Freitag, 20. Juli 2012
Konräteslust Teil 3

28

Bei über 30 BGs im Städtchen konnte man hinsichtlich der Unterrichtsorte nicht wählerisch sein. Kleine BGs, die vielleicht nur fünf Köpfe zählten, tagten in privaten Zimmern, gern auch reihum. Für die größeren Gruppen um 15 Personen kamen die Plenarsäle der GOs leider nicht in Frage, weil es dort viel zu unruhig war. Lydia hatte sich für ihre BG Prokofiev die Konradsluster Friedhofskapelle ausgeguckt. Es war ein schmuckloses Gebäude in Barackenform, das nur durch einen kleinen Glockenturm an eine Kirche erinnerte. Im Inneren waren Tische zu einem Oval angeordnet. Auf dem Podium standen ein Klavier und ein Gestell mit Schreib- oder Zeichenblock. Das Deckenlicht war eingeschaltet, weil es draußen so trübe war. Während die letzten „SchülerInnen“ eintru-delten, lehnte Achim am Kachelofen der Kapelle. Laut Lydia, die an einem Tisch in ihre Unterlagen sah, erfüllte der Kachelofen neben physikalischen auch pädagogische Zwecke. Er wurde, falls nicht ohnehin eine Trauerfeier stattfand, jeden Mittag von einem anderen Schüler angeschürt. Um 15 Uhr war es dann warm genug. Versäumte jemand den Ofendienst, klapperten 12 oder 14 Gebisse Strafe genug, um zu seiner Läuterung beizutragen. Die Weihe des Ortes konnte Lydias Schützlinge nicht vom Durcheinanderschnattern abhalten. Sie waren über-wiegend zwischen 15 und 17. Eine 11jährige wäre hier fehl am Platz gewesen, wie Achim bald merken sollte.

Lydia streifte ihr dunkelblondes Haar über die Schulter und sah in die Runde. Dann griff sie nach ihrer Stimm-gabel und hielt sie auf die Tischplatte. Der Ton ließ die Jungen und Mädchen verstummen.

„Ich grüße euch. Wir sind vor einigen Tagen im Zuge der russischen Oktoberrevolution in das Thema Technik geschliddert. Gestern warnte uns Mario, sie nicht in Bausch und Bogen zu verdammen. Da kommt ihm möglicherweise der Gast am Kachelofen gelegen: Achim Dömmersbach aus Berlin.“

Sie blickte wie ihre SchülerInnen zu dem Genannten und fuhr fort: „Du trägst da diesen schwarzen Kasten unterm Arm, Achim. Ist der Inhalt streng vertraulich?“

„Ach woher!“

Lydia sah lächelnd und fragend in die Runde: „Also, ihr Lieben – was ist drin?“

„Bestimmt ne Verarschung für mich“, brummte ein flaumbärtiger Junge mit Brille. „Ein zerlegtes Kleingewehr!“

Einige lachten, denn es war der besagte Mario.

„Präzisionswerkzeug von einem Uhrmacher oder so!“ rief ein blondes Mädchen.

„Schon nicht schlecht“, erwiderte Achim, während er an einen freien Platz des Ovals trat und seinen Kasten auf den Tisch legte.

„Mir dämmerts“, krähte ein kleiner Zappelphilipp, der einem Wiesel ähnelte. „Musikinstrument!“

„Richtig!“ Achim klappte den Kasten auf und zeigte ihn umher.

„Eine Querflöte!“ erscholl es aus mehreren Mündern.

Achim nickte und setzte sein Instrument zusammen. In den nächsten Minuten erläuterte er, wie die Töne durch das Zusammenspiel von Rohr, Fingern, Lippen und Zwerchfell zustande kommen. Das unterstrich er durch Demonstrationen. Er betonte, die ganze Anblas- und Fingertechnik sei vergebens, wenn sie nicht auf der Atmung des Spielers oder der Spielerin fuße. Flötespielen sei deshalb nicht nur Musik, sondern auch Meditation. Manchmal sei sie auch Krach, fügte er zwinkernd hinzu und entlockte dem blitzenden silbernen Rohr zum Abschluß seiner Demonstration ein paar „überblasene“ peitschende Läufe, bei denen sich Flötenton und Gesangsstimme mischen oder besser reiben. Die Technik war dereinst durch Ian Anderson von Jethro Tull in der Rockmusik populär geworden.

Einige SchülerInnen schnalzten mit den Fingern. Achim deutete eine Verneigung an und setzte sich. Nach kurzer Überlegung sagte Lydia:

„Achim hat von Anblas- und Fingertechnik gesprochen. Sicherlich spricht man auch von einer Atemtechnik, aber ich glaube, das ginge hier am Kern der Angelegenheit vorbei. Achim betont ja, die Atmung sei die Basis des ganzen Flötespielens. Dessen Seele sozusagen. Was könnte uns dieser Vergleich hinsichtlich unseres Themas Der Mensch und die Technik lehren?“

Ein Mädchen mit rötlichem Bürstenschnitt hob leicht den Finger vom Tisch. „Na, daß sie eben dem Menschen zu dienen hat, die Technik. Seiner Entfaltung, meine ich. Behindert sie seine Entfaltung, ist sie schlecht.“

„Oder nur Selbstzweck“, warf der wieslige Junge ein.

„Sie ist auch schlecht, wenn sie einige Leute als Machtmittel mißbrauchen“, stellte ein Mädchen fest, das durchaus kräftig wirkte.

Lydia nickte. „Ich sehe, ihr denkt mit und wir sind mitten im Thema. Jaromir, du wolltest dich mit ein paar Texten von führenden russischen Revolutionären befassen. Was äußern sie über Industrialisierung, Verstaatlichung und dergleichen? Traust du dir zu, uns einen kurzen Überblick zu geben?“

Der großgewachsene, blonde Lockenkopf versuchte es. Er sprach mit leichtem Akzent. Er stützte sich auf einen Wust von Zetteln, las aber nicht ab. Seine MitstreiterInnen notierten sich gelegentlich Stichworte. Jaromir knüpfte an Lenins vielzitierten Ausspruch an, Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung, der sogar Achim nicht fremd war. Das riesige „rückständige“ Land sollte mit Gewalt industrialisiert werden. Man träumte davon, so viele Waren produzieren und konsumieren zu können wie der Goldene Westen. Das geschah natürlich auf den Knochen der ArbeiterInnen – und auch der Bauern. Deren erzwungene Kollektivierung forderte gewaltige Opfer. Die Hungersnöte wurden durch diese Dampfwalze der „nachholenden Modernisierung“, wie KritikerInnen sie später nannten, keineswegs aus der Welt geschafft, im Gegenteil. Die Bürokratie führte zu außerordentlicher Mißwirtschaft. Die Elite sorgte für ihre Privilegien. Die beiden Weltkriege erschwerten die Lage zusätzlich. Und dann sei ja der Witz gewesen, daß Lenins „Sowjetmacht“ schon um 1920 im Keim erstickt worden sei. Weder in den Betrieben noch in den Gemeinden war Selbstverwaltung erwünscht. Das Sagen hatte eine Partei- und Staatsmacht, die an allen Hebeln der Fabrikkombinate saß und die natürlich auch die Armee befehligte. Für Denker wie Friedrich Georg Jünger hatte sich dem westlichen Maschinenkapitalismus ein östlicher Maschinensozia-lismus hinzugesellt. Daß sie sich im Grunde nichts genommen hätten, erweise sich seit 1989, schloß der Referent. Jetzt sei alles wieder eine Banane.

Jaromir wischte sich die Schweißtropfen aus den Stirn-locken und sah seine Gruppenleiterin etwas verlegen an.

Lydia nickte ihm mit anerkennendem Lächeln zu. „Danke für die Mühe, Jaromir. Das ist doch eine ausgezeichnete Grundlage, um einzuhaken, denke ich. Was meint ihr?"

Nach dem üblichen Blickaustausch zwischen teils unsicheren, teils mutwilligen Jugendlichen deutete „das Wiesel“ zur Saaldecke und erkundigte sich lauernd:

„Müssen wir die jetzt ausschalten ..?“

Achim war nicht der einzige im Saal, der lachte. Wiesel hatte die Deckenleuchten gemeint.

Daraus entspann sich ein lebhaftes Gespräch über ein konkretes Problem. Kerzen wachsen nicht auf den Feldern; sie kosten ebenfalls Geld oder Arbeit, vielleicht sogar mehr als unser Strom, den uns nach Abschreibung der beiden geplanten Windräder die Wettergötter umsonst liefern. Kerzen verderben das Augenlicht. Ja sicher, warf jemand ein: Glühbirnen nicht, aber es wäre mir neu, sie wüchsen auf Bäumen. Für Glühbirnen bedürfe es ja schon einer richtigen Fabrik! Das war der Referent. Sollen wir die Kerzen in Heimarbeit gießen oder drehen? Ja, warum denn nicht!

Man stieß auf das Problem der Abhängigkeit. Kerzen lassen sich tatsächlich von Einzelnen oder von kleinen Gruppen recht einfach herstellen. Wird auch das Wachs selbstproduziert, ist die Autonomie perfekt. Dagegen ist der moderne Wohlstandsmensch von einer Megamaschine und von tausend sogenannten, jeweils anders zuständigen Experten abhängig. Eine Panne, und ganze Stadtviertel oder Großstädte sitzen im Dunkeln. Ein Defekt im Ölbrenner, und der Experte läßt Familie Hurtig zwei Tage frieren, ehe er kassiert. Hinzu kommt der Machtfaktor, auf den Jaromir ja schon hingewiesen hat. Beherrsche ich die Produktion, beherrsche ich die Menschen. Indem uns die Megamaschine enteigne, entmündige sie uns, formulierte Lydia. Sie nehme uns dankbar alles ab: die Sorge um unser Stück Land, das sie gleich mit 50 anderen Stücken verschmilzt; unser letztes Geld, weil wir uns gegen Notfälle versichern müssen; den Rest unserer Menschenwürde, den wir beim Shoppen und Zappen noch nicht eingebüßt haben.

Aber die Erleichterung, die uns Technik oft gewähre, lasse sich auch nicht so einfach wegreden, gab die Rötliche mit dem Bürstenschnitt zu bedenken. Wer das Brennholz für die ganze Kommune nur mit der Hand sägen wollte, käme zu keiner BG-Sitzung mehr, vom Muskelkater ganz zu schweigen. In der Ziegelei liefen die Band-, Kreis- und Kettensägen den ganzen Tag. Verstoße das gegen den Anarchismus?

„Tja, der Streit ist alt“, sagte Lydia lächelnd. „Der Eng-länder William Godwin gilt als Begründer des politischen Anarchismus. Er will bereits um 1800 – als die Industrie noch in den Kinderschuhen steckt – alle Möglichkeiten der Automation ausgeschöpft wissen; er sei davon überzeugt, dadurch könne die täglich notwendige physische Arbeit des Menschen auf eine halbe Stunde verringert werden. Nichts anderes glaubten Leute wie Lenin und Zuse, der Erfinder des Computers. Wer weiß, daß Godwin ur-sprünglich evangelischer Prediger war, könnte hier einen uralten Menschheitstraum als Vater des Gedankens wittern ...“

Sie blickte fragend in die Runde. Das Wiesel krähte: „Schlaraffenland! Paradies!“

„Ganz genau, Tim. Und ich wage zu bezweifeln, die Bestimmung des mit Würde begabten Menschen liege darin, wie ein Säugling an der Brustwarze der Megama-schine zu hängen. Ist es nicht vielmehr so, daß wir überhaupt erst durch die Aneignung unserer Umwelt zu Menschen werden?“

Die „Aneignung“ war selbst Achim zu hoch. Eine Diskus-sion ergab: Die Notwendigkeit, für unseren Lebensunter-halt, für unser Fortkommen zu sorgen, gestaltet uns selbst nicht weniger, wie sie unsere Umwelt gestaltet. Der Mensch „erschafft sich“ im Prozeß seines Eingreifens – durch Arbeit im weitesten Sinne.

„Nun ja“, wagte Achim zu bemerken. „Es kommt vielleicht doch auf die Art der Arbeit an. Gestern half ich in der Mosterei der Bornmühle mit. Wenn da einer im Stehen stundenlang einen Plastikschlauch in leere Flaschen tunken muß, trägt er wohl kaum zu seiner eigenen Ver-vollkommnung bei – er ist vor allem geschafft. Und wenn er nicht gut auf sich aufpaßt, kommt er sogar dümmer aus der Mosterei heraus, als er hineinging.“

Zustimmendes Gelächter. Die Runde einigte sich darauf, es gebe keine Pauschallösungen. Man müsse von Fall zu Fall entscheiden, ob Einsatz von mehr Technik sinnvoll sei oder nicht. Dabei seien sich die meisten Menschen nicht darüber im klaren, wie komplex die zu entscheidende Frage sei, betonte Lydia. Jedem Vorteil stehe ein Nachteil gegenüber, und es gebe immer Dutzende dieser Paare. Achim unterstützte sie. Man bedenke nur, was alles an einem Auto hänge, sagte er im Gedenken an Heinz Jäckels Vortrag über die Pferde. „Doch meinem Vater winkte aus jedem abbiegenden VW-Käfer, dem er neidisch nach-blickte, nur die große Freiheit aufzubrechen, wohin er will – die man nach Hölderlin allerdings verstehen lernen muß. So in seinem Gedicht Lebenslauf.“

Ein bislang schweigsames Mädchen, das viel mitschrieb, hatte offenbar über irgendetwas gegrübelt. Jetzt sagte es ziemlich bestimmt:

„Abwägen ist ja schön und gut – nur hat die Sache einen Pferdfuß. Es wird nämlich immer schwieriger und irgendwann sogar unmöglich. Harry – das ist mein Vater – sagt, es liegt an der Verselbständigungstendenz der Megamaschine. Sie drückt uns ihre Bedürfnisse auf, sie fordert ihr Recht. Das nennt man dann Sachzwänge. Jedenfalls sei es im kapitalistischen Ausland so. Welcher deutsche Bundesbürger könne denn noch auf ein Auto verzichten, ohne gesellschaftlich abgehängt zu werden? Und wenn die BRD auf die Autoproduktion verzichte, bräche die halbe Wirtschaft zusammen. Harry verhöhnt die vielen angeblichen Linken, die neuerdings vom notwendigen Umbau der Industriegesellschaft sprechen – wartet mal ...“

Sie kramte in ihren Papieren, bis sie fündig geworden war. „Er hat mir eine Stelle aus Lenins Staat und Revolution gezeigt, das in seinem Bücherregal steht. Da schwärmt der Führer des Proletariats von einer Schule der Fabrik, die den revolutionären Erfordernissen – also dem bürokra-tischen Zentralismus – sehr zugute komme. Mit der Maschine oder Keule revolutionärer Geschlossenheit werde nach und nach weltweit jede Ausbeutung erdrückt und erst, wenn sie restlos vom Erdboden getilgt sei, werden wir diese Maschine in den Winkel stellen. Dann wird es weder Staat noch Ausbeutung geben. Das verhöhnte Harry mit einem Beispiel aus dem Reich der Haustiere. Lenin kauft sich einen kleinen Kläffer, den der Hundezüchter als Pinscher bezeichnet. Nach zwei Wochen macht Lenin Urlaub in Konräteslust, wo ja Hundeverbot herrscht. Zurückgekehrt, hat sich sein angeblicher Pinscher, unter der Obhut seiner Haushälterin, zu einem Säbeltiger ausgewachsen. Lenin erschrickt nicht; er holt schnell einen Keks aus der Küche, um den Säbeltiger damit ins Tierheim zu locken. Lenins Ende könne ich mir wohl selber ausmalen.“

Sie erntete Gelächter. Lydia blickte zur Wanduhr: kurz vor halb vier.

„Vielleicht sollten wir das zunächst einmal so stehen lassen; die Zäsur bietet sich an. Ich schlage vor, wir bewegen uns etwas und kochen Kaffee, bevor wir noch eine Stunde Russisch machen. Jaromir hat übrigens einen Kuchen mitgebracht.“

Jubel! Die SchülerInnen erhoben sich. Jaromir ver-schwand höchstpersönlich in einer Tür, um den Kaffee aufzubrühen. Während andere nach draußen gingen, setzte ein dürres Mädchen einen CD-Player in Gang, den es bereits mit lüsternen Blicken angepeilt hatte. Es begann sofort, sich in dem beachtlichem, marschmäßigem Groove des schlichten Popsongs zu bewegen, der erklang. Eine Frauenstimme sang in irgendeiner slawischen Sprache. Doch beim Refrain wechselte sie ins Deutsche! Eins zwei drei schicke schicke Schweine sang sie – etwas lispelnd, dazu frivol. Die Dürre sang verzückt mit. Als der Song vorbei war, machte sie den Player wieder aus.

„Wer singt das?“ wollte Achim von ihr wissen.

„Glukoza.“

„Glukoza?“

„Ja, eine geile russische Sängerin. Ganz jung ist sie noch. Und sie hat ein Video zu dem Lied gemacht, das ist noch geiler! Steht im Internet.“

„Worum geht es denn?“

„Die Schweine sind die Nazis. Sie haben auch scharfe Doggen, also Hunde, und Kampfflugzeuge. Aber dann kommt Glukoza mit ihren Freunden und macht sie alle nieder.“

„Ah ja“, sagte Achim. „Man lernt nie aus, danke.“

Die Dürre lief nach draußen. Lydia hatte lächelnd zugehört. Jetzt schüttelte sie ihren Kopf. „Peggy ist in ihr Spiegelbild verliebt! Sie vergaß zu erwähnen, daß wir Glukoza, so witzig sie immer sein mag, auch kritisiert haben. Vor allem werden die Nazis in dem Video nur als blutrünstige Horden jenseits aller politökonomischen Zusammenhänge dargestellt. Sie waren ja immerhin die Speerspitze des traditionell aggressiven deutschen Kapitals.“

„Ah ja“, wiederholte Achim fast verdutzt. „Noch mehr gelernt!“

Er grinste und eilte in der Annahme, dort befänden sich Sanitärräume, zu der Tür, in der Jaromir verschwunden war. Damit lag er nicht falsch. Er fand ein freies Kompost-klo, wie er es bereits aus der Bornmühle kannte. Ein Waschbecken befand sich im Vorraum, wo Jaromir gerade die Kaffeemaschine einschaltete. Während sich Achim die Hände wusch, erklang das Klavier; das war vermutlich Lydia. Dann musterte er das Wasserrohr an der Wand. Zwar war es ummantelt, doch es lief ein paar Meter um die Wände, ehe es im Fußboden verschwand. Er wandte sich an Jaromir, der Geschirr auf ein Tablett stapelte:

„Was macht ihr denn bei anhaltendem Frost, Jaromir? Droht dann nicht das Wasser einzufrieren?“

Der junge Referent schüttelte seinen Lockenkopf und deutete mit einem überlegenem Lächeln auf die Zuleitung: „Sieh mal genau hin. In den Lücken an den Schellen siehst du es.“

Achim war überfordert; er sah und verstand nichts.

„In der Isolation läuft ein Heizkabel mit“, erklärte Jaromir nachsichtig. „Es wird durch einen Fühler geschaltet, der auf Frost reagiert. Da passiert nichts!“

„Ach so“, rieb sich Achim die kalten Hände. „Und womit heizt das Kabel?“

„Richtig!“ grinste Jaromir und nahm das Tablett auf. „Mit Strom.“

Achim schmunzelte und folgte ihm. Durch die Fenster sah er einige SchülerInnen, die auf dem Vorplatz der Fried-hofskapelle schnell eine Runde Kubb spielten. Die im Saal verbliebenen machten Gymnastik, unterhielten sich, blätterten in ihrer russischen Grammatik, halfen Jaromir beim Decken der zusammengeschobenen Tische. Lydia saß noch am Klavier, aber verkehrt herum. An den geschlos-senen Deckel und einen Teil des Aufbaus gegossen, blinzelte sie gegen die Saaldecke und dehnte und reckte sich dabei. Ein reizendes Bild!

Achim zog sich einen Stuhl herbei. Als sie ihn fragend anlächelte, erzählte er die Geschichte vom Heizdraht.

Sie lachte. „Du bringst mich auf eine Idee! Jede Wette, daß die Hälfte meiner Schützlinge keine Ahnung davon hat, was Strom eigentlich ist. Sollten sie es in der Grundschule gelernt haben, haben sie es längst vergessen. Also machen wir demnächst eine Einheit über Elektrizität. Sie darf natürlich nicht nur aus Theorie bestehen. Ich frage die Lieben mal, ob sie vielleicht RepublikanerInnen kennen, die Sicherungskästen anschließen oder wenigstens Bügeleisen reparieren können.“

„Gaston“, sagte Achim wie ein Automat.

„Gaston? Birgits Gaston?“

„Ja – entschuldige bitte! Er konnte Bügeleisen reparieren. Allerdings ist er tot.“

„Allerdings!“ sagte Lydia bitter. „Man könnte Christus vom Kreuz reißen, wenn es hier noch eins gäbe.“

Achim schlenkerte mit seinem Handrücken. „Verscheu-chen wir die Traurigkeit! Ihr seid ja wirklich gut aufgelegt hier. Das Schulklima gefällt mir. Und das Engagement der jungen Leute! Wie erreicht man das?“

Sie verstülpte die Lippen und dachte nach. „Vielleicht zuerst: Keine Pädagogik! Die Mädchen und Jungen müssen als künftige RepublikanerInnen ernst genommen werden.“

„Gilt bei euch die bundesdeutsche Volljährigkeitsgrenze?“

„Ja. Sie beläuft sich aber darauf, daß eine 17jährige kein Vetorecht und keinen Zugriff auf die Bank hat. Ansonsten gestaltet sie mit wie jeder Erwachsene.“

„Und was wäre noch wichtig?“

„Keine Schulpflicht! Selbst in unsere Grundschulen wird kein Kind gezwungen. Wir brauchen den freiwilligen Einsatz und die selbsterrungene Erkenntnis des jungen Menschen – nicht seine Unterwürfigkeit. Während Lenin, wie wir hörten, die Schule der Fabrik rühmte, geißelte der von mir angeführte Godwin die Sklaverei des Schuljungen – 120 Jahre vor Lenin. Und du wirst ja selber wissen: nötige ich ein Kind ans Klavier, kommt nur Krampf dabei heraus.“

Achim lächelte etwas schwermütig, denn bei ihm war es so gewesen. Dann hakte er nach: „Ihr trefft euch an fünf Nachmittagen der Woche jeweils für drei Stunden, hat mir ein Mädchen gesagt. Zwängende Zeitrahmen lehnt ihr also nicht ab?“

„Sie werden oft überdehnt, manchmal auch gesprengt. Heute sitzen wir bestimmt noch bis halb Sieben hier. Im Sommer kann es geschehen, daß wir zur Nesse rennen, um uns hineinzustürzen. Das Entscheidende ist gar nicht die Unterrichtsdauer, sondern die Vorbereitung auf den Unterricht, die die Mädchen und Jungen individuell oder in Untergruppen leisten. Vorträge vermeide ich. Es gibt Bücher, es gibt das Internet – bei uns wird gebündelt. Oder auch mal experimentiert.“

„Die Gruppen laufen stets ein Jahr?“

„Richtig. Gegen Ende des Kursjahres wird überlegt, wer wo weitermacht, denn im Grundmuster wiederhole ich dann mit Neulingen meinen Kurs. Diese Muster der BGs stehen im Intranet. Es kommen mal neue hinzu, mal fällt etwas fort.“

„Wird dir selbst die Wiederholung nicht langweilig?“

„Bislang nicht. Ich gebe den Kurs erst zum zweiten Mal. Ich bin oft noch unsicher.“

Sie waren inzwischen an die Kaffeetafel gewechselt und ließen sich Jaromirs Pflaumenkuchen schmecken. Neben zwei Thermoskannen mit Kaffee hatte er sogar eine Schüssel mit Schlagsahne gebracht. Die Kubb-Spieler-Innen waren gern hereingekommen.

„Ich könnte mir denken, die Kurse gewinnen oder verlieren auch stark durch ihre jeweilige Leitung?“ hakte Achim nach.

„Das wohl. Manche wählen ihre BG gerade nach diesem Gesichtspunkt aus. Aber ich glaube, unbeliebte Leiter-Innen gibt es gar nicht mehr bei uns. Die halten sich nicht.“

Achim wandte sich an die Rötliche mit dem Bürsten-schnitt, die ihm zufällig gegenübersaß. Dabei winkte er mit dem Daumen zu Lydia:

„Wie beliebt ist denn sie?“

Die Rötliche hob verzückt ihre Brauen, wobei auch ihr hübscher Mund aufging. Dann schob sie sich schlagfertig einen Teelöffel voller Sahne hinein und quetschte hervor:

„So!“

Lydia hielt sich die Hand vor ihren Mund und schüttelte ihren Kopf. Sie wirkte ungespielt verlegen. Achim nickte ihr mit ermunterndem Lächeln zu.

Kurz darauf sprach ihn Tim das Wiesel auf sein Berufs-leben als Musiker und die Lebensqualität in der Haupt-stadt an. Achim gab bereitwillig Auskunft. Was die Lebensqualität betreffe, gehe ihm erst in diesem freien Städtchen auf, unter welcher Dunst- und Lärmglocke sich die BerlinerInnen durch ihren Alltag zu zappeln hätten. Für MusikerInnen bestehe der heimtückischste Lärm in dem Gesäusel und Geschwafel, das schon bald flächen-deckend aus den Lautsprechern des öffentlichen Raumes quelle. Einkaufen im Supermarkt: Berieselung. Warten beim Zahnarzt: Zwangsfernsehen. Kinobummel: Straßenmusikanten. Bildschirme auch in den Bahnhöfen der Fernzüge, und zur Krönung neuerdings die Beschal-lung verschiedener Ubahnhöfe mit Musik von Beethoven oder Dvorak. Angeblich würden dadurch die Penner ver-trieben. Er glaube aber eher, dadurch würden Beethoven und Dvorak vertrieben. Alle paar Stunden wiederholten sich die gezielt ausgewählten Stücke. Musikern wie ihm drehten die Gänge durch solche Ubahnhöfe oder Einkaufspassagen natürlich den Magen um. Den Leuten, die dort Pizzen oder Liebesromane zu verkaufen hätten, wahrscheinlich auch, nur merkten sie es nicht.

Als Lydia den Abbruch der Kaffeetafel vorschlug, erhob sich Achim. „Ich werde mich jetzt zurückziehen, denn ehrlich gesagt, Russisch will ich nicht mehr erlernen. Ich war sehr gerne hier. Vielleicht gebt ihr Lydia und mir die Ehre eines Gegenbesuches. Am Samstag veranstalten wir nämlich ein Konzert für Klavier und Flöte in der Ziegelei, wie ihr vielleicht schon gelesen habt. 20 Uhr!“

„Was gebt ihr denn?“ wollte die Rötliche wissen.

„Die Sonate opus 94 – von Prokofiev ...“

Jubel! Achim nickte lächelnd, nahm seinen Flötenkasten und verließ den Saal.


29

Achim war zu Fuß gekommen. Der Friedhof lag am Süd-ausgang der Stadt und damit nicht weit von der Ziegelei entfernt, wo er wieder Flöte üben wollte. Jenseits dieser Pflicht winkte ihm sein erster „freier Abend“ seit der Bekanntschaft mit Birgit. Sie hatte im Gesundheitsball ein Ligaspiel mit ihrer Snookermannschaft. Er hatte sich keineswegs als zuschauender Fan angeboten, denn er fühlte sich inzwischen übermüdet – wohl zu sehr über-häuft von Eindrücken und zu sehr strapaziert durch einige heftige Liebesnächte. Er freute sich geradezu auf ein stilles Dämmerstündchen in seinem Gastzimmer.

Er nahm einen Weg längs des Boberbachs. Zur Linken zogen sich die Wiesen und Äcker bis zu Hämmerchens Scheune hin. Von einer Baumspitze aus spähte ein Bussard nach Mäusen. Der Bursche besaß weder Jagdschein noch Abitur. Um Kartoffeln lesen oder Flöte spielen zu können, war es ebenfalls überflüssig, sich der Folter zu unterziehen, über die ihm Iris oft genug ihr Leid geklagt hatte. Im Grunde stellte die Folterkammer moderne Schule eine Beleidigung für jeden halbwegs gesunden Geist dar. Sie zermalmte Neugier, Kreativität, eigenständiges Denken, Lust auf Verantwortung, Kritikfähigkeit, weil dies alles nicht auf den angebeteten Lehrplänen stand. Sie häm-merte das Faktenwissen in die Köpfe, das diese brauchen würden, um auf dem einen oder anderen Fließband rollen zu können. Es ging nur darum, „den Anforderungen gerecht zu werden“ – nämlich des Kapitals. Man lernte nicht fürs Leben, sondern für Prüfungen. Man lernte für den Konkurrenzkampf. Das hieß, man lernte möglichst kurz zu leben – und sei es ab 45 noch 25 Jahre als Invalide.

Ungerufen fiel ihm das Lied Schicke schicke Schweine wieder ein. Das bewies, es war ein durchtrieben gemachter Ohrwurm. Man lernte für die Schweine, die Orwells Animal Farm beherrschten, und Glukoza stach sie mit einem Hit aus, der ihr vermutlich schon eine im Hafen von Jalta liegende Jacht eingebracht hatte.

Vom Schwarzen Brett des Ziegeleisaales grüßte ihn ein großes handgmaltes Plakat, das zum Konzert einlud. Neben der Prokofiev-Sonate waren Ragtimes von Scott Joplin angekündigt. Das war Achims Idee gewesen, denn er hatte 20 Stücke des schwarzen US-Komponisten für Klavier und Flöte bearbeitet. Der Name Lydia Schott war auf dem Plakat nicht kleiner geschrieben als der Name Achim Dömmersbach. Das befriedigte ihn. Früher wäre ihm der Sachverhalt kaum aufgefallen. Er zählte zur Creme der europäischen FlötenspielerInnen – ergo wurde sein Name stets in den entsprechend großen Lettern gedruckt.

Der Saal war mäßig geheizt. Vorsichtshalber erbat er sich im Büro erneut die Spielerlaubnis. Natürlich bekam er sie. Er konzentrierte sich heute auf die Prokofiev-Sonate, die selbst für Virtuosen schwer zu spielen war. Als er seine Flöte putzte und wieder einpackte, zeigte die Wanduhr bereits halb neun.

Aber was hieß schon „schwer zu spielen“, sagte er sich auf dem Weg zum Walnußhaus. Das galt ja im Falle des Virtuosen nur, weil er die Sonate besonders gut, makellos, göttlich vorzutragen wünschte. Er hatte schon öfter gedacht, 90 Prozent der ZuhörerInnen einer CD würden gar nicht merken, wenn statt Dömmersbach ein Schüler von Dömmersbach in das Metallrohr mit den vielen Röhrchen und Klappen blies. Den Unterschied hörten nur die überzüchteten Ohren der maßgeblichen Musikkritiker-Innen, die dem Publikum dann die Bedeutung des Virtuosen einzubläuen hatten. Ja, es war im Grunde krankhaft. Es war viel sinnvoller, die Laienmusik zu fördern und selber noch anderes zu machen als nur Musik – beispielsweise ein Bügeleisen reparieren oder einen Zug fahren wie Gaston. Birgit konnte sogar schießen und ein Feuerwehrauto bedienen!

Aus irgendeinem Grund hatte er neulich wieder in Friedrich Engels Der Ursprung der Familie, des Privat-eigentums und des Staates geblättert, das er mit manchen anderen kackroten und kotzblauen Bänden von seinem Vater geerbt hatte. Sie waren wirklich in diesen Farben gebunden! Aber jetzt ahnte er jenen Grund. Es ging um den Mythos vom Fortschritt, dem er als Flötist nicht anders aufsaß wie der Fabrikantensohn aus Wuppertal. Mochte Engels auch kühn am Staat rütteln: er sei nicht von Ewigkeit her; Dutzende Gesellschaften vor uns seien prima ohne ihn ausgekommen; sie hätten gar nicht gewußt, was das sein solle, ein Staat. Aber da mußte man durch. Für Engels war der Staat irgenwann notwendig geworden. Und erst auf wieder einer anderen „Stufe der Produktivkräfte“ könne er wieder überflüssig werden – der Kinderglaube von Lenin. Das Denken von Nieder nach Höher zieht sich bei Engels durch jeden Absatz, einerlei, was er beleuchtet. Sein Stufen-Schematismus schmerzt geradezu. Mochten die Irokesen die herrlichste egalitäre Gentilverfassung gehabt haben – ihre Zentralisierung im Rahmen des Irokesenbundes war ein Fortschritt. Dieser Stufen-Schematismus ist natürlich in allen ideologischen Lagern sehr bequem, weil es sich immer gut anhört, wenn etwas „notwendig“ oder „zielstrebig“ oder „fortschrittlich“ ist. Damit läßt sich alles rechtfertigen. Nicht mehr Gott will die „Erhöhung der Produktivkraft“ – der Fortschritt will es. „Wachstum“ möchte der Fortschritt. Nicht etwa der Kinder und unserer Anlagen und unserer Einsichten, vielmehr der Profitrate. Und genau auf dieser wurde auch der Spitzenflötist emporgetragen. Sein Profit war der Jubel, der ihn umbrandete, einerlei, ob er ihn in klingende Münze verwandelte oder nicht.

Von den Fenstern her schien das Walnußhaus ziemlich verwaist zu sein. Die Wohnküche war leer. Er machte sich einen Abendimbiß zurecht und nahm ihn mit in den 1. Stock. Bevor er ihn zu sich nahm, kümmerte er sich um den Zimmerofen. Bald prasselte das Feuer. Er zog sich den Schreibtischstuhl seines Zimmergebers und eine Steh-lampe zum Ofen und steckte seine Füße unter die Decke des nahen Bettes. Da das Tablett mit dem Brot und der Flasche Wein unter ihm auf dem Teppich stand, konnte er auf sein Becken ein Kissen als Stütze für das Buch türmen, das er gestern aus dem Regal des Zimmergebers gefischt hatte: Nacht über der Prärie. Es war ein Roman aus einer US-Indianerreservation, verfaßt von einer gewissen Liselotte Welskopf-Henrich – was für ein ungeschickter Doppelname für eine Autorin! Aber er sagte ihm sowieso nichts. Dafür fesselte ihn der Roman sofort.

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, als er aufhorchte. Jemand rief um Hilfe – nicht schrill, sondern eher unterdrückt. Er warf Buch und Kissen beiseite und ging zur Tür. Die gestöhnten Rufe drangen aus dem Zimmer von Phil. Jetzt erkannte er auch Phils Stimme. Er eilte über den Flur.

Ein Kissen an sich gepreßt, kniete Phil zusammen-gekrümmt auf seinem Bett. Dabei stöhnte und wimmerte er. Auf die entsprechende Frage keuchte er:

„Die Brust! Verdammte Krämpfe! Weiß der Teufel, was das ist!“ Er wog sich fast wie ein Autist, während er das Kissen zerknüllte.

„Nach Schweinegrippe sieht das nicht gerade aus“, sagte Achim. „Hast du dich vergiftet? Was Falsches gegessen?“

„Ach woher! Es ist, als hätte ich einen Berg erklommen ... Die Lungen brennen ... Man droht zu platzen ... So eine Scheiße!“

Zwischen jedem Satz stöhnte er. Achim entlockte ihm, es habe vor einer halben Stunde begonnen und sei immer heftiger geworden.

„Kannst du laufen? Zum Gesundheitszentrum? Ich käme mit.“

„Ach woher! Ich würde ja schon die Treppe herunterfallen!“

„Gut“, sagte Achim und wandte sich zur Tür, „ich rufe den Krankenwagen.“

Im Flur prallte er fast auf Ingeborg. Wahrscheinlich war sie aufmerksam geworden, weil er Phils Zimmertür offen gelassen hatte. „Ein Anfall!“ rief Achim, während er schon den Hörer des Flurtelefons abnahm. „Wo steht die Notfallnummer vom Gesundheitszentrum?“

„Drei mal drei und die Neun!“

Keine zwei Minuten und sie vernahmen die Sirene. Zum Glück war Konradslust klein. Die Besatzung des Kranken-wagens – eine Frau und ein Mann – trug Zivil, schleppte aber verschiedene Taschen oder Koffer mit in Phils Zimmer. Die Frau schien die federführende Ärztin zu sein. Kaum hatte sie erfragt, was Phil auch schon Achim erzählt hatte, bedeutete sie ihrem Begleiter, eine Injektion gegen die Schmerzen fertig zu machen. Sie fragte weiter:

„Allergien, Phil?“

„Nicht daß ich wüßte.“

„Hast du Fieber?“

„Ich glaube nicht.“

„Aber du zitterst wie Espenlaub.“

„Ja“, stöhnte Phil.

„Du hälst dir den linken Arm. Strahlt der Schmerz in den linken Arm aus?“

„Ja, verdammt.“

Die Ärztin und ihr Begleiter, der die Injektion überwachte, sahen sich vielsagend an.

„Paß auf, Phil: der Schmerz läßt gleich nach. Aber wir müssen dich zur Beobachtung mit in die Klinik nehmen. Es besteht ein Verdacht auf Herzinfarkt. Laß dich davon nicht einschüchtern, wir haben noch Zeit genug. O.K.?“

Phil nickte, und so rollten sie ihre Bahre aus Segeltuch aus.


30

Achim hatte den Schreibtischstuhl ans Gartenfenster seines Zimmers gerückt. Er blinzelte ins Dunkel. Nur von Hämmerchens Hof her schimmerte etwas Licht. Das Buch schlug er nicht wieder auf. Der Anfall hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht; vom süßen Verdäm-mern konnte vorläufig nicht mehr die Rede sein. Das war jetzt eher dem Abtransportierten gewährt. Prüfte Achim seine Empfindung, wurde sie statt vom Mitleid von einer Art Zerknirschung beherrscht. Er sah den geschlagenen Phil vor sich, wie er sich auf seinem Bette wand. Das Niederschmetternde dürfte darin liegen, diese Demüti-gung mitansehen zu müssen. Ein Mensch wird jäh zum Spielball ungebetener Kräfte gemacht – und man selber schaut hilflos zu. An diesen Kräfteverhältnissen änderte offenbar auch der Sturz des Kapitalismus nichts.

Vielleicht hatte Phil Glück und wurde wieder hergestellt. Er konnte freilich genauso gut auf dem Friedhof landen, den Achim neuerdings aus eigener Anschauung kannte. Achim gehörte nicht zu den Menschen, die sich alle zwei Tage in Angst und Schrecken versetzen, indem sie sich das bevorstehende Ende ihres irdischen Daseins ausmalen. Es gibt ja daran gar nichts auszumalen. Die Furcht wird von einer Schimäre genährt; sie entquillt einem Schwarzen Loch kosmischen Ausmaßes. Aber wer von der Erde abtritt, hinterläßt ebenfalls oft ein Loch. Mit diesem Umstand hatte sich Achim nie befaßt. Er hinterläßt mehr oder weniger viele Menschen, denen er fehlt; vielleicht vermißt ihn sogar eine ganze Republik. Komme ich morgen unter die Räder wie Gaston – was wird aus Iris, Birgit, meiner Querflöte, meinem Bankkonto, ja selbst aus dem Mülleimer in meiner Berliner Wohnung, den ich auszuleeren vergaß? Für nichts dergleichen hatte er Regelungen getroffen. Gaston hatte zumindest dafür gesorgt, daß seine eigene Asche in einer Urne landete. Friedrich Engels würde einen vielleicht mit dem Hinweis beruhigen: Keine Bange, mein Sohn, Vater Staat hat das schon für dich geregelt! Er nimmt sich gern deines Bankkontos an. Er zahlt den Wohnungsauflöser aus und dekoriert dich sogar mit einem schlichten Holzkreuz dritter Klasse.

Wie schon mehrmals zuvor, hörte er vom Treppenhaus her die Geräusche eines Heimkehrers oder einer Heimkeh-rerin. Er nahm einen Schluck Wein und erwog vorüber-gehend ernsthaft, mit dem Fahrrad in den Snookersalon oder die Bornmühle zu eilen, um bei Birgit Trost und Schlaf zu suchen. Hatte ihre Mannschaft eine Niederlage kassiert, läge das Trösten allerdings bei ihm. Nein, es kam nicht in Frage, Birgit in die Niederung seiner Unruhe zu ziehen. Dummerweise hatten die Hündchen gerade den 14tägigen Wechsel in ihrem Dienstplan, sodaß sie ab morgen die Frühschicht hatte; diese dann wieder jeden zweiten Tag. Da trank er lieber noch ein Glas Wein. Er schenkt sich nach und griff anschließend doch nach dem Indianerbuch, das auf der Fensterbank lag. Vielleicht konnte er sich wieder einlesen und das Buch dann mit ins Bett nehmen.

So verfuhr er. Ein halbe Stunde nach diesem Entschluß war er eingeschlafen. Bis zum Eintreffen Okutes (Seite 308) drang er nicht mehr vor. Der einstige Dakota-Häuptling hat die Reservation angesteuert, um seinem Wahlsohn Stein mit Hörnern alias Joe King, ehemals Gangster, jetzt Rancher, mit seinen Fahr-, Reit- und Schießkünsten beizustehen – und das mit 112 Jahren. Bei Joe beschließt er dann auch sein Leben. Weit entfernt, vom Fahrersitz seines Sportwagens oder vom Rücken seines Mustangs geschossen zu werden, legt er eines schönen Tages seinen Todestag fest, wie wir allerdings erst im zweiten Band der in der DDR erschienenen Pentalogie Das Blut des Adlers erfahren. Er begeht diesen Tag wie alle Tage zuvor; nur gegen Abend wird er müde. Er stirbt friedvoll in den Armen von Queenie King, auch Tashina genannt. Ein gar zu schönes und tröstliches Bild? Wer lange leben will, lebt auch lang? Dies nach dem Muster der Korbflechterin Sylvia gesagt?

Selbstverständlich wird Kämpfer Okute nur zufällig 112. Denn vorher sind zahlreiche Kugeln, Pfeile, Gifte, Keime, Geschwüre, Verwünschungen sowie Genickbrüche durch Steinschläge oder Autounfälle an ihm vorbeigegangen, die ihn genauso gut hätten treffen können. Diese Treffer hat Welskopf-Henrich in ihrer Pentalogie (5 Bände) auf anderes Personal verteilt, darunter etliche Kinder. Das Leben ist furchtbar schön.


31

Die Kantine der GO Domäne lag im 1. Stock des ehema-ligen Gesindetrakts. Da etliche Zwischenwände heraus-gerissen worden waren, standen mehrere Pfeiler im Speise- und Versammlungssaal. Sie zeigten hübsche Mosaike aus Fliesen- und Keramikscherben. Die blanken Dielen aus beinahe rötlicher Lärche rochen nach Leinöl. Man saß hier sehr gemütlich, zumal die Südfenster auf den vom Wassergraben und einer Mauer umgebenen Schloß-garten gingen. Die Bäume winkten zum Teil schon mit buntem Laub gegen den Sprühregen an, der vormittags eingesetzt hatte. Da die Küche im Erdgeschoß lag, gelangte das Essen per Fahrstuhl in den Saal. Heute gab es eine hausgemachte Spezialität der Domäne, nämlich Spätzle. Deshalb saßen sie hier. Birgit war zwar Fränkin, keine Schwäbin (gottseidank!), aber in Spätzle war sie vernarrt. Die Domäne gab ihre Spezialität wahlweise nackt, mit angebratenem Hackfleisch nebst Pilzen oder in Käse gewälzt aus. Verschiedene Krautsalate kamen hinzu. Achim griff gerne zu, denn er hatte lange geschlafen und nicht gefrühstückt. Nach einer Flötenstunde hatte er Birgit aus dem Rathauskeller abgeholt. Sie hatten sich so stürmisch begrüßt, daß Birgits Kollege Bart rasch sein Stirnband aufzog, weil er eine „Kampfhandlung“ witterte. Jetzt saß er mit am Tisch. Der hagere Bart van Flennigan, wahrscheinlich um die 40, war gebürtiger Flame, sprach aber nahezu akzentfrei.

Die Hündchen und andere Leute aus der Rathausbeleg-schaft aßen öfter in der Domäne, weil sie um die Ecke lag. Rathaus, Stadtkirche, die Bank im alten Postamt, Klinik, Friedhof, Kläranlage und dergleichen zählten zu den wenigen „exterritorialen“ Orten der Republik, d.h. sie gehörten keiner GO an. So hatten die dort Beschäftigten in der Regel auch keine Kantine. Die Instandhaltung dieser Gebäude und Gelände oblag den betroffenen Stadträten, die sich wiederum HelferInnen aus den Reihen der Beschäftigten suchten. Wir hörten ja bereits, daß sich etwa die Hündchen um das Heizen und Saubermachen in Rathaus und Stadtkirche kümmerten. „Küster“ der Stadtkirche war just Bart. Neben den Kunstschätzen galt sein Hauptaugenmerk verständlicherweise den Republik-plena. Er hatte die äußerlichen Vorbedingungen für deren reibungslosen Ablauf zu schaffen. Morgen war es wieder so weit: Erster Sonntag im Oktober. Das Plenum begann um 20 Uhr. Gäste waren zugelassen, solange die Plätze reichten. Einerseits freute sich Achim, das Monatsplenum noch haarscharf „mitnehmen“ zu können – andererseits hatte er sich spätestens am Dienstag 10 Uhr in Berlin einzufinden: Orchesterprobe. Zum Glück dachte er daran nicht, während er die Spätzle genoß und Bart nach dem flämischen Erzähler Piet van Aken fragte, gestorben 1984. Dieser besaß das Vermögen, Bauern und Proletarier agieren zu lassen, ohne den sprachlichen Vorschlag-hammer schwingen zu müssen. Bart kannte und schätzte ihn selbstverständlich.

Der internationale Zug der Szene setzte sich am Nachbar-tisch fort. Dort wurde Englisch gesprochen. Ein junger Mann von der Domäne, den Birgit flüchtig kannte, hatte offenbar Wochenendbesuch von vier ebenfalls jungen Briten. Achim, Birgit und Bart verfolgten das Gespräch mit zunehmendem Interesse. Die vier Gäste gehörten einer Landkommune an, die irgendwo am Fluß Orwell, also in Südengland liegen mußte. Richtig, nach diesem Fluß hatte sich ein Schriftsteller namens Eric Blair umgetauft, der im Gegensatz zu Tony Blair nicht der Gattung der Kriegs-treiberInnen angehört hatte. Martin von der Domäne versuchte den Gästen inzwischen auseinander zu setzen, um 1990 sei die Volkswirtschaft der DDR einer beispiel-losen Bande mehr oder weniger organisierter Schlips-und-Kragen-Gangster in die Hände gefallen, deren Vereins-kneipe den umwerfenden Namen Treuhandanstalt getragen habe. Sie wollten es gar nicht glauben. Offenbar war die Kunde von den damaligen Vorgängen am Fluß Orwell nur verwässert angekommen. Das einzige, wenn auch nie erklärte Ziel dieser überwiegend westdeutsch besetzten Bande sei es gewesen, sich die DDR-Betriebe für einen Apfel und ein Ei unter den Nagel zu reißen, um sie entweder privat zu betreiben oder aber stillzulegen. In beiden Fällen konnten beträchtliche Subventionen kassiert werden. Das Stillegen hatte dann noch den angenehmen Nebeneffekt, sich eine ernst zu nehmende Konkurrenz vom Hals zu schaffen. Es sei nämlich gut belegbar, daß die DDR-Wirtschaft keineswegs „nur noch Schrottwert“ besessen hätte, wie uns seit Jahren eingehämmert werde. Sie in den „maroden“ Zustand zu überführen, gelang erst der Bande um die Treuhandanstalt. Unsere PolitikerInnen nannten das dann Aufbau Ost. Oder wie Kanzler Kohl es poetisch ausgedrückt hatte: man werde im Osten blühende Landschaften schaffen. Wer hätte ihm unterstellt, dabei Distelfelder auf Fabrikbrachen im Auge gehabt zu haben?

Die jungen Briten wollten es immer noch nicht glauben. Achim mußte zugeben, von der ganzen Tragweite der Angelegenheit Raubzug Ost erst jetzt zu hören und sie eigentlich auch noch anzuzweifeln. Martin versicherte den Gästen jedoch, sie sei inzwischen sogar durch etliche Bücher belegt, wenn auch auf deutsch. Ein Freund aus der Manufaktur Fahrtwind besitze sie alle und habe über das Thema schon einige öffentliche Vorträge gehalten. Birgit erklärte Achim, gemeint sei Klaus der Schlosser aus dem Walnußhaus, was Bart durch Nicken bestätigte. Die Ziegelei und die kleine Maschinenfabrik, die jetzt Fahrtwind hieß, seien auch schon die einzigen größeren Betriebe in Konradslust gewesen. Diese industrielle Dürre habe sicherlich dazu beigetragen, dem Landtag in Erfurt die Abtrünnigkeit des Fleckens schmackhaft zu machen.

„Die Phönix-Gummiwerke in Waltershausen oder die Eisenacher Wartburg-Autofabrik hätten sie uns bestimmt nicht überlassen“, grinste Bart. „Die gingen an Conti aus Hannover und an Opel Rüsselsheim. Jetzt schieben die Kumpels Kurzarbeit – auf Steuergelder.“

Birgit erhob sich. „Trinkst du einen Kaffee mit, Bart?“

„Nein, danke!“ Er stand ebenfalls auf. „Gesine wartet. Ich verschwinde!“

Sie einigten sich beim Kaffee auf einen Spaziergang durch den Schloßgarten. Birgit hatte einen großen Regenschirm mitgenommen. Anschließend wollten sie zum Gesund-heitszentrum laufen, um das Nützliche mit dem Ange-nehmen zu verbinden, nämlich einen Besuch bei Phil mit einer Partie Snooker. Achim hatte ihr natürlich schon von seinem durchkreuzten „Dämmerstündchen“ im Walnuß-haus erzählt. Sie erinnerte sich sogar, bei dem Ligaspiel im Gesundheitsball die Sirene des Krankenwagens gehört zu haben.

„Mein Gott!“ hatte sie angesichts dieser Erinnerung ausgerufen. „Hätte ich gewußt, daß Phil im Wagen liegt, hätte ich womöglich Grün oder Gelb verschossen! Es war der entscheidende Frame, mußt du wissen.“

„Und – hast du ihn gewonnen?“

„Ja sicher!“ strahlte sie.

Achim hatte sich mitgefreut und sein Befremden für sich behalten. Hier war sie ja wieder: die haarsträubende Parallelität von glücklichen und unglücklichen Ereig-nissen. Wer will, kann sie auch im „Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten“ finden.


32

Sie begannen mit der Prokofiev-Sonate – das für alle Beteiligte Anstrengendste zuerst. Der Ziegeleisaal war brechend voll. Natürlich war es trotzdem mucksmäus-chenstill. Birgit schätzte 300 ZuhörerInnen. Sie hatte sich weit nach hinten gesetzt, weil sie Achim nicht etwa ablenken wollte. Wahrscheinlich unterschätzte sie das Konzentrationsvermögen von Berufsmusikern.

Was für ein mitreißendes Stück! Gegen diese geballte Dramatik war Ravels Bolero geradezu zum Einschlafen. Die Leute hingen an Achims Lippen oder Lydias Fingerspitzen. Dabei kam es ja eigentlich bei Musik nicht auf das Sichtbare an. Für den französischen Denker Alain verdankt sie sich sogar ausdrücklich der Unsichtbarkeit. Über größere Strecken konnten sich unsere jagenden Urahnen nicht mehr sehen, also riefen sie. Durch ein Rohr verstärkt, mischten sich hier die natürlichen Obertöne in die Zurufe ein – die Musik war geboren. So gesehen, drohte nicht Birgit Achim abzulenken, sondern Achim das Publikum. Doch wieviele „Virtuosen“ würden noch dabei helfen, die Statistik der Arbeitslosen zu frisieren, wenn sie sich beim Musizieren nicht mehr darstellen dürften? Wer würde heute noch von Franz Liszt, Nathalie Stutzmann oder Eric Clapton sprechen? Die Branche stürbe aus.

Nach knapp 24 Minuten war der Reißer vorbei. Bei dem allgemeinen Fingerschnalzen, das nun einsetzte, konnte man befürchten, zum Entgelt für die fortziehenden Rauchschwalben sei ein Schwarm Zikaden aus Südfrank-reich eingefallen. Lydia war aufgestanden. Sie strahlte und zauste Achim kameradschaftlich im Haar. Er nickte ihr anerkennend zu und sah mit leisem Lächeln ins Publikum, das sich noch nicht beruhigt hatte. Plötzlich stutzte er.

„Mich laust der Affe!“

„Was ist denn?“

„Da sitzt meine Tochter!“

Iris saß gar nicht weit vor Birgit neben einem jungen Mann in Lederjacke, der sich offensichtlich über das Zusammen-treffen amüsierte. Sie selber winkte neckisch mit den gekrümmten Fingerspitzen.

„Das Mädchen mit dem grünroten Bürstenschnitt?“ fragte Lydia. „Na prima. Im Herbst soll man Farbe tragen.“

Achim brachte sich mit einem Kopfschütteln wieder zur Tagesordnung. Wo waren sie stehen geblieben? Was hatte er noch sagen wollen? Ach ja ... Er drückte Lydia seine Flöte in die Hand, um mit beschwichtigenden Gesten seiner gespreizten Hände fürs Verstummen des Publikums sorgen zu können. Dann sagte er:

„Wir danken euch für die Aufmerksamkeit und Anerken-nung. Mir persönlich ist es ein Bedürfnis, die nun folgenden Ragtime-Stücke von Scott Joplin meinem hiesigem Gastgeber Phil Mönninger zu widmen, der leider seit zwei Tagen mit einem Herzinfarkt im Gesundheits-zentrum liegt. Viele von euch werden ihn kennen und schätzen. Ich habe ihn heute nachmittag besucht; danach sind seine Genesungsaussichten gut. Mögen die Stücke dazu beitragen, daß er rasch wieder auf die Beine kommt!“

Erneutes Schnalzen. Achim nickte Lydia zu und nahm ihr seine Flöte wieder ab. Sie schob sich auf den Klavierhocker und legte los.


33

Lydias Gatte Gerhard, der Zahnarzt, hatte nicht nur die Kinder gehütet, sondern auch einen Nachtimbiß vorbe-reitet. Daß außer Achim und Birgit noch ein anderes Pärchen mitkam, erstaunte ihn keineswegs. Er holte mehr Geschirr und eine weitere Flasche Wein. Sie saßen an dem Tisch, den Achim schon kannte. Gerhard war ein Hüne mit einem Schnauzbart, der seinen weichen Gesichtszügen etwas Grimm verlieh. Wahrscheinlich konnte er kein Wässerchen trüben. Er schien seinen kauenden Gästen noch nicht einmal zwanghaft aufs Gebiß zu starren. Er ließ sich von Birgit über das Konzert und von seiner Frau über die Entdeckung Achims, im Saal sitze seine Tochter, informieren und freute sich darüber.

Wie sich versteht, hatten sich Achim und Iris bereits auf dem Anmarsch über ihre jüngste Vergangenheit ausge-tauscht. Sie hatten sich auch gegenseitiges gesundes Aussehen bescheinigt. Bei Iris, die deutlich gelassener wirkte als noch in Berlin, mochte ihr Begleiter Roger in der Ledermontur an ihrem Aufblühen nicht schuldlos sein. Achim und Birgit hatten sich für einen Sekundenbruchteil entsetzt angeblickt, als ihnen die beiden eröffneten, sie seien mit dem Motorrad gekommen. Tatsächlich hatten sie dann auch ihre Helme unter den Ziegeleistühlen hervor-geholt. Das Motorrad stand auf dem Parkplatz vor der Stadt. Zu allem Unglück waren sie auch noch aus Waltershausen angereist, hatten also sehr wahrscheinlich eine gewisse S-Kurve bei Teutleben durchrast. Die beiden hatten vor einigen Wochen zufällig am selben „Schnup-perwochenende“ in der Waltershäuser Puppenfabrik-kommune teilgenommen und sich dabei ineinander verliebt. Sie waren zunächst einmal dort geblieben, da es genug Gelegenheit gab, sich nützlich zu machen. Die Kommune war chronisch unterbesetzt.

„Und woher wußtest du, daß dein Vater in Konräteslust auftritt?“ wollte Gerhard von Iris wissen.

„Internet. Es steht auf eurer Webseite. Wir wollten uns eigentlich ein Rockkonzert ausgucken, weil im Spatz nur so ein müder Kabarettist gastiert. Dabei haben wir auch nachgesehen, was Konräteslust zu bieten hätte. Naja, ihr wißt es ja – einen Klassiker und einen Ragtimer ...“

Sie sprach die Worte aus, als buchstabiere sie vor ABC-Schützen. Lydia lachte laut. Das schien Iris ins Schuld-bewußtsein zu treffen, denn sie beugte sich jäh zu Achim, der neben ihr saß, schmatzte ihm einen Kuß auf die Wange und versicherte ihm, sie hätten das gut gemacht. Sie meinte das Konzert.

Es war ihre erste Anwandlung von Tochterliebe an diesem Abend. Selbst Roger hob verblüfft die Brauen. Mit seinem scharfgeschnittenen „Langschädel“, wie Welskopf-Henrich dazu gesagt hätte, erinnerte er entfernt an einen Prärie-indianer. Er wirkte auch hager; kaum einer hätte den frischgebackenen Zimmermann in ihm vermutet, mit dem Iris ein wenig geprahlt hatte. Er war gerade noch um ein Haar in der DDR geboren worden, wie er jetzt auf eine entsprechende Frage von Achim erzählte. Die große Jenaer Zimmerei, in der er angefangen hatte, sei von einem Westler „plattgemacht“ worden, der eine Firstfette nicht von einem Zahnstocher habe unterscheiden können; feierabends hätte er wahrscheinlich seine Seerosen gegossen ... Das habe ihn – Roger – „radikalisiert“. Er konnte seine Lehre dann in einem kleinen Erfurter Alternativbetrieb beenden. Von dort aus habe er nach Kommunen geschaut. In Konräteslust sei er zum ersten Mal. Das Projekt könne ihn verdammt noch mal interessieren!

Achim war wie die anderen älteren Semester am Tisch belustigt. Der Junge gefiel ihm. Seerosen gießen! Aber Motorrad fahren. Er sagte:

„Solltest du hier Fuß fassen, Roger, müßtest du dich aber sehr wahrscheinlich von deinem Motorrad trennen!“

„Macht nichts! Wir haben schon Baustellen nur mit Flaschenzügen bestritten.“

Birgit lachte. Führerschein weg = Flaschenzug! Sehr komisch.

„Da fällt mir ein“, sprach Roger aufgeräumt weiter, „wir haben da gestern im Spatz so eine schräge Diskussion mit einem von der Ex-PDS gehabt – der hat echt Scheiße gelabert, aber mir fehlten ein bißchen die Argumente. Was sagt man denn da?“

Birgit kicherte immer noch. „Um was ging es denn, wenn ich fragen darf?“

„Ach so! Um die Idyllen. Statt Solidarität nach außen zu üben und dort Not zu lindern, suhlten sich die Anarcho-Kommunen in ihrem Insel-Privileg. Statt für die Rechte der ausgeplünderten Massen einzutreten und mit ihnen gemeinsam Verbesserungen zu erkämpfen, schotteten sie sich auf ihren gemütlich eingerichteten Inseln ab und kassierten dafür auch noch Hartz IV und diverse Förder-gelder. So gesehen, könne man bei Kommunen oder der sogenannten Republik Konräteslust von kleinen Schmarotzertümern sprechen.“

Birgit und Lydia sahen sich an. „Tja ...“, sagte Lydia bedächtig. „Der Streit ist so lang wie Bakunins Bart. Für mein Empfinden schaffen wir Kommunarden eher kleine Horte der Verweigerung. Haben wir Glück, strahlen sie zunehmend aus, vermehren sich und stellen irgendwann die Große Verweigerung dar, die auch Köpfe wie Herbert Marcuse und Robert Kurz im Sinn haben. Einen anderen Weg der Befreiung gibt es nicht.“

„Warum nicht?“ wollte Iris wissen.

Birgit lächelte und sprang Lydia bei. „Leider ist die Angelegenheit auch so verwickelt wie Bakunins Bart. Mit Logik läßt sich da nur schwer argumentieren. Man muß die Geschichte ins Feld führen – und die wiederum ist lang ... Nach den historischen Erfahrungen wirkt alles refor-mistische und caritative Mühen vor allem lindernd und lebensverlängernd für die haarsträubenden gesellschaft-lichen Verhältnisse. Entsprechend großzügig werden Kirchen, Parteien, Anthroposophen, Gewerkschaften, Genossenschaften vom Kapital und seinem Staat subventioniert. Diese Scharen von linken Helfern der Prekären haben sichere Arbeitsplätze, die ihnen mindestens das vierfache, nicht selten das vierzigfache Hartz IV einbringen. Sie doktern an einem kriminellen System herum. Wo es brennt, tauchen sie unter Sirenen-geheul auf, um dem Kapital die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Weil es sie gibt, gibt es das System noch. Als das herrschende, vertraute, eingespielte übt das System einen Anpassungsdruck, der sogar Widerborstige wie Daniel Cohn-Bendit und Anmutige wie Sahra Wagenknecht schluckt. Durch Verweigerung und Revolte wäre es längst beseitigt – wir hatten allein in Deutschland mehrere große Chancen dazu. Die letzte war 1989.“

Iris und Roger dachten über das Gehörte nach. Sie nickten leise, obwohl sie zum Beispiel keine Ahnung davon hatten, ob Cohn-Bendit arabischer Freischärler oder Taxifahrer in Frankfurt/Main gewesen war. Jetzt war er Hohes Tier in der EU. Das Pech von Iris und Roger bestand darin, einen Schulunterricht genossen zu haben, der die Geschichte nicht verständlich zu machen, sondern sie zu rechtfertigen hat. Danach ist stets richtig, was sich durchsetzt beziehungsweise halten kann.

Gerhard hatte ebenfalls nachgedacht. Jetzt lachte er leise auf. „Warum soll man hier nicht mit der Logik argumen-tieren können?“ sagte er und strich sich spitzbübisch seine Rotzbremse. „Bekanntlich hat der Kapitalismus ein Raubtiergesicht. Reißt er seinen Rachen auf, rufen die reformistischen Doktoren besorgt: Eine böse Entzündung! Sie ist ansteckend, man muß die arbeitende Bevölkerung vor ihr schützen. Am besten bohren, plombieren und Goldkrone drauf! Schon legen sie mit ihren Wattebäusch-chen und filigranen Werkzeugen los. Im Ergebnis ist wieder einmal ein Zahn gerettet – und das Raubtiergebiß auch.“

Die Tischrunde war erheitert. Gerhard goß gleich Wein nach. Roger nahm ein paar Schlucke und sagte:

„Aber die Solidarität ist ja trotzdem wichtig. Die inter-nationale, meine ich. Wie übt denn die Kommune ihre Solidarität?“

Birgit und Lydia sahen sich erneut an. Diesmal übernahm Lydia das Antworten. Sie behauptete, die anarchistische Form der Solidarität liege vor allem darin, ein Beispiel zu geben. Man müsse unten anfangen – bei sich selber. Man müsse zeigen, daß es geht. Gelänge es, strahlten erfolg-reiche Veränderungen eine enorme Wirkung aus. Das gälte für die kleinste Kommune hinter dem Thüringer Wald wie für Konräteslust. Sie ermutigen. Sie feuern zum Nach-ahmen und Experimentieren an. Sie stellten also vor allem ihre Erfahrungen, zuweilen auch ihre Aktivisten und finanzielle Unterstützung aus Überschüssen zur Verfü-gung. Hilfe zur Selbsthilfe, sei hier der Wahlspruch. Nehme man beispielsweise 200 verfolgte, mittellose, aufstiegsbegierige afrikanische Emigranten in der Republik auf, sei weder ihnen noch dieser gedient. Man hole genau, wie Birgit gesagt habe, 200 Kohlen aus dem Feuer – und am nächsten Tag kämen 2.000 nach. Nein, man könne einigen von ihnen vielleicht einen Fingerzeig auf eine vergleichsweise billige Ex-DDR-Immobilie in Ilmenau oder Greiz geben und sie ermuntern, dort die nächste thüringische Kommune aufzumachen. Wie sich verstehe, stünden die Kommunen in Thüringen mitein-ander in Verbindung und Austausch.

„Wie man sieht!“ sagte Roger und zeigte mit dem Daumen auf Iris und sich selbst.

Dadurch kamen sie auf die Kommunesuche von Roger, dann auch Iris zurück. Die beiden erzählten davon. Iris hatte zunächst in Berlin auf einem Wagenplatz gelebt; dann hatte sie sich nach Stichtaöhr im Kreis Arnstadt durchgeschlagen. Die Melankolonie Stichtaöhr bestand ebenfalls aus Wagen, die sich allerdings um den ehemali-gen Bahnhof von Stichtaöhr gruppierten. In der kommune-eigenen Bahnhofskneipe hatte sie gegen Lohn gearbeitet. Dann verlangte es Iris aber nach einer konsequenten Gemeinsamen Ökonomie, weshalb sie ihre Fühler nach Waltershausen ausstreckte.

„Da saß dann er wie ein Ölgötze mitten auf dem Hof der Puppenfabrik, weil ihm eine Kommunardin gerade die Haare schnitt“, boxte sie ihren Geliebten in die Seite.

Lydia und Gerhard hatten den beiden jungen Leuten bereits ihr Gästezimmer zum Übernachten angeboten. Jetzt sah Birgit zur Uhr und schlug Achim den Aufbruch Richtung Rathaus vor, wo ihre Räder standen. Achim nickte: es war nach 11. Sie dankten Lydia und Gerhard und verabredeten sich mit den beiden anderen zum Frühstück in der Bornmühle. Birgit wollte ihnen dann die Altstadt und das Schloß zeigen, wo sie zum Mittagessen schon wieder eine andere Verabredung arrangiert hatte. Das kam Iris und Roger entgegen, denn sie hatten mittags ein „Arbeitsessen“ in der Puppenfabrik.

„Und – gefällt sie dir?“ wollte Achim wissen, während sie durch die stillen Straßen untergehakt zum Rathaus gingen. Er meinte natürlich seine Tochter.

Birgit winkte mit der Hand ihres eingehakten Armes Bedenken. „Verliebte unter 30 sind immer problematisch.“

„So, so ... Na, ich bin ja schon 44.“


34

Nach dem Frühstück in der Bornmühle verabschiedete sich Achim bereits von Iris und Roger. Dabei warf er einen 100-Euro-Schein „Benzingeld“ in Rogers Motorradhelm, was der Glücksritter mit weit aufgerissenen Augen zur Kenntnis nahm. Iris gab ihrem spendablem Vater wieder einen Kuß. Die beiden gingen mit Birgit in die Stadt. Achim wollte wenigstens drei Stunden Flöte spielen, denn ab mittags war der Tag restlos verplant. Birgit hatte geschworen, von ihren Zimmernachbarn schliefe keiner mehr, sodaß er ohne schlechtes Gewissen blasen könne. Sein Gewissen war auch völlig in Ordnung, aber die Konzentration ließ zu wünschen übrig. Er hatte Iris versichert, ab Dienstag könne sie ihn wieder in Berlin erreichen. Es gab ja in der Tat noch einige pragmatische Dinge zu besprechen, beispielsweise die Frage der Krankenversicherung. Nur stand die Sache so, er fand diese Aussicht eher schrecklich: ab Dienstag wieder in Berlin zu sein. Birgit hatte sich zu diesem Punkt in undurchsichtiges Schweigen gehüllt – im Beisein der jungen Leute vielleicht verständlich. Aber genau das fürchtete er fast noch mehr: das berüchtigte Beziehungs-klärungsgespräch, das schon so viele Kabarettisten ernährt hatte. Immerhin ließ dieser Gedanke den Dreigroschen-oper-Song von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens in ihm aufsteigen, den er auch sofort mit Begeisterung auf der Flöte blies. „Ja mach nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht. Und mach noch einen zweiten Plan: gehn tun sie beide nicht.“

Durch den Schmiß des winzigen Marsches kam er wieder auf den Geschmack an der Musik. Er verschob das Pläneschmieden. Als er gegen Eins in die Stadt aufbrach, griff er mit beschwingten Schritten aus. Der Widerstand der Welt wog nicht schwerer als Luft. Er freute sich auf Birgit. Auf einem vom Nessewasser umspülten Stein wog sich die mühleneigene Wasseramsel und überschlug, wieviel Kalorien ihr ein Kopfsprung in die kalten Fluten einbringen würde. Auf das Mittagessen freute er sich ebenfalls. Im übrigen war er neugierig auf jenen „Bom-mel“, mit dem Birgit ihn bekannt machen wollte. Er lebte im Altenheim und hatte irgendeine Band gegründet. „Draußen“ war er zuletzt Hündchen gewesen, deshalb kannte ihn Birgit recht gut. Seinen Spitznamen wurde er selbst als Träger des rotschwarz schräggestreiften Stirnbandes nicht los. Zur Schloßbesetzung im Frühjahr 1990 war er mit einer Bommelmütze erschienen, die ihm auch gleich als Schlafmütze diente, da ein scharfer Aprilwind ums ungeheizte Gemäuer pfiff. Ihn zu wecken, war leicht gemacht: man brauchte nur an der Bommel zupfen. Die Vorstellung, wie ihm die Bommel dann in die heiße Fleischbrühe hing, ließ Achim in ein albernes Gelächter ausbrechen, das eher seiner Tochter angestan-den hätte. Er hatte bereits die ersten Häuser und das Depot Ost erreicht. Vor dem Laden fegte ein älterer Republikaner mit Hingabe den Bürgersteig. Jetzt unter-brach er sich aber, weil er Achims Gelächter vernommen hatte und ihn prompt zu bestärken trachtete, indem er seinen Besen wie den Stab eines Tambourmajors bewegte. Er konnte kaum wissen, daß er einen Musiker vor sich hatte, denn der Flötenkasten klemmte halb verdeckt unter Achims Arm. Oder sollte er das Konzert in der Ziegelei besucht haben? So oder so: Achim dankte ihm mit einer Handbewegung.

Birgit hatte ihm bereits bei ihrem Spaziergang im Schloßgarten vom Libertären Altenheim Erwin Chargaff erzählt. Es bildete neben dem Hotel Hexensabbat und der im Schloßgarten gelegenen kleinen Orangerie die GO Schloß. Das Altenheim beherbergte ungefähr 60 Personen. In der Orangerie wohnten noch einmal 20 Leute, die überwiegend im Altenheim oder im Hotel beschäftigt waren. Sie bildeten eine Kommune für sich. Von dem jüngsten Modetrend des „generationsübergreifenden“ Zusammenwohnens hielt man in Konräteslust nicht viel, soweit es jedenfalls die Alten betraf. Die Jüngeren und die Alten hatten doch recht unterschiedliche Bedürfnisse und Alltagsgestaltungen, die man nicht unter einen Hut oder in eine Bommelmütze zwingen wollte. Bei vielen Chargaff-Alten ging das bis zum ausdrücklichen Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Mehr noch, sie hätten ein Anrecht darauf, einsam, verschroben oder aufsässig zu sein. In der Tat stand es so im Statut des Altenheims. Hilfe bei der Alltagsbewältigung wurde ihnen nur gewährt, wenn es unabdingbar war. Viele machten beispielsweise ihr Zimmer oder die gemeinsame Flurküche eigenhändig sauber. Sie gingen ins Depot, solange sie gehen konnten. Sie beteiligten sich auch rege an den üblichen Organen und Wegen der Selbstverwaltung ihrer GO. Ließ das ihr Gesundheitszustand nicht mehr zu, wurden sie dabei von sogenannten Paten vertreten. Der Pate vertrat dann auch ihre Rechte und Anliegen. Er fungierte als der „Vormund“ oder „Betreuer“, den das restliche Deutschland kannte. Über die Patenschaft entschied ein dreiköpfiges Team, das von den beiden Stadträten für Gesundheit und Verkehrs-formen gemeinsam eingesetzt wurde. In krassen Fällen zogen Team oder Pate die Hündchen bei. Birgit hatte einmal mit einem tobsüchtigem Alten zu tun gehabt, der sein Radio in den Schloßgraben gefeuert und dann verkündet hatte, mit jedem, der sein Zimmer zu betreten wage, werde er nicht anders verfahren.

Achim betrat das Schloß von der Gartenseite her. Er stand in dem wuchtigen Treppenhaus, das er bereits kannte. Eine Tür zur Rechten führte in den Speisesaal des Altenheims. Er sah Birgit gleich mit Bommel – wie zu vermuten war – an einem kleinen Tisch in Fensternähe sitzen. Durch eine große geöffnete Falttür konnte man in den Speisesaal des Hotels blicken, der gleichfalls gut besetzt war. Die Falttür stellte allerdings keine unüber-schreitbare Tabugrenze dar. Die Leute aus der Orangerie oder Gäste aus anderen GOs nahmen Platz, wo es ihnen beliebte oder wo gerade Tische frei waren. Dagegen hielten sich die Alten meistens an den Gartensaal. Achim sah einige Rollstühle. Jemand bekam von einem jungen Mann das Fleisch geschnitten. Eine weißhaarige Frau mit einem Palästinenser-Schultertuch las beim Essen in einem dicken Buch, das sie auf die Salz&Pfeffer-Streuer gebockt hatte. Achim linste im Vorübergehen unter den überstehenden Buchrücken, indem er tat, als müsse er einen peinlichen Flecken von seinem Hosenbein wischen.

Diese Aktion war Birgit nicht entgangen. Nachdem ihr Achim durchs schwarze Haar gefahren war, erkundigte sie sich mit einem Nicken: „Was liest denn Rosa?“

„Die Erinnerungen eines Revolutionärs von Victor Serge.“

„Bravo! Und er heißt Achim, lieber Bommel.“

Bommel tippte sich grüßend an die Schläfe, über der allerdings keine Mütze saß. Er hatte noch ziemlich dichtes graues Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Sie holten sich am Küchenschalter ihr Essen. Dabei zeigte sich, daß Bommel eine Bohnenstange war, die Achim lässig überragte. Er hielt sich allerdings leicht gekrümmt, wie so viele lange Menschen. Mit seinem Alter – 73 – hatte das kaum zu tun. Er bewegte sich geruhsam, aber sicher. Als sie wieder am Tisch saßen, fiel Achim sein eckiges Gesicht auf, in dem die hellblauen Augen wie Tischfußbälle hin und her sprangen. Das zerstreute die Befürchtung des Beobachters, Bommel könne im nächsten Moment einschlafen.

Für die Nichtvegetarier gab es krustigen Braten mit Nudeln und einem Broccoligemüse, das nicht bis zur Unkenntlichkeit zerkocht worden war. Achim aß mit Genuß. Auch den anderen schien es zu schmecken. Jetzt verzog Bommel allerdings sein Gesicht und deutete mit der Gabel auf Birgit:

„Sie hat mir schon von Phil erzählt. Du wohnst ja bei ihm. So ein Schweinepech! Aber das muß ich sagen, er neigte schon immer zum Aufbrausen. Habe ich recht, Birgit? Na also. Jetzt liegt er da in seinem Klinikbett und muß darauf horchen, wie sein Blut durch die Zwergtunnel braust, die sie ihm verpaßt haben. Wie hast du gesagt? Stands heißen die Dinger? Aha, stents mit e und t. Das macht die Zwergtunnel auch nicht gemütlicher.“

Er meinte die beiden winzigen Röhrchen, die sie Phil durch die Arterie in die Herzkranzgefäße eingeführt und an den Stellen plaziert hatten, wo zuvor die Verschlüsse gedroht hatten. Phil hatte ihnen den Tunneleingang gezeigt: in der Leistengegend. Dort hatten sie ihm den Katheder gesetzt, mit dem sie ihre Röhrchen vor Ort brachten. Es war ohne Vollnarkose geschehen, doch Phil meinte, schmerzlos.

Achim erkundigte sich nach den „alten Zeiten“ der Schloßbesetzung und der Republikgründung. Bommels hurtige Augen blinkten; er kramte die Anekdoten hervor. Da gab es auch für Birgit einiges zu lachen. Nachdem sich Achim einen Nachschlag geholt hatte, kam Bommel auf die Musik zu sprechen. Birgit trank noch einen Kaffee und ließ die beiden dann allein. Sie wollte sich in der Bornmühle auf das Republikplenum vorbereiten.

Bommel hatte schon immer „Klampfe“ gespielt, wie er sich ausdrückte. 2007 lernte er bei einer Session im Haus der Nessedepesche den neuen Republikaner Michael Stein kennen. Er brachte Bommel das „richtige“ Gitarrenspiel bei. Stein selber spielte lieber Kontrabaß oder Saxophon; er war ein „Multitalent“, wie Bommel meinte. Er sei wie Achim aus Berlin gekommen, wo er anfänglich, im Westteil der Stadt, bei Pille Palle und die Ötterpötter, dann bei Trotz & Träume spielte. Vielleicht habe Achim schon einmal von ihm gehört? Also nicht. Später habe Michael auf Berlins Lesebühnen für Wirbel gesorgt. Er schreibe die meisten Songtexte der neuen Band. Den Rest liefere Heinz Jäckel, ein Schriftsteller, der auch regelmäßig für die Nessedepesche schreibe. Michael sei von Hause aus Drucker und in Konräteslust wieder auf diesen Beruf zurückgekommen. Doch er habe nicht Farbe, vielmehr Musik im Blut. Achim werde es ja sehen.

Das „Studio“ der neuen Band lag im Dachgeschoß des Schlosses. Bommel nahm die Treppen ohne sichtliche Mühe. Als sie sich dem Turmsaal näherten, waren bereits Instrumente zu hören. Dann betraten sie einen hohen Speicherraum, in dem Licht brannte, weil die kleinen verglasten Dachluken nicht viel Helligkeit spendeten. Raumbeherrschend war ein Kontrabaß.

„Olala!“ rieb sich Bommel die Hände. „Schon alles an Bord?!“

Bevor er Achim vorstellen konnte, faßte dieser das dürre Mädchen an den Handtrommeln ins Auge und sagte verdutzt: „Du hier?“

Schicke schicke Schweine!“ krähte sie übermütig und setzte ihre Hände auf den Bongos in den Achim noch vertrauten langsamen Marsch. Es war Peggy aus der BG Prokofiev. Der mittelgroße Mann am Kontrabaß fiel augenblicklich ein.

„Das ist Michael“, erklärte Bommel überflüssigerweise, während er nach seiner akustischen Gitarre griff.

Der Bassist trug sein braunes, krauses Haar zurückge-kämmt. Er nickte Achim verhalten zu, wobei ein leises, etwas spöttisches Lächeln um seine schön geschwungenen Lippen spielte. Der wuchtige Kontrabaß schien eher ihn zu halten. Achim schätzte Stein auf Mitte 50. Dessen Baßläufe fuhren ihm in die Beine. Während Achim seinen Flöten-kasten öffnete, kam die fünfte Person im Raum auf ihn zu und reichte ihm ihre Hand. Es war eine Frau um 30 mit rötlich schimmerndem Schopf. Sie hatte an einem Keyboard gesessen.

„Ich bin Lola“, sagte sie lächelnd.

„Achim Dömmersbach.“ Er setzte seine Flöte zusammen. „Du spielst Keyboard?“

„Schön wärs! Ich spiele es sozusagen unter aller Sau. Wir suchen noch jemanden für die Tasten. Ich bin die Sängerin.“

Sie nahm ein Mikrofon vom Ständer, regelte es am Verstärker und legte auch schon los. Sie sang tatsächlich Glukozas russischen Text – aber wieviel besser! Sie hatte eine wunderbar volle, dunkle, etwas rauhe Stimme.

„Sie hat etwas Roma-Blut in den Adern“, flüsterte ihm Bommel ins Ohr, während er seine Gitarrensaiten ohne Plektrum anschlug. „Das hört man, nicht wahr?“

Achim nickte und wartete auf einen Instrumentalteil. Michaels Baß trug die Musik, als pflüge Schloß Konrads-lust durch den Atlantik. Aber auch Peggys virtuose Perkussion hätte er niemals von einer 17jährigen erwartet. Außer dem stummen Keybord war kein Instrument an den Verstärker angeschlossen. Der Pegel des Gesangsmikro-fons war gerade hoch genug, um Lolas Stimme nicht untergehen zu lassen. Jetzt ließ sie ihr Mikrofon sinken und nickte ihm auffordernd zu. Er setzte seine Flöte an die Lippen.


35

Sie spielten durch bis 18 Uhr. Achim wurde mit etlichen eigenen Stücken der Band bekannt gemacht, die ihm überwiegend zusagten. Die Änderungen, die er vorschlug, wurden begrüßt. Hin und wieder setzte er sich ans Keyboard. Er versuchte sich auch an einem Bläserduett mit Michael, der zu diesem Zwecke nach seinem Saxophon griff. Bei Jäckels Song über die Anfänge der Republik mußte Michael natürlich wieder an den Baß, denn sie hatten einen Rock'n'Roll daraus gemacht. Reitmeiers gleichnamiges Zwerglied die erstuermung von schloss konradslust (mp3, 931 KB) gibt lediglich die erste Strophe und den Refrain wieder.

Sie hatten sich während der Session darauf geeinigt, in der Küche von Bommels Flur gemeinsam zu Abend zu essen und dann auch geschlossen zum Plenum in der Stadtkirche zu gehen. Die „Flurküche“ war in Wahrheit ein kleiner nischenförmiger Saal, dem die innere Längswand fehlte. Ein paar Tische waren besetzt. Die Fenster gingen auf den erleuchteten Innenhof des Schlosses. Man sah zur Linken den Mittelrisaliten mit Treppenhaus und Glockenturm; gegenüber den Südflügel mit den Hotelzimmern. Während Bommel und Michael auftrugen, erfuhr Achim von Lola, das Hotel habe sowohl Einzelzimmer als auch Schlafsäle, im Ganzen über 100 Betten. Die frühere Kapelle, die ja über zwei Stockwerke ging, sei in ein kleines „intimes“ Theater verwandelt worden. Dort habe sie schon einmal mit Lydia einen Liederabend gegeben, ein kühnes Gemisch aus Gabriel Faurè, Hanns Eisler und Georg Kreisler.

„Kommt Lydia nicht für euch in Frage? Sie spielt viel besser als ich Klavier.“

„Leider nein – sie will nicht. Überlastet!“

„Sie hat ja auch noch den Chor“, warf Peggy ein.

Michael brachte dampfenden Tee, nahm als letzter Platz und forderte auf zuzugreifen. Das Hotel vor Augen, mußte Achim an seinen Ankunftstag denken. Im Hotel hatte er ja „absteigen“ wollen – die blonde Maria, Chefin vom Dienst und Stadträtin für Gesundheit, hatte es ihm verwehrt, dafür aber Phil zu seinem Einlader gemacht. Da hatte er schon die flüchtige Begegnung mit Birgit in der Stadtkirche hinter sich. Morgen 10 Uhr war sie zuende: da ging sein Zug nach Bufleben/Berlin. Genauso gut hätte wahrschein-lich die rötliche Lola in die Stadtkirche tauchen können, um einmal zu gucken, welcher Pan da die Flöte spielte. Hätte er sich auch in Lola verliebt?

Es wäre keine schlechte Wahl gewesen. Sie war ein bißchen fülliger als Birgit, aber auch warmherziger, wie er mutmaßte. Sehr hübsches Katzengesicht! Im Grunde war die menschliche Neigung zur festen Paarbildung ein armseliger Schwachsinn. Sie war auch unsozial. Einen geliebten Menschen aus tausend potentiellen Geliebten herauszuheben, ihn in den siebten Himmel zu heben – was war daran gerecht? War er etwa wichtiger oder besser als die anderen 999? Nein, er war liebenswerter oder liebenswürdiger als sie, pflegten sie darauf abwiegelnd zu erwidern. Unfug! Fand er Birgit liebenswert, fand ein anderer Lola liebenswert. Wer gerade wen, lag an tausend Zufällen. Es verhielt sich nicht anders wie bei den Schicksalsschlägen der verheerenden Art; Jonny hatte das damals Birgit auseinandergesetzt. Sie konnten jeden treffen – und sie schmerzten jeden gleich. Aber in der Liebe verherrlichten sie die Pfeile, die Amor angeblich gezielt abschoß. In Liebe entbrennen zu dürfen, feierten sie als Gnadenerweis, der ihnen ganz persönlich gewährt wurde. Traf Amor den einen oder anderen nicht, hatte der Betreffende Pech gehabt. Niemand regte sich darüber auf. Was war daran gerecht? Entweder alle oder keiner, so müßte es eigentlich laufen. Dann würden mehr Leute begreifen, wie hart die Idee der Gerechtigkeit war. Sie war so hart wie der Tod.

Michael und Bommel unterhielten sich inzwischen über Aufnahmetechnik. Genauer beklagten sie sich über einen betrüblichen Mangel an den erforderlichen Geräten. Sie hätten gern eine CD von der Band gebrannt, verfügten aber noch nicht einmal über ein Mischpult. Sie überlegten, wo es zu leihen wäre, sprachen auch über Neupreise. Achim sagte sich, es würde ihn bestimmt nicht ruinieren, wenn er, nach Berlin zurückgekehrt, der Republikbank zwei- oder dreitausend Euro überwiese: zweckgebunden für die „Rentnerband“. Das war der behelfsmäßige Name der Band. Bommel hatte ihm gesagt, sie hätten bislang noch keinen zündenden Namen gefunden. Achim wandte sich an die beiden Frauen, die alles andere als Rentnerinnen waren:

„Wenn ihr Geld für Aufnahmetechnik braucht – warum beantragt ihr es nicht einfach? Birgit versicherte mir, die Republik sei keineswegs pleite.“

Peggy wand sich verlegen und lächelte auch so: „Wir trauen uns nicht. Wir sind noch zu schlecht.“

Wo müßtet ihr das eigentlich tun? Das Geld beantragen? Welche GO wäre da zuständig? Ihr lebt ja nicht alle in der GO Schloß.“

„Naja“, sagte Lola, „es gibt ja auch andere übergreifende Projekte. Die Bildungsgruppen etwa. In solchen Fällen wird der Wunsch an den zuständigen Stadtrat gereicht. Der hängt ihn unter seinen Mitarbeitern aus. Das kann alles per Email laufen. Zweck der Übung ist ja in jedem Falle lediglich, daß dein Wunsch nicht nur dir selber bekannt ist. Erhebt binnen zweier Wochen niemand Einspruch, kannst du dir das Geld auf der Bank holen.“

„Tatsächlich? Ohne Berechtigungsschein?“

„Tatsächlich. Ohne Schein. Aber du kannst das Geld auch an die Firma überweisen lassen, bei der du deine Querflöte oder dein Mischpult bestellt hast.“

„3.000 Euro?“

„Zum Beispiel.“

„30.000 auch?“

Die Frauen amüsierten sich über Achims Verbohrtheit. Peggy sagte: „Da werden die auf der Bank schon mal fragen, wofür das ist und mit wem das abgesprochen worden ist. Aber wer braucht hier 30.000 Euro? Eine Baustelle zum Beispiel wird doch gleich von der Bank selber abgewickelt, da brauchst du nicht die Bank zu knacken wie im Krimi.“

Achim verstülpte anerkennend die Lippen. Als er 17 war, hätte er durchaus gewußt, wozu 30.000 Euro zu gebrau-chen wären. Wahrscheinlich hätte er sie für eine Reise in die USA aus dem Fenster geworfen, wo damals seine Gluzokas lebten. Heute war das überflüssig, selbst für Afghanen. Denn die Yankees kamen ja überall zu einem.

Bommel deutete auf die Wanduhr: „Was meint ihr – sollen wir schon mal aufbrechen? Sonst kriegen wir nur noch schlechte Plätze.“

Der Vorschlag wurde befolgt.


36

Achim hatte sich vormittags immerhin die Tagesordnung des Oktoberplenums im Intranet angesehen. Sie wurde stets 48 Stunden vorher geschlossen. Jeder konnte etwas auf sie setzen. Aber selbstverständlich pflegten die Repu-blikanerInnen gut zu erwägen, ob ihr Punkt angemessen und wichtig genug für das Monatsplenum war. Schließlich genossen die GOs eine weitgehende Entscheidungsfreiheit; fast alles konnte dort geklärt werden. Wieder anderes, das alle betraf, konnte vielleicht schon im Vorfeld des Repu-blikplenums geklärt werden. Sodann war stets zu fragen, ob ein Thema ausreichend genug vorbereitet war. Der Löwenanteil der anliegenden Entscheidungen war vorher durch Arbeitsgruppen gegangen. Spontane Initiativen auf den Plena waren nicht unbedingt verpönt, aber niemand hatte ein Interesse daran, die Plena zu Meinungstausch-börsen herabzuwürdigen, die frühstens um Mitternacht schlossen. Das galt für alle Ebenen. Sie sollten bündeln. Die jeweilige Plenumsleitung behielt sich deshalb vor, bestimmte Tagesordnungspunkte, die sie für unausge-goren oder unerheblich erachtete, zurückzuweisen. Einmal hatte sie sich dadurch Unmut zugezogen. Eine ganze Gruppe von rund 30 Leuten hatte auf dem Plenum darauf bestanden, den Punkt wieder auf die Liste zu setzen. Es wäre fast zu einer Palastrevolte gekommen. Aber damals galt schon die 80-Prozent-Regelung – und 80 Prozent Zustimmung hatte die Gruppe nicht bekommen.

Die Plenumsleitung konnte überdies jederzeit abgewählt werden – mit mindestens 80 Prozent. Sie bestand stets aus zwei Vertretern des Stadtrats und einem Vertreter der GOs. Ihre Besetzung durfte sich beim folgenden Plenum nicht wiederholen. Der GO-Vertreter wurde ohnehin auf dem Plenum der GO bestimmt, die laut Alphabet an der Reihe war, ihn zu stellen. Er hatte stets die Federführung. Oft war er übrigens eine Frau.

Unsere MusikerInnen ergatterten Plätze im Seitenrang der hufeisenförmigen Tribünen in Höhe der nahen Kanzel. Stein gesellte sich allerdings bald zu einem Kumpel aus der Druckerei. Die elektronische Anzeigetafel über der Kanzel war nicht in Betrieb. Die Scanner zum Einlesen bei Abstimmungen standen zumeist an den Durchgängen der Arena. Die Kanzel klebte zur Rechten neben der berühm-ten und gewaltigen Orgel eines barocken Baumeisters namens Trost an der Wand. Trosts Orgel schien selbst den unter ihr gelegenen Sandsteinaltar zu bedrohen. Dieser war von Hündchen Bart vorübergehend ins Podium der dreiköpfigen Plenumsleitung verwandelt worden. Das Achim schon bekannte schwarzrot schräggestreifte Altartuch hing deshalb an der Brüstung des Podiums. Gottes Altar trug statt einer Dornenkrone das Stirnband der Freien Republik. Blumenschmuck zeigte er nicht, aber merkwürdigerweise war in dem leeren Raum zwischen Podium und den ersten Rängen ein weißgetünchter Sockel zu sehen, auf dem eine Geranie stand. Sie hatte nur eine rote Blüte. Mikrofone waren nirgends zu entdecken. Als er Bommel darauf ansprach, meinte dieser mit etwas gequälter Miene, es helfe ja alles nichts, Mikrofone und Verstärkertürme seien Waffen, zu denen nur „gewalt-bereite“ Menschen griffen. Ob der Sportconfroncier auf dem Gothaer Hauptmarkt bei der Thüringen Rundfahrt der RadsportlerInnen ins Mikrofon brülle oder Glukoza vor 10.000 verzückten Jugendlichen in dasselbe lispele, mache keinen Unterschied. Peggy warf ihm einen wütenden Blick zu.

„Dann waren John Lennon oder Rio Reiser ebenfalls Gewalttäter?“

„Waren sie“, nickte Bommel zerknirscht.

Lola grinste. „Machthaber trifft es noch besser. Die Macht kommt aus Gewehrläufen, Verstärkerkabeln und Pißtürmen.“

Jetzt war es an Peggy, sich zu bekringeln. Achim schmunzelte nur.

Es war gleich acht. Die Ränge waren fast lückenlos gefüllt. Lola bestätigte, die Arena fasse ungefähr 1.800 Leute. Die Kinder der Republik, einige BetreuerInnen, Alte, Kranke, Verreiste nebst einigen „Schwänzern“ seien natürlich ferngeblieben. Wer die mehr oder weniger entvölkerten Häuser unterdessen vor möglichen Übergriffen oder Katastrophen schütze, fragte Achim nicht. Er kam nicht auf diese Frage, weil er in Berlin unwillkürlich auf rund 20.000 Polizisten zu vertrauen pflegte.

Die Anwesenden unterhielten sich, blätterten in Papieren, gestatteten sich auch Zurufe. Einer davon galt Achim selber: es war Hämmerchen. Achim grüßte mit der Hand erfreut zurück. Dann sah er sich endlich nach Birgit um. Er erblickte sie in der Krümmung des Hufeisens, wo sie unmittelbar an einer der Fensterspalte saß, die als Ein- und Ausgänge dienten. Als sich ihre Blicke trafen, stand sie tatsächlich auf und warf ihm eine Kußhand zu! Dabei nahm er allerdings mit Befremden wahr, daß sie ihre Dienstpistole am Gürtel trug. Hoffentlich ballert sie bei lautstarken Mißfallensbekundungen nicht auf die Orgel-pfeifen, dachte er, es wäre schade um sie.

Prompt regte sich etwas an der Orgel. Lydia erschien! Es war vier Minuten vor acht. Sie schob sich auf die Orgel-bank und legte sofort los. Achim traute seinen Ohren nicht. Sie hatte den Fröhlichen Marsch des Franzosen Chabrier für Orgel bearbeitet! Das spätromantische, kurze Stück für Orchester war ohnehin selten witzig und spritzig, aber durch Lydias Bearbeitung wirkte es geradezu umwerfend schräg. Es kam hinzu, daß sie zwangsläufig auch die Tasten für Finger und Füße und die zahlreichen Register „bear-beiten“ mußte – sie fuhrwerkte an der Orgel herum, als heiße sie Rumpelstilzchen und tanze auf glühenden Kohlen. Peggy lag bereits auf Lolas Knien und bebte vor unterdrücktem Lachen. Den meisten anderen im Plenar-saal schien es ähnlich zu ergehen. Jeder zweite Kopf hatte das Schütteln. Punkt acht verstummte die Orgel so jäh, wie sie eingesetzt hatte. Jetzt hörte man auch das Lachen. Erstaunlicherweise brandeten aber weder Beifall noch Hurrarufe auf. Stattdessen lief das Achim nun schon bekannte Fingerschnalzen durch die Ränge – allerdings in ungleich höherem Tempo als etwa in der Ziegelei. Es erinnerte Achim jetzt an Gänseschnattern. Nach etwa einer Minute erstarb es.

Lydia hatte sich unterdessen reglos auf die Einfassung ihrer Tastatur gestützt. Jetzt wandte sie sich um, dankte lächelnd mit einer Handbewegung und nahm seitlich der Orgel Platz, wo ihr Mann Gerhard beiseite rückte. Demnach mußten sie jemand zum Kinderhüten haben.

Inzwischen hatte auch die Plenumsleitung ihre Fassung wiedergefunden. Eine Frau um 40, deren dunkler Pony allerdings noch zitterte, fuhr einmal mit der Hand durch die Arena und sagte:

„Ich denke, wir sind beschlußfähig.“

Sie wartete einen Augenblick. Ihr Satz war gut zu ver-stehen gewesen; die Akustik mußte hervorragend sein, wie sich Achim schon vor 10 Tagen gesagt hatte. In den Rän-gen erhoben sich keine Zweifel an der Beschlußfähigkeit.

„Das Oktoberplenum ist eröffnet.“

Sie deutete mit dem Daumen hinter sich, wo sich die Orgel erhob: „Ihr wißt, es geht nicht überall auf der Welt so lustig zu. Das Oktoberplenum ist den Opfern des von einem deutschen Oberst befehligten Massakers in Kundus gewidmet, das von unserem neuen Kriegsminister Gutten-berg unerschütterlich als angemessen bezeichnet wird. Nach verschiedenen Schätzungen sind dabei wahrschein-lich über 100 afghanische Zivilisten größtenteils umge-kommen, sonst durch Verbrennungen schwer verletzt worden, darunter etliche Kinder. An sie alle denken wir.“

Langsames Fingerschnalzen. Achim war berührt. Lola erklärte ihm flüsternd, die Widmung des Plenums sei eine feste Einrichtung.

Die Ponyfrau deutete nacheinander auf ihre beiden MitstreiterInnen auf dem Podium: „Moritz, Stadtrat für Auswärtiges, führt das Protokoll – Maria, Stadträtin für Gesundheit, wird uns gleich den Rundschlag des Monats verabreichen. Ich selber bin Ruth aus der GO Waisen-hausplatz. Die Tagesordnung ist wie immer bekannt. Wir haben 2:1 gewettet, daß wir nicht mehr als 70 Minuten brauchen – wir werden es erleben.“

Während die blonde, ihm nicht unbekannte Maria auf die Kanzel stieg, musterte Achim den etwa 60jährigen Stadtrat für Auswärtiges, dessen üppiger Vollbart noch kräftig braun war. Dafür trug er auf dem Schädel Glatze. Er fragte Lola flüsternd, ob Vollbärte in diplomatischer Hinsicht förderlich wirkten.

„Ach so – bei Moritz? Na, bei ihm weniger, er vertritt ja kein imperialistisches Land. Sonst hätte ich vermutet, sie verstecken ihre Reißzähne in ihren Bärten.“

Das ausgerechnet von ihr! Katzengesicht.

Maria hatte ihr Blatt Papier auf den Kanzeltisch gelegt. Sie sah auf und begann ohne Einleitung.

„Kaum haben die Banker dieses Planeten Herrn Obamas und Frau Merkels milliardenschwere Carepakete verspeist, furzen sie aus allen Därmen, damit es ihm – dem Planeten – auch 2010 nicht an Finanzblasen fehle. Unsere Ober-fürsorgerInnen flankieren das, indem sie eifrig die unge-fähr 200 Kriegsherde der Welt schüren, die ja auch wieder viel Geld in die Luft blasen; die Toten, Verkrüppelten und Verwaisten sind Kollateralschäden. Mit diesem ganzen Geld, liebe rund 30 Gäste dieses Plenums, könntet ihr in die Welt hinausgehen, um 300 Freie Republiken zu gründen, die vielleicht ein wenig von unseren Erfahrungen in Konräteslust zehren. Aber was empfiehlt uns Genosse Egon Krenz, der letzte sogenannte Ministerpräsident der DDR, auf deren ehemaligen Territorium wir hier siedeln? Anläßlich des bevorstehenden 20. Jahrestages der sogenannten Friedlichen Revolution hat er sich gerade in einer Rede gegen den ekelhaften Schlamm der Verun-glimpfung der DDR verwahrt, der sich schon jetzt aus allen Medien über Gesamtdeutschland ergieße. Recht hat er! Aber zur Erklärung des Scheiterns der DDR führt er vordringlich Lenins alte Leier an, wer den Kapitalismus besiegen wolle, müsse das Niveau der Arbeitsproduktivität steigern. Sie sei im ganzen Ostblock zu mager gewesen. Damit habe es auch an der ökonomischen Potenz gefehlt, das von den USA aufgezwungene Wettrüsten zu verkraften. Das anders gearbeitet, gewirtschaftet und gelebt werden müßte, kommt Erfolgsanbeter Krenz – das Wort münzte Landauer auf alle Marxisten – nicht in den vielfotografierten Kopf. Und so erläßt er sich denn auch die Kritik an der ostdeutschen Partei- und Staatsverliebtheit, ja an dem ganzen autoritären Zug des Regimes. Die DDR ist an dem Tatbestand gescheitert, leider niemals eine verlockende Alternative gewesen zu sein. Diese lautet: Direkte Demokratie, Dezentralisierung, niemand hat ein Gewaltmonopol, Abschaffung der Lohnarbeit und der Warenform überhaupt, statt Tausch Verteilung, Ächtung aller Buchstabengläubigkeit. Die Alternative heißt nicht Kuba, sondern Konräteslust. Ich habe gesprochen.“

Fingerschnalzen. Viele Mienen zeigten sich erheitert. Maria zwinkerte Achim zu, den sie offensichtlich wiedererkannt hatte, und verließ die Kanzel, um wieder auf dem Podium Platz zu nehmen. Lola erklärte ihm, der Rundschlag werde stets von der Plenumsleitung verfaßt. Er müsse über den Tellerrand der Republik blicken, dürfe aber nie länger als 2.000 Zeichen sein. Er stehe dann traditionell auf Seite 2 der Nessedepesche.

Ruth ging zum nächsten Punkt über. „Wir können euch erfreulicherweise versichern, daß wir im Gegensatz zu beispielsweise Island, Griechenland und selbst den USA nicht vor dem Staatsbankrott stehen. Im Gegenteil, durch die unverhoffte satte Erbschaft eines Republikaners sind wir Mitte September schlagartig um rund 120.000 Euro reicher geworden.“

Die Arena gestattete sich ein Raunen.

„Damit sind wir beim Amphitheater“, fuhr Ruth fort. „Wie ihr wißt, wurde dessen Bau im Schloßgarten vor rund einem Jahr grundsätzlich beschlossen – unter dem Vor-behalt, unsere Finanzlage bessere sich. Diese Besserung sieht der Stadtrat nun als gegeben an. Er hält es auch für überflüssig, die Angelegenheit noch einmal von einer Arbeitsgruppe erörtern zu lassen. Die Baupläne und Kostenvoranschläge sind bekannt; sie stehen im Intranet. Unser Vorschlag also: Der Finanztitel für das Bauvorhaben wird eröffnet, und im Frühjahr krempeln wir die Ärmel auf. Wie sich versteht, wird die Baustadträtin die Arbeiten vorbereiten. Gibt es Bedenken?“

Birgit hatte ihm bereits bei ihrem Spaziergang durch den Schloßgarten von dem Bauvorhaben erzählt. Die neue Arena sollte rund 3.500 Leute fassen. Sie bekam sogar ausrollbare Dachplanen für Regenfälle. Im Sommer hielten sich oft Hunderte von BesucherInnen gleichzeitig in Konräteslust auf; dann war die Stadtkirche für Plena oder Aufführungen viel zu eng.

Eine ältere Frau, die mit ihrem Haarknoten wie eine Bäuerin wirkte, hatte sich gemeldet.

„Ja, bitte, Magda.“

Offenbar war sie republikweit bekannt. Einige Leute sahen sich vielsagend an. Magda stand auf und erkundigte sich:

„Geht's dann auch den Bäumen an den Kragen?“

„Tja“, erwiderte Ruth geduldig, „das ist unvermeidlich. Es wurde beschlossen. Es werden ja neue gepflanzt.“

Magdas Entgegnung klang vorwurfsvoll. „Aber die alten sind doch schon wieder ein Jahr gewachsen! Da gilt doch der Beschluß gar nicht mehr!“

Erheiterung. Jemand platzte sogar mit Gelächter heraus – es war Jonny, der gar nicht weit von Magda inmitten des Volkes saß. Er hielt sich schuldbewußt die Hand vor den Mund, während er sich mit der anderen Hand meldete. Ruth nickte.

„Ich bitte um Entschuldigung, Magda. Ich mußte nicht über deine Sorge um die Bäume, vielmehr über deine umwerfende Logik lachen. Eine begnadete Gärtnerin bist du bereits; vielleicht solltest du jetzt auf Rechtsanwältin umsatteln ... Zur Buße verspreche ich hiermit öffentlich, dir beim Pflanzen der neuen Bäume zur Hand zu gehen. Abgemacht?“

Magda hatte verhärmte Züge, doch jetzt erglänzten sie fast wie das Gesicht eines Mädchens, dem man Schmeichel-haftes gesagt hatte. Sie nickte und nahm wieder Platz. Viele Leute schmunzelten.

„Es ist eine Einheimische“, flüsterte Lola in Achims Ohr. „Sie war in der Saatgutzuchtstation beschäftigt – aber nie Parteimitglied. Sie heißt zufällig wie die Hauptfigur eines Romans von dem vorzüglichen DDR-Autor Armin Müller: Der Magdalenenbaum. Dem könnte sie glatt entsprungen sein. Müller lebte in Weimar. Ist schon tot.“

Ruth setzte wieder eine ernste Miene auf. „Wenn ich richtig sehe, ist der Vorschlag zum Amphitheater angenommen?“

Fingerschnalzen.

„Prima. Dann können wir zu den Drei Einblicken kommen. Anschließend stehen noch weitere vier Entscheidungen sowie die Reklamation in Sachen Hunde an. Für die Einblicke haben wir die Eisenbahn, die BG Ite-ska-wih und unsere Polsterei Wolkenbank ausgewählt. Bitte Annemarie auf die Kanzel!“

Lola erklärte ihm rasch die Einblicke. Sie wurden auf jedem Monatsplenum gegeben. Es handelte sich um kurze Berichte aus Projekten oberhalb der GO-Ebene. Die GOs wurden nie vorgestellt, weil sie ohnehin jährliche Rechenschaftsberichte abzugeben hatten, die dann ins Intranet gestellt und auch gedruckt wurden. Die Betriebe oder Bildungsgruppen etwa übergriffen ja die GOs. Im September war unter anderem die Kläranlage vorgestellt worden, erinnerte sich Lola noch. Die Einblicke sollten das Auge für Einrichtungen der Republik schärfen, die viele RepublikanerInnen oft nur von außen oder vom Hören-sagen kannten. Auf der anderen Seite hatten sie aber auch Kontrollfunktion; man wollte ja sichergehen, daß überall sinnvoll gewirkt wurde. Deshalb riefen sie fast immer Fragen oder Hinweise aus der Arena hervor. Allerdings waren diese Erörterungen auf 5 Minuten begrenzt.

Inzwischen stand Annemarie auf der Kanzel. Es war die Zugschaffnerin mit dem braunen Schopf, die vor 10 Tagen Achims Fahrkarte kontrolliert hatte. Auf der Kanzel trug sie allerdings das Stirnband nicht. Aus ihrem Bericht über die Lage „auf Strecke“ ging hervor, daß die Eisenbahner-Innen derzeit zu neunt waren, MechanikerInnen eingeschlossen. Phils Bahnhofscafe gehörte nicht zu dem Verkehrsbetrieb. Weiter sprach die Deligierte von Ärger mit der Deutschen Bundesbahn. Da sich Achim auch fesselndere Berichte hätte vorstellen können, wagte er Lola zu stören.

„Was machen denn die neun zur Zeit des Plenums?“ flüsterte er. „Ich meine: einige von ihnen können ja nicht teilnehmen, weil sie fahren müssen?“

„Doch. Sie können geschlossen teilnehmen, weil der Zugverkehr an jedem ersten Sonntag im Monat für drei Abendstunden eingestellt ist. Das ist allgemein bekannt, sogar in Mühlhausen oder Gotha.“

„Ach so.“

Statt der drallen Schaffnerin an den etwas drögen Lippen zu hängen, ließ Achim seine Blicke schweifen und dachte über die RepublikanerInnen im allgemeinen nach. Seine Beobachtung aus der Ziegelei und dann der Bornmühle bestätigte sich auch hier: man hatte nie den Eindruck, jemand suche seinerseits zu beeindrucken. Das galt sowohl für die LeiterInnen oder „Autoritäten“, etwa Jonny, wie für das Fußvolk. Es ging um Sachen, nicht um Personen. Birgit hatte einmal geschimpft, gerade die bürgerlichen Politiker-Innen, die sich einen Dreck um die Anliegen der Menschen scherten, die sie angeblich vertraten, kümmerten sich ausschließlich um Menschen. Sie wollten gefallen. Einem Gartentor oder einem Amphitheater kann man nicht gefallen; sie sind gleichermaßen unempfindlich gegen Drohungen und Schmeicheleien. Sie wollen verstanden und richtig behandelt werden. Dagegen wollten die Pensionsberechtigten an den Hebeln der Parteien, Gewerkschaften und des Staates bewundert oder gefürchtet werden, am besten beides. Welche Sache ihnen dabei als werbewirksamer Aufhänger diente, war ihnen scheißegal. Aber natürlich heuchelten sie stets ihr Interesse an der Sache. In der Stadtkirche hätte Achim nicht einem Menschen ins Gesicht sagen können: Heuchler! PolitikerInnen wie Müntefering, Guttenberg, Merkel dagegen konnten sich heute über die Finanzen, morgen über den Frieden und übermorgen über Freiland-versuche verbreiten, ohne rot zu werden und sich Schutzhaft in einer Sonderschule einzuhandeln. Und was wurde erst im Plenarsaal des Reichstags gesäuselt und gewettert und ein Riesentheater um Nichts gemacht! Alles war längst hinter den Kulissen ausgeheckt worden. Da konnten die Abgeordneten genauso gut Zeitung lesen oder irgendwo anders gewinnbringende „Beratergespräche“ führen. Vor zwei Jahren war Achim aus spontanem Entschluß ...

Er horchte auf wie fast alle anderen auch: in der Arena klingelte ein Handy! Die Schaffnerin unterbrach sich augenblicklich. Ruths Handy auf dem Podiumstisch konnte nicht der Schuldige sein, denn es war stumm. Vielmehr blickten beide Frauen nach vorn in die Krüm-mung der Arena. Achim überzeugte sich davon: Birgit hatte ihr Diensttelefon am Ohr. Während sie zum zweitenmal „Ja“ sagte, erhob sie sich bereits. Fast gleichzeitig erhoben sich zwei andere Personen, die an verschiedenen Stellen in der Arena saßen. Birgit sagte „Gut!“ und rief, während sie das Handy eilig in die Jackentasche steckte:

„Christoph Stoll – ist er hier?!“

„Ja!“ rief ein massiger Mann mit Segelohren, während er auch schon aufsprang.

„Christoph – es brennt! Kim und Jochen kommen mit.“

Das mußten die beiden Hündchen sein, die sich bereits erhoben und ihre Stirnbänder übergestreift hatten, eine Frau und ein Mann. Alle vier eilten hinaus. Birgit drehte sich noch einmal zum Podium um:

„Erst mal Ruhe! Macht weiter! Wir geben Bescheid.“


37

Wie sich Achim bald nach dem Einschnitt von Lola erklären ließ, gingen während des Monatsplenums immer vier Hündchen in der Stadt Streife; die andere Hälfte der Belegschaft konnte somit am Plenum teilnehmen. Bestand diese Hälfte heute nur aus drei Leuten, so lag es daran, daß ein Hündchen mit einer Angina im Bett lag, wie ihm später Birgit sagte. Christoph Stoll dagegen war der Brandmeister der Republik. Er hatte noch einen Kollegen, der dem Plenum offenbar aus uns nicht bekannten Gründen ferngeblieben war. Wäre Stoll nicht in der Kirche gewesen, hätte ihn Birgit sofort telefonisch erreicht, denn er besaß ebenfalls ein Handy.

Lola versuchte sich wieder den Einblicken zu widmen – inzwischen stand ein junger Mann für die BG Ite-ska-wih auf der Kanzel – doch Achim spürte, die Konzentration fiel ihr schwer. Wenn er so um sich blickte, war sie nicht die einzige. Die Leute fragten sich verständlicherweise, wo es brannte – und hielten es verständlicherweise für gut möglich, vielleicht bei ihnen. Achim war in dieser Hinsicht aus dem Schneider, wie er sich mit schlechtem Gewissen sagen mußte. Sein Querflötenkasten steckte zwischen seiner und Lolas gefährlichen Hüfte, und seinen hellen Anzug, der Birgit so gut gefiel, hatte er an. Und seine Wohnung wurde ja von 20.000 Berliner Polizisten bewacht.

Jetzt ging ihm das besondere „Sicherheitsproblem“ auf, das alle basisdemokratisch strukturierten Gemeinwesen hatten. Verließen ihre Mitglieder ihre Häuser, um sich zur Vollversammlung einzufinden, waren ihre Häuser nebst den Straßen naturgemäß ziemlich verwaist. Dieses Problem hatten Gemeinden wie das Nachbardorf Haina oder die Kleinstadt Waltershausen nicht. Zur Strafe hatten sie unter ihren korrupten und eitlen Lokalfürsten zu leiden. Auch die Schweiz lief nicht Gefahr, während der Vollversammlung auf der Rütli-Alm von Mordbrennern und Bankräubern heimgesucht zu werden – die hatten ja alle schon ihre geheimen Konten dort.

Hunde wären wohl auch kein durchgreifender Schutz gewesen. Achim fiel ein, daß sie noch auf der Tagesord-nung standen. Unterdessen schwankte seine Aufmerksam-keit zwischen seiner prickelnden Nachbarin Lola, der Kanzel in rund acht Metern Entfernung und dem Hünd-chen Birgit, das irgendwo heldenhaft gegen Flammen ankämpfte, hin und her. Bei der BG Ite-ska-wih schien es sich um eine Gruppe von 10- bis 12jährigen zu handeln, deren Lernen um die nordamerikanischen Prärieindianer-Innen, die DDR Autorin Welskopf-Henrich und die DDR selber kreiste. Der junge Referent war der Gruppenleiter. Achim hörte die Stichworte Junge Pioniere und FDJ. Da Kanzlerin Merkel einmal Agitprop-Funktionärin der Freien Deutschen Jugend gewesen war, brauchte man sich um die Zukunft des erwerbslosen und amoklaufenden neoliberalen Nachwuchses keine Sorgen mehr zu machen.

In den Bericht einer Delegierten der Polsterei Wolkenbank platzte der zweite Klingelton des Abends. Versammlungs-leiterin Ruth griff nach ihrem Handy, sagte nach einigen Sekunden „Danke, Birgit“ und bat die Delegierte mit einem Blick, fortzufahren. Nach dem Ende des Berichts tuschelte Ruth für kurze Zeit mit ihren MitstreiterInnen Moritz und Maria. Die drei auf dem Podium schienen sich zu einer etwas heiklen Offenbarung durchzuringen. Ruth wandte sich wieder zur Arena und stellte nüchtern fest:

„Es ist kein Mensch zu Schaden gekommen. Das ist ja wohl die Hauptsache. Allerdings brannte ein Häuschen aus, in dem viel Liebesmühe steckte.“

Sie faßte einen Versammlungsteilnehmer ins Auge, der zu ihre Rechten auf den obersten Rängen saß. Er wurde schlagartig blaß. Es war der Schriftsteller Heinz Jäckel, dem Achim bereits zu Beginn der Veranstaltung zugewinkt hatte.

„Ja, Heinz, so leid wie es uns tut – Birgit bittet dich, zum Bahnhof zu kommen.“


38

War es nicht erst vorgestern gewesen, als er sich in Jäckels Villa pudelwohl gefühlt und ihn sogar um diese hübsche Einsiedlerklause beneidet hatte? Jetzt war sie angeblich ausgebrannt. Bis Achim diese Hiobsbotschaft verdaut hatte, waren jene vier noch offenen Entscheidungen gefallen, die Ruth angekündigt hatte. Die wichtigste betraf eine Umstrukturierung dreier benachbarter GOs, die etliche Baumaßnahmen, vor allem aber vorübergehende Umzüge von Republikanern erforderlich machte. Weiter wurde eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des Thüringer Kommunetreffens 2010 ausgelobt, das wieder einmal in Konräteslust stattfinden würde. Zum Organisator der Gruppe wurde naheliegenderweise der vollbärtige Glatzkopf Moritz bestimmt, seines Zeichens Stadtrat für Auswärtiges. Ihn betraf auch der dritte Punkt. Ausge-rechnet der gebeutelte Schriftsteller Jäckel hatte bei seiner USA-Reise Gespräche in der Kommune Twin Oaks (Virginia) gehabt, die inzwischen zu dem Wunsch geführt hatten, eine Art SchülerInnenaustausch zwischen Twin Oaks und Konräteslust einzurichten. Moritz wurde beauftragt, mit interessierten BG-Leitern ein Konzept auszuarbeiten und mit Twin Oaks abzustimmen. Schließlich gab es Grünes Licht für neuerliche Blaue Briefe. Die Aktion war schon früher durchgeführt worden. Damals hatte sich einiges Unbehagen über vergleichweise exzessives Konsumverhalten mancher RepublikanerInnen angestaut. So war die Bank beauftragt worden, die jährlichen Auszahlungen an die RepublikanerInnen – die sie ja registrierte – personenbezogen zusammen zu zählen und diese Aufstellung den einzelnen Republikanern in geschlossenem Briefumschlag über die GO-Büros zu präsentieren. Wichtigster Bestandteil war dabei die Mitteilung des republikbezogenen Jahresschnitts pro Person. Auf diese Weise konnte jeder sehen, inwieweit er mit seiner persönlichen Summe unter oder über dem Schnitt lag. So sollte es auch jetzt erfolgen. Auf eine Offenlegung der Summen wurde erneut verzichtet. Erfahrungsgemäß genügte es, dem einen oder anderen Republikaner ein paar Gewissensbisse zu bereiten.

„Wo lag denn der zuletzt ermittelte Schnitt?“ wollte Achim von Lola wissen.

Sie überlegte. „Ich glaube, keine 500 Euro. Die Statistik steht im Intranet. Es war schon mal mehr gewesen.“

Das galt also pro bankberechtigter Person und pro Jahr – eine lächerliche Summe, dachte Achim zunächst. Aber mal 2.000 genommen, waren es schon eine Million Euro, die mußte so ein Ländchen erst einmal verdienen. Dazu kamen schätzungsweise mindestens 300.000 jährlich für Maschinen, Baustoffe, Kaffeeimporte und ähnlichen Bedarf. Das Tüpfelchen auf dem i lag gleichwohl in den persönlichen Unterschieden. Eine alte Frau wie die Gärtnerin Magda hob vielleicht im ganzen Jahr nur 70 Euro ab, um den Enkel mit Schlittschuhen für die zuge-frorenen Mühlteiche zu beglücken, während einer wie Jäckel möglicherweise 2.000 oder 3.000 Euro verbriet. Die Flugreise in die Staaten in- oder exklusive? Dienst-reise. Eine wie Magda wollte ja wahrscheinlich gar nicht nach Amerika, wo sie nach den Indianerstämmen auch die letzten Regenwälder fällten. Birgit hatte ihm das einmal eines Nachts auseinandergesetzt. Die Bedürfnisse der Menschen seien so verschieden wie ihre Kräfte oder Begabungen. Gerechtigkeit liege nicht in Einheits-regelungen wie der „Mehrwertsteuer“ oder der jüngst erwogenen „Kopfpauschale“ zur Finanzierung des sogenannten Gesundheitswesens. Operation gelungen, Patient ohne Kopf ... Nein, Gerechtigkeit bedeute, jedem die gleichen Chancen einzuräumen, ob für Flugreisen, Stent-Implantationen oder die Butter aufs Brot. Darauf, ob sie jeder nutze, komme es nicht an. Die Möglichkeit der Nutzung sei das Entscheidende – das Anrecht darauf.

Da konnte sich Achim gut vorstellen, daß es immer mal wieder Unmut der einen über die Nutzungsgepflogen-heiten der anderen gab. War jedoch ein soziales Gebilde vorstellbar, wo dies vermeidbar wäre? Hier half nur Transparenz – in gewissen, feinfühlig gezogenen Grenzen. Die Idee mit den Blauen Briefen fand er gar nicht schlecht. Sie stammte übrigens, was Achim nicht wissen konnte, aus der bei Kassel gelegenen Kommune Niederkaufungen, aus der sich im Laufe der Jahre schon mehrere Leute der Republik angeschlossen hatten. Denen war der dortige Lebensstandard zu hoch gewesen.

Ruth bat um Konzentration, man sei gleich durch. Es war schon sieben nach neun. „Wir kommen zur Reklamation in Sachen Hunde. Jasmin, bitte auf die Kanzel.“

In der Arena erhob sich hier und dort Murren – aber Jasmins Gang zur Kanzel wurde auch von ein paar Fingerschnalzern begleitet.

„Verdammt – was ist denn eine Reklamation?“

Lola erklärte es ihm. Jemand will einen Beschluß rück-gängig gemacht haben, d.h. er wünscht einen bereits des langen und breiten erörterten Status quo zu ändern. Das war natürlich nicht unbedingt zu verurteilen. Die Weltlage konnte sich geändert haben; Marsmenschen konnten neue, ganz ungeahnte Argumente in der Hundefrage gesendet haben. Es sei aber nicht so einfach, einen Status quo zu ändern, wenn man dafür den Konsens der GO oder 80 Prozent der Republik brauche. Hier zeige sich der konservative Zug der nichtdemokratischen Entschei-dungsverfahren. In der Demokratie kaufe oder lüge man sich die erforderlichen 51 Prozent kurzerhand zusammen, während in der Republik möglicherweise nur noch Sabotageakte mit anschließender Palastrevolte hülfen.

„Welchen Zug haben denn die demokratischen Entscheidungsverfahren?“

„Na, einen gewalttätigen eben. Wer stärker ist, setzt sich durch. Er hat mehr Geld, mehr Überredungskünstler-Innen, mehr AnhängerInnen – so kriegt er die Mehrheit.“

Bommel warf flüsternd ein: „Oder er hat mehr Hunde, von denen er uns versichert, sie seien ganz lieb und täten niemandem etwas zuleide, während sie zähnefletschend um die Wahlurnen schnüren!“

Lola hielt sich die Hand vor den Mund. Bommel wollte sicherlich auch zu mehr Aufmerksamkeit für Jasmin auffordern.

„Hat es in der Hundefrage schon Sabotageakte gegeben?“ flüsterte Achim zu Bommel zurück.

„Ja. Einem alten Mann haben sie einmal so ein struppiges Köterchen unter dem Sofa hervorgezogen, das ihm Verwandte im Gothaer Tierheim besorgt hatten. Das konnte die betreffende GO aber intern regeln.“

„Brach ihm nicht das Herz?“

„Er bekam eine Katze.“

Wie zu erwarten war, konnte Jasmin, eine ähnlich forsche Frau wie die Zugschaffnerin, keine wirklich zubeißenden Argumente für die Notwendigkeit beibringen, das Hunde-verbot zu zerschlagen. Sie versuchte es mit Hundekuchen. Eine neue wissenschaftliche Untersuchung aus Dänemark habe den hohen pädagogischen Stellenwert der Hunde-haltung erwiesen. Kinder, die mit Hunden aufwüchsen, zeigten nach dieser Erhebung ein deutlich ausgeprägteres solidarisches Verhalten untereinander als solche ohne Hunde. Zudem seien sie ausgeglichener. Ob auch die Kinder, die ihre Nähe zu Hunden nicht überlebt hatten, beobachtet und erforscht worden seien, ließ sie offen. Zum Glück mahnte Versammlungsleiterin Ruth sie gestisch zur Kürze, woran sie sich auch hielt.

Kaum hatte Jasmin ihren Mund geschlossen, streckte eine schlanke jüngere Frau ihren Zeigefinger in die Luft, als wolle sie die ausgemalte Kuppel der Stadtkirche sprengen.

Ruth bedeutete ihr zu sprechen.

„Ich kann es nicht mehr hören, Jasmin! Warum läßt die verdammte Hundelobby, zu der du federführend gehörst, nicht locker? Seid ihr noch verbissener als eure vierbei-nigen Freunde? Habt ihr einen Werbevertrag mit Schappi? Es ist doch klar, daß ihr die Republik nicht umstimmen werdet!“

„Die Republik?!“ grollte Jasmin zurück, während sie an der Kanzelbrüstung rüttelte. „Bist du etwa die Republik, meine liebe Zlata?“

Zlata kochte bereits. „Und du? Was erzählst du uns hier von eurer Fürsorge um Kinder? Während wir hier unsere Zeit vertun, verrecken in Übersee schon wieder ein paar hundert Kinder, weil sie nichts zu fressen haben. Aber die Hunde! Die armen gemästeten Hunde ..!“

Plötzlich begann Zlata zu schluchzen. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, setzte sich und vergrub ihr verheultes Gesicht in ihren Händen. Ihre Nachbarinnen versuchten sie zu besänftigen.

Unterdessen stampfte Jasmin die Kanzeltreppe hinunter. Ruth verfolgte das mit einem besorgten Blick – als erwarte sie, gleich werde eine der Holzstufen durchbrechen. Halb zur ihren Mitstreitern, halb zur Arena gewandt, sagte sie:

„Vielleicht sind wir am besten beraten, wenn wir die Diskussion an diesem gefahrvollen Punkt beenden.“

Maria und Moritz nickten. Jasmin machte im Vorüber-rauschen „Pah!“.

Ruth sah in die Runde. „Könnt ihr auf weitere Wortmeldungen verzichten?“

Keine Meldungen.

„Dann bitte ein Stimmungsbild. Wer ist dafür, das Hundeverbot zu kippen?“

Ungefähr 30 Finger gingen hoch, wie Achim schätzte.

„Die Reklamation ist abgelehnt“, stellte Ruth fest und sah den Protokollanten Moritz an. Er nickte und schrieb.

Ruth fuhr fort: „Wenn ich richtig sehe, sind wir damit ...“

Weiter kam sie nicht. Sie blickte stirnrunzelnd zu einem der Durchgänge des rechten Seitenrangs.

„Na endlich!“

Der erleichterte Ausruf kam von einem Mann, der soeben seinen unförmigen Koffer durch den Tribünenspalt gezwängt hatte. Er wischte sich mit der freien Hand über die Stirn und wiederholte:

„Na endlich!“

Daraufhin setzte er den Koffer ab und sah sich erfreut in der Arena um. Er trug Kleider, die nicht einen Deut von der klassischen Clownsmontur abwichen: Riesenschuhe, schlotternde Hosen, großkarierte Jacke, rote Knollennase, geschminkte Mundpartie, winziger Hut.

Maria griff ein. „Was ist denn endlich?“

„Na endlich Leute! Und so viele! Draußen herrscht ja tote Hose! Die Straßen leergefegt, und wie ich zum Schloßhotel komme – es ist immer mein erster Schritt: Schloßhotel; darunter tue ich es nicht – stehe ich also auf der Brücke und was sehen meine entzündeten Augen? Nichts! Kaum Licht in dem ganzen Schloß. Durch irgendeinen Flur schlurft endlich so ein Alter, den frage ich: Sind Sie der Portier? Sagt er doch glatt, ich hätte eine Meise! Er sei ein verdienter Revolutionär der Freien Republik
Konräteslust
..!“

Er sprach es genüßlich genug aus, um einiges Gelächter zu ernten. Achim hatte inzwischen die Stimme des Mannes erkannt: es war Jonny. Er mußte sich irgendwann von seinem Platz in der Arena gestohlen haben. Der Clown nutzte das Gelächter, um sich mit seinem Koffer durch die Ränge nach unten zu zwängen. Dann stand er vorm Podium und strahlte Maria an.

„Gut“, sagte Maria. „Der Mann konnte Ihnen also nicht weiterhelfen. Wahrscheinlich war es der alte Jonny, der Trottel ... Können wir vielleicht helfen?“

Der Clown wog seinen Kopf, plinkerte mit den Augen, drückte die Arme schamhaft an seinen Körper und sagte schmelzend: „Vielleicht ..?!“

„Gut. Was wünschen Sie also?“

„Die Fürstensuite“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. Die Leute lachten.

„Sind Sie sicher, das wäre das Angemessene für Sie?“

„Na hören Sie mal!“ sagte er gekränkt und strafend. „Ich bin ein großer Künstler!“

„Tatsächlich?“

„Tatsächlich. Und ein sehr nützlicher dazu!“

Er musterte die Ränge, rieb sich die Hände und sagte: „Wenn ich mir das Volk hier so angucke, bin ich genau an der richtigen Adresse. Vielleicht ...“

Er unterbrach sich, weil sein Blick auf den Sockel mit der Geranie fiel, der Achim zu Beginn des Plenums etwas merkwürdig plaziert erschienen war. Nach der ersten Überraschung schüttelte der Besucher ungläubig den Kopf und stammelte mit gequälter Miene:

„Aber das ist ja grauenhaft! Da stimmt ja nichts mehr! So kann sie sich doch nicht auf der Straße blicken lassen!“

Er straffte sich und schritt zur Tat. Aus der Brusttasche seiner Jacke zog er Kamm und Schere; aus der Seiten-tasche ein kleines weißes Tuch mit Schnüren. Dies band er der eingetopften Geranie auf dem Sockel um. Dann begann er routiniert mit dem Frisieren, wobei auch seine Rede einsetzte, wie es sich für einen gelernten Friseur gehört.

Nach der ersten Verblüffung kicherten oder schmunzelten die Leute natürlich. Achim bildete keine Ausnahme. Peggy bog sich sogar schon wieder vor Lachen. Es war zu komisch. Die prahlerischen Worte des Clowns prasselten, und die Schnipsel von den Blättern und Zweigen der Geranie fielen wie das Obstschrot aus der Mühle der Mosterei. Der kostbare Marmorfußboden war bald von ihnen übersät. Hin und wieder trat der unentwegt quasselnde Clown zur kritischen Musterung zurück, schüttelte seinen Kopf und schnippelte, kämmte und drückte wie zuvor. Am Sockelfuß häuften sich die Abfälle bereits. Die Geranie schnurrte buchstäblich ein. Doch schließlich kam es, wie es kommen mußte: „versehentlich“ gekappt, liegt auch die rote Blüte auf dem Marmor.

Achim hält den Atem an. Der Clown hebt entsetzt seine Brauen. Panische Versuche, die Blüte mit Spucke und Blumenerde wieder anzukleben. Es nützt nichts. Der Clown ist ratlos. Dann gibt er mit bitterer und schuldbe-wußter Miene auf. Er knotet das Tuch vom Topf, um damit den kläglichen Geranienstrunk zu bedecken.

Während dieser Prozedur geht auf der Orgelempore ein Punktscheinwerfer an, der den Clown umzingelt. Gleichzeitig verlöschen die zahlreichen Wandlampen. Der Clown steht im Scheinwerferkegel. Plötzlich glimmen Orgeltöne auf. Sie formieren sich zu einem schwermütigem Lied, das Achim nicht kennt. Der Harmonik nach könnte es Zigeunermusik sein. Ja, jetzt zieht das Tempo an. Dadurch kommt auch Bewegung in den zu Tode betrübten Clown. Darf man noch fröhlich sein? Noch tanzen? Er versucht ein paar Schritte. Ja, es geht. Musik und Clown gewinnen an Feuer, steigern sich – brechen jäh ab.

Genauso unvermittelt erlischt der Scheinwerfer. Dafür gehen die Wandlampen wieder an. Die Leute schütteln sich, blicken sich erstaunt an, lächeln befreit. Das erste Fingerschnalzen setzt ein. Die Leitung klaubt ihre Papiere zusammen und räumt den Altar. Das Plenum ist gerettet.


39

„Ja – mit einem Koffer und einer Geranie!“ sagte Achim. „Da hast du etwas verpaßt.“

Sie saßen in der Weinstube Zur Roten Reblaus, in der er schon einmal mit Phil gewesen war, an der Theke. An den Tischen hatte sich kein Platz mehr gefunden. Aber es war nicht laut in dem niedrigen und ziemlich dämmrigen Raum. Auf den Tischen und Wandborden brannten Kerzen.

„Nicht so tragisch“, erwiderte Birgit lächelnd, „ich kenne die Nummer bereits.“

„Tatsächlich?“

Er hatte unwillkürlich Maria aus der Kirche nachgeäfft. Birgit nickte:

„Ja. Sie stammt von dem schweizer Clown Marco Morelli. Jonny hat sie natürlich auf die Situation in der Stadtkirche zugeschnitten.“

„Die Plenumsleitung hat mit der schlechten Stimmung gerechnet?“

„Das nehme ich stark an. Die Hundefrage ist ein Dauerbrenner-Ärgernis. Da haben sie den Punkt an den Schluß gesetzt – und dann mit der Geraniennummer unterlaufen.“

Achim nickte anerkennend. Ein solches unorthodoxes Vorgehen gefiel ihm. Undenkbar auf einem Parteitag mit Egon Krenz oder Hugo Chavez! Aber Birgit gefiel ihm auch. Sie hob ihr Glas und trank ihm zwinkernd zu. Sie stellte ungefähr das Gegenteil der empfindsamen, bewegbaren und überdies recht flachbrüstigen Zlata dar, die wegen der Hunde beziehungsweise Kinder in Tränen ausgebrochen war. Eben erst hatte ihm Birgit von dem Löscheinsatz und dem qualmenden Überrest der Villa Jäckels erzählt – und schon zwinkerte sie wieder. Er prostete zurück.

„Und ihr geht von einer Brandstiftung aus? Beweise?“

„Nicht direkt. Ein hinteres Fenster war eingeschlagen. Als Bart vom Fahrrad aus die leuchtende Rauchwolke sah, waren die BrandstifterInnen vermutlich schon über alle Berge. Die paar AnwohnerInnen, die nicht auf dem Plenum waren, haben nichts bemerkt. Jäckel wußte von keinem unmittelbaren Anlaß für den Übergriff – aber ... Aber er ist eben schwul und lebt in einer anarchistischen Republik. Das genügt als Anlaß für einen Übergriff. Es ist ja nicht der erste. Die Neonazis kennen uns. Wann wir unser Monatsplenum abhalten und wie verwaist dann die Bahnhofsgegend ist, wissen sie selbstverständlich auch.“

Achim sah sie besorgt an. „Wo soll das enden?“

Sie hob die Schultern, ohne zu antworten.

„Schaltet ihr die Gothaer Kripo ein?“

Sie verstülpte ihre Lippen und schüttelte ihren Kopf. „Ich glaube nicht. Das bringt nichts. Selbst wenn sie Spuren fänden, hätten sie doch kein Interesse an einer Strafverfolgung.“

„Also mehr Hündchen? Mehr Streifen? Bürgerwehren? Volksbewaffnung? Aufrüstung gegen Rechts ..? Oder wenigstens ein kleiner Triumph für die Genossin Jasmin, weil plötzlich ein paar hundert echte Hunde angeschafft werden, drei oder vier Wachhunde pro GO ..?“

Sie sah ihm zweifelnd ins Gesicht und erwiderte etwas vorwurfsvoll, die Situation sei für Spott ungeeignet. Die Situation sei heikel. Man werde sie diskutieren müssen. Vielleicht würden die Hündchen eine Arbeitsgruppe vorschlagen.

Achim wollte sie um Entschuldigung bitten, doch sie wurden von einem Mann mit Pferdegebiß unterbrochen, der ihm bereits in der Kirche aufgefallen war.

„Hallo, Birgit! Was ist denn mit dem Häuschen von Heinz? Kann es wieder hergestellt werden?“

„Keine Chance, Lothar. Das können wir vergessen ... Aber wenn es dir ein Trost ist: die Bahnhofskastanie haben wir gerettet!“

Lothar grinste, was seinen Unterkiefer noch verbreiterte, und sagte: „Das ist nett von euch! Und Heinz selber? Wo bleibt er denn jetzt?“

Sie blickte etwas unsicher zu Achim, bevor sie erklärte: „Ich wußte, auf Hämmerchens Hof ist das Schmiede-häuschen frei. Das sagte ich ihm. Gut möglich, daß er in diesem Moment bereits mit Hämmerchen darüber spricht. Er kann heute auch bei Hämmerchen übernachten. Ich nehme einmal an, die Ziegelei-Leute werden nichts dagegen haben, wenn Heinz die GO wechselt. Seine Werke und Entwürfe sind ebenfalls gerettet; er hatte sie auf Speicherkarte in der Hosentasche.“

„Na, das klingt ja einigermaßen beruhigend! Dann will ich nicht länger stören.“

Er nahm sein nachgefülltes Weinglas von der Theke, nickte Achim zu und ging zu seinem Tisch zurück.

Achim dämmerte ein Zusammenhang. Der Zusammen-hang schimmerte auch in Birgits Augen auf, die ihn an einen traurigen Clown erinnerten.

„Du hast dieses Schmiedehäuschen mit einem lachenden und einem weinenden Auge an Heinz Jäckel vermittelt?“

Sie nickte.

„Weil du dir dachtest, womöglich kommt es früher oder später einem Zugereisten gelegen, der sich hier nieder-zulassen gedenkt?“

Sie nickte. Sie versuchte auch zu lächeln, aber das Schimmern in ihren Augen war stärker geworden und strafte diesen Versuch Lügen.

Verdammt, dachte er. Ich glaube, sie weint! So kenne ich sie gar nicht!

Er schob sich von seinem Barhocker, um das Hündchen Birgit ganz fest in seine Arme zu nehmen.


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