Donnerstag, 19. Juli 2012
Konräteslust
Roman

Geschrieben 2010. Rund 140 Druckseiten.


Der Berliner Berufsmusiker Achim Dömmersbach (44) folgt in seinen Orchesterferien einem Fingerzeig, wonach sich seine verschwundene Tochter Iris in der nahezu autonomen Zwergrepublik Konräteslust aufhalten könnte. Diese befindet sich bei Gotha (Thüringen) im ehemaligen Städtchen Konradslust. Sie umfaßt 3.000 Leute. Sie kommen ohne Geld, Hunde, PolitikerInnen, Schulpflicht aus. Auch Verkehrsschilder erübrigen sich – Autoverbot. Ihre Streitkräfte belaufen sich auf acht als Hündchen bezeichnete Leute, die im Lauf der 20jährigen Republikgeschichte („Wende“!) selten zu ihren Pistolen griffen. Dömmersbach schließt nähere Bekanntschaft mit einem Hündchen, das einmal einen ausheimischen Nazi anschoß. Gegen Ende von Achims Aufenthalt muß Birgit mit der republikeigenen Feuerwehr ausrücken – Brandstiftung. Zu den Höhepunkten des Romangeschehens zählen Achims Besuch einer Bildungsgruppe (BG Prokofiev), ein sogenanntes Öff (Öffentliches Forum), bei dem ein angeblicher Kindesmißbrauch verhandelt wird, und das Monatsplenum der Republik in der mächtigen Stadtkirche, in das ein Clown platzt, der sich als Friseur ausgibt. Der Roman taugt nicht für humorlose Menschen. Auch für Mitglieder der Ex-PDS oder von Attac ist er ungeeignet, beweist er doch, das andere Leben ist machbar.

Das Manuskript wurde in zwei Jahren genau 30 Verlagen unterschiedlichster Größe angeboten, die vom Programm her geeignet erschienen. 12 von ihnen reagierten, dabei vorwiegend mit Musterbriefen. Drei von diesen forderten das vollständige Manuskript an, sagten dann jedoch ab.

Nennenswerte, nämlich hilfreiche Kommentare erhielt ich lediglich von einem Verleger und einem Schriftstellerkollegen. Sowohl der Berliner Verleger M. wie mein Erfurter Kollege Dietmar Beetz stammen aus der DDR, doch wie es aussieht, ist mir bei der Verschickung des Manuskriptes an die beiden eine Vertauschung unterlaufen. M. hält das Manuskript, das ihn erreichte, vor allem wegen des „agitatorischen“, belehrenden Zuges für mangelhaft, wie er mir im Juli 2012 per Email schreibt. Es sei keine Literatur. Dafür seien auch die politischen Spitzen (Bezüge) zu „zeitnah“. Im Übrigen kommt ihm die vorgestellte Republik gar zu schöngefärbt vor. Beetz dagegen schrieb mir im Februar 2010:

Ihr „Konräteslust“ ist heute und hier zwar eine Utopie, doch sagt der Text unüberhörbar „No“ zum herrschenden Nonplusultra, und allein das macht ihn zur Rarität auf dem gigantischen Lit-Müll-Markt. Herrlich dabei: die top-aktuellen Seitenhiebe, die für den großen, heiter-ernsthaften Entwurf quasi Reißzwecken sind, nicht etwa bloß bissel Rumsticheln in zeitgeist-obligater Event-Gaggel-Manier. Packend, zumindest für mich, die an sich gemächliche Erkundungsreise, beschrieben in angemessen präziser Prosa ...


Teil 1 (1–13) Teil 2 (14–27) Teil 3 (28–39)



1

Der Zug nach Konräteslust war nicht zu übersehen. Er stand auf dem einzigen Gleis, das auf der Westseite des kleinen Umsteigebahnhofs Bufleben abging. Die Lackierung des stromlinienförmigen Kurzzugs zeigte die gleichen schrägstehenden geschlängelten Felder, die Achim in der Broschüre gesehen hatte, die in seinem Rucksack steckte. Dort prägten sie als mittig verlaufendes Band das Stadt- und Republikwappen von Konräteslust. Die schmalen Felder waren abwechselnd schwarz und rot gefärbt. Dem flotten Zug verliehen sie eine Art Sprungkraft nach vorn. Das Übermütige daran wurde von einer Linde abgemildert, die den Zug beschirmte. Sie war noch weitgehend grün, da wir erst Ende September hatten. Während Achim durch ihren Schatten tauchte, sagte er sich allerdings, bei einer eingleisigen Strecke mochte die Lackierung in der Gegenrichtung bremsend wirken, weil der Zug in Konräteslust nicht gewendet werden konnte oder mußte. Ein Mensch mit prophetischer Gemütsverfassung hätte von daher befürchtet, nicht so schnell wieder von Konräteslust loszukommen, aber der 44jährige Berufsmusiker Achim Dömmersbach war eher ein unerschrocken gestimmter Mensch. Außerdem hatte er spätestens in 10 Tagen wieder in Berlin zu sein, waren doch dann die Orchesterferien vorüber.

Der Zug aus Gotha hatte rund ein Dutzend Leute entlassen, die jetzt den Zug nach der Zwergrepublik an der Nesse bestiegen. Die Kreisstadt Gotha lag keine fünf Kilometer südlich von Bufleben. Nach wenigen Minuten folgten noch einige Fahrgäste, die von Mühlhausen her kamen. Die Bahnhofsuhr ging auf 12 Uhr 45. Während Achim auf einem Fensterplatz sein Vesperbrot nebst Apfel aus dem Rucksack kramte, setzte sich der schwarzrote Kurzzug in Bewegung. Die gepolsterten Bänke waren nur mit einem schlichten grauen Stoff bezogen. Dadurch vermieden sie es immerhin, sich mit der farbenfrohen Kleidung der Fahrgäste oder den in ihrem Rücken angeschnallten Fahrrädern zu beißen. Andererseits wurden die Republikfarben offenbar auch vom Personal getragen. Achim hatte kaum in seine Klappstulle gebissen, als sich eine etwas füllige Frau um 50 aus der Fahrerkabine zwängte und die ihr am nächsten sitzenden Fahrgäste um ihre Fahrausweise bat. Zwar steckte sie nicht in Uniform, aber ihr hübscher brauner Schopf wurde von einem Stirnband gebändigt, das just dem Mittelstreifen des Konradsluster Wappens glich. Ihr kontrollierendes Amt übte sie erfrischend unverkrampft aus. Hier und dort gab es sogar Gelächter, weil sie einen Scherz gemacht hatte. Achim fiel auf, die meisten Fahrgäste wiesen nicht die üblichen Scheine der Bundesbahn vor, vielmehr eine Art Blechmarke, die ihn im ersten Moment unangenehm an Polizei erinnerte. Manche Leute hatten sie um den Hals hängen, so daß sich ein Hervorkramen erübrigte. In diesen Fällen konnte sich die Schaffnerin auf ein Nicken beschränken. Wie er am Hals eines jungen Mannes ablas, der ihm schräg gegenüber saß, zeigten die ovalen Marken ein geprägtes Bild ähnlich wie große Münzen, aber weder Zahl noch Schrift. Es schien aber nicht bei allen Leuten unbedingt das gleiche Bild zu sein. Als die Schaffnerin bei Achim eingetroffen war, erkundigte er sich nach der Bewandtnis der Marken.

„Sie waren noch nicht in Konräteslust?“ reichte sie ihm lächelnd seinen in Berlin ausgestellten Fahrschein zurück. „Wir sind ja etwas kleiner als die deutsche Hauptstadt. Die Marken sind unsere Republikausweise. Darauf können wir alle Einrichtungen der Republik umsonst nutzen.“

Sie kramte ihre eigene Marke aus der Hosentasche, ließ Achim einen kurzen Blick darauf werfen, nickte freundlich und wandte sich den hinter ihm sitzenden oder stehenden Fahrgästen zu. Täuschte sich Achim nicht, hatte die Prägung ihrer Marke einen Steg über einen Bach angedeutet.

Die Fahrt ging über leicht gewelltes Land. Der Zug hielt in jedem Dorf. Ohne die Gründung der Zwergrepublik wäre diese Nebenstrecke vermutlich wie zahlreiche andere in Thüringen oder Brandenburg dem sogenannten Aufbau Ost zum Fraße gefallen. Sie war nur 12 Kilometer lang. Wie Achim der Broschüre entnommen hatte, besaß die Republik einen kaum kündbaren Pachtvertrag über die Strecke und betrieb sie selbst. Durch die Broschüre wußte er auch den früheren Namen des Städtchens, in dem der Endbahnhof der Stichstrecke lag: Konradslust. Er leitete sich von einem Gothaer Herzog her, der um 1680 darauf erpicht gewesen war, im hübschen Nessetal ein „Klein-Versailles“ zum Zwecke der Sommerresidenz und natürlich des Prahlens errichten zu lassen. Um das Schloß wuchs dann das Städtchen. Später kam noch eine ebenfalls barocke mächtige Stadtkirche hinzu. Ohne den Fingerzeig auf Iris' möglichen Verbleib hätte Achim vermutlich von der Existenz des Nessetals so wenig erfahren wie von der 1991 ausgerufenen Republik Konräteslust, nämlich gar nichts. Inzwischen hatte sich die Strecke vom gewundenen Flußlauf entfernt. Zur Linken zog sich Auwald hin, während zur Rechten ein Hang anstieg. Mit dem Ende des Waldes wurde der Blick auf Häuser frei, die von zwei Türmen beherrscht waren. Beide wiesen Schieferhauben mit „Griffen“ auf – die Form erinnerte an die Bimmeln der längst ausgestorbenen Milchmänner und Lumpensammler. Das mußte Konräteslust sein. Tatsächlich war der Name bereits auf der elektronischen Anzeigetafel erschienen. Er wurde zudem von der nüchtern klingenden männlichen Lautsprecherstimme angesagt, die Achim bereits kannte. Er schob sich den Grips seines Apfels zwischen die Zähne, verschloß seinen Rucksack, stand auf und zog ihn über. Erfreulicherweise verzichtete der Ansager darauf, Durchhalteparolen oder einen Verhaltenskatalog für die Touristen unter den Fahrgästen auszugeben. Vielleicht hatte Achim mit so etwas gerechnet, weil sie durch die ehemalige DDR fuhren. Er war nicht in ihr geboren worden, vielmehr in Bremen; aber sein Vater hatte ihr viel Sympathie entgegengebracht. Sein Vater war ein betrübliches Kapitel in Achims Leben.

Das zweigeschossige Bahnhofsgebäude aus dunkelrotem Backstein erinnerte noch an die DDR. Es war nicht „aufgehübscht“ worden, wie sich Iris in solchen Fällen gern ausgedrückt hatte. Nur seine schwarz auf Weiß gemalte Inschrift – Republik Konräteslust – wirkte frisch. An Tischen auf dem Bahnsteig saßen einige Gäste der Bahnhofsgaststätte. Mehrere Ankommende gesellten sich gleich zu ihnen. Auch im Gebäudeinneren saßen Gäste, wie Achim durch die aufstehende Flügeltür sah. Neben der Tür fand sich die Kurzform des vermißten Verhaltenskatalogs. Er hing zwischen dem Fahrplan und dem Stadtplan – wie diese – in einem Schaukasten. Verehrte Gäste aus dem geplagten Westen! lautete die Überschrift. Da Achim nach wenigen Sätzen merkte, sie bereits in der Broschüre gelesen zu haben, wandte er sich dem Stadtplan zu und verglich ihn mit den Ausblicken, die er bislang erhascht hatte. Der Bahnhof lag am Nordrand der Stadt. Jenseits der Schienen gab es keine Bebauung mehr. Hinter dem sogenannten Hutewäldchen stiegen Felder an. Laut markiertem Grenzverlauf gehörten sie noch zur Republik. Auch der Auwald und ein Wald im Süden lagen innerhalb der Republikgrenze. Rund 200 Meter hinter den Prellböcken stieß die Bahnhofstraße auf die Hauptstraße, die das Städtchen von knapp 3.000 EinwohnerInnen völlig durchzog. Im Zentrum berührte sie den Marktplatz mit der Stadtkirche und dem Rathaus, gleich dahinter das Schloß. Das Rathaus war bislang das einzige Ziel, das sich Achim gesteckt hatte, denn dort wollte er sich nach Iris erkundigen. Das Schloß barg teils das Libertäre Altenheim Erwin Chargaff, teils das Hotel Hexensabbat. Da der Touristenansturm der Sommerferien schon vorbei war, ging Achim davon aus, in dem Hotel notfalls ein Zimmer zu bekommen. Jetzt entschloß er sich, vor dem Fußweg ins Städtchen einen Capuccino zu trinken (sofern es einen gab) und sich nach einem Übungsraum zu erkundigen. Durch die lange Enthaltsamkeit während der Zugreise kamen ihm seine Lippen schon wie vertrocknete Apfelschnitzen vor.

Der Capuccino schmeckte sogar ausgezeichnet. Achim hatte sich gleich am Tresen auf einen Barhocker geschoben. Sein Blick schweifte durch den lichten Gaststättenraum, der fast das ganze Erdgeschoß einzunehmen schien. Es gab weder Bedienung noch Beschallung. Kamen die Gäste zum Tresen, um ihre Bestellung abzuholen, verfuhr der Barkeeper nicht anders wie schon die Schaffnerin: statt zu kassieren, begnügte er sich mit dem Anblick der Republikmarken, falls er die Leute nicht sowieso kannte. Im internen Verkehr Konräteslusts spielte das Geld keine Rolle mehr. Ein Tourist wie Achim würde selbstverständlich auch sein Hotelzimmer bezahlen müssen. Dann fiel ihm die Bemerkung aus der Broschüre ein, anfangs habe das Hotel im Schloß Hexenverbrennung gehießen. Es sei umbenannt worden, weil der Name vielen Gästen und sogar manchen Einheimischen gar zu makaber vorgekommen war. Achim wandte sich an den Barkeeper, der gerade Weingläser polierte:

„Entschuldigen Sie bitte – wissen Sie zufällig, wie man damals auf den ursprünglichen Hotelnamen Hexenverbrennung gekommen war?“

„Was heißt hier man?“ erwiderte der Mann mit einem Lächeln, das durch etliche Furchen mit grauen Bartstoppeln verschmitzt wirkte. Achim schätzte ihn auf Mitte 60. Sein schütteres graues Kopfhaar war sorgfältig zurückgekämmt. Er warf sein Geschirrtuch beiseite, hakte seine Daumen in seine großkarierte Weste und nickte Richtung Schloß:

„Das Hotel verdankt sich ursprünglich einer Fraueninitiative. In den Sälen des Schlosses fanden die Frauen Kamine aus Marmor vor, die wuchtig genug waren, um sogar einen Dickwanst wie den Herzog Konrad darin zu verbrennen. Gemälde, die ihn zeigen, hängen im Gothaer Schloß Friedenstein. In Wahrheit hat natürlich der fette Herrscher Hexen verbrennen lassen, wenn auch nicht in seinen wertvollen Kaminen. Daran wollten die Frauen mit ihrer Namensgebung erinnern.“

Achim gluckste, nickte verständnisvoll und griff in seine Jacke. „Danke für die Auskunft! Was bekommen Sie von mir?“

„Einen Euro.“

„Was – mehr nicht!?“

„Naja, wenn Sie steinreich sind, können Sie auch gerne 10 zahlen“, hob er seine in der Weste eingehakten Hände. „Wandert alles in die Stadtkasse!“ Dann nahm er ein mit leeren Tassen und Kuchentellern gefülltes Tablett entgegen, das ihm eine Gästin zuschob, und machte sich ans Spülen.

Das habe ich nun davon! dachte Achim belustigt, zupfte einen Fünf-Euro-Schein aus seiner Geldbörse und wedelte mit ihm über dem Spülbecken. „Der Capuccino war prima. Ich habe noch ein Problem, denn ich bin Flötist und muß täglich üben. Wüßten Sie in der Stadt einen öffentlichen Raum, wo ich damit niemandem auf die Nerven falle?“

Der Spüler grinste, nahm Achim den Geldschein ab und überlegte nicht lang. „Besser Flötist als Terrorist! Gehen Sie einfach in die Stadtkirche. Soweit ich weiß, findet dort im Moment keine Veranstaltung statt ... Können Sie auch Ravels Bolero spielen?“

Achim lächelte und nickte. Die Frage war fast beleidigend, selbstverständlich ohne Absicht.

„Dann spielen Sie ihn in der Kirche für mich.“

„Mach ich!“ versicherte Achim und bückte sich nach einer grüßenden Handbewegung zu seinem Rucksack.


2

Beim Gang durch die gewunde Hauptstraße wurde Achim klar, daß er sich nicht mehr in Deutschland befand. Die Leute, die ihm zu Fuß begegneten, gingen zumeist auf der Fahrbahn. Alle grüßten ihn. Die alten Bürgersteige waren insofern unwegsam, als sie dazu benutzt worden waren, neue Alleebäume zu pflanzen. Dafür waren weder Verkehrsschilder noch Reklamen zu entdecken. Als Fortbewegungsmittel dienten Fahrräder, oft mit Anhängern, daneben weitaus spärlicher Pferdefuhrwerke. Niemand raste. Vor einer Bäckerei mit dem unpersönlichen Namen Brotkorb Nord standen ein paar Leute zusammen und unterhielten sich angeregt. Eine Schusterin nickte ihm sogar durch ihr Ladenfenster zu. Aus der überwölbten Einfahrt eines alten Bauerngehöfts quoll ihm Kinderlärm entgegen; über dem Tor war Rote Rüben zu lesen. Im Erdgeschoß eines stattlichen Eckhauses herrschte Betriebsamkeit, wie Achim durch einige Schaufenster sah. Er versuchte die BesucherInnen des Norddepots – so stand es über der Ladentür – zu mustern, obwohl es recht unwahrscheinlich war, Iris gleich nach seiner Ankunft aufzuspüren. Wie er aus dem Namen und dem sichtbaren „Warenangebot“ schloß, handelte es sich um eine zentrale Verteilungsstelle für Lebensmittel und Gebrauchsgüter aller Art. Er löste sich von den Scheiben. Als ihm eine graugestreifte Katze auswich, die aus einer Kellerluke geschlüpft war, ging Achim auf, daß er bislang nicht genötigt worden war, auch nur einen Hundehaufen zu verwünschen. Achim stand allen „linken Projekten“ eher skeptisch gegenüber, doch diesen Mangel an Hundekot konnte er als Berliner nur erfreulich nennen. Auch an seinen Vorbehalten war übrigens sein Erzeuger schuld.

In der Republik herrschten zwei Generalverbote, auf die gleich unter den Ortsschildern an der „Staatsgrenze“ auf gesonderten Tafeln hingewiesen wurde. Diese Tafeln zeigten auf weißem Grund einen stilisierten Hund und ein stilisiertes Auto. Beide Pictogramme waren durchkreuzt. Dadurch erklärten sich sowohl die beiden großen Parkplätze am nördlichen und südlichen Stadtrand wie das Nichtvorhandensein von Hundehaufen im gesamten Stadtgebiet. Was die Autos anging, machte man Ausnahmen bei gewissen Bau- und Transportfahrzeugen, etwa für Kranke, oder für das Equipment einer Musikgruppe. Musik aller Gattungen stand in Konräteslust hoch in Kurs. Das mochte zum Teil der Wiegenmusik der Republik geschuldet sein, wurde doch der legendäre „Sturm aufs Schloß“ im März 1991 durch ein Konzert ausgelöst, das die Klaus Renft Combo just in der Stadtkirche gegeben hatte.

Achim hatte den Turm bereits im Blick gehabt. Der Marktplatz öffnete sich als ausgedehntes Rechteck links von der Hauptstraße. Die Kirche aus hellem Sandstein nahm fast die ganze südliche Längsseite ein. Tatsächlich ein Zentralbau, wirkte sie gleichwohl oval. Man dachte fast an ein Opernhaus. Doch in der Längsachse war der wuchtige quadratische Turm vorgebaut. Er zeigte zur Hauptstraße. Ein schlichtes barockes Gebäude mit dem typischen Mansardendach, das den etwas ansteigenden Marktplatz im Osten krönte, war offensichtlich das Rathaus. Es war der große Bruder der Wohn- und Geschäftshäuser, die den Rest des mit hellen Granitsteinen gepflasterten Platzes umschlossen. Allerdings schien es gar keine Geschäfte im üblichen Sinne zu geben. Achim entdeckte nicht eine Boutique und nicht einen Mobilfunkshop. Auch der sonst beliebte einträgliche Handel mit „revolutionären“ Andenken und Reliqien hatte keine Stätte. Neben Cafes schienen die früheren Läden die unterschiedlichsten öffentlichen Einrichtungen zu beherbergen. Vor den Cafes saßen viele Leute. Immerhin hatten wir Mittagszeit. Der Platz selber war von Blumenrabatten gesäumt. Bäume flankierten nur das Rathaus und den gegenüberliegenden Brunnen, der den Fuß des Platzes beherrschte. Durch die Hauptstraße war gewährleistet, daß die Bäume am Brunnen nicht die Sicht auf die westliche Häuserfront versperrten. Das große, ovale niedrig eingefaßte Brunnenbecken wurde von mehr oder weniger nackten Kindern belagert. Das milde Septemberwetter ließ es noch zu. Achim mußte sich von diesem Anblick losreißen, weil er an eine Szene mit der kleinen Iris gedacht hatte. Er hielt auf das Kirchenportal zu, das im Turm lag. Da er es versäumt hatte, sich nach den Öffnungszeiten des Rathauses zu erkundigen, wollte er jetzt nicht trödeln. Ein Berufsflötist spielt Tag für Tag fünf bis acht Stunden. Wenn er heute ausnahmsweise auf nur zwei Stunden kam, konnte er abends vielleicht noch ruhigen Gewissens schlafen.


3

Achim setzte das blitzende silberne Rohr von den Lippen ab und legte es neben dem schwarzen Etui auf den Altar aus rötlichem Sandstein, der erfreulicherweise mit einem dicken gewebten Tuch bekleidet war. Das Tuchmuster müssen wir nicht erraten: rotschwarz gewellt. Er bückte sich nach seinem Rucksack, weil er ein Notenheft hervorziehen wollte. Dabei streifte sein Blick die Ränge der Marktseite, was ihn etwas stutzen ließ. 1993 waren das Gestühl und die drei ovalen Emporen der Stadtkirche abgeschlagen worden, um sie mit einer hohen Tribüne in Hufeisenform zu vertauschen. Sie ruhte auf einem Stahlgerüst, doch ihre ungefähr 30 Stufen waren aus Holz und mit einem hellgrauen Teppichboden belegt. Hier fanden 1.400 Personen Platz, obwohl die Tribüne die hohen, weißverglasten Fenster der Kirche aussparte. Der herrliche bunte Marmorfußboden der Kirche war übernommen worden. Dieses „Amphitheater“, das allerdings ein Dach in Gestalt der prächtig ausgemalten Kirchendecke besaß, konnte sowohl vom Altarpodest her wie durch die Aussparungen an den Kirchenfenstern betreten werden. Achim hatte sich von den wenigen Touristen, die sich den „Plenarsaal“ der Republik angesehen hatten, nicht stören lassen. Er hatte sich jetzt – nach einer halben Stunde – eingespielt und wollte die Saint-Saens-Partitur studieren. Doch in etwa 20 Metern Entfernung saß diese Frau auf der Tribüne, die verdammt noch mal schon wieder dieses schwarzrote Stirnband trug! Im Gegensatz zur Schaffnerin hatte sie allerdings kurzes rabenschwarzes Haar. Sie mußte auch jünger sein. Die rockfreien Knie übergeschlagen, sah sie ihn stirnrunzelnd an. „Habe ich Sie gestört?“

„Ach woher!“ winkte Achim mit dem Partiturheft ab. „Ich wundere mich nur über dieses Stirnband, das ich vorhin an einer Zugschaffnerin sah. Stehen Sie ebenfalls in Diensten der republikanischen Eisenbahn?“

Sie lachte. „Nein! Ich gehöre zu den Hündchen der Republik. Die Stirnbänder werden von den RepublikanerInnen getragen, die gewisse amtliche Befugnisse haben und daher auch gekennzeichnet und erkennbar sein müssen.“

Achim sah von seinem Heft auf, in dem er bereits blätterte. „Hündchen? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

Sie lachte. „Nein. Die Hündchen sind so eine milde Art von Polizei.“

Achim machte große Augen. Die Frau wirkte nicht unsympathisch und ihre helle längsgestreifte Bluse spannte sich ja wohl kaum über einem Schießeisen. Dann grinste er. „Sie werden mich gleich verhaften? Störung der Öffentlichen Ordnung und der Weihe dieses Raumes?“

„Ganz im Gegenteil! Ich hörte die Flöte und hatte schon befürchtet, die Ankündigung eines Konzertes verpaßt zu haben. Was war das für ein wunderbares Stück, das Sie zuletzt gespielt haben?“

„Ravels Bolero.“

„Ach ja ...“ Es klang etwas betreten. „Es kam mir irgendwie bekannt vor.“

Sie erhob sich und strich ihren Rock zurecht. „Geben Sie bei uns ein Konzert?“

„Nein. Ich muß gleich aufs Rathaus, eine Auskunft holen. Bis wann ist da Sprechzeit, wenn ich fragen darf?

Sie winkte beruhigend ab und wandte sich zur nächsten Fensteraussparung. „Bis 18 Uhr immer.“

Achim hakte hastiger nach, als ihm lieb war: „Sie müssen schon gehen?“

„Ja. Die Kollegen warten – eine Besprechung.“

Sie tippte noch einmal lächelnd an ihr „amtliches“ Stirnband und verschwand in der Fensteraussparung. Das Licht modellierte dabei nicht nur den angenehmen Schwung ihrer Hüften, sondern auch die Pistolentasche, die an ihrem Gürtel klemmte. Achim schüttelte den Kopf und griff nach seiner Querflöte. Dieses Rohr war ihm sympathischer.


4

Achim hielt auf das Rathaus zu. Die Cafes und die Bänke vor den Blumenrabatten zu seiner Linken waren noch in Sonne getaucht und entsprechend besetzt. Die Kirchturmuhr in seinem Rücken ging bereits auf Fünf. Nach der beruhigenden Auskunft die Sprechzeit betreffend hatte er sich mehr Übungszeit bewilligt. Es war eine Freude, in diesem „Plenarsaal“ Flöte zu spielen, denn er verfügte über eine ausgezeichnete Akustik. Das konnte man von Kirchen in der Regel nicht behaupten; sie hallten zu sehr. Wahrscheinlich war dieser Makel in der Stadtkirche beiläufig durch den Einbau der Tribünen beseitigt worden.

Aufgrund des leichten Geländeanstiegs besaß das Rathaus ein aus Sandstein gemauertes Kellergeschoß, das durch eine breite, beiderseits abgerundete Vortreppe überwunden wurde. Die beiden Obergeschosse waren weiß verputzt. Das schiefergraue Mansardendach erhob die Schlichtheit dieses Gebäudes zur Schönheit. Von den Fenstereinfassungen aus Sandstein einmal abgesehen, war das Stadt- und Republikwappen über dem nur sanft geschwungenen Portal sein einzige Schmuck. Das uns schon bekannte schwarzrote Band saß genauer beschrieben im unteren Drittel. Es lief über einen grünen Laubbaum vor hellblauem Grund. Da sich das bewegte Band im Hintergrund wieder zu schließen schien, konnte man an einen Reigen denken – an einen Tanz um den Maibaum etwa.

Die beiden Flügel der hohen Eingangstür standen auf. Ihr Eichenholz zeigte ein Muster aus großen Rauten und schimmerte wie Honig. Die große Eingangshalle mit dem Treppenhaus im Hintergrund diente offenbar als Empfang. Ein zentraler kreisförmiger Tresen wurde von einer Frau um 40 beherrscht, die beim Telefonieren hin und her ging, viel lachte, ihre langen blonden Haare warf und auch noch an zwei verschiedenen Bildschirmen nach irgendwelchen Informationen suchte. Jetzt kam ein schlaksiger Grauhaariger mit Messingbrille aus einem Seitengang geschlendert, schob der Empfangsdame mit triumphierendem Nachdruck ein gebundenes Dokument auf den Tresen und wandte sich nach einem genickten Gruß Richtung Achim zur Treppe. Die Blonde hatte ihm mit einem ironischen Knicks gedankt, ohne sich im Telefonieren und Lachen zu unterbrechen. Auf bequemen Freischwingerstühlen in der Ecke links der Eingangstür saßen ein paar Leute im Kreis, die sich aufmerksam zuhörten. Es sah nach einer kleinen Konferenz aus. Sie wurde von der einzigen Topfpflanze der Halle beschirmt, einem hohen Farn. Die Ecke gegenüber präsentierte ausgedehnte Informationstafeln. Hier standen mehrere Leute, die etwas lasen oder etwas eintrugen. Zwei Stehpulte zum Schreiben oder Dösen gab es auch. Achim wollte sich gerade zu ihnen begeben, als die Blonde ihr Telefongespräch beendete und ihn mit einer freundlichen Handbewegung zum Nähertreten aufforderte. „Was haben Sie auf dem Herzen?“

„Ich suche meine Tochter. Es ist nicht sicher, daß sie sich in Konräteslust aufhält, aber auch nicht unwahrscheinlich. Sie heißt Iris Dömmersbach.“

Die Blonde verstülpte ihre Lippen und schien erst einmal zu erwägen, was von Achims Auskunftsbegehren zu halten sei. Sie war keineswegs die übliche Sekretärin. Sie war die Rätin für Gesundheitsfragen, fungierte aber für heute als „Chefin vom Dienst“ in diesem Rathaus. In dieser Funktion wechselten sich die zwölf Räte oder Rätinnen der Republik täglich ab. Morgens um Neun fand stets eine „Übergabe“ von etwa einer Viertelstunde statt, damit nichts unterging. Abzüglich einer Mittagspause dauerte der Empfangsdienst acht Stunden – für republikanische Verhältnisse hart. Über den Chef vom Dienst liefen fast sämtliche Außenkontakte. Dadurch konnten sich die übrigen Räte weitgehend unbehelligt ihren eigentlichen Aufgaben widmen, darunter etlichen aus verschiedenen RepublikanerInnen gebildeten Arbeitsgruppen. In dringenden Fällen durften Chef oder Chefin vom Dienst als Bevollmächtigte der Republik sprechen oder handeln.

„Wie alt ist denn Ihre Tochter?“

„Im Frühjahr ist sie 18 geworden. Möglicherweise hält sie sich auch seit diesem Zeitpunkt hier auf.“

„Nun ja“, lächelte die Rätin entwaffnend, „dann ist sie ja immerhin volljährig ... Was soll sie denn ausgefressen haben?“

„Nichts. Aber wenn ich mich als ihr Vater für ihr Wohlergehen oder auch nur für ihren Verbleib interessiere, ist es ja nicht unbedingt eine Schande. Oder finden Sie doch?“

„Es kommt darauf an ..!“ gab sie spitzbübisch zurück.

Sie schob sich vor den rechten Computer und suchte eine Weile. Dann schüttelte sie ihre blonde Mähne. „Nicht eine Iris in der gesamten Republik! Dabei ist es ein hübscher Name. Nicht als Mitglied, nicht als ProbezeitlerIn, nicht als gemeldeter Gast. Was machen wir jetzt?“

Achim rieb sein Kinn. „Darf sie hier gegebenenfalls unter einem Decknamen leben?“

Die Rätin zeigte sich belustigt, räumte aber ein, das sei nicht völlig ausgeschlossen. Lediglich neue Mitglieder müßten ihre deutschen oder ausländischen Personaldokumente vorweisen. Ob er ein Foto von Iris dabei hätte? Achim nickte. Während er es aus seiner Geldbörse fischte, schlug die Rätin vor, das Foto mit einer Suchmeldung ins Intranet der Republik zu stellen, das von mindestens der Hälfte aller RepublikanerInnen sehr oft besucht werde. Bei einem Mißerfolg könne man später vielleicht noch die Nessedepesche bemühen, das Monatsblatt der Republik. Das nahm Achim gerne an. Sie scannte das Foto, setzte die Meldung auf, schickte das Ganze auf irgendeine Intranetseite. Dabei fand sie noch Zeit, mit einem Journalisten aus Leipzig zu sprechen, denn das Telefon hatte geklingelt. Sie vereinbarte einen Termin mit dem Mann. Dann wollte sie von Achim wissen, wie und wo er erreichbar sei, falls ein Hinweis eingehe.

„Ich lebe in Berlin. Aber ich hätte Zeit, ein paar Tage zu bleiben. Vielleicht im Hotel Hexensabbat ?“

Sie sah ihn stirnrunzelnd an und sagte etwas mißbilligend: „Das Hotel ist belegt. Wir haben zur Zeit ein großes Symposium. Haben Ihnen das Ihre EinladerInnen nicht gesagt?“

„Meine EinladerInnen?“

„Ja.“ Die Mißbilligung wurde schärfer. „Wir gestatten Übernachtungen nur, wenn der Besuch von irgendeinem Einheimischen eingeladen worden ist. Wußten sie das nicht?“

Achim war ein wenig betreten. Dann fiel ihm die Broschüre ein. Er holte sie aus dem Rucksack und zeigte sie der Rätin. „Steht das da drin?“

„Ganz genau!“ Allerdings lächelte sie schon wieder leicht. „Im letzten Abschnitt, wenn ich mich nicht irre.“

„Dann habe ich es wohl übersehen. Sie müssen entschuldigen, ich habe mich recht kurzfristig zu der Reise entschlossen und die Broschüre nur flüchtig lesen können. Ich hole das nach!“

Sie zeigte sich versöhnt, denn der braunäugige Vater von Iris war nicht ganz ohne Charme, das mußte sie ihm lassen. Ihr war zudem sein geschmeidiger Gang aufgefallen; er wirkte selbstbewußt, ohne seine Mitwelt einschüchtern zu müssen. „Und Sie kennen wirklich keinen Menschen in Konräteslust?“

Achim dachte nach. „Naja – kennen wäre vielleicht zu viel gesagt. Ich hatte im Bahnhof ein interessantes Gespräch mit einem grauhaarigen Barkeeper. Am Ende trug er mir auf, in der Stadtkirche den Bolero für ihn zu spielen.“

Sie blickte verblüfft zur Kirche und wieder zu ihm. „Sie waren das? Das haben wir bis hierher gehört.“ Sie wandte sich zu dem Kreis unweit des Farns und rief: „Stimmt es, Georg – vorhin haben wir ganz andächtig auf die Flöte aus der Kirche gelauscht?“

Georg sah schmunzelnd auf und bestätigte es durch eine Handbewegung.

„Na sehen Sie“, sagte die Chefin vom Dienst befriedigt zu Achim und griff nach ihrem Telefon. Sie nannte den Barkeeper Phil. Sie meldete ihm die Erfüllung seines musikalischen Auftrags. Nach zwei Minuten hatte sie Phil – der offenbar noch an seiner Arbeitsstelle war – nicht nur zu Achims Einlader, sondern auch zu dessen Herbergsvater gemacht. In Phils Kommune war jemand verreist, dessen Zimmer Achim haben könne. Phil werde sich auch gerne darüber hinaus um den Besucher kümmern.

„Wann soll er denn kommen? ... Gut. Ich erkläre ihm den Weg.“


5

Sobald eine Gesellschaft mehr als ein paar Dutzend Köpfe umfaßt, muß sie ihre einzelnen MitgliederInnen aufgrund des einen oder anderen Merkmals aufteilen, also einander zuordnen; sonst wäre sie unverwaltbar. Sie versänke im Chaos. Ihre MitgliederInnen nach Blutsverwandtschaft, Hautfarbe oder Sprache/Dialekt zusammen zu fassen, hätte freilich die barbarischen Folgen, die sich an der Geschichte der Zivilisation studieren lassen. Etwas weniger schlimm wäre eine Zuordnung nach Art oder Ort der Arbeit. So könnten alle Frauen und Männer, die in einer Fabrik X arbeiten, als Angehörige der selben Grundorganisation X gelten. Konräteslust besaß allerdings nur ein paar kleinere Manufakturen. Aber selbst bei der früheren herzöglichen Domäne, die an den Wassergraben des Schloßgartens grenzte, müßte dieses Zuordnungsprinzip versagen, denn auf ihr arbeiteten, je nach Saison und Bedarf, die unterschiedlichsten Kräfte. Landwirtschaft und Viehzucht waren dort zwar auf ein überschaubares Maß gedrosselt worden, doch sie fungierte auch als städtischer Bauhof. Das hieß aber nicht, ihr Radlader oder Bagger werde stets von einem Belegschaftsmitglied der Domäne gefahren. Jede Grundorganisation konnte sich den Bagger des Bauhofs ausleihen, und man konnte 9:1 darauf wetten, daß sich in jeder Grundorganisation mindestens ein Mensch befand, der einen Bagger fahren konnte. Das Ordnungsprinzip „Arbeit“ taugte in Konräteslust nicht, weil die Arbeit hier weitgehend ihren Zwangscharakter verloren hatte. Selbst die blonde Gesundheitsrätin durfte bestenfalls für ein Jahr im schönen Mansardengeschoß des Rathauses amtieren.

Wohnen muß jeder und für gewöhnlich zieht selbst ein Freigeist nicht alle drei Tage um. Deshalb basierten die Konrätesluster Grundorganisationen (GOs) auf dem Wohnort. Die Stadt war in knapp 50 Gebiete aufgeteilt, nach denen sich die Zugehörigkeit der RepublikanerInnen bemaß. Die Zahl der BewohnerInnen eines Gebiets hielt sich – Kinder eingeschlossen – ungefähr zwischen 50 und 100. Diese 50 oder 100 Leute bildeten eine GO. Jeder mußte einer GO angehören. Nur sie regelte die Mitgliedschaft in der Republik. Damit stellte auch nur sie jene „Blechmarken“ aus, die zumeist um den Hals oder am Gürtel getragen wurden. Ihre Symbole zeigten gleichsam das „Wappen“ der betreffenden GO. Im Volksmund der Republik hießen sie allerdings scherzhaft „Hundemarken“. Jede GO verwaltete ihr Gebiet weitgehend selbst. Allerdings blieb es Gemeineigentum der Republik. Jeder Angehörige der GO hatte alle erdenklichen Mitwirkungsrechte – doch stand er durch seine Einbindung auch unter „sozialer Kontrolle“. In den GOs durfte nur nach dem Konsensprinzip entschieden werden. Lediglich in den seltenen Fällen von Ausschlüssen galt das Prinzip Konsens minus Eins.

Phil gehörte der GO Ziegelei an, die am westlichen Stadtrand lag. Seine Erkennungsmarke zeigte den hohen Schornstein und ein Stück des gezackten Dachs der längst stillgelegten Ziegelei. Diese war zum Teil umgebaut worden, so daß sie den rund 80 Personen der GO als Kantine und Versammlungsraum dienen konnte. Phils Kommune bestand lediglich aus neun Personen, die ein unauffälliges älteres Zweifamilienhaus bewohnten. Ein knorriger Walnußbaum neben dem seitlich angebauten Windfang war die größere Sehenswürdigkeit. In der Abendsonne schimmerte seine Rinde wie angelaufenes Tafelsilber. Es gab nur eine Klingel. Achim wurde von einem vielleicht 10jährigen braunhäutigen Jungen mit Kulleraugen eingelassen, der ihn in die geräumige Wohnküche der Kommune führte. An einem großen ovalen Tisch saßen mehrere Leute beim Abendbrot, darunter Phil. Der kleine Schwarze schob sich wieder zwischen sie. Phil begrüßte Achim, indem er sich überschwenglich für den Bolero bedankte, erbat sich die Erlaubnis zum Duzen und nannte ihm die Namen seiner anwesenden Wohngenossen, bevor er ihn auf einen freien Stuhl nötigte und ihn mit Eßgeschirr versah. Die Namen konnte sich Achim sowieso nicht merken, aber weder seine Tochter noch das Hündchen aus der Stadtkirche saßen am Tisch, das war sicher. Phil schenkte ihm Tee ein und wies auffordernd zum Brotkorb. Achim nickte dankbar; schließlich hatte er seit über sechs Stunden nichts mehr gegessen.

Verständlicherweise wurde er gefragt, was ihn zu seinem Besuch bewogen habe. Er verzichtete darauf, ein drängendes Interesse an der Republik zu heucheln. Da er auch kein Gastspiel als Musiker vorschieben konnte, erwähnte er wahrheitsgemäß den Streit, den er anfang des Jahres mit seiner Tochter Iris gehabt hatte. Sie lebte damals schon seit zwei Jahren in einem besetzten Haus. Obwohl er das mit zwiespältigen Gefühlen sah, unterstützte er Iris mit einer monatlichen Zuwendung. Sie verstand sich als Punkerin. Dann wollte sie plötzlich auch die Schule schmeißen – ein halbes Jahr vorm Abitur! Er versuchte vergeblich, es ihr auszureden. Schließlich drohte er mit Entzug der finanziellen Unterstützung. Natürlich wählte er sanfte Worte – gleichwohl hatte er seine ökonomische und juristische Überlegenheit eingesetzt, also den Machthaber gegeben. Das bereute er nach wenigen Tagen, aber da war es schon zu spät: sie war spurlos abgetaucht. Immerhin kam dann im Sommer eine absenderlose Postkarte von ihr als Lebenszeichen. Er möge sich keine Sorgen machen. Die Karte war in Erfurt abgestempelt worden. Eine Kollegin aus dem Orchester, mit der er eng befreundet sei, habe ihm darauf von Konräteslust erzählt.

Achim ließ das Foto herumgehen, das Iris mit trotzigem Mund zeigte. Alle paßten, schienen aber von dem Streitfall nicht verblüfft zu sein. Der bärtige Klaus gab ihm das Foto zurück und bemerkte dabei beschwichtigend, er habe auch kein Abitur.

„Was machst du denn?“

„Zum Teil arbeite ich bei Fahrtwind Konradslust – Konrad mit weichem D.“

„Ein Sportclub?“

Klaus sah belustigt zu Phil. Der lachte und erwiderte: „Nein. Eine Manufaktur, die ursprünglich nur Fahrräder und Anhänger für Fahrräder herstellte, inzwischen aber auch diverse Pferdfuhrwerke baut. Klaus ist gelernter Schlosser. Die Leute da erfinden und entwerfen alles selber, ohne daß sie auch nur einen Ingenieur hätten – stimmts, Klaus?“

„Stimmt. Unsere Sachen scheinen sich zu bewähren; wir liefern schon zu über 60 Prozent ins 'feindliche
Ausland' ...“

„Freut mich!“ erwiderte Achim. „Aber gerade in diesem 'feindlichen Ausland' wird unzähligen jungen Leuten eine anständige Ausbildung verweigert. Da wäre doch die Chance, das Abitur zu machen, wenigstens besser als gar nichts?“

Klaus wog sein bärtiges Haupt. „Damit sie nach ihrem kostspieligen Bezahlstudium Hartz IV bezieht und auf Ein-Euro-Basis 20 Stunden in einem Archiv
herumsitzt ...?“

Die Köpfe wandten sich zur Küchentür, weil Mahmud – so hieß der kleine Schwarze – von einem Mädchen mit blonden Zöpfen lautstark aufgefordert wurde, zu einem Lagerfeuer auf dem Hof von Hämmerchen zu kommen. Mahmud schlüpfte sofort aus der Küche. Einige Kommunarden benutzten den Anlaß, ihr Abendbrot für beendet zu erklären und ihr Geschirr wegzuräumen. Phil schlug Achim vor, sich das Bad und sein Zimmer anzusehen. Sie könnten sich ja später ebenfalls zu dem Feuer begeben und noch ein bißchen miteinander bekannt machen.

Darauf ging Achim gerne ein. Er erfrischte sich ein wenig und spielte nochmals ein Stündchen Flöte. Da es ihm unangenehm gewesen wäre, dem ganzen Obergeschoß in den Ohren zu liegen, hatte ihm Phil das „Tobe-Zimmer“ der Kinder im Kellergeschoß beschrieben, das jetzt verwaist war. Hier steckte er seine Flöte zusammen. Der schmale Kunstoffkoffer, in dem die drei Teile in Samt gebettet lagen, war kaum voluminöser als sein Unterarm und deshalb leicht in jedem Rucksack zu verstauen oder auch unter die Achsel zu klemmen. Durch die Glastür des Tobe-Zimmers, die auf einen Garten ging, konnte Achim beim Üben sogar entfernt den züngelnden Widerschein des erwähnten Lagerfeuers sehen. Es war draußen schon dunkel. Gegen Neun holte ihn Phil im Keller ab. Sie benutzten gleich die Glastür. Achim hatte sich in der Tat seinen Flötenkasten unter den Arm geklemmt, denn er wußte ihn ungern aus seinen Augen. Marktwirtschaftlich betrachtet, war sein Instrument knapp 3.000 Euro wert. Phil knipste eine Stabtaschenlampe an; andernfalls wäre sein Gast womöglich mitsamt der silbernen Fracht in den Boberbach gefallen. Dieser bildete die Grenze zwischen dem Garten der Kommune und Hämmerchens altem Bauernhof. Auf einem Steg mit Geländer kamen sie sicher hinüber. Das Feuer flackerte genauer hinter Hämmerchens Scheune auf einem Kartoffelacker, der ihm in Form von Kartoffelkraut auch die Nahrung lieferte. Es wurde heute – unter Verzicht aufs standesgemäße Kartoffelbacken – nur den quengelnden Kindern zuliebe veranstaltet, denn die Kartoffelernte war noch keineswegs vorüber. Außer Hämmerchen und seiner Tochter, die die Kinderschar beim Feuerschüren beaufsichtigte, waren keine Erwachsenen anwesend. Hämmerchen begrüßte sie, holte ein paar Kisten als Hocker aus der Scheune und fragte sie, ob sie ebenfalls eine Flasche kühlen Bieres wollten. Er verschwand, um das Bier zu holen.

Da die Kinder eifrig im Feuer stocherten, hin und wieder auch Stücke von Abbruchholz hineinwarfen, stoben die Funken. Die Kinder äußerten ihre triumphalen Rufe nur mit unterdrückter Stimme. Nicht der geringste Verkehrslärm war zu hören. Ein gestirnter Himmel sah den Funkenflug des kleinen Feuers auf dem zerwühlten Kartoffelacker mit Mitleid an. Eine dünne Mondsichel stand knapp über dem Dachfirst der Scheune. Man hätte am liebsten seine Jacke daran gehängt, war es am Feuer doch sowieso zu heiß. Eine Katze drängte sich an Achims Fußknöchel; er kraulte sie gedankenverloren. In einer Erle am Boberbach mochte eine Eule hocken, die das befremdliche Geschehen in ihrem Jagdrevier scharf beobachtete. Der Bach – durch sein dunkles Ufergesträuch kenntlich – lief vom Bauernhof weg. In der Ferne stieß er auf eine hohe Baumzeile. Phil war Achims Blick gefolgt und erklärte:

„Die Pappeln da hinten stehen an der Nesse. In diesem südlichen Winkel bildet unser Fluß die Republikgrenze. Gott sei Dank – unsere Republik ist noch überschaubar.“

Achim nickte lächelnd. Hämmerchen kam mit dem Bier, teilte aus und ließ sich auf eine freie Kiste sinken. Nach einem tiefen Zug aus seiner Flasche leckte er sich genüßlich seine wulstigen Lippen. Der untersetzte Bauer war fast so breit wie hoch, wie Achim auf Anhieb bewundernd festgestellt hatte. Die Bierflasche wirkte in seiner Pranke wie ein Bleistiftstummel. Auf seinem kantigen, fast halslosen Schädel kräuselte sich dichtes kräftiges Haar; es war schon grau wie bei Phil. Hämmerchen hatte die Angewohnheit, sich mit den Fingerkuppen in seiner Drahwolle auf dem Kopf zu jucken. Achim dachte an die Katze, die inzwischen verschwunden war. Sie mochte so ihre Krallen schärfen. Aber bei dem grobschlächtigen Bauern merkte man sofort, daß man einen rundum gutmütigen Menschen vor sich hatte. Phil bestätigte es später. Hämmerchen verströme seine Gutmütigkeit durch die großen Poren seiner derben Haut, behauptete Phil.

Phil prostete Hämmerchen zu und wünschte ihm ein langes Leben. „Wir zählen beide zu den Männern und Frauen der ersten Stunde“, erklärte er Achim. „Allerdings war ich kein Einheimischer. Ich kam aus Arnstadt, nachdem das Schloß besetzt worden war. Als erstes haben wir den Jugendwerkhof aufgelöst, der im Schloß untergebracht war – eine Art Jugendknast, vestehst du? Wir wollten ja Kommune machen. Ein paar von den Zöglingen sind gleich dageblieben; zwei andere hat zum Beispiel Hämmerchen bei sich auf dem Hof aufgenommen. Mein Gott – was hat sich in diesen knapp 20 Jahren alles bei uns getan! Habe ich recht, Hämmerchen?“

Sie schlugen sich auf die Schultern und ließen ihre Bierflaschen klingen.

„Was warst denn du von Beruf?“ wollte Achim von Phil wissen.

Phil kicherte. „Museumswissenschaftler! Aber du wirst dir denken können, hier hatten wir erst einmal andere Sorgen. In den ersten Jahren habe ich tausend Sachen gemacht. Unser Museum am Waisenhausplatz habe ich erst 2001 zusammen mit Inge eingerichtet, aber 2003 bin ich schon wieder ausgestiegen. Stadtrat für Kultur war ich auch einmal. Jetzt mache ich die nicht sonderlich umfangreiche Logistik des Bahnhofscafes und außerdem zwei Schichten pro Woche hinter dem Tresen. Das genügt mir. Immerhin werde ich bald 70.“

Achim staunte. „Stadtrat für Kultur? Hauptberuflich?“

Phil machte eine abwehrende Handbewegung. „Von hauptberuflich im Gegensatz zu ehrenamtlich zu sprechen, macht bei uns keinen Sinn. Die Lohnarbeit ist ja abgeschafft. Für uns gibt es nur Tätigkeiten, die mehr oder weniger sinnvoll sind, je nach unseren Prioritäten. Die sinnlosen verpönen wir. Bei uns landen sowieso keine Leute, die ihr Vergnügen darin finden, den ganzen Tag Skat zu spielen oder zweimal im Jahr zum Mond zu fliegen um nachzugucken, ob die Amiflagge noch genug Wind hat. Sinnvoll ist natürlich alles, was dem Wohlergehen unserer Republik oder befreundeter Projekte dient. Du hast Maria, die Gesundheitsrätin erwähnt. Sie könnte genauso hier am Feuer die Kinder hüten, während Hämmerchens Tochter Dörte im Rathaus über irgendwelchen Beschlußvorlagen brütete. Beides sind wichtige Tätigkeiten für das Wohlergehen unserer Republik. Wir verschmähen es, sie gegeneinander aufzurechnen. Unter anderem deshalb haben wir das Geld abgeschafft.“

„Gut“, nickte Achim. „Aber unser Bedürfnis, die Dinge zu bewerten, pflegt sich doch auch ohne Geld – geltend zu machen. Nimm nur die Liebe. Diese Frau ist mir wichtiger als diese andere Frau. Sie ist auch schöner – und so weiter. Wir vergleichen ständig und ziehen dem einen das andere vor.“

„Schon richtig. Nur brauchst du zum Vergleichen einen gemeinsamen Maßstab – und den haben wir in Puncto Arbeit mit dem Geld ausgehebelt. Dörte braucht sich nicht zu schämen, weil sie heute weniger als Phil geleistet hätte, der sechs Stunden am Bahnhofstresen stand, während sie nur drei Stunden auf dem Kartoffelacker war und dann noch abends zwei Stunden Kinder gehütet hat. Die sogenannte Arbeitszeit wird bei uns gar nicht mehr erfaßt; ich habe das Beispiel nur konstruiert. Diese ganze Aufrechnerei ist grober Unfug, wie schon Kropotkin erkannte. Vielleicht ist Dörte noch die halbe Nacht auf den Beinen, weil sich ein Ackergaul in Koliken wälzt. Vielleicht mache ich morgen mit meiner Geliebten einen blauen Tag im Hainich, weil das Wetter gerade günstig ist, sitze aber am Sonntag stundenlang über dem halbjährlich zu gebenden Rechenschaftsbericht des Bahnhofscafes. Über diese Aufwände Buch zu führen, wäre die reinste Zeitvergeudung. Genauso kommt hier keiner damit, er sei als Gesundheitsrat besonders wertvoll, weil er dereinst 27 Semester Medizin und Verwaltungskunde studiert habe. Frage mal Hämmerchen, wie entbehrungsreich die drei Jahre waren, in denen er zu DDR-Zeiten den Knast studiert hat! Auch dieses Studium kommt jetzt der Republik zugute.“

Achim nickte Hämmerchen freundlich zu. „Das glaube ich unbesehen. Aber habt ihr nicht irgendwelche Richtwerte für den Einsatz, den jeder pro Tag oder pro Woche leisten sollte?“

„Nö“, brummte Hämmerchen. „Das könnten ja auch wieder nur Zeitvorgaben sein. Sagen wir: 20 Wochenstunden. Zählt dann Phil die Stunde hier am Feuer, in der er einem hochgestellten Ausländer ökonomische Sachverhalte darlegt, dazu oder nicht dazu? Vielleicht verteidigt uns der hohe Gast nach seiner Rückkehr in die Heimat, das wäre ein Gewinn für die Republik; vielleicht bewirft er uns aber auch mit Schmutz.“

Hämmerchen grinste. Das zog ihm die Mundwinkel bis zu den fleischigen Ohren, die den Heißhunger einer ganzen Eulenbrut gestillt hätten. Er tippte mit seiner Bierflasche an den schwarzen Kasten, der neben Achim auf der Kiste lag und ergänzte:

„Vielleicht ist er Waffenhändler?“

„Er spielt Querflöte, Hämmerchen“, erklärte Phil. „Das wäre für dich nichts; du würdest das Mundstück verschlucken.“

Hämmerchen deutete einen Flaschenwurf an. Phil wandte sich an Achim. „Nein, die Festlegung und Beurteilung des eigenen Einsatzes ist dem Gutdünken oder dem Gewissen jedes einzelnen überlassen. Allerdings ist er auch in eine Grundorganisation eingebunden. Bekomme ich mit, das Hämmerchen den ganzen Tag auf dem Heuboden liegt und Comics liest, werde ich ihn darauf ansprechen.“

„Klar“, bekräftige Hämmerchen mit seinem sanften Brummbaß. „Ich werde dir ein paar Heftchen ausleihen.“

„In Wahrheit ackert er wie seine Gäule“, sagte Phil zu Achim. „Er braucht das eben. Andere brauchen das nicht so stark.“

„Und wenn Not am Mann ist? Im Brotkorb Nord haben sie so viele Kranke, daß 200 RepublikanerInnen leere Frühstückskörbchen drohen? Wenn einen Tag vor dem Plenum der Republik die Tribüne in der Stadtkirche zusammenbricht – mitten im Winter? Wenn auf der einen Seite die Heizungsfachleute fehlen, auf der anderen die MusikerInnen ins Kraut schießen?“

„Bislang sind die Lücken noch immer geschlossen und die Kräfte ausbalanciert worden. Alle denken ja mit. Alle sind bereit zu Verhandlungen und Zugeständnissen. Und wem diese Bereitschaft und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl abgeht, kommt in so eine Republik gar nicht hinein. Deine Probezeit in der Grundorganisation, die deinen Aufnahmeantrag entgegen genommen hat, dauert mindestens neun Monate. Ich darf ohne Prahlerei behaupten, auf diesem Flecken von rund 40 Quadratkilometern haben sich die besten Köpfe Europas versammelt. Zwei Asiaten haben wir, glaube ich, auch. Köpfe mit Charakter, Sinn für Solidarität, Herz. In den Gründungsjahren sah das natürlich noch nicht so rosig aus. Ich glaube, von der einheimischen Bevölkerung des Städtchens sind nach der Ausrufung der Republik rund 30 Prozent hiergeblieben und darunter gab es schon einige heikle Fälle. Vielleicht gibt es noch immer ein Dutzend schwarze Schafe, aber die fallen nach 20 Jahren gar nicht mehr ins Gewicht. Wie geht’s denn deiner Schwiegermutter, Hämmerchen?“

Hämmerchen winkte mit seiner Bierflasche nur ab. Phil erklärte: „Seit einiger Zeit sitzt sie im Rollstuhl, da kann sie nicht mehr ganz so viel Unheil anrichten ...“

Über diesen Sarkasmus mußte Achim doch seinen Kopf schütteln. Dann hakte er nach: „Wie kommt denn Ordnung in die Aufteilung der Arbeit bei so vielen Leuten? Man muß doch verhindern, daß die Grundorganisationen unwillentlich gegeneinander arbeiten.“

„Völlig richtig. Unser Rat für Ökonomie hat die gesamte Struktur der Ressourcen und Beschäftigten in seinem Computer. Normalerweise wird ihm auch jede Veränderung oder jeder Wunsch danach gemeldet. In der Anfangszeit gab es da ohne Zweifel manche Schlamperei, aber inzwischen hat sich das so gut eingespielt, daß man schon automatisch Rücksprache hält und Absprachen trifft. Wird etwa ein Ersatz für Klaus, den Schlosser und Konstrukteur, gesucht, weil er eine Auszeit von sechs Monaten nehmen will, findet sich über unser Intranet rasch einer, sofern ihn Klaus nicht schon selbst besorgt hat. Findet sich keiner – es kann ja mal vorkommen – wird eben die Produktion bei Fahrtwind gedrosselt. Das ist alles kein Beinbruch. Wir unterliegen in der Produktion so wenig den ringsum beschworenen 'Wachstumszwängen' wie im Kindermachen oder bei der Aufnahme von ProbezeitlerInnen.“

Hämmerchen gähnte und murmelte, er müsse einmal daran denken, ins Bett zu kommen. Vielleicht hatte ihn das Stichwort vom Kindermachen auf seine Müdigkeit aufmerksam gemacht.

Achim hatte seine Zweifel an dem, was ihm geschildert worden war, und er hätte noch viele Fragen stellen können, aber als Musiker wußte er, man sollte Stimmungen nicht überstrapazieren. Die letzten Kinder waren schon vor einer halben Stunde von Erwachsenen abgeholt worden; Dörte hatte sich neben ihrem Vater auf eine Kiste gesetzt, aber noch keinen Ton gesagt. Die Feuerstelle glimmte nur noch. Die Katze saß jenseits von ihr reglos auf dem Acker wie aus Ton gebrannt und schwarz lackiert. Jetzt deutete Dörte auf Achims Flötenkasten und fragte den Gast, ob er nicht noch etwas spielen könne, bevor sie auseinander gingen. Das hielt Phil für eine ausgezeichnete Idee. „Dreimal darfst du raten, was du uns jetzt zu Gehör bringen wirst, lieber Achim!“

Die reine Melodie des Bolero fügte sich nicht übel in die nächtliche Szene ein. Sie wirkte trotz ihrer Bewegtheit getragen. Im Ganzen fiel sie ab – als sei sie über den Scheunenfirst vom Mond herab geklettert, um sich über der Restglut noch einmal die Hände zu wärmen, vielleicht sogar aufzubäumen, bevor sie sich in den noch nicht umgebrochenen Kartoffelzeilen verkroch.


6

Judith Lämmerhirt lebte seit einigen Jahren nicht mehr in Konräteslust, doch aus den Annalen der Zwergrepublik an der Nesse ist sie nicht zu tilgen. Ohne die damals junge Frau und den glücklichen Umstand, daß sie zur rechten Zeit auf der Nessebrücke stand, wäre es nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit nie zur Republik gekommen. Das war im März 1991. Im Gefolge der Schloßbesetzung und der Auflösung des Jugendwerkhofes waren bis dahin immerhin mehrere Kommunen und die „neue“ Bornmühle entstanden, zudem fanden bereits Verhandlungen mit dem Landratsamt über die Übernahme der Domäne durch eine ökologisch und rebellisch gestimmte Gruppe statt. Aber von einer ganzen, nahezu autonomen Republik wagten damals noch nicht einmal jene Aktivisten zu träumen, die dann die ersten Konrätesluster Stadträte stellten. Die Unbilden des Kampfes gegen einen übermächtigen Staat und dann auch die Mühen der Selbstverwaltung hätten das Wohlwollen der Einheimischen überstrapaziert, obwohl sie ohne Zweifel mehrheitlich keine Lust auf Kohls Kapitalismus hatten. Sie unterstützten die ersten Kommunen, erhofften sich Lohnarbeit von der neuen Domäne und nutzten im Herbst 1990 dankbar die in Windeseile in der Bornmühle eingerichtete Mosterei. Das Projekt „neue Bornmühle“ – weil das Fallobst in einer vergleichsweise winzigen elektrisch betriebenen Mühle zum Zwecke des Auspressens geschrotet wurde – war ein Glücksgriff der Pioniere gewesen, denn die nächsten Mostereien lagen erst in Gotha oder Waltershausen. Die Presse in der Bornmühle stand bis in den November hinein kaum eine Stunde still. Doch die Verhandlungen über die Domäne zogen sich quälend über den Winter hin; die Gothaer Bürokraten verschleppten. Im März schließlich gelang es einer dreiköpfigen Delegation, eine Audienz beim Landrat persönlich zu erwirken. Damit kamen die Steine ins Rollen.

Der Auftritt der Delegation beeindruckte Wenkenmöller so sehr, daß er sich zu einem inoffiziellen Lokaltermin bereit erklärte. Er wolle sich die hoffnungsvollen Projekte einmal mit eigenen Augen ansehen. Er kam an einem Sonntag in Begleitung seiner Gattin und seines Söhnchens, das gerade Laufen lernte. Ein Pulk aus Einheimischen, BesucherInnen und Journalisten, mittendrin die Delegierten, stand auf der Nessebrücke und blickte zum nahen Schloß. Hier verläßt die Hauptstraße den Ort Richtung Süden. Die Uferwiese vor den ersten Vorstadthäuschen grünte bereits, aber es war noch kühl. Gerade malte ein Delegierter den Südflügel des Schlosses zu dem Libertären Altenheim aus, das die BesetzerInnen dort einzurichten gedachten. Plötzlich ein Aufschrei am Brückengeländer. Das Söhnchen hatte sich neben den schwarzbestrümpften Beinen der Landratsgattin an das rostige dünne Gitterwerk geklammert und rüttelte daran, ohne einen Gedanken an die bekannte Materialknappheit in der ehemaligen DDR zu verschwenden. Kurz, das Gitter brach; das Söhnchen stürzte in die Nesse. Es wurde sofort unter die Brücke gerissen, weil das Flüßchen durch Schmelzwasser vergleichsweise tief und reißend geworden war. Aber auf der anderen Seite der Brücke stand Judith am Geländer. Sie erfaßte die Lage blitzschnell und warf bereits ihre Jacke ab. Gleichzeitig kamen Leute aus dem Pulk zum Geländer gestürzt. Sie rief, man möge ihr aufs Geländer helfen und sie halten. Schon drückte sie sich ab und klatschte mit einem Hechtsprung ins Wasser. Nach wenigen Schwimmstößen hatte sie das Söhnchen am Wickel und zog es ans Ufer. Dort stand bereits eine Konradsluster Ärztin, die zu den Sympathisanten der SchloßbesetzerInnen zählte; sie war in dem Pulk auf der Brücke gewesen und rang noch selber nach Atem. Sie erleichterte das Söhnchen um ein paar Liter Flußwasser. Es überstand das Unglück ohne bleibende Schäden. Auch Judith hatte Glück. Ein weniger durchtrainierter Mensch hätte sich womöglich einen Herzschlag geholt – sie kam mit einer Erkältung davon.

Jetzt witterten die Aktivisten ihre Chance. Schon bei der Kaffetafel, die den Lokaltermin abschloß, gelang es ihnen, den überglücklichen und verständlicherweise dankbar gestimmten Landrat – nicht zuletzt wegen der vehementen Fürsprache seiner Gattin – für ein einzigartiges soziales Experiment zu erwärmen. Er machte sich für die Sache stark. Nach wenigen Wochen brachte seine in Erfurt regierende Partei im Landtag die Gesetzesvorlage ein, wonach in Konradslust eine weitgehend autonome Republik geduldet werde, sofern die noch zu entwerfende Verfassung eine Dreiviertelmehrheit der EinwohnerInnen bekomme. Dies vorausgesetzt, seien der neuen Republik Schloß, Domäne, Kirche und ähnliche Liegenschaften des Landes oder der Landeskirche zu übertragen. Den Umgang mit den in Privatbesitz befindlichen Grundstücken und Gebäuden regle die Republik ohne Einmischung von außen. Wegziehende seien jedoch für ihren zurückbleibenden Besitz zu entschädigen. Dafür stelle das Land einen zweckgebundenen Etat zur Verfügung. Das Experiment werde zunächst auf fünf Jahre befristet. Die Vorlage wurde angenommen. Bekanntlich ging auch die Abstimmung in Konradslust glücklich aus. So kamen die Blütenträume, die manche ostdeutschen Rebellen 1989/90 für das Territorium der gesamten DDR gehegt hatten, durch Judiths beherzten Hechtsprung wenigstens auf rund 40 Quadratkilometern an der Nesse zur Entfaltung.


7

Achim richtete sich ächzend auf und trug seinen Korb mit Kartoffeln zu einem der Säcke, die die neuen Furchen im Acker wie Leitpfosten begleiteten. Hämmerchen, der die Kartoffeln ein Stück weiter mit seinen Pranken in den Drahtkorb schaufelte, warf ihm einen belustigten Blick zu. Er hatte Achim beim nächtlichen Abschied „eingeladen“, am nächsten Vormittag für ein paar Stunden zu helfen. Mittags könnten sie dann gemeinsam in die Ziegelei zum Essen gehen; er müsse sich nur bis 10 dort anmelden. Das geschah über Intranet. Das Kartoffellesen ging ins Kreuz. Immerhin hatte sich das freundliche Wetter gehalten, so daß die Kartoffelsäcke schon nach einer halben Stunde von lauter bunten Jacken und Halstüchern umgeben waren und wahrscheinlich in den Augen der Schleiereule, die im Scheunengiebel nisten sollte, wie künstlich aufgepäppelte Blumen wirkten. Auf dem Acker hatten sich um Neun ein knappes Dutzend Leute eingefunden. Die junge Lisa aus Phils Kommune war auch dabei. Sie verteilten sich an der umgebrochenen Kartoffelzeile und arbeiteten nach der einen oder anderen Seite aufeinander zu. Die Drahtkörbe für die „guten“ Kartoffeln waren muldenförmig gehalten und mit umklappbaren Bügeln zum Tragen versehen. Die „Schweinekartoffeln“ dagegen – das waren die verletzten und die sehr kleinen Kartoffeln – wanderten in schnöde Plastikeimer, weil den Schweinen ein paar Erdkrumen nichts ausmachten. Die Verletzungen rührten vom Zinkenrad des einfachen Roders her. Quer zur Zeile stehend, warf es die Kartoffeln ähnlich wie ein Mühlrad Wasser aus. Der Roder wurde von einem niedlichen, giftgrün lackierten alten Porsche-Traktor gezogen, dessen Achsen soeben das Kraut einer Kartoffelzeile überbrückten. Hämmerchens Tochter Dörte bestieg ihn, sobald die frische Furche restlos abgeerntet war. Bis dahin las sie mit.

Achim hockte inzwischen wie ein Frosch in der Furche, weil er die Taktik gewechselt hatte. Durchs Hocken ersparte man sich das Bücken und die entsprechenden Schmerzen im Kreuz, hoffte er. Ein Mensch, der keine Orang-Utan-Arme besaß, war bei dieser Taktik allerdings gezwungen, in der Furche wie eine Ente vorwärts zu watscheln. Und war der Korb gefüllt, mußte er sich erst einmal aus den eingerosteten Knien bringen. Offenbar war die erdnahe Landwirtschaft kein Deckchensticken. Immerhin hatte ihm Dörte dünne Gärtnerhandschuhe gegeben, sonst hätte er auch noch den Verdruß mit von Lehm zugesetzten Fingernägeln gehabt. Halbmonde hatte Achims Mutter schwarze Fingernägelbögen genannt.

„Ohlala – sie läßt mich nicht im Stich!“

Das war Hämmerchens Baß gewesen. Der Bauer blickte erfreut einer Frau entgegen, die von der Scheune her den Acker betrat. Das kurze schwarze Haar und der schwingende Gang kamen Achim bekannt vor. Tatsächlich, es war das Hündchen aus der Kirche. Mein Gott, dachte Achim, und ich in dieser Hose! Phil hatte ihm eine alte Hose abgetreten, die kaum über Achims Waden reichte. Zum Glück hockte er.

Hämmerchen hatte sich erhoben, um seine alte Freundin zu begrüßen. Sie hatte eine Zeit lang hier in der GO Ziegelei gelebt. Wie Achim hörte, hieß sie Birgit. Die beiden umarmten sich fast stürmisch. Birgit war zwar etwas größer als Hämmerchen, aber höchstens halb so breit. Hoffentlich erdrückte sie der gutmütige Bauer nicht.

Die Einheimischen auf dem Acker wußten, daß sich dort zwei in Konräteslust ähnlich beliebte oder jedenfalls geachtete Menschen begrüßten. Hämmerchen, bekannt wie ein bunter Hund, nahm durch seine Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft sowieso jeden für sich ein, der seinen gedrungenen Schatten kreuzte. Und bei einem „Hündchen“ verstand sich das hohe Ansehen fast von selbst, weil diese verantwortungsvollen und äußerst heiklen Posten nur an RepublikanerInnen vergeben wurden, die besonders erfahren, charakterfest und entsprechend vertrauenswürdig waren. Man könnte befremdet einwenden, ob in einer solchen Freien Republik nicht alle Menschen gleich seien? Sicher sind sie das. Konkurrenzgebaren und Buhlen um Beifall waren in Konräteslust so gut wie ausgestorben. Aber die Hochachtung vor solchen „Säulen der Republik“ wie Hämmerchen, Birgit oder gar Jonny war weder vermeidbar noch verdammungswürdig. Es wird und muß sie in jeder egalitären Gemeinschaft geben. Sie sind gut, um sich an ihnen aufzurichten. Den gebürtigen Schotten John Easten hatte Achim übrigens schon flüchtig gesehen: der schlaksige Graukopf mit der Messingbrille hatte ihm in der Eingangshalle des Rathauses zugenickt. Er wurde mit schöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre – denn für ein Jahr hatte er gemäß Republikverfassung zu pausieren – als Rat für Verkehrsformen wiedergewählt. Wie sich versteht, kümmerte er sich nicht um die Reform der Straßenverkehrsordnung – es gab keine – sondern um die Verständigungswege in der Republik: solidarisches Verhalten, Entscheidungsfindung, Konfliktbewältigung waren sein Metier. Damit unterstanden ihm auch die acht Hündchen der Republik.

Birgit steckte in einer knallroten Latzhose. Das Stirnband fehlte. Sie hatte sich inzwischen mit Korb und Eimer bewaffnet und sah Hämmerchen fragend an. Der nickte zu Achim und sagte: „Zwäng dich zwischen uns, wir rücken auseinander.“ Er machte entsprechende Gebärden zu den übrigen KartoffelleserInnen auf beiden Seiten.

„Ach“, rief sie überrascht aus, „Sie sind auch hier?! Freut mich. Hallo!“ Sie kam zu Achim, um ihm die Hand zu geben. Da er ein höflicher Mensch war, mußte er sich notgedrungen erheben, außerdem einen Handschuh abstreifen. Ihr Händedruck war fest. Achim bemerkte das, weil er in Berlin eine Bekannte hatte, die einem stets eine weichgekochte, aber erkaltete Kartoffel in die Hand zu legen schien.

Birgit war in der Kirche der raffiniert geschnittene und sicherlich nicht ganz billige weiche helle Sommeranzug des Flötisten aufgefallen. Jetzt musterte sie ihn belustigt und erkundigte sich, ob er überfallen und des Anzugs beraubt worden sei. Achim lächelte etwas verlegen. Er erklärte, er sei im Walnußhaus untergekommen. Hämmerchen rief von hinten dazwischen:

„In meiner Jugend hatte man mit solchen Hosen Hochwasser! Was ist man doch wegen so einem Scheiß gehänselt worden! Drei Jahre später wird man wegen dem gleichen Scheiß bewundert ... Du kannst ihn ruhig Duzen, Birgit, ich habe Achim schon gestern abend am Kartoffelfeuer überprüft.“

Sie lachten sich an. „Gut, Achim“, sagte Birgit und ging zu ihrem Korb zurück. Er seufzte innerlich und vermied es, ihr hinterher zu starren. Eigentlich suchte er ja seine Tochter ... Als sie sich nach einigen Korbfüllungen wieder einander genähert hatten, sagte Birgit:

„Hockst du freiwillig wie ein Frosch auf dem Acker? Ich habe das mal zwei Stunden so gemacht und hatte noch drei Tage später einen furchtbaren Muskelkater in den Oberschenkeln.“

Er sah zu ihr auf. Sie bevorzugte das Bücken, wobei sie sich mit dem jeweils freien Arm auf einem Oberschenkel abstützte. Die meisten anderen LeserInnen hielten es genauso. Aber er sagte:

„Ich lasse es einmal darauf ankommen. Mein Kreuz hat mir wehgetan.“

„Ja, das schon. Ich glaube, es hilft, wenn du dich öfter reckst.“

Sie machte es ihm gleich vor. Ihr Leib schien sich wie ein Stengel des Blutweiderichs vom nahen Boberbach im Wind zu wiegen, nur heller im Rot.

Achim hielt an der Hocke fest. Man sah so besser. Bei den folgenden Begegnungen in der Furche erzählte er Birgit von der Sache mit Iris, denn sie hatte nach dem Anlaß seines Besuches gefragt.

„Was sagt denn die Mutter von Iris dazu?“

„Nichts. Sie überläßt alles mir. Für sie gibt es nur ihre Karriere. Sie singt an der Scala in Mailand und wirft ungefähr jedes halbe Jahr eine neue CD auf den Markt.“

Dazu sagte auch Birgit nichts. Später ließ sie sich Achims musikalische Aktivitäten schildern. Er spielte in einem Sinfonieorchester, hatte einen Lehrauftrag an der Berliner Musikhochschule und war offenbar auch als Solist gut beschäftigt. Von ihr erfuhr er lediglich, sie lebe inzwischen in der Bornmühle und mache selber keine Musik. Die Mühle lag etwas außerhalb im Osten der Republik unmittelbar an der Nesse.

Gegen Eins schlug Dörte den „Abmarsch in die Ziegelei“ vor. Alles seufzte erleichtert auf und reckte sich. Die Jacken und Halstücher blieben liegen.


8

Die helle Kantine in der ehemaligen Fabrikhalle war schon gut besetzt. Sie unterschied sich wohltuend von den Hochschulmensen und Theaterkantinen, die Achim kannte. Die Tische waren ähnlich bunt zusammengewürfelt wie das Geschirr. Hier und dort thronten Säuglinge in Kinderstühlen. Die Wände waren zum Teil mit Szenen aus der Republikgeschichte bemalt, wie ihm Lisa erklärte. Zwei Glastüren beiderseits eines Podiums führten in die Küche. Dazu zählte auch die zentrale Waschküche der GO. Das Büro lag auf der anderen Seite. Die lange Anrichte stand mitten im Saal; jeder bediente sich selbst. Aus einigen großen Töpfen dampfte es verführerisch. Weder die Kartoffeln noch der Blumenkohl waren zerkocht. Dazu gab es wahlweise gebräunte Butter oder Specksoße, beide mit Kräutern. Außerdem erblickte Achim Salat, eine Creme als Nachtisch, beschriftete Kannen mit Tee oder Kaffee, zudem Most, Wasser. Das war alles.

Achim ging mit Lisa zu einem Tisch, wo sich die halbe Ackerbelegschaft versammelte, darunter Hämmerchen und Birgit. Diese hatte ihm an einer Ecke des Tisches den Nachbarstuhl freigehalten. Von ihr erfuhr er, daß die rund 50 Erwachsenen im Saal nicht unbedingt ausschließlich der GO Ziegelei angehören mußten. Zwar hatte jede GO ihre eigene zentrale Kantine, doch welche man besuchte, stand jedem frei. Es war nur Gepflogenheit, sich – oder seine Gäste – bis spätestens 10 Uhr im Intranet entsprechend einzutragen, damit die Küchen kalkulieren konnten. Wie sich versteht, trugen sich viele Leute nach ihrem Arbeitsort, viele aber auch nach dem Angebot der unterschiedlichen Speisekarten ein. So kamen ein streng vegan lebender Mensch oder eine Liebhaberin asiatischer Speisen fast immer auf ihre Kosten. Mancher durchquerte für eine Thüringer Rostbratwurst mit Ananassauerkraut die ganze Republik – mit dem Fahrrad fünf bis sieben Minuten. Die Küchen hatten durchweg feste Belegschaften, meistens drei oder vier Leute. Den Pionieren der Republik hatte zunächst eine zentrale Küche für die ganze Republik vorgeschwebt, wie sie etwa im südindischen Auroville bestand, doch das war später verworfen worden. Man wollte keine Großbetriebe. Sie laden zu Machtballung und Uniformierung ein. Außerdem sind sie ideale Ziele für Raketen oder Bakterien. War in der Ziegelei der Speck verdorben, traf es nicht gleich die ganze Republik. Da die Kantinen auch stets die Plenarsäle der GOs waren, stärkten sie den lokalen Zusammenhalt. Andererseits erschwerte die Wahlmöglichkeit ein Schmoren im eigenen Saft. Man oder Frau sähen immer mal wieder neue Gesichter, wie sich ja gerade beweise, sagte Birgit und winkte mit ihrem auf die Gabel gespießtem Kartoffelstück.

Achim lächelte. Sie hätte ihn fast von seinen Einwänden abgelenkt. Ihr eher eckiges als rundes Gesicht war angenehm geschnitten, doch die kräftige Nase rückte sie aus der Nähe von Fernsehansagerinnen oder einer Frau, die ihr Lebensglück durch eine ganz bestimmte Zahncreme gefunden hat.

„Ich nehme aber an, eine zentrale Republikküche wäre effektiver“, gab Achim zu bedenken. „So und so viele Küchenausrüstungen, Einkäufe, Köche und so weiter würden sich erübrigen.“

„Sage das Wort Effektivität in Konräteslust nicht zu laut, man könnte dich schief ansehen. Wir wollen nicht effektiv, sondern gut leben. Entsprechend nehmen wir uns für eine erwünschte Einrichtung Zeit und stellen das erforderliche Mobiliar und Personal auf die Beine. Wir haben ja genug Leute. Und zum Glück sind wir nicht darauf angewiesen, sie als sogenannte ArbeiternehmerInnen im Rahmen der vereinbarten Mietzeit wie Zitronen auszupressen.“

Achim nickte leicht belustigt, ohne sich gekränkt zu fühlen. Birgit spürte es und dachte an Jonny, der einmal unvermittelt bemerkt hatte, ein glücklicher oder zufriedener Mensch – einer, der mit sich selber in Frieden läge – sei unkränkbar. Die Anwürfe glitten an ihm ab wie Wassertropfen auf einer Zitrone. Wenn uns etwas kränke, hätte dieses Etwas einen wunden Punkt von uns getroffen. Aber davon wollte sie jetzt nicht sprechen. Stattdessen ergänzte sie:

„Das Wort Einkauf ist übrigens fehl am Platz. Die KonräteslusterInnen kaufen nicht ein; sie versorgen sich mit dem oder dem.“

„Mit Kartoffeln auch?“

„Die Kommunen, Familien oder EigenbrötlerInnen kaum. Sie brauchen ja nicht zu kochen. Die GO-Küchen holen sich welche aus der Domäne. Von Hämmerchens Acker bleiben vermutlich gleich ein paar Säcke hier; der Rest wird auf die Domäne geschafft. In unseren vier Verteilungs-Depots wird nur Kleingemüse angeboten, weil die GO-Küchen wissen, das andere liegt in der Domäne bereit. Vielleicht liegt es auch gerade nicht bereit – das müßte normalerweise aus den Verzeichnissen im Intranet zu ersehen sein, die alle Güterströme erfassen. Es kann dir also widerfahren, daß du mitten im Mai vergeblich nach Spargel guckst. Na und? Dann kochst du eben etwas anderes. Wenn ich mich nicht täusche, versorgt sich die Republik gegenwärtig schon zu rund 63 Prozent selbst. Das gelingt ihr aber nur deshalb, weil sie nicht darauf besteht, zu Silvester Bananenbowle zu schlürfen oder der Geliebten ein Nerzmäntelchen zu schenken.“

Achims Belustigung hielt an. „Hämmerchens Acker? Ist der nicht Gemeinbesitz?“

„Doch, na klar. Nur die Bezeichnung hat sich gehalten. Er sitzt ja auf seinem alten Hof. Anfänglich wollte die Domäne Land im großen Stil bewirtschaften, aber jetzt kümmern sich meistens Leute darum, die gerade in der Nähe der verschiedenen Flurstücke leben. Das gilt auch für Vieh, etwa Schweine oder Milchkühe. Die Domäne hat vor allem die Pferdezucht in der Hand.“

„Und die 63 Prozent beziehen sich nicht nur auf Nahrungsmittel?“

„Richtig. Gemeint ist der gesamte Bedarf; elektrischen Strom, Bauholz, Maschinen und dergleichen eingeschlossen.“

„Allerhand!“

„Das Bauholz etwa gewinnen wir zum Teil aus unserem eigenen Wald.“

Achim überlegte und lächelte. „Und wenn er seiner Geliebten, statt des Nerzmantels, einen Restaurantbesuch schenkt? Darf er sie zu russischem Kaviar einladen? Dürfen sie gemeinsam eine ganze Badewanne voll russischen Kaviar auslöffeln?“

Birgit kicherte. „Das scheitert leider schon am Restaurantmangel. Es gibt bei uns keine Speiselokale.“

„Tatsächlich?“ Achim war verblüfft. „Aber habe ich nicht allein am Marktplatz mehrere gesehen?“

„Nein. Bei uns gibt es nur Cafes, Weinstuben und Bierlokale. Da bekommst du zum Essen entweder nur Kuchen oder ein Käsebrot.“

„Na, das paßt ja“, sagte Achim, setzte sein geleertes Cremeschälchen ab und leckte sich anerkennend die Lippen. „Jetzt fehlt mir nur noch eine Tasse Kaffee zu meinem Glück. Willst du auch eine?“

Er hatte sich bereits halb erhoben, aber sie drückte ihn wieder auf seinen Platz. „Das mache ich. Du bist Gast.“

Achim nutzte die nette Geste zu einem Rundblick durch die Kantine aus. Das nicht meßbare Raumklima beeindruckte ihn. Worin bestand es? Von einem Säugling abgesehen, hatte er bislang keine erhobene Stimme vernommen. Lachte jemand, geschah es unaufdringlich. Es schien ihm überhaupt, es widerstrebe den Menschen hier, sich irgendwie herauszuheben. Er sah, wie die Leute gingen, saßen, sprachen – ja, das war es: man hatte nie den Eindruck, sie suchten zu gefallen. Dagegen hatte er sich selber zuweilen beim Bemühen ertappt, sich möglichst vorteilhaft an seinen Bücherschrank oder in die Türecke der Ubahn zu lehnen. Man machte es beinahe unwillkürlich – so wie sehr viele Frauen automatisch lächeln, wenn ein fremder Blick sie streift. Da tobte der Konkurrenzkampf, der Krieg auf der harmlosesten Stufe. Vielleicht gehörte auch das schon zur Gewaltlosigkeit: es nicht mehr zu wünschen und nötig zu haben, andere zu beeindrucken, einzuschüchtern, auszustechen.

Birgit nahm wieder Platz. Ihr Kaffee war gut. Leider wurde Achims Behagen durch ihre Bemerkung getrübt, sie werde nicht mit auf den Acker zurückgehen, weil sie nachmittags Wachdienst habe. Er ließ es sich freilich nicht anmerken. Immerhin wußte er inzwischen, wie sie hieß und wo sie wohnte.

„Wo schiebt man denn Wache? Oder Frau?“

„Im Rathauskeller. Die Wachstube ist auch die Meldestelle für Neuzugänge oder Umziehende, außerdem das Büro und der Besprechungsraum von uns acht Hündchen.“

„Schützt ihr die Stadträte?“

„Im Ernstfall schon. Wir hatten vor einigen Jahren einen Überfall durch Neonazis, die aus Arnstadt angereist waren, weil sie Phil kannten. Das war der Anstoß für den Plenumsbeschluß, den Wachdienst einzurichten. Vorher hatte den die Gothaer Polizei gar nicht von uns verlangt. Der unterstehen wir nämlich formal. Übrigens habe ich bei dem Scharmützel einen jungen Täter angeschossen. Zum Glück kam er wieder auf die Beine.“

Achim pfiff durch die Zähne. Offenbar hatte er Deutschland doch nicht verlassen. „Nun ja – was heißt: zum Glück? Damit er wiederkommt?“

Sie grinste siegerfüllt. „Er kam wieder. Ich hatte ihn im Krankenhaus besucht. Bald darauf beantragte er Probezeit. Er gehört jetzt der GO Nesseschlaufe an.“

„Donnerwetter!“

Achims Bewunderung bezog sich allerdings weniger auf den Schußwaffengebrauch des Hündchens mit dem schwarzen, zuweilen aufglänzenden Schopf. Eigentlich verabscheute er rohe Gewalt, wo immer sie angewendet wurde. Das war vielleicht noch das positivste Erbe, das ihm sein Vater aufgedrückt hatte. Der war in der Friedens- und Ostermarschbewegung aktiv gewesen und schleppte das Söhnchen auf jede Demonstration und an jeden Büchertisch mit, wo es sich die kurzen Beine in den Bauch zu stehen hatte. Wenn sich Achim nicht falsch erinnerte, hatte sein Vater besonders gern gegen das „Gewaltmonopol des Staates“ gewettert. Später mußte er allerdings erkennen, daß Gewalt nicht unbedingt „roh“ ausgeübt werden muß – wie ihm sein Vater bewies.

Achim schickte sich gerade an, in Sachen Schußwaffen nachzuhaken, als sich die KartoffelleserInnen zum Aufbruch rüsteten. So brachte auch er sein Geschirr zum nächsten Servierwagen und wandte sich in Begleitung von Birgit und Lisa zur Tür. Neben dieser hing eine Art Briefkasten mit der Aufschrift Gäste zahlen bitte pro Mahlzeit 2 Euro 50. Achim ließ einen Fünfeuroschein in den Kasten gleiten. Wahrscheinlich aß er ohnehin noch einmal hier.

Birgit kam mit, weil ihr Fahrrad auf Hämmerchens Hof stand. Auf seine entsprechenden Fragen versicherten ihm die beiden Frauen, die „Hundemarken“ der RepublikanerInnen seien bestimmt nicht fälschungssicher, doch soweit sie wüßten, habe sich noch kein Ausheimischer der Mühe ihrer Fälschung unterzogen, nur um mal umsonst essen oder einkaufen zu können. Die Alternative dazu, nämlich sie einem Einheimischen zu entwenden, sei einmal vorgekommen, doch der Betrüger flog auf, weil eine Depotmitarbeiterin Verdacht schöpfte. Bei nur 3.000 EinwohnerInnen und den häufigen Plena kenne man sich weitgehend vom Sehen. Darüber hinaus gebe es nur noch die üblichen bundesdeutschen Personalausweise und einige ausländischen Pässe. Von dieser Bedingung war das Land Thüringen bei den „Sezessionsverhandlungen“ nicht abgegangen. Die Republik mache sie sich neuerdings bei den Plena zunutze, sofern bei wichtigen Entscheidungen – andere wurden dort gar nicht behandelt – kein Konsens zustande komme. Dann müßten alle an den 12 Scannern des Plenarsaales vorbeimarschieren, damit ihre Stimmberechtigung und ihr Votum – dafür oder dagegen – mit Hilfe der Personalausweise überprüft und erfaßt werden konnten. Die Ergebnisse erschienen sofort auf einer elektronischen Anzeigetafel. Zum Glück komme das aber selten vor. Die Tafel hatte Achim sogar mit Erstaunen bemerkt, als er in der Kirche übte. Da sie genau über der Kanzel hing, hatte er sich gefragt, ob es elektronische Gesangbuchsnummernanzeigetafeln für Anarchisten geben könne.

„Wieviel Prozent benötigt denn eine Mehrheitsentscheidung?“

„80“, sagte Lisa.

„Und wenns nur 78 sind?“

„Bleibt es einstweilen beim Status Quo ... Es sei denn, es kommt zu einem Aufstand und Umsturz“, ergänzte Birgit lachend, indem sie sich die Hände rieb. Sie drehte schon ab, weil sie die Scheune erreicht hatten. Sie winkte noch einmal, ehe sie um die Ecke bog. Achim war nicht sicher, ob das mehr Lisa, ihm selber oder doch eher Hämmerchen galt.


9

Gottseidank wurde auf dem Acker schon nach zwei Stunden Feierabend gemacht. Achim war ziemlich zerschlagen. Im Walnußhaus streckte er sich erst einmal auf seinem Gästebett aus. Als er nach einer halben Stunde wieder auf die Beine kommen wollte, stöhnte er auf, weil ihn der von Birgit vorhergesagte Muskelkater in die Oberschenkel biß. Er humpelte hinunter in die Wohnküche, wo eine Wärmekanne mit Kaffee stand. Während des Kaffeetrinkens ging er am Computer der Kommune ins Intranet, um nachzusehen, wie es seiner Suchanzeige ergangen war – Fehlanzeige. Niemand hatte sich gemeldet. Er war versucht, weiter in den Webseiten der Republik zu blättern, verbot es sich aber, weil er Flöte spielen wollte, ohne damit in die Nachtruhe zu geraten. Nur den Suchbegriff Snooker gab er noch schnell ein – Volltreffer! Das Städtchen verfügte über einen Snookersalon mit sage und schreibe 18 Tischen! Merkwürdigerweise hieß er Gesundheitsball. Jedenfalls lief Achim auch keine Gefahr, in seiner zweitgrößten Leidenschaft einzurosten. Der Toberaum im Keller des Walnußhauses war wieder frei. Er unterbrach sein Flötenspiel für das Abendbrot. Die Kommunarden luden ihn herzlich ein, an ihrem Wochenplenum teilzunehmen, das im Anschluß daran in der Wohnküche stattfinden würde, doch mit Verweis auf seinen Trainingsrückstand lehnte er dankend ab und verschwand wieder im Keller. Allerdings vereinbarte er mit Phil, am späteren Abend noch eine Weinstube in der Stadt aufzusuchen. Das Plenum dauere höchstens anderthalb Stunden.

Wie Achim später von verschiedener Seite versichert wurde, war die Terminplanung in einer basisdemokratisch strukturierten Republik von 3.000 Mitgliedern nicht so einfach, wie ein Berliner Orchestermusiker annehmen mochte. Zwar konnten sich die zumeist wöchentlichen Plena der vielen Kommunen oder die Plena der rund 50 Grundorganisationen, die stets alle zwei Wochen stattfanden, untereinander ohne nennenswerte Beeinträchtigungen überschneiden. Aber der feste Tag des GO-Plenums beschränkte den Spielraum bei der Vereinbarung der Wochenplena – und sie alle hatten sich dem Diktat des monatlichen Republikplenums zu unterwerfen, das stets am ersten Sonntag des Monats stattfand. Damit stehen wir allerdings erst am Beginn der drohenden Verhedderung. Denn außer den Plena fanden zahlreiche Arbeitsgruppentreffen statt – wiederum auf allen Ebenen. Fanden sie tagsüber statt, berührte es nicht die Plena, dafür jedoch zahlreiche Arbeitskollektive, Bildungsgruppen und die Arbeitsgruppen selber. In den Anfängen hatte die Erörterung, wann man sich das nächste Mal treffe, länger gedauert als die des Themas. Später wurde eher in Kauf genommen, daß der eine oder andere Interessierte herausfiel. Gleichwohl wurde das Engagement in mindestens einer Arbeitsgruppe von den RepublikanerInnen erwartet – auch dies wieder auf allen Ebenen. Sicher kamen Ausnahmen vor. Weder Hämmerchens Schwiegermutter noch die Familie Stötzer aus dem Forellenhäuschen am Zufluß des herzöglichen Wassergrabens wurden bekniet, sich häufiger oder überhaupt einmal auf Arbeitsgruppentreffen blicken zu lassen. Wer wußte, die einzige Satellitenschüssel der Republik war am Südgiebel des Forellenhäuschens zu finden, konnte sich die Gründe für die Enthaltsamkeit der Stötzers in sozialen Dingen denken. Wie sich versteht, befaßten sich die Arbeitsgruppen auf Republikebene nur mit Fragen, die alle betrafen, beispielsweise Umgang mit dem Fernsehen, Hundeverbot, Einrichtung eines Museums, Petition an den Landtag in Erfurt, Umstellung von Schweine- auf Pferdezucht, Dienstvorschriften der Hündchen ... An diesen Arbeitsgruppen waren stets die zuständigen Stadträte beteiligt, die das Arbeitsergebnis schließlich auf dem Plenum in der Stadtkirche einzubringen und anschließend in die Tat umzusetzen hatten. Ansonsten stand jedem Republikaner grundsätzlich frei, wo er sich engagierte. Drohte einer AG Überfüllung, wurde der Zugang gesperrt; drohte ihr Verwaisung, wurden TeilnehmerInnen zugelost. Selbstverständlich wurde niemand mit Hündchen-Gewalt in eine Gruppe gezwungen. Die Republik war frei – während ein erzwungenes Engagement in der Regel fruchtlos bleibt oder sogar Schaden anrichtet. Die erwähnte Umstellung auf der Domäne wurde nicht von der Lobby der PferdefleischliebhaberInnen erzwungen; es ging darum, die Schweinemast abzuschaffen und die betreffende Halle für die Zucht von Zugpferden umzubauen. In den Grundorganisationen wurden durchaus noch etliche Schweine gehalten, aber nie in nennenswerter Anzahl. Dort dienten sie hauptsächlich der Abfallverwertung.

Kurz nach 22 Uhr brachen Achim und Phil Richtung Stadtkern auf. Die Gassen waren durch Laternen mäßig beleuchtet. Phil berichtete, das Plenum der Walnußkommune habe den Einbau einer Zentralheizung verworfen. Er selber habe sie sowieso nie vermißt. Für den großen Aufwand einer solchen Umstellung sei der Ertrag an Bequemlichkeit fragwürdig. Mit den Zimmeröfen könne sparsam je nach Bedarf geheizt werden und das Heizen bleibe in den eigenen Händen. Niemand von ihnen sitze frühmorgens die Stechuhr einer Fabrik im Nacken. Fiele der Heizkessel oder die eingeteilte Heizerin aus, frören gleich alle im Haus. In der Regel seien die einfachsten Lösungen immer die besten. Dazu hatte Achim gut Nicken, denn noch war ihm nicht so kalt gewesen, daß er dem gußeisernen Ofen in seinem Gastzimmer nennenswerte Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Wie so ein Ofen innen aussah, wußte er ohnehin nicht.

Was Achim erneut erstaunte, war die Ruhe im Städtchen. Kein Hund schlug an, kein Gebläse jaulte, kein Fernsehgerät flackerte und ließ die Fensterscheiben erzittern, weil schon der Sprößling der Familie halb ertaubt war. Sie hörten ihre eigenen Schritte. Hin und wieder trafen sie andere FußgängerInnen oder RadfahrerInnen, mit denen Phil einen Gruß oder ein paar Worte wechselte, das war alles. In der Hauptstraße wurde es fast ein wenig unheimlich, weil zudem Motorenlärm und Leuchtreklamen fehlten. Sie kamen am Schloß vorbei. Selbst in etlichen erleuchteten Fenstern des Hotels und des Altenheims, die in ihm untergebracht waren, konnte Achim keinen Widerschein eines Fernsehgerätes entdecken.

„Die Abwesenheit von Hundehaufen hat mir bereits bei meiner Ankunft imponiert“, sagte Achim. „Aber was spricht eigentlich sonst noch gegen den Hund?“

„Er ist die Inkarnation des Sklaven. Bekanntlich pflegen Anarchisten die Sklaverei abzulehnen. Sie halten keine Hunde.“

„Aber Pferde schon?“

„Ja“, grinste Phil. „Das Pferd ist ein angenehmer und zudem nützlicher Freund des Menschen. Es würde niemals schwanzwedelnd um Küsse oder Fußtritte betteln wie der Hund. Dein sklavischer Freund frißt dir die Haare vom Kopf, nur arbeiten will er nicht, der Hund ... Das Pferd sucht sich Gras und liefert dir obendrein seine Äpfel noch als wertvollen Dung frei Haus. Es hat vielleicht ein ähnliches Fell wie der Hund, aber ein ganz anderes Naturell: sanftmütig, gesellig, gleichwohl stolz. Halte die hündischen Kreaturen dagegen, und du bekommst Zahnschmerzen. Ja, beißen tun die Köter bekanntlich auch.“

Achim deutete auf die Häuser. „Habt ihr nach den Hunden auch die Glotzen verboten? Ich sehe es nirgends flackern.“

Phil hob im Gehen die Schultern. „Warum sollten wir? So gut wie niemand verzehrt sich hier nach dem verlogenen Senf, der aus ihnen quillt. Es gab einmal eine Bestandsaufnahme, danach hatten wir 2007 kein Dutzend Fernsehgeräte in der Republik. Kabel liegen hier sowieso nicht, da hatten wir Glück mit der DDR. Die einzige Satellitenschüssel hängt bei den Stötzers am Forellenhäuschen. Wir sind vorhin an dem schmalen Fachwerkhaus vorbei gekommen. Aber ich hätte dir die Satellitenschüssel nicht zeigen können, weil sie nach hinten auf den Zufluß des Wassergrabens geht – Gottseidank!“

„Ist das Internet ebenfalls verpönt?“

„Nein. Jede GO hat ihren Anschluß. Die Vorteile werden genutzt. Gleichwohl stellt das Internet ein pädagogisches Problem dar, weil sich so manche unserer Kinder nur zu gern an den Nachteilen des Internets laben. Sie suchen Zerstreuung, nicht Konzentration. Sie können naturgemäß nicht erkennen, wie sehr ihnen das Trommelfeuer des Internet-Angebotes die Gehirnrinde und die Nervenstränge durchlöchert.“

Achim nickte; er kannte das Problem von Iris her. Er ließ seinen Blick über die Jugendstilfassaden der Hauptstraße, die Bäume, die Laternenpfähle gleiten. „Mir ist schon gestern auf dem Weg vom Bahnhof zum Markt aufgefallen, daß euer Stadtbild von diversen Reklamen, Aufrufen, Hinweisen nahezu ungetrübt ist. Selbst in der DDR war ja alles mit Durchhalteparolen gepflastert gewesen. Verfolgt ihr diese Abstinenz mit Absicht?“

„Unbedingt! Allerdings gingen ihr vor Jahren kontroverse Debatten voraus, die streckenweise Wogen bis zur Turmuhr der Stadtkirche hinauf schlugen. Die Partei der Bepflasterer wünschte 'den öffentlichen Raum' für Nachrichten und Botschaften zu nutzen. Doch die Argumentation der Gegenpartei – ich zählte zu ihr – setzte sich durch. Wir traten für das Recht, ja die Würde der Dinge ein. Man darf ein Haus oder einen Baum nicht zu TrägerInnen von Texten oder Bildern degradieren. Sie sind etwas für sich, das eine bestimmte Ausstrahlung hat und aufgrund dessen erkannt und anerkannt sein möchte. Für Nachrichten oder Botschaften haben wir eigens dafür geschaffene Einrichtungen, etwa unser Intranet oder unser Monatsblatt. Eine Zeitung fungiert von vornherein als Mittel für Mitteilungen – eine Hauswand oder ein TShirt nicht. Sie besitzen verschiedene Eigenschaften, die uns zum Beispiel schützen können. Die bepflasterten Wände und Kleider greifen uns an.“

Achim schnalzte mit den Lippen und sah seinen Gastgeber ein wenig spöttisch an. „Kühne Argumentation! Das muß ich euch lassen. Darf man hinter den Wänden und Kleidern noch Musik machen ..?“

Phil ließ die Frage mit einem Schmunzeln in der Luft hängen, denn sie hatten die etwas versteckte Weinstube in der Gerbergasse erreicht. Er hielt Achim die Tür auf. Über dieser war immerhin der Name des Lokals zu entziffern: Zur Roten Reblaus.

Der langgestreckte Raum war gut besucht, aber keineswegs überfüllt. Achim wunderte sich, hätte er doch eher erwartet, die RepublikanerInnen träten sich hier auf die Füße, bis die vorhandenen Fässer oder Flaschen leergetrunken seien, die sie ja nichts kosteten. Damit unterlag er dem typischen Irrtum westlichen Effiziensdenkens, das lediglich den kurzfristigen Eigennutz im Auge hatte. In Konräteslust lebten nur Menschen, die sehr wohl wußten, daß der gemeinsame Topf der Republik nicht unerschöpflich war, denn sie sahen – teils leibhaftig, teils über ihr Intranet – täglich in diesen hinein. Und sie wußten, was sie auf der einen Seite in ihre Kehlen gossen, mußten sie auf der anderen wieder aus dem Kartoffelacker schürfen. Sie waren zu sehr aufeinander angewiesen um versucht zu sein, auf Kosten der anderen zu leben. Schmarotzer hatten keine Chance. Gewiß gab es Reibereien – unterschiedliche Ansichten über das, was gerade angemessen war. Aber die trug man aus. Dagegen übte die Konkurrenzgesellschaft in solchen Fällen gern das Verfahren, Mißgunst und Groll so lange zu bebrüten, bis sich an anderer, unverhoffter Stelle ein Knüppel fand, den man dem Widersacher zwischen die Beine werfen konnte.

Sie ließen sich von der jungen Thekenfrau eine angebrochene Flasche Rotwein und Gläser geben und setzten sich an einen kleinen Tisch. Aschenbecher waren nicht vorhanden. Phil erklärte, um die Ecke gebe es eine andere Weinstube, die eine Hochburg der RaucherInnen sei. Ein republikweites Rauchverbot werde bislang nicht erwogen. Es sei ein heikles Thema. Er prostete Achim zu.

„Ja“, erwiderte Achim. „Apropos Verbote! Wenn einer in der Hauptstraße ein Riesentransparent aus dem Fenster hängt, einerlei, ob für oder wider das Rauchen – kommen dann die Hündchen und schneiden es ab?“

Phil lachte und tippte sich auf die Hemdenbrust. „Da komme erst mal ich! Ich sehe das, gehe hinauf und frage den Menschen, warum er unsere Vereinbarung bricht. Er wird ja seine Gründe haben.“

„Und wenn sie dir nicht einleuchten? Und der Mensch sich weigert, die Fahne einzuziehen?“

„Kommt auf mein Gefühl an. Vielleicht lasse ich die Sache auf sich beruhen, weil sicherlich noch andere kommen werden, denen sie aufstößt. Vielleicht marschiere ich aber auch ins Büro seiner GO und rege eine Untersuchung des Vorfalls an. Können die das nicht im Rahmen der Wohn- oder Hausgemeinschaft des Menschen klären, kommt die Sache schlimmstenfalls auf die Tagesordnung des nächsten GO-Plenums, zu dem ich womöglich eingeladen werde. Der Übeltäter dürfte dann früher oder später um Entschuldigung bitten. Ich möchte den Republikaner sehen, der sich hartnäckig gegen den Wunsch des Kollektivs stellt. Das wird dem Mann oder der Frau doch unerträglich.“

„Schon möglich ... Nimm aber an, es sei so etwas wie Gefahr im Verzuge im Spiel. Auf dem Transparent steht Genossin Soundso ist eine Sau, die mit jedem Stadtrat schläft. Seine ganze Kommune kann ihn nicht überreden, es schleunigst abzuhängen. Kommen dann die Hündchen?“

Phil schüttelte belustigt seinen Kopf und fuhr sich mit der Hand über sein sorgsam zurückgekämmtes graues Haar. „Was für Konstruktionen! Aber bezeichnend dafür, wie der freie Westen denkt. Sowas macht hier keiner! Es sei denn, ein Durchgedrehter oder ein Gast.“

„Na gut. Und den muß man notfalls mit Polizeigewalt in die Schranken verweisen?“

„Wenn es nicht anders geht, ja. Aber es werden sich ja wohl ein paar durchtrainierte MitbewohnerInnen finden. So einen Fall hatten wir mal in der GO Waisenhausplatz. Eine Bewerberin, deren Ersuchen auf Probezeit wiederholt abgewiesen worden war, wollte bei ihrem jüngsten Besuch trotzdem bleiben. Sie beschimpfte die WaisenhäuslerInnen, sperrte sich in ihrem Gästezimmer ein und gab vor, über ihr Handy mit tausend mächtigen Freunden zu telefonieren. Ein paar Leute drangen durchs Fenster ein und beförderten sie mit einer Pferdekutsche gewaltsam zum Bahnhof. Sie tobte noch im Zug. Also wurde sie gefesselt und ein paar Leute begleiteten sie wohl oder übel bis Bufleben. Das alles ließ sich noch ohne Hündchen bewerkstelligen. In Bufleben wurde sie dann allerdings von der Gothaer Polizei erwartet. Was sollten wir anderes machen? Sie hätte gleich wieder den übernächsten Zug nach Konräteslust geentert und ihn womöglich demoliert.“

Achim schenkte Phil nach und weidete sich dabei an der Vorstellung dieses Wütens in dem rotschwarzen Kurzzug, den er ja kannte. Sicherlich würde sie zuerst alle Polster aufschlitzen ...

„Und wenn sie ein Messer hat? Oder im Koffer eine Maschinenpistole?“

„Eben dann müssen wir unsere Hündchen bemühen.“

Achim wog sein Haupt. „Und wenn die Hündchen aufgrund geschickter Bestechung im politischen Machtkampf der Republik bemüht werden?“

„Sehr unwahrscheinlich. Zum einen werden nur bewährte Personen als Hündchen vorgeschlagen – und sie werden wie die Stadträte unmittelbar vom Republikplenum gewählt. Zum anderen wäre solch ein Putsch schwachsinnig, denn wie wollten sich die Putschisten unter den gegebenen Umständen halten? Da müßten sie schon eine ganze Privatarmee von Blackwater anheuern.“

„Wahrscheinlich hast du recht“, gab Achim zu. „Trotzdem ist mir eine Polizei unbehaglich. Mein Vater, ein Altlinker aus dem Westen, hat immer gegen das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates gewettert – aber hier liegt ja ebenfalls ein Gewaltmonopol vor, nämlich in Form der Befugnisse und Waffen eurer Hündchen.“

Phil nickte. „Selbstverständlich ist die Sache heikel. Sie wurde 1995 weißgott heftiger erörtert als die Plakatierung im öffentlichen Raum. Viele fürchteten, wir kämen vom Regen in die Traufe. Bis dahin war regelmäßig die Gothaer Polizei bei uns aufgetaucht, um nach dem Rechten zu sehen, wie es so schön heißt, oder auch zwischendurch, um etwa einen Diebstahl durch Fremde aufzuklären. Von diesem Ordnungsrecht war die thüringer Landesregierung bei den Sezessionsverhandlungen nicht abgegangen. Nun wollten viele RepublikanerInnen diese Polizeipräsenz nicht mehr, und da sagte die Landesregierung: na gut, dann müßt ihr aber eine eigene Polizei schaffen, die zumindest formal der Gothaer Polizeidirektion untersteht. Wir einigten uns dann auf das inzwischen bewährte Modell. Unsere gewählten Hündchen haben sich vor Amtsantritt einer komprimierten Ausbildung von vier Wochen bei der Gothaer Polizei zu unterziehen. Leichte Schußwaffen und Handfesseln werden ihnen von dort gestellt. Auf Uniformen dürfen sie verzichten, solange sie anderweitig gekennzeichnet sind. Sollte es zu Verhaftungen kommen, sind die Betreffenden nach Gotha zu überstellen. Sollte es zu Beschwerden über das Wirken der Hündchen kommen, einerlei von welcher Seite, hat die Gothaer Polizei das Recht, ihnen nachzugehen und gegebenfalls juristische Schritte einzuleiten. Das war so das Wesentliche. Nach den bisherigen Erfahrungen sind wir mit diesem Kompromiß sehr gut bedient. Und was wäre die Alternative?“

„Vielleicht die berüchtigte allgemeine Volksbewaffnung?“

Phil grinste. „Da hätte uns die Landesregierung schön was gehustet! Schlagzeile der Thüringer Allgemeinen: 2.000 RepublikanerInnen sturmbereit ... Aber ich versichere dir, die RepublikanerInnen selber hätten nicht die geringste Lust, sich bewaffnen zu lassen. Sie hassen Waffen. Sie möchten nicht versucht sein, ihre Potenz mit Hilfe der feuernden Rohre zu beweisen. Lieber als das Schießen zu üben wollen sie Modelle gewaltfreier Konfliktlösung trainieren. Nicht wenige von ihnen finden es schon schlimm genug, ihre Kinder erziehen zu müssen. Denn welche Kindererziehung käme ohne Gewalt aus? Dazu bedarf es noch nicht einmal eines Fußtritts oder einer Woche Stubenarrest. Zu drohen, dem Sprößling 'böse zu sein', genügt.“

In diesem Punkt mußte Achim Phil rechtgeben. Er erzählte von seinem Vater, der seinem „antiautoritären“ Anspruch gemäß gar nicht erziehen wollte, es aber auf subtilem Wege umso übler tat. Er verbot Achim nichts und schrieb ihm nichts vor, gab ihm freilich seine Zu- und Abneigungen unmißverständlich zu verstehen. War Achim dann in seinem Freiheitsdrange wieder in die Falle getappt, murmelte der Vater prompt: „Ich wußte es ja.“ Auf diese hinterhältige Weise blieb der Vater stets im Recht, während sich in Achim Unsicherheit und Schuldgefühl auftürmten. Als er merkte, wie sich diese Muster in Beziehungen zu Freunden oder Kollegen wiederholten, unterzog er sich einer Gruppentherapie bei einem Psychologen, der ihm empfohlen worden war. Er kannte die anderen TeilnehmerInnen nicht, doch ihre Probleme kamen ihm umso bekannter vor. Nebenbei wurde er auf seine seltsamen Vorurteile gegen alles „Linke“ aufmerksam – ihre Quelle fand sich in seinem „linken“ Vater. Möglicherweise habe er auch seine „unpolitische“ Berufswahl – zum Musiker – vor allem aus Trotz gegen den Vater getroffen. Achim versicherte, diese Aufarbeitung, so peinlich sie zuweilen gewesen sei, habe ihn von mancher Verkrampfung befreit, und Phil nahm ihm das gerne ab.

Von Achims Erzählung her stellte sich nun auch das Phänomen polizeilicher Gewalt etwas differenzierter dar. Wie sie von denen, die sich ihrer aufgrund ihrer wirtschaftlichen, politischen oder auch nur körperlichen Stärke mit Vergnügen bedienen, gern verharmlost wird, messen ihr die kleinen Leute oft zu viel Bedeutung bei. Sie übersehen die Gewalt, die in den Strukturen und Verkehrsformen eines sozialen Gebildes steckt. Auch der Staat übt seine Macht nicht in erster Linie durch Maschinengewehre aus. Ein Behördenformular, ja schon der Blick eines Bürokraten kann Selbstvertrauen zerstören, einen Asthmaanfall hervorrufen, ganze Existenzen vernichten. Man wird selten mit einer Axt, umso öfter mit der Aussicht bedroht, in Ungnade zu fallen – ob bei Vater Staat oder dem eigenen Erzeuger.

„Wahrscheinlich ist das der wichtigste Anzeiger für den in Gesellschaften oder Gruppen herrschenden Freiheitsgrad“, sagte Phil: „Der Pegelstand von Drohungen aller Art. Je mehr dieser sinkt, umso größer die Freiheit.“

Da sich der Rotweinspiegel auch schon fast auf den Boden ihrer Flasche gesenkt hatte, brachen sie bald auf. Jetzt spürte Achim seinen Muskelkater in den Oberschenkeln wieder. Er ging gleich zu Bett.


10

Der Brotkorb West lag nur zwei Straßen vom Walnußhaus entfernt. Achim wollte vor allem frische Frühstücksbrötchen holen. Es war über nacht kühler geworden. Er hatte für diesen Tag den Küchendienst übernommen, doch zu seiner Erleichterung hatte sich Torsten bereit erklärt, den Ofen in der Wohnküche zu besorgen. Im Brotkorb – auch schon früher Bäckerei – war es eher zu warm, weil das Kollektiv der BetreiberInnen die Wand zwischen Laden und Backstube herausgerissen hatte. Nur eine Kühltheke trennte die beiden Räume. Die Plätze in ihr und den Regalen waren beschildert, so daß man sich selbst bedienen konnte. Während Achim die gemäß seinem Zettel ausgewählten Backwaren in seinen Beutel tat, kam aus dem Hintergrund der Backstube ein junger Mann im Unterhemd geschlendert, der seine grau-weiß karierte Bäckerhose mindestens viermal um den Gürtel gewickelt hatte. Er kratzte sich unter seiner weißen Schiffchenmütze und grüßte freundlich. Ob Achim ein Besucher der Republik sei? Achim bestätigte es, fischte jedoch Torstens Hundemarke aus der Innentasche seiner Jacke und erklärte, er kaufe fürs Walnußhaus ein. Der junge Bäcker nickte verständig, berichtigte aber, in diesem Falle hole Achim ein, das sei der interne Sprachgebrauch. Er zwinkerte mit einem Lächeln und zog sich wieder zurück. Achim nickte, denn der Unterschied leuchtete ihm ein. Bald darauf verließ er den Laden.

Da die Republik nicht wirklich autonom, vielmehr mit etlichen Fäden ans „feindliche“ Umland gebunden war, kam sie nicht umhin, allerlei Zugeständnisse zu machen. So auch in der Verteilungsfrage. Zu den zahlreichen Vorteilen einer Wirtschaft ohne Tausch zählt der Wegfall des kostspieligen und für jede Seuche guten Geldes, des parasitären Handels, der Volksverdummung namens Werbung, des Verkaufs- oder genauer: Überwachungspersonals. Nun hatte Konräteslust aber zahlreiche BesucherInnen, die es beim besten Willen nicht freihalten konnte. Es war auf Bezahlung angewiesen und mußte sich auch vor Diebstählen schützen. In gewissem Sinne war man deshalb zu genau der Doppelmoral gezwungen, die jeder Konrätesluster haßte. Es ging nicht anders. Man behalf sich mit Gelassenheit und möglichst einfachen Lösungen je nach den Umständen. Die BrotkörblerInnen beispielsweise warfen die geringen täglichen Einnahmen kurzerhand in einen Schuhkarton. Sie benötigten keine computergesteuerte Registrierkasse. Einmal pro Woche schütteten sie diesen Karton in der Republikbank – die im alten Postamt in der Hauptstraße residierte – auf den Tresen. Eine Mitarbeiterin der Bank erfaßte diese Einnahme im zentralen Rechner der Republik, doch Belege waren überflüssig. Dafür unterzogen sich die Konrätesluster BrotkörblerInnen der kleinen Mühsal, sich nach jedem Griff in ihren Schuhkarton die Hände zu waschen, bevor sie diese wieder in ihren Brotteig hieben. Das entsprach sogar einem Beschluß, den das oberste Gremium der Republik, die Vollversammlung in der Stadtkirche, gefaßt hatte. Man wollte sich damit weniger der Sündhaftigkeit als des Seuchenpotentials des Geldes erwehren, das bekanntlich durch zahlreiche mehr oder weniger schmutzige Hände wandert.

Leiter der Bank waren der Stadtrat oder die Stadträtin für Finanzen, also ein vom Plenum für ein Jahr gewählter, besonders vertrauenswürdiger Mensch. Diese „Bank“ stellte nichts anderes als den gemeinsamen Finanztopf der Republik dar. Aus ihm und in ihn wurde gewirtschaftet. Der Topf gehörte allen – so wie auch die Stadtkirche, die Weinstube oder Hämmerchens Kartoffelacker allen gehörte. Privatkonten gab es nicht. Sämtliche Einkünfte eines Republikaners wanderten in den Topf, ob es der Geldschein von Mama oder eine väterliche Erbschaft war. Bekam der Schriftsteller und Journalist Heinz Jäckel hin und wieder ein Honorar von der in Berlin erscheinenden Jungen Welt, ließ er es auf das dafür vorgesehene Konto der Republikbank überweisen. Da der Topf allen gehörte, hatte allerdings auch jeder Zugriff auf ihn. Wollte sich Jäckel in Gotha zur Feier eines Literaturpreises (der bereits im Topf lag) eine Flasche Orangenlikör kaufen, brauchte er ausnahmsweise Geld – er holte es sich auf der Bank, gegen Vorlage seines Personalausweises. Die Regel war, daß jeder Beträge bis 150 Euro nach Gutdünken abheben konnte. Dagegen brauchte er für größere Anschaffungen – etwa einen Laptop oder gar ein neues Klavier – Grünes Licht von seiner GO. Das geschah zumeist ohne Debatte. Die Vorhaben wurden am Schwarzen Brett der GO angekündigt und galten als genehmigt, wenn binnen einer Woche niemand Einspruch erhob. Wenn doch, hatte der betreffende Pech: er mußte bis zum nächsten GO-Plenum warten und sich dort unter Umständen rügen lassen. Auch LeserInnen ohne Abitur werden sich allerdings sagen: hebt Jäckel oder sonstwer an einem Tag oder auch in einer Woche 20 mal 150 Euro ab, hat er seinen Laptop, ja schon fast ein Klavier ohne Genehmigung im Sack. Darauf würde Phil erneut erwidern, so etwas mache hier keiner. Wenn aber doch, falle es selbstverständlich auf. Stellte nicht schon die Mitarbeiterin in der Bank den Jäckel zur Rede, würden sich spätestens auf dem nächsten Plenum seiner GO einige Dutzend Stirnen runzeln. Hatte Jäckel bereits 600 Euro aus dem Fenster geworfen, hatte die Republik Pech. Solche Veruntreuungen waren in der 20jährigen Republikgeschichte so gut wie nicht vorgekommen. Übrigens stand die gesamte Buchhaltung der Bank im Intranet. Jeder konnte sie einsehen. Das galt auch für den bundesdeutschen Verfassungsschutz, denn die Republik hatte nichts zu verbergen.

Wie sich versteht, waren Jäckels Kleider, seine Lieblingsbücher und selbst sein vergoldeter Füllfederhalter, falls er einen besaß, kein Gemeineigentum. Persönliche Habe wurde geachtet. Für den Fall eines Ausstiegs aus dem Projekt Konräteslust legte ein kurzer Ausstiegsvertrag, den jeder schon bei seinem „Einstieg“ mit seiner GO abschloß, ungefähr fest, was der Betreffende mitnehmen würde. Zudem wurde ihm ein bestimmtes „Ausstiegsgeld“ garantiert. Es richtete sich keineswegs danach ob er viel, wenig oder gar Schulden eingebracht hatte; es sollte ihm nur einen Neustart außerhalb der Republik gewährleisten. Für einen Erwachsenen ohne Kinder lag dieser Betrag gegenwärtig bei maximal 3.000 Euro. Hatte er einen sehr gefragten Beruf oder gar die Aussicht, Vaters Klavierfabrik zu erben, erhielt er weniger. Das Beispiel deutet eine Faustregel an, die Anarchisten in allen gesellschaftlichen Bereichen berücksichtigt sehen möchten: die Menschen sind nicht gleich. Sie haben alle Anspruch auf Würde und Freiheit, doch ihre Bedürfnisse und Kräfte sind so verschieden wie ihre Lebenssituationen und Naturelle. Neoliberale „Kopfpauschalen“ bei der Finanzierung des Gesundheitswesens beziehungsweise der Medizinmafia sind so ungerecht wie die „Praxisgebühr“ und die „Mehrwertsteuer“.

Achim kochte Tee und Kaffee und unterhielt sich ein wenig mit Lisa, die bereits ihr Müsli umschaufelte. Sonst war niemand im Raum. Von besonderen Anlässen abgesehen, wurden die Mahlzeiten im Walnußhaus ziemlich regellos eingenommen, je nach den Verpflichtungen oder Wünschen der einzelnen Leute. Mahmud zum Beispiel war bereits zu seiner Grundschule aufgebrochen, während Phil vermutlich lange schlafen würde, denn er mußte heute weder ins Bahnhofscafe noch zu irgendeiner Sitzung. Da das Mittagessen ohnehin außerhalb stattfand, war „Küchendienst“ keine Fron. Man hatte vor allem Einzuholen und Sauberzumachen: Geschirr, Küche und die beiden Badezimmer der Kommune. Achim konnte sich also fast wie zu Hause fühlen, denn seine Berliner Haushaltsführung sah kaum anders aus. Er aß stets in diversen Theaterkantinen. Das Saubermachen war ihm keineswegs lästig, stellte es doch eine willkommene Abwechslung zum Klavier- und Flötespielen und seiner Lehrtätigkeit dar. Als er in der Frühe Torsten beim Holzspalten im Schuppen erblickte, hatte er sich sogar gedacht, das wäre auch etwas für ihn. Aber nein, als „Sport“ hatte er sich nicht etwa Handball oder Boxen, vielmehr Snooker auserkoren. Man bewältigte dieses Spiel eher mit dem Kopf als mit dem Billardstock. Ehrlich gesagt, hatte er seit jener Gruppentherapiezeit stets die Liebe als angenehmstes Mittel körperlicher Ertüchtigung empfunden, doch in diesem Jahr saß er in dieser Hinsicht leider auf dem Trockenen. Seine letzte Geliebte war Lehrerin an der Kreuzberger Waldorfschule gewesen. Über ihre Fertigkeiten in der Gymnastik konnte er nicht klagen, doch auf die Dauer ging ihm ihre Verehrung für Rudolf Steiner gegen den Strich. Es kam zum Zerwürfnis.

Von Lisa erfuhr er zu seiner Verblüffung, es gebe nur zwei Grundschulen in Konräteslust – keine anderen Schulen. Sie selber würde gleich zur BG Montaigne gehen, die im Waisenhaus tage. BGs waren Bildungsgruppen. Die sehr praktisch orientierten Grundschulen wurden gern besucht, obwohl es keine allgemeine Schulpflicht gab. War ein Kind 10 oder 11, überlegte es gemeinsam mit seinen Eltern und Betreuern, wie es weitergehen könnte. Den Wunsch, ein Gymnasium in Gotha oder die traditionsreiche Salzmannschule in Waltershausen zu besuchen, äußerte es selten. In der Regel ersuchte es gemäß seiner Neigung um Aufnahme in einer der ganz unterschiedlich orientierten BGs der Republik. Allgemeine Lehrpläne oder Vorschriften über die Strukturierung und den Umfang des Unterrichts existierten nicht. Die Gruppen waren von ihrem Leiter oder ihrer Leiterin geprägt, die ihren eigenen Konzepten folgten. Zum Teil zogen sich die LeiterInnen „Gastdozenten“ heran wie etwa bei Montaigne den erwähnten Schriftsteller Jäckel. Oder sie besuchten mit ihrer Gruppe einen Betrieb der Republik zwecks Erforschung und Mitarbeit. Sie erprobten und veränderten ihre Konzepte im Lauf der Gruppenpraxis. Das heißt, die „SchülerInnen“ trugen zu diesen Konzepten nicht unerheblich bei. In der BG Montaigne lag das Schwergewicht auf den Bereichen Kritisches Denken / Europa in der Renaissance / Französische Sprache. Aber selbst dort wurde keineswegs nur geistig gearbeitet. So betreute die Gruppe einen kleinen Weinberg, den sie selber oberhalb des Hutewäldchens angelegt hatte. Die dortigen Anhöhen gehen gen Süden. Wie sich versteht, hieß der Weinberg Montaigne. Im Übrigen wurden die BGs von jedem Jugendlichen, der für diese Art des Unterrichts Feuer gefangen hatte, mehr oder weniger oft gewechselt. Im Ganzen sprang dabei eine hübsche Allgemeinbildung heraus – sofern man Jäckels ausnahmsweise auf Englisch abgehaltener Predigt anhing, less sei more.

Lisa mußte aufbrechen. Etwas später kamen Ingeborg und Jens zum Frühstück, ein Liebespaar, wie Achim schon bemerkt hatte. Er schmierte sich jetzt auch selber ein Brötchen. Ob er die beiden mit dem Thema Schule belästigen dürfe? Er durfte. Er erwähnte Lisas Bemerkungen zu den BGs und fragte, ob es den Begriff Allgemeinbildung nicht ad absurdum führe, wenn im Ergebnis jeder Absolvent dieser BGs eine andere habe?

Jens schmunzelte und sah seine Geliebte herausfordernd an. Sie gehörte dem dreiköpfigen Team an, das die Stadtbücherei betreute.

Ingeborg schöpfte Atem, während sie mit den Handrücken ihre rotgefärbte Mähne über die Schultern warf. „Ja und nein, würde ich sagen. Die Behauptung bürgerlicher Staaten oder von deren Kultursministerkonferenzen, sie wüßten, was man wissen müsse, ist eine Anmaßung. Die Menschen sind doch verschieden. Der eine hat Goethe schon mit der Muttermilch aufgesogen, während der andere den Herrn Geheimrat aus Weimar noch als Greis nicht vermißt. Jens ist gelernter Raumausstatter. Da ist es schon gut zu wissen, wie sich eine bestimmte Seitenlänge eines Behälters, an die man nicht mit dem Zollstock herankommt, mit Hilfe des Satzes von Pythagoras ausrechnen läßt. Aber zum Systematisieren und Verwalten von Büchern brauche ich a² + b² = c² nicht. Auf der anderen Seite gibt es ohne Zweifel ein wünschenswertes Grundlagenwissen, über das jeder Mensch verfügen sollte, zumal in libertären Projekten wie Konräteslust. Es betrifft zum Beispiel die Geschichte, die Kritikfähigkeit, das Ausdrucksvermögen, die Moral, die sozialen Beziehungen, auch Psychologie. Aber die diesbezüglichen Lehren stecken so gut wie in jedem Ausschnitt der vergangenen oder gegenwärtigen Wirklichkeit, wenn ich ihn mir nur gründlich genug vornehme. Hier kommt es nicht darauf an, welchen Ausschnitt ich wähle, sondern wie tief ich in ihn hinabsteige. Auf das lebenswichtige Grundwasser stoße ich überall. Ich nehme einmal an, das hatte Jäckel im Auge, als er Mies van der Rohes less is more ins Feld führte.“

Achim prostete Ingeborg mit der Kaffeetasse zu und ließ ihre Worte auf sich wirken. Er weidete sich dabei auch an dem bewundernden Blick, den Jens der rothaarigen Referentin schenkte. Wahrscheinlich war Jens noch recht frisch in sie verliebt.


11

Nach dem Putzen ging Achim zur Ziegelei. Er hatte auf dem Podium im Speisesaal ein Klavier, unter den Fenstern dagegen Zentralheizungskörper gesehen. So fragte er in Büro und Küche, ob er bis zum Mittagessen Klavier und Flöte üben dürfe. Man bat ihn ganz im Gegenteil darum.

Der Saal war dem Tobezimmer des Walnußhauses sowohl in der Wärme wie in der Akustik überlegen. Achim war in Form. Kaum hatte er auf dem Piano einen Ragtime von Scott Joplin angespielt, schwang ein Koch mit bunter Schürze die Glastür auf und hakte sie an der Saalwand ein. Achim schnupperte – ein klarer Fall von Zwiebeln. Es waren freilich nicht nur die Essensdünste, die Achim trotz seiner Spielfreude die Konzentration erschwerten. Eine bestimmte Tischecke im Saal kam hinzu. Sie zog immer wieder seinen Blick auf sich, weil er dort mit der betörendsten Kartoffelleserin gespeist hatte, die ihm bislang begegnet war. Vielleicht hatte ihn Jens angesteckt, denn vor Birgit hatte er noch keine Kartoffelleserinnen getroffen. Wahrscheinlich hätten sie auch keine roten Latzhosen angehabt. Er hatte sich bereits auf dem Herweg gefragt, ob es mit seiner Manneswürde zu vereinbaren sei, einer Polizistin hinterher zu laufen. Und wenn ja, blieb immer noch die Frage, ob es sachdienlicher sei, am Telefon einen Vorwand zu präsentieren oder lieber gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Im zweiten Fall hätte er lediglich festzustellen: du gefällst mir, wann sehen wir uns? Im ersten Fall mußte er den Vorwand leider zunächst einmal finden, bevor er ihn äußern konnte. Als er auf der Flöte mit Mühe eine Etüde von Franz Doppler absolviert hatte, fiel ihm der Vorwand „Iris“ ein; schließlich war Birgit Polizistin. Von der Küche her erklang Händeklatschen: es war der ihm bereits bekannte Koch, wie Achim sah. Sein Beifall galt der Etüde. Im Saal roch es jetzt nach Bohnen und Fisch, wenn sich Achim nicht täuschte. Im Walnußhaus hatte er erneut ins Intranet geschaut und keine Antwort auf seine Suchanzeige erblickt. Zwei Frauen, die sich ihm entzogen, das kratzte schon an der Ehre.

Gegen 13 Uhr schraubte Achim seine Flöte auseinander und wischte sie aus. Seine heimliche Hoffnung, Birgit werde zum Mittagessen auftauchen, erfüllte sich nicht. Immerhin kam Hämmerchen. Der vierschrötige Bauer schob sich neben ihn und bewunderte die filigrane Schlosser- oder Schmiedearbeit, die in Gestalt der drei Rohrteile im Samtbett des Querflötenkastens lag. Er wagte es, mit seinen schruntigen Fingern auf ein paar Klappen zu tippen. Seine Finger waren doppelt so breit wie die Klappen. Er fürchte, für ihn sei das nichts, meinte Hämmerchen grinsend, um dann Achim lieber auf die Schulter zu hauen.

Sie aßen und gingen noch gemeinsam bis zu der kleinen gemauerten Boberbachbrücke, die zu Hämmerchens Hof führte. Dabei fing es an zu nieseln. Wie Achim von Phil wußte, war Hämmerchens Frau schon vor Jahren gestorben. Es wäre natürlich pietätlos gewesen Hämmerchen zu fragen, ob er und seine Frau gemeinsam unter einen Regenschirm gepaßt hatten. Bei aller Gutmütigkeit – sie hatte doch ihre Grenzen. Hämmerchen lüftete seine Schiebermütze und bog ab.

Im Walnußhaus setzte sich Achim mit einer Tasse Kaffee in die Sofaecke der Wohnküche. Er hoffte, der Regen würde demnächst wieder aufhören, denn er wollte noch zum Einholen ins Depot West. Dann konnte er sich unterwegs auch wieder überlegen, mit welcher Taktik Birgit zu ködern sei. Jetzt interessierte ihn die Nessedepesche, die er neben anderen Zeitungen auf der langgestreckten Anrichte erspäht hatte, auf der auch das „untere“ Telefon der Kommune stand. Das „obere“ stand im Flur des 1. Stocks. Die jüngste Ausgabe der Nessedepesche stammte vom laufenden Monat September. Wie ihm der bärtige Klaus erklärt hatte, erschien das Blatt stets in der ersten Monatswoche und damit kurz nach dem Plenum der Republik. In der Tat machte die Septemberausgabe mit dem Plenumsbeschluß auf, die Anhöhen über dem Hutewäldchen mit zwei hohen Windradmasten zu spicken. Offenbar war diese Entscheidung heftig umstritten worden. Sie bekam am Ende knapp 82 Prozent. Durch diesen Artikel erfuhr Achim nebenbei, daß das Plenum nur beschlußfähig war, wenn sich mindestens 50 Prozent der Stimmberechtigten in der Stadtkirche eingefunden hatten. Der schmale Leitartikel am Rand der Titelseite war von dem geachteten Stadtrat für Verkehrsformen John Easten verfaßt worden – was Wunder, es ging um Streitkultur. Achim hatte Geschmack an dem Blatt gefunden und blätterte es zunächst einmal durch, um seinen Eindruck zu vervollständigen. Es wirkte gediegen und ausgesprochen sorgfältig gemacht. Die Bebilderung war gering, dafür stachen einige Karikaturen und Lageskizzen ins Auge. Es handelte nicht nur vom eigenen Teller. Schon die Titelseite brachte einen Artikel zu den kriegerischen Ambitionen der EU, wobei ein Massaker an Zivilisten als Aufhänger diente, das soeben von einem deutschen Obersten im afghanischen Kundus veranlaßt worden war. Davon hatte Achim bereits anderweitig gelesen. Die Seite drei der Nessedepesche war sogar ausschließlich „außenpolitischen“ Fragen gewidmet. Im Feuilleton mischten sich Beiträge über das interne kulturelle Geschehen mit einem Artikel über gesellschaftskritische Musik aus Asien, einer philosophischen Betrachtung über den Reitsport mit dem Titel Die Bürden der Pferde sowie etlichen Buchbesprechungen. Zudem schien Heinz Jäckel eine feste Kolumne im Feuilleton der Nessedepesche zu haben. Aktuell ließ er sich über Rebirthing aus. Die ersten Worte des Schriftstellers fesselten Achim mehr als das Thema des Musikartikels. Er las die Kolumne mit einigem Schmunzeln. Wir geben sie im Anschluß an dieses Kapitel wieder.

Die dreiköpfige Redaktion der Nessedepesche residierte im Haus der ehemaligen Nessepost, einer traditionsreichen Tageszeitung, die zuletzt den Kampf für die Freie Republik unterstützt hatte. Dort lag auch die Druckerei. Die Zeitung war zunächst eingestellt worden. Doch nun hatte ihre Nachfolgerin, das Monatsblatt, seine Auflage in nur knapp 10 Jahren von 600 auf 4.000 Exemplare gesteigert. Der Löwenanteil davon ging an bundesdeutsche und ausländische Abonnenten. Wie sich versteht, war es trotzdem ein Zuschußgeschäft. In den ersten Jahren hatte es manches Murren gegeben. Die Republikzeitung könne „von unten“ geschrieben und hergestellt werden, das sei authentischer und erheblich billiger. Wozu den Luxus eines professionell gemachten Blattes? Jonny und andere erklärten es. Die Republik benötige ein publizistisches Flaggschiff, das sowohl die Einheimischen hinter sich herziehe wie nach außen bahnbrechend wirke. Beides gelinge dem Blatt ersichtlich nur dann, wenn es ein höheres Niveau als die Republik besitze. Die gesammelten Erfahrungen zu bündeln, Schwächen aufzudecken, anzuspornen, neue Wege zu weisen – solche Aufgaben erforderten ein paar Leute, die sich nicht nur auf die Sachfragen, sondern auch auf Ausdrucks- und Darstellungsfragen verstanden. Weiter sei ihnen der zeitliche und finanzielle Spielraum zu gewähren, der für eine sorgfältige Redaktionsarbeit unabdingbar ist. Um Machtmißbrauch zu verhindern, schlage er allerdings vor, die Redaktion wie die Stadträte und die Hündchen vom Republikplenum wählen oder gegebenenfalls abwählen zu lassen. So wurde dann auch verfahren. Den vielen, die argumentierten, man habe doch als Aushängeschild die Webseite im Internet und als Plattform für Dokumente und internes Diskussionsforum das Intranet, hielt Jonny einen gewagten Vergleich entgegen. Damals war gerade die Gerbergasse neu gepflastert worden. Jeder von den vielen tausend Steinen, die sie von Pferdefuhrwerken aus ins sandige Gassenbett gekippt hätten, sei ohne Zweifel ein unverzichtbarer Beitrag gewesen – „aber dieses Bauwerk Gerbergassenpflaster bringen wir durch das Abkippen allein noch nicht zustande“.


12

Frühstück in einer nordamerikanischen Kommune. Unter den Gästen eine schwarzgelockte Korbflechterin, die mir gefällt – solange sie nicht den Mund aufmacht. Doch Sylvia schwärmt von einem Rebirthing, dem sie sich neulich im Rahmen irgendeines esoterischen Seminars unterzogen habe. Es handelt sich um eine bestimmte Atemtechnik, die es dem Probanten angeblich gestattet, sich in frühere Bewußtseinszustände zurück zu versetzen. In diesem Fall ging es also um das „Wiedererleben“ der eigenen Geburt. Aus dem Zustand der Entrückung wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, habe Sylvia spontan geäußert: „Hier bin ich aber völlig falsch gelandet!“ Das war natürlich wenig positiv. Doch bei der späteren Auswertung habe der durchführende Therapeut erläutert: „Hättest du nicht leben wollen, wärst du auch nicht zur Welt gekommen. Oder du wärst nicht am Leben geblieben – vielmehr schon als Säugling krepiert. Du wolltest also durchaus.“ Nun wirft sie ihre Locken und versichert mit ausgebreiteten Armen: „Das hat mir schlagartig eingeleuchtet! Seitdem sehe ich die Welt nicht mehr mit schwarzen Augen.“

Sie erntet ausschließlich Zustimmung. Dadurch daran erinnert, mich in den USA, also der Hochburg des Positiven Denkens zu befinden, verzichte ich kleinmütig auf eine Widerrede, zumal ich nur mangelhaft Englisch spreche. Doch hier ist sie. „Ich nehme an, du hast dich dem Seminar unterzogen, um dich von jener Depression zu befreien, die du angedeutet hast ..? Gut. Du hattest dich also ins Tal der Depression verirrt und suchtest das Tor. Nichts leichter als das! Den Willen zur Läuterung vorausgesetzt, brauchst du nur die Warte zu wechseln, dann fällt dein Blick darauf. Diese Faustregel funktioniert immer, weil die Menschen widersprüchlich und die Dinge ambivalent sind. Sie lassen sich so oder so auslegen, ganz wie wir sie brauchen. Möchte ich also beweisen, daß ich das Leben schon immer geliebt habe, werde ich die Beweise dafür finden. Du fandst sie in deinem Rebirthing – nachdem der Therapeut ein wenig nachgeholfen hatte. Plötzlich verfügt Säugling Sylvia über einen Willen und wählt die Welt! Es war nicht etwa der brennende Wunsch ihrer Mutter oder der von Obama gesponserten Versicherungskonzerne, sie ins Dasein und an die Kasse zu zerren. Auch dem Zufall, daß am Brutkasten Nummer 27 nicht der Strom ausfiel, verdankt sie ihr Leben nicht. Sie verdankt es vielmehr einem heilig gesprochenen Überlebenswillen. Als ob der Hang zum Überleben erstaunlich sei! Jede Fliege, der Kinder fünf Beine ausgerissen haben, und jeder von Darmgrimmen geschüttelte Hundewelpe kennt ihn. Für mich scheint hier ein 'biodynamischer' Lebensbegriff auf, der vom Armstummel des Contergankindes bis zum dementen Klappergreis alles gutheißt, was 'die Natur' in ihrer Güte geschaffen hat. Ich halte 'das Leben' eher für ein groteskes grausames Roulettspiel. In dem Roman
Wie eine Träne im Ozean bemerkt Sperbers Partisanendichter Djura einmal, Sterben sei eine halbe, weil verspätete Maßnahme. 'Nicht geboren zu werden, das hätte einem gelingen müssen.'“

So weit meine nicht gehaltene Ansprache. Zu den Kommunarden zählt ein breitschultriger blonder junger Kerl, der mich durch sein jungenhaftes Lächeln anzieht. Aber Svens Gesicht ist von einem doppelten Makel geschlagen. Nicht nur, daß seine Nase ein übermächtiger Zinken ist; ihre Spitze wird auch noch von einem pelzigen Muttermal von Haselnußgröße geziert. Noch im Flugzeug nach Europa male ich mir erschrocken die täglichen Leiden dieses Verunstalteten aus. Und ich versichere der guten Sylvia im Geiste, Sven habe es vor rund 30 Jahren kaum erwarten können, seine prächtige Nase aus seiner Mutter zu strecken.



13

Achim hatte Glück, es regnete nicht mehr. Da der Einholzettel auch von Bier sprach, lud er zwei leere Bierkästen auf einen kleinen Handwagen, den ihm Ingeborg gezeigt hatte. Sie paßten nicht nebeneinander. So stapelte er sie und spannte einen „Expander“ darüber. Der aus Metall gebaute alte Wagen wäre sogar regensicher gewesen, denn sein Bodenblech war gelocht wie ein Sieb. Er hatte diese Lochblechwagen mit einer gekrümmten Stange zum Schieben oder Ziehen schon öfter in Konräteslust gesehen. Offenbar zählten sie zu der eher geringen positiven Erbmasse der DDR. Sogar in Ostberlin waren sie noch immer bliebt.

Das Depot West lag ein paar Straßen weiter in einem ehemaligen Wirtshaus. Als er seinen blauen Lochblechwagen durch die Eingangstür des angebauten Saales schob, hatte er sich, Birgit betreffend, für die Variante Vorwand entschieden. Er wollte sie gleich anrufen, wenn er vom Einholen zurückgekehrt war. Der frühere Wirtshaussaal hielt neben den Kästen mit Bier oder einigen anderen Getränken die unterschiedlichsten Haushaltsgegenstände bereit, von Wärmhaltekannen über Staubsauger bis zum Kühlschrank. Mineralwasser und Mikrowellen gab es nicht. Ein kahlköpfiger Mann um 50 in blauer Latzhose zeigte Achim die Ladengasse zum Leergutstapel. Er war am Sortieren oder Prüfen. Auf dem Tresen am Eingang stand sogar ein gutbestückter Werkzeugkoffer. Bei näherem Hinsehen erkannte man, daß keineswegs alle ausgestellten Güter neu waren. Die Republik setzte in hohem Maße auf Gebrauchtgüter, die sie im Umland streckenweise nachgeworfen bekam. Das galt auch für Baustoffe, etwa Gehwegplatten oder Türen und Fenster. Achim hatte sich erklären lassen, das wunderbare alte Parkett im Ziegeleisaal habe dereinst in einem Friedrichrodaer Kurhotel unter die Fräcke oder Röcke der Gäste gelinst. Das Städtchen liegt hinter Waltershausen im Thüringer Wald. Es findet sich sogar in Ringelnatz' Kuddel Daddeldu erwähnt. Auch elektrisch betriebene Brotschneidemaschinen befanden sich nicht im Angebot. Achim sollte nach einem Wetzstein oder Wetzstab für Küchenmesser schauen, aber ausgerechnet so etwas war nach Auskunft des Kahlkopfs derzeit nicht zu haben. Während der Kahlkopf zum Tresen ging, um das Vermißte im Computer einzutragen, wandte sich Achim zu der Zwischentür, die ins Wirtshaus führte. Dort wurden Bekleidung, Drogerieartikel und Lebensmittel angeboten.

Auch die angebotenen Kleider stammten zu einem Gutteil aus zweiter Hand. Unterwäsche wurde bei dem einen oder anderen Großhändler eingekauft. Für die Verteilung der selbstproduzierten oder besorgten und die Beschaffung der einzuführenden Güter war allein der Stadtrat für Ökonomie zuständig. Selbstverständlich hatte er MitarbeiterInnen, einen gut programmierten Rechner und einige Erfahrungswerte über den voraussichtlichen Bedarf und die voraussichtliche Eigenproduktion. Einen Bedarf konnte jeder Republikaner melden, indem er die dafür vorgesehene Intranet-Seite anklickte. Wie der Stadtrat darauf reagierte, stand auf einem anderen Blatt. Er konnte sich sofort drei Wetzsteine von einer Fabrik in Sachsen schicken lassen; er konnte das Zugpersonal bitten, sie auf Rechnung beim Buflebener Landhandel zu kaufen und mitzubringen; er konnte warten, bis noch ein anderes Depot Wetzsteine reklamierte; er konnte sich von einer Mitarbeiterin sagen lassen, Messer ließen sich nicht übel an den Unterseiten von gewöhnlichen Porzellantellern schleifen, Sensen allerdings weniger; er konnte dem Depot West per Email schreiben, er wette darauf, ein überzähliger alter Wetzstein fände sich nahebei auf Hämmerchens Hof, und so weiter. Entschied er sich wiederholt falsch – was daraus hervorging, daß er sich Unmut zuzog – mußte er unter Umständen mit Rügen in einer Arbeitsgruppe, Plenumsdebatte, Abwahl rechnen. Die Geduld der RepublikanerInnen war aber im allgemeinen groß, da sie alle schon einen mehr oder weniger langen Entwöhnungsprozeß hinter sich hatten. Spätestens in der Probezeit legten sie das westliche Schlaraffenlandgebaren ab. Von 100 Waren und Dienstleistungen, die der bundesdeutsche Bürger für unverzichtbar hielt, brauchten sie 90 überhaupt nicht und fünf andere nicht unbedingt gleich morgen früh.

Mehr noch, führten Engpässe im Güterangebot erstaunlich oft dazu, verblüffende Lösungen zu finden, auf die man ohne den Mangel nie gekommen wäre. Den Satz, Not mache erfinderisch, hatten schon viele BewohnerInnen der DDR begriffen, obwohl er kein marxistisch-leninistischer Lehrsatz war. Wurde ein bestimmter Mangel – etwa an Mountainbikes oder Handys – nicht sowieso als Tugend begriffen, so daß es noch nicht einmal eines Ersatzes bedurfte, erwies sich der „Ersatz“ häufig als besser als das Original. Einige Monate lang war es unmöglich gewesen oder jedenfalls mißlungen, einer Kommune, die offenbar aus empfindlichen Leuten bestand, zwei nahezu geräuschlose analoge Wanduhren zu beschaffen. Eine gelernte Glaserin bekam das mit und erfand einen schlichten Kasten für Wanduhren, durch den das Ticken vollständig gedämpft wurde. Die Kommune war begeistert. Die Sache sprach sich herum – und plötzlich wollten Dutzende von Leuten auch so eine Schalldämpfung für ihre Wanduhr haben. Die Glaserin tat sich mit einem Tischler zusammen; sie legten los. Heute boten sie bereits ein Dutzend unterschiedlich gestalteter Uhrendämpfkästen an. Ihre Exportquote lag bei über 80 Prozent. Ein weniger ausgefallenes Beispiel liefert das Brennholz. Erst die Auslichtung des Mischwaldes im Süden der Republik und einiger Pappelhaine brachte einen Mitarbeiter des Stadtrates auf den Gedanken, eigentlich seien diese Buchen und Pappeln fürs Verheizen viel zu schade. Und die Holzpreise stiegen ja ständig. Also begannen sie das ganze Umland der Republik nach Abbruchholz abzugrasen. Statt auf der Deponie, wo sogar deftige Gebühren fällig wurden, landete es nun auf dem Platz hinter der Ziegelei, denn der nicht ausgebaute Teil der Ziegelei wurde als zentrales Brennholzdepot genutzt. Brachten es die Grundstückseigentümer oder Abbruchfirmen nicht gleich selber per Lkw, wurde es mit Pferdefuhrwerken abgeholt. Manche RepublikanerInnen gingen regelmäßig auf solche Transporte mit, weil sie ihren Spaß dabei hatten. Gewiß war der Heizwert des überalterten Abbruchholzes geringer als der von den eigenen Buchen und Pappeln – aber dafür waren seine Kosten noch ungleich geringer. Die SägerInnen, die es in der Ziegelei zerkleinerten, hatten lediglich wie die Luchse auf Nägel und anderes Eisen zu achten. Ein zweites zentrales Konrätesluster Depot bot Möbel an. Es lag unweit des Bahnhofs in der ehemaligen Saatgutzuchtstation. Selbstverständlich waren es überwiegend Möbel aus zweiter oder fünfter Hand.

Achim brachte die Bierkästen in den Keller des Walnußhauses und nahm die pralle Einkaufstasche mit nach oben in die Wohnküche. Während er ihren Inhalt verstaute, steckte Jens seinen Kopf in die Küchentür.

„Vor ein paar Minuten wurdest du am Telefon verlangt, Achim.“

Vielleicht Iris! dachte Achim. „Von wem denn?“

„Birgit aus der Bornmühle. Das Hündchen. Du hast doch nichts ausgefressen? Du mögest sie bitte zurückrufen. Die Nummer steht im Buch.“

Jens' Kopf verschwand und Achim beeilte sich mit dem Wegräumen.

„Das Buch“ lag auf der Anrichte neben dem Telefon. Es war ein großes Heft, in das Nachrichten, zuweilen auch Gefühlsausbrüche eingetragen wurden. Es glänzte auch durch meisterhafte Kritzeleien. Wer nach Hause kam, warf seinen ersten Blick zumeist in dieses Heft.

„Hallo, Achim hier. Du hast mich freundlicherweise um einen Rückruf gebeten. Ich mußte zwei Bierkästen durch die Gegend kutschieren. Fast wäre ich von Indianern überfallen worden.“

Birgit lachte. „Ich hörte davon! ... Mich überfiel der Gedanke, dir eine Partie Snooker vorzuschlagen. Vielleicht spielst du ja schlechter als ich, so daß ich dich skalpieren könnte.“

„Woher willst du denn wissen, daß ich überhaupt Snooker spiele?!“ erwiderte Achim verdutzt.

„Internet! Dein Orchester hat eine Webseite, da werden sie alle vorgestellt, die begnadeten MusikerInnen – einschließlich ihrer sogenannten Hobbys. Bemüht man eine leidlich aufgeweckte Suchmaschine, ist außerdem zu erfahren, du habest eine Flötenschule verfaßt und ähnlich viele CDs eingespielt wie die Mutter deiner Tochter.“

Achim schmunzelte. „Aha ... Man hat dich nicht umsonst zum Hündchen gewählt ... Snooker spiele ich tatsächlich gern. In Berlin findest du mich mindestens zweimal wöchentlich im Salon. Ich hatte mich schon ermahnt, endlich das Training wieder aufzunehmen, denn ihr habt hier ja offenbar einen wahren Snooker-Palast. Allerdings liegt mein Queue in Berlin.“

„Das wäre wahrscheinlich zu verschmerzen. Die Queues im Gesundheitsball sind nicht übel und sie werden gut gepflegt.“

„Wann dachtest du denn?“

„Na, heute abend!“ erwiderte sie fast strafend. Und als lindernden Wink mit dem Zaunpfahl fügte sie hinzu: „Wir haben uns lange nicht gesehen ...“


Fortsetzung Teil 2
°
°