Dienstag, 17. Juli 2012
Doktor Dachs und Lucy Töle
Vier Geschichten um zwei Vierbeiner, die sich mit viel Glück und einigem Witz durch die Welt der Menschen schlagen. Für Kinder eher ungeeignet. Geschrieben um 2000, Umfang knapp 70 Druckseiten, hier in zwei Teilen.

In der dritten Geschichte kommt ein Gaunerstückchen auf dem Schrottplatz vor, das ich auch in meiner Erzählung Das Gleisdreieck bemüht habe.


I Der Baron läßt sich nicht lumpen
II Bei den Gugenstriegels

III Der Dachs wird verhaftet
IV Lucy und das Putzmobil



I

Der Baron läßt sich nicht lumpen

Das Anwesen ähnelte einem bewaldeten Floß, das in den Feldern und Wiesen schwamm. Immerhin war es von einem Wassergraben umgeben – falls es hielt, was die Südseite versprach. Hinter dem Graben erhob sich eine alte Bruchsteinmauer. Ein paar Jahrhunderte früher, und über ihr wären Helme und Hellebarden aufgeblitzt.

Lucy war vorausgeeilt. Sie betrat die Sandsteinbrücke, die zum Torhaus führte. Am liebsten hätte sie sich auf der Stelle in das moorige Wasser gestürzt, von dem ihr eine verlockend würzige Kühle entgegenschlug. Aber das hätte ihr sicherlich den nächsten Rüffel von Doktor Dachs einge-tragen. So blieb sie auf der Brücke stehen und musterte das Torhaus, das eine gewölbte Durchfahrt besaß. Vier rostige Angeln hatten fast das Rot von Lucys Fell. Offenbar hatte es einmal ein Tor gegeben. Die Durchfahrt gewährte den Blick auf bucklige Pflastersteine, mächtige alte Bäume und ein hübsches Stallgebäude. Das wirkte einladend, doch für Lucy, die inzwischen ihre Schnauze verzogen hatte und alarmiert schnüffelte, roch es nach Falle.

„Nett, daß du auf mich gewartet hast!“ erklang es ziemlich spitz in ihrem Rücken.

Der Dachs traf ein. Er schnaufte wie ein Walroß. Es war kein Wunder, denn er steckte trotz der Hitze in einem Nadelstreifenanzug, von dessen Jacke die Knöpfe abzu-platzen drohten, und schleppte sich mit einem Koffer ab.

Jetzt bedachte er seine Weggefährtin im Vorüberkeuchen mit einem grimmigen Blick und pflügte auf die Durchfahrt zu. Schließlich hatte er einen Bärenhunger. Zum Frühstück hatten sie lediglich ein paar Wachteleier ergattert, vor denen sich Lucy erfreulicherweise geekelt hatte. Inzwi-schen stand die Sonne bereits im Zenit.

Doch Lucy hielt den Dachs an den Rockschößen fest und sagte: „Das würde ich lieber nicht tun!“

Der Dachs fuhr herum und brauste auf: „Warum denn nicht?“

„Weil sie einen Hund haben.“ Damit schnüffelte Lucy erneut und bekräftigte ihren Befund durch ein Nicken. „Wenn ich mich nicht täusche, eine dänische Dogge.“

Der Dachs wurde blaß. In diesem Fall hatte er keinen Grund, dem frechen Mädchen zu mißtrauen. Sie haßte große Hunde nicht weniger als er – und besaß doch für Gefahren, da sie nun mal derselben Art angehörte, zuge-gebenermaßen die bessere Nase.

Gleichwohl durfte er sich nicht die Führung aus der Hand reißen lassen. So blickte er wild in die Gegend, rieb sich ausgiebig die Stirn und stellte schließlich fest:

„Dann dürfte es angebracht sein, das verdächtige Anwesen zunächst nicht zu betreten, vielmehr zu umpirschen. Mir nach!“

Damit legte er seinen Koffer mit mächtigem Schwung auf der Brückenmauer ab und verschwand seitwärts im Gebüsch. Lucy folgte ihm.


2

Auf einem Trampelpfad, über den sich grüne Gerstenähren neigten, hielten sie auf den Turm zu. Er markierte die Südwestecke des Anwesens, war aber selber rund. Insofern ähnelte er dem Schlangenknöterich, der am Ufer des Wassergrabens blühte. Die schöne Pflanze lief an hohen, beinahe blattlosen Stielen in rosafarbenen Walzen aus. Lucy sagte sich, sobald sie der Dachs mit dem nächsten wissenschaftlichen Vortrag belästigt habe, könne sie sich mit dem Schlangenknöterich vielleicht die Gehörgänge ausbürsten.

Der Dachs schritt voran. Von der Krempe seines grauen Filzhutes gedeckt, spähte er emsig zu dem vermeintlichen Schloß, das sich jenseits von Wassergraben und Bruch-steinmauer erhob. Dem Turm war nämlich ein stattliches Herrenhaus vorgelagert. Weder in dessen zahlreichen Fenstern noch in den Schießscharten des Turmes ließen sich allerdings feindliche oder wohlwollende Bewegungen ausmachen. Unter dem spitzen Schieferdach wies der Turm sogar einen Erker auf, in dem blütenweiße Gardinen hingen. Doch auch diese rührten sich nicht.

In Höhe des Turmes verhielt der Dachs seinen Schritt. Hier knickte der Wassergraben um die Ecke, während sich der Trampelpfad in den Feldern und Wiesen zu verlieren schien. Somit kamen sie nicht umhin, auf die stachel-drahtumzäunte Koppel zu wechseln, die den Wassergraben auf der Westseite des Anwesens begleitete. Da der Dachs zu den überaus verbreiteten Säugetieren zählte, deren wesentliches Trachten darauf aus geht zu gefallen, wähnte er sich natürlich (!) unter Beobachtung. Also kam es nicht in Frage, etwa wie eine Ratte unter dem Stacheldraht durchzukriechen oder sich wie ein Hase die Hacken bis zu einem Tor abzulaufen. Inzwischen war auch Lucy am Zaun eingetroffen. Der Dachs verkniff sich eine Rüge wegen Trödelei; stattdessen hob er mit gewichtiger Miene eine Pfote.

„Meine liebe Lucinda! Wie du womöglich kaum glauben wirst, war ich einmal in meiner Jugend ein vielbeneideter Turner. Meine Stärke waren das Reck und die Matten. Manche werden vielleicht schon im Hemd geboren; niemand kommt aber als Denker auf die Welt. Dazu bedarf es erst vieler Stürze und Fehlgriffe. Doch genug der weisen Rede – ich werde dir jetzt zeigen, was eine einwandfreie Flanke ist.“

Der Dachs entledigte sich seiner Anzugjacke und hielt sie Lucy hin, ohne diese noch eines Blickes zu würdigen. Überrumpelt, nahm Lucy sie entgegen. Der Dachs hatte bereits einen bestimmten Zaunpfosten ins Auge gefaßt. Während er sich die Hemdsärmel aufkrempelte, fixierte er ihn. Dann nahm er schräg zum Zaun mit ein paar federnden Schritten Anlauf, stützte sich einarmig auf den erwählten Pfosten, wuchs über ihn empor, wobei seine Beine einen Scherenschlag beschrieben – und schon stand er auf der anderen Seite wieder auf seinen tadellos geschlossenen Füßen.

„Bravo!“ rief Lucy aus. Allerdings grinste sie dabei schadenfroh.

Der Dachs hatte lässig die Pfoten verschränkt. Er linste zum Turm, nahm jedoch in den Gardinen des Erkers noch immer keine Regung wahr. So zuckte er mit den Achseln und rollte seine Hemdsärmel wieder ab. „Meine Jacke, bitte!“ sagte er über den Stacheldrahtzaun. „Du bist ja klein genug, um dich unten durchzuschmuggeln.“ Lucy reichte ihm die Jacke mit der Bemerkung über den Zaun: „Vielleicht wäre es besser gewesen, du hättest mir deinen Filzhut ebenfalls anvertraut, mein schlauer Dachs ...“

Der Dachs faßte sich erschrocken auf den Kopf. „Meine Güte – wo ist denn das Luder!?“

Lucy deutete durch den Zaun auf die Koppel. Der graue Filzhut des Dachses lag im Gras. Die Delle zeigte nach oben.

„Na wenn schon!“ winkte der Dachs ab. „Ich hatte schon befürchtet, er sei in den Wassergraben gefallen.“

„Das solltest du vielleicht nachholen ...“

„Wieso?“

„Heb ihn mal auf!“

Der Dachs tat es – und wich naserümpfend zurück. Sein Filzhut hatte sich genau auf einem Haufen von Pferde-äpfeln niedergelassen, die noch dampften.

„So ein Pech!“ knurrte der Dachs, während er seinen Filzhut schwenkte, um ihn auszulüften. „Hoffentlich hat uns niemand beobachtet, Lucy.“

Lucy bückte sich. Da sie nur einen flachen Rucksack trug, der kaum mehr als ihre Zahnbürste, etwas Unterwäsche zum Wechseln und ihre Mundharmonika enthielt, war es ihr ein Leichtes, durch den Stacheldraht zu schlüpfen, ohne diesem ein paar Locken ihres lehmroten Fells zu opfern oder sich die kurzen Lederhosen zu zerschlitzen. Wieder aufgerichtet, hielt sie schnurstracks auf eine Trauerweide am Wassergraben zu, denn in deren Schatten hatte sie den Urheber der dampfenden Pferdeäpfel entdeckt. Der Dachs zwängte sich grummelnd in seine Anzugjacke und folgte ihr.


3

Das Pferd stand wie aus Basalt- und Kreidefelsen gemeißelt da. Einen Hinterhuf hatte es leicht angehoben. Allerdings tropfte sein breites weiches Maul. Lucy dachte zunächst, es weine, aber vielleicht hatte es nur getrunken. Grund zum Weinen oder zum Trinken hätte es leider allemal gehabt. Lucy wurde von Wellen des Bedauerns ergriffen. Am schlimmsten stand es um die Füße. Sie waren unglaublich dick. Als ob sich das Pferd ihrer schämte, waren sie auch noch mit weißen Fransen behangen. Nur bewirkten diese zottigen Socken gerade das Gegenteil: sie betonten die dicken Füße. Es war entsetzlich. Zu allem Unglück mischte sich in Lucys Mitleid bereits Schuldgefühl, weil doch sie selber – nur aus dem Zufall der Geburt heraus – eher schmale, ja vergleichsweise nahezu graziöse Füße hatte.

Inzwischen war der Dachs eingetroffen und erfaßte das Malheur ebenfalls. „Ach du meine Güte!“ schüttelte er seinen Kopf. „Wenn Spinoza einmal von der Vollkommen-heit des Pferdes sprach, liebe Lucy, hatte er bestimmt nicht dieses Exemplar vor Augen.“

Die Bemerkung schien an dem Pferd abzuprallen. Es sah durch die beiden Witzfiguren hindurch. Mähne und Schweif waren ebenfalls weiß, wie die Socken. Sonst war das plumpe Wesen schwarzweiß gefleckt, wie manche Kühe. Allerdings war es ein Hengst. Der Dachs sah es an einem Desiderat: das Euter fehlte.

„Sprich nicht immer so hart!“ fuhr Lucy den Dachs an. „Frag es lieber nach seinem Namen! Das ist doch das Erste, was einem die Höflichkeit gebietet.“

„Wenn du meinst?“ Der Dachs setzte ein gewinnendes Lächeln auf, zog seinen Filzhut und bat das Pferd, ihnen freundlicherweise zu verraten, mit wem sie die Ehre hätten.

Lucy hing wie gebannt an dem Pferdemaul. Sie war immer furchtbar neugierig auf andere Kreaturen und ihre Lebensarten. Doch das Pferd blieb stumm und verzog auch sonst keine Miene. Ein unbefangener kluger Kopf, der tagtäglich unter Legionen von Überredungskünstlern aller Art zu leiden hatte, hätte sich vielleicht gesagt, womöglich liege „die Vollkommenheit des Pferdes“ gerade in seiner Fähigkeit zu schweigen.

Plötzlich erschrak Lucy, weil sie aus dem Augenwinkel heraus eine entfernte Bewegung wahrgenommen hatte. Jenseits der Koppel, wo sie an ein Wäldchen stieß, schien es ein Tor zu geben. Gerade zwängte sich ein Mann durch die beiden Querstangen – während sein Hund es vorzog, das Tor mit einem gewaltigen Satz zu überwinden. Dabei beließ es der riesige Köter, der ähnlich gefärbt wie das Pferd war, allerdings nicht. Er stürmte geradewegs auf sie zu.

Lucy deutete mit zitternder Pfote über die Koppel und stieß hervor: „Die dänische Dogge!“

Der Dachs fuhr herum. Er wurde leichenblaß und fiel in Ohnmacht.


4

„Entschuldigen Sie vielmals!“ sagte der hochgewachsene, schlanke Mann zu Lucy, während er neben dem Dachs auf die Kniee sank. „Ich sah zu spät, daß wir Gäste haben.“

Seine schönen schulterlangen, braunen Haare behinderten ihn nicht, weil er ein Stirnband trug. Er zog eine Art Flachmann aus seiner Umhängetasche, schraubte ihn auf und hielt ihn dem Dachs vor die Schnauze. Prompt kam Bewegung in den Dachs. Er schnüffelte gierig, schlug nach wenigen Sekunden seine Augen auf und verdrehte sie entzückt. Nun richtete sich der Mann befriedigt wieder auf, ohne allerdings den Flachmann von der Schnauze des Dachses zu lassen. Auf diese Weise zog er auch den Dachs mit empor. Der Flachmann wirkte gleichsam wie ein Magnet.

„Teufel!“ leckte sich der Dachs die Lippen. „Das Zeug riecht ja köstlich! Sind Sie vielleicht ein echter Druide?“

Der Mann lächelte leise, während er den Flachmann wieder zuschraubte und in seiner Umhängetasche verstaute. Dann deutete er beiden Sommerfrischlern eine Verbeugung an und sagte ungeziert:

„Sie gestatten – Baron Arnfried vom Schlangenbruch. Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann ..?“

Obwohl es im Kopf des Dachses alarmiert klingelte – ein echter Baron! Hochgebildet! Steinreich! – bemeisterte er seine Aufregung, lüftete lässig seinen Filzhut und gab zurück:

„Doktor Meingard Dachs. Die junge Frau, die freund-licherweise meinen Rucksack trägt, heißt Lucinda Töle. Ich habe sie aufgrund ihrer nicht unbeträchtlichen Begabung vor kurzem zu meiner Privatsekretärin berufen ... Viel-leicht können Sie uns einen Weg ersparen, Herr Baron. Führt dieser Wassergraben tatsächlich – wenn ich so sagen darf – nahtlos um Ihr Anwesen herum? Sie wissen es ja selber, oft trügt der Schein ...“

Während Lucy innerlich kochte und sich fieberhaft fragte, wie sie dem geschwollenen Stinktier an ihrer Seite diese Unverschämtheiten heimzahlen könne, empfand der Baron den beleibten Dachs in seinem Nadelstreifenanzug und das struppige Köterchen mit den geknickten Ohren als durchaus amüsante Abwechslung. So erwiderte er, zunächst an den Wortführer gewandt:

„Sehr angenehm! Was den Wassergraben betrifft, könnte ich Herrn Doktor und seine Assistentin mit Hilfe meines Bootes nahezu problemlos davon überzeugen, daß er allen Nachprüfungen standhält. Meine Tochter hat das Boot erst letzte Woche frischlackiert.“

Jetzt konnte der Dachs seine großen Augen kaum noch verbergen. „Sie haben tatsächlich eine Tochter? Äh – ich meine: einen Frachter?“

Der Baron wehrte lächelnd ab. „Es ist nur ein primitiver Ruderkahn. Er liegt am Torhaus unter der Brücke. Wenn Sie einverstanden sind, machen wir ihn ohne Umschweife los. Das Wetter ist ja wie geschaffen für eine Kahnpartie.“

„Holla!“ rieb sich der Dachs die Pfoten. „Übernehmen Sie bitte die Führung, Herr Baron!“


5

Den stattlichen Hund des Barons haben wir keineswegs vergessen. Er war gut erzogen. Kaum hatte der Baron die etwas kurzgewachsenen BesucherInnen entdeckt, die im Schatten seines Pferdes standen, hatte er lediglich einen Zweifingerpfiff ausgestoßen und herrisch zum Torhaus gewiesen – schon war die dänische Dogge, die auf Lucy und den Dachs einstürmte, in der Luft abgedreht und mit einem mächtigen Satz über den Stacheldrahtzaun auf diesem Trampelpfad verschwunden, den sie nun wieder in umgekehrter Richtung gingen. Lucy machte das Schlußlicht. Jetzt hätte sie statt der rosa Bürsten des Schlangenknöterichs doch lieber Schwertlilien gehabt, um sie Herrn Doktor Meingard Dachs in den fetten Rücken zu stoßen. Doch dieser erstarrte plötzlich von selbst. Während sich der Baron von ihm entfernte, glotzte er wie vom Donner gerührt zur Brücke. Lucy umrundete ihn, sah ihm mit besorgter Miene ins Gesicht und säuselte:

„Was hat denn der Herr Doktor? Hitzschlag ..?“

Der Dachs deutete mit hängender Pfote auf die Brücke. „Gar nichts mehr habe ich!“ jammerte er. „Mein Koffer ist weg!“

Lucy grinste schadenfroh, denn es stimmte. Der Koffer lag nicht mehr auf der Brückenmauer. Sie wußte nur zu gut, wie teuer dem Dachs der Inhalt des Koffers war: neben einigen Seidenkrawatten und der goldenen Konfirmations-uhr des Dachses dessen Doktorarbeit sowie ein Umschlag mit Farbfotos, die den Dachs in seinem Nadelstreifenanzug von allen Seiten zeigten. Sie waren bei der Promotionsfeier gemacht worden. Der Dachs wollte sie eigentlich dem Promotor an die Hand geben, den er jetzt fieberhaft suchte.

„Vielleicht liegt Herrn Doktors Koffer im Wassergraben“, säuselte Lucy weiter. „Bei ihrem mächtigen Maul brauchte ihn die dänische Dogge sicherlich nur anzutippen.“

Doch für den Dachs verwandelte sich Lucys Hieb in Balsam. „So wird es gewesen sein!“ hellte sich seine Miene auf. „Die Dogge packte sich meinen Koffer am Griff, um ihn schnurstracks zu der betörenden jungen Frau zu tragen, die der Baron erwähnte! Ich meine seine Tochter. Sicherlich reibt sie sich bereits die Augen angesichts meiner bahnbrechenden Doktorarbeit und meiner umwerfenden Erscheinung. Du wirst sehen, sie wird mich wie einen Prinzen empfangen. Los, lauf schon! Wir müssen zusehen, diese verdammte Kahnpartie hinter uns zu bringen.“


6

Der Kahn schob sich aus dem Brückenschatten. Der Baron hatte ihnen an Bord geholfen. Der Dachs hatte sich gleich das Sitzbrett im Heck gesichert, denn er wollte sehen und gesehen werden. So mußte Lucy mit dem Sitzbrett im Bug Vorlieb nehmen. Sie spähte zunächst ins Wasser, doch um festzustellen, ob der Koffer des Dachses unter ihnen im Schlamm stak, war es zu trüb. Erfreulicherweise blieb ihr der Anblick des Dachses selber gleichfalls erspart, da der Baron auf der Mittelbank saß, um die Ruder zu betätigen. Schließlich war er der Gastgeber. Der Dachs zwinkerte ihm aufmunternd zu, und der Baron lächelte zurück, während seine in der Sonne glänzende Haartracht mal vor dem Grimmbart, mal vor Lucys bewundernden Augen wippte. Er zog die Ruder fast geräuschlos und scheinbar mühelos durch das moorige Wasser. In die knarrenden Ruderdollen mischte sich hin und wieder der rostige Ruf eines Teich-huhns. Der Dachs stellte sein Zwinkern in dem Maße ein, wie ihm die ungewöhnliche Ausgeglichenheit ihres Gast-gebers aufging. Er wurde geradezu neidisch. Schließlich räusperte er sich und wagte den Baron zu fragen, wo er jene hernehme.

„Vermutlich eine Berufskrankheit“, erwiderte der Baron lächelnd.

„Eine Berufskrankheit? Und ich hatte schon gehofft, endlich einmal einen echten Müßiggänger getroffen zu haben!“

Der Baron lachte leise auf, ohne sich im Rudern zu unterbrechen. „Für meinen Adelstitel kann ich mir nichts kaufen, lieber Doktor Dachs. Leider versäumte es mein alter Herr, mir ein Aktienpaket in die Wiege zu legen. Sie erzählten mir unterwegs, Sie hätten Ihren Dr. phil. in Berlin bei Professor Ignaz Honigbär gemacht. Dann wird Ihnen ja auch der Name Georg Simmel geläufig sein. Das Glück dieses Privatgelehrten – der erstaunlicherweise einmal an philosophischen Fakultäten in Mode war – ging an mir vorbei. Sein Vater Ewald war Gründer und Mitinhaber der Berliner Sarotti-Fabrik.“

„Ja, sicher“, beeilte sich der Dachs zu nicken. „Da konnte der gute Georg Schimmel in Schokolade baden, bis daß er ein Rappe war ... Und Sie? Was sind sie denn nun von Beruf?“

„Glatteur.“

„Glattör ..? Das ist ja großartig! Und was machen Sie so im einzelnen ..?“

Der Baron lächelte. „Ich beherrsche und erforsche die Kunst des Glättens oder Nachformens von Wäsche- und Kleidungsstücken aller Art. Schamkapseln, Halskrausen, Damenblusen etwa sind nach dem Waschen unbedingt wieder in Form zu bringen. Bei Ihrem Nadelstreifenanzug würde es genügen, ihn zu glätten. Bietet Ihnen Ihr Bau keine Steckdose, an der Sie ein elektrisches Bügeleisen anschließen könnten, täte es auch ein schlichter Glättstein. Unweit von Michelstadt im Odenwald wurde 1963 ein wunderbarer Glättstein aus weißgeädertem schwarzen Granit gefunden, der auf 120 bis 70 vor Christus datiert werden konnte. Mein Kollege Hubertus Segelohr – aber ich muß mir Einhalt gebieten. Man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und der Besucher langweilt sich zu Tode.“

„Ach woher, ach woher!“ beteuerte der Dachs mit gespreizten Pfoten. „Das Forschungsfeld des Glatteurs ist ohne Zweifel abenteuerlicher und fesselnder als eine Tafel Schokolade. Nur frage ich mich, woher Sie dabei jene Gelassenheit nehmen, die mich an Ihnen so besticht?“

„Selbstverständlich vom Bügeln.“

Der Dachs sah ihn entsetzt an. „Vom Bügeln ..? Ja macht das denn nicht Ihre Tochter?“

„Nein“, zuckte der Baron die Achseln. „Sie empfindet das Bügeln als Strafe.“

„Ja wie denn – und Sie etwa nicht?!“

Der Baron nickte nachdrücklich. „Könnte ich nicht täglich mindestens ein Stündchen bügeln, wäre mir hundeelend zumute. Mein Gleichgewicht wäre dahin, der Haussegen hinge schief, Theorie und Praxis fielen auseinander – mein Forschungsfeld wäre im Nu ein Trümmerberg.“

Der Dachs verengte seine Augen. Der Baron, der sich von ihrer Erörterung nicht im mindesten im gleichmäßigen Rudern beeinträchtigen ließ, nahm natürlich an, der Dachs versuche derart die für ihn neuen Eröffnungen aus der Bügelkunde zu bewältigen, um eine halbwegs scharfsinnige Bemerkung beisteuern zu können. Doch dessen verblüffter Spähblick galt seinem eigenen Koffer! Dieser war soeben jenseits der Baronsschultern in des Dachses Gesichtsfeld gesunken. Sie hatten fast den Turm erreicht. Der Koffer schaukelte an einem Tau ungefähr eine Bootshöhe über dem Wasserspiegel. Drei oder vier Bootslängen trennten sie noch von der Stelle. Lucy hockte versonnen auf ihrem Bugbrett und ahnte nichts Schlimmes. Und der Baron schien nach wie vor geduldig auf einen Kommentar seines gelehrten Gastes zu warten.

Höheres Nachdenken vorspiegelnd, ließ der Dachs seinen Blick an dem Tau emporklettern. Es verlief parallel zum Turm. Auf der Fensterbrüstung des vorspringenden Erkers verschwand das Tau. Die Gardinen waren zugezogen.

Der Dachs linste wieder über die Schultern des Barons. Der schwere Koffer drehte sich wie ein Rührwerk in Zeitlupe. Eine Bootslänge trennte ihn noch vom Bug und der dort sitzenden frechen Person. Eine halbe Bootslänge! Der Dachs bebte vor Spannung.

„Aua!“ schrie Lucy.

Fast gleichzeitig platschte Wasser; das Boot schwankte; der Baron hob die Brauen. Er ließ die Ruder fahren und wandte sich um. Wo Lucy gethront hatte, schaukelte ein Koffer. Von dem rothaarigen Hündchen selber war im Umkreis des Bugs nichts zu entdecken. So wandte sich der Baron wieder seinem Gesprächspartner zu.

„Ho, ho!“ schlug sich der Dachs die Schenkel. „Mein Koffer hat sie von Bord gefegt! Mit ihrem dürftigen Grips ist sie baden gegangen! Die Hechte knabbern bereits an ihren knusprigen Schlappohren! Ich lache mich tot!“

Der Baron lächelte nur. Dafür war im Rücken des Dachses der Kommentar zu vernehmen: „Ich habe nichts dagegen, lieber Dachs!“

Der Dachs fuhr herum. Lucy lag rücklings auf dem Wasser, wobei ihr der Rucksack gleichsam als Luftmatratze diente. Während sie mit ihren Hinterpfoten gemächlich das Wasser trat, hatte sie ihre Vorderpfoten unter dem Kopf verschränkt.

Der Dachs wandte sich zerknirscht wieder um. Offenbar stellte das Baden für bestimmte Kreaturen keine Strafe dar. Er selber war mehr als wasserscheu. Lucy hatte ihm sogar schon einmal vorgehalten, er rieche nicht gerade wie die Kiefern, unter denen die Dachse gern ihre Höhlen graben ...


7

Sie nahmen Lucy wieder an Bord. Der Baron löste das Tau vom Koffergriff; es schnurrte sofort in den Turmerker hinauf. Während der Dachs und Lucy dem Tau nach-blickten, griff der Baron erneut in die Ruder. Er umkurvte den Turm, worauf der Kahn zwischen Bruchsteinmauer und Pferdekoppel dahinglitt. Als sich Lucy beiläufig erkundigte, ob in dem Erkerzimmer des Turmes zufällig seine Tochter hause, nickte der Baron nur bekümmert. Es hätte Lucy nicht gewundert, wenn ihm das junge Weibs-bild auf dem Kopf herumtanzte. Die Gedanken des Dachses kreisten – oberflächlich betrachtet – um sehr ähnliche Vorstellungen. In seinem Gehirnkasten, der die Gestalt eines Turmerkers angenommen hatte, drehte sich eine splitternackte bezaubernde junge Frau. Das konnte er sogar durch die Gardinen sehen, so scharfe Augen hatte er. Gleich würde er die Gardinen teilen, um mit feuriger Gebärde ...

Diese Vorstellung wurde jäh unterbrochen, weil unmittel-bar neben dem Kahn ein Wiehern erscholl. Gleich darauf schob sich ein weißbemähnter Pferdeschädel aus dem Vorhang der Trauerweidenzweige. Das wuchtige Reittier, das ihnen vor kurzem jede Auskunft verweigert hatte, bleckte die Zähne.

„Ach, Tinker!“ keuchte der Baron nicht ohne Zärtlichkeit in der Stimme und stemmte die Ruderblätter gegen das Wasser um zu bremsen. „Du bist ja ein rechter Strauchdieb und Wegelagerer!“

Er kramte einen rotwangigen Apfel aus seiner Umhänge-tasche, reichte ihn Tinker auf flacher Hand und verfolgte dann gerührt, wie sein Pferd den Apfel zermalmte.

Der Dachs konnte es kaum mitansehen. Er räusperte sich und bemerkte: „Nach der wirkungsgewaltigen Idee des Soziafrißmus, die Ignaz Honigbär stets sehr hochhielt, sollten alle Lebewesen ihre Lebensmittel brüderlich teilen. Kurz und gut, mein lieber Herr Baron – hätten Sie in Ihrer Umhängetasche vielleicht noch weitere Äpfel?“

Der Baron schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider war es der letzte, sind wir doch – meine Dogge und ich – im Wald bereits von Siebenschläfern, Misteldrosseln und Kaiser-mänteln angebettelt worden.“ Dann faßte er sich erschrok-ken an den Mund. „Wollten Sie damit etwa andeuten, Sie seien hungrig?“

„Hungrig?!“ rief der Dachs erbost. „Das ist gar kein Ausdruck. Ich war bereits halbtot, als wir von den Hügeln aus in mindestens drei Kilometern Entfernung Ihr Anwesen aufblinken sahen! Was soll jetzt werden? Wollen Sie auf der anderen Seite der Torhausbrücke mit einer Leiche an Bord anlegen? Denn bis dahin bin ich längst jämmerlich verendet.“

Lucy tippte den Baron auf die Schulter. „Ihre Tochter mag ein durchtriebenes Luder sein, Herr Baron – hat sie wenigstens einen guten Kern?“

Der Baron hatte sich beeilt, den Kahn wieder in Fahrt zu bringen. Jetzt nickte er im Rudern bedächtig. „Das sicher-lich! Im Ernstfall wird ihr Stolz dem Mitleid weichen.“

„Na also“, knurrte Lucy zum Heck hinüber, wo der Dachs gallig auf seinem Sitzbrett hockte. „Du solltest dich endlich einmal um deinen Koffer kümmern!“

Der Koffer lag zwischen dem Baron und dem Dachs auf den Planken. Nachdem sich der Dachs geschüttelt hatte, als sähe er ihn zum ersten Mal, beugte er sich langsam hinab, um die Riegel schnappen zu lassen und den Deckel zu lüften.

„Oohhh ..!“ machte der Dachs, während ihm die Augen übergingen.

Lucy hatte längst ihren Hals gereckt. Jetzt schnüffelte sie mit dem Dachs um die Wette. Bratwürste! Kartoffelsalat! Hartgekochte Eier, teils von der Wachtel, teils vom Haus-huhn! Saure Gurken und Tomaten! Selbst das Besteck und ein Salzstreuer fehlten nicht. Alles war appetitlich auf einem karierten Tuch ausgebreitet, das womöglich die Doktorarbeit des Dachses nebst anderer Habe schützte. Vielleicht war ja auch die goldene Uhr noch da.

Der Dachs war begeistert. Er rief Lucy zu, das Kriegsbeil ins Wasser zu werfen und lieber Essen zu fassen. Der Baron ließ die Ruder fahren und rutschte schmunzelnd beiseite. Lucy schwang sich neben ihn auf die Mittelbank. Der Dachs gab das Besteck und die Pappteller aus. Schon mampfte die Bootsbesatzung, daß der Kahn schwankte. Es gab sogar Tischmusik. Hinter der Bruchsteinmauer ragte nämlich ein alter Walnußbaum auf, in dem eine Turtel-taube hockte. Mit ihrem Schnurren mochte sie angesichts des Dachses ihre Eier verteidigen, doch es klang sehr einschmeichelnd. Der Dachs zog Wachteleier ohnehin entschieden vor. Als er sich binnen weniger Minuten vollgeschlagen hatte, rülpste er ausgiebig. Dann strich er sich unter bedenklichem Kopfschütteln die Barthaare und stellte fest, er wolle ja nicht meckern, aber ein Espresso wäre jetzt nicht schlecht.

Der Baron lächelte und griff in seine Umhängetasche. „Da weiß ich etwas Besseres!“

Er zog den Flachmann hervor, mit dem er den Dachs aus der Ohnmacht erweckt hatte. Er hielt ihn zunächst seiner Banknachbarin Lucy vor die Augen. Der Flachmann war mit einem bunten Schild beklebt. Doch Lucy zupfte sich verlegen an ihren Lefzen. Ihr sei eine Jugend lang gepredigt worden, sie möge das Denken den Pferden überlassen, die hätten den größeren Kopf. Deshalb könne sie leider nicht lesen.

„Macht nichts!“ sagte der Baron und schwenkte den Flachmann zum Dachs. „Wir haben ja einen Gelehrten an Bord.“

Der Dachs rümpfte die Nase. „Bitterer Schwedentropfen“, las er von dem Schild ab. „0,2 Liter ... In der Original-Rezeptur von Maria Treben ... Mein Gott, was die nicht alles schreiben!“

Doch plötzlich erhellte sich seine Miene. „Alkoholgehalt 32 Prozent!“

Schon riß er den Flachmann an sich, schraubte den Deckel ab und nahm einen tiefen Zug. Zwar schüttelte er sich daraufhin mit einem „Brrr!“, meinte jedoch, es sei verdammt erhebend. So setzte er den Flachmann gleich wieder an seine gierige Schnauze.

Der Baron konnte den Dachs gerade noch daran hindern, sich den Kräuterschnaps restlos hinter die Binde zu kippen. Er rettete eine Neige für Lucy. Das Zeug erwärmte ihr derart angenehm das Gedärm, daß die Idee in ihr aufstieg, ihre Mundharmonika aus dem Rucksack zu kramen und Die Rose war rot zu spielen oder gar das Solidaritätslied zu schmettern. Sie sagte es dem Baron. Der nickte jedoch auf den Dachs und stellte nüchtern fest, selbst auf diese Weise werde Frau Töle wohl ihren Arbeitgeber nicht mehr aus dem Schlaf der Welt rütteln ...

Der Dachs war unter der Wucht der ungewohnten Droge zusammengesunken. Unverständliches in seinen Bart brabbelnd, waren ihm die Augen zugefallen. Nun fing er auch noch rasselnd zu schnarchen an. Pferd Tinker wähnte sich für den ersten Moment vor einen Karren gespannt, während die Turteltaube über ihnen mit klatschenden Flügeln die Flucht ergriff.


8

Der Baron hatte die Nordseite seines Anwesens in Angriff genommen. Der Kahn glitt zwischen der Bruchsteinmauer und einem Kartoffelacker dahin. Da die Kartoffeln gerade blühten, wirkte der Acker mal weiß, mal rosa, mal violett angehaucht. In einiger Entfernung schienen sich die blühenden Kartoffelkrautzeilen gegen eine bewaldete Anhöhe zu stemmen. Für den Baron lag der Grund dafür auf der Hand.

„Sehen Sie den großen Vogel, der über der Anhöhe kreist, Frau Töle?“

Lucy hatte inzwischen an Stelle des Dachses das Heckbrett eingenommen. Der Dachs war nämlich schlaftrunken in seinen Koffer und das Eßgeschirr gekippt. Daraufhin war der Deckel des Koffers heruntergekracht, was den Dachs freilich nicht angefochten hatte. Hinten ragten seine Füße aus dem Koffer; vorn seine schnarchende Schnauze.

Lucy beschirmte ihre Augen mit der Pfote, obwohl sie die Sonne im Rücken hatte, verkniff sie und nickte. „Tatsäch-lich! Der ist aber verdammt groß, Herr Baron. Vielleicht ein Adler?“

„Viel schlimmer, Frau Töle!“ raunte er unheilschwanger. „Haben Sie nicht den langen nackten Hals bemerkt? Es ist der schreckliche Gemüsegeier!“

Lucy wurde blaß, obwohl sie den Vogel nicht besonders gut kannte. Wie der Baron mit unterdrückter Stimme erläuterte, pflegte sich der Unhold streng vegetarisch zu ernähren, dabei vorzugsweise von Kartoffelkraut.

„Auweia!“ Lucy deutete auf die Umhängetasche. „Da Ihre Dogge nicht da ist, nehme ich an, Sie sind bewaffnet?“

Der Baron winkte mit überlegenem Lächeln ab und machte seine Gästin auf die zwischen den Kartoffelzeilen verlaufenden Rohre aufmerksam. Lucy tippte auf eine Beregnungsanlage.

„Gewiß! Aber sie ist überall mit speziellen Sensoren versehen, die auf Gemüsegeierschatten ansprechen! Ich hoffe, jetzt sind Sie platt.“

„Und warum sollte ich?“

„Ach so!“ Der Baron hob entschuldigend die Hände, bevor er wieder ruderte. „Als Laie können Sie natürlich kaum wissen, daß Gemüsegeier noch wasserscheuer als Dachse sind. Sobald es auch nur zu regnen anfängt, ergreifen sie in panischer Angst die Flucht. Deshalb haben sie diese langen Hälse. Können sie nicht schnell genug entkommen, kriegen sie immerhin ihre Köpfe ins Trockene.“

Jetzt begriff Lucy. „Genial, Herr Baron! Sie schlagen den Gemüsegeier mit seiner eigenen Schwäche, und es kostet Sie keinen Pfennig. Denn beregnen müssen Sie die Kartoffeln ja sowieso.“

„Sie sagen es“, nickte der Baron.


9

Auf der Ostseite wurde der Wassergraben von einer Wiese begleitet, auf der eine Schafherde graste. Das Rupfen der Schafe ging wie ein Munkeln durch ihre Reihen – aber womöglich auch durch die Gehirnwindungen des im Koffer schnarchenden Dachses. Träume hatte er ja vermutlich, und die Schafweide war ungefähr sein Traumniveau. Hin und wieder entquoll dem Wanst eines Schafes ein rülpsendes „Böh!“, während die Lämmer dünne „Mähs!“ von sich gaben. Da die Schafe ähnlich den 12 Millionen täglichen Bild-Zeitungs-Lesern für die Feinheiten menschlicher Sprache nicht empfänglich waren, entschloß sich der gelassen rudernde Baron, Frau Töle in ein noch größeres Geheimnis einzuweihen – ungleich bedeutender als jene auf Gemüsegeier zugeschnittene Beregnungs-vogelscheuche. Es gehe um eine Erfindung auf seinem Spezialgebiet. Vor wenigen Tagen erst habe er seinem Prototyp den letzten Schliff gegeben. Für die kommende Woche habe er bereits eine Pressekonferenz anberaumt. Dort werde er seine revolutionäre Erfindung der Öffentlichkeit präsentieren.

„Großartig“, nickte Lucy etwas zerstreut, weil sie von den weidenden Schafen gefesselt war. „Um was handelt es sich denn?“

„Um ein Bügeleisen.“

Lucy schluckte. „Sind Sie sicher? Ich glaube, meine Mutter hatte auch schon eins.“

Der Baron ließ die Ruder los, um verächtlich abzuwinken. „Unsere Mütter! Unsere Mütter haben gleichermaßen ihre Wäsche wie sich selbst vergewaltigt. Mit Bügeleisen, die Dampfschiffen oder Motorbooten gleichen, ziehen sie wider die Natur! Aber das Leben verläuft nicht in Kanälen. Es kennt keine Zielstrebigkeit. Die 'Teleologie' der Profitraten und Vernichtungsfeldzüge ist ihm fremd. Vielmehr hat es etwas Kreisläufiges und Spielerisches ..!“

Lucy machte ein ratloses Gesicht. Der Baron hatte einen Ausdruck der Verzückung angenommen. Jetzt fing er an sich zu wiegen, wobei seine schönen, schmalen Hände über dem Koffer, der zwischen ihnen lag, tänzerische, ja geradezu anmutige Figuren beschrieben. Was hatte das noch mit Bügeln zu tun?

„Holla!“ rief der Dachs und schnellte empor, sodaß er in seinem Koffer zum Sitzen kam, den Deckel und die Bootswand im Rücken. „Ich habe alles mitangehört!“

Er blickte triumphierend zwischen Lucy und dem Baron hin und her, um sich an deren Verdutztheit zu weiden. Schließlich war er kein Schaf. Vielleicht war er nicht mit allen Wassern gewaschen, gleichwohl ein ganz durch-triebener Dachs. Nun leitete er mit einer huldvollen Handbewegung den geschäftlichen Teil der Unterredung ein.

„Ich bin ganz Ohr, Herr Baron. Was ist mit Ihrem Bügeleisen? Bringt es zwei oder 20 Millionen ein?“

Der Baron lächelte nachsichtig. „Mein Bügeleisen hat die Form einer Niere, die eine Nase hat. Damit ist in jeder Hinsicht für Anschmiegsamkeit, Selbstvertrauen und Erfolg gesorgt. Das Bügeleisen liegt vollendet im Hand-teller. Die Hand vollführt die Bewegungen, die ich vorhin angedeutet habe, gleichsam automatisch. Wie sich versteht, ist das Bügeleisen schnurlos; es wird in einer Art Apfeltasche aufgeladen und zugleich verwahrt. Durch die Nase des Bügeleisens sind auch die unzugänglichsten Winkel des Kleidungsstücks erreich- und formbar. Ein schmaler Wulst, der wie ein Keder um das Bügeleisen läuft, schützt die Fingerkuppen. Eine leichte Narbung der Oberfläche vervollkommt die Griffigkeit. Mit meinem Bügeleisen wurde der Glättstein fünf Stufen höher geho-ben. Obwohl das Gehäuse aus Kunststoff ist, steht es dem Glättstein auch in ästhetischer Hinsicht nicht im gering-sten nach. Die genarbte gewölbte Oberfläche ist türkis-farben, der umlaufende Keder gelb lackiert. Vielleicht möchten Sie meinen Prototyp einmal besichtigen, Herr Doktor Dachs?“

„Mit Vergnügen, Herr Baron, mit Vergnügen!“ rieb sich der Dachs die Pfoten. „Vielleicht ließe sich die Besichti-gung Ihrer Elektrowerkstatt mit Stippvisiten in Ihrer Speisekammer und in Ihrem Weinkeller verbinden?“

Der Baron hob leicht die Hand. „Das ist doch selbstver-ständlich, Herr Doktor.“

Da schnellte der Dachs mit einem erneuten Holla-Ruf aus seinem Koffer. Schon hatte er den Baron von der Mittelbank auf den Platz im Bug genötigt. Dann griff er taten- und weindurstig in die Riemen, daß die Dollen kreischten. Der Kahn schoß los. Lucy hätte es kaum für möglich gehalten. Selbst die Schafe staunten nicht schlecht, kannten sie doch aus der Bild-Zeitung nur den überschäumenden Dax.


10

Der Kahn tauchte in den Schatten der Torhausbrücke und lief mit einem Schurren auf dem sandigen Uferstreifen auf. „Alles Aussteigen!“ rief der Dachs und bückte sich nach seinem Koffer. „Kassieren tue ich nach dem Essen!“

Nachdem sie die Uferböschung erklommen hatten, betraten sie die Brücke. Der Baron ging voran. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, den schweren Koffer des Dachses zu tragen, doch nun hätte er ihn beinahe fallen gelassen. Der Baron blieb wie angewurzelt stehen und starrte in die gewölbte Durchfahrt: sie war vergittert. Jemand hatte die beiden schmiedeeisernen Torflügel eingehängt.

Der Dachs konnte es auch nicht fassen. „Spukt es denn hier?“ jammerte er. „Vorhin waren doch gar keine Torflügel da!“

„Nun ja“, strich sich der Baron mit seiner freien Hand gedankenvoll durchs schulterlange Haar. „Sie lehnten seit Jahren um die Ecke an der Torhauswand. Als Bügel-kundler, bei dem sich auch die eigene revolutionäre Woge schon geglättet hat, habe ich ja eigentlich keine Überfälle zu befürchten. Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“

Der Dachs lachte höhnisch. „Schwerer Scherz! Jeder Torflügel wiegt mindestens so viel wie das Ihnen wohlbekannte dicke Pferd mit den Klumpfüßen. Sie haben uns aber versichert, Sie bewohnten dieses Anwesen allein mit Ihrer zartgebauten Tochter. Oder sollte sie sich im Gutsteich gerade mit ihrem Bräutigam Gulliver suhlen?“

Der Baron ließ sich im Striegeln seiner Haare nicht erschüttern. Während er es nicht für ausgeschlossen hielt, Dogge und Pferdchen hätten geholfen, schüttelte Lucy unwirsch ihren Kopf. Offenbar fühlten sich ihre Begleiter blockiert. Sie schienen wie selbstverständlich davon auszugehen, das Tor sei verschlossen. Lucys Naturell dagegen war es ziemlich fremd, stets das Schlimmste anzunehmen. So schritt sie zum Tor, um daran zu rütteln. Prompt gab es nach, wenn auch widerstrebend. Als sie beiden Torflügeln kräftige Tritte mit der Fußsohle versetzte, schwangen sie kreischend auf und fingen sich erst an den gewölbten Torhauswänden, wobei ein bißchen Putz herunterfiel.

„Na also!“ knurrte Lucy und wandte sich um. Pfoten in die Hüften gestemmt, fügte sie hinzu: „Wenn die gebildeten Herren vielleicht nähertreten wollten ..?“

Plötzlich zuckte sie zusammen. In ihrem Rücken war ein scharfes Kommando zu vernehmen, gefolgt von einem Aufwiehern. Gleichzeitig gingen die Münder des Barons und des Dachses auf – vor Überraschung und Entsetzen.

Lucy fuhr herum. Das bullige Pferd! Die befransten dicken Füße voran! Es stürmte die Durchfahrt!

Lucy rannte in panischer Angst davon. Da ihr der Dachs im Wege stand, fand sie in dessen Schmerbauch einen Prellbock.


11

„Ein rassiges Roß!“ nickte der Dachs mit Kennermiene. „Auch ungewöhnlich klug; man sieht es an den großen Füßen.“

Lucy verstülpte ihre Lippen. Immerhin hatte der schwere Tinker noch rechtzeitig gebremst, obwohl er zusätzlicher Schubkraft durch angespannte Last unterlegen hatte. „Ich muß sagen, die Kutsche wirkt praktisch. Auf den beiden gepolsterten Bänken könnten sogar Leute schlafen.“

Der Baron nickte lächelnd und dachte bei sich, die Leute dürften nur nicht gerade vom Format Gullivers sein. Sie gingen langsam um das Fuhrwerk, das auf der Brücke stand, um sich alles genau zu besehen. Die beiden Bänke, zueinander gewandt, waren aus Roßhaar gepolstert und mit schwarzem Leder bezogen, wobei die Rücken eine wunderschöne Heftung in Zeilen von kleinen rauten-förmigen Kissen zeigten. Das zurückgeklappte Verdeck und das Gestell der Kutsche dagegen waren weiß. Offenbar war die Kutsche auf das Pferd abgestimmt worden. Tinker stand wieder wie aus Stein gehauen in der gabelförmigen Deichsel; nur sein langer Schweif zuckte nach den Fliegen. Die Zügel waren am Geländer des Kutschbocks verknotet, der etwas dünner als die Innenbänke gepolstert war – wohl um das Einschlafen beim Kutschieren zu verhindern. Der Dachs deutete auf eine lange Rute, die seitlich am Kutschbock in einer Röhre steckte:

„Vermutlich die Antenne vom Autotelefon?“

„Nein“, erwiderte der Baron. „Die Peitsche.“

„Und das?“ Lucy klopfte gegen einen Kasten, der zwischen den beiden Achsen unter dem Fahrgestell hing.

„Der Kofferraum. Ich glaube, zur Zeit liegen nur zwei Campingstühle und ein Klapptisch drin. Der Tisch ist so schmal, daß er auch in der Kutsche aufgebaut werden kann.“

„Wie praktisch!“ schwärmte Lucy erneut.

Der Dachs hatte Mühe, sie nicht nachzuäffen. Er sagte sich, sie sei und bleibe eine dumme Gans. Er wurde allmählich ungehalten, weil er in einem fort an die erlesenen Speisen und Weine im Schloß denken mußte. Jetzt stellte die kleine Ausfahrt, die der Baron offenbar arrangiert hatte, wieder eine Verzögerung dar. Vielleicht sollte ich ihm ganz vornehm mein Befremden zeigen, dachte der Dachs. Er wandte sich ihrem Gönner auch schon zu – jedenfalls vermeintlich. Denn der Baron stand gar nicht mehr neben ihnen.

Der Dachs stieß Lucy an. „Hast du den Baron gesehen? Eben war er doch noch da!“

Lucy schüttelte nur zerstreut ihren Kopf. Sie stand gerade im Bann der niedrigen Tür, die über dem Kasten der Kutsche in die Seitenwand eingelassen war. Sie machte sie auf und zu; sie war gut geölt. Auf der anderen Kutschen-seite gab es ebenfalls eine. Sehr praktisch! Von wo man auch kam, man hatte immer einen Fluchtweg.

Der Dachs fluchte allerdings. Er schnauzte Lucy an, sie möge endlich die blöde Tür in Ruhe lassen und stattdessen lieber zum Torhaus glotzen: da hätte sie den Salat!

In der Tat, das Tor war wieder geschlossen. Mehr noch, es war so zu wie nie, prunkte doch nun eine dicke Kette mit einem Vorhängeschloß über der Klinke. Da machte selbst Lucy ein langes Gesicht.

Der Dachs schäumte. „Sollen wir jetzt das Pferd schlachten? Ich komme vor Hunger gleich um!“

Plötzlich blickten sie vereint nach oben. Über der Durchfahrt wurden zwei Fensterflügel aufgestoßen. Der Mann, der sich hinauslehnte, war der Baron.

„Sie müssen mich vielmals entschuldigen! Ich hatte ganz vergessen, daß ich einen Termin mit meinem Patentanwalt habe; Sie wissen schon, wegen des Bügeleisens. Sie werden den kleinen Imbiß ohne mich einnehmen müssen.“

„Den kleinen Imbiß?“ rief der Dachs. „Wo ist er denn, der Kleine?“

„Klappen Sie nur das Sitzbrett vom Kutschbock hoch! Dort finden Sie auch die Bedienungsanleitung.“ Damit hob er grüßend die Hand und schloß das Torhausfenster wieder.

Sie enterten sofort den Kutschbock, der eine schmale Plattform besaß. Von dieser aus lüfteten sie Schulter an Schulter das Sitzbrett und steckten ihre Schnauzen in die Truhe, die so zum Vorschein kam. „Oooh!“ riefen sie im Chor.

Die Truhe war randvoll mit Essen und Getränken. Der Dachs entdeckte sogar ein Schraubglas mit Wachteleiern in Aspik. Lucy roch köstlichen Kuchen. Doch zunächst hieb sie den Dachs auf die Pfoten. „Willst du wohl warten? Unter den Augen des Barons doch nicht! Wir suchen uns zum Picknick ein schattiges Plätzchen in der freien Natur – wozu sind wir motorisiert?“

Der Dachs sah es ein. Er hatte inzwischen eine Tasche aus Klarsichtfolie auf der Innenseite des Sitzbretts entdeckt. Er zog ein Heft heraus, klappte die Truhe zu und las Lucy in feierlichem Tonfall den ganzen Hefttitel vor. Wie kut-schiert wird und wie das Pferd zu versorgen ist. Er schlug das Heft auf und fügte auch die handschriftliche Bemer-kung hinzu, die mit „Baron Arnfried vom Schlangenbruch“ unterzeichnet war. Danach stellte das Fahrzeug eine zeitlich unbegrenzte Leihgabe an Lucinda Töle und Meingard Dachs dar.

„O wir Glückspilze!“ rief Lucy mit leuchtenden Augen. „Jetzt sind wir fahrendes Volk. Nie mehr blasse Rucksack-riemenstreifen! Nie mehr Koffer schleppen, alter Dachs!“

Der Dachs war wie umgewandelt. Er hüpfte auf die Brücke, warf seinen Koffer in die Kutsche und schwang sich schon wieder auf den Bock. Nachdem er die Bedienungsanleitung überflogen hatte, warf er das Heft – über seine Schultern – verächtlich hinterher. „Die Sache ist kinderleicht!“

Damit löste er die Zügel vom Geländer, die allerdings Leinen hießen. Er nahm sie vorschriftsmäßig in die linke Pfote, zog mit der rechten die Peitsche aus der Röhre und setzte sich kerzengerade auf. Dann gab er Leine nach, legte die Peitschenschnur ohne zu knallen an Tinkers Flanke an und machte „Hüh!“ – prompt ruckte die Kutsche. Tinkers mächtiges Hinterteil begann zu schaukeln; die Kutsche gewann an Fahrt.

Der Dachs sah Lucy Bestätigung erheischend an. „Was habe ich gesagt? Ein Kinderspiel. Soll ich Tinker mal traben lassen?“

Lucy nickte nur. So schlug ihnen der Fahrtwind noch erfrischender um die Schnauzen. Die Staubwölkchen, die Tinker mit seinen dicken Füßen aufwirbelte, wurden von seinen wippenden Fußfransen in Schach gehalten. Während die Schatten der Alleepappeln über Tinkers Kuppe huckelten, flogen in einem Spargelfeld Kiebitze auf. Ihre kläglichen Rufe brachten Lucy auf eine Idee. Sie kramte ihre Mundharmonika aus dem Rucksack und stimmte ein schmissiges Volkslied an. Dem großen Schürzenjäger Dr. Dachs schien die damit verbundene Ironie zu entgehen, denn er brummte gleich mit. Es handelte sich um das bekannte Lied Jetzt kommen die lustigen Tage, Schätzle ade ...



II

Bei den Gugenstriegels

Lucy saß im Schatten eines Apfelbaums an der Landstraße und musterte den hübschen Wedel, den sie in ihrer Vorderpfote drehte. An einem Stiel, wie sie ihn von Johannisbeertrauben her kannte, ließen sich winzige aufgesprungene Kapseln sehen, aus denen das Wedlige quoll. Es wirkte wie weißer Flaum. Gegen diesen Flaum waren die weißen Haare, die um Tinkers dicke Füße schlackerten, wahre Stricke. Führte Lucy den Wedel um ihren rosigen Nasenknuff, stiegen gar zärtliche Gefühle in ihr auf. Allerdings verströmte der Wedel keinen Duft. Er roch auch nicht nach Äpfeln. Jetzt führte sie ihn unwillkürlich unter ihr rechtes abgeknicktes Ohr, um ihn genüßlich in ihrer Ohrmuschel zu drehen. Nebenbei bemerkt, ihr linkes Ohr war genauso abgeknickt. So putzte sich Lucy mit dem feinen Wedel auf beiden Seiten das Ohrenschmalz aus. Geh aus mein Herz und singe Freud in dieser schönen Sommerszeit zählte offenbar nicht dazu, denn sie summte es unterdessen. Als sie mit dem Putzen fertig war und den etwas ranzigen Wedel in einem großen Bogen hinter sich auf die von Blumen übersäte Böschung warf, stieben sämtliche Käfer und Fliegen auseinander.

Ein kleiner Schmetterling flüchtete sich in Lucys Schoß. Mit Hilfe seiner Fühler, die wie ein Widdergehörn gebogen waren, untersuchte er den Latz von Lucys speckiger kurzer Lederhose. Hinter seinem Gehörn bildeten seine Flügel ein ausnehmend hübsch gefärbtes Dreieck. Auf einem dunklen, grünlich schillernden Grund zeigten sie rote Tupfen, die gelb eingefaßt waren. Für Lucy deuteten sie gleichsam die im Lied aufgezählten Blumen an. Der Dachs hätte natürlich nur Eier und Schinken gesehen.

In der Tat wurden sie seit Tagen von Nahrungssorgen gequält. Die Vorräte, die ihnen der Baron mit der Kutsche überlassen hatte, waren aufgebraucht. Doch was machte der Dachs? Er pennte. „Ich lege mich mal eben für ein paar Minütchen aufs Ohr“, sagte er dazu immer. Jetzt ratzte er schon wieder seit über einer Stunde. Er hatte gut reden und gut ratzen, konnte er doch von seiner nicht unbe-trächtlichen Schwarte zehren.

Lucy hatte sich abseits in Gras gesetzt, weil der Dachs, sobald er tagsüber schlief, furchtbar schnarchte. Das hatte sich ja bereits bei der Kahnfahrt mit dem Baron gezeigt. Jetzt konnte Lucy auf 15 Meter die Kutsche beben sehen. Nachts schnarchte der Dachs erfreulicherweise nicht. Lucy nahm an, er bildete sich ein, tagsüber mit seinem Schnar-chen das Licht ausblasen zu können. Die Kutsche stand im Schatten des übernächsten Apfelbaums am Straßenrand. Tinker war ausgespannt und graste an der Böschung. Lucy kam jäh eine rettende Idee. Sie beugte sich zu dem bunten Widderchen hinab, das auf ihrem Lederhosenlatz umherkrabbelte, und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Au ja!“ erwiderte das Widderchen und flog davon.

Kurz darauf war die jämmerliche Stimme des Dachses zu vernehmen: „Aua! Aua!“

Die Kutsche schwankte wie bei schwerem Seegang. Dann tauchte das wehleidige Dachsgesicht über dem zurück-geklappten Verdeck auf.

„Etwas hat mich ins Gesäß gepiekt, Lucy! Normalerweise würde ich sagen, eine Mücke. Aber es war ein doppelter – oder um genau zu sein: ein Zwillingsstich!“

„So, so“, knurrte Lucy zurück. „Dann wirst du ja auch doppelt wach sein. Kann's weitergehen?“

Der Dachs gähnte und reckte sich. „Na gut!“ rief er, wobei er sich seinen grauen Filzhut aufsetzte. „Du kannst anspannen.“

Lucy erhob sich verdrießlich. Immer ich, dachte sie. Der Grad ihrer Emanzipation ließ sicherlich noch zu wünschen übrig. Sie pfiff nach Tinker, ging zur Kutsche und holte die Leichtmetallküchenklappleiter aus dem Kasten zwischen den Rädern. Tinker war so gutmütig wie gehorsam. Er schob sich mit seinem mächtigen Hinterteil von ganz allein in die gabelförmige Deichsel. Aber sich auch noch selber einzuschirren, das wäre wohl bei seinen dicken Füßen zu viel verlangt gewesen. Deshalb hatten sie diese Leicht-metallküchenklappleiter gekauft. Ohne Verlängerung wäre Lucy weder an die Trense noch an den Aufsatzhaken gekommen, der Tinkers Bauchgurt krönte. Der Dachs wäre gleichfalls nicht herangekommen, aber er wollte auch gar nicht. Der Dachs vertrat die Auffassung, wenn er schon immer Kutschieren müsse, sei es nur recht und billig, wenn Lucy immer anspanne. Als Lucy eingewandt hatte, sie könnten ja auch von Zeit zu Zeit tauschen, hatte der Dachs mit Bedauern auf seine Allergie verwiesen. Er litt nämlich von Kind auf an einer Leichtmetallallergie. Jetzt thronte er schon auf dem Kutschbock. Lucy schleppte die Klappleiter um Tinker herum, denn ärgerlicherweise hatte das Pferd zwei Seiten. Der Dachs staunte immer wieder über Lucys Fähigkeit, die Fahrleinen durch das Leinenauge zu bekommen. Er selber konnte noch nicht einmal einen Bleistift halten. Seine Doktorarbeit hatte er einem benachbarten Schwarzspecht in die Schreibmaschine diktiert.

Lucy stieg von der Leiter und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie war fertig. Sie warf dem Dachs die Leinen zu, verstaute die Klappleiter im Kasten und erklomm den Bock.

„Prima“, sagte der Dachs. „Ist hinten frei?“

Lucy bejahte es und nahm neben ihm Platz. Der Dachs fuhr an.


2

Erfreulicherweise war diese Landstraße nur mäßig befahren. Hupte ihnen zuweilen ein Auto die Hucke voll, weil es an ihnen vorbei wollte, ließ sich ihr guter Tinker gleichwohl nicht aus der Ruhe bringen. Er besaß ein ausgesprochen dickes schwarzweiß geflecktes Fell. Die Zigeuner, die ja leicht aufbrausen, hatten schon gewußt, warum sie sich dieser Pferdesorte bedienten. Gegenwärtig setzte sich Tinkers Färbung sogar unter ihm fort. Jene weißen Wedel, die Lucy bereits beeindruckt hatten, zogen sich streckenweise wie Schneeverwehungen längs der dunklen Asfaltstraße. Gefragt, ob er das Zeug kenne, mutmaßte der Dachs, es könnten Baumsamen sein. Er sah sich suchend um und deutete auch schon mit der Peitsche über die Straße:

„Siehst du die Pappeln da hinten am Fluß? Dort werden sie herkommen. Der Wind steht nämlich von dort. Wenn ich so sagen darf, kutschiert der Wind die wolligen Pappel-samen durch die Wiesen – geradeso wie ich dich!“

Der Dachs kicherte, aber Lucy wurde es nun doch zu bunt. „Weder kann ich von Luft“, schimpfte sie, „noch von deiner äußerst fragwürdigen Zuneigung leben! Könntest du dir endlich einmal ernsthafte Gedanken über die Ernährungs-frage machen? Wir haben nicht einen Brotknust mehr in der Truhe und keinen Cent mehr!“

Der Dachs gab sich betroffen und versuchte der Aufforde-rung nachzukommen. Die Schärfe seines Nachdenkens ließ sogar seinen grauen Filzhut stärker wackeln, als es ihrem Fuhrwerk anzulasten war. Schließlich hob er die Schultern, soweit es Leinen und Peitsche zuließen, und verkündete:

„Ich sehe nur zwei Möglichkeiten, Lucy. Entweder auf dem nächsten Flohmarkt die Leichtmetallküchenklappleiter verhökern oder arbeiten gehen ... Gut – man kann viel-leicht auch beides tun. Ich zum Beispiel bin als Verkäufer geradezu ein Naturtalent, während du ja täglich beim Ein- und Ausspannen ...“

„Ha!“ unterbrach ihn Lucy. „Wie soll denn ohne Leiter ein- und ausgespannt werden?“

„Dann müssen wir eben immer an Holzstößen oder Milchkannenbänken halten – logisch, nicht wahr?“

„Du spinnst! Was willst du denn machen, wenn die andere Seite von Tinker dran ist?“

„Kein Problem: die Kutsche wenden.“

„Ha, ha!“ griff sich Lucy an die Wange. „Mit einem Pferd, das nur halb ein- oder ausgespannt ist, will er die Kutsche wenden!“

Der Dachs kochte. Da er sich seine geistige Niederlage insgeheim eingestehen mußte, versuchte er sie durch Gönnerhaftigkeit zu überspielen, zumal er soeben noch eine andere Ablenkung erblickte. „Schon gut, schon gut, meine liebe Lucinda! Wir behalten die Leiter. Möglicher-weise läßt sich unser Gespann gewinnbringend in der Landwirtschaft einsetzen.“

Er deutete mit der Peitsche nach rechts über die Felder. „Wenn ich meinen Adleraugen trauen kann, liegen vor dem bewaldeten Hügel dort drüben ein paar Häuser. Jetzt kann ich auch zwei Silotürme erkennen. Offenbar ein größerer Bauernhof. Was meinst du? Fragen kostet ja nichts.“

„Ja“, erwiderte Lucy bissig. „Vielleicht suchen sie gerade ein Stinktier, weil der Hofhund gestorben ist. Da wagt sich keiner mehr auf den Hof, wenn das Stinktier an der Kette liegt!“

Der Dachs knirschte mit den Zähnen. Er wußte ja selber, wie überfällig mal wieder ein Bad war. Er schwitzte leicht, scheute aber das Wasser. Deshalb roch er leider auch leicht.

Kurz darauf ließ er Tinker in einen gewundenen Fahrweg einbiegen, der offensichtlich zu dem Anwesen führte. Da sich Lucy inzwischen weniger zugeknöpft zeigte, las ihr der Dachs aus eigenem Antrieb vor, was auf den beiden Schildern stand. Auf dem gelben Richtungsschild war zu lesen: Gut Streuselsbühl 0,5 km. Darauf war noch ein kleineres Schild aus Sperrholz geklemmt, das in dieselbe Richtung wies: SLAV.

„Slaff?“ fragte Lucy zurück.

„Slaff“, nickte der Dachs, während er durch die erste Kurve kutschierte. Er hielt das Kürzel für einen Einsilber.

Der gewundene Fahrweg wurde von Birken gesäumt. Über die Gerstenähren, die schon gelb waren, strichen die Rauchschwalben. Es war drückend heiß. Lucy machte die Bruthitze nichts aus; der Dachs dagegen konnte kaum noch die Peitsche halten, so feucht waren seine Pfoten. Er hoffte inständig auf ein Gewitter.

„Und was heißt das: Slaff?“ erkundigte sich Lucy beiläufig.

„Na hör mal“, gab der Dachs mit strafendem Unterton zurück. „Schlaff eben! Da vorne liegt zunächst das Gut, und dann gibt es da noch Leute, die schlaff sind. Was dagegen? Das ist doch genau das Richtige für uns, Lucy! Man muß sich immer an Gesinnungsgenossen halten.“

Lucy ließ ihn schwafeln.


3

Das Gut lag zwischen Waldrand und Bach. Sie nahmen die kleine, verwitterte Sandsteinbrücke. Der Fahrweg, der zum Waldrand lief, führte sie an der Öffnung des hufeisen-förmigen Anwesens vorbei. Der Dachs ließ Tinker halten. Der Hof lag wie ausgestorben da. Sie konnten weder einen Hund noch ein Huhn entdecken. Vor dem querstehenden Wohngebäude parkten allerdings mehrere Autos. Viel-leicht saßen die Gutsleute beim Mittagessen. Die Autos wirkten so abgeleckt wie das Anwesen im ganzen. Kein Strohhalm auf dem asphaltierten Hof. Die Längsgebäude glichen modernen Fabrikhallen. Einige hochgerollte Tore gaben den Blick auf riesige Fahrzeuge frei.

„Ach du meine Güte!“ knurrte der Dachs, während er auf das nächstgelegene Tor wies. „Guck dir mal die Räder von dem Mähdrescher an, Lucy. In denen könnte sich bei einem Platzregen sogar der hochgewachsene Baron unterstellen, wenn er gerade durch die Fluren striche! Nein, nein, hier wäre der liebe Doktor Dachs deplaziert. Was wollen die denn ernten, wenn sie alles plattmachen?“

Der Dachs wandte sich verächtlich ab und gab Tinker wieder Leine. Lucy beschwerte sich nicht, denn auf Arbeit war sie noch nie erpicht gewesen. Der Dachs deutete mit seiner Peitsche nach vorn:

„Da an dem Telegrafenmasten steht es wieder: SLAV. Wir müssen nach links einbiegen.“

Der neue Fahrweg verlief ein wenig unterhalb des Waldrands. Zur Linken fiel eine Viehweide zum Bach ab, auf der sich die Rinder mit Ohren, Schwänzen und selbst mit ihren jäh nach hinten klatschenden Zungen der Fliegen zu erwehren suchten. Rechts dagegen erstreckte sich ein hübscher Garten zwischen Weg und Wald. Er war von einem schlichten Staketenzaun umgeben und strotzte von Gemüse und bunten Blumen. Selbst die Stangen-bohnen zeigten rote Blüten, die wie fliegende Zwergpan-toffeln aussahen. Die Krönung des Gartens war allerdings ein mächtiger, üppig behangener Kirschbaum. Obwohl mitnichten gefräßig, lief Lucy beim Anblick der fetten, gelbroten Kirschen das Wasser in der Schnauze zusam-men. Sie spähte zum Ende des Gartens, wo der weiße Giebel eines kleinen Hauses zu sehen war. Zum Fahrweg hin hatte es eine lange Veranda. Da das Dach überhing, saß man dort sicherlich angenehm im Schatten. Dies sagte sich jedenfalls der Dachs, der Lucys Blick gefolgt war. Er nickte und meinte, das könnte es sein. Ob sie irgendwo Leute herumhängen sähe?

„Warte mal ... Ich glaube, im Schatten der Veranda sitzt ein Mann an einem kleinen, runden Tisch. Genauer gesagt, liegt er eher in seinem Stuhl. Dabei kaut er an einem Bleistift.“

Das klänge nicht übel, erwiderte der Dachs. Ihr Plus seien Lucys abgeknickte, also gleichsam ermüdete Ohren, die sie bitte auffällig präsentieren möge, sowie seine betont nachlässig angelegte Seidenkrawatte. Er versenkte auch gleich die Peitsche in der Röhre, um den gefälligen losen Sitz des Krawattenknotens mit einer freien Hand über-prüfen zu können. Der Dachs trug zum Filzhut nach wie vor seine Weste und den Nadelstreifenanzug. Alle schwüle Hitze und alle Neigung zum Schwitzen konnten den Dachs nicht dazu bewegen, auf standesgemäße Bekleidung zu verzichten. Nebenbei gesagt, litt er an Haarausfall, wofür er sich schämte. Durch den Nadelstreifenanzug konnte er seinen Haarausfall geschickt verbrämen, waren doch die Nadeln und die Haare auf seinem Anzug so gut wie ununterscheidbar.

„Brrr!“ machte der Dachs. Die Kutsche kam genau vor der Gartenpforte zum Stehen.

Der hagere Mann auf der Veranda musterte sie interessiert ohne aufzuhören, an seinem Bleistift zu kauen. Das Haar auf seinem kantigen Schädel sah wie rote Drahtwolle aus. Er steckte nur in Shorts, sodaß Lucy die weiße, wenn auch stellenweise mit Sommersprossen getüpfelte Haut von dem dürren Mann auffiel.

Der Dachs lüftete seinen Filzhut. „Entschuldigen Sie bitte ... Sind Sie vielleicht slav oder schlaff?“

Der Mann hörte auf zu kauen. „Slav oder schlaff ..? Nun ja. Ein bißchen schon. Wer wollte bei dieser Affenhitze Bäume ausreißen? Ich kann mich noch nicht einmal dazu aufraffen ins Haus zu gehen, um den kleinen Imbiß aus dem Kühlschrank zu holen, den mir Isolde heute morgen zurechtgemacht hat.“

„Um Gottes willen!“ rief der Dachs und hüpfte erstaunlich behende vom Kutschbock. „Bleiben Sie sitzen! Mir macht die Hitze nichts aus.“

Während er die Gartenpforte aufstieß, wandte er sich noch einmal um: „Wenn Sie freundlicherweise unterdessen ausspannen würden, Frau Töle, damit sich Tinker an dem Bach einen Trinken kann?!“

Schon stürmte er über ein paar Treppenstufen zur Giebel-wand des Häuschens, wo offensichtlich der Eingang lag.


4

Lucy knabberte an einem kalten gebratenen Schweine-rippchen. Der Dachs schaufelte Nudelsalat in sich hinein. Dazu tranken sie frische Holunderlimonade, die Herr Gugenstriegels „bessere Hälfte“ – es waren seine eigenen Worte – erst vor 14 Tagen auf Flaschen gezogen hatte. Er meinte seine Frau Isolde. Sie machte gerade einen Besuch bei ihrer Schwester, die im nächsten Dorf wohnte. Er selbst hieß mit Vornamen Paul.

Der Dachs nickte anerkennend. „Hübsches Plätzchen hier, Herr Gugenstriegel, das muß ich wirklich sagen!“

Herr Gugenstriegel nickte zurück. Er saß mit dem Rücken zur Hauswand zwischen seinen Gästen und freute sich, daß es ihnen schmeckte. Er selber hatte bei der Hitze keinen Appetit.

Lucy hatte den Kirschbaum und weiter hinten das Gut im Rücken. Für den Dachs überragten die beiden Silotürme ihre mageren Schultern beträchtlich. Wandte er sich nach rechts zum Fahrweg, spornten ihn die träge wiederkäu-enden Kühe zu noch kühnerem Verzehr an. Er nahm jetzt einen großen mit Preiselbeersoße übergossenen Camem-bert in Angriff. Lucy wußte die Kutsche in ihrem Blickfeld; sie stand, wo der Wald bis zum Fahrweg vorsprang, unter hohen Buchen. In diesen sirrte ein Waldlaubsänger. Ab und zu unterbrach sich der kleine Vogel, um ein paar glutvolle „Dühs“ zu singen. Sie tropften von Ast zu Ast, um schließlich den einen oder anderen Kieselstein auf dem Fahrweg zum schmelzen zu bringen. In der Ferne jenseits des Baches, der dicht von Bäumen bestanden war, blitzte zuweilen ein auf der Landstraße fahrendes Auto auf. Selbst den Dachs beeindruckte die ungewöhnliche Stille dieses Orts. Er sagte es Herrn Gugenstriegel.

„Ja“, erwiderte dieser mit dankbarem Lächeln. „Vor allem dieser Ruhe zuliebe sind Isolde und ich auch hierher gezogen. Vorher wohnten wir nämlich in Augenhöhe mit einer auf Stelzen gebauten Stadtautobahn. Bald 15 Jahre lang!“

Der Dachs winkte ab. „Wir sind unseßhaft. Wir gondeln so durch die Gegend.“

Herrn Gugenstriegels wässrige Augen leuchteten auf. Er beugte sich vor und nickte heftig. „Eben! Eben deshalb waren Sie beide mir auf Anhieb sympathisch. Weil Sie mit einem Pferdefuhrwerk gekommen sind! Ein Pferdefuhr-werk teilt die Luft kaum lautstärker als ein Segelboot das Wasser. Wie ich schon in der Grundsatzerklärung des S-L-A-V bemerkt habe, zeugen unsere ...“

Herr Gugenstriegel zuckte erschrocken zusammen, blickte zur Landstraße und knirschte mit den Zähnen. Sein Unmut galt einem röhrenden Motorrad. Dessen Lärm rollte wie eine rasende Flutwelle durchs Tal, unter der sich auch Lucy unwillkürlich geduckt hatte. Noch lange, nachdem das Motorrad von den Hügeln verschluckt worden war, zitterten die Pappeln und Erlen am Bach. Selbst die Kühe hatten feuchte Augen; offenbar drohten sie vor Furcht zu weinen.

Herr Gugenstriegel seufzte bitter. Kaum spreche man vom Teufel, komme er. Lucy pflichtete ihm bei. So etwas gehöre verboten!

„Sie sagen es!“ nickte Herr Gugenstriegel erfreut und erbost zugleich. „Da verkündet Francis Hutcheson im Jahr 1726 seine Forderung des 'größten Glücks der größten Zahl', alle sogenannten Demokratien schreiben es sofort in ihre Verfassungen – aber was geschieht? Nichts. Kein Schwein hält sich daran.“

„So ist es“, sagte der Dachs, wobei er einen Rauchkringel ausstieß, weil er sich inzwischen einen Zigarillo angesteckt hatte. „Fränzchen Hundesohn. Niemand hält sich daran.“

Herr Gugenstriegel stach seinen Zeigefinger gen Westen. „Den Weg dieses einen Motorradfahrers pflastern tau-sende von Opfern akustischer Verseuchung! Er berauscht sich; sie leiden. Das bedeutet: ein einziger Gewalttäter bezieht sein Glück aus dem Unglück von Massen! Damit ist ja wohl Hutcheson auf den Kopf gestellt.“

Der Dachs nickte. „Hundesohn auf den Kopf gestellt. Ein Skandal.“

Lucy hatte aufmerksam zugehört und fragte deshalb Herrn Gugenstriegel, ob der oder das erwähnte S-L-A-V vielleicht seine besondere Waffe gegen den Lärm sei.

„Nicht schlecht ausgedrückt, Frau Töle, nicht schlecht! Nur ist unser Schutzbund der Leidtragenden Akustischer Verseuchung nach dreijährigem Bestehen noch immer eine viel zu stumpfe Waffe. Dabei hapert es weniger am Geld. Es fehlt vor allem an verständnisvollen Mitstreitern, die unser Anliegen in alle Welt hinaustragen. Ich meine das Anliegen von Isolde und mir und noch ein paar Verschworenen.“

Der Dachs hatte natürlich aufgehorcht. „Sehr interessant!“ sagte er jetzt und warf seinen Zigarillostummel in den Aschenbecher. Er beugte sich vor und tippte Herrn Gugenstriegel aufs übergeschlagene Knie:

„Es mangelt ihr also nicht an Geld – Ihrer überaus ver-dienstvollen Organisation. Es ist sozusagen zu viel Geld da. Wo man auch hintritt, stolpert man über das verdammte Geld. Ja was für ein Glück für Sie, Herr Gugenstriegel, daß Lucy und ich bei Ihnen aufgekreuzt sind! Wir sind nämlich Geldsammler. Gewiß lassen sich auch Lumpen, akustischer Schmutz oder Pferdeäpfel sammeln, doch mein seliger Großvater Dagobert Dachs war eben zufällig Geldsammler, das vererbt sich.“

Lucy rang unter der Tischplatte alle vier Pfoten, weil ihr dieser unverfrorene Vorstoß ziemlich peinlich war. Doch Herr Gugenstriegel schmunzelte. Er hatte ja beobachtet, wie das Pferdefuhrwerk vor dem Gutshof angehalten, aber sofort wieder die Flucht ergriffen hatte. Aus beschäfti-gungstherapeutischen Gründen war es sicherlich nicht verfehlt, den beiden Zigeunern eine zumutbare Arbeit anzubieten. Er faßte seinen Kirschbaum ins Auge, der die Wucht der Silotürme abmilderte, und sprach auch schon:

„Die Kirschen sind reif genug. Sie müssen unbedingt herunter, sonst werden die Pirole und Stare sie holen. Was halten Sie davon? Sie legen sich gemeinschaftlich für höchstens zwei Stündchen ins Zeug, schon hätte die Versorgungsabteilung des S-L-A-V die Kirschen im Sack. Und in meiner Eigenschaft als Kassenwart kann ich Ihnen versichern, der Bund wird sich erkenntlich zeigen. Nach dem Pflücken könnten wir ja zunächst ein Bad und dann einen kleinen Imbiß nehmen. Isolde muß bald zurück sein. Sie sagte etwas von Bratkartoffeln und Rindswürstchen, vielleicht mit Blauschimmelkäse, Brocoli und geschlagenen Wachteleiern überbacken ...“


5

Am Westende der Viehweide führte ein Pfad zum Bach hinab. Herr Gugenstriegel ging vorneweg. Der Dachs machte das Schlußlicht. Er fiel zusehends zurück, weil er nach dem Kirschenpflücken kaum noch laufen konnte. Von seiner Weste drohten bereits die Knöpfe abzuspringen. Lucy rief ihn ungeduldig zur Eile. Sie deutete zu Herrn Gugenstriegel, der schon fast das Ufergesträuch erreicht hatte, und bot dem Dachs eine Wette an. Sie persönlich glaube nicht, daß ihr Gastgeber, sobald er seine Shorts auszöge, unten genauso rot wie auf dem Kopfe sei.

„Mir nur recht“, stöhnte der Dachs und rieb sich den Bauch. „Ich kann kein rotes Zeug mehr sehen.“

Es blieb ihm jedoch nicht erspart. Als sich Herr Gugen-striegel seiner Shorts entledigte, kam eine nahezu dreieckige Badehose zum Vorschein. Wie zur Verspottung seiner Gäste war sie rot. In den Bach gestiegen, reichte Herrn Gugenstriegel das Wasser bis zum Nabel. Er befeuchtete sich sorgfältig und ließ sich rücklings gegen die Strömung sinken. Die Gugenstriegels hatten den Bach an dieser günstigen Stelle gestaut und so ein kleines Becken erhalten. Da die Kuhtränke einen Steinwurf entfernt bachabwärts lag, war das Wasser auf dieser Höhe noch erfreulich klar. Der lehmige Grund leuchtete ebenfalls rötlich. Lucy machte keine Umschweife, hüpfte aus ihrer kurzen Lederhose und schlug mit einer „Arschbombe“ im Wasser ein. Der Dachs jedoch rümpfte nur die Nase. Nachdem sich die Gischt gesenkt hatte, trat er aus dem Ufergesträuch und unterzog die Badestelle einer ausgiebigen Musterung.

Es gab einen großen Stein, der wie eine Klippe ins Wasser ragte. Der Dachs bückte sich, krempelte vorsichtig seine Hosenbeine hoch und nahm auf dem Uferstein Platz. Seine Rechnung ging auf. Nachdem er seine Beine (die Hinter-läufe) mit noch größerer Vorsicht abgesenkt hatte, umspielte das Wasser auf gar nicht so unangenehme Weise seine Fußknöchel.

Lucy tauchte prustend an der Staumauer auf. Sie wandte sich um, sah den Dachs auf dem Stein am Ufer thronen und fing höhnisch an zu lachen. „Das nennst du baden?! Ich glaube, mein Schwein pfeift.“

Gleich darauf pfiff sie allerdings selber. Im Hintergrund hatte sie nämlich Tinker erspäht. Offenbar hatte er in einer Trauerweide – sein Lieblingsbaum – ein Mittagsschläfchen gehalten. Nun sah sich das gehorsame Pferd durch den unverwechselbaren Zweifingerpfiff zu Lucy gerufen. Nur saß ihm dabei der Dachs im Wege, der deshalb von dem breiten Pferdemaul unglücklicherweise einen Stoß empfing. Er heulte auf, ruderte im Absturz wild mit den Armen, ging aber wie ein Sandsack unter.

Herr Gugenstriegel, der einem klapprigen Weißstorch nicht unähnlich im Wasser stand, verkniff es sich höflich, in Lucys Gelächter und Tinkers Wiehern einzustimmen. Er erwischte geistesgegenwärtig des Doktors Krawatte und zog ihn so wieder an die Atemluft. Der Dachs röchelte, schüttelte sich wie eine Wasseramsel und schnaubte:

„So eine Frechheit! Seht euch meinen Anzug an. Alle Nadeln sind fortgeschwemmt. Und mein schöner eleganter Filzhut! Da klebt er wie ein Schnecke an der Staumauer. Wie könnte ich mich jetzt noch an die Öffentlichkeit trauen? Oder gar zu Tisch?!“

Er winkte hilflos ab, wankte durchs Wasser zu seinem Stein und ließ sich zerknirscht auf ihm nieder. Während ihm Lucy und Herr Gugenstriegel nachblickten, tuschelten sie bereits miteinander. Schließlich nickte Herr Gugen-striegel, denn Lucy hatte ihm einen patenten Vorschlag unterbreitet. So verkündete er:

„Das wird sich gleich wieder einrenken lassen, Herr Dachs. Wir unternehmen einfach noch einen kleinen Ausritt, bevor wir über Isoldes vorzügliches Abendessen herfallen. Während die Hitze Ihren Anzug im Handumdrehen trocknet, wird ihn der Fahrtwind zugleich bügeln. So gewinnen Sie durch das Mißgeschick noch. Nebenbei bestehen auch gute Aussichten, in dem einen oder anderen Getreidefeld auf ein paar leckere Wachteleier zu stoßen.“

„Was? Wo?!“ Der Dachs schoß wie geschleudert von seinem nassen Stein auf. „Her mit den Eiern! Das Pferd gesattelt! Nun rührt euch doch schon!“

Da die Leichtmetallküchenklappleiter am Waldrand in der Kutsche lag, half Herr Gugenstriegel seinen Gästen mittels der sogenannten Indianerleiter aufs Pferd. Lucy hielt sich an Tinkers Mähne, der Dachs an Lucys Hosenriemen fest. Herr Gugenstriegel schließlich kam hinter dem Dachs zu sitzen, indem er sich in aller Seelenruhe des Sandsteins bediente, der dessen Unglück gewesen war.


6

Nachdem sie Tinker unterhalb der Staumauer durch das mit Steinen gespickte Bachbett gelotst hatten, kehrten sie Gut Streuselsbühl den Rücken zu und folgten einem Feldweg, der sich an den gewundenen Bachlauf hielt. Es war die Südseite, damit der durchnäßte Dachs nichts zu meckern hatte. Wie Herr Gugenstriegel wußte, würde bachaufwärts eine nächste Sandsteinbrücke kommen. Längs des Waldrandes konnten sie dann wieder zurück-reiten. Doch einstweilen nutzte Herr Gugenstriegel die Gelegenheit, seinen Gästen einige vorbildliche Mitglieder des Schutzbundes der Leidtragenden Akustischer Verseuchung vorzustellen. Er versicherte, sie glänzten durchweg mit schweigsamer Zurückhaltung. Er stellte ihnen zuerst das zierliche Fräulein Vergißmeinnicht vor, das mit blauen Augen, die gelbe Pupillen besaßen, aus dem Ufergras lugte. Es folgten Herr Gilbweiderich mit zahl-reichen gelben Sheriffsternen, die weißschopfige Brun-nenkresse, das über und über mit pinkfarbenen Brillanten behängte Weideröschen und das nahezu betäubend duftende Mädesüß, das eine bemerkenswert luftige, aschblonde Frisur trug. Der blau blühende Bachehrenpreis hatte allerdings Pech. Bevor ihn Herr Gugenstriegel rühmen konnte, stieß der Dachs Lucy aufgeregt in den Rücken, deutete ins Getreidefeld und raunte:

„Nun hör dir das an! Da gluckt sie auf ihren Eiern und schleudert dir frauenfeindliche Schmähungen ins Gesicht!“

„Wer schleudert was?“

„Na die alte Wachtel da im Getreide. Zick dich dick, zick dich dick! ruft sie doch in einem fort. Hörst du es nicht?“

So angespitzt, vernahm es Lucy in der Tat: Zick dich dick! „Das ist ja unerhört“, knurrte sie, „das soll mir die alte Schachtel büßen!“

„Na also“, stellte der Dachs befriedigt fest. „Du lockst sie jetzt zum Feldrand, und ich werde ihr von hinten an die Eier gehen!“

Schon glitt der Dachs vom Pferd und schlich durch das Ufergesträuch davon. Lucy dagegen sprang auf den Feldweg, stemmte ihre Vorderpfoten in die Hüften und bellte ins Getreide: „Was willst du denn von mir, alte Wachtel? Du bist so dumm, daß man dir lieber ein Faß Jauche über den Schädel gösse statt mit dir zu sprechen!“

Kaum hatte Lucy geendet, teilten sich unter ihren Knieen mit einem Ruck die Getreidehalme. Das spitze Gesicht der Wachtel war vor Wut rot angelaufen. Sie zischte: „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie in verruchter Gesellschaft sind. Der Mann da auf dem Zigeunerpferd ist ein landesweit gesuchter Eierdieb!“

Herr Gugenstriegel zog den grauen Filzhut, den ihm der Dachs aus guten Gründen geliehen hatte, und hielt ihn wie einen Klingelbeutel in die Luft. Schon ließ sich der Dachs vernehmen. „Ho ho ho!“ rief er und vollführte mitten im Kornfeld ein Freudentänzchen. In den Pfoten, die er reckte, hielt er jeweils ein Wachtelei. Dann rief er „Achtung!“ und warf das erste Wachtelei in einem hohen Bogen Herrn Gugenstriegel zu. Der fing es mit Hilfe des Filzhutes einwandfrei auf.

Doch die Neigung des Dachses zum Prahlen sollte sich rächen. Der Wurf mit dem zweiten Ei ging schief, weil die Wachtel wie das Gewitter durch die Halme zu ihrem Nest gestürmt war. Jetzt hackte sie mit ihrem spitzen Schnabel auf den rechten Fuß des Räubers ein, worauf dieser wie am Spieß brüllte und Reißaus nahm. Zwar hatte er das zweite Ei noch abwerfen können, doch es flog zu kurz. Als der Dachs neben Lucy aus dem Kornfeld brach, fiel ihm das Ei genau auf den unbedeckten Kopf. Er war verdattert genug, um sogar das Winseln wegen seiner Fußwunde zu vergessen, während er keuchend rücklings gegen Tinkers dicken Bauch sank.

Angesichts dieses begossenen Dachses unter ihm mußte selbst Herr Gugenstriegel schmunzeln. Dabei kramte er allerdings ein Heftpflaster aus seinen Shorts hervor, das er Lucy reichte. Sie klebte es dem Dachs auf den rechten Fuß. Diese rührende Fürsorge gemahnte ihn daran, sich das kostbare Eigelb, das ihm über Ohren und Augen rann, zielstrebig in die Schnauze zu wischen. Das belebte ihn sichtlich.

Nachdem Herr Gugenstriegel seine beiden Gäste wieder aufs Pferd gezogen hatte, ritten sie weiter. Bald erreichten sie die westliche Sandsteinbrücke. Auf dem Rückweg gab es keine Zwischenfälle mehr.


7

Isolde Gugenstriegel war eine so verläßliche wie stämmige Person. Das Abendessen dampfte bereits auf dem runden Tisch, als die AusflüglerInnen die Veranda enterten. Da ihr Paul einen Zettel auf den Kühlschrank gelegt hatte, war auch für die Gäste gedeckt. Mit dem Rücken zum Fahrweg ließ sich Isolde ebenfalls am Tisch nieder. Ihr Korbsessel ächzte. Sie nickte den Gästen aufmunternd zu, verdrückte allerdings kaum weniger als der Dachs. Sie hatte die Statur einer sowjetrussischen Ringerin. Ihr dunkler Bubikopf strahlte Wärme aus.

Da Herr Gugenstriegel – ein rötlich schimmernder Strich auf der weißgetünchten Hauswand – nur Häppchen zu sich nahm, konnte er seiner Frau von ihren Gästen und den Ereignissen des Nachmittags erzählen. Auch das Kirschenpflücken erwähnte er, wobei er Isolde bedeu-tungsvoll ansah. Sie nickte anerkennend. Bald darauf leckte sie ihren Teller ab, was Lucy recht verblüfft ver-folgte. Lucy, immerhin Hündin, wäre auf so etwas kaum verfallen, denn es wirkte beinahe anzüglich. Frau Gugen-striegel erklärte jedoch, das erleichtere den Abwasch. Wenn Ordnung das halbe Leben sei, verschlinge die damit verbundene Arbeit die andere Hälfte auch noch. Das gelte natürlich besonders für die neuzeitliche Errungenschaft der hirntötenden Lohnarbeit. Sie selber sei dieser Fron nur durch einen glücklichen Zufall entkommen.

„Ich habe jahrelang als Polsterin in einer großen Raumausstattung geschuftet“, erklärte sie auf Lucys Nachfrage.

„Ach ja – das war in der Zeit, als Sie mit Herrn Gugen-striegel an der aufgebockten Stadtautobahn wohnten?“

„Richtig!“

Jetzt mischte sich der Dachs ein, indem er unwirsch abwinkte. „Das sind Nebensächlichkeiten. Mich würde der 'glückliche Zufall' interessieren, den Sie erwähnten, Frau Gugenstriegel.“

Frau Gugenstriegel schmunzelte. Dann hob sie ihre kräftigen Arme: „Es war wirklich so – das Glück fiel mir zu. Es fiel in der Polsterwerkstatt aus dem Sessel ...“

Sie nickte lächelnd und legte sich zurück, um eine kleine Kunstpause zu genießen. Die Schwüle war erträglich geworden, weil die Sonne bereits unterging. Die Kühe lagen fast wie Basaltbrocken auf der Viehweide; sie schimmerten und bebten leise, denn sie käuten ihre Tagesmahlzeit wieder. Im Wald krähte eine Singdrossel noch einmal ihren Spott heraus, bevor sie schlafen ging. „Schorsche! Schorsche! Kühedieb! Kühedieb!“ Auch der Bach war zu hören, der über die niedrige Staumauer an der Badestelle plätscherte. Allerdings quietschte der auf die Folter gespannte Dachs mit seinem Korbsessel dazwi-schen. Er rutschte auf diesem hin und her und trappelte sogar aufgeregt mit den Füßen.

Wer einen Sessel neu polstern oder auch nur beziehen wolle, erläuterte Frau Gugenstriegel barmherzig, müsse ihn zunächst abschlagen. Der Sessel wird ringsum geöffnet. Sind die sogenannten Spannteile und deren Träger – zumeist gewölbte Pappdeckel – abgenommen, purzeln einer erfahrungsgemäß allerlei Dinge entgegen, die sich im Lauf der Zeit durch die Ritzen der Polster in die Hohlräume des Sessels gequetscht haben – vom Kamm über Farbdias bis hin zu Fünfmark- oder Zweieurostücken. Doch im Falle dieses Sessels, der einem Senator der regierenden SPDS gehörte, habe sich noch etwas Besseres gefunden ...

„Eine silberne Mundharmonika!“ rief Lucy.

„Ein goldenes Feuerzeug!“ überbot sie der Dachs.

„Alles falsch. Aus dem Sessel fiel ein fünfreihiges Halsband, das nur aus funkelnden Perlen bestand.“

„Oh!“ riefen Lucy und der Dachs im Chor.

„Ja“, rieb sich Frau Gugenstriegel die Hände. „Paul machte das Halsband bei einem verläßlichen Hehler sofort zu Geld und damit waren wir – in heutiger Währung ausgedrückt – um 35.000 Euro reicher.“

Während der Dachs mit tellergroßen Augen stumm staunte, klatschte Lucy den Gugenstriegels Beifall. Sie fügte spontan hinzu, das wäre ja fast ein Grund zum Feiern. Herr Gugenstriegel verständigte sich durch einen kurzen Blick mit seiner Frau, schob prompt seinen Stuhl zurück und sagte im Aufstehen: „Sie haben völlig recht, Frau Töle! Ich bin gleich wieder da.“

Er kehrte mit einem Korb aus dem Keller zurück, in dem etliche Weinflaschen lagen. Seine Frau hatte inzwischen die Gedecke mit Gläsern vertauscht. Er schenkte ein und hob sein Glas auf das Wohl der Gäste, deren Erscheinen ja ebenfalls einem überaus glücklichen Zufall zu verdanken sei.

Der Dachs trank und leckte sich die Lippen. Er pries die Würze und das Feuer des edlen Tropfens und goß ihn gleich vollständig in seinen Schlund. Es war ein 20 Jahre alter Morio Muskat aus dem Breisgau. Herr Gugenstriegel zögerte nicht und füllte das Glas seines durstigen Gastes erneut. Das wiederholte sich allerdings – und jedesmal wurden die Abstände kürzer. Dafür wuchs die Strecke zwischen dem Gesäß des Dachses und dessen Sitzfläche. Offenbar wirkte der Wein erhebend. Er drängte den Dachs zum Lichte empor, obwohl er den angeblichen Dr.phil. zugleich mit Bedeutung füllte. Wahrscheinlich traten hier die verborgenen Gesetze der Metaphysik in Kraft.

Herr Gugenstriegel schenkte sich ebenfalls nach, prostete auch den beiden Damen am Tisch zu und deutete auf die dunkle Viehweide. „Wenn gesagt wird, den armen Pferden oder Rindern gehe das Denken ab, ist es bestimmt nicht ihr Schaden. Nein, sie verdienen unser Mitleid wegen eines anderen Desiderats. Sie sind nämlich unfähig sich zu berauschen. Ob Wein oder Weib, Gesang oder Prosa – diese bedauernswerten Kreaturen bleiben stets auf dem sogenannten Boden der Tatsachen. Sehen Sie sich dagegen Ihren Mitstreiter an, Frau Töle. Ist das nicht offensichtlich ein Wesen, das sich schon klafterweit aus Flora & Fauna erhoben hat?“

Die Gugenstriegels nebst Lucy waren bereits wohlweislich vom Tisch abgerückt, hatte es doch den Dachs nicht mehr länger in seinem Korbsessel gehalten. Er mußte sich recken und ausdehnen, um die ganze liebenswerte Welt wie mit Adlerschwingen zu umfangen. Zunächst war er aufgestanden; dann auf seinen Sessel geklettert. Inzwi-schen stand oder vielmehr wankte er schon auf dem Tisch. In dieser Position bog er seine spitze Schnauze bis zum Abbrechen hoch und ruderte mit den Armen, sodaß der Wein aus seinem Glas in die Kelche der vor der Veranda blühenden Tulpen schwappte. Zu allem Unglück splitterte es plötzlich über dem Tisch. Jetzt ließ der Dachs sein Glas vor Schreck fallen und erstarrte. Dabei äugte er in die totale Finsternis, die über ihm herrschte. Es war das Dach, das über der Veranda hing. Da es nur mit Brettern und Teerpappe gedeckt war, hatte es gesplittert.

Lucy war aufgesprungen und äugte am Dachs empor, der über dem Tisch baumelte. „Ach du liebe Zeit! Ich glaube, er ist mit der Nase in eurem Dach steckengeblieben, werte Gugenstriegels.“

Herr Gugenstriegel war ebenfalls aufgestanden. An die Hauswand gedrückt, rang er angesichts des baumelnden Dachses seine Hände. Erfreulicherweise konnte dieser nichts sagen; er quetschte nur unartikulierte Laute aus seinen Lefzen hervor, während er mit allen vieren strampelte und vermutlich auf Beistand hoffte. So erhob sich auch Herrn Gugenstriegels Frau. „Hat er sich ins Dach gebohrt", stellte Isolde als Handwerkerin nüchtern fest, „müssen wir ihn eben wieder herausschrauben.“

Sie schob den Tisch beiseite, packte den Dachs am linken Hinterbein und hob es an, bis es parallel zum Dach stand. Dabei bedeutete sie ihrem Mann, das Gleiche mit dem rechten zu tun, allerdings von der anderen Seite aus. Im Ergebnis ähnelte der Dachs einem umgekehrten Korken-zieher. „Auf gehts!“ stemmte sich Frau Gugenstriegel gegen das linke Bein. „Wir müssen jetzt einfach im Kreis laufen, Paul.“

Herr Gugenstriegel begriff und stemmte sich gegen das rechte Bein. Im Dach fing es zu knirschen an, während sich der Dachs – gegen den Uhrzeigersinn – um seine eigene Achse in Bewegung zu setzen begann. Herr Gugenstriegel keuchte. Mit jeder Umdrehung wurde die Nase des Dachses unter dem Verandadach einen Zentimeter länger. Schließlich war es geschafft. Der Dachs fiel ächzend zu Boden; Frau Gugenstriegel fing ihn auf.

„Bravo!“ sagte Lucy und drückte dem Dachs seinen Filzhut wieder auf den Kopf. „Allerdings bin ich hundemüde.“

Der Dachs stand ohnehin gleichermaßen unter Alkohol wie unter Schock. So faßten ihn die Gugenstriegels kurzent-schlossen unter und schleiften ihn bis zur Kutsche, die unter den Buchen stand. Lucy trottete gähnend hinterher. Als sie den Dachs auf die vordere gepolsterte Bank hievten, war er bereits eingeschlafen. Lucy hangelte sich auf die hintere Bank. „Gute Nacht“, murmelte sie, während sie sich zusammenringelte und ihre Augen schloß.

„Vielleicht gibt es noch ein Gewitter“, sagte Frau Gugenstriegel zu ihrem Mann, während sie behutsam die niedrige Kutschentür zudrückte. Herr Gugenstriegel nickte. Er klappte das Verdeck aus Segeltuch auf und ließ es über dem Dachs einrasten. Dann wandte er sich zu seiner Frau und fragte lächelnd: „Alles in Ordnung?“

„Alles in Ordnung!“ hakte sie sich bei ihm ein.


8

Nach einem ausgiebigen Frühstück auf der Veranda, das den gebeutelten Dachs restlos zufriedenstellte, hieß es Abschied nehmen. Die Gugenstriegels begleiteten ihre Gäste zur Kutsche. Herr Gugenstriegel machte sich eine Ehre daraus, den treuen Tinker einzuspannen, während Doktor Dachs bereits auf dem Kutschbock thronte. Unterdessen nahm Frau Gugenstriegel Lucy beiseite, tuschelte mit ihr und steckte ihr schließlich einen prallen Briefumschlag zu. Lucy drückte Frau Gugenstriegel schnell einen Kuß auf die Wange und hüpfte ebenfalls auf den Bock. Der Dachs hatte Tinker schon anziehen lassen.

Immerhin wandte sich auch der Dachs mehrmals um, wobei er mit der Peitsche an seine Hutkrempe tippte. Die Gugenstriegels winkten ihnen nach, bis die Kutsche hinter einer Waldspitze verschwunden war.

Die Luft war klar und erfrischend, hatte das Gewitter doch Regen gebracht. Von den Bäumen am Waldrand tropfte es noch. Tinker mußte dauernd Schnecken ausweichen, die den Fahrweg mit ihren Schleimspuren überzogen. Vom Bach her leuchteten die Blumen, die sie gestern kennen-gelernt hatten. Am blauen Himmel kräuselte sich eine Wolkenbank. Offenbar hatte sie eine Bildhauerin aus weißem Speckstein geschnitzt, so plastisch wirkte sie. Der Dachs sah sich wie Goethe in der Campagna darauf liegen.

Plötzlich stieß ihn Lucy in die Seite. „Achtung – da kommt ein Admiral! Nimm Haltung an, Alter, sonst scheißt er dich zusammen!“

Der Dachs straffte sich sofort, legte die flache Linke an seine Hutkrempe und preßte schneidig hervor: „Zu Befehl, Herr Admiral! Gespannführer Meingard Dachs – stehe zu Ihren Diensten!“

Lucy grinste und deutete auf den schwarzen Schmetterling mit den leuchtend weißroten Abzeichen, der an ihnen vorbeiflog. Sie erklärte ihrem Kumpel, das sei der Admiral gewesen. Da machte er natürlich ein langes Gesicht. Um ihn aufzuheitern, nestelte Lucy den Briefumschlag aus ihrem Hosenbund und entnahm ihm 10 Banknoten, die sie aufgefächert in eine Hand nahm. Damit wedelte sie dem Dachs vor der Nase herum.

„Himmel!“ rief der Dachs mit großen Augen und hielt Lucys Handgelenk fest. „Warte mal ... Das sind ja 500 Euro! Wem hast du diesen Haufen Geld gestohlen?“

Doch es war der Lohn fürs Kirschenpflücken. Nachdem
der Dachs ausgiebig Hurra gebrüllt und seinen Filzhut geschwenkt hatte, brachte er Tinker prompt auf Trab. Vielleicht gab es schon in der nächsten Ortschaft ein Feinkostgeschäft.

Lucy war von dem Morgen beschwingt genug, um aus dem Stegreif ein kleines Gedicht hervorzubringen. Sie trug es im Fahren vor:
Was öfter aus den Bäumen fällt,
sind Nüsse, Eicheln, Kirschen.
Doch manchmal ist es pures Geld.
Dann weicht des Dachs' Zerknirschung.

„Nun ja“, strich sich der Dachs mit einer Hand den Bart. „Rein inhaltlich und rein formal betrachtet ist es gar nicht so übel. Vertone es!“

Lucy freute sich und zog aus der Fahrtenmessertasche ihrer Lederhose sofort ihre Mundharmonika.



Weiter im Teil 2
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