Freitag, 20. Juli 2012
Konräteslust Teil 2

14

Achim war der Name des Snookerpalastes Gesundheitsball merkwürdig vorgekommen. Er ist leicht erklärt. Zu DDR-Zeiten hatte sich im einzigen Plattenbau der Stadt die polytechnische Oberschule (mit den Klassen 1 bis 10) befunden. Dafür hatte Konradslust kein Krankenhaus. So wurde der Plattenbau kurzerhand zum Gesundheits-zentrum der neuen Republik umgebaut, denn eine derart große Schule wurde ja nicht benötigt. Das Gesundheits-zentrum wiederum benötigte die Sporthalle der ehema-ligen Oberschule nicht. Das kam den Snookerspielern der Republik zupaß, denn in dem Wirtshaus, wo später das Depot West eingerichtet wurde, traten sie sich (an nur vier Tischen) bereits auf die Füße. So wechselten sie in die Sporthalle, deren Decke abgehängt worden war, damit die Heizkosten gesenkt werden konnten. Wer den Namen Gesundheitsball aufbrachte, ließ sich später nicht mehr feststellen; jedenfalls bürgerte er sich rasch ein. Ähnlich rasch nahm das Snookergeschehen einen Aufschwung. Nach wenigen Jahren reichten auch die 10 Tische in der Sporthalle nicht mehr aus. Die filigrane und besonders gesunde Billardsportart Snooker war derart beliebt geworden, daß ohne nennenswerte Widerstände ein Anbau für noch einmal acht Tische nebst Cafe durchgesetzt werden konnte. Snooker war der Volkssport in Konrätes-lust. Mit weitem Abstand folgten Fußball und Kubb. Zwar sind Fußbälle ebenfalls rund wie Billardkugeln, doch dem Spiel mit ihnen mangelt es entschieden an dem feierlichen und würdigen Zug, der Snookersalons in die Nähe von Tempeln oder Moscheen rückt. Daher Gesundheitsball. Sollte es in der Schweiz außer Alphornvereinen und Holzhackerplätzen auch Snookersalons geben, sind vermutlich auch sie von dem neuen, Ende 2009 per „Volksentscheid“ erwirkten Minarettverbot betroffen.

Birgit empfing den Mann, den sie so lange nicht gesehen hatte, am Eingang der früheren Sporthalle. Es war um acht. Da Achim seinen „guten“ hellen Sommeranzug angezogen hatte, erinnerte er an einen Kometenschweif, als das elektrische Licht aus den vielen Klinikfenstern auf ihn fiel. Phil hatte ihm sein Fahrrad geborgt. Sie gingen gleich hinein und begaben sich mit einem Satz Kugeln und zwei gezapften Bieren an den von Birgit vorbestellten Tisch. Achim wählte ein Queue aus dem Bestand an der getäfelten Hallenwand. Sie spielten sich ein. Auch Achims Behagen stieg kometenhaft an: endlich wieder einen Billardstock in der Hand; ringsum die gedämpften Spielkommentare im Snookerlatein, durch die hin und wieder ein Zugball kracht; und dann diese funkelnde Gegnerin, die sich mit ihrer biegsamen aufreizenden Gestalt an die Bande schmiegt ... Birgit trug eine lange graue Lederhose, das paßte gut zu ihrem schwarzen Haar. Röcke trug sie vielleicht im Dienst, wie Achim ja in der Stadtkirche gesehen hatte – beim Snookerspielen brauchen beide Geschlechter Beinfreiheit.

Achim ahnte bald, daß Birgit gar nicht so schiefgelegen hatte: sie war besser als er. Wenn er sich nicht am Riemen riß, würde sie ihn fertigmachen. Er linste zu sehr nach ihren Konturen. Sie spielte sichtlich mit Selbstvertrauen und Genuß. Im zweiten Frame legte sie bereits ein Break von 42 hin. Achim war selten über 25 gelangt. Immerhin, mit dem dritten Frame kam er auf 1:2 heran, weil sie seine Snooker nicht packte. Lange Snooker, das war seine Spezialität. Er würde sie zermürben! Er leckte Blut, und sie lächelte.

Snooker ist ungleich komplizierter als das populäre Poolbillard, weil die 15 roten und sechs „farbigen“ Kugeln auf vergleichsweise riesigen Tischen nach einem Schema versenkt werden müssen, das großen taktischen Spielraum läßt. Man muß wählen – und wählt man den falschen Weg, ärgert man sich mitunter so grün und schwarz, wie das Tischtuch und die wertvollste Zielkugel gefärbt sind. Gleichwohl erklärt dieser Umstand, ständig Entschei-dungen treffen zu müssen oder auch zu dürfen, warum sich dieses Spiel so viele AnhängerInnen in Konräteslust erobert hatte. Für Leute, die an Schüchternheit und Unschlüssigkeit leiden, ist eine freie Räterepublik der falsche Platz. Es war sogar Achim schon aufgefallen: die Leute hier wirkten nie überhastet, aber stets zupackend. Deshalb ärgerten sie sich in ihrem Alltag höchst selten grün und schwarz. Sie fürchteten keine Fehler. Fehler führten zu besseren Lösungen.

Nach sechs Frames stand die Partie 4:2 für Birgit. Achim geriet nun doch mehr ins Schwitzen, als es den flachzelt-ähnlichen Tischbeleuchtungen anzulasten war. Da sie auf halbem Wege der Partie best of nine vereinbart hatten, durfte er den nächsten Frame auf keinen Fall abgeben – sofern er zu Triumphieren gedachte. Er gedachte es, weil er sich in typisch männlichem Überschwange einbildete, damit auch in den nichtsportlichen Belangen ihrer Begegnung die Initiative an sich reißen zu können. Daß Birgit ihn am Nachmittag angerufen hatte, war schön, aber vom Ersten Flötisten eines namhaften Sinfonieorchesters wurden gewisse Führungsqualitäten erwartet. Er ging an der Fußbande in Stellung, um seiner Gegnerin einen besonders feinfühligen Anstoß zu servieren. Die Weiße streifte den Pulk der Roten, fand über zwei Bande den Weg zum D-förmigen Anstoßkreis zurück – „das Schweinchen küßt die Bande!“ hörte Achim Birgits unterdrückte Stimme hinter sich. So war es. Die Weiße war unmittelbar an der Fußbande zur Ruhe gekommen. Er richtete sich auf und sah sich mit kaum verhülltem Stolz nach Birgit um. Gefährlich! Ihr Blick klebte schon nicht mehr an dem „Schweinchen an der Bande“, vielmehr an seinem durch den Stolz verbreiterten Mund. Er trat rasch beiseite. SnookerspielerInnen dürfen sich nie im Blickfeld stehen.

Bei insgesamt 18 Tischbeleuchtungen verbrauchte der Gesundheitsball möglicherweise mehr Strom als das benachbarte Gesundheitszentrum einschließlich Klinik. Von daher ließ sich der Plenumsbeschluß über die beiden Windräder durchaus nachvollziehen. Die Republik fand es immer noch besser, Ressourcen für einen wirklich vom Volk ausgeübten Sport zu verschleudern, als sie einigen wenigen Fußball-, Tennis- oder Snookerstars in den Rachen zu werfen. Snooker holte in der Freien Marktwirt-schaft mit Riesenschritten auf; die Gagen der Profis und die Gewinne der entsprechenden Sportindustrie hatten schon fast das Boris-Becker- und Bayern-München-Niveau erreicht. Im Gesundheitsball wanderten nur im Cafe gelegentlich ein paar Euro von Gästen über den Tresen. Die Snookertische durften sie benutzen, sofern sie von einem Einheimischen eingeladen worden oder leihweise mit dessen Hundemarke versehen waren. Dadurch wurde eine Überschwemmung des Salons durch SpielerInnen aus ganz Westthüringen verhindert. Am deutschen Ligawesen nahm die Republik nicht teil. Sie hatte einen eigenen Wettkampfbetrieb etabliert. Hätte Achim vorher gewußt, daß Birgit Mannschaftsführerin des amtierenden Vize-meisters war, hätte er sich womöglich eine Vorgabe von 10 oder 20 Punkten erbeten. Jetzt war es zu spät. Nachdem Achim die Blaue verschossen hatte, lochte Birgit sie, dann Pink und auch noch die Schwarze, obwohl sie diese gar nicht mehr benötigt hätte. Sie richtete sich auf, hob ihre Schultern und damit ihr Queue leicht an und schenkte dem Unterlegenen ein halb bedauerndes, halb entwaffnendes Lächeln.

„Verdammt“, knurrte Achim, der an der Bande des im Moment freien Nachbartisches lehnte. Dann entschloß er sich aber blitzschnell, ihr Lächeln zu erwidern. „Und jetzt? Sprachst du nicht vom Skalpieren?“

„Das stimmt ...“

Ihre Stimme klang bedrohlich. Sie legte ihr Queue beiseite, hefte ihre grauen Augen auf Achims kräftigbraune Mähne und kam langsam auf ihn zu.

Als man keinen Bierdeckel mehr zwischen sie und Achim hätte schieben können, griff sie in sein Haar und küßte ihn. Er versuchte sich an ihr festzuhalten, doch sie sanken gemeinsam nach hinten über die Bande.


15

Achim erwachte von einem Poltern, das offenbar von oben kam. Durchs Fenster fielen ein paar schräge Sonnen-strahlen. Im Hintergrund war der Pappelhain der Born-mühle zu sehen, der sich bereits gelb zu verfärben schien. Als das Poltern nach 20 Sekunden erstarb, hatte auch die Eignerin dieses hübschen Zimmers ihre Augen aufge-schlagen. Sie tastete unter der Bettdecke nach Achims Bauch.

„Du irrst dich, holde Siegerin“, sagte Achim schlagfertig und nickte gegen die Zimmerdecke. „Das Poltern kam nicht aus meinem Bauch.“

„Ach so!“

Birgit setzte sich lachend auf und hielt sich die Hand vor den Mund. Auch sie äugte jetzt zur Decke ihres Zimmers. „Offenbar hat es schon wieder eine erwischt. Schnappt die Falle zu, werfen sie sich immer noch umher – deshalb das Poltern. Die Mistviecher trommeln sozusagen mit der Falle noch ein wenig auf den Speicherboden, bevor sie alle Viere von sich strecken.“

„Die Mistviecher?“

„Ja – unsere Mäuse. Unsere Katzen kommen nicht hinterher, deshalb stellen wir immer noch Fallen auf. Die Mistviecher nerven einen nämlich; das raschelt und schabt in der Nacht ohne Ende.“

Achim verzog sein Gesicht. „Ohne Ende ..?“

„Na, in der Falle gibts dann schon ein Ende“, räumte Birgit mit kokett geworfenen Lippen ein.

„Ihr seid brutal! Ich bin einer echten Gewalttäterin in die Hände gefallen!“

Er hob die Arme wie zur Abwehr, doch sein sehnsüchtiger Blick verriet ihn. Birgit schmiegte sich an ihn.

Nach einer Weile sprang Birgit auf, um den Heizkörper am Fenster aufzudrehen. Das Tageslicht modellierte ihre nackte Gestalt. Sie wandte sich um und angelte mit einem Fuß nach ihrer Wäsche, die auf den Dielen verstreut lag.

„Jetzt gehen wir frühstücken, mein Schatz, wenn es dir recht ist. Dann zeige ich dir die Mühle. Das Mittagessen lassen wir ausfallen. Vielleicht können wir bei dem Wetter noch etwas hinausgehen. Um 14 Uhr muß ich auf dem Rathaus sein.“

Achim war mit allem einverstanden. Nachdem sie geduscht hatten, folgte er Birgit nach unten.

Mit knapp 40 Erwachsenen und einem Dutzend Kindern war die Bornmühle die kleinste GO, aber zugleich die größte Kommune der Republik. Auch diese Größe erlangte sie nur, weil ihr ein früheres DDR-Ferienheim ange-schlossen war. In dessen Erdgeschoß war eine zentrale Holzheizung eingebaut, die auch das vorgelagerte alte Mühlengebäude versorgte. Hinzu kamen etliche bewohnte Bauwagen, die Scheune mit der „neuen“ Bornmühle – der Mosterei – und ein stattlicher Ziegenstall, der sich jenseits der Nessebrücke aus Wiesen und Obstgärten erhob. Er war erst im Vorjahr aus entrindeten Rundhölzern errichtet worden. Man sah ihn vom großen Gemeinschaftsraum der Kommune aus, der ebenfalls im Erdgeschoß des Ferien-heims untergebracht war. Der Blick ging gen Süden über den leicht abschüssigen gepflasterten Hof und die baumbestandene Nesse bis zur nächsten Bodenwelle, die bereits „im Ausland“ lag.

Von dort her kam auch der Pkw mit Anhänger, der vor der Scheune stand. Der Fahrer lud Kisten mit Fallobst ab und schleppte sie in die Mosterei. Die Autos durften nur von Osten her bis zur Mühle fahren, hatten also die Stadt zu meiden. Über die Nessebrücke aus hellem Sandstein kam ein ungefähr 7jähriges blondes Mädchen mit einem Schulranzen auf dem Rücken. Es tauchte zuerst in die Mosterei.

„Das ist Muriel“, deutete Birgit mit ihrem Früchtebrot aus dem Fenster. „Wahrscheinlich stiebizt sie erst mal ein Glas frischen Most. Ihre Mutter Ingrid ist nicht gerade meine Busenfreundin.“

Sie sagte das, ohne ihre Stimme zu senken, obwohl sich noch ein paar andere Kommunarden im Saal aufhielten. Einer von ihnen putzte die Fenster. Er war noch drei Fenster von ihnen entfernt. Birgit fuhr fort:

„Das wäre doch eine Idee, Achim! Wir haben zwei Kranke, die Mosterei sucht noch Leute. Wir gehen zu Kurt und lassen uns für eine Schicht eintragen. Du sagtest ja, dir fehle körperliche Betätigung.“

„Ich beschrieb aber auch sehr genau, welche!“

„Ja“, senkte sie nun doch ihre Stimme und blickte ihn schmachtend an. „Auf der Wache werden sie denken, ich hätte heute nacht eine Kneipenschlägerei zu schlichten gehabt ... Aber die Mosterei machen wir trotzdem?“

Auch damit war Achim einverstanden. Sie vereinbarten, nach einem Rundgang durch die Mühle mit ihren Rädern zum Hutewäldchen und dem Weinberg Montaigne zu fahren. Es war der Aussichtspunkt der Republik. Während sie den Tisch abräumten, rückte der Fensterputzer zum ihnen benachbarten Fenster vor. Er kam nur mit einem Tritt aus, weil er eine Bohnenstange mit Igelhaarschnitt war. Er nickte Achim freundlich zu und sagte:

„Wann machen wir denn die Schlüsselgruppe, Birgit? Lu hätte morgen vormittag Zeit.“

Sie überlegte, seufzte mit einem Seitenblick zu Achim und nickte: „Das ginge schon ... Sagen wir, um 11?“

Im Treppenhaus wandten sie sich zunächst den Toiletten zu, die Achim bereits von Birgit gezeigt und erklärt worden waren. Ohne die Erklärung hätte er womöglich minuten-lang nach der Spültaste gesucht. Es waren mehrere Kompostklos, die tatsächlich zu funktionieren schienen. Achim schnüffelte wieder eifrig, konnte aber noch immer keinen nennenswerten Gestank feststellen. Die Kloschüs-seln aus Kunststoff hatten Ableitungen für den Urin und Entlüftungsrohre. Der Kot fiel in Behälter, die von Zeit zu Zeit entnommen und auf dem Kompost entleert wurden. Birgit hatte ihm auch erklärt, dadurch erübrige sich nicht nur das Spülwasser, sondern zudem der aufwendige Anschluß an die städtische Kanalisation. Die Bornmühle hatte für ihre Abwässer eine eigene Pflanzenkläranlage. Die furchtbar stinkende alte Sickergrube war verfüllt worden. Im Walnußhaus hatte Achim nur die herkömm-lichen WCs gesehen. Birgit sagte ihm, in einigen neuen oder umgebauten Gebäuden der Stadt würden die WCs mit Regenwasser betrieben. Kompostklos breiteten sich auch schon aus. Das originellste betreibe ausgerechnet der Schriftsteller Heinz Jäckel, der neben dem Bahnhof im ehemaligen Latrinenhäuschen wohne. Details gab sie nicht preis.

Birgit erwartete ihn vor der Tür zum Heizraum. Sie gingen hinein. Sie hatte ihm bereits erzählt, vor der Wahl zum Hündchen sei sie hauptsächlich Heizerin und Holzbe-schafferin der Bornmühle gewesen. Der Kessel lief – man hörte es an den surrenden Ventilatoren. Birgit las den Display ab, betätigte einen Schieber und ließ ihn einen Blick durch die geöffnete Ofenklappe werfen. Im Kessel glühten und prasselten die ein Meter langen Scheite. Wie Achim am Holzstapel sah, waren diese Fichten- oder Kiefernscheite teils dicker als seine Waden. Nun ahnte er, warum seine Bettgenossin kein Strich in der Landschaft war. Bei Frost müsse der 100-Kilowatt-Kessel ununter-brochen laufen, erklärte sie. Das bedeute, ihn alle vier bis fünf Stunden zu beschicken. Andernfalls falle die Wassertemperatur im Pufferspeicher zu sehr ab und die Kommunarden begännen zu frieren. Dieser tankförmige Speicher nahm bald den halben Raum ein. Die andere Hälfte gehörte dem Brennholz.

Achim umgriff Birgits Oberarm und nickte auf die sauber gestapelten Scheite: „Und wie kommen die hierher? Hat sie die Heizerin über 30 Meter zu werfen?“

Birgit lächelte und zog ihn durch eine Seitentür in den Hof. Hart am Haus entlang waren Schienen für eine Kipplore verlegt. Die Lore war im Hintergrund vor der Rampe des überdachten Holzplatzes zu sehen. Sie kippte ihr Fracht durch zwei verschließbare Luken direkt in den langge-streckten Heizraum.

„Haben wir uns selber ausgedacht“, sagte Birgit nicht ohne Stolz. „Dadurch brauchen wir keinen Schlepper oder Gabelstapler. Lore und Schienen hat uns die Fahrtwind-Manufaktur gebaut. Klaus aus dem Walnußhaus war daran beteiligt.“

„Ach, schau an ... Ich glaube, wenn ich hier Kind wäre, würde ich alle naselang nach einem Erwachsenen schreien, der die Lore anschöbe!“

„Du hast es erraten – genau so läuft es.“

Sie drückte ihre Stirn übermütig in seinen Rücken und schob ihn so auf die alte Mühle zu.


16

Von der Straße nach Behringen zweigte hinter dem Hute-wäldchen ein halbwegs befestigter Feldweg ab, der zum Weinberg Montaigne führte. Das letzte Drittel schoben sie ihre Räder. Die grünen Beeren an den Rebstöcken ließen Achim nicht gerade das Wasser im Munde zusammen-laufen. Vermutlich zählten sie zu den Leidtragenden des kühlen und nassen Sommers. Er selber zählte nicht mehr dazu; die erfahrene Heizerin der Bornmühle hatte ihn entflammt. Wo sollte das enden?

Die BG Montaigne hatte ihren Weinberg mit einem Schuppen gekrönt. Er war verschlossen, doch unter dem Fenster stand eine Bank, auf der sie Platz nahmen. Hier hatte man die Republik im Überblick. Achim sah die ihm schon vertrauten Orte, voran die mächtige Stadtkirche, die wie ein Schwan durch die unwesentlich bebauten Auen zu pflügen schien. Dann zur Rechten die Ziegelei mit ihrem leicht gekrümmten Schornstein, zur Linken die Bornmühle mit ihrem im Sonnenlicht sprühenden Pappelhain. Die Schlucht der Hauptstraße wand sich gen Süden durch die Stadt, stieß auf die blinkende Nesse. In der Ferne erhob sich ein Gebirgszug: der Thüringer Wald mit dem Inselsberg, der über 900 Meter hoch war. Auf den Weiden vor der Stadt grasten auffallend viele Pferde. Dafür hatte Achim bei allen bisherigen Streifzügen zu Fuß oder per Rad so gut wie keinen Müll – noch nicht einmal ein zerknülltes Papiertaschentuch gesehen. Laut Birgit hatte auch der gesammelte Müll im Laufe der Jahre stark abgenommen – beispielsweise fielen kaum noch Verpak-kungen an. Jede Wohngruppe besaß einen Kompost-haufen. Für den Restmüll gab es keine Mülltonnen-leerung. Die Leute brachten ihn zu einer Sammelstelle ihrer GO; von dort wurde er hin und wieder mit Pferde-fuhrwerken auf die republikeigene Deponie gekarrt. Die gesammelten Gelben Säcke mit dem Plastikmüll nahm ein benachbarter Gemeindehof ab.

Unter den Fahrrädern und Pferdefuhrwerken, die von oben zu sehen waren, stach jetzt ein weißrot lackierter Bus heraus: weil sonst kein Auto fuhr. „Euer Krankenwagen?“ fragte Achim. Birgit nickte. Der Krankenwagen hatte den rückwärtigen Schloßhof verlassen und nahm die Haupt-straße Richtung Gesundheitszentrum. Vielleicht lag ein Bewohner des Libertären Altenheims in ihm. Birgit kannte BewohnerInnen des Altenheims. Immerhin fuhr der Wagen ohne Blaulicht und Sirene. Sie sagte sich mit einem gewissen Schrecken, wie eng doch Glück und Leid beieinander lagen. Und das nicht selten im selben Menschen. Als man Gaston ins Krankenhaus Friedrichroda gefahren hatte, war das Blaulicht vermutlich eingeschaltet gewesen. Die Unfallstelle wurde von den Anhöhen verdeckt, die sich jenseits der Nesse gegen das Gebirge schoben. Die Wunde dieses Verlustes war noch nicht völlig vernarbt. Sie mußte Achim bald davon erzählen. Sie drückte seine Hand.

Achim erwiderte diesen Druck und deutete mit der anderen Hand zum Bahnhof, der hinter dem Hutewäld-chen zu sehen war. Sie hatten ihn auf der Herfahrt nicht berührt, weil sie durch den Auwald und dann um die Saatgutzuchtstation mit dem Möbellager geradelt waren.

„Vor zwei Tagen stieg ich da unten aus dem Zug. Von der Republik wußte ich wenig, von dir gar nichts.“

Birgit nickte lächelnd und schwieg.

„Und das Häuschen neben der Bahnhofskastanie gehört Jäckel?“

„Was heißt: gehört? Er bewohnt es.“

„Allein?“

Sie bestätigte es durch ein Nicken.

„Es war mir durchaus aufgefallen, als ich nach meiner Ankunft das Bahnhofscafe verließ. Ich fragte mich, was das wohl sei, dachte aber später nicht mehr daran.“

„Es ist niedlich. Auch innen. Früher barg es die Klos für die Reisenden und die Waschküche des Bahnhofvorstehers. Heinz baute es nach seinen Vorstellungen mit Hilfe eines Tischlers eigenhändig um. Genau das Richtige für einen Eigenbrötler, der doch die Nase im Wind der Zeit haben will. Steckt er seine Nase aus seinem Küchenfenster, sieht er die vordere Bahnhofsuhr; steckt er sie aus seiner Terrassentür, die hintere. Deshalb hat er im Häuschen keine Wanduhr – überflüssig. Wenn du willst, frage ich ihn einmal, ob wir ihn besuchen dürfen. Er ist nicht gerade gesellig, aber ein kluger Kopf.“

Achim nickte. „Ich las in der Nessedepesche einen Artikel von ihm ... Ist es denn bei euch überhaupt erlaubt, allein zu wohnen? Nicht in einer Wohngemeinschaft oder in einer Kommune?“

„Es ist jedenfalls nicht verboten. Die Verfassung schreibt keine bestimmten Wohnformen oder Haushalte vor. Wir haben in Konräteslust ähnlich viele Kleinfamilien wie Kommunen. Einpersonenhaushalte sind selten. Will Jäckel da und da allein wohnen, braucht er allerdings die Zustimmung der betreffenden GO. Denn unsere GO-Struktur ist zwingend. Jeder muß einer GO angehören und sich an deren Selbstverwaltung beteiligen, vom Plenum über Arbeitsgruppen bis zu Arbeitseinsätzen, beispiels-weise die Holzbunde, die du gesehen hast, von der Ziegelei in die Bornmühle schaffen.“

Achim fiel der Fensterputzer ein. „Was treibt ihr denn in der Schlüsselgruppe, zu der du dich vorhin verabredet hast?“

Birgit staunte. Sie drehte ihre gebündelten Finger auf seiner Stirn und meinte, er habe in diesem Kasten ein gutes Gedächtnis ... In der Arbeitsgruppe gehe es um die Frage, ob und wie des Abends die verschiedenen Türen der Bornmühle zu verschließen oder sonstwie zu sichern seien. Es habe nämlich wieder Diebstähle gegeben – sicherlich von Auswärtigen, denen die abgeschiedene Lage der Mühle zugute komme.

„Was spricht denn dagegen?“

„Wogegen?“

„Na, über Nacht die Türen abzuschließen?“

Sie setzte sich auf und sah ihn mißbilligend an. „Achim! Wir sind hier nicht in Berlin-Dahlem, wo jeder seine Villa verrammelt. Wir sind eine freie Republik. Wir errichten keine Stadtmauern mit Pechnasen oder Überwachungs-kameras; wir bauen auf Offenheit und Vertrauen. Wir wünschen selber freien Durchgang und gewähren ihn entsprechend unseren Gästen. So weit das Prinzipielle. Die haarsträubende Umständlichkeit, die von versperrten Türen erzwungen wird, kommt hinzu. Es ist ja schon schlimm genug, daß wir dauernd unsere Fahrräder anschließen müssen. Viele von uns sind Nachtmenschen oder bekommen auch spätabends Besuch. Willst du 100 Leute mit Schlüsseln ausrüsten? Auch die Kinder? Dann kannst du es auch lassen. Oder überall Klingeln anbrin-gen? Und bei jedem Klingeln eine Hausversammlung einberufen, die entscheidet, wer hinuntergehen muß?“

Achim rieb sein Kinn. Ihre Strafpredigt belustigte ihn eher. „Beantragt eine Ausnahmegenehmigung für einen Kettenhund.“

„Nie und nimmer!“

„Baut diese elektronischen Schlösser ein, wo man nur einen Zahlencode eintippen muß.“

„Ja, und den Code bläuen wir unseren Kindern ein und die malen ihn mit roter Kreide auf die Straße nach Gotha! Viel zu teuer und viel zu anfällig, dieser Elektroschrott.“

„Als Fußmatten getarnte Tellereisen?“

Sie grinste versöhnlich und gab ihm einen Kuß.

„Gut, dann passe ich“, sagte Achim, nachdem seine Lippen frei waren. Er hatte die Altstadt ins Auge gefaßt und nickte hinunter. „Der gute fette Herzog Konrad hatte seinen Wachdienst, nehme ich an. Man fragt sich aber, warum er sein Schloß nicht hier oben errichten ließ – über den Köpfen seiner Untertanen, mit der schönen Aussicht obendrein?“

Birgit hatte erschrocken auf Achims Armbanduhr geblickt und löste sich nun von ihm. „Wir müssen aufbrechen, Achim. Mein verdammter Wachdienst!“


17

Für nicht wenige RepublikanerInnen stellte Schloß Konradslust alles andere als eine Augenweide dar. Da die Landesregierung auf dem Denkmalschutz bestanden hatte, durfte es auch nicht nennenswert verändert werden. Die Republik hatte den vergilbten abbröckelnden Putz aus der Jugendwerkhofzeit ersetzt – aber auf Geheiß der Denkmal-schutzbehörde mußte er wieder gelb sein. Das wuchtige, mit Speicher viergeschossige Gebäude besaß Hufeisen-form. Vielleicht war es nicht wuchtiger als die Stadtkirche, aber es fehlte ihm in den Proportionen an deren Eleganz. Nahm man von der Hauptstraße aus die Schloßgraben-brücke vor der Öffnung des Hufeisens, stand man schon fast im Innenhof. Er wurde von einem Mittelrisaliten mit Sandsteinskulpturen und schiefergedecktem Glockenturm beherrscht. Dieser vorspringende Gebäudeteil barg das Treppenhaus und im Dachgeschoß ein langgestrecktes Turmzimmer für rauschende Feste. Aus den rückwärtigen Fenstern ging der Blick über den Schloßgarten und einen Auwald hinaus bis zum Pappelhain der Bornmühle. Wäre der feiste Konrad ein leidenschaftlicher Fernseher gewesen, hätte er seine Sommerresidenz in der Tat an der Stelle errichten müssen, wo sich zukünftig zwei Windräder drehen sollten, damit die kostbaren nordthüringischen Rebstöcke nicht verbrannten. Birgit hatte übrigens für die riesigen Masten gestimmt. Sie fand sie immer noch erträglicher als eine Anhöhe, die lückenlos mit gleißenden Sonnenkollektoren gepflastert war. Dabei mußte sie sich keineswegs vorwerfen, als befangene Snookerspielerin abgestimmt zu haben. Der Löwenanteil des in Kürze neu erzeugten Stromes ging nach draußen. Es war ganz einfach: Die Republik brauchte ein paar zuverlässig sprudelnde Geldquellen, die sich gerade noch mit ihrem Gewissen vereinbaren ließen. Braunkohle hätte man nicht abgebaut – aber man hatte sowieso keine. Die „Boden-schätze“ der Republik beliefen sich auf ein paar Fuhren Lehm.

Warum Konrad die Flußniederung an sein Herz geschlossen hatte, war in der Republik nicht bekannt. Vielleicht hatte es ihm der Auwald mit den Pfiffen seiner Pirole und Eisvögel und dem bezaubernden Kuckucksruf angetan. Vielleicht wollte er die Nähe der Sumpfsegge nicht missen. Sie besteht aus einem mit festen grünen Ähren besetzten dreikantigem Halm, dessen Querschnitt einem gleichseitigen Dreieck sehr nahe kommt. Schließlich hatten sich gerade die barocken Bauherren für die Geome-trie erwärmt, wie man auch aus Konrads rechteckigem Schloßgarten ersah. Phil hatte diese Neigung nach der Besetzung des Schlosses auch an einigen vergitterten Fenstern im Erdgeschoß des Nordflügels abgelesen – mit einer Neigung zum Zynismus. Schloß Konradslust war von etwa 1850 bis 1923 als Amtsgericht genutzt worden. Dessen Arrestzellen waren dann den befremdlichen Pädagogen des DDR-Jugendwerkhofes gelegen gekom-men. Die Nazis hatten das Schloß erstaunlicherweise keinen höheren Zwecken unterworfen. Sie belegten es mit Arbeitsdienstlern und „Wanderarbeitern“, wie es in dem von Phil aufgebauten Museum hieß. Auch der schon 1921 gegründete Konradsluster Arbeitersportverein Frei Heil durfte es nutzen. In der Kapelle im Südflügel wurde außerdem eine „Entwesungsstation“ eingerichtet. Darin wurden Polen, Tschechen, Serben nicht etwa ihres Wander- oder Fluchttriebes, vielmehr ihrer angeblichen Läuse beraubt. Diese Kapelle hatte es Phil ebenfalls angetan. Der langgestreckte Saal ging über zwei Stock-werke. Im Obergeschoß hatte der feiste Herzog eine Loge, die er nach Belieben unbeobachtet betreten, verlassen – oder gar nicht erst aufsuchen konnte. „Vielleicht blieb er zur Gottesdienstzeit lieber im Bett, um beim Mokka ein paar Hinrichtungsurteile zu unterzeichnen“, hatte Phil zu Jonny gesagt. „Wogegen anzunehmen ist, daß der Gottesdienstbesuch der Bediensteten sehr genau kontrol-liert wurde. Liege ich richtig, hätten wir also nicht nur einen Fall zweigeschossiger Räume, sondern auch von Doppelmoral, die ja über alle Epochen hinweg sehr beliebt ist.“

Im ganzen wirkte das Innere des Schlosses auf die dama-ligen Eindringlinge – die das Schloß der rückwärtigen Flügeltür geknackt hatten – wenig einladend. Selbst außerhalb der Kapelle waren alle Räume riesenhoch, obwohl ihre Decken unter Tonnen von Stuckzierat ächzten. Die klobigen Granitkamine haben wir bereits erwähnt. Die Fußböden, ursprünglich aus Sandstein gekachelt, zeigten ein fingerdick versiegeltes Parkett. Die Landesregierung behauptete, die üppigen Stuckdecken – oft mit lebens-großen Figuren drin – besäßen einen hohen künstlerischen Rang und nur noch ein Gegenstück in den berühmten Arbeiten Simonettis im Schloß Zerbst. Die einzige Großtat während der Jugendbesserungszeit bestand darin, diese Stuckdecken – durch normale Unterdecken – abzuhängen. Durch diesen Sicht- und Kälteschutz blieben sie freilich auch erhalten – was der Landeskonservator wiederum einen Glücksfall nannte. Es gelang der Republik, ihn bei den Sezessionsverhandlungen auf diesen Glücksfall feszunageln: man rang ihm die Erlaubnis ab, die DDR-Unterdecken beizubehalten. Phil atmete auf. Die Kunst war gerettet – aber die revolutionären Köpfe hatten nun all diese Wahrzeichen des Prahlens, der Vergeudung und der Ausbeutung nur in Gedanken über sich zu dulden.

Der „Jugendwerkhof“ wurde sofort geschliffen. Die Zög-linge, die blieben, wußten manches Klagelied von ihm zu singen. Eingeliefert wurden damals 14-bis 18jährige, die vielleicht ihre Großmutter beklaut, Punkmusik gemacht oder hartnäckig den Unterricht in Historischem und Dialektischem Materialismus geschwänzt hatten. Sie kamen stets aus fremden DDR-Bezirken. Der Pädagoge des Jugendwerkhofes Philipp Müller brachte ihnen vor allem Zucht und Ordnung bei, also Unterwürfigkeit. Links lockte er mit Casino, rechts hielt er die Arrestzellentür auf. Casino hieß damals eine beliebte Zigarettenmarke. Phil kamen die ehemaligen Werkhofräume im Schloß ziemlich schäbig und bedrückend vor, doch unser Pädagoge ging nur dann widerwillig ins Schloß, wenn er Nachtwache schieben mußte. Das soll nicht heißen, der Jugendwerkhof sei ein Gefängnis gewesen. Wer wollte, konnte bei Nacht und Nebel das Gittertor an der Brücke oder den Wassergraben überwinden – um wahrscheinlich einige Wochen später in Torgau zu landen, wo es den einzigen „geschlossenen“ Jugendwerkhof der DDR gab. Im Schloß Konradslust wurden zur Hochzeit 140 Jugendliche von 90 Mitarbeitern resozialisiert. Die wichtigsten Zuchtruten waren selbstverständlich Hammer & Sichel; es hieß malochen. Im Schloßgarten oder auf der Domäne (Volkseigenes Gut) waren immer preiswerte Bücklinge zu gebrauchen. Wer spurte, brachte es vielleicht zu einer Schmalspurausbildung als Gärtner, Fahrer, Schlosser. In jedem Fall war ständige „Politische Bildung“ Pflicht.

Konrad hätte die jungen Fronknechte natürlich ebenfalls eingespannt. Einmal auf die Flußniederung als Standort seines Lustschlosses versteift, kam er leider nicht umhin, zunächst unter beträchtlichem Aufwand einen Baugrund schaffen zu lassen. Laut einer Tafel im Museum wurden 300 Eichenstämme in den Morast getrieben, um das Schloß am Schwanken oder Absacken zu hindern. Und wie bewerkstelligten das Konrads Fronknechte? Bei solchen Grundmauern muß es sich ja um Pfähle von Mülltonnen-dicke handeln. Mit Vorschlaghämmern von Kähnen aus bekommt man die wohl kaum eingeschlagen. Doch Phil fand es nicht heraus. Er vermutete lediglich, man habe um 1680 bereits über einfache Ramm-Maschinen verfügt. Vielleicht sei ein sogenannter Rammbär nach dem Prinzip des Flaschenzuges hochgehievt und anschließend auf die Eichenpfähle losgelassen worden. Darauf lächelte seine Mitstreiterin Inge süßlich. „Und wie hat man das Rammbärgerüst am Schwanken und Absacken gehindert? Indem man vorher Pfähle in den Morast trieb ..?“ Phil war zunächst verdutzt. Dann zuckte er mit den Achseln: „Vielleicht benutzten sie Flöße.“


18

Den Nachmittag verbrachte Achim erneut in der Ziegelei, um Flöte und etwas Klavier zu spielen. Wer darauf achtete, konnte dabei auch das anspruchslose Volkslied vernehmen Das Lieben bringt große Freud. Unabhängig davon sprach ihn eine Frau an, die offenbar einen festen Dienst im Büro der GO versah. Ihre beste Freundin sei eine ziemlich gute Pianistin. Sie leite unter anderem den Chor Donner vom Berge und die BG (Bildungsgruppe) Prokofiev. Vielleicht könne er mit ihr gemeinsam irgendetwas veranstalten, wenn er schon einmal in Konräteslust sei. Sie hatte nämlich seinen vollständigen Namen aufgeschnappt und ebenfalls, wie Birgit, ins Internet geschaut. Achim dankte ihr für den Fingerzeig und ließ sich die Telefonnummer der Pianistin geben.

Um halb sieben fuhr er per Rad vom Walnußhaus aus Richtung Markt. Es war schon dämmrig. Er hatte mit Birgit vereinbart, sie vom Wachdienst abzuholen. Später wollten sie ein sogenanntes Öff besuchen, das im Turmsaal des Schlosses abgehalten wurde. Hinter dem Kürzel verbarg sich ein Öffentliches Forum; Genauers wußte er nicht. Leider hatte ihn der Vorstoß der Bürofrau an andere berufliche Verpflichtungen erinnert. Schon in einer knappen Woche hatte er sich in Berlin zur Orchesterprobe einzufinden. Diese Aussicht war buchstäblich über Nacht erschreckend geworden. Zwar hatte er eigentlich Iris gesucht, aber nun war ihm entschieden mehr daran gelegen, Birgit nicht schon wieder zu verlieren. Seine Tochter kam vermutlich auch ohne ihn klar. Birgit hatte den Verdacht geäußert, statt Vaterliebe trieben ihn eher fragwürdige Eigentumsvorbehalte hinter Iris her. Sie selber war allerdings kinderlos. Sie war 37.

Als er sein geliehenes Rad im überdachten Fahrradständer neben dem Rathaus anschloß, fiel ihm das Gespräch über Schlüssel mit Birgit wieder ein. Phil hatte ihm inzwischen erzählt, eine Zeitlang sei die Republik geradezu von einer auswärtigen Bande terrorisiert worden, die die besten Fahrräder wie am Schnürchen von den Straßen und Höfen stahl. Die Gothaer Polizei hatte ihr dann das Handwerk gelegt, aber darauf bestanden, man möge die Fahrräder in Zukunft verdammt noch mal anschließen. Und genau das war es auch, wenn man es sich richtig überlegte: eine vedammte Sache. Welche Entwürdigung hätte ein Prärieindianer darin gesehen, seinen Mustang, sobald er ihn aus den Augen ließ, an die nächste Krüppelkiefer zu ketten! Und auch noch mit einer Kette, die schon fast so teuer war wie das Pferd selber! Er hatte Phil rechtgeben müssen: wären Gemeineigentum und Gemeinschaftssinn weltweit verbreitet, würde weltweit kein einziges Fahrrad mehr gestohlen, denn es gab ja weißgott genug Fahrräder auf der Welt.

Die Wachstube lag im Souterrain des Rathauses. Man konnte sie vom Markt her betreten; die Tür mit dem Schild hatte Achim an seinem Ankunftstag übersehen. Hündchen / Meldestelle / Feuerwehr stand untereinander auf dem Schild. Die Tür ging wie in Kneipen nach außen auf. Achim sah zwei Schreibtische, aber merkwürdigerweise keine Menschenseele in der angeblichen Wachstube. Er wandte sich um und zog die Tür ins Schloß. Da wurde er plötzlich von hinten umarmt – „verhaftet!“ drang Birgits Stimme an sein Ohr. Sie hatte sich in der Garderobennische versteckt, weil sie ihn bereits durchs Fenster hatte kommen sehen. Sie begrüßten sich, als sei Achim ungefähr so lange verschollen gewesen wie seine Tochter. Allerdings konnten sie sich nicht ebenso lang begrüßen, weil nun die Tür im Hintergrund des Raumes aufging. Eine stämmige Frau Mitte 50 kam herein. Sie trug eine leichte Jacke mit Reißverschluß und am Hosengürtel Pistole. Sie befreite ihren braunen Ponyhaarschnitt von dem schwarzrot gestreiften Stirnband, nickte den beiden zu und ließ das Stirnband ähnlich einer muslimischen Gebetsschnur durch ihre Hände gleiten, während sie ihrer Kollegin Birgit versicherte, der diensthabende Bürotrottel von der GO Sandkuhle habe eine lange Leitung wie 20 Schäferhund-schwänze. Sie hätte den Köter aber dann mit gutem Zureden und einem Stück Wurst aus der GO-Küche durch die Hecktür in ihren Wagen bekommen und einstweilen auf die Domäne verfrachtet. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und ergänzte:

„Was meinst du, Birgit – soll ich den Köter nach Gotha melden, daß sie ihn ausschreiben?“

Birgit hatte sich an einen Aktenschrank gelehnt und ihrer Kollegin belustigt zugehört. Jetzt fragte sie zurück: „Hast du den Köter fotografiert und nach einer Hundmarke geschaut?“

„Logo – kein Halsband.“

„Ja, Meldung nach Gotha ist gut. Der Köter wird ja wohl aus einem umliegenden Dorf stammen. Nur hoffe ich, die Bullen aus Gotha nehmen ihn uns auch ab, wenn sich kein Schwein meldet. Sonst müßten wir der Sandkuhlen-Küche einen leckeren Hundebraten verordnen.“

Achim grinste. Birgit sah es und sagte mit einer entsprechenden Handbewegung: „Entschuldigt bitte – meine Kollegin Manuela – mein Gast Achim aus Berlin.“

Die Genannten lächelten sich zu. Die etwas kurzhälsige Manuela war durchaus als ehemalige DDR-Betriebskampf-sportlerin vorstellbar – wenn nicht als Volkspolizistin. Jetzt nahm sie das Speicherkärtchen aus ihrem mit Kame-ra bestücktem Handy und steckte es in ihren Computer, den sie bereits eingeschaltet hatte. Ihre Fingernägel waren knallrot lackiert. Während sie verschiedene Programme aufrief, klingelte das vor ihr stehende Festnetztelefon. Offenbar war es der Chef vom Dienst aus dem Stockwerk eins höher, der ihr irgendeine Information gab. „Danke, in Ordnung, Ed“, sagte sie, legte auf und nickte Birgit beruhigend zu.

Birgit ging zur Hintertür. „Einen Moment bitte noch, Achim, ich gehe erst mal aufs Klo.“ Sie verschwand.

Achim hätte sich eher über Manuelas Handy als ihre Fingernägel gewundert, wenn ihn Birgit nicht schon halbwegs über die zeitgemäße Ausrüstung der Hündchen ins Bild gesetzt hätte. Im allgemeinen waren Handys in der Republik verpönt. Sie galten als Ruhestörer und Wachs-tumsbeschleuniger für Gehirntumore. Für einige Leute, die leicht und schnell erreichbar sein mußten, waren sie aber unumgänglich. Dazu zählten die Notärzte und eben die Hündchen. Diese benutzten ihre Handys so sparsam wie möglich. Ähnliches galt für ihre drei Autos. Zwei davon waren rotlackierte schwere Lkw's, denn die Hündchen bildeten auch die Feuerwehr. Die Wagen standen in einem jüngeren Anbau auf der Rückseite des Rathauses. Im Brandfall wurden weitere Hündchen, vor allem aber zwei gelernte Feuerwehrleute alarmiert, die normalerweise anderen Tätigkeiten nachgingen. Die Autos wurden teils von den Hündchen selbst, teils in der Fahrtwind-Manufaktur gewartet. Der Wachdienst erfolgte in zwei Tagesschichten und einem Bereitschaftsdienst über Nacht. Die beiden Schichten – von 9 bis 14 und 14 bis 19 Uhr – waren stets mit zwei Personen besetzt. Dadurch hatten die acht Hündchen nur jeden zweiten Tag Dienst, sofern alle gesund waren. Die Nachmittagsbesetzung wechselte sich dann zusätzlich im nächtlichen, nicht-stationären Bereitschaftsdienst ab. Die betreffende Person hatte nur zu gewährleisten, daß der Dienstwagen in der Nähe und ihr Handy eingeschaltet und notfalls imstande war, sie aus dem häuslichem Schlaf zu klingeln. Die gelegentlichen Notrufe wurden nämlich ab 19 Uhr automatisch auf das jeweils „diensthabende“ Handy geleitet.

Im Falle eines Brandes oder sonst einer Katastrophe war dieses Alarmsystem gewiß nicht optimal, weil man erst zu den Feuerwehrautos ins Rathaus eilen mußte. Doch es hatte bislang für die Konrätesluster Bedürfnisse ausge-reicht. Zwei doppelt besetzte Nachtschichten zusätzlich oder gar eine eigenständige Feuerwache wären ein aufwendiger und lästiger Luxus gewesen. Es hatte sich in den ersten Jahren nach Abzug der Gothaer Polizei ohnehin gezeigt, daß die Hündchen in ihren Wachschichten nicht wirklich ausgelastet waren. Selbst die Übernahme der Feuerwache konnte streckenweise Langeweile der dienst-habenden Hündchen nicht verhindern. Es kamen einfach zu wenig Morde, Feuersbrünste und Demonstrationen gegen den Stadtrat oder für ein Rauchverbot vor. Genauer gesagt, hatte die Republik bislang nicht einen Mord, nicht eine staatsfeindliche Demonstration und erst einen Scheunenbrand sowie gelegentliches Nessehochwasser erlebt.

Die Hündchen hatten sich deshalb zusätzliche Aufgaben gesucht, die zum Teil beliebig eingeschoben werden konnten. Sie hatten vor allem den Heiz- und Putzdienst in Rathaus und Stadtkirche übernommen, wobei die Kirche selbstverständlich nur für das Monatsplenum oder andere gelegentliche Großveranstaltungen geheizt wurde. Sie erledigten auch kleine Hausmeisterarbeiten, widmeten sich der Autopflege, führten Botengänge für die Stadträte aus. Zudem verwalteten sie das Melderegister, was einer Auflage aus dem „Staatsvertrag“ mit der Landesregierung entsprach. Formal waren alle RepublikanerInnen – wenn nicht Ausländer – nach wie vor deutsche Bundesbürger-Innen und benötigten den entsprechenden Personalaus-weis. Es war schon viel, daß die Republik damals pauschal von allen Steuerpflichten entbunden worden war. Im Gegenteil, Thüringen gewährte noch immer Fördergelder, wenn sie auch dünner flossen als in den Gründerjahren. In diesem Herbst hatte die Republik aufgeatmet, als es der sogenannten Linkspartei, früher PDS, nach den Landtags-wahlen nicht gelungen war, mit der SPD zu koalieren. Es war nämlich durchgesickert, ein solches „rot-rotes“ Regierungsbündnis werde zunächst einmal der schwarz-roten Republik an der Nesse den Hahn zudrehen.

Birgit kam vom Klo zurück – von der Heizung offenbar auch. „Ich habe noch einmal nachgelegt, Manu, das reicht dicke bis morgen früh. Können wir uns schon verdrücken?“

„Prima. Ja, sicher! Ich verschwinde auch gleich, wenn ich die Mail nach Gotha weghabe.“

Birgit griff nach ihrer Jacke und nickte Achim auffordernd zu. Er verstand das nicht falsch, hielt ihr aber trotzdem die Tür zum Markt auf, wie Manuela verfolgte. Diesen Kerl hätte sie auch genommen.


19

Sie hatten sich geeinigt, bei Lydia vorbeizuschauen, weil sie vor dem Öff ohnehin etwas zu Abend essen mußten. Lydia war die Pianistin. Achim hatte sie vom Walnußhaus aus angerufen und dann mit Birgit Rücksprache genom-men. Lydia lebte unweit vom Schloß in der GO Molkerei. Das dreigeschossige Haus, an dem Birgit klingelte, war nur von Kleinfamilien bewohnt. Lydia empfing sie gleich in der Tür zur Erdgeschoßwohnung. An ihrem türkisfarbigem, weichem Hausmantel hingen mehrere kleine Kinder. Sie gingen gemeinsam in das große Wohnzimmer, das eine Eßecke besaß. In eine anderen Ecke stand ein Klavier. Der Tisch war schon gedeckt. Birgit und Achim nahmen dankbar Platz und machten sich mit den Kindern bekannt, während Lydia den Tee holen ging.

Achim hatte sich am Telefon zunächst darüber gewundert, daß sich Birgit kurzerhand bei der ihr kaum bekannten Frau zum Abendessen einzuladen gedachte. Aber sie seien doch alle RepublikanerInnen! hatte Birgit lachend erwi-dert. Das ganze Essen entstamme ohnehin demselben Topf. Im Grunde sei es völlig wurscht, wo die Republika-nerInnen heute oder morgen äßen, sofern sie anderen Republikanern nur keine unzumutbaren Mühen berei-teten. Dadurch würden nicht nur Restaurants gespart. Das hatte Achim dann eingeleuchtet. Dreckiges Geschirr oder die Notwendigkeit, neues Brot einzuholen, gab es hier wie dort. Die Kosten nahmen sich ebenfalls nichts. Insofern war es eher bereichernd, die nächstgelegene Eßgelegenheit ausnutzen und dabei vielleicht noch interessante Gespräche führen zu können.

Lydia war eine hübsche Frau. Achim schätzte sie auf 30. Um ihre lang- und feingliedrigen Klavierhände konnte er sie nur beneiden. Ihr ovales Gesicht war von schulter-langem, dunkelblondem Haar gesäumt. Sie wirkte erfreu-lich wenig mütterlich – nahm ihre lebhaften Kinder mit Ironie statt Heuchelei. Sie berichtete, ihr Mann Gerhard zähle zu den wenigen Republikanern, die auswärts arbeiteten. Da im Gesundheitszentrum kein Mangel an Zahnärzten herrschte, hatte er die in Mühlhausen gelegene Praxis seines Patenonkels übernommen und brachte so den „Topf“ der Republik nicht unbeträchtlich zum klingen. Wie sich versteht, betrog er weder seine Patienten noch die Krankenkassen. Solche Fragen zu entscheiden – soll oder darf Gerhard nach Mühlhausen gehen? – wurde keines-wegs dem Betreffenden oder seiner Familie allein über-lassen. In der Regel wurden sie in einer Arbeitsgruppe erörtert, und deren Vorschlag kam dann auf die Intranet-seite der GO und von dort aufs Plenum der GO. Gab es keine Einwände, war er diskussionslos angenommen. Immerhin mußten bei solchen Entscheidungen zahlreiche Gesichtspunkte berücksichtigt werden: Lohnt das Einkom-men den Fahrtaufwand? Ist es moralisch vertretbar? Macht Gerhard das gern? Wenn ja, warum? Könnte er nicht die furchtbaren Personallücken in der republika-nischen Firma Soundso füllen helfen? Kann er sich trotz der Auswärtsarbeit hinreichend an den GO-Aktivitäten beteiligen? Kommen seine Kinder nicht zu kurz? und dergleichen.

„Und wenn die Arbeitsgruppe abrät, aber Gerhard sich die Praxis auf keinen Fall entgehen lassen will?“ fragte Achim.

Lydia lächelte und hob ihre sehenswerten Hände. „Niemand zwingt ihn, Republikaner zu sein oder lebens-länglich zu bleiben. Deine Freundin wird ihn bestimmt nicht in den Heizungskeller des Rathauses sperren.“

„Meine Freundin?“

„Na, seid ihr nicht befreundet?“

„Doch, schon.“

„Ich sage euch, ihr seid sogar ein Liebespaar!“

Birgit bestätigte den Verdacht, indem sie Achim durchs Haar fuhr. Allerdings sagte sie sich zudem mit gemischten Gefühlen, Lydia mache sich als Teil eines Liebespaares sicherlich auch ganz gut. Gegen solche Anflüge von Mißtrauen oder Besitzgier half auch keine Ausbildung bei der Gothaer Polizei.

Die Kinder waren abgetaucht. Zwei von ihnen widmeten sich auf dem Sofa einem Bilderbuch, sodaß es recht still war im Raum. Das Fenster am Eßtisch ging nach hinten hinaus. Von dort her, aus dem Dunkeln, war jetzt ein unregelmäßiges, nach Holz klingendes Klappern zu vernehmen.

Birgit bemerkte Achims zum Fenster gespitzte Ohren und lachte. „100 Meter weiter wohnt die Wikingerkommune. Sie spielen leidenschaftlich gern Kubb. Dazu haben sie ihren asphaltierten Hinterhof sogar mit einer regelrechten Flutlichtanlage versehen.“

Sie wandte sich an Lydia und ergänzte: „Treiben die das um Mitternacht auch noch so?“

„Nein, nie.“ Sie warf einen Blick zum Sofa. „Meine Plagen sind meistens schlimmer!“

Achim ließ sich das Kubb erklären, eine Art von Kegeln mit Wurfhölzern statt Kugeln. Dann schnitt Lydia das Thema Musik an. Sie kannte CD-Aufnahmen mit Achim als Flötisten. Sie selber trat in Konräteslust gelegentlich mit Kammermusik oder ihrem Chor auf. Sie verabredeten sich für den nächsten Vormittag, um gemeinsam zu musizieren und vielleicht eine kurzfristig anzusetzende Aufführung zu planen. Für den Nachmittag war Achim bereits von der Mosterei der Bornmühle verpflichtet. Lydia meinte außerdem, er könne doch einmal mit in ihre BG kommen und den Schülern ein paar Takte aus seinem Berufsleben erzählen. Daraus entspännen sich erfahrungsgemäß aufschlußreiche Diskussionen. Das würde zum Beispiel übermorgen nachmittag ins Konzept passen. Dann erhielte er auch einmal Eindrücke von dieser Form des Unterrichts.

„Schüler und Schülerinnen? Ich dachte, es handle sich nicht um Schulen?“

„Das schon. Aber wir waren bislang unfähig, einen angemesseneren Namen für die BG-TeilnehmerInnen zu finden.“

„Schreibt einen Wettbewerb aus!“ schlug Achim kurzerhand vor.

„Keine üble Idee. Vielleicht zunächst nur in unserer BG. Man kann die Vorschläge immer noch ins Intranet stellen.“

„Gut“, nickte Achim aufgeräumt. „Geldpreise sind ja wohl verpönt. Ich schenke dem Sieger eine CD.“


20

Gegen 20 Uhr 30 trafen sie im Schloß ein. Sie waren nicht die einzigen, die die breite, ausgetretene Sandsteintreppe zum Turmsaal erklommen und dabei ins Keuchen gerieten. Andere bedienten sich lieber des Fahrstuhls, der auf der Gartenseite des Treppenhauses – vor allem wegen der BewohnerInnen des Libertären Altenheims Erwin Chargaff – nachträglich angebaut worden war. Der Turmsaal wurde je nach Bedarf mal von diesem, mal vom Hotel Hexensabbat benutzt. Heute diente er also der Durchführung eines sogenannten Öffs. Achim hatte auf dem kurzen Anmarsch von Birgit immerhin erfahren, worum es sich grundsätzlich bei solch einem Öffentlichen Forum handele. Einige Details des heute verhandelten Falles kenne sie zwar, aber Achim möge sich lieber unvoreingenommen in den Saal setzen. Deshalb schweige sie. Apropo: Redebeiträge oder andere Bekundungen der am Fall nicht unmittelbar Beteiligten seien zwar nicht verboten, jedoch nicht die Regel. Ein Zuschauer – und gar ein auswärtiger – habe sich sorgsam zu überlegen, ob und wie er in den Fall eingreife. Emotionale Bekundungen aus dem Stegreif seien sehr selten, was auch gut so sei. Schließlich gehe es fast immer gerade darum, hochge-gangene Wogen zu glätten.

Das Öffentliche Forum diente für Schlichtungen auf Republikebene. Es hatte auch Züge von Gerichtsver-handlungen. Eine Justiz im herkömmlichen Sinne gab es in Konräteslust mit Absicht nicht. Es gab weder Staats- noch Rechtsanwälte und auch keine Gefängnisse. Alle Konflikte wurden von den Betroffenen selbst behandelt, und zwar zunächst dort, wo sie entstanden waren, also überwiegend in den GOs. Dabei konnten nach Gutdünken unbefangene SchlichterInnen beigezogen werden. Das Öff wurde bemüht, wenn der Streitfall von vornherein alle RepublikanerInnen betraf oder aber auf der unteren Ebene nicht beigelegt werden konnte. Es war unter allen Umständen öffentlich. Geleitet wurde es von einem Trio, das der Stadtrat für Verkehrsformen bestimmte, wobei er oft die Vorschläge der Betroffenen berücksichtigte. Das Trio trat stets einmalig zusammen, durfte also in der selben Besetzung kein nächstes Öff leiten. Es fällte am Schluß der Verhandlung – nach öffentlicher Beratung – seinen Schiedsspruch. Ein Revisionsgremium über dem Öff war nicht vorhanden. Wurde der Schiedsspruch von einigen oder allen Betroffenen weder gebilligt noch in die Tat umgesetzt, hatte die Republik Pech. Der Fall blieb offen. Möglicherweise brachen Machtkämpfe aus. Es war bislang noch nicht vorgekommen.

Achim staunte. Obwohl im 3. Stock gelegen, war der langgestreckte Turmsaal immer noch riesenhoch. Zu den gleichfalls hohen Fenstern an den Stirnseiten stiegen beiderseits niedrige Tribünen an, damit die „Zuschauer-Innen“ besser sahen. Sie setzten sich neben Phil, den Achim auf der Hofseite entdeckt hatte. Wie ihm Birgit erklärte, ließen sich die Tribünen für anders geartete Veranstaltungen leicht abschlagen. Das mittlere Drittel des Saales war weitgehend frei gehalten. An den Längsseiten saßen sich hier lediglich die Betroffenen des Falles und das SchlichterInnen-Trio gegenüber: zwei Frauen und ein Mann. Das Parkett zwischen ihnen warf das Licht eines mächtigen Kronleuchters zurück. Vor beiden Gruppen standen Mikrophone, die mit einem Tonbandgerät verbunden waren. Offenbar ging es nur um das Protokoll. Punkt halb neun stand der männliche Schlichter auf, um von außen ein Schild an die Saaltür zu hängen und sie zu schließen. Es wurde schlagartig still. Die Tribünen waren nicht völlig besetzt; im ganzen mochten sich 200 Leute im Saal befinden. In dem Schlichter, der gerade wieder Platz nahm, erkannte Achim den schlaksigen Graukopf aus der Eingangshalle des Rathauses. „Jonny“, flüsterte Birgit ihm zu. Somit gehörte dem vom Stadtrat John Easten bestimmten Trio er selber an. „Die meisten Leute wollen ihn unbedingt!“ fügte Birgit hinzu, als könne sie Gedanken lesen. Jonnys kurzes graues Kopfhaar war drahtig gelockt. Eine Stupsnase gab ihm etwas Verschmitztes. Er erinnerte Achim an Kurt Valentin. Jetzt schob er sich die runde Messingbrille, die er geputzt hatte, wieder ins Gesicht, schaltete das neben ihm stehende Tonbandgerät ein und erklärte das Forum für eröffnet. Die Stimme klang sanft, ja beinahe einschmeichelnd. Achim hätte im Typus Valentin eher eine schnarrende Stimme vermutet.

„Liebe RepublikanerInnen, liebe Betroffene; Isolde, Mel und ich danken für euer Erscheinen. Wir verhandeln heute einen Streitfall aus der GO Kirschgarten. Ich fürchte, das eine oder andere davon ist euch bereits zu Ohren gekommen – das ist gerade Teil des Problems. Zu viele Mutmaßungen und Verdächtigungen kamen in Umlauf, bevor ein ernsthafter Versuch der Aufklärung und Schlichtung unternommen wurde. Und auch dabei wurden Fehler gemacht, wie wir glauben. So ist der Fall bei uns gelandet. Mel wird ihn jetzt in aller Kürze umreißen. Anschließend beginnen wir mit der Anhörung.“

Achim schätzte Mel auf sein eigenes Alter: Mitte 40. Obwohl rundlich, wirkte sie energiegeladen. Sie begann:

„Die wichtigste Zeugin steht uns leider nicht zur Verfügung. Anja ist erst drei. Sie lebt mit ihrer Mutter Gerlinde nicht in der GO Kirschgarten, besuchte dort aber regelmäßig ihren Vater Oliver von der Schuberthof-Kommune. Neuerdings läßt ihre Mutter sie nicht mehr hin. Gerlinde hält nämlich Erich vom Schuberthof für einen Kinderschänder. Dies wurde ihm eines Tages von den Männern seiner Kommune eröffnet. Gerlinde habe Oliver empört erzählt, Anja habe sich beim Spielen einen länglichen Bauklotz zwischen die Beine gehalten und festgestellt, jetzt habe sie auch so einen großen Puller wie Erich. Was – du hast Erichs großen Puller gesehen? Das habe Anja bestätigt. Erich schien ehrlich verblüfft; er beteuerte, von so etwas nichts zu wissen. Die Männer waren es zunächst zufrieden, doch Gerlinde blieb bei ihrer Geschichte, hielt Anja vom Hof fern, stritt sich mit Oliver, der allmählich wütend auf Erich wurde. Das Gerücht von dessen angeblichem Vergehen hatte längst die Hofmauer übersprungen. Er bekam es mit der Angst zu tun, suchte sich zu entlasten. Die Hofversammlungen jagten sich. Mit Ursula vom Schuberthof, Mutter der zweijährigen Inshia, trat eine weitere Anklägerin auf. Erich hatte Inshia zuweilen gehütet. Jetzt habe ein Schamanin aus Eisennach mit Hilfe einer sogenannten Familienaufstellung nach der Methode Bert Hellinger festgestellt, auch ihre Tochter sei mißbraucht worden. Von wem wohl? Zuletzt war es nur noch Brigitte, die von den sechs Schuberthoffrauen unerschütterlich bei der Meinung blieb, man könne Erich vielleicht manche Schwäche nachsagen, aber niemals das Zeug zum Kinderschänder andichten. Doch auch die meisten Männer der Kommune schwenkten um. Sie gaben Erich zu verstehen, er möge endlich ein Geständnis ablegen oder zumindest den Weg für Anja freimachen, indem er gehe. Darauf wandte sich Brigitte mit Zustim-mung von Erich an Jonny. Ich hoffe, meine Schilderung war halbwegs objektiv.“

„Danke, Mel“, sagte Jonny. Während er mit den Fingerspitzen beider Hände seinen Bleistift zwirbelte, blickte er etwas spöttisch zur gegenüberliegenden Betroffenen-Bank und ergänzte:

„Ich bilde mir allerdings ein, auf einigen Gesichtern Protest gegen deine Darstellung erblickt zu haben. Oder liege ich falsch?“

Einige Frauen auf der Bank wechselten Blicke, nickten einer der ihren aufmunternd zu, die sich auch durch Fingerheben meldete.

„Ja, bitte, Gerlinde.“

„Mel spricht von meiner 'Geschichte' und vom 'Andich-
ten' ...“ Ihre Stimme wurde schärfer: „Geht es darum, unsere Kinder vor Mißbrauch zu schützen, oder darum, mich als Lügnerin hinzustellen?“

Sie hatte ihr langes braunes Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Achim konnte sie sich auch in Reitstiefeln vorstellen. Eine gutaussehende Gutsherrin.

„Selbstverständlich gehen wir davon aus, daß du wie alle versuchst, bei der Wahrheit zu bleiben“, erwiderte Jonny besänftigend. „Das ist aber nicht immer so einfach. Wir haben uns zum Beispiel gefragt, warum du von Anjas Bemerkung her sofort auf einen Kindesmißbrauch geschlossen hast. Und bald darauf der halbe Schuberthof auch? War das nicht etwas leichtfertig?“

„Wieso sollte es? Wenn sie von einem 'großen' Puller spricht? Da hat sich jemand einen vor ihr abgewichst!“

Durch den Saal lief ein gewisses Raunen. Achim überlegte sich, welcher von den Männern auf der Betroffenenbank Gerlindes „jemand“ sein mochte, denn er hätte nicht in dessen Haut stecken wollen. Unterdessen hatte sich Isolde mit ihren Kollegen verständigt, das Wort zu ergreifen. Die große, dürre Frau, sicherlich wie Jonny schon um 60, sprach trotz Gerlindes Bissigkeit sehr sachlich.

„Ich lebe seit 30 Jahren in Kommunen. Wie wohl auch die SchuberthöferInnen einräumen werden, geht es in Kommunen zumeist nicht sonderlich prüde zu. Da gibt es doch für die Kinder tausend Gelegenheiten, den mehr oder weniger großen 'Puller' eines Kommunarden zu sehen – ihn zu fürchten, aber vielleicht auch zu bewundern. Wir haben gemacht, was ihr versäumt habt: wir haben mit Kinderpsychologen gesprochen. Sie sagen, Kinder hätten mindestens so viele sexuelle Phantasien wie wir Erwach-senen selber. Leider wurde auch versäumt, Anja sofort von einem unbefangenen Sachverständigen befragen zu lassen. Inzwischen glaubt sie verständlicherweise an die Geschichte, die ihr in gewisser Weise von ihrer Mutter bestätigt worden ist. Ich habe Anja übrigens bei Gerlinde besucht. Traumatisiert wirkt sie auf mich nicht.“

Eine andere Betroffene meldete sich. Sie war mindestens 50 und trug ihre Lehrerinnenbrille ganz vorn auf der Nase. Jonny erteilte ihr das Wort; sie hieß Brigitte.

„'Bestätigt' ist recht zuvorkommend ausgedrückt, Isolde. Wenn du mich fragst, ist Anja eine klassische Suggestiv-frage gestellt worden – falls es so war. Was – du hast Erichs großen Puller gesehen? Anja hatte ja nichts von 'gesehen' gesagt. Darauf wies ich damals auch sofort hin, aber damit bugsierte ich mich nur in die Rolle einer Abtrünnigen, die einen Kinderschänder decken will. Es war irre! Ich dachte: hier läuft die umgekehrte Hexenjagd. Erich wurde beargwöhnt und geschnitten, und dann trat auch noch Ursula mit ihrer Anklage auf!“

Jonny nickte. „Zur Erklärung: Ursula steht uns ebenfalls nicht zur Verfügung, weil sie Konräteslust nach dem Befund der Schamanin, ihre Tochter Inshia sei mißbraucht worden, Hals über Kopf verließ. Sie hält sich gegenwärtig in einer süddeutschen spirituellen Gemeinschaft auf ... Es scheint mir nun angebracht, einmal den bezichtigten Schuberthöfer Erich nach seinen damaligen Empfin-dungen zu befragen.“

Die Blicke gingen zu einem blonden Mann um 40, der keineswegs häßlich, aber ziemlich unscheinbar wirkte. Achim hatte auf ihn getippt, weil er schon die ganze Zeit seine Lippen aufeinander preßte. Jetzt rieb er sich zusätzlich das unrasierte Kinn. Als er sprach, merkte jeder an seiner etwas brüchigen Stimme, daß er seine Erregung unterdrückte.

„Der Schock traf mich am nächsten Morgen. Ich hatte die Befragung durch die anderen Schuberthof-Männer schon fast vergessen. Aber dann betrat ich die Küche. Es saßen auch ein paar Gäste an unserem großen Eckbanktisch. Das Gespräch stockte; mitleidige oder sensationslüsterne Blicke trafen mich; die Teekanne, die Oliver gerade über den Tisch reichte, gefror für einen Moment in der Luft. Es war offensichtlich: man war bereits dabei, sich über mein angebliches Vergehen das Maul zu zerreißen. Ich machte auf dem Absatz kehrt und verzog mich auf mein Zimmer. Unter dem Verdacht wurde mir plötzlich siedendheiß, denn mir dämmerte, daß ich Anjas und Gerlindes Geschichte niemals überprüfen, aber auch niemals meine 'Unschuld' beweisen konnte. Die Anschuldigung war ja zeitlich und örtlich nicht gebunden. Somit war kein 'Alibi' möglich. Saddam Hussein fiel mir ein, dem Bush und Blair das Messer auf die Brust gesetzt hatten: Beweise uns, in deinem riesigen Wüstenreich ist nicht ein Gramm Zyankali vergraben! Das fand ich dann immerhin witzig. Allerdings nur vorübergehend. Denn ehrlich gesagt, mir saß schon die Angst im Nacken.“

„Ängstigst du dich leicht? Neigst du zur Panik?“ wollte Jonny wissen.

„Leider ja. Ich habe schon mal ein großes Maul, aber kleinste Vorwürfe können mich bereits in Aufregung versetzen.“

Die Gesichter einiger Mitkommunarden bestätigten diese Selbsteinschätzung. Brigitte rührte sich. Ohne Jonnys Aufruf abzuwarten, warf sie ein:

„Deshalb hat er ja vermutlich so hektisch reagiert. Mit Hinweisen auf seine Unbescholtenheit, auf Widersprüche, auf möglicherweise unlautere Motive der beteiligten Kommunardinnen versuchte er sich auf unseren Krisen-sitzungen krampfhaft reinzuwaschen. Da sagten sich einige natürlich: Getroffene Hunde bellen.“

Mel sprach den Beschuldigten an. „Vielleicht hast du aus dieser Angst heraus an deiner Darstellung festgehalten, obwohl sie nicht der Wahrheit entsprach, Erich? Aus Angst vor Ächtung, Strafe, Vertreibung? Bleibst du überhaupt bei deiner Darstellung?“

Die Frage war nicht ungeschickt – fast eine Falle. Achim merkte, die Spannung im Saale wuchs.

„Ich bleibe bei ihr. Ich habe mir in Bezug auf die beiden Mädchen nichts vorzuwerfen ... Allerdings muß ich einräumen, daß ich ein paar Tage lang selber an meiner Unschuld zweifelte. Das war eine verrückte Sache. Ich sagte mir, vielleicht 'verdrängst' du etwas. Vielleicht bildest du dir nur ein, dich den Mädchen gegenüber stets korrekt verhalten zu haben. Ich zermarterte mir das Gehirn nach einer Gedächtnislücke, die mich überführt hätte – das war das Verrückte ... Inzwischen habe ich ebenfalls einen 'Verdacht', nämlich mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Selbstbestrafung gesegnet zu sein.“

Jonny gestattete sich ein leises Lächeln. Dann drehte er aber eine gespreizte Hand über dem Tisch: „Vielleicht, Erich. Das muß nicht unbedingt ausschlaggebend sein. Die Angst ist ein weites Feld. Warum gestanden bei den Moskauer Prozessen Altbolschewiken Untaten, die sie nie begangen hatten? Selbstbestrafung? Oder doch eher die Angst vor der Ächtung, die Mel erwähnt hat? Durch ihre falschen Geständnisse fielen sie wenigstens nicht aus der großen, sie bergenden Gruppe von Väterchen Stalin heraus. Sie dienten ihr damit nach wie vor. Sie gehörten noch dazu, wenn auch im Sarg ... Unabhängig vom Ausgang des Forums schlage ich dir jedenfalls vor, Erich, einmal nach den wunden Punkten in dir zu forschen, die die Pfeile geradezu anzuziehen scheinen. Hilfestellung dazu kann ich gern vermitteln.“

„Auch das noch! Nennst du das unparteiisch?!“

Der wütende Einwurf kam von einem sehnigem Lang-haarigen mit Hakennase, der auf der Betroffenenbank saß. Jonny blickte zu seinen Mitstreiterinnen – offenbar wollten sie die Antwort ihm überlassen. Während er vermutlich darüber nachdachte, wie sie auszufallen hatte, ließ er seinen Blick über die Tribünen wandern. Die Spannung stieg. Oder war es nur der Kniff eines mit allen Wassern der Gruppendynamik gewaschenen Schlitzohrs?

„Ich wage es, auf zwei unpopuläre Gesichtspunkte auf-merksam zu machen. Ich verstehe deine Ungehaltenheit, Oliver. Schließlich bist du der Vater. Aber darin liegt auch ein Problem – das wäre der erste Gesichtspunkt. So gut wie jeder Vater – entsprechend die Mutter – neigt dazu, sein Kind besonders gut oder heftig in Schutz zu nehmen. Es ist sein ganzer Stolz und nicht selten die wichtigste Quelle seines Selbstwertgefühls. Aber mit Gerechtigkeit hat dieses Clandenken, wie ich es gerne nenne, nichts zu tun. Es übersieht zu leicht, daß Millionen mißbrauchte, hungernde, dahinsiechende Kinder auf der Welt ent-schieden zu wenig Schutz genießen. Es ist unverhältnis-mäßig. Ich habe mir heute nachmittag bei einem Spazier-gang plötzlich gesagt: mein Gott, jetzt popelst du mit Mel und Isolde schon eine Woche lang an diesem Furz herum, der möglicherweise nur aufgeblasen worden ist, und die SchuberthöferInnen haben auch schon wochenlang daran herumgepopelt. Unterdessen schwebt wieder einmal die Giftspritze der Yankees über einem Schwarzen wie Mumia Abu-Jamal, der seit 27 Jahren im Todestrakt sitzt. Damit weg vom Kind und zum zweiten Gesichtspunkt. Da wir bekanntlich nicht dem Vergeltungs- und Rachegedanken, ja noch nicht einmal dem Strafgedanken anhängen, hat auch Erich Anspruch sowohl auf Schutz wie auf faire Behandlung. Auf seine Schuld oder Unschuld kommt es dabei noch nicht einmal an. Er ist unser Mitmensch. Plagt er sich – und andere – aufgrund schwärender Wunden, ist es unsere Pflicht und unser Interesse, ihm bei der Ausheilung zu helfen. Daher mein Angebot an ihn.“

Das Raunen lief wieder durch den Saal. Die Zustimmung oder gar Bewunderung schien zu überwiegen. Hier und dort gab es ein Kopfschütteln. Oliver starrte auf seine Füße; Gerlinde dagegen trug ihre hübsche gerade Nase ziemlich hoch und streifte das Trio mit höhnischen Blicken.

Hier hakte Isolde ein. „Brigitte sprach vorhin von möglichen unlauteren Motiven, die Erich oder auch andere bei seinen Anschuldigerinnen vermuten könnte oder tatsächlich vermutet. Möchte uns jemand dazu etwas sagen?“

Als sich kein anderer von der Betroffenenbank traute, gab sich ein jüngerer stämmiger Mann einen Ruck und meldete sich, indem er seine dunkel eingefaßte, modisch schlanke Brille anhob.

„Ja, bitte, Til.“

Er setzte die Brille wieder auf. „Es ist bei uns ein offenes Geheimnis“, sagte er lässig, „daß weder Gerlinde noch Ursula auf gutem Fuße mit Erich stehen. Gerlinde und Erich neigen beide zu Großspurigkeit, das biß sich seit jeh. Mit Ursula war es anfangs noch anders. Ein Blinder konnte sehen, sie machte sich Hoffnung, Erichs Zuneigung zu gewinnen. Es freute sie, wenn er Inshia hüten half und sich offenbar gut mit dieser verstand. Aber auf Dauer ...“

Da er seinen Satz in der Luft hängen ließ, hakte Isolde nach: „Was denn auf Dauer?“

Erich kam Til zuvor. „Sie merkte, ich hatte zu einer Liebschaft keine Lust. Im selben Maße wurde sie mir gegenüber schnippischer. Dann kam Anjas Geschichte – und in Ursula griff die Wahnvorstellung Platz, ich hätte mich an Inshia vergangen. Offenbar folgte sie dem beliebten Muster: Wenn einer den Bürgermeister ohrfeigt, dann hat er sicherlich auch dessen Amtsvorgänger umgebracht.“

Til konnte ein Schmunzeln nicht verbergen. Dann meldete er sich. „Darf ich noch etwas sagen?“

„Ja, sicher.“

„Ich glaube inzwischen, daß wir Männer auf dem Schuberthof etwas voreilig unsere Schwänze eingezogen haben. Die Frauen dort waren seit jeher stark. Sie kamen vom Feminismus her, witterten überall Frauenfeindlich-keit. Mit anderen Worten: wir Männer handelten wie Opportunisten, nämlich feige. Das stelle ich unabhängig davon fest, ob Erich Dreck am Stecken hat. Wir haben ihn im Stich gelassen. Ich sage das auch deshalb, weil mir Brigitte versichert hat, er habe sich in seiner Verzweiflung schon mit dem Gedanken an Selbstmord getragen. Denn was sollte er machen? Blieb er, saß er in der Hölle; flüchtete er, wurde es ihm unweigerlich als Eingeständnis seiner Schuld ausgelegt. Habe ich recht, Brigitte?“

Sie nickte.

Das war für Oliver zu viel. Er sah Til verächtlich an, zeigte ihm einen Vogel, stand auf und verließ den Saal. Die hohe Tür schlug ins Schloß. Isolde, die sie genau im Rücken hatte, zuckte leicht zusammen. Das „Publikum“ verhielt sich mucksmäuschenstill. Auf der Betroffenenbank ebenfalls keine Meldung. Erich hatte sich auf seine Schenkel gestützt und das Gesicht in seinen Händen vergraben. Dafür sahen zwei Schuberthoffrauen, die bislang stumm geblieben waren, in den Kronleuchter, der aufgrund des Abgangs von Oliver noch leicht zitterte.

Jonny wandte sich an seine Mitstreiterinnen. „Vielleicht sollten wir zur Beratung übergehen?“

Da Mel und Isolde nickten, verkündete er: „Die Anhörung ist beendet. Bitte keine Äußerungen mehr. Wir beraten jetzt den Spruch. Hört bitte gut zu – ihr werdet als Zeugen benötigt, falls mein gutes altes Tonbandgerät den Geist aufgibt. Aber ich denke, wir sind uns in wenigen Minuten einig geworden.“

Achim würde Birgit auf dem Nachhauseweg versichern, die sogenannte Beratung habe ihn am meisten beeindruckt. Denn sie sei ja eigentlich gar keine gewesen. Es sei denn, die drei SchlichterInnen hätten gegenseitig ihre Gedanken gelesen. Dazu meinte Birgit nur, die drei seien eben besonders erfahren, klug und hellhörig, deshalb hätten sie schließlich da vorn gesessen.

Sie begannen mit Schweigen. Offenbar versuchten sich alle drei zu sammeln und das Gehörte zu überdenken. Nach knapp zwei Minuten sagte Isolde:

„Ich denke, Gerlinde und Oliver waren von guten Absichten geleitet. An Anjas Geschichte zweifle ich nicht. Allerdings glaube ich an einen harmlosen Hintergrund dieser Geschichte.“

Mel und Jonny dachten nach – und nickten.

Jonny fuhr fort: „Mich erfreut die Selbstkritik von Til. Sie ist eigentlich erschöpfend. Ich füge dennoch hinzu: es war ein grober Fehler, sich nicht gleich um unbefangene SchlichterInnen zu bemühen. Das hätte die Wogen vielleicht noch im Ansatz geglättet. Aber dann griff das Klima der Hexenprozesse um sich – und damit war alles verloren. Dagegen kommt keiner an.“

Die beiden Frauen stimmten ihm zu. Nach einer Weile sagte Mel:

„Beweisen läßt sich natürlich nichts. Darauf hat ja Erich selber schon hingewiesen. Somit läßt sich der verheerende Verdacht nicht wirklich ausräumen. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, daß sich Erich einer bösen Verfehlung schuldig machte. Hat er aber selber ein reines Gewissen, muß er wahrscheinlich künftig gleichwohl damit leben, von soundso vielen anderen zeitlebens für einen Kinderschän-der gehalten zu werden. Das nenne ich tragisch. Aber es gibt auch Schlimmeres, wie ja Jonny schon angedeutet hat.“

Der nickte, Isolde überlegte. „Na, ich weiß nicht, Mel. Es gibt den Begriff der Verzeihung. Wer ihn anwenden möchte, ist gar nicht mehr darauf erpicht zu wissen, ob X jetzt Z getan hat oder nicht. Vielmehr geht er von der Unzulänglichkeit aller Menschen aus. Wir haben alle das Zeug für Grausamkeiten und begehen mindestens jede Woche eine davon. Für eine revolutionäre Rechtsprechung schwebte Saint-Just vor, den Angeklagten nicht schuldig, sondern schwach zu finden. Er hat diese Idee später als Konventssekretär im Elsaß grausam verraten. Aber ich würde sie gerade noch ausweiten. Sprecht euch aus, verzeiht euch eure Unzulänglichkeit, gelobt Besserung – das wäre mein Vorschlag an die Leute vom Schuberthof. Besteht nicht auf der Wahrheit! Denn in diesem Fall werdet ihr aus eurer Kleinkariertheit niemals herausfinden.“

Jonny verstülpte anerkennend seine Lippen, sah Isolde zärtlich an und schnalzte zweimal mit Daumen und Zeigefinger. Es war eine bekannte Geste von ihm. Er kannte sie aus Snookerkreisen und hatte sie sich angeeignet, obwohl er gar nicht Snooker spielte.

Mel dachte nach und bedeutete nach einer Weile mit einer Handbewegung: vielleicht hat sie recht.

Jonny wandte sich zunächst an die Betroffenenbank, dann an die RepublikanerInnen auf den Tribünen, die ihm fast an den Lippen hingen. Seine Worte klangen so abschließend, wie sie gemeint waren.

„Versucht es also. Für den Fall, es mißlingt, fordere ich alle anderen auf, Erich Angebote für ein neues Unterkommen in unserer Republik zu machen. Wir wünschen nicht, daß er uns verläßt. Wir haben gesprochen.“


21

An Recht, Rechtsstaat, Rechtspflege, Rechtssicherheit glauben nur Einfaltspinsel oder Demagogen. Dieser Glaube setzt den Glauben an die Eindeutigkeit der Dinge voraus. Sie sind aber so wenig eindeutig wie der Mensch und die von ihm erfundene Sprache. Wer zum Beispiel Gerlinde besser kannte als Achim sie kannte, ließ sich von ihrem herrischen Zug nicht mehr blenden. Sie wäre ohne Zweifel gern die herausgeputzte Gutsherrin gewesen, hätte diese Rolle aber niemals ausfüllen können. Mit ihrem Draufgängertum übertünchte sie tiefsitzende Minder-wertigkeitsgefühle. Ein Stolpern auf dem Hofpflaster konnte sie aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Stieß Anja versehentlich eine Blumenvase um, löste sie einen hysterischen Anfall ihrer Mutter aus. Doch zwei Stunden später, und Gerlinde war die Zärtlichkeit und Fürsorge in Person. Das Dumme war, man wußte nie, welche Seite wann zum Tragen kommen würde. Die Person Gerlinde war unberechenbar. Habe ich dagegen einen Paragraphen, der bestimmt, Totschlag sei verboten und werde mit mindestens fünf Jahren Haft geahndet, scheint die Sache klar zu sein.

Jedoch: stellt auch die Verabreichung von Gift einen Totschlag dar? Und wenn ich das tödliche Gift über Jahre hinweg in Form von Verachtung in das Herz meines Opfers träufele? Gar keine oder nur die Mindeststrafe? Der erwähnte schwarze US-Bürger Mumia Abu-Jamal schmort für eine angeblich im Handgemenge vorsätzlich begangene Ermordung eines Polizisten trotz erheblicher Zweifel an seiner Täterschaft seit 27 Jahren unter der Todesstrafen-drohung – kein Richter nennt das Unrecht und Folter. Wir sprachen bereits davon, daß auch die Phänomene Gewalt und Gerechtigkeit nicht eindeutig sind. Achim dreht seiner Tochter Iris, Bodo Ramelow der Republik Konräteslust den Geldhahn zu – wer wollte da von Erdrosselung sprechen? Läßt der deutsche Oberst Georg Klein von seinem behag-lichem Platz am Bildschirm aus ungefähr 100 afghanische Zivilisten bombardieren, ist es kein Mord oder Totschlag, weil es für eine gute Sache ist. Zweifel an der Güte verbittet sich „Verteidigungsminister“ Karl-Theodor zu Guttenberg. Ohrfeigen Sie einmal einen abgerissenen Obdachlosen, der ihren schönen Hund beschimpft! Es wird Ihnen nichts passieren. Aber ohrfeigen Sie einmal Guttenberg!

Hier prallt die Buchstabengläubigkeit des gesetzestreuen Bürgers auf die Machtverhältnisse. Es gibt keinen Paragraphen, den ich nicht so oder so auslegen könnte; bin ich aber machtlos, wird sich meine Version kaum durch-setzen. Dieses System der Rechtspflege funktioniert umso besser, je mehr es im Laufe der Zivilisation verkompliziert werden kann. Wissen und Winkelzüge haften magnetisch an den Platinuhren der jeweils herrschenden Elite, während der Indio nur seine Machete hat. Damit ist er dem Dschungel aus Paragraphen, Kommentaren und Ausnahmeregelungen nicht gewachsen. Dieser Dschungel erstickt jedes Bemühen um Gerechtigkeit im Keim, von seiner aberwitzigen Kostspieligkeit einmal abgesehen. Genau deshalb wurde er gepflanzt: er macht die Welt undurchschaubar und wirft Renditen ab.

Ein republikanisches Rechtswesen muß selbstorganisiert und egalitär sein wie die Republik auch sonst. Klappt das nicht, klappt die ganze Republik nicht. Ihre Verfassung genügt. Sie benötigt kein Gesetzbuch, denn jeder weiß, was gut und böse ist oder meint es jedenfalls zu wissen: darüber kann man sich verständigen. Während sich Gut und Böse stets gleich bleiben, liegt doch jeder Konfliktfall anders. Deshalb hat eine republikanische Schlichtung biegsam zu sein; sie erfindet das Recht ständig neu. Allerdings unterstellt sie dabei den wohlwollenden, gemeinnützigen Republikaner, während Cäsar, Krupp und Guttenberg den eigennützigen, auf Abwege sinnenden, Ränke schmiedenden, haßerfüllten Bürger unterstellen. Sie ernten, was sie säen. Die Republik benötigt keine Polizei, keine Erzwingungshaft, keine Strafe. Die soziale Ächtung erzwingt genug, falls es nötig sein sollte. Strafe beinhaltet den Vergeltungs- und Sühnegedanken, den freie sterbliche Menschen ablehnen. In eine groteske Welt gepropft zu sein, ist schon Strafe genug. Der Mensch, der gefehlt hat, soll nicht büßen; er soll es in Zukunft besser machen. Das Gefängnis macht ihn schlechter.

Der einzige Sinn einer Freiheitsstrafe unter republika-nischen Bedingungen könnte der Schutz der Gemeinschaft vor notorischen Übeltätern sein, beispielsweise Kinder-schändern, Vergewaltigern, Totschlägern. Doch zum einen wird man diese Sorte in der Republik kaum antreffen, sofern diese nicht unablässig von außen mit Gift vollge-pumpt wird. Zum anderen ist es in extremen Fällen immer noch besser, dem notorischen Übeltäter in Selbsthilfe das Handwerk zu legen, als ihn einer staatlichen Züchtigungs-maschinerie zu überantworten. Deren Gewaltmonpol wäre das weitaus größere Übel. Es wäre also vorzuziehen, den betreffenden Menschen zu verjagen, zu verprügeln, notfalls auch zu töten. Das hätten die betroffenen Repu-blikanerInnen persönlich und eigenhändig zu tun. Damit bliebe auch die Verantwortung für ihr Tun (und infolge-dessen beispielsweise ein schlechtes Gewissen) bei ihnen. So hielten es viele amerikanische Indianerstämme und viele Völker oder Gruppen vor ihnen. Wir dagegen delegieren unsere Verantwortung an die Züchtungsma-schinerie und widmen uns dem Frühstücksei nebst Zeitung.


22

Beim Erwachen in Achims geliehenem Bett mußten sie sich erst einmal aneinander erhitzen, denn die Zimmerluft war ziemlich kalt. Dem halfen sie dann ebenfalls gemein-sam ab: Birgit zeigte Achim, wie der kleine Ofen mit zerknülltem Papier und unterschiedlich großem Brennholz zu beschicken und die Luftzufuhr zu regeln war. Sowohl die untere Ofentür wie der Ausgangsstutzen zum Kamin waren mit Luftklappen versehen. Als sie beide Klappen nach 20 Minuten schließen konnten, gingen sie in die Wohnküche des Walnußhauses hinunter. Dort brodelte die Luft von Wärme und Stimmengewirr. Bald 15 Leute bevölkerten den ovalen Frühstückstisch. Birgit wurde teils mit „Hallo“-Rufen begrüßt. Nur Maja guckte etwas säuerlich. Sie versorgten sich mit Geschirr und nahmen an einer Tischecke zwischen Phil und Ingeborg Platz. Achim griff zur Kaffeekanne.

Ihr Kommen hatte die verschiedenen, parallel geführten Tischgespräche nicht nennenswert unterbrechen können. Diese wiederum hinderten Schlosser Klaus nicht am Zeitungslesen. Seine Nase steckte in der Jungen Welt, die auch an Berliner Kiosken zu sehen war. Achim schräg gegenüber hockte Majas 4- oder 5jährige Tochter Mirijam. Kopf zwischen den Fäusten, starrte sie vor sich auf den Tisch, wo weder Zeitung noch Frühstücksbrett lagen. Ihr Hort begann erst um neun, wie Achim wußte. Phil erkundigte sich bei Birgit nach Erich. Der beschuldigte Schuberthöfer habe sich auf dem Öff trotz der Klemme, in der er steckte, ziemlich gewählt ausgedrückt; was er denn mache? Achim hatte eigentlich den Wunsch verspürt, seiner eigenen köstlichen Klemme nachzuhängen, wenn es so ausgedrückt werden darf. Gemeint ist Birgit. In sechs Tagen war er sie los. Doch die Ablenkung um Achim war üppig. Mahmud trug einen gespielten lautstarken Streit mit einem langmähnigen Mann aus, den Achim bislang noch nicht im Walnußhaus gesehen hatte. Birgit hatte erwidert, soweit sie wisse, sei Erich vor Zeiten Buch-händler gewesen; jetzt arbeite er im Depot Süd mit, was ja Achim durchaus nicht kalt ließ. Von rechts her erscholl Majas Stimme: welche Marmelade Mirijam denn auf ihr Brot haben wolle? Keine Antwort. Das Lockenköpfchen preßte die Kinnladen aufeinander und starrte wie gehabt durch den Tisch. Maja musterte ihre Tochter wütend, fauchte ins Marmeladenglas und schmierte irgendetwas auf das verdammte Brot. Dann bat sie den Zeitung lesenden Klaus, das Brettchen mit dem Marmeladenbrot vor Mirijam abzusetzen. Er tat es ohne hinzugucken. Mirijam ließ es geschehen.

In dem lebhaften Küchenklima ging dieses Gefecht zwischen Mutter und Tochter locker unter. Vielleicht war es auch schon zu bekannt. Achim entsann sich dunkel ähnlicher Szenen mit seiner eigenen Tochter. Mirijams Bockigkeit konnte zum Beispiel ein Vergeltungsschlag sein, der mit Marmelade so viel zu tun hatte wie vermutlich jener Erich mit einer Kindesmißhandlung. Aber es konnte sich auch um eine Mahnung handeln, mit der Mutterliebe gefälligst ernster zu machen und der Tochter den gewünschten Marmeladennamen von den Augen abzulesen. Gestern hatte Achim vom Badezimmer aus zufällig mitbekommen, wie die heulende Mirijam ihre Mutter als „Arschloch!“ anschrie. Sofort hatte auch Maja aufgeheult: „Wie wagst du denn mit deiner Mutter zu reden! Womit habe ich das verdient?“ Auch das war eine Klemme, schon die dritte dieses Morgens. Denn kaum gescholten, gar „zusammengestaucht“, wird der „Goldschatz“ schon wieder gehätschelt und abgeküßt und bis in den Himmel gehoben. „Ich könnte dich fressen!“ pflegte Iris' Mutter gern zu schmachten. Tat sie aber nicht. Vielmehr stampfte sie im nächsten Moment mit dem Fuß auf oder warf die Tür ins Schloß. Wie soll ein Kind bei solchem Wechselbad ein ausgeglichener Mensch werden? Es wird immer an Selbstzweifel und Größenwahnsinn leiden. Von Iris hoffte er das allerdings nicht. Oder es wird das Geschick entwickeln, die Elternteile gegeneinander auszuspielen und so auf den knisternden Widersprüchen sein eigenes Süppchen zu kochen. Das heißt, es wird Politikerin oder eine Behördenleiterin wie Marianne Birthler. Man selber konnte MelancholikerIn werden.

„Du wirkst etwas abwesend“, hörte Achim dicht an seinem Ohr. „Woran denkst du denn?“

Achim seufzte und nickte in die Runde. „Ich glaube, auf Dauer wäre so ein Taubenschlag nichts für mich. Man kann sich schlecht sammeln. Ein Wanderfalke scheint ebenfalls anwesend zu sein.“

Er zwinkerte unauffällig auf Maja, worauf Birgit grinste. Doch dann versicherte sie süßlich: „Na, du wirst ja gleich bei Lydia sein. Die Plagen sind alle in den Hort gejagt, und bei solch andächtiger Stille wird die Pianistin und Strohwitwe sogar deinen Herzschlag hören ...“

Er verkniff seine Augen, ruckte ungläubig mit dem Kopf und zeigte ihr einen Vogel. Das wirkte auf Birgit komisch genug, um ihn jäh zu küssen. Dann wurde sie sachlich:

„Wenn du Schwierigkeiten mit Geselligkeit und Trubel hast, wird es dir bei Heinz Jäckel gefallen. Ihr seid verwandt. Wollten wir ihn nicht ohnehin besuchen? Na also. Ich rufe ihn gleich mal an.“

Sie ging zur Sofaecke und tat es. Heinz war zu Hause. Sie erklärte ihren Wunsch und schlug als Besuchstermin morgen vor dem Mittagessen vor, denn nachmittags hatte sie wieder Schicht im Rathauskeller. Heinz war offenbar einverstanden – und Achim auch, wie sie sah. „Trägst du uns gleich zum Essen ein? Gut. Bis dann, lieber Heinz.“


23

An der Obstpresse in der ehemaligen Scheune der Born-mühle fiel Birgit von der Erscheinung her in der Tat gegen Lydia deutlich ab. Neben einer steifen, weißen Plastik-schürze trug sie ebenfalls weiße, unförmige Stulpenhand-schuhe, um die sie jeder Fußballnationaltorwart beneidet hätte. Mit diesen Schaufeln verteilte sie das regnende Apfel- oder Birnenschrot auf einem großen Blech. Es prasselte aus der „neuen Bornmühle“ über ihrem Kopf. Sie war nicht größer als ein Pferdeschädel. Der erste Kunde der Nachmittagsschicht, ein beleibter, älterer Mann aus dem benachbarten Dorf Haina, hievte die Kisten mit Fallobst eigenhändig von der Ladefläche seines Auto-anhängers, um sie im weiß gefliesten Raum der Mosterei auf eine Schütte zu kippen. Von dort kollerte das Obst zwecks Säuberung in einen strudelnden Wasserbottich. Ein Spindelhub in einer senkrechten Röhre beförderte es dann zu dem Pferdeschädel über Birgits Kopf. Hatte sie ein Blech handhoch beschichtet, schlug sie ein weitmaschiges Netz über das Schrot und schob das nächste leere Blech darauf. Hatte sie fünf Bleche gefüllt, stoppte sie den Schrotregen per Knopfdruck und schwenkte den ganzen Stapel um 180 Grad in der Horizontalen unter die Presse. Während der Stoß recht langsam gestaucht wurde, nahm sie sich die nächsten leeren Bleche vor.

Für den Nachschub an leeren Blechen zu sorgen, zählte zu Achims Aufgaben. Er durfte die ausgepreßte Maische kurzerhand aus dem Fenster kippen, denn unter diesem stand ein andere Hänger, der von einem Schlepper der Domäne abgeholt wurde, sobald er voll war. Die Maische diente dort als Viehfutter. Vor allem aber hatte er die vollen Flaschenkästen von Kurts Tresen gegen leere zu vertauschen und hin und wieder eine volle Palette mit Flaschenkästen per Hubwagen auf den Hof zu bugsieren, damit sie der Dicke aus Haina auf seinen Hänger wuchten konnte. Die quadratischen Flaschen in den roten Plastik-kästen wurden heute von Kurt persönlich gefüllt. Er hatte die Mosterei federführend mit aufgebaut, organisierte die Schichten und machte auch die Termine mit den Kunden. Da er die Kunden nicht verprellen wollte, sprang er oft selber ein. Der kleine und schmächtige Mann, laut Birgit 62, hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, dafür schon falsche Zähne, also ein künstliches Gebiß. Doch immerhin saß ihm der Schalk im Nacken. Er nahm auch die eigene Tätigkeit, die nahe an Fließbandarbeit herankam, mit Humor. Den dünnen Plastikschlauch, aus dem der Obstsaft in die leeren Flaschen rann, nannte er seinen Katheter. Dieser Galgenhumor war allerdings nicht für die Ohren der Kunden bestimmt.

Am Anfang der Schicht hatte Achim zunächst gebannt zur Tülle der Presse geblickt, aus der stoßweise der pure, bräunliche Apfelsaft quoll. Birgit bemerkte sein Interesse und deutete mit ihrem Torwarthandschuh auf ein Wand-bord mit Trinkgläsern. So fing er sich mit einem Glas an der Tülle der Presse ein paar kühle, schäumende Schlucke ein, die alle Köstlichkeit seiner neuen Liebesbeziehung zu enthalten schienen. Immerhin war er geistesgegenwärtig genug, dem Kisten schleppenden Kunden seine Anerkennung zu signalisieren, war es doch das Obst von ihm. Der Dicke hatte sich gefreut. Die Republik verdankte ihren guten Ruf in der Gegend – und dadurch auch viele nützliche Bekanntschaften – nicht zuletzt ihrer Mosterei, die mindestens so gut wie die Konkurrenten in Gotha und Waltershausen, aber deutlich preiswerter war. Von der Presse aus strömte der Apfelsaft in einer Rinne zum Siedekessel, wo er auf rund 75 Grad erhitzt wurde; die Fachleute sprachen vom „Pasteurisieren“. Dadurch wurde er haltbar gemacht. Von dort aus kam er dann zu Kurt.

Nach rund zwei Stunden war der Dicke abgefertigt. Die nächste Kundin war zwar schon in einem Transporter vorgefahren, doch Kurt schlug eine kurze Pause vor und bat die Frau, noch 10 Minuten Geduld zu haben. Achim war es nur recht. Das Zutragen ging auf die Knochen, während Pressern und Abfüllern vor allem der Stumpfsinn zusetzte. Birgit befreite sich von ihrer Astronautenkluft. Kurt zog ein langes Kissen aus dem Wandbord. Sie gingen zu dritt die 30 Meter bis zur Nessebrücke, die gleichzeitig Hofeinfahrt war. Jetzt begriff Achim. Kurt legte das Kissen auf die Brückenmauer, und sie setzten sich. Kurt drehte sich eine Zigarette. Achim lehnte dankend ab. Während auf den Sandsteinen der gegenüber liegenden Mauer Sonnenflecken eines frühen Oktobertages zitterten, torkelten die ersten gefiederten gelben Blätter der Eschen ins Nessewasser. Achim pfiff eine Strophe des Volksliedes Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder. „Hübsch!“ nickte Kurt und blies ihm etwas von dem Nebel ins Gesicht, der auch noch in dem Lied vorkommt. Birgit sah es und kicherte. Dann erkundigte sie sich ohne hinterlistige Nebentöne nach dem Ergebnis der Probe mit Lydia.

„Sehr angenehm! Und sie spielt dreimal besser Klavier als ich. Wir haben uns entschlossen, für Samstag ein Konzert im Ziegeleisaal anzusetzen. Du weißt ja, sie leitet die BG Prokofiev. Ergo bringen wir dessen Sonate für Flöte und Klavier opus 94 zu Gehör! Das ist ein tolles Stück, es wird dir gefallen, Birgit.“

„Mir auch?“

Das war Kurt. Achim stieß ihn mit dem Ellebogen in die Seite: „Na klar!“ Dann beendete er seinen Bericht: „Wir proben übermorgen noch einmal. Doch morgen Nachmit-tag nehme ich erst einmal an ihrem BG-Unterricht teil. Darauf bin ich gespannt.“

Birgit teilte seine Freude.

Kurt sagte nachdenklich: „Wird es dir nicht langweilig, Jahr für Jahr jeden Tag stundenlang Flöte zu spielen und diese schweren Stücke zu üben? Wir zum Beispiel könnten jetzt nach der Pause die Plätze tauschen.“

„Wenn du mir das zutraust? Nichts dagegen!“ erwiderte Achim. „Nein, es wird mir selten langweilig. Die Vervoll-kommnung entschädigt für die Mühsal. Ein Gramm mehr Sattheit auf dem tiefen Cis befriedigt mich ähnlich wie euren Kunden eine zusätzliche Kiste mit Fallobst. Aber ich gebe zu, Abwechslung und Vielseitigkeit ist auch eine feine Sache.“

„Es hat ja auch seine ökonomischen Vorteile“, sagte Kurt. „Meldet sich in einem Betrieb der 'Freien Marktwirtschaft' die halbe Belegschaft krank, weil sie sich idiotischerweise gegen 'Schweinegrippe' impfen ließ, muß der Unternehmer entweder die Produktion drosseln oder unter zusätzlichen Kosten sogenannte LeiharbeiterInnen einstellen. Wir dagegen gruppieren unsere Kräfte einfach um. Das läuft mal informell in der GO, mal läuft es über den Stadtrat, der ja weiß, wo gerade Leute überzählig oder nicht so wichtig sind. Natürlich wird niemand dienstverpflichtet. Wer nicht will, will nicht. Aber die meisten wollen. Es ist ihre Republik.“

„Verstehe“, nickte Achim. „Phil aus dem Walnußhaus hat sich schon mal ähnlich geäußert. Mir fällt nur ein: Was macht ihr denn, wenn zwar Leute für die Mosterei da sind, aber kein Obst einrollt? Leerlauf?“

Kurt lächelte. „Und wenn es so wäre? Die Schrotmühle wird nicht schlechter, wenn sie mal steht. Und den Leuten wird nicht das Essen gekürzt. Aber Scherz beiseite: Ich bin über jede Lücke im Kundenplan froh, weil wir dann unser eigenes Obst einschieben können. Gestern haben wir wieder eine ganze Fuhre Apfelmost zur Domäne gekarrt. Ich nehme an, in den Depots kannst du schon welchen bekommen.“

„Im Moment leidet er ja keinen Mangel“, sagte Birgit mit einem Zwinkern. Achim hatte den Dicken bestimmt um einen ganzen Liter betrogen, weil er immer wieder sein Glas unter die Tülle gehalten hatte. Dann fuhr sie ernster fort:

„Etwas heikel sind die jeweils bevorzugten Arbeitsstile unter den lieben Kommunarden. Sie sind kaum weniger bunt als das Fallobst, das hier durchwandert. A. läßt sich nach spätestens zwei Stunden ablösen und verschwindet, während B. es liebt, 'reinzuhauen' bis zum Umfallen – um dann aber die Mosterei für mindestes eine Woche nicht mehr betreten zu müssen. Die einen wünschen laute Musik bei der Arbeit; andere Stille. Machen wir nur 20 Minuten Mittagspause, um die Maloche rasch hinter uns zu bringen, oder zwei Stunden, wie es etwa Ingrid behagt? Wegen dieser unterschiedlichen Bedürfnisse, die wir ja zu achten haben, muß in anarchistischen Kommunen ständig verhandelt und vereinbart werden. Das kann schon recht anstrengend sein – habe ich recht, Kurt?“

Kurt drückte seine Zigarette aus, verzog sein Gesicht und nickte zur Scheune: „Du hast recht, Birgit – machen wir weiter?“


24

Da Birgit nach dem Abendbrot anhand ihres Protokolls den Vorschlag der „Schlüsselgruppe“ schreiben wollte, streckte sich Achim im Gemeinschaftsraum auf der „Sofaecke“ aus – die fünf oder sieben Sofas waren halbkreisförmig angeordnet. Er blinzelte aus ziemlich schweren Augenlidern in den großen Raum. An einigen Tischen wurde noch gegessen oder gesprochen. In ausreichender Entfernung von seinen übergeschlagenen Füßen hatten sich zwei Kinder mit einem Baukasten niedergelassen, aus dem sie allerlei bunte Klötze, Kugeln, Stifte zogen. Die Wanduhr ging gegen acht. Jenseits der Tische waren zwei Leute zu sehen, die sich lautlos in der hell erleuchteten Küche zu schaffen machten: sie war nur durch eine Durchreiche und eine Verglasung, die bis unter die Decke ging, vom Saal getrennt. Ein Bärtiger kam und ließ sich mit einem Buch ebenfalls in der Sofaecke nieder. Bald darauf wurde an einem abgeräumten Tisch irgendein Brettspiel eröffnet, bei dem es hoch herging; daran waren Kinder und Erwachsene beteiligt. Das Telefon hing unter der Wanduhr über einem Pult. Hin und wieder klingelte es – zuweilen recht lang. Birgit hatte ihm erklärt, die Büros aller GOs seien in der Regel nur bis 18 Uhr besetzt. Unweit der Sofaecke stand eine Musikanlage, doch sie war nicht in Betrieb. Das könnte ähnlich heikel wie mit den Arbeits-stilen werden, dachte Achim. Die einen wollen zu ihrem abendlichen Plauderstündchen perlende Bachmusik, die anderen stampfenden Dixi, die Dritten gar nichts. Die Dritten sind in der schwächsten Position, weil gar nichts keine Eigenschaften hat, mit denen sich lautstark argumentieren ließe. Er konnte sich freilich im Moment nicht beklagen. Kreischte mal ein Kind auf, schlief er wenigstens nicht ein.

Nach einer halben Stunde kam Birgit zurück. Sie hing ihren Bogen Papier ans Schwarze Brett und setzte sich schräg auf die schmale Sofakante an seiner Seite.

„Müde?“

„Nun ja, ich war schon mal tatendurstiger“, erwiderte Achim.

„Was hieltest du davon, wenn wir zunächst einmal schön zusammen duschten und es uns anschließend auf meinem Zimmer gemütlich machten?“

Achim war einverstanden und rappelte sich auf. Dabei nickte er zu den beiden Kindern, zwei Buben um fünf: „Was haben die denn für trickreiches Spielzeug? Die basteln dauernd andere komische Figuren!“

Birgit sah hin und nickte lächelnd. „Kellners Steckfiguren. Die Holzteile können durch Gummimuffen ziemlich beliebig kombiniert werden. Kellner war mal hier und hat uns ein paar Bausätze geschenkt, so beeindruckt war er von der Bornmühle und der ganzen Republik. Ein Zim-mermann von uns hat einmal für ihn gearbeitet; Kellner baut auch Spielplätze. Die Bausätze sind gut, aber ent-sprechend teuer. Seine Firma sitzt im Kurort Tabarz im Thüringer Wald. Dort gibt es übrigens auch ein Hotel Zum Struwelpeter, weil dessen Schöpfer Dr. Heinrich Hoff-mann eine Zeitlang in Tabarz lebte. Wenn man so will, sind Kellners Figuren die köstlichen GegenspielerInnen Struwelpeters.“

„Wieder etwas gelernt!“ rief Achim aus und brachte sich ächzend auf die Beine. Der eine Junge hatte eine Figur ans Sofakissen gelehnt, die sich durch einen mordsdicken quadratischen Bauch auszeichnete, von dem als Beine oder sonstige Glieder drei Röhren abstanden. Der vergleichs-weise winzige Kopf hatte blonde Zöpfe. Achim zeigte im Vorbeigehen darauf und fragte:

„Kriegt die gerade ein Kind?“

„Hohoh!“ gluckste der Junge und faßte sich vor den Mund. „Is doch ein Mann! Bin ich selber!“

Wahrscheinlich hatte er Hahah gemeint, aber er sprach das Wort thüringisch aus, also beispielsweise wie Brohtwurscht.


25

An diesem Abend erzählte Birgit aus freien Stücken von ihrem Geliebten Gaston, der vor gut zwei Jahren umgekommen war. Sie saßen an Birgits kleinem, rundem Tisch, eine Teekanne auf einem flackernden Stövchen zwischen sich. Er war Franzose gewesen. Die Puppen-fabrikkommune in Waltershausen betrieb eine kreisweit beliebte Veranstaltungskneipe namens Spatz, in der es donnerstags immer Kino gab. Gaston wollte unbedingt den Film Themroc mit Michel Piccoli wiedersehen. Birgit verzichtete, da sie sich aus Kino nicht so viel machte. Der Umstand rettete ihr möglicherweise das Leben – „mir allein“, wie sie bitter sagte. Gaston nahm das Fahrrad. Da er bereits um 16 Uhr aufbrach, weil er in der Puppenfabrik eine Landsmännin hatte, war es noch hell. Waltershausen liegt rund 11 Kilometer südlich Konräteslusts am Thüringer Wald; die Unfallstelle am Hainberg etwa auf der Hälfte. Die Landstraße beschreibt dort eine S-Kurve. Ein 19jähriger Audi-Fahrer kam in hohem Tempo aus Rich-tung Teutleben. Statt das Gas wegzunehmen, versuchte er in der S-Kurve das sperrige Wohnmobil eines Urlauber-paares zu überholen. Dabei wirbelte er den ihm entgegen kommenden Radfahrer in die Luft. Er selber kam mit einem blauen Auge davon. Die Urlauberehefrau erlitt einen Schock. Der 19jährige wurde später wegen fahrlässiger Tötung zu einer Haftstrafe verurteilt, doch davon wurde Gaston nicht wieder lebendig.

Nach längerem Schweigen fragte Achim: „Wie alt war er denn?“

„32.“

„Jünger als du?“

„Ja, fast drei Jahre.“

„Furchtbar!“

Nach erneutem Schweigen fragte Achim: „Wie nimmt man denn sowas auf? Mir ist noch nichts Vergleichbares widerfahren.“

Birgit hob leicht die Hände und ließ sie wieder in ihren Schoß fallen. „Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Anke aus der GO Wöhlers Eiche – wo Gaston wohnte – hatte mir die Hiobsbotschaft überbracht. Es war hier im Zimmer. Ich sah Anke gar nicht mehr richtig. Sie war nur noch ein murmelndes Schemen. Wahrscheinlich hatte sie es kaum leichter als ich. Dann war ich für mehrere Tage wie betäubt. Es konnte vorkommen, daß ich minutenlang mit der einen Hand den Wasserhahn und der anderen die Zahnbürste umklammerte, während ich auf einen Astspund der Fensterbank im Badezimmer stierte. Auf meinen Besorgungsfahrten drohte ich mehr als einmal vom Rad zu kippen, weil ich zu langsam fuhr. Mein Schneckentempo war nicht etwa der Angst vor einem Unfall geschuldet; ich suchte alle Verrichtungen unwill-kürlich in die Länge zu ziehen, um nicht in das Loch von Gastons Abwesenheit zu fallen. Wir kannten uns kaum ein Jahr und verstanden uns prächtig. Er war gar nicht der Themroc-Typus. Er hatte etwas sehr Rücksichtsvolles und war doch nie Wachs in meinen Händen.“

Sie blickte auf ihre Hände und schwieg. Vermutlich sah sie Gastons schmales Gesicht vor sich, oder seine Brust, die vielleicht schwarz behaart war, vielleicht auch nicht. Achim wartete. Sie hatte ihm kein Foto von Gaston oder sonst einem Geliebten gezeigt. Vielleicht besaß sie überhaupt keine Fotos – wenn sie Kino wenig schätzte.

„Und was man in der ersten Zeit auch noch macht, ist wahrscheinlich vielen Leuten bekannt“, brach Birgit ihr Schweigen. „Man fragt sich: Warum gerade Gaston? Und warum gerade ich, der er jetzt schmerzlich fehlt? Hier hakte Jonny einmal ein, als ich mich bei ihm ausweinte. Du mußt wissen, vor Gaston war ich länger mit Jonny zusammen.“

„Das wußte ich bereits.“

„Woher? Von Phil?“

„Nein – ich habe es im Forum gespürt. Zuerst an eurem Blickwechsel und dann erhärtete sich meine Vermutung durch Jonnys bewundernswerte Art, das Forum zu leiten. Ihr paßt zusammen.“

„Ach ... Die BerufsmusikerInnen scheinen recht hellhörig zu sein“, sagte sie lächelnd. Dann fuhr sie fort:

„Jonny erinnerte sich an eine Szene aus Barbara von Wulffens Irischem Tagebuch Maureen. Sie stoße einem zunächst übel auf, doch dann gebe sie einem auch zu denken. Die Erzählerin sucht eine schwer verkrüppelte Dorfbewohnerin in ihrer armseligen Hütte auf, deren Wände vermutlich mit Heiligenbildern tapeziert waren, denn die Bewohnerin war noch frommer als die Erzäh-lerin, hinter der sich, kaum verbrämt, Von Wulffen verbirgt. Die Verkrüppelte hockt schief auf ihrem Bett. Das genannte Thema angesprochen, werde Maureen durch die Gegenfrage der Leidgeprüften verblüfft: Warum nicht ich? Im ersten Moment hätte man vielleicht Lust, Von Wulffen zu ohrfeigen. Die Frömmigkeit akzeptiert Gottes unerforschlichen Ratschluß, der in Form eines Vorschlag-hammers, Gehirntumors oder eben rasenden Automobils auf jeden fallen kann. Das nennt sie dann Demut. Doch dann habe ihn, Johnny, die Ahnung beschlichen, er mache es sich mit seiner Verdammung zu einfach. Ich hörte ihm zu und mußte ihm schließlich schweren Herzens beipflichten. In der Gegenfrage jener Verkrüppelten steckt ja immerhin der Fingerzeig auf all die Mitmenschen, die es ebenfalls trifft oder treffen könnte. Insofern hat sie einen solidarischen Zug. Ob das Unheil gegen eine Birgit oder eine Barbara verhängt wird, es ist gleich grausam. Manchmal trifft es beide zusammen, manchmal „nur“ Dritte. Es bleibt grausam. Doch Gleichheit bedeutet keineswegs Gerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit der Angelegenheit „Schicksal“ oder „Zufall“ steckt in der nicht nachvollziehbaren Willkür der Schläge. Nur das ist eigentlich das Empörende an der Angelegenheit. Das Empörende ist nicht, daß es gerade Frau Birgit Enderweins französischstämmigen Geliebten Gaston trifft. Es ist falsch, sich durch solche 'Heimsuchungen' gleichsam persönlich gekränkt und dadurch doppelt beschissen zu fühlen. Die Eitelkeit bläst sie zu just nur auf uns gemünzten Hausgespenstern oder – im Falle von 'Segnungen' – Schutzengeln auf. Man nimmt sich zu wichtig.“

Achim wog sein Haupt, verzichtete aber auf Einsprüche. Man konnte es so streng sehen. Ob ihn diese Sichtweise getröstet hätte? Schwer zu sagen. Doch ihm wurde warm ums Herz: er staunte über die Tapferkeit, mit der sich Birgit Gegengift gesucht hatte und mit der sie auch jetzt von der Angelegenheit sprach. Vielleicht sollte er ihr einen Besuch ...

„Liegt Gaston auf eurem Friedhof?“

„Nein. Auf Wunsch seiner Eltern wurde die Urne mit seiner Asche nach Frankreich überführt. Wöhlers Eiche hat aber eine sehr würdevolle Gedenkfeier ausgerichtet, an der ich teilnahm. Natürlich heulte ich wie ein Schloßhund.“

„Eine Feuerbestattung?“

„Ja, im Gothaer Krematorium. Hatte er so verfügt.“

„Ein Testament mit 32?“

„Mit 28. Wir sprachen öfter über den Tod – und über das sogenannte Jenseits. Wir haben sogar mehr als einmal darüber gelacht. Gaston war Vegetarier – und die Vorstellung, von Würmern verspeist zu werden, ging ihm gegen den Strich. Ich höre ihn noch schimpfen: Sie kriegen kein Gramm von mir! Sie haben die Evolution sowieso schon gewonnen!“

Sie lachte noch nachträglich und sah Achim kopfschüt-telnd an. Doch dann glitzerte es in ihren Augen, und das Teelicht, von dem sie die leere Kanne genommen hatten, zischte, weil eine Träne auf es fiel. Achim ging zu ihr und nahm ihr feuchtes Gesicht an seinen Bauch. Dadurch erstickte er bald ihr Schluchzen.

Aus irgendeinem Grund, den sie auch am folgenden Tag noch nicht wußte, kam sie dann jäh auf Jonny zurück. Sie sprach mit leuchtenden Augen. Vielleicht wollte sie einfach eine traurige durch eine fröhliche Geschichte tilgen. Sie hatte Jonny kennengelernt, als er einmal ein Treffen in der Kommune auf Schloß Tonndorf besuchte, wo sie damals noch lebte. Tonndorf liegt zwischen Erfurt und Weimar. Er verliebte sich Hals über Kopf in sie, während sie selber etwas spröde gewesen sei. Da drohte er scherzhaft, wenn sie ihn nicht erhöre, stürze er sich vom Turm; sie möge nur um 15 Uhr hinaufsteigen, dann werde sie es sehen.

„Die TonndorferInnen haben einen mordshohen, runden Turm mit Zinnen, mußt du wissen. Ich kannte ihn und die steinerne Wendeltreppe, die hinaufführt, natürlich gut. Aber jetzt stutzte ich vor den ersten Stufen. Auf jede Stufe war mit weißer Kreide ein Herz gemalt. Die Spitzen der Herzen zeigten durchweg nach oben, doch waren diese getreulich abwechselnd links und rechts gesetzt. Und diese Herzstapfen setzten sich über die ganze Wendeltreppe fort! Ich kapitulierte. Angesichts dieser Liebesmühe schwebte ich zunehmend nach oben, obwohl ich selbst-verständlich immer mehr nach Atem rang. Meine mit Knoblauch geschwängerten Atemstöße mußte dann der arme Jonny aushalten, denn ich fiel ihm gleich um den Hals. Anderntags fuhr ich mit Jonnys Delegation im Zug mit nach Konräteslust.“

Sie sah ihn etwas bange an. Vielleicht war er ja für Eifersucht auch nicht ganz unempfänglich, dann war ihre Geschichte womöglich leichtfertig gewesen. So fügte sie vorsichtshalber hinzu:

„Nur deshalb sitzen wir jetzt hier, mein Liebster. Ohne diese verdammten Herzstapfen hätten wir uns niemals getroffen.“


26

Das Einsiedlerhäuschen des Schriftstellers Heinz Jäckel zeigte den gleichen dunkelroten Backstein wie der Bahn-hof. Die kleinen, aber zahlreichen Fenster erinnerten noch an die frühere Nutzung als Toiletten- und Waschhaus. Über den leicht geschwungenen Fensterstürzen lief ein abgesetzt gemauertes Ornamentband nach Art eines Frieses ums Haus. Achim sah es bei einem Rundgang um das Häuschen, denn Birgit war zunächst einmal auf die Bahnhofstoiletten geeilt, weil Jäckels Klause in sanitärer Hinsicht zu wünschen übrig ließ. Die Bahnhofsuhr zeigte kurz nach 11. Der Himmel war verhangen. Das Häuschen hatte drei Außentüren. Es maß höchstens fünf mal acht Meter. Der niedrige Dachstuhl, der nur einen Kriechboden bergen konnte, war mit okerfarbigen Ziegeln gedeckt. Auf der anderen Seite der bucklig gepflasterten Bahnhofs-straße, die einstmals so manchen Trabi in ein Trapez verwandelt haben mußte, zog sich eine Zeile geduckter Vorstadthäuschen bis zur Hauptstraße hin. Dieser Zeile war Achim vor wenigen Tagen gefolgt ohne zu ahnen, daß sie an einem Liebesbrief schrieb.

Jäckels Vordertür aus beinahe gelber Eiche wirkte neu und gediegen. Sie klingelten. „Ist auf!“ erscholl es von drinnen. Birgit drückte die Klinke: es stimmte. Sie erblickten den Schriftsteller, der laut Birgit Anfang 50 war, durch zwei andere Türen vor einem großen Kachelofen, den er gerade schürte. Sie schlossen die Tür und gingen zu ihm. Er richtete sich auf, wetzte seine klobigen Hände zwecks Säuberung aneinander und reichte ihnen die Rechte. „Hallo, Hallo! Achim? Freut mich. Ich beneide Musiker-Innen.“

„Warum?“ wollte Birgit wissen.

„Sie können ihre Noten immer schön übereinander schreiben, damit man alles gleichzeitig hört. Mach das mal mit Buchstaben in einem Text!“

Sie schmunzelten. Jäckel hatte etwas von einem derben Kobold oder Waldschrat. Jedenfalls sah er nicht wie die SchriftstellerInnen aus, die die Edelfotografin Isolde Ohlbaum ins rechte Licht zu rücken pflegte. Immerhin paßte sein etwas gestauchter Schädel mit den ausgeprägten Stirnknochen und der breiten Nase zu seiner ganzen gedrungenen Gestalt. Sein brünettes Kopfhaar trug er kurz, doch hatte er buschige Augenbrauen, die seine Angriffslust eher unterstrichen als verbargen. Jetzt nickte er auf den Kachelofen, tätschelte ihn wie einen Ackergaul und erklärte Achim:

„Mein bestes Stück! Oder auch: das Herzstück dieser bescheidenen Villa. Wir legten Ofen und Kamin beim Umbau zentral an, sodaß sich hier die wesentlichen Zwischenwände treffen. Der Ofen strahlt in alle Zimmer, wird aber nur von hier aus befeuert, wie du siehst. So bleibt der Dreck in der Werkstatt.“ Er nickte auf eine Außentür, die zum Bahnhof ging: „Ab und und zu fege ich ihn kurzerhand aus der Tür – fertig!“

Achim nickte. Die kleine Werkstatt enthielt auch das Brennholz, einen Sägebock und Jäckels Fahrrad. Sie gingen nach vorn. Nach dem Pufferzimmerchen mit Duschkabine und einem Holzkasten, in dem Achim das Klo vermutete, standen sie wieder in Jäckels Küche, die auch als Flur diente. Sie betraten das Hauptzimmer, das allein die Westhälfte des Häuschens einnahm.

„Nehmt Platz, seht euch um, wie ihr wollt!“ sagte Jäckel. „Soll ich uns drei Cappuccinos aus dem Bahnhof holen?“

„Ich Eselin!“ nickte Birgit. „Die hätte ich gleich mitbringen können; ich war eben auf dem Klo.“

„Macht nichts!“ winkte Jäckel ab und verschwand.

Das Zimmer war spärlich und schlicht möbiliert. Auf dem Bett lagen ein paar Kissen. Gardinen gab es überhaupt nicht, Bilder nur wenige. Eins von ihnen, das Plakatgröße besaß, war merkwürdigerweise umgedreht. Eine Aus-nahme unter den Möbeln bildete ein gepolsterter Schaukelstuhl aus schöngemasertem, hellem Holz, der an einen Schlitten erinnerte. „Esche“, sagte Birgit, die Achims Blick sah. „Heinz hat ihn von seiner Großmutter geerbt und in der Wolkenbank aufarbeiten lassen. Das ist unsere Polsterei.“

Der Schaukelstuhl stand unweit der verglasten Hintertür, die Achim bereits von außen gesehen hatte. Er nahm Platz und schaukelte Probe. „Nicht übel, das Ding!“ Dann zog er sich den offensichtlich dazu gehörenden gepolsterten Schemel herbei, legte seine Waden auf ihn und blinzelte durch die „Terrassentür“ zum Hutewäldchen, das gleich jenseits der Gleise begann. Über den Baumwipfeln lugte Montaigne hervor, der Weinberg. Dann sah er sich nach Birgit um, die sich den Hals vor Jäckels verglastem Bücherschrank verrenkte.

„Was ist denn so primitiv an Jäckels Klo?“ erkundigte er sich.

Sie kicherte. „Kannst ja reingucken!“

Prompt stand er auf und ging durch die Küche zu dem Holzkasten neben Jäckels Duschkabine zurück. Er nahm den Einlegedeckel ab und sah den üblichen ovalen Ausschnitt eines Klositzes. Er schnupperte – kein nennenswerter Gestank. Unter der Sitzöffnung stand ein hochformatiger Henkeltopf auf einem kräftigem Pappkarton. Dieser Topf hatte auch wieder einen Deckel, den Achim vorsichtig lüftete, weil er sich inzwischen denken konnte, was der Topf enthielt. Er war mit einer Zeitung ausgeschlagen und halb mit Kot und Klopapier gefüllt. Der entweichende Geruch war erträglich. Achim schloß beide Deckel wieder und musterte ein graues dünnes Abwasserrohr aus Plastik, das von einer Ecke des Sitzkastens zur Decke und durch diese vermutlich auf Jäckels Kriechboden führte.

„Das Entlüftungsrohr!“ sagte Birgit, die inzwischen herbeigetreten war.

„Verstehe“, erwiderte Achim. „Und warum setzt er sich nicht gleich auf den Topf?“

Sie lachte. „Na hör mal! Er wollte den üblichen Sitzkomort, bei seinem breiten Hintern auch kein Wunder.“

„Und was macht er mit dem Topf, wenn er voll ist?“

Sie nickte zum Zimmer. „In dem Dickicht auf der Westseite hat er einen Komposthaufen mit mehreren Fächern, da kippt er ihn aus.“

„Und wo läßt er seinen Urin?“

„Eben das ist ja das Problem. Für Frauen ist seine Erfindung kaum geeignet. Er selber geht zum Pinkeln raus ins Dickicht, da hat er eine Art Pissoir in Form einer Lehmwand. An ihr kristallisiert sich der Urinstein an.“

„Mitten in einer klirrenden Winternacht, in der es auch noch schneit, geht er hinaus ins Dickicht?“

Sie grinste und deutete auf einen 5-Liter-Kanister, der auf den Dielen stand. „Dann nicht! Dafür hat er diesen Behälter.“

Achim schüttelte belustigt seinen Kopf, während sie wieder ins Zimmer gingen. „Das hat er ja wirklich fein ausge-tüftelt.“

Sie setzten sich an einen alten Küchentisch, der Jäckel zugleich zum Essen und Schreiben diente. Birgit stellte Jäckels Laptop beiseite und versicherte Achim: „Und viel trainiert! Das hat er mir jedenfalls mal erzählt. Er muß ja nicht nur den Topf oder seinen Hintern in die optimale Stellung bringen – er muß auch noch üben, nicht zu pinkeln, falls er mal dringend scheißen muß. Das ist nämlich gar nicht so einfach.“

„Ach so ... Man muß erst lernen, das zu trennen – verstehe. Wenn sein Verfahren Standard wäre, könnte man das ja gleich den kleinen Kindern beibringen, sobald sie aus den Windeln sind.“

Birgit grinste und sah zur Küche.

„Na, ich hoffe, ihr habt euch nicht gelangweilt!“ sagte Jäckel und bugsierte sein Tablett mit den dampfenden Tassen durch die Eingangsecke.

Achim zwinkerte zu Birgit und erwiderte: „Nicht die Bohne!“

Jäckel schob das Tablett auf den Tisch und setzte sich zu ihnen. Nach den ersten Schlucken fuhr er mit den Augen durchs Zimmer und fragte Achim:

„Genehmigt? Was hälst du von dem Ort meines Ringens um Weisheit und die richtigen Worte?“

„Sehr hübsch. Ich nähme ihn auch. Allerdings fürchte ich, das Bahnhofscafe wäre eine große Versuchung für mich. Wieviele Cappuccinos oder gezapfte Biere holst du dir denn so am Tag?“

Jäckel winkte ab. „Ich schreibe lieber wie im Rausch. Da vergesse ich oft sogar das Wassertrinken.“

„Trotzdem“, erwiderte Achim, hob seine Tasse und nickte zur Küche. „Wäre es nicht billiger, den Kaffee selbst aufzubrühen?“

„Wieso? Den Kaffee muß die Republik sowieso einführen; die Maschine im Bahnhofscafe läuft sowieso; das Geschirr mußt du hier wie dort spülen. Alles ein Topf!“

Achim sah ihn nachdenklich an. „Und das Geld, das deine Bücher oder Artikel außerhalb der Republik einbringen, wandert auch in den Topf?“

„Selbstverständlich.“ Er lächelte kokett, ließ seinen Brustkorb anschwellen und tippte mit dem Daumen darauf. „Ich zähle zu den Devisenbringern – zu den Säulen der Republik! Übertreibe ich etwa, Birgit?“

Da sie ihm sofort das Schulterblatt klopfte, zog er seine Brust wieder ein und lächelte befriedigt.

„Angenommen“, sagte Achim, „die republikanische Idee ergreift den ganzen Planeten und überall wird so gewirtschaftet wie hier. Wer kauft dann deine Bücher? Aus mit den Devisen – Kaffee gesperrt.“

Birgit lachte. Der Einwand bestach im ersten Augenblick.

Jäckel verstülpte die Lippen und drohte Achim mit dem Zeigefinger. „Denkfehler! Die Devisen erübrigen sich in diesem Fall, weil wir keinen Kaffee mehr kaufen müssen. Er gehört dann ja ebenfalls uns. Es ist nur noch ein Verteilungsproblem, ein logistisches!“

Birgit sah ihn strafend an. „Jetzt untertreibst du aber, Heinz! Es ist ein gewaltiges Problem.“

„Ich gebe es zu.“

„Im Weltmaßstab“, fuhr Birgit fort, „riesige Güterströme ohne Tausch, Verrechnung, Plan zu lenken, das ist ein großes Problem, sofern kein Chaos entstehen soll. Zudem dürfte die Gefahr von Betrug und Machtballung groß sein. Da lauert dann wirklich die Versuchung. Bei uns haben wir unmittelbarste soziale Kontrolle, aber wie willst du die Leute und Gremien kontrollieren, denen diese planeta-rische Logistik obliegt?“

Jäckel kratzte sich hinterm Ohr. „Da bin ich im Moment überfragt. Wie man liest, gibt es inzwischen hier und dort Ökonomen, die bereits über diesem Problem brüten. Nur wenn sie dann ihre Lösungen vorstellen, sind sie so schlecht geschrieben und dargestellt, daß sie irgendein Jäckel erst bearbeiten muß ...“

Achim warf Birgit einen Blick zu, den sie verstand. Sie sagte: „Heinz, wenn alle SchriftstellerInnen so eitel sind wie du, kann die künftige Weltrepublik höchstens ein Dutzend davon verkraften!“

„Ich gebe es zu.“

Achim lachte. Dann unterbrach er sich aber, spitzte die Ohren und sah an Jäckel vorbei zur Bahnhofsstraße. Jäckel kannte dieses Straßengeräusch natürlich schon: Hufschlag und Rasseln. Das DDR-Granitpflaster verstärkte es, als säßen sie in einem Tunnel. Gleich darauf schob sich ein zweispänniges Pferdefuhrwerk Richtung Bahnhof an Jäckels Vorderfensterchen vorbei. Der Wagen war schwer mit Möbeln beladen. Birgit erklärte, vermutlich sei die Fuhre für die ehemalige Saatgutzuchtstation bestimmt, in der sich die zentralen Möbel- und Kleiderlager befänden.

„Glück, daß es nicht regnet“, sagte Achim.

Jäckel winkte ab. „Es gibt Planen.“

„Aber verdammt laut!“ ließ Achim nicht locker.

Jäckel grinste. „Ich gebe es zu.“ Es schien sein Lieblings-satz zu sein. „Schopenhauer hat sogar die Flüche der Frankfurter Fuhrknechte verflucht, nicht nur das Wiehern und Rumpeln! Aber Sattelschlepper wären schlimmer. Man gewöhnt sich daran. Die Bahnhofsstraße zu asphal-tieren, darf ich ja in der GO nicht vorschlagen, sonst teeren und federn sie mich.“

Sie schmunzelten. Achim fragte: „Hast du nicht manchmal Lust gehabt, dir von deinen Einkünften ein flottes Auto zu kaufen, das dich im Nu ins Nationaltheater Weimar trägt? Oder zu deiner auswärtigen Geliebten?“

Jäckel schüttelte ernst und nachdrücklich den Kopf. „Nie und nimmer. Der moderne Autoverkehr ist die organisierte Kriminalität auf Erden!“

Achim blickte zu Birgit und seufzte. „Das kann man wohl sagen.“

„Und nicht nur wegen Gaston!“ fuhr Jäckel fort. „Du weißt es, Birgit. Der Autoverkehr zerstört alles. Landschaft, Luft, soziale Beziehungen, Bodenschätze, Stille, Gesundheit und alle möglichen Potenzen, die im Menschen schlummern – und nicht zuletzt das Pferd ...“

Jäckels Bemerkung weitete sich zu einem kleinen Referat über die tausend Vorzüge einer aufs Pferd setzenden Gesellschaft aus. Als er's nicht sah, verdrehte Birgit ihre Augen. Bei der nächsten Gelegenheit schlug Achim kühn eine Presche in Jäckels Redefluß, deutete auf das umge-drehte Bild an der Wand und stellte fest, dieses Pferd sei offensichtlich falsch herum aufgezäumt.

Jäckels Augen blinkten erfreut auf, doch dann gab er sich gelangweilt und winkte ab. „Ich kann es nicht immer ertragen. Von Zeit zu Zeit muß ich es umdrehen.“

„Was zeigt es denn? Eine Herde stürmender Pferde?“

„Bei dem Hochformat nicht. Nein, viel besser!“ Dabei zwinkerte er Birgit zu.

„Laß dich nicht veräppeln, Achim. Das ist Heinz' Glanz-nummer, die bringt er bei jedem neuen Besucher. Das Bild hat er vorhin um drei Minuten vor 11 umgedreht, jede Wette.“

„Ich gebe es zu ... Also erzähle ihm die Geschichte, Birgit!“

„Ich nehme an, du kannst dich noch an die millionen-schwere Kampagne Du bist Deutschland erinnern, die vor einigen Jahren unter bewährter Bertelsmann-Führung von 25 Medienkonzernen ins Werk gesetzt wurde? Na siehst du. Das im großen und ganzen mehr erfreuliche als unerquickliche DDR-Überbleibsel Junge Welt kam den Bertelsmännern damals auf die Schliche. Die Zeitung brachte ein Foto aus dem Ludwigshafener Stadtarchiv, das altmodisch gekleidete Menschen zeigte, die unter Straßenbäumen sowie einer gemalten Hitler-Visage ein langes Transparent in die Kamera hielten. Der Schriftzug Denn DU bist Deutschland war von authentischen Hakenkreuzen eingerahmt. Das Foto stammte von 1935. Jetzt ist Heinz dran.“

Jäckel hatte sich bereits vom Stuhl gestemmt. Er ging zu dem Bild, drehte es um und trat erwartungsvoll beiseite.

Es handelte sich in der Tat um ein Plakat. Man hatte ein Foto verwendet. Die Bildmitte wurde von einem Mann mittleren Alters im blauen Overall beherrscht, der sehr kämpferisch wirkte. Er war brünett wie Jäckel. Er war umgeben von Roten Fahnen und glänzenden Gesichtern. Die in großen Lettern ausgegebene Parole hieß: Die DDR, das sind WIR.

Achim grinste und schüttelte ungläubig seinen Kopf. „Wo habt ihr das her?“

„Jemand stöberte es beim Umbau der Ziegelei auf dem Speicher der Bürobaracke auf, rettete es und schenkte es mir, als ich ihn darum bekniete“, erklärte Jäckel voller Genugtuung. „Hämmerchen sagt, das hätten sie wiederholt bei Maiaufzügen durch Konradslust getragen. Vermutlich sah es in Eisenach oder Weimar nicht anders aus.“

„Auch so eine organisierte Kriminalität“, bemerkte Birgit trocken: „Patriotismus.“

Jäckel ging zu einem Vorderfenster und blickte kurz Richtung Bahnhof hinaus. Er nickte, öffnete seinen Bücherschrank, zog eine Mappe heraus, blätterte und nickte abermals. „Wenn es dir recht ist, Achim, lese ich dir den Schluß einer Kolumne vor, die ich vor Jahren zu diesem Fund schrieb. Anschließend können wir ja Essen gehen, es ist gleich eins. Dann erzählst du mir einmal ein paar Takte aus dem Berliner Musikleben. Oder was meinst du, Birgit?“

Da beide einverstanden waren, trug er im Stehen vor:

Bedenke ich den gleichsam naturwüchsigen Nationalstolz anderer Völker, kommt mir der Verdacht, den Deutschen müsse man ihn mit gewaltigem Brimborium regelmäßig einhämmern, weil es ihnen von Natur aus an jeder Selbst-achtung mangelt. Wo sollten sie diese auch hernehmen? Ob französische Revolution oder Verteidigung der spanischen Republik – von so etwas haben die Deutschen immer nur geträumt. Die DDR ist ihnen von den Russen in den Schoß geworfen worden. Wird es ernst, reißen sie aus und lassen sich von ihrem psychopathischen König nachrufen: „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ Nein, sie wollen Ruhe und Ordnung. Schon die sogenannte Novemberrevolution im Jahr 1918 war ein Treppenwitz, den sie sich spätestens von den reaktionären Freikorps zertrampeln ließen, die ihr sozialdemokratischer Nasführer Friedrich Ebert nach dem Kapp-Putsch zur Hilfe gerufen hatte. Aber wie kläglich ebneten sie erst der blutigen Posse die Bahn, die Adolf Hitler im Frühjahr 1933 aufzog! Sebastian Haffner schildert und beklagt es 1939 in seiner Geschichte eines Deutschen. Der junge, eher rechtsliberal gestimmte Jurist aus Berlin beobachtet eine derart feige, kampflose, schäbige Abtretung der Staatsgewalt an die braunen Banden, daß er seinem Vaterland nur noch eine „ungeheuerliche moralische Wesensschwäche“ bescheinigen und für fernere Tage sogar die Selbstauflösung prophezeien kann – mangels eines „festen, durch Druck und Zug von außen nicht zu erschütternden Kerns, einer gewissen adligen Härte, einer allerinnersten, gerade erst in der Stunde der Prüfung mobilisierbaren Reserve an Stolz, Gesinnung, Selbstgewißheit, Würde. Das haben die Deutschen nicht.“

Haffner behauptet mit überzeugenden Argumenten, eine wirksame Abwehr, ja sogar eine linke Revolution sei da-mals durchaus möglich – aber offenbar nicht erwünscht gewesen. Jene „völlige Abwesenheit von Rasse“ sieht er genauso bei den kapitulierenden Führern von Sozial-demokraten, Kommunisten („Schafe im Wolfspelz“) und Nationalliberalen wie an den Arbeitern und Kleinbür-gern, die aufgrund des Verrats ihrer Führer wie auch durch Angst, Rachsucht und Konjunkturgesinnung in hellen Scharen zu den Nazis überlaufen. Und was ist 1989/90 in der DDR gegeben worden? Die wievielte Farce einer Volkserhebung? Kaum war die Grenze offen, stürzte „das Volk sind wir“ in die Konsumtempel – und verließ es jeder durch eine andere Tür.



27

Die GO Bahnhof hatte ihren Speise- und Versammlungs-raum in der ehemaligen Güterabfertigung eingerichtet. Gleich nach dem Essen verabschiedete sich Jäckel, weil es ihn an den Laptop drängte. Durch die verglaste Flügeltür, die den Saal vom Bahnhofscafe trennte, sahen sie ihn auf die Bar zuhalten, wo er sich einen Espresso fertig machen ließ. Keeper war nicht Phil, sondern eine junge Frau, der Jäckel auch gleich ein paar Komplimente zu verabreichen schien. Als er mit dem Tablettchen in der Hand davon-pflügte, meinte Achim mit einem Nicken:

„Sein Glas Wasser!“

Birgit kicherte. Sie blickten dem Magier des Wortes noch durch die großen Saalfenster nach. Unter diesen zog sich die Rampe der ehemaligen Güterabfertigung hin, die im Sommer gern als Terrasse benutzt wurde. Über den Dächern lugten die Stadtkirche und der ebenfalls zipfel-artige Glockenturm des Schlosses hervor. Der Himmel war ähnlich grau wie der Schiefer.

Birgit setzte ihre Kaffeetasse ab. „Ist dir eigentlich aufge-fallen, daß der Held der Arbeit auf dem Ziegelei-Plakat die gleichen brünetten Haare wie Jäckel hat?“

„Nein. Willst du behaupten, Jäckel spiegele sich Tag für Tag im Anblick dieses umjubelten Helden? Der Blaumann ist doch viel schlanker und größer als Jäckel, zudem jünger.“

„Vielleicht gerade deshalb.“

„Ja, wer weiß ... Hat er eine Geliebte?“

„Er hat einen Geliebten, denn Jäckel ist schwul. Ein Orthopäde, glaube ich, aus Gotha; ich kenne ihn nur flüchtig. Kommt der Geliebte zu ihm, stellt er seinen BMW brav auf dem großen Parkplatz drüben ab; fährt Jäckel zu ihm nach Gotha, nimmt er brav unsren Zug.“

Achim nickte. Sie hatten den Zug inzwischen mehrmals gesehen oder vernommen, denn er fuhr stets um Voll und um Halb nach Bufleben ab. Achim ließ verschiedene herausgehobene Männer an sich vorübergleiten.

„Jäckel der Schriftsteller; sein Geliebter Orthopäde; Birgit Hündchen; Dömmersbach Erster Flötist; aber Jonny der größte Redner und Seelenarzt der Republik, den muß Dömmersbach erst mal ausstechen ... Das sind alles interessante Leute, und wenn sie gegeneinander um die Gunst des Publikums oder eben des Hündchens buhlen, spielen sie die Karte ihrer Interessantheit aus. Oder übertreibe ich?“

Birgit hatte ihre Stirn gerunzelt. Sein Gedankengang kam etwas unerwartet. Sie ließ die Fingerspitzen ihrer gespreizten Händen aufeinander tippen.

„Du vereinfachst vielleicht zu sehr. Diese Leute sind ja nicht nur ihre Funktion.“

„Aber in dieser oder mit dieser heben sie sich heraus. Von Klaus dem Schlosser nehme ich das weniger an, so wie ich ihn bislang erlebt habe. Er stellt nichts Besonderes dar.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Auf gar nichts. Jedenfalls nicht bewußt. Aber du wirst zugeben, mit der Gleichheit aller Menschen, das ist schon ein Problem.“

Er legte besänftigend seine Hand auf ihren Arm; sie ließ ihn gewähren, ohne etwas zu erwidern.

„Was war denn Gaston, wenn ich fragen darf?“

Sie lächelte und rührte sich. „Nichts Besonderes! Kein Abitur, keinen erlernten Beruf. Aber er war unglaublich wißbegierig und entsprechend vielseitig. Bügeleisen kaputt? Kein Problem, Gaston repariert es. Lokführerin erkrankt? Gaston fährt den Zug. Und so weiter. Kurz vor seinem Tod war er allerdings als Stadtrat für Auswärtiges vorgeschlagen worden. Seine Zugriffsfreude ist eigentlich erstaunlich, denn auf der anderen Seite war er ein ziemlich vorsichtiger Mensch, ein Zauderer.“

„Angst?“

„Ja, ein ängstlicher Mensch. Er nannte sich selber gern patte de lapin.“

„Pött de Lapá?“

Sie lachte. „Ja – Hasenfuß.“

„Ach ... Obwohl er mit dir über das Jenseits scherzte und sich verbrennen ließ?“

„Angst vor dem Tod hatte er nicht. Eher vor dem Leben! Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Wenn ich krank werde? Wenn etwas dazwischen kommt? Wenn sie mich im Stich lassen? Und so weiter.“

„Ein Hypochonder?“

„Manche nennen es so. Er war eben sehr widersprüchlich – wie alle interessanten Menschen.“

Achim hob die Brauen – und lachte. „Da haben wir es wieder!“


Fortsetzung Teil 3
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