundigte mich beim Abtrocknen:

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ein paar Takte Flöte spiele? Ich bin sauschlecht, ich muß dringend mehr üben!“

„Ach woher!“ winkte er mit seiner gesunden Hand ab. „Legen Sie ruhig los! Alles besser als hier solo Trübsal zu blasen.“

Ich zog den schmalen schwarzen Koffer aus den Satteltaschen, um die in ihm verwahrte Querflöte zusammen zu stecken. Auf den Gepäckträger selber würde ich nachher den zusammen gerollten Schlafsack schnallen. Ich pflegte bei meinen Radwanderungen niemals ein Zelt mitzunehmen. Sein Gewicht hätte mich nur noch mehr ermüdet. Ich hatte mich vielmehr auf Brücken verlegt, schlug ich damit doch mehrere Fliegen mit einer Klappe: ich hatte ein Dach über dem Kopf, eine Badewanne vor den Füßen und einen günstigen Übungsraum für meine Querflöte. Mein Ton auf der Flöte war nämlich alles andere als voll, weil ich zu faul oder zu unbegabt war, ihn mit dem Zwerchfell hinreichend abzustützen. Durch den Hall des Brückengewölbes konnte ich diesen Mangel kaschieren.

Ich spielte etwa 20 Minuten. Da mein Zuhörer – übrigens 43, wie ich dann beim Frühstück erfuhr – nicht gerade wie ein ungehobelter Dorfschreiner wirkte, versuchte ich unter anderem mit Chatschaturjans Säbeltanz Eindruck zu schinden. Doch darauf ging er nicht ein, als ich die Flöte wieder auseinander schraubte und ausputzte.

Jetzt kommen die lustigen Tage, ja, das ist ein schmissiges Stück“, nickte er mir lächelnd zu. „Ich muß mir immer das Grinsen verkneifen, wenn es im Treppenhaus unsres Altenheims aus voller Kehle von den dort versammelten Wracks geschmettert wird. Viele sitzen schon im Rollstuhl. Das Liedersingen findet jeden Freitag unter Anleitung eines Akkordeonspielers statt. Ich bin da Pfleger, müssen Sie wissen. Im Moment natürlich nicht.“

Die Vorstellung der im Treppenhaus – oder in ihren Zellen – sitzenden „Wracks“ machte mich schlagartig traurig. Ich seufzte und erwiderte:

„Und was soll die ganze Veranstaltung, wenn ich fragen darf?“

„Das Liedersingen im Altenheim? Na, es sorgt für ein bißchen Beschäftigung und Geselligkeit. Die langweilen sich ja zu Tode, die armen Alten!“

„Eben das hatte ich im Auge. Ich meine diese Veranstaltung überhaupt, die wir Leben nennen. Ein Leben lang haben wir uns gegen die Langweile – auch Sinnlosigkeit genannt – und das Leiden abzustrampeln. Ich fahre Rad, ein anderer angelt, Dritte röcheln an einem Infusionsschlauch. Und warum? Niemand weiß es. Und die Verteilung der Rollen, auch der Häppchen an Glück, ist völlig willkürlich. Oder finden Sie nicht? Warum sind Sie von der Leiter gefallen und nicht ich? Und wäre es umgekehrt einsichtiger?“

Er sah mir eine Weile nachdenklich, vielleicht sogar erstaunt dabei zu, wie ich die drei Flötenteile in ihren mit Samt ausgeschlagenen Kasten bettete. Das Wasser, das zwischen uns dahinzog, gluckste leise, und von einem jenseits gelegenen Gehölz her ertönte das schrille Wiehern von Turmfalken. Vermutlich lag dort ein Dorf. Als ich den Deckel schloß, brach der Blonde sein Schweigen.

„Wo wollen Sie eigentlich frühstücken, wenn ich fragen darf?“ äffte er mich wohlwollend nach. „Ich sage es Ihnen: bei mir.“ Er nickte sich über die Schulter: „Ich wohne mit meiner Frau und meinen drei Kindern gleich hier im Dorf. Wir haben eine Terrasse. Das Fahrrad können Sie ja anschließen. Wenn Sie über die Brücke klettern, haben wir keine 500 Meter zu gehen.“

Das klang doch verlockend. Den Turm der Dorfkirche hatte ich bereits am Abend über dem Gehölz erspäht. So signalisierte ich mein Einverständnis, schloß das Rad ab, klemmte mir den Flötenkasten unter den Arm und nahm die Böschung zum Brückenkopf in Angriff.



Roßkur

Erstveröffentlichung 2010 in Die Brücke

Auf dem Geestrücken unweit der Mündung der Aller in die Weser liegt Verden. Die Marsch ist flach wie ein Brett. Nicht daß sie ohne Reize wäre; zum Beispiel ist sie der Tatort unsrer Geschichte. Von der Marsch aus gesehen wäre die Stadt Verden fast hübsch zu nennen, hat doch ihr Dom statt prahlerischer Türme nur einen Stumpf vorzuweisen. Doch dafür erhebt sich nahe der nördlichen Allerbrücke ein um 1970 errichtetes Kreistagsgebäude aus Waschbeton, das schon als kleiner Wolkenkratzer bezeichnet werden kann. Was Wunder, wenn auch unsere Geschichte phallokratischen Geist atmet. Zwar hat Verden seit 2001 einen ermordeten Arbeitsamtsdirektor zu bieten, aber um diesen geht es hier nicht. Verdens Volkssport wird klar, wenn man um das nahe am Dom gelegene Pferdemuseum weiß. Verden frönt der Zucht und der Züchtigung von Pferden.

Tatsächlich hatten auch unsere beiden Heldinnen mit dem Pferdesport zu tun, sonst hätten sie sich kaum getroffen. Tanja war ein stämmiges, breithüftiges Mädchen mit blondem Bubikopf, das gern über alle vier Backen lachte; keine Spur von einer Amazone. Sie galt als große Springreithoffnung und zählte trotz ihrer Jugend bereits zum Deutschlandkader. Dagegen wirkte Dörte eher unscheinbar, fast schüchtern. Allerdings sollen die Brüstchen der kleinen drahtigen Frau ähnlich spitz wie Senkbleie gewesen sein. Dann waren sie vermutlich auch Gombrecht unter Dörtes klatschnassem Fähnchen nicht entgangen. Dörte schätzte Pferde, weil sie Sattlerin gelernt und sich bald nach der Lehre selbstständig gemacht hatte. Ihre Werkstatt lag unweit des Domes in einem Hinterhäuschen, in dem sie auch wohnte. Von ihrer zurückgezogenen Lebensweise her war es nicht unpassend, ihren kurzen dichten Haarschnitt mit einem Maulwurfspelz zu vergleichen. Sie war schon als Schülerin nicht sonderlich gesellig gewesen. Zu ihren lieben Angewohnheiten zählte es, nach Feierabend mit dem Fahrrad südlich der Aller durch die Wesermarsch zu gondeln, bevor sie unter ihre Dusche ging. Und dabei passierte es.

An einem drückend heißen Nachmittag wurde sie in den Wiesen und Feldern südlich des Dorfes Hönisch von einem Gewitter überrascht. Der Sturm peitschte die Ahornbäume und schüttete den Regen in wahren Sturzfluten über den asfaltierten Fahrweg. Dörte hatte Glück, denn im fahlen Licht der ersten Blitze schien der Umriß einer Feldscheune vor ihr auf. Sie rettete sich unter das überhängende Dach. Da es von der Rückseite der Scheune her stürmte, brauchte sie nicht durchs Tor zu schlüpfen, das einen Spalt breit offen stand. Obwohl sie fröstelte, verfolgte sie beeindruckt das grandiose Schauspiel der entfesselten Natur.

Plötzlich fuhr sie herum. Jemand hatte unmittelbar hinter ihr aufgelacht. Es war Gombrecht. Er stand mit breitem Lächeln im Spalt des Scheunentors. „Ein teuflisches Wetterchen, nicht wahr?“ nickte er und rieb sich leutselig die Hände. „Mich hat es mitten im gemütlichen Ausritt erwischt.“ Seine tadellos rasierten Hamsterbacken wackelten.

Sie kannte den fülligen Reiter, der Ende 40 sein mochte, nur flüchtig. Jetzt hörte sie aus dem Dunkel der Scheune auch sein Pferd scharren. Gombrecht hielt etliche Springpferde. Er zählte zu Dörtes Kunden, weil sie die nächstgelegene Sattlerei betrieb. An der Lindhooper Straße, nur einen Steinwurf von der Pferderennbahn entfernt, besaß er ein Geschäft, das mit hochwertigen Gebrauchtwagen handelte. Seine gierigen Augen verengten sich bereits. Dörte wurde immer mulmiger zumute, doch es war schon zu spät, sich aufs Fahrrad zu stürzen. Gombrecht ergriff Dörtes Handgelenk wie mit einem Schraubstock und zog sie jäh in die düstere Scheune.

Was er mit ihr machte, werden sich die meisten LeserInnen denken können. Vermutlich hatte er sich blitzschnell ausgerechnet, alle Schreie seines Opfers würden in dem Inferno, das ringsum tobte, leicht untergehen. Und spätere Beschuldigungen würde er als bekannter Geschäftsmann, Förderer des Lokalsportes und Duzfreund der grünen Landrätin lässig von sich weisen können. Die Wunschträume solcher frustrierter EigenbrötlerInnen, die nie mit einem Mann gesehen werden, sind ja bekannt. Seine Schimmelstute würde ihn kaum verpetzen. Sie scheute mehrmals, während sich Gombrecht an Dörte verging, und schlug mit ihren Hufen an irgendwelche Bleche. Und draußen die Donnerschläge! Doch die Schimmelstute habe ihr andererseits die Anspornung gegeben, sich wieder aufzurappeln und sich durch Gombrecht nicht ihr Leben verpfuschen zu lassen, sagte Dörte später. In ihrer Vorstellung habe sich die Schimmelstute aufgebäumt, um mit einem Hufschlag Gombrechts grinsenden Schädel zu zerschmettern. Dieses Bild sei ihr hartnäckig treu geblieben, bis Tanja kam.

Das Unwetter ließ nach, als Gombrecht längst verschwunden war. Dörte wankte zu einem Bauernhaus, das hinter dem nächsten Deich hervorlugte. Sie durfte das Telefon benutzen. Ihre Mutter holte sie wenig später mit dem Auto ab. Deren Trost nahm sie an, nicht aber deren Ratschlag, zur Polizei zu gehen. Oder zumindest ins Ökozentrum in der Artilleriestraße, wo es eine Frauenselbsthilfegruppe gab, wie die Mutter gehört hatte. Doch Dörte schüttelte den Kopf.

Von ihren Albträumen einmal abgesehen, sann sie in den folgenden Tagen und Wochen nur auf Vergeltung. Gombrecht mußte schwer getroffen werden – wie von jenem Pferdehuf. Sie war sicher, auf keine andere Weise ihr seelisches Gleichgewicht wiederfinden zu können. Einen gewissen Halt gab ihr die vertraute Arbeit. Trotz ihrer Übermüdung zwang sie sich, wie gewohnt ab 9 Uhr morgens in der Werkstatt zu sitzen. Schärfte sie mit dem Halbmond auf ihrem Pappelholz einen Lederriemen aus, schnitt sie Speckscheiben von Gombrecht. Führte sie an einer Taschennaht die stumpfen Sattlernadeln überkreuz, nähte sie Gombrechts Ausweis der Männlichkeit an der Innenseite seines Oberschenkels fest. Alles in allem gingen ihr natürlich weder die Arbeit noch die Rachegedanken besonders konzentriert von der Hand. Ihre Gedanken routierten und verhakten sich oft wie eine aufsässig gewordene Lochzange. Manchmal heulte sie unvermittelt – nicht nur wegen der Schändung, sondern auch wegen ihrer Einfalt und Hilflosigkeit.

Leider ritt Gombrecht keine Turniere mehr, wie sie wußte. Er trainierte nur noch seine Kinder. Sonst hätte sie sich einen hübschen Anschlag zugetraut. In einem unbeobachteten Moment kurz vorm Aufruf wäre der Sattelgurt anzuschneiden; dann mischt sich die Täterin wieder unters Tribünenpublikum, um innerlich frohlockend mitanzusehen, wie der Springreiter am Beginn des Dreifachen Oxers in die Luft geschleudert wird und sich am Gestänge des Hindernisses den Hals bricht. Genau danach lechzten ja die Leute, wenn sie schon so viel Eintritt bezahlten. Selbst wenn die Sabotage am Gurt aufflöge, gäbe es niemals ein Motiv, das auf Dörte als Täterin verwiese, denn niemand wußte von der Verbindung zwischen ihr und Gombrecht. Sie hatte ihn auch ihrer Mutter gegenüber als Fremden ausgegeben.

Oft sah sie die schweren Limousinen vor sich, die Gombrecht stets fuhr. Doch leider hatte sie keine Ahnung, wie ferngesteuerte Bomben anzubringen sind, von ihren mangelhaften Beziehungen zu Bombenherstellern ganz zu schweigen. Allerdings lag es ihr fern, unschuldige Dritte in Gefahr zu bringen. Nur Gombrecht durfte zerschmettert werden.

Eines Nachmittags betrat eine dralle junge Frau die Werkstatt und setzte einen noch ziemlich neuen Sattel auf dem kleinen Tresen ab. Dörte konnte sie nicht einordnen, weil sie das Geschehen im Reitsport nur am Rande verfolgte. Es war natürlich Tanja. Sie wies auf einen langen Riß in der Kniepausche, den sie einem herausstehenden rostigen Nagel auf dem Sattelplatz verdanke.

„Saßen Sie bereits auf?“ erkundigte sich Dörte spontan, während sie verstohlen die kräftigen braungebrannten Beine der jungen Reiterin musterte.

Tanja stutzte, begriff und erwiderte lachend: „Nein – Glück gehabt!“

Dörte grummelte verlegen und griff nun ganz geschäftsmäßig nach dem kleinen Block mit den Abholzetteln und ihrem Kugelschreiber. „Auf welchen Namen geht die Sache, bitte?“

„Gombrecht. Tanja Gombrecht.“

Dörte ließ ihren Kugelschreiber sinken und sah das hübsche blonde Mädchen entsetzt an. Schließlich vergewisserte sie sich fast tonlos: „Sie sind die Tochter des Autohändlers Gombrecht aus der Lindhooper Straße ..?“

„Ja, ganz recht“, erwiderte Tanja verstört. „Aber warum fragen Sie ..?“

Plötzlich wurde Dörte von einer Art Erleuchtung durchzuckt. Da hatte sie Gedanken gewälzt, auf welche Weise Gombrecht empfindlich zu treffen sei – vor ihr stand ihre Chance! Weiter bedachte sie sich nicht. Stattdessen verschränkte sie ihre Arme und sagte, während sie dem Mädchen bohrend in die Augen sah, fast beiläufig:

„Wußten Sie, daß Ihr Vater ein Vergewaltiger ist?“

Tanja fuhr zusammen. Nun lag der Schreck auf ihrer Seite. Sie erwiderte leise:

Was haben Sie da gesagt?“

Dörte wiederholte es. Jetzt platzte es aus ihr heraus wie das Unwetter in der Wesermarsch und das Inferno, das der ekelhafte Gombrecht in ihrem Schoß angerichtet hatte. Sie erwähnte auch die krachschlagende Schimmelstute und die hochmodische türkisfarbene Herrenunterhose aus Seide, die sie bei ihren Abwehrversuchen zerrissen hatte. Dieses Heraufbeschwören nahm sie bereits arg mit, doch dann paarte es sich dummerweise mit der Ahnung, Gombrechts Tochter, die ja für ihren Vater weißgott nichts konnte, unrecht zu tun, also wider ihren Vorsatz doch einen unschuldigen Dritten zu schädigen. Das ließ sie plötzlich innehalten und schluchzend auf ihrem Schemel zusammensinken. Sie preßte die Hände vors Gesicht und hätte sich am liebsten in einem Sattelhorn verkrochen.

Tanja war freilich nur im ersten Augenblick erschrocken. Die drahtige dunkelpelzige Sattlerin hatte ihr ohnehin seltsam gut gefallen und nun rührte sie zusätzlich das Häuflein Elend, zu dem sie jäh geworden war. Der von Dörte angeprangerte Tatbestand verblüffte sie eigentlich wenig. Sie traute es ihrem Vater zu. Sie wußte, daß er ihre Mutter bedenkenlos mit Gewalt nahm, sofern es ihm einmal an besserem Ersatz mangelte. Es hatte zahlreiche Seitensprünge gegeben. Hielt er sich noch im Zaum, wenn er sie, seine vollbusige Tochter, in zärtlicher Vaterliebe an sich drückte, dann wahrscheinlich nur, weil er sich nicht den Ast absägen wollte, auf dem er saß. Er brauchte Tanja als ein fehlerfrei funktionierendes Spitzenpferd. Er wollte den Namen Gombrecht spätestens auf dem Siegertreppchen der übernächsten Olympiade sehen. Es belastete sie schon seit Monaten, diese Rollenverteilung zu durchschauen. Im Leistungskurs Englisch hatten sie letztes Jahr Allan Sillitoes Long Distance Runner durchgenommen – dieser Junge hatte ihr imponiert! Sie hatte sich ausgemalt, es dem Jungen nachzutun und den nächsten Turniersieg wenige Pferdelängen vor dem Ziel triumphal zu verschenken, indem sie kurzerhand stoppte und geruhsam von ihrem schäumenden Gaul stieg. Aber womöglich hätte ihr Vater einen Herzstillstand erlitten – das wollte sie nun auch wieder nicht.

Tanjas kühne Sportlernatur setzte sich durch. Sie ging kurzentschlossen um den Tresen, beugte sich über Dörte und barg deren dunkelsamtigen Kopf an ihrem Schoß, während sie fast gleichzeitig Dörtes bebende Schultern und festen schmalen Hüften liebkoste.

Dörte erstarrte nur im ersten Moment. Dann umfaßte sie Tanjas dralle Hüften und schob ihre dürstenden Lippen unter Tanjas Hemd. Wenig später lagen sie im Nebenzimmer auf Dörtes Küchensofa. Den Schlüssel in der Werkstattür hatten sie im Vorüberwanken herumgedreht. Ob sie auf ihrem Sofa weitere Strafmaßnahmen ausheckten, ist uns nicht bekannt.



Gundula

Ben seufzte, schloß sein leeres Email-Postfach, schob die Tastatur beiseite und äugte mit aufgestütztem Kopf trübsinnig aus dem Fenster. Der Marktplatz wurde gerade von einer Gruppe Gymnasiastinnen überquert, wohl Touristen. Nicht eins der Mädchen kam auf die Idee, zu Bens Haustür abzudrehen und auf seine Klingel zu drücken. Vielmehr verschwand die geräuschvolle Gruppe im Dom. Kaum hatte dieser das Krähen und Kichern der Mädchen verschluckt, fing er zu dröhnen an: 12 Uhr. Ben mußte unwillkürlich an Bamberg denken. Damals, um 1980, war er mit der Band, in der er mitwirkte, in Süddeutschland unterwegs gewesen. In Bamberg ballten sich wieder einmal die Zufälle. Sie hatten einen Auftritt in einem Kneipenhinterzimmer. Natürlich war ihm die Frau mit dem blonden Bubikopf schon während des Konzertes aufgefallen. Gleichwohl war er überrascht. Er war noch damit beschäftigt, sein Saxofon auszuputzen und im Kasten zu verstauen, als er die alarmierende Beobachtung machen durfte: Mein Gott, die schönste Frau in der ganzen Kneipe kommt auf dich zu! Sie fand ihren kaum verhohlenen „Aufhänger“, und nach einem Stündchen verdrückten sie sich Arm in Arm.

Zu Isabells Unverkrampftheit und ihrem biegsamen ranken Wuchs gesellte sich rasch der nächste hübsche Zufall: Ihr Klavierlehrer hatte anderntags eine Lesung, während Bens Band konzertfrei war. Und zufällig war der Klavierlehrer fast so berühmt wie der Bamberger Dom: Heribert Wullenweber, der in Bamberg lebte. Der Autor und Übersetzer wollte aus einem noch ziemlich unbekannten Werk des James Joyce lesen, an dem er zu jener Zeit offenbar gerade arbeitete. Zuvor jedoch schleppte Isabell den Saxofonisten, den sie frisch erobert hatte, in der Tat zum Dom. Sie gab zu, man könne das spätromanische, klobige, bräunliche Gebäude auch, wie Ben, als einen Kothaufen Satans auffassen. Das Bild hinkte allerdings aufgrund der vier spitzen Türme, mit denen der Klotz alle wolkigen Träume zu harpunieren suchte, die den Schlafzimmern solcher noch nicht arbeitslosen Frauen wie Isabell damals noch entstiegen. Isabell wollte Ben ohnehin nur ein paar lustige in Stein gemeißelte Weiblein und Männlein zeigen, die das prächtige „Fürstenportal“ zu bieten hat. Dort läßt sich unter den in der Tiefe gestaffelten Rundbögen das „Jüngste Gericht“ bewundern. In der Mitte thront Christus, flankiert von einerseits den Erlösten oder Seligen, andererseits den Verdammten. Wullenweber war auf keiner Seite zu erblicken. Vielleicht hätte er sich sogar unter den Verdammten wohlgefühlt, denn was offiziell als von Schmerz verzerrte Gesichter und verkrümmte Leiber ausgegeben wird, könnte auch die Interpretation erwecken, diese „Sünder“ lachten sich ins Fäustchen und bögen sich vor Gelächter.

Unter den Erlösten findet man herrlich verschmitzte oder bauernschlaue Gesichter. Diese Gesellschaft wäre für den Feingeist Wullenweber, den Ben dann abends kennenlernte, sicherlich zu derb gewesen. Ben erlebte einen so gut wie Isabell aussehenden schlanken, kultivierten, klugen Mann um 40, der seinen Stoff so wohltönend vorzutragen wußte, wie es dem Wortklingler und Windbeutel Joyce wohlangemessen ist, eben wie Musik. Dem Klavierlehrer und Übersetzer gebrach es lediglich an der Fähigkeit, seine beträchtliche Eitelkeit zu verbrämen. Er gefiel sich als Erreger öffentlichen Wohlgefallens wie das Domdach in der Sonne.

Da die Band ihren nächsten Auftritt anderntags in Nürnberg hatte, hätte Isabell Ben bestimmt begleitet – wäre nicht soeben ihre Großmutter gestorben, sodaß die Enkelin zur Trauerfeier mußte. Das war der nächste Zufall. Schließlich hätte Ben in Begleitung von Isabell genauso selbstverständlich nicht mit Gundula angebändelt, die in einem Stehcafe in der Nürnberger Fußgängerzone am Nachbartisch der Band stand. Zwar betrübte Isabells Verhinderung Ben durchaus, doch man darf auch vermuten, lange wäre es zwischen den beiden ohnehin nicht gut gegangen. Isabell hatte nämlich die Waldorfschule in Hof besucht und dann, als überzeugte Anthroposophin, selber Kurs auf ein Waldorf-Lehramt genommen. Man sieht, wer sich in Deutschland bewegt, kommt an Steiner nicht vorbei.

Die Prüfung, die ihm dann durch Gundula auferlegt wurde, war allerdings noch schwerer. Im ersten Moment schien dem Blickwechsel, der sie verbändelte, die gewohnte Routine zu eignen, doch dann sah Ben die Krücken, die an Gundulas Stehtisch lehnten. Und sie war der einzige Gast an diesem Tisch. Er ahnte die dürren Beine unter ihren Hosen. So wurde ihm aus recht gemischten Gefühlen ziemlich heiß.

Als seine Mitstreiter weiterziehen wollten, bat er darum, ihn zu entschuldigen; er wolle noch etwas bleiben. Keyborder Ömme hatte es schon geahnt. Er verdrehte andeutungsweise die Augen, lächelte aber immerhin nachsichtig, während sich Ben die Adresse von ihrem abendlichen Auftrittsort notierte. Später versicherte ihm Ömme, Gundulas Gesichtsausdruck hätte auch ihn berührt. „Beim Wandern gucken dich oft die Kühe so an, wenn sie im Grasen innegehalten haben, weil da ein unvermutetes rätselhaftes zweibeiniges Wesen kommt“, sagte er. „Viele nennen es Glotzen, aber die müssen aus Holz sein. Verletztheit und Hoffnung liegt in diesen Rinderblicken. Sie geben die Hoffnung nicht auf, es könnte einmal einer kommen, der sie nicht für mehr oder weniger nützliche Idioten hält.“

Ben hatte sogar Feuer in Gundulas Augen gesehen, und der Eindruck trog ihn nicht. Sie wohnte fast um die Ecke im ersten Stock eines schmalen Altbaus. Etwas benommen, fast ungläubig verfolgte er, wie sie sich mit Hilfe ihrer Krücken dicht vor ihm die Treppenstufen hochstemmte. Sie hatte lange schwarze Locken, die dabei flogen. Bald darauf kam sie auf ihrem Matratzenlager trotz ihrer lahmen Beine wie ein Sturm über Ben. Er seinerseits kam gar nicht dazu, Abneigung oder gar Abscheu zu entwickeln. Wahrscheinlich war es ein Gemisch aus Abenteuerlust, Wißbegier und Mitleid, das ihn auf sie hatte anbeißen lassen, doch von dem Mitleid war an jenem Nachmittag nicht mehr viel zu spüren. Sie lachten viel.

Später erfüllte es Ben vor allem mit Hochachtung, wenn er daran dachte, wie tapfer Gundula ihr hartes Los ertrug. Die verkrüppelten Beine verdankte sie der Kinderlähmung. Er besuchte sie in den folgenden Monaten noch mehrmals. Mit Ende 30 war sie rund 10 Jahre älter als Ben. Beim Auftritt der Band, der im Jugendkulturhaus Komm stattfand, hatte er bereits gemerkt, Gundula war in der Spontiszene bekannt wie ein bunter Hund. Sie war auch stets bunt gekleidet, so halb hippi-, halb zigeunerhaft. Sie arbeitete in einer linken Druckerei am Composer – einer elektronischen Setzmaschine, die dem Siegeszug des Computers und des Digitaldrucks vorausging. Auf das Drehen von Joints verstand sich Gundula ebenfalls. Ihre Beziehung versandete, als sie nach rund einem halben Jahr mit einem neuen und dazu gut betuchten Liebhaber nach Auroville in Südindien ging. Möge sie es dort besser getroffen haben als Ben, der sich nach erneutem Seufzen die Tastatur wieder vor die Nase zieht.



Ein Unglück kommt selten allein

Orth verfluchte seinen Mantel, dessen kaputten Reißverschluß, auch den Winter; dabei warf er den Mantel mit angewidertem Gesicht hinter sich aufs Sofa. Eigentlich hätte er auch noch seine Mutter verfluchen können, denn sie war an allem schuld. Er starrte durch sein großes Wohnzimmerfenster über die verschneiten Felder. Immerhin hatte sich der Sturm gelegt. Trotzdem mißfiel ihm der Anblick der unbewegten Bäume und Sträucher. Denn durch die Schneedecke wurde die Nacht fast zum Tag. Seiner Ansicht nach hatte es nachts dunkel zu sein, zumal am Stadtrand. Es war schon schlimm genug, daß er über einen knappen Kilometer hinweg rund ums Jahr die verdammten gelben Lampen der Straße, die zur Autobahn führte, vor der Nase hatte. Noch einmal drei Kilometer weiter hatte das vermeintliche Kleiderbündel am Kanalgitter gehangen. Damit hatte es mittags begonnen. Eine falsche belanglose Entscheidung – und der ganze Tag war im Eimer. Er hätte den Hinweg genauso gut über die Dörfer nehmen können. Im Ergebnis nahm er auch den Rückweg nicht über sie, hatten ihm die Bullen doch angeboten, ihn mitsamt seinem Fahrrad in ihrem Polizeibus mitzunehmen. Er hatte sich törichterweise darauf eingelassen. Um ein Haar hätten sie ihn wieder mit auf die Wache genommen! Jetzt sah er einem Strafbefehl wegen Irreführung der Polizei entgegen. Es war zum Kotzen.

Orth tastete hinter sich, fischte den Mantel wieder vom Sofa und versuchte sich noch einmal an der Reparatur des Reißverschlusses. Er nahm eine kleine Spitzzange zur Hilfe, die stets in seiner Schreibtischschublade lag. Nicht, daß er seiner Mutter vorgeworfen hätte, ihn geboren zu haben. Sie war geschlagen genug gewesen, denn ein betrunkener Besatzungssoldat hatte sie vergewaltigt. Die Frucht davon war Orth. Hätte sie ihn aber unbedingt in diese verdammten Leibchen stecken müssen? Wie sich versteht, besaßen diese Leibchen keine Reißverschlüsse. Sie wurden vielmehr zugeknöpft. Er hatte als Säugling an einem üblen Ausschlag gelitten, der furchtbar juckte. So lag er stets eingesalbt und verbunden und eben in diese zugeknöpften Leibchen gesteckt in seinem Bett. Und da er noch nicht imstande war, die Leibchen aufzuknöpfen, puhlte oder riß er die Knöpfe ab, um sich kratzen zu können. Davon war seine Mutter natürlich wenig erbaut. In den zähen Kämpfen, die sie und ihr Sprößling austrugen, wurde dessen Abneigung gegen Knöpfe dummerweise so unüberwindlich, daß er noch von seinem tadellos gebügelten Konfirmandenhemd und von seinem Oberprimaner-Fischgrätenjackett die Knöpfe abzwirbelte. Jeder Schwur, diese Unsitte abzulegen, griff ins Leere. Orth machte es unwillkürlich, wie etwa andere stundenlang die Mine ihres Kugelschreibers ein- und ausknipsen oder ihre Unterlippe im rechten Mundwinkel kauen. Schließlich nutzte er die zunehmende Freizügigkeit in den mitteleuropäischen Sitten dazu aus, sich aller Knöpfe ein für allemal zu entledigen, indem er nur noch Kleider kaufte, die apriorie knopflos waren. Das trug ihm dann natürlich den Ärger mit klemmenden oder entgleisten Reißverschlüssen ein, ließ es doch sein Geschmacksempfinden nicht zu, ausschließlich in Hemden und Pullovern herumzulaufen, die man sich wie Säcke einfach über den Kopf stülpte. Eine zeitlang war er bei jeder neuen Geliebten gespannt gewesen, wann oder ob ihr überhaupt Orths Knopflosigkeit auffallen würde. Er hatte eine Statistik geführt. Mit der Zeit erübrigte sich diese Statistik, weil die Geliebten ausblieben. Jetzt war er schon so tief gesunken, eine Nähmaschine zu besitzen und die Reißverschlüsse notfalls eigenhändig auszutauschen. Er feuerte die Spitzzange wieder in die Schublade – es hatte keinen Zweck. Sollte der Mantel auf einen besseren Tag warten!

Orth warf den Mantel im Vorübergehen durch die Schlafzimmertür auf die abgedeckte Nähmaschine und verschwand in seiner Küche, um Tee aufzubrühen. Leider war ihm nicht entgangen, daß die Nähmaschine, von ihrer Plastikhülle einmal abgesehen, bereits von reparaturbedürftigen Kleidungsstücken überhäuft war. Der Anblick war ähnlich gräßlich wie der Anblick jenes vermeintlichen Kleiderbündels am Kanalgitter. Zur Kreisstadt lief ein schmaler Kanal, der sie früher mit Trinkwasser aus dem nahen Gebirge versorgt hatte. Da er dabei eine Schlucht zu überwinden hatte, durch die später die Eisenbahnstrecke führte, hatte man an dieser Stelle einen Aquädukt gebaut. Für Fußgänger und Radfahrer diente dieses durchaus hübsche Bauwerk aus Kalk- und Backsteinen auch als Brücke. An seinem Ende, wo das Wasser über eine Stufe in den etwas tiefer gelegenen Kanal fiel, war ein Gitter gegen Treibgut angebracht worden. Orth hatte das Bündel zunächst für eine Altkleiderspende an Mutter Natur gehalten. Für ihn war es die naheliegendste Erklärung, weil die Gräben der schmalen Zufahrtstraße zu seinem Haus ebenfalls regelmäßig mit Müllsäcken, ausgedienten Fernsehgeräten oder verschimmelten Matratzen gespickt waren. Doch bei näherem Hinsehen wäre er vor Schreck beinahe von der Kanalkante ins ungefähr 70 Zentimeter tiefe und vermutlich ziemlich kalte Wasser gekippt. Blonde Haare, die teilweise unter einer Mütze hervorquollen, und ein Stiefel mit hohen Absätzen deuteten darauf hin, am Gitter habe sich ein menschlicher Körper verfangen. Das Gesicht war kaum zu sehen, doch er nahm an, es sei ein weiblicher Körper. Da er keine Stange entdeckte, mit der er die Frau hätte antippen können, rief er sie vorsichtshalber an. Aus ihrem Schweigen schloß er auf eine Leiche. Er verließ den Aquädukt aus dem doppelten Grund wahrlich fluchtartig, weil ihn grauste und er die Polizei zu alarmieren gedachte. Ein Handy besaß er nicht. Eigentlich hatte er seinen Radausflug mit einem Besuch in der Bücherei der Kreisstadt verbinden wollen, doch durch diesen Zufallsfund war ihm die Lust zum Stöbern in Büchern vergangen. So nahm er den Vorschlag der Bullen an, sie kurzerhand zu begleiten. Am Äquadukt stiegen sie aus. Er ging voran und deutete zum Gitter. Doch dann hielt er jäh inne – die Augen fielen ihm fast aus dem Kopf: das dunkle Bündel, das er den beiden Polizisten zeigen wollte, war verschwunden. Mehr als ein paar Äste und Plastikfetzen hatte das Gitter nicht zu bieten.

Orth ließ sich zum Teetrinken in einem Sessel nieder und starrte erneut in die helle Nacht. Ob er morgen noch einmal hinausfahren sollte? Vielleicht hätte er doch das Wäldchen durchsuchen sollen, das an die Bahnschlucht grenzte. Auf die Gleise und in die Büsche hatte er natürlich geguckt, nachdem die Bullen wieder abgezogen waren: wohlversehen mit seinen Aussagen und seinen Personalien und vermutlich mit dem starken Verdacht, einen Vollidioten befördert zu haben. Aber es war ja auch wirklich Unfug. Wie sollte eine Wasserleiche von der Brücke hüpfen oder ins Wäldchen schlüpfen können? Hatte sie aber einer rausgefischt, wäre es bequemer und klüger gewesen, sie statt sie ins Wäldchen zu zerren kurzerhand auf den nächsten Güterzug zu werfen, damit sie ihm möglichst weit aus den Augen gerate. Es war verrückt.

Für Momente hatte er sogar selber an seinem Wahrnehmungsvermögen gezweifelt. Er hatte nach Gründen gesucht, die womöglich seine Gehirnregion L veranlaßt hatten, die Gehirnregionen A bis K und M bis Z zu narren. Sich wichtig machen? Das nahmen selbstverständlich die Bullen an. Aber Orth hatte es im Gegenteil stets verpönt, irgendwelches Aufsehen zu erregen. Sonst wäre er auch Schriftsteller geworden, nicht Übersetzer. In drei Tagen hatte er einen Schmarren abzuliefern, der Suvi hieß – im Finnischen der Sommer, aber auch ein weiblicher Vorname. Um das zerschlagene Stallfenster mußte er sich allerdings ebenfalls kümmern, sonst froren seinen Hühnern die Eier am Arsch fest. Also ließ er die Durchsuchung des Wäldchens tunlichst ins Wasser fallen – in das vom Kanal.

Orth wechselte an seinen Schreibtisch und stellte den Computer an. Für zwei Seiten Suvi war er wohl noch wach genug.

&

Orth stand in der früheren Waschküche, die ihm teils als Brennstofflager diente, an der Werkbank und klopfte mit einem ausgedienten Stecheisen und dem Holzhammer den alten Kitt aus dem Falz des Hühnerstallfensters. Er hatte es ausgehängt. Durchs Fenster der Waschküche waren sowohl der Hühnerstall wie der hohe Pflaumenbaum zu sehen, der dem Sturm die Waffe zum Zertrümmern des Stallfensters geliefert hatte. Der Stamm des Baumes war deutlich dicker als Orths Oberschenkel, doch beim Sturm hatte er in Kopfhöhe mindestens eine Schwankungsbreite von anderthalb Metern gehabt. Orth hatte es mit eigenen Augen gesehen und wunderte sich noch immer, daß sein einziger Pflaumenbaum nicht entwurzelt worden war. Die Natur konnte ungeheuerliche Kräfte entfesseln. Er entsann sich eines Zeitungsberichts aus asiatischen Landstrichen, die neulich von einer gewaltigen Sturmflut verheert worden waren. Danach hatte der Tsunami eine 80 Tonnen schwere Diesellok von ihrem Gleis gerissen und 30 Meter weiter im Bambus wieder abgesetzt. Der heimische Sturm begnügte sich damit, einen Ast vom Pflaumenbaum zu reißen. Womöglich wähnten sich Orths Hühner in ihren Terroristennestern seit dem Einschlag auch schon von Raketen nordamerikanischer Drohnen bedroht.

Orth maß den gesäuberten Falz aus und schnitt die Scheibe zurecht. Er hatte stets ein paar gebrauchte Fensterscheiben auf Vorrat im Haus. Anfangs hatten ihm „ein paar“ nicht gereicht, verschlang doch sein erster Versuch, Glas zu schneiden, bald ein Dutzend gebrauchter Fensterscheiben. Er hatte dann etwas verspätet im Internet nachgelesen, was man dabei alles falsch machen konnte. Es fing bereits mit der Arbeitsfläche an. Lagen Körnchen auf dem Tisch, sprang die Scheibe selbstverständlich, sobald man die Führungsschiene für den Glasschneider andrückte. Zockelte man mit diesem wie mit einem Kindertretroller über den gezogenen Strich auf dem Glas, sprang die Scheibe erst beim Versuch, sie an der Schnittlinie zu brechen. Der Schnitt hatte kräftig, gleichmäßig und zügig zu erfolgen. Versäumte man es, die Schnittlinie vor dem Brechen von unten her mit dem Kopf des Glasschneiders anzuklopfen, sprang die Scheibe ebenfalls auf unerwünschte Weise. Durch dieses Beklopfen wurde die „Spannung“ aus der Schnittlinie genommen. Es ging dann plötzlich sicht- und spürbar wie ein Ruck durch den angeritzten schwarzen Filzstiftstrich – oder auch, als eile der Schieber eines Reißverschlusses hindurch. Dieser Ruck setzte die Trennlinie frei. Zuweilen war es sogar überflüssig, den schmäleren Teil der angeschnittenen Scheibe noch sanft nach unten zu drücken – dann fiel er von allein.

Orth öffnete die Kittdose und grub einen Klumpen heraus, den es zu fingerdicken Würsten zu verarbeiten galt. Mit ihnen wurde der eingeölte Fensterfalz ringsum durch ein Bett aus Kitt ausgekleidet. Während er die Würste mit der flachen Hand auf der Werkbank rollte, fiel ein Schatten auf diese, sodaß Orth aufblickte. Draußen standen zwei fremde Männer. Da sie ihn ebenfalls wahrgenommen hatten, nickten sie ihm zu. Der Anführer bedeutete ihm gleichzeitig den Wunsch, mit Orth zu sprechen. Orth zuckte die Achseln, machte das Fenster auf und erkundigte sich nicht eben mit Begeisterung, was es denn gebe.

Der Anführer war ein Rothaariger, wie trotz seiner Pudelmütze zu erkennen war. Er trug auch den entsprechenden Kinnbart. Er hielt Orth einen grünen Ausweis vor die Nase und sagte:

„Kriminalpolizei ... Ich nehme an, Sie sind Herr Orth? Der Name steht zwar an Ihrem Briefkasten, aber wir haben eine Klingel vermißt. Dürfen wir einen Augenblick hereinkommen? Nur ein paar Routinefragen, Herr Orth.“

Da Orth heute besser aufgelegt war, schloß er das Fenster mit dem gleichen Achselzucken wieder und machte den beiden Kriminalen die Waschküchentür auf. Der Jüngere trug sogar Hut. Er zog ihn aber nicht. Sie behielten wohlweislich auch ihre Mäntel an, denn die Waschküche wurde nur über den Wohnungsflur ein wenig mitgeheizt. Orth selber hatte sich in einen alten Bademantel gehüllt. Er ging wieder zur Werkbank und begann damit, die Kittwürste in den Falz des Fensterflügels zu drücken.

Die beiden Besucher traten interessiert hinzu – von zwei Seiten aus. Plötzlich sagte der Wortführer mit der Pudelmütze etwas unvermittelt:

„Vielleicht wäre es für alle Beteiligten bequemer und auch wärmer, wenn Sie gleich zugäben, die junge Frau getötet zu haben, Herr Orth ..?“

Orth richtete sich auf, ließ das Kittmesser sinken und sah entgeistert von einem zum anderen. „Sind Sie verrückt ..?“

Dann ging ihm auf, daß beide Männer ihre Hände in den Manteltaschen hatten. Vielleicht war das nicht nur der Kühle im Raum geschuldet. Er schnippte das allerdings ziemlich stumpfe Kittmesser vorsichtshalber mit den Fingern beiseite.

Die Männer verständigten sich durch einen für Orth unmerklichen Blick über die Hinfälligkeit des Überrumpelungsmanövers. Nachdem der Rotbart in aller Seelenruhe Kittmesser, Stecheisen und Holzhammer eingesammelt und außer Orths Reichweite auf einem Wandbord deponiert hatte, zog er seine Hände aus den Manteltaschen, um mit verschränkten Armen und bequem an die Werkbank gelehnt festzustellen:

„Gut, Herr Orth. Wer hier verrückt ist, wird sich noch zeigen. Ich habe zunächst eine gute Nachricht für Sie. Die Frauenleiche, die Sie angeblich am Kanalgitter gesehen haben, gibt es tatsächlich. Sie hatte sich kanalabwärts in den Wurzeln einer Erle verfangen. Ihre Beschreibung traf auf sie zu. Jetzt liegt sie im rechtsmedizinischen Institut, wo sie bereits untersucht worden ist. Danach wurde die blonde Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit erst kurz vor Ihrem Besuch auf der Polizeiwache getötet, Herr Orth. Bestenfalls zwei Stunden vorher, früher nicht – behauptet der Gerichtsmediziner. Was sagen Sie dazu, Herr Orth?“

Orth empfand die Nachricht in der Tat als positiv und schöpfte wieder Oberwasser. „Was soll ich dazu sagen? Verraten Sie mir lieber, wie die Leiche über das Gitter geklettert ist!“

„Ja, das wüßten wir auch gern – falls sie je am Gitter lag. Vielleicht ist sie mit Ihrer Hilfe über das Gitter geklettert, Herr Orth?“

Zu dieser Frage zwinkerte der Rotbart verschmitzt. Durch sein rundes Gesicht und die Pudelmütze wirkte er, als könne er in seiner Eigenschaft als Kassierer des Kaninchenzüchtervereins mit Müh und Not lesen und schreiben.

Orth winkte unwirsch ab. „Wie ist sie überhaupt zu Tode gekommen?“

„Erdrosselt“, erwiderte Rotbart. Er strich über die Kante der Werkbank und ergänzte: „Da muß der Täter schon handwerklich geübt gewesen sein. Oder ein leidenschaftlicher Brennholzmacher!“

Er nickte auf Orths Hackklotz und den Hügel aus Holzscheiten, der sich dahinter erhob. Da Rotbart recht beleibt war, lag Orth die spitze Bemerkung auf der Zunge, etwas mehr körperliche Ertüchtigung könne sicherlich auch bestimmten Kriminalbeamten nicht schaden. Er verkniff sie sich jedoch und lobte lediglich die messerscharfen Schlüsse seiner beiden Besucher.

„Ja, sicher, Herr Orth!“

Orth wandte sich nach links, denn nun griff der Mann mit dem Hut ein. Im Gegensatz zu Rotbart hatte er ein spitzes, wieselartiges blasses Gesicht. Er lächelte und fuhr fort:

„Sind Sie beispielsweise mit Ihrem Zahnarzt Doktor Wangenheim zufrieden?“

„Woher wissen Sie denn ..?“

„Na sehen Sie“, unterbrach ihn Wiesel mit einer scharfen Handbewegung, „wir sind darauf geeicht, Tatsachen festzustellen und sie auf eine zuweilen verblüffende Weise miteinander zu verknüpfen. Habe ich recht, Günter?“

Rotbart nickte und nahm den Ball auf: „Nach unseren Informationen, Herr Orth, gab es gewissen Ärger beim Doktor.“

„Gewissen Ärger beim Doktor?“ äffte Orth ihn teils ungläubig, teils höhnisch nach. „Meinen Sie Zahnschmerzen?“

Er fuhr wieder herum, weil Wiesel antwortete. „Sie hatten neulich einen Streit mit der Zahnarzthelferin Jennifer Marbach!“ sagte Wiesel scharf.

Orth hob die Brauen, überlegte und gluckste schließlich. „Sie haben recht! Sie war gekränkt, weil ich ihre verdammte Praxisgebühr verwünscht hatte! Sie wollte mir schon wieder 10 Euro abknöpfen. Sie verwahrte sich gegen die Unterstellung, es sei ihre Praxisgebühr. Darauf erwiderte ich, immerhin sei sie der Goldhamster, der sie mir aus der Tasche ziehe – diesen Akt könne sie ja durchaus verweigern. Irgendwo müsse der Protest gegen die Ausplünderung der Kassenpatienten schließlich mal anfangen. Naja, den Goldhamster nahm sie mir auch übel, obwohl sie erwiesenermaßen blond ist.“

Er blickte beinahe triumphierend zwischen seinen Widersachern hin und her – als bilde er sich ein, die beiden durch seine hübsche Geschichte belustigt zu haben. Doch Rotbart erwiderte bedrohlich leise:

„Sie war blond, Herr Orth; sie war es ..!“

„Was soll das heißen?“

Rotbart sah ihn lauernd an. „Es soll heißen, daß wir die Leiche, die aus dem Kanal gefischt worden ist, als Jennifer Marbach identifiziert haben, Herr Orth ...“

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Orth zog Handschuhe an, bevor er die auf Maß geschnittene Scheibe ergriff und in das Kittbett legte. Wie ein Ganove, dachte er grimmig. Er hatte die Handschuhe bereits beim Zuschneiden benutzt. Wurde die Scheibe mit flachen Händen sanft in ihr Bett „geschaukelt“, bestand immer noch Verletzungsgefahr – zumindest wenn der Glaser wie ein Ochse drückte, weil ihn gerade zwei Bullen belästigt hatten. Er hatte sie kurzerhand hinausgeworfen. Schicken Sie mir eine Vorladung oder kommen Sie mit einem Haftbefehl wieder, hatte er gesagt, während er die Waschküchentür aufstieß und hinausnickte. Sie waren wortlos abgezogen, wenn auch mit dem überlegenen Lächeln derer, die wissen, sie sitzen am längeren Hebel.

Da die Scheibe etwas knapper als der Falz geschnitten werden muß, quoll beim Einbetten Kitt durch die Fugen nach oben. Orth sah es mit Befriedigung, denn so sollte es sein. Schnitt man die Scheibe zu groß, hatte man für einen weiteren Grund gesorgt, daß sie früher oder später sprang, weil sie klemmte und zu viel Spannung besaß. Orth zog die Handschuhe wieder aus, um die winzigen scharfen Stahldreiecke zu setzen, durch welche die Scheibe – anstelle von Nägeln oder Stiften – an mehreren Punkten festgehalten wurde. Das pflegte er mit einem ausgedienten, sehr flach gehaltenen Schlitzschraubenzieher und behutsamen Holzhammerschlägen zu bewerkstelligen. Auch dabei bekam ein Trottel die Scheibe natürlich noch zu Bruch. Wenn nicht, würden die flachen Geschosse gleich im Kitt verschwinden. Zu diesem Zweck rollte er jetzt weitere Kittwürste, mit denen es den Winkel zwischen Scheibe und senkrechter Falzkante auszufüllen galt. Es war sein Ehrgeiz, die dieses Mal nur bleistiftdünnen Würste möglichst lang geraten zu lassen. Wie lang auch immer, dachte er, jemanden erdrosseln kannst du mit diesen Schnüren nicht. Der Tod der jungen Zahnarzthelferin war ohne Zweifel furchtbar, obwohl sie ihm nicht sonderlich sympathisch gewesen war. Er fand sie zu spitz. Nicht im sexuellen Sinne, sondern zu zickig. Allerdings war er selber auch kein Kittmesser. Mit einem Kittmesser konnte sich niemand in den Finger schneiden. Es lief zwar lanzenförmig zu, wirkte aber eher wie ein Falzbein. Schräg zum Falz mit gewissem Andruck über den eingelegten Kitt geführt, preßte es diesen in den Winkel und trennte auch gleich noch die Überstände des Kitts ab, die sich dann mit der Lanzenspitze bequem und ohne Rückstände von der Scheibe abnehmen ließen. Wer geübt war, brauchte dafür bei jeder Fensterseite nur einen Zug hin und einen Zug zurück. Dann bildete der Kitt eine ebenmäßige Böschung.

Während er diese Züge ausführte, sagte er sich, Jennifer Marbach mochte vielleicht gerade deshalb von einem Geliebten oder einem Unhold erdrosselte worden sein, weil sie so zickig war. Damit setzte er freilich ein Sexualdelikt und eine männliche Täterschaft voraus. Von einem Mißbrauch war nicht die Rede gewesen. Aber darauf kam es natürlich nicht mehr an, wenn sie sowieso tot war. Furchtbar, furchtbar, murmelte er, während das Messer durch die olivgraue fleischartige Kittmasse glitt. War sie in dem Wäldchen, im Auto oder schon in irgendeinem Haus erdrosselt worden? Er konnte es nicht wissen. Da ihr Orth keinen sehr bequem zu stellenden Täter geliefert hatte, würde die Kripo kaum umhin kommen, nach entsprechenden Spuren zu suchen. Vielleicht hatte der Mörder die Leiche gerade erst in den Kanal geworfen, als sich Orth auf seinem Fahrrad näherte. Der Mörder verbarg sich im Wald, beobachtete Orth, bekam es mit der Angst zu tun, als dieser plötzlich davonjagte, und fischte die von Orth entdeckte Leiche wieder heraus, um sie dieses Mal jenseits des Gitters in den Kanal zu werfen. Das mochte er in der etwas törichten Hoffnung tun, sie werde auf diese Art weit von ihm und seinem Wohnort weggeschwemmt. Aber war es dann nicht noch törichter von ihm gewesen, die Leiche unweit des Gitters ins Wasser zu kippen? Nun, das konnte sich auch anders abgespielt haben. Vielleicht kannte er den Aquädukt gar nicht und warf die Leiche vor der Kanalbiegung vom Wäldchen aus ins Wasser. Es gab dort durchaus Feldwege, die bei der gefrorenen dünnen Schneedecke befahrbar waren. Eine andere Frage war, warum sie der Mörder überhaupt im Kanal und nicht ganz woanders verschwinden ließ. Da gab es sicherlich Alternativen, die ihm mehr Schutz vor Entdeckung boten. Somit sprach dieser Aspekt doch wieder für eine spontane Tat. Geparktes Liebesnest am Wäldchen – Streit – Totschlag – Panik des Täters. Orth warf das Kittmesser beiseite und zog die Handschuhe wieder an. Er zieht die Leiche in seiner Panik zum in Sichtweite gelegenen Kanal und wälzt sie hinein, sagte sich Ort. Kaum will er starten und flüchten, erblickt er mein Fahrrad. Also verhält er sich ruhig und beobachtet mich. Der Rest ist bekannt.

Orth nahm den fertigen Fensterflügel auf und ging im Bademantel hinaus, um ihn wieder einzuhängen. Die Handschuhe trug er jetzt nur als Kälteschutz. Zwar würde der Kitt bei diesem Wetter nicht gut anziehen, aber die Alternative wäre gewesen, den Fensterflügel bis zum Frühjahr mit einer Sperrholzplatte zu vernageln. Das hatte er den Hühnern zuliebe verworfen, die sich jetzt gackernd um seine Schuhe im Stroh drängten, weil sie sich irgendwelche Leckerbissen von ihm erhofften. Er hängte den Flügel ein.

Dann verriegelte er das Fenster und nickte befriedigt. Er wollte sich umdrehen, doch sein Blick blieb am Pflaumenbaum hängen. Er musterte ihn nachdenklich. Man könnte schon wieder schwermütig werden, dachte er. Für die Hühner und ihn selber stand der Sommer vor der Tür; der Baum würde sich in wenigen Wochen mit dichtgesäten kleinen weißen Blüten schmücken. Doch für Jennifer Marbach würde es keinen Sommer mehr geben.



Krankenbesuch

Nach zwei Tagen hatte Max die unangenehme Arbeit des Abdeckens hinter sich – Teerpappe auf Nut- und Federbrettern – und löste mit dem Kuhfuß die ersten Dachsparren. Sie neigten sich geringfügig talwärts. Die Kreisstadt unten summte in mildem Märzlicht. Frau Römhilds Obstbäume zeigten bereits Knospen. Ihre Hühner scharrten teils im Gras, teils unter Max in dem sandigen Fußboden des ehemaligen Fahrzeugunterstands, den er gerade abschlug. Hier hatten sie auch Kuhlen zum Sandbaden oder Dösen. Sie waren weder scheu noch argwöhnisch. Hatten sie Pech, fiel Max der Kuhfuß aus der Hand, und Frau Römhild konnte schon einmal die Bratröhre vorwärmen. Allerdings hakte er den Kuhfuß beflissen an der obersten Leitersprosse ein, bevor er auf einem Längsträger zum Schuppenrand balancierte, um die Dachsparren auf einen dort abgestellten Hänger gleiten zu lassen. Er hatte sie schonend zu behandeln, weil sie noch verwendet werden sollten.

Was ihn selber betraf, war notfalls das Krankenhaus nicht weit – leider. Es war ihm auf diesem Platz der einzige Dorn im Auge. Max' blauer Wohnbus stand unweit des überflüssigen Schuppens vor der Schafweide – und das Kreiskrankenhaus war jenseits von dieser an den Hang geklotzt worden, keine 150 Meter entfernt. Schon der pure Anblick konnte einen krank machen. Nachts hätten sich die Schafe gegenseitig Gruselgeschichten vorlesen können, doch Frau Römhild holte sie stets in den Stall, in dem es wohltuend finster war. Sie hielt auf dem ehemaligen Hof ihres früh verstorbenen Mannes nur noch Schafe, Hühner und Bienen. Den großen Schuppen ließ sie von Max zerlegen, weil ihr Bruder von dem Holz in seinem Schrebergarten ein Häuschen zu errichten gedachte. Das war den beiden 120 Euro für Max wert, Frühstückseier nicht gerechnet.

Max blickte auf. Von der Einfahrt her hielt eine ihm unbekannte Frau auf den Schuppen zu. Vielleicht war es eine Verwandte von Frau Römhild, die am Wohnhaus vergeblich geklingelt hatte. Sie konnte eine nie erwähnte Tochter sein. Ihr strohblonder Schopf hob sich recht hübsch von ihrem Rucksack aus braunem Leder ab. Allerdings ging sie trotz ihrer Jugend etwas zaudernd oder schleppend, als handle es sich bei Frau Römhilds welligem Hof um einen Teich, der Ende März noch zugefroren sei. Da konnte er ja zur Abwechslung einmal Galionsfigur spielen.

Max richtete sich auf dem Balken auf, um die Besucherin auf seinen Kuhfuß gestützt zu erwarten. Das hüfthohe rotlackierte Eisen zum Nagelziehen sah nicht gerade wie eine Friedenspfeife aus, doch Antje ließ sich nicht ins Boxhorn jagen. Zur Not steckte in der Rucksack-
außentasche ihr Handy.

„Hallo“, sagte sie steil nach oben, während sie ihrerseits von zwei oder drei braunen Hühnern beäugt wurde. „Es liegt sowieso auf dem Weg zum Bahnhof, da sagte ich mir, ich könnte Ihr Werk vielleicht einmal aus der Nähe bewundern.“ Sie nickte auf eine stählerne Mulde, die von Teerpappenfetzen überquoll, und fügte hinzu: „Mühsame Angelegenheit, sie von den Brettern zu schälen, nicht
wahr ..?“

Sie hatte recht. Er hatte einen alten Spaten von Frau Römhild eingesetzt, den er über weite Strecken mit dem Fäustel unter die Nagelreihen der mehrschichtigen Dachpappe zu treiben hatte.

Max lächelte spöttisch und etwas verlegen zugleich. „Woher wissen Sie das?“

Sie deutete über die Schafweide, die zwischen Haselnußsträuchern und dem blauen Mercedesbus zu sehen war: „Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Die Fenster der Kammer, in die sie mich behelfsmäßig gestopft hatten, gingen zufällig auf die Wiese. Ich hoffe nicht, Sie kassieren jetzt noch nachträglich Eintritt von mir ...“

Max grinste und erwiderte spontan: „Ganz im Gegenteil! Ich könnte Ihnen einen Tee oder Kaffee spendieren, ganz wie Sie wollen. Damit hätte ich einen guten Vorwand für eine Pause.“

„Ja, gern ... Hätten Sie zufällig Kamillentee im Haus?“

Max nickte und bückte sich zur Leiter. „Habe ich!“

Nachdem er den Kuhfuß eingehängt hatte, kam er selbst herunter. Trotz seiner derben, beinahe furchteinflößenden Schnürstiefel tat er auch dies in der Geschmeidigkeit, die Antje bereits beobachtet hatte. Sie ging ihm kaum bis zur Halskuhle. Mit einer eleganten Handbewegung überließ er ihr den Vortritt. Er folgte ihr zum Bus. Er staunte über ihre mageren, zerbrechlich wirkenden Schultern, die gleichwohl dem offensichtlich gefüllten Rucksack trotzten.

Bald darauf saßen sie an seinem schmalen Ausklapptisch, den Dampf des Kamillentees zwischen sich. Durch die geöffnete Seitentür fiel die Vormittagssonne. Im Haselnußgebüsch tickerte ein Rotkehlchen, während aus Richtung Krankenhaus hin und wieder ein Schaf blökte.

Das Heck des Busses wurde von einem niedrigen Schrank eingenommen, auf dem sich Max' Schlaf- und Ruheplatz befand. Er wirkte ordentlich. Mitten auf der sandfarbenen Überdecke hockte, soweit Antje sehen konnte, irgendein kleines Plüschtier.

„Mein Wachhund“, grinste Max, der ihren verkniffenen Augen gefolgt war.

Sie erkundigte sich nach seiner fahrenden Lebensweise. Max kannte in Norddeutschland und Dänemark zahlreiche Leute, durch die er auch an seine Aufträge kam. Er schaffte teils allein, teils wurde er in Gesellenbaustellen von alternativen Projekten einbezogen. Antje hörte verblüfft, er habe dereinst das orthopädische Schuhmacherhandwerk erlernt, aber dann mit der Firma seines ehemaligen Schwiegervaters, der Gehhilfen und Rollstühle produzierte, Schiffbruch erlitten.

Er nickte besorgt unter den Tisch. „Mir fiel Ihre vorsichtige Gangart auf. Haben Sie am Ende Schwierigkeiten mit ihren Beinen oder Füßen?“

Sie kicherte unwillkürlich und weidete sich an seinem verwirrten Gesicht. Dann weihte sie ihn in ihre jüngste Krankengeschichte ein. Wegen heftigen Bauchkneifens habe sie erst gestern in der Frühe das Kreiskrankenhaus aufgesucht. Ein Arzt eröffnete ihr, es sei der Blinddarm, das müsse beobachtet werden. Bis zum Abend hatten die Schmerzen kaum nachgelassen. „Dann muß er morgen raus!“ befand der Arzt. Allerdings flauten die Schmerzen über Nacht – warum auch immer – merklich ab. Man wollte sie trotzdem in den Operationssaal schieben. Nun war ihr unglücklicherweise in dieser Nacht eine recht frische Geschichte aus der Zeitung eingefallen: von einer Schere, die ein Arzt in einer operierten Bauchhöhle vergessen hatte. Deshalb widersetzte sie sich. Sie wollte nach Hause. Daraufhin zuckte der Arzt die Achseln und ließ sie einen Zettel unterschreiben, wonach sie das Krankenhaus gegen ärztliches Anraten und auf eigene Verantwortung verlasse. Nur deshalb sitze sie jetzt einem orthopädischen Schuhmacher gegenüber, der wie der schwarze Kater Stanislaus auf Dachstühlen herumzuturnen pflege.

Max wog schmunzelnd sein von schwarzer Bürste gekröntes Haupt, während er dem kecken Blick ihrer grünlichen Augen standhielt. Schließlich sagte er:

„Sie erwähnten den Bahnhof – wohnen Sie nicht in der Stadt?“

„Richtig. Ich wohne in Dostum. Das ist ein Dorf rund 15 Kilometer weiter nördlich. Vielleicht haben Sie schon einmal von der Dostumer Pfanne gehört?“

„Ach – die glasierten bunten Dachziegel?“

„Genau. Die Ziegelei gehört meinem Vater.“

„Tatsächlich?“

„Tatsächlich! Warum denn nicht?“

Max machte eine besänftigende Handbewegung, bevor er sich sein Kinn rieb. Er dachte: Ja – warum eigentlich nicht? Statt ihr einen klassenkämpferischen Vortrag zu halten oder die niederschmetternde Auskunft von ihr zu bekommen, sie züchte in ihrem eigenen Betrieb die bekannte schwarz-weiß-karierte Dostumer Dogge, konnte er ihr höflicherweise vorschlagen, sie nach Hause zu fahren.

Er tat es. Sie wandte natürlich ein, er könne doch unmöglich seine Arbeit unterbrechen. Er versicherte ihr allerdings, das könne er durchaus, weil er erst in einer knappen Woche auf einer Baustelle in der Kremper Marsch zu erscheinen habe. Das beruhigte sie. In Wahrheit fand sie sein Angebot klasse.

Max nickte zu seiner Bettstatt im Wagenheck und sagte lächelnd:

„Wenn Sie es bei Ihrem Zustand für angebracht halten, könnte ich sogar einen Liegendtransport durchführen! Nur das Blaulicht auf dem Busdach müßten Sie
verschmerzen ...“

Sie sah belustigt zum Bett, stand sogar auf, stemmte sich kokett auf die Kante und stellte mit Hilfe ihrer Schuhabsätze fest, daß der Schrank unter ihr hohl klang. Dann streifte sie die Schuhe kurzentschlossen ab, um einmal Probezuliegen. Während sie ihre Beine aufs Fußende schwenkte, sah sie Max unverwandt an, obwohl sich nun auch ihr Hinterkopf in Richtung einiger bunter Kissen senkte.

Das war verhängnisvoll. Ihr Blick zog Max wie eine machtlose Gliederpuppe von seinem Stuhl. Damit fiel der Ausflug nach Dostum für heute ins Wasser.



Floß für zwei

Ich kehrte bei prächtigem Sommerwetter von einem mißglückten Liebesabenteuer auf dem Lande zurück. W. war seiner Schuldgefühle seiner Angetrauten gegenüber nicht Herr geworden. So trennten wir uns nach einer wenig erholsamen Nacht. Ich hatte mir beim Frühstück eine Landstraße längs des Flusses ausgeguckt, die ich lange nicht mehr befahren hatte. Nachdem ich W. am Bahnhof der nächsten Kleinstadt abgesetzt hatte, folgte ich der Straße mit zunehmender Betörung. Vermutlich verdankte ich diese Betörung nicht nur der im Sonnenlicht funkelnden Auenlandschaft. Im Grunde war ich erleichtert, mit W. einen Hasenfuß losgeworden zu sein. Er mochte schlank und wohlgeraten sein wie eine Zypresse – er war mir zu willensschwach.

Nach einer guten Stunde verleitete mich eine niedliche Friedhofskapelle am Rande des Dorfes Goosweiler, meinen Wagen im Schatten der hohen Linden abzustellen, die das Friedhofstor flankierten. Ich mußte ohnehin einmal austreten und wollte mir aus diesem Anlaß etwas Bewegung verschaffen. Leider war die Kapelle verschlossen; sie schien auch nicht über eine Toilette zu verfügen. Da ich offenbar die einzige Besucherin des Friedhofs war, schlenderte ich weiter, um mich im rückwärtigen Bereich in die Büsche zu hocken. Das tat ich auch. Allerdings hätte ich um ein Haar feuchte Socken bekommen, weil ich plötzlich zu Tode erschrocken zusammenfuhr. In meinem Rücken, wo der Friedhof von einer dichten Hainbuchenhecke abgeschlossen wurde, waren aufgeregte tierische Schreie ausgebrochen, die nach einer verrosteten Trompete klangen. Vielleicht stand ein Esel hinter mir. Sehen konnte ich nichts. Ich beeilte mich, fertig zu werden und wieder aus der Hocke zu kommen. Dann sah ich, daß die Hecke nicht weit von mir durch ein schmales Hintertor aus Staketenlatten unterbrochen wurde. Neben ihm stand sogar eine Abfallkiste. Ich ging hin, warf mein Papiertaschentuch hinein und klinkte das Tor auf, das lediglich auf einen Feldweg ging. Kaum hatte ich ihn betreten, schwollen die rauhen Schreie wieder an. Wie ich sah, wurden sie von vier Gänsen hervorgebracht, die von rechts her flügelschlagend auf mich eindrangen. Allerdings lag ein Drahtzaun zwischen uns. Der Feldweg war nur ein Stichweg, der unweit des Friedhoftors an einem Obstgarten endete, den die Gänse offenbar als ihren geheiligten Gral ansahen. Sie streckten ihre Hälse wie Lanzen vor und mischten ein bedrohliches Zischen in ihre Empörungsschreie. Während ich in meiner Einfalt beruhigend auf sie einzureden versuchte, löste sich aus dem Schatten eines kleinen Hauses, das offenbar unmittelbar am Fluß lag, ein großer Mensch, der zwei Eimer trug. Das Gänsegatter nahm nur den hinteren Teil des Obstgartens ein. An dem Maschendrahtzaun zum Haus hin stand ein Futtertrog, auf den der Mensch mit den Eimern zuhielt. Offenbar war es ein älterer Mann, war doch sein Haar kaum weniger weiß als das Federkleid seiner Haustiere. Er trug es bis in den Nacken zurückgekämmt. Da der hagere Hüne kurze Hosen anhatte, waren seine braungebrannten Beine zu sehen. Als er sich durch Pfiffe bemerkbar machte, änderten seine Gänse sofort ihre Taktik. Nun stürmten sie flügelschlagend auf den Futtertrog zu. Er kippte Gemüseabfälle hinein. Währenddessen entging ihm nicht, daß ich diese Landidylle neugierig verfolgte. Als beide Eimer geleert waren, schwenkte er sie in meine Richtung und erkundigte sich rufend, ob ich ebenfalls hungrig sei. Seine Stimme klang fest und etwas spöttisch. „Ich habe gerade Kaffeewasser aufgesetzt!“ fügte er hinzu.

Seine Unkompliziertheit gefiel mir. „Kaffee ja!“ rief ich zurück. „Gerne!“ Dann deutete ich auf ein Tor im Drahtzaun: „Kommt man hier durch?“

Er nickte. „Es ist unverschlossen! Aber achten Sie auf Ihre Füße, die Gänse sind nicht ganz stubenrein!“

Das konnte man wohl sagen. Die grünlichen Kotspargel lagen überall, nur hoben sie sich wenig kontrastreich von dem gerupften Grasboden des Obstgartens ab. Das Gänsegeschnatter schwoll wieder an, als ich an ihrem Futtertrog eintraf, wo ebenfalls eine Tür aus dem Gatter führte. Das Schnattern hielt sie freilich nicht davon ab, gleichzeitig die Gemüsefetzen zu verschlingen. Der alte Mann nickte mir freundlich zu und hielt mir die Tür auf.

„Schnell weg hier!“ sagte er mit einem Daumenwink auf seine Viecher und ergriff seine leeren Eimer. „Die kriegt keiner ruhig! Aber dafür sind sie ja da.“

„Wofür?“

„Wache schieben!“ grinste er. „Besser als jeder Hund. Abends bringe ich sie nach vorn in ihren Stall, dann ist mein abgeschiedenes Häuschen vor Unholden sicher. Sie schlagen sofort Alarm, wenn sich jemand nähert ... Sie sind fremd hier?“

Ich bestätigte es und erzählte kurz von meinem Ausflug.

Obwohl er mich um mehr als einen Kopf überragte, ging er ungebeugt. Sein gut geschnittenes, wenn auch von Bartstoppeln übersätes Gesicht wirkte fast quadratisch. Er trug ein loses helles Hemd mit schmalem Stehbund um den Halsausschnitt. Ließ mich mein Instinkt nicht im Stich, war er kein ungehobelter Bauer. Ich schätzte ihn auf ungefähr 70.

Zwar wirkte sein eingeschossiges Häuschen ziemlich alt und verwinkelt, aber nicht heruntergekommen. Da ich keine Gardinen sah, gab es vermutlich auch keine Frau im Haus. Dafür sprach auch das erwähnte Kaffeewasser. Der Umstand gefiel mir, denn ich hatte plötzlich keine Lust, diesen Mann mit einer anderen zu teilen.

Wir erreichten die Hintertür des Häuschens, die noch aufstand. Er forderte mich auf, das Haus zu umrunden, auf der Veranda Platz zu nehmen oder mich im Vorgarten umzusehen, ganz wie ich es wünschte. Er komme gleich mit dem Kaffee hinaus. Er fügte hinzu:

„Vielleicht ein Stückchen Nußrolle? Ich habe sie selber gebacken!“

Ich nickte lächelnd. Er zwinkerte erfreut mit seinen wasserhellen Augen und verschwand in der Tür.

Dem Sonnenstand zufolge ging die Veranda nach Süden. Sie war überdacht. Einige Gemüse- und Blumenbeete, die sich erfreulich unabgezirkelt gaben, fielen zum Flußufer ab, das einen Bootssteg aufwies. Dieser Zugang über Wasser wurde nicht von Gänsen, vielmehr einer weißen Katze bewacht. Sie saß aufrecht auf den grauen Planken wie aus Kalk gebrannt. Vermutlich hatte sie die Augen mehr oder weniger geschlossen. Eine mächtige ausladende Pappel stand hart am Haus, sodaß die Beete nicht beschattet wurden und der Blick frei über den Strom und die jenseitigen Hügel schweifen konnte. Welche Labsal im Vergleich zu meinem Balkon, der auf den gegenüber liegenden Balkon ging! Ich wohnte unweit der Oper in einer aus überwiegend sanierten Jugendstilhäusern gebildeten Straßenschlucht. Die Qualität der Luft kann man sich vorstellen.

Da ich in den Uferbüschen inzwischen einen Ruderkahn entdeckt hatte, fragte ich mich, ob ihn mein betagter Gastgeber wohl noch benutze. Doch ich wurde gleich darauf von einem ungleich größeren Wasserfahrzeug abgelenkt, das sich von rechts her flußabwärts schob. Es war ein ungefähr Tennisplatz-großes Floß. Auch das Publikum fehlte nicht, drängten sich doch schätzungsweise 50 bis 70 Leute auf ihm. Sie trugen mir einigen Ausflugslärm zu. Krönung dessen war eine Dixiland-Band, die gerade am Schrammeln war. Die Katze auf unserem Bootssteg ließ sich davon nicht beeindrucken. Offenbar wurde das Floß vor allem vorn gesteuert, denn dort standen zwei Leute an langen Ruderstangen, während es hinten nur ein Mann war. Die wie die Gänse schnatternden Fahrgäste saßen hintereinander auf aufgebockten Bohlen wie andernorts die Hühner auf der Stange. Die Band hatte ein Podest am Heck. Über ihnen flatterte die unverzichtbare unselige Deutschlandfahne. Auch die Dixilandmusik war bekanntlich der deutschen Scholle entsprossen.

Das Floß hatte bereits die Blickachse der weißen Katze unterwunden, als mein Gastgeber ein Tablett mit Kaffee und Kuchen auf dem gelben Wachstuch seines Verandatisches absetzte. Ich deutete über den Fluß:

„Kommen die öfter bei Ihnen vorbei?“

„Naja“, sagte er nachsichtig, während er Kaffee eingoß, „was sollen die Flößer machen? Sie haben nur noch das Ausflugsgeschäft. Im Sommer fahren sie jeden zweiten Tag – ab Olm bis in die Landeshauptstadt. Für die gut 20 Kilometer brauchen sie, je nach Wasserstand, vier oder fünf Stunden. Zum Wohl!“

Er hatte sich inzwischen übereck zu mir gesetzt und trank mir zu. Erfreulicherweise war der Kaffee nicht so fadenscheinig wie heute vormittag im Gasthof. Olm war übrigens die Kleinstadt, in die ich W. gefahren hatte. Ich deutete dem sich entfernenden Floß nach und erkundigte mich, wie sie denn das ungeschlachte Ding wieder nach Olm zurück bekämen? Er lächelte verschmitzt:

„In Sachen Flößen scheinen Sie wie so viele zu den Laien zu zählen. Das Floß wird am Zielort zerlegt! Die Baumstämme werden nur von Bändern zusammengehalten, die sich leicht abnehmen lassen. Dann packt sich ein Bagger mit Greifer die Stämme und lädt sie auf einen Sattelschlepper. Mit dem fahren auch die Flößer wieder nach Olm zurück. Dort bauen sie das Floß dann wieder zusammen. Zur Not geht das sogar über Nacht. Aber dieses Verfahren gilt nur für diese neumodischen Ausflugsfahrten.“

„Wie meinen Sie das?“

„Der Sinn des Holzflößens lag ursprünglich gerade darin, die Stämme am Zielort loszuwerden. Sie wurden verkauft, das war der Zweck der Übung. Was zurückgeschafft wurde, waren die Taler in der Geldkatze des Floßmeisters, der mit seinen Gesellen den ganzen Rückweg in der Regel auf Schusters Rappen zu bewältigen hatte. Der Fluß war das naheliegendste und ohne Zweifel billigste Mittel für diesen Bau- und Brennholztransport. Dann kamen die Staustufen, die Eisenbahn, die Sattelschlepper und so weiter. Kurz, ein altes Handwerk mehr war unter die Räder unseres Fortschritts gekommen. Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben, wenn Sie mir diese eitle Offenbarung gestatten.“

„Ein ganzes Buch?“

„Ja – warten Sie einen Moment, warum soll ich es Ihnen nicht zeigen? Probieren Sie doch inzwischen meine Nußrolle. Das Rezept stammt noch von meiner seligen Großmutter Hermine!“

Während ich den Kuchen auf meiner Zunge zergehen ließ, kam die Katze angetrottet, sprang auf den Stuhl, den der Hausherr soeben verlassen hatte, und miaute mich vorwurfsvoll an. Vielleicht glaubte sie, ich hätte ihn verjagt. Oder wollte sie naschen? Es sah nicht so aus, denn sie verschmähte das Bröckchen, das ich ihr vorlegte. Ich warf es in die Beete, für die Spatzen.

„Na Sylvia – ist die Besucherin genehm?“

Der Hausherr schob das Buch auf den Tisch und nahm seine Katze vom Stuhl auf den Schoß. Er streichelte und kraulte sie, während er mir beim Kauen zusah. Sie dankte es ihm mit Schnurren.

„Vorzüglich!“ muffelte ich mit einem Fingerzeig auf meinen verkrümelten Mund.

Als ich mit Kaffee nachgespült hatte, ergänzte ich: „Schmeißen Sie Ihren Haushalt ganz ohne Frauen, wenn ich fragen darf – Herr Mulewitsch?“

Denn so stand es auf dem Buchdeckel: Arnold Mulewitsch: Die Kunst des Flößens – Kulturgeschichte eines überflüssigen Handwerks.

Er lächelte und strich sich bedächtig sein feines weißes Haar zurück. „So ist es. Gattinnen oder Dienstmädchen nicht vorhanden. War immer ein Eigenbrötler ... Und wer sind Sie?“

„Entschuldigen Sie vielmals – Olga Klemperer. Ich bin in der Landeshauptstadt als Korrepititorin an der Oper beschäftigt. Morgen früh um 10 muß ich wieder ran.“

„Klemperer? Wie der bekannte Tagebuchschreiber aus dem faschistischen Dresden?“

„Nicht ganz. Sein Vetter war der Dirigent Otto Klemperer – von dessen Tochter Lotte bin ich eine Großnichte.“

„Ja“, sagte er bedauernd und bewundernd zugleich, „Sie sind noch jung ...“

Das Bedauern galt ihm selbst, wie ich unschwer erraten konnte. Ich war gerührt.

Er ermahnte sich innerlich und verkniff seine schmalen weißen Augenbrauen. „Dann sind Sie also der Musik treu geblieben. Aber was, verdammt noch mal, macht denn eine Korrepititorin ..? Habe den Ausdruck nie gehört.“

„Dann kann ich Ihnen ja das Flößen heimzahlen“, erwiderte ich lächelnd. „Wir sind die SklaventreiberInnen des Kapellmeisters. Wir sitzen am Klavier und hecheln die Partien mit den einzelnen Sängerinnen oder Sängern durch, bis sie sitzen. Das heißt, wir müssen die Partituren ähnlich gut verstehen wie der Kapellmeister oder Dirigent, ohne jemals dessen Geld und Applaus einheimsen zu können. Der Laie weiß von unserer segensreichen Existenz nichts, wie Sie ja gerade an sich selber sehen.“

Ich tippte auf das Buch. „Wir führen ein ähnliches Schattendasein wie die ÜbersetzerInnen. Ist Ihr Werk schon übersetzt?“

„Interessant“, murmelte er und musterte mich prüfend. Offenbar dachte er noch über meine Erläuterungen oder über meinen Vergleich nach. Ich war zu jung – zu schnell für ihn.

Dann blickte er auf sein Buch. „Ja, es liegt inzwischen auf Englisch, Finnisch und Russisch vor. In Fachkreisen gilt es bereits als Standardwerk. Es ist mit Abstand mein verkäuflichstes Buch.“

„Sie sind im Hauptberuf Schriftsteller?“

Er nickte.

„Was schreiben Sie sonst noch so?“

„Nichts anderes: ausschließlich Sachbücher. Meistens geht es um Handwerkszweige. Die Romane erzähle ich meiner Katze ...“

Er blickte sich lächelnd nach ihr um, denn sie war inzwischen von seinem Schoß gehüpft, um durch die Salatköpfe zu pirschen.

Da ich bei dieser Gelegenheit die Stellen seines Körpers betrachten konnte, die nicht von Kleidung bedeckt waren, ging mir schmerzlich auf, daß ich wirklich einen Greis vor mir hatte. So angenehm er auch gestaltet sein mochte, wirkte seine gebräunte Haut doch schon wie einschnurrendes fleckiges Pergament. Über kurz oder lang würde sie trocken sein wie das Buch, auf dem seine linke Hand lag – ja mehr noch, sie würde zu Staub zerfallen. Sobald es mir ähnlich erginge, würde ich Männer wie W. nicht mehr so leichtfertig vor den Kopf stoßen. Ich wäre um jeden dankbar, der mich überhaupt noch eines Blickes würdigte.

Ich riß mich aus diesen unerfreulichen Erwägungen, indem ich mich nach einer Toilette erkundigte.

„Ja, sicher“, sagte Mulewitsch und deutete auf die aufstehende Haustür, „gleich am Ende des Flurs.“

Ich kam vom Regen in die Traufe. An der Reinlichkeit des Wasserklosetts war nichts zu bemäkeln, doch über dem Halter der Klopapierrolle hing ein gerahmtes Bild. Es zeigte hinter Glas eine auch schon etwas vergilbte Urkunde, ausgestellt auf Herrn Arnold Mulewitsch, geboren 1926 in Pegau an der Weißen Elster. Es war sein Meisterbrief als Glaser. Er hatte ihn nach dem Krieg in der Landeshauptstadt gemacht. Demnach hatte ich mich gehörig verschätzt: der Glaser und Schriftsteller war bereits 82. Das bedeutete, er lag schon so gut wie im Sarg, wenn man es ohne romantische Illusionen betrachtete.

Während ich mir die Hände wusch, kam mir jäh der Gedanke, finstere Mächte könnten mich an diesem schönen Sommertag in eine Falle gelockt haben. Warum hatte ich ausgerechnet an einem Friedhof Halt gemacht? Und auf der Gänseweide einen weißhaarigen Mann „angebaggert“, wie die heutige Jugend es nannte? Es mochte sich nur um einen Selbstbestrafungsdrang handeln. Doch es war auch denkbar, daß ich in einen echten Hinterhalt lief. Kürzlich hatte ich in der Lokalzeitung von einem Rentner gelesen, der noch täglich Briefe austrug, um seine elende Rente aufzubessern. Bei dieser Tätigkeit war er unversehens tot vom Fahrrad gekippt: Herzversagen. Eigentlich kein schlechter Tod, hatte ich mir gesagt – doch wie stand ich da, wenn ich jetzt auf die Veranda träte und der gute Arnold Mulewitsch läge nach dem gleichen Herzversagen mit blutigem Hinterkopf auf den Sandsteinplatten seiner Veranda? Sie könnten mir glatt unterstellen, ich hätte ihn erschlagen. Vielleicht hatte er ein paar 500-Euro-Scheine unter seinem verglasten und gerahmten Meisterbrief versteckt, das wäre schon ein hinreichendes Motiv.

Ich verzichtete darauf, meine Frisur zu richten, und eilte durch den Flur. Einer Leiche hätte ich mit tadelloser Frisur ohnehin nicht imponiert. Doch ich hatte Glück: der betagte Schriftsteller ließ sich gerade auf seinem Stuhl nieder und nickte mir dabei schelmisch zu. Vielleicht hatte er die Pause genutzt, um sich ebenfalls zu erleichtern, etwa sein Wasser hinter den nahen Fliederbüschen abzuschlagen.

„Ich staune, Herr Mulewitsch“, sagte ich mit anerkennendem Lächeln. „Ihr Meisterbrief belehrt mich, daß Sie mindestens 10 Jahre jünger wirken als Sie sind!“

Er war vorübergehend verdutzt. „Ach so“, sagte er und rieb sich mit leicht verlegenem Lächeln sein stoppliges Kinn, „daran hatte ich gar nicht gedacht ...“

„Ja. Sie haben sich wirklich gut gehalten.“

Sein Blick wurde strafend. „Sie sollten mir nicht schmeicheln, Frau Klemperer. Ist es etwa mein Verdienst, wenn ich so jung aussehen sollte, wie Sie glauben? Weit gefehlt. Es verdankt sich Zufällen, mehr nicht. Den verbreiteten Stolz auf gutes Aussehen, Gesundheit, Herkunft und dergleichen empfand ich schon immer als ziemlich peinlich. Vor allem bei schönen Frauen geht das gern bis zum Hochmut, wenn ich diese Bemerkung wagen darf ... Genauso stellt übrigens auch ein hohes Alter keinen Verdienst dar. Mein älterer Bruder hatte mit 19 ins Gras zu beißen – auf dem Rußlandfeldzug. Sie hatten ihn eingezogen. Andere ertrinken, werden überfahren, verrecken schon als Säugling, weil sie dummerweise in einer Dreckhütte neben einer Chemiefabrik geboren worden sind. Selbst ein schöner Tod ist kein Verdienst! Kürzlich berichtete die Lokalzeitung von einem 72jährigen, der mit seinem Fahrrad noch täglich Briefe austrug, um seine Rente aufzubessern. Plötzlich kippt er vom Rad und ist mausetot. Herzversagen!“

Er sah mich erwartungsvoll an, weil er hoffte, mich zu beeindrucken. Ich hatte große Mühe, das Glucksen zu unterdrücken, das in mir aufsteigen wollte. Er hätte es womöglich mißgedeutet. So nickte ich nur einsichtig.

Er schenkte Kaffee nach und kam auf meine Berufstätigkeit zurück, die er genauer zu verstehen wünschte. Ich schilderte sie ihm. Doch nach 20 Minuten gewann ich den Eindruck, er sei reif für ein Mittagsschläfchen. Ich verabschiedete mich und dankte ihm für alles. Auch das Buch übers Flößen, das die ganze Zeit zugeklappt auf dem gelben Wachstuch gelegen hatte, gab er mir mit.



Fortsetzung hier
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