Samstag, 14. Juli 2012
Der Fund im Sofa
Erzählungen


Erstveröffentlichung Ulenspiegel-Verlag Erfurt 2009. 143 Seiten, 9 Euro. Ich habe dem Verleger für seine Freigabe zu danken. Die Buchfassung wurde noch einmal überarbeitet, wobei der Charakter des Werkes unangetastet blieb. Neuer Umfang knapp 110 Druckseiten.


Die „Leitfigur“ dieser acht Erzählungen ist Kommissar Armin Köfel, mit dem die Kripo Gotha (ab der dritten Geschichte) endlich einen Fahnder aufbieten kann, der mit der Gesellschaftsordnung, die er zu schützen hat, auf schlechtem Fuße steht. Was Wunder, wenn er sich in eine Messerwerferin verliebt, dagegen wenig Bestürzung beim gewaltsamen Tod eines früheren „Verteidigungsministers“ empfindet. Ein in der Thüringer Waldbahn erschlagener Schäferhund macht ihn mit dem Snooker spielenden Schriftsteller Reitmeier aus Waltershausen bekannt; ebendort nimmt er an einem Tango-Kurs der Kneipe Spatz der Puppenfabrikkommune teil. Im Sommer trägt er auch im Dienst kurze Hosen. Seine beste Waffe ist der Sarkasmus. Gelingt es ihm wieder einmal, den Täter oder die Täterin nicht zu ergreifen, freut er sich. Bleibt der Fall unaufgeklärt, dürfen sich die LeserInnen ärgern.

2010 stellte dieses Buch mein „Hauptbeweisstück“ bei dem Unterfangen dar, das renommierte Lüneburger Heinrich-Heine-Stipendium zu ergattern, das dieses Mal auf sechs Glückspilze wartete. Ich zählte zu den 109 Pechvögeln. Damit war ich schon zum zweiten Mal gescheitert. Den dritten Anlauf werde ich wahrscheinlich erst nach meiner Wiedergeburt vornehmen. Hoffentlich findet sie unter einem anderen Namen statt.

Einen Trostpreis ließ mir der Worpsweder Rechtsanwalt Heinrich Hannover im Juli 2009 zukommen. Er versicherte mir per Email, er habe mein schmales Buch übers Wochenende mit Vergnügen gelesen. Am besten habe ihm Die Frau im Waagehäuschen gefallen. Das ist die Messerwerferin.


Teil 1:
I Der Fund im Sofa
II Bögen
III Mord in der Melankolonie
Teil 2:
IV Die Frau im Waagehäuschen
V Letzter Ritt einer VIP
Teil 3:
VI Waffenschein für Hunde
VII Bohumil
VIII Kanonen laut Kanon




I

Der Fund im Sofa



In Wintersteins kleiner Junggesellenwohnung hatte sich nicht der geringste Anhaltspunkt für sein jähes Verschwinden gefunden. Deshalb fuhr Köfel noch einmal zum Südbahnhof hinaus, wo Wintersteins Werkstatt lag. Ohnehin war der Polsterer dort zum letzten Mal gesehen worden. Die Floristin aus dem Blumengeschäft gegenüber hatte ihm am vergangenen Donnerstag gegen 11 zugenickt, als er seinen Lieferwagen bestieg, um Richtung Stadtmitte davon zu fahren. Nein, eilig habe der 47jährige nicht gewirkt.

Winterstein hatte eine ehemalige Metzgerei gemietet. Die Schlachterei mit der großen Flügeltür diente ihm als Werkstatt. Dagegen nutzte er den früheren Verkaufsraum zum Zuschneiden und als Büro. Einen Geldschrank gab es nicht, aber eine robuste Nähmaschine. Wintersteins Einkommen war bescheiden. Geschäftsunterlagen und Bankauskünfte hatten nichts Bedrohliches offenbart.

Eine ab Brusthöhe verglaste Schiebetür und zwei Treppenstufen führten in die tiefer gelegene Polsterei. Köfel schloß die Werkstattür auf und schlug ihre Flügel zurück, um die stickige Luft hinaus zu lassen. Es war ein heißer Sommertag. Die Luft auf der belebten Straße war vermutlich kaum besser, doch lag das Haus ein paar Meter zurückgesetzt, wodurch Winterstein auch einen Verladeplatz hatte – oder gehabt hatte. Sein beschrifteter Ford Transit war bislang ebenfalls nicht wieder aufgetaucht. Laut Wintersteins Ankündigung an der Ladentür trat er seine Betriebsferien erst in rund zwei Wochen an.

In der Werkstattmitte stand ein aufgebocktes Hirsch-Sofa, das offenbar eines neuen Bezuges harrte, denn der alte war seitlich und hinten bereits abgerissen. Üblicherweise auf Mahagoni gebeizt, bestand das geschweifte Gestell mit der hohen Rückenlehne in diesem Fall aus Nußbaum. Köfel schätzte das Sofa auf mehrere seiner Monatsgehälter. Während er es langsam umrundete, ließ er seine Augen angestrengt über die Wände und die wenigen Tische, Regale und Maschinen gleiten, die an ihnen standen. Es gab nichts Besonderes, sieht man davon ab, daß Köfel über den Schlauch eines Preßlufttackers stolperte. Er hängte den Tacker an eine Leiste mit Haken und steckte seinen Kopf in den ehemaligen Kühlraum. Dort hatte Winterstein seinen altertümlichen Kompressor untergebracht, der fast wie der Welt erster Erdgastank aussah. Leichengeruch oder Blutspuren fehlten.

Köfel ging zweimal, dreimal, fünfmal um das verdammte Hirsch-Sofa, ohne die geringste Entdeckung zu machen, die möglicherweise zu einer Erklärung von Wintersteins Verschwinden beitragen konnte. Schließlich stieß Köfels Fuß an einen Holzhammer, der unter dem Sofarücken zwischen allerlei Unrat auf den Fliesen lag. Aber Unrat war vielleicht zu schimpflich ausgedrückt. Fladen verstaubter Grauwatte, gewölbte vergilbte Pappdeckel, eingeschnurrte Möbelborte, krumme Ziernägel und noch ein paar Kleinigkeiten durchrührte Köfel mit seiner Schuhspitze. Beispielsweise Bruchstücke von alten Keksen, eine 50-Pfennig-Münze und sogar eine gut erhaltene Nagelschere. Daraufhin stutzte Köfel und nahm das zum Teil schon geöffnete Polstermöbel näher in Augenschein, während er bereits scharf nachdachte.

Aha. Er fängt also hinten an. Nachdem er den Bezugstoff (die Spannteile) entfernt hat, nimmt er die Pappdeckel ab, worauf ihm allerlei Gegenstände entgegenpurzeln, die sich im Laufe der Jahre im Sofa verstecken konnten, weil sie in den Spalt zwischen dessen Sitz- und Rückenpolster geraten waren. Ich würde sagen, biegt ein Dr. Helmut Kohl die Sitzfläche durch, verschluckt der Spalt sogar Tonband- oder CD-Kasetten. Für die Kanzleramtsakten muß er sich allerdings etwas anderes einfallen lassen. Möglicherweise hat es also ein hier nicht mehr vorhandenes Fundstück gegeben, das unseren Polsterer veranlaßte, zwischen Frühstücks- und Mittagspause mit seinem Lieferwagen Richtung Stadtzentrum zu verschwinden. Es war brisant genug, um ihn leider auch an der ordnungsgemäßen Rückkehr zu hindern.

Köfel sah sich erneut in der Werkstatt um. Auf einem Tisch in der Ecke standen vier gepolsterte Biedermeierstühle, die bereits neu bezogen waren. Man konnte nicht wissen, ob Winterstein zuletzt am Sofa oder an diesen Stühlen gearbeitet hatte. Köfel ging deshalb ins Büro zurück. Neben dem Schreibtisch hing ein großer Terminkalender an der Wand, in dem Winterstein offensichtlich mit verschiedenfarbigen Filzstiften Abhol- und Liefertermine und Bearbeitungsfristen eintrug. Sein geplanter Urlaub war ebenfalls vermerkt. Für den vergangenen Mittwoch war der Abholtermin eingetragen: „Hirsch-Sofa Nicki“.

In der Kundenkartei kam keine Familie oder Einzelperson namens Nicki vor. Allerdings gab es einen Nikolaus Schrunz, der am Obermarkt wohnte. Bei dieser Adresse konnte der Kunde kein armer Schlucker sein. Köfel verzichtete darauf, über sein Handy die für Schrunz angegebenen Telefonnummern anzuwählen. Stattdessen schlug er im Telefon- und Branchenbuch nach. Demnach handelte es sich bei Schrunz um einen Rechtsanwalt und Notar. Nicht auszuschließen, daß Köfel ihm schon einmal bei irgendeinem Prozeß im Landgericht begegnet war.

Die Floristin kannte den Kurze-Hosen-Träger Köfel bereits. Nachdem er Wintersteins Firmenräume wieder sorgfältig verschlossen hatte, überquerte Köfel die Straße, um sich der jungen Frau nunmehr durch besonderen Scharfsinn zu empfehlen. Er mußte zunächst warten, bis eine weißhaarige Dame ihr violettes Alpenveilchen bezahlt hatte. Dann nickte er zum Schaufenster:

„Ist unser guter Meister Winterstein früher Gewichtheber gewesen – oder wie pflegt er all diese Sofas außerhalb seines Lieferwagens zu bewegen?“

Die Floristin lächelte säuerlich. Dieser Kriminale schien sein Geld als stachelbeiniger Tourist zu verdienen. Sie erwiderte so gelangweilt wie möglich:

„Er hat einen Freund, der bei den schweren Sachen mit anfaßt. Wohl nicht verboten, was?“

„Ach woher! Aber möglicherweise könnte uns dieser Freund einen Fingerzeig zu Wintersteins Verbleib geben. Wissen Sie, wo der Mann wohnt?“

„Keine Ahnung. Winterstein ruft ihn Josef. Er erwähnte einmal, Josef sei gebürtiger Tscheche.“

„Hat Josef ein Auto?“

Die Floristin schnaubte verächtlich. „Dann wüßte ich wohl schon eher, wo er wohnt! Nein, er kommt manchmal mit dem Fahrrad. Oder Winterstein bringt ihn mit.“

„Na gut“, nickte Köfel und wandte sich zur Ladentür. „Vielleicht wird es auch so gehen. Ich danke Ihnen vorerst.“


2

Köfel saß vor einem Restaurant am Obermarkt und speiste. In der Nähe machte ein verhinderter Akrobat schmissige Straßenmusik, indem er auf einem Klappschemel sitzend mit je einer Hand Akkordeon und Trompete spielte und mit beiden Füßen ein umfangreiches Schlagzeug bediente. Von seinem verschmitzten Mondgesicht her konnte er durchaus Josef heißen. Der bucklig gepflasterte Platz war von alten Robinien beschirmt, die gerade blühten und mit ihrem süßlichen Duft jedem Rollmopshändler das Geschäft verdorben hätten. Schräg gegenüber lag ein vielbestauntes Fachwerkhaus mit vorkragenden Geschossen. Es beherbergte sowohl die Kanzlei wie die Wohnung des Nikolaus Schrunz. Im Erdgeschoß befand sich eine Kunstgalerie.

Nach einigen Erkundigungen hatte sich Köfel seine gefüllten Auberginen redlich verdient. Wintersteins Lieferwagen und der Polsterer selber waren am vergangenen Donnerstag am Obermarkt gesehen worden. Der Galerist erinnerte sich sogar, Winterstein höflich zugenickt zu haben, als dieser zum rückwärts gelegenen Treppenhaus ging. Der Polsterer war also sehr wahrscheinlich bei Schrunz gewesen. Ob er auch wieder fortgegangen war, blieb allerdings unklar. Immerhin war sein Lieferwagen weg.

Köfel hatte auch mit einem guten Freund telefoniert, der ein lokales Anzeigenblatt herausgab. Danach trat Schrunz gern bescheiden und unauffällig auf, lebte aber trotzdem auf großem Fuß. In charakterlicher Hinsicht hielt ihn der Freund für fähig, die eigene Großmutter als Turnschuhnäherin nach Thailand zu verkaufen. Er hatte auch rasch herausgefunden, daß Schrunz und Winterstein in der selben Klasse Abitur gemacht hatten. Von Winterstein wußte er allerdings so gut wie nichts. Es gebe ja Menschen, die gar keinen Wert auf eine akademische Laufbahn legten. Der Polsterer habe auch schon für die Staatlichen Schlösser und Museen gearbeitet. Vielleicht sei er Handwerker aus Leidenschaft.

Im Moment wurden Köfels Gedanken von einem Rettungswagen abgelenkt, der unterhalb des abschüssigen Marktplatzes mit Sirenengeheul über die Kaiserstraße raste. Auf einem Zebrastreifen der Kaiserstraße war neulich ein kleines Mädchen totgefahren worden. Für Köfels Empfinden erfüllte der moderne Autoverkehr ohnehin den Tatbestand einer Kriminellen Vereinigung. Dem betreffenden Fahrer und vor allem seinen Hintermännern hatte das aber noch nicht genügt. Seine EU-Fahrerlaubnis nach Art der Scheckkarten stellte sich als gefälscht heraus. Nachdem er zweimal durch die Prüfung gefallen war, hatte er sich die Fahrerlaubnis vermutlich für eine beträchtliche Summe schwarz gekauft. Bei wem, hatte er bislang nicht preisgegeben – sein Altbundeskanzler Kohl war schließlich auch ein vorbildlicher Schweiger, der gute Freunde, die ihm Schmiergeld brachten oder Akten abholten, nicht ins Messer laufen ließ. Da die Fälschung der eingezogenen Fahrerlaubnis nahezu makellos war, gingen Köfels Vorgesetzte von einem emsig handeltreibenden Ring mit erstklassigen Beziehungen zum Landratsamt aus. Die Ermittlungen hatten noch keinen Fingerzeig erbracht.

Plötzlich kam Köfel auf eine Idee, die seine Vorgesetzten vermutlich „mehr als kühn“ genannt hätten. Während er seinen Espresso trank, erwog er sie und entschloß sich zu handeln. Nach dem Zahlen nahm er sich jedoch die Zeit für einen kleinen Abstecher zu dem Straßenmusiker, weil er dessen aufgeklappten Akkordeonkoffer wohl kaum auf über 15 Meter mit einer Zwei-Euro-Münze getroffen hätte.


3

Schrunz war da. Nachdem Köfel einen Vorwand präsentiert hatte, führte ihn eine Angestellte in das prächtige Arbeitszimmer ihres Chefs. Dieser bot dem Kriminalbeamten, der offenbar auf Durchreise zum nächsten Baggersee war, über eine mit Nußbaum und Vogelahorn furnierte Schreibtischplatte hinweg die Hand. Köfel nahm sie, lehnte dankend einen mit schwarzem Leder bezogenen Clubsessel ab und wartete, bis der Anwalt und Notar wieder bequem im Stuhl lehnte. Dann winkte er mit dem Daumen zu einem wuchtigen Balken der Zimmerdecke:

„Ich vermute, das hübsche Hirsch-Sofa, das Ihr Schulfreund Winterstein gegenwärtig restauriert, steht normalerweise in ihrer Wohnung. Das ist der richtige Platz für besonders vertrauliche Unterredungen mit etwas zwielichtigen Geschäftsfreunden, nicht wahr?“

Köfel zog seine EU-Fahrerlaubnis aus der Brusttasche seines Hemdes, um sie Schrunz wie einen kostbaren Handspiegel zu präsentieren. „Dreimal dürfen Sie raten, mit welchem Fundstück Winterstein am vergangenen Donnerstag hier erschien, um Ihnen entweder eine Moralpredigt zu halten oder aber einen erpresserischen Vorschlag zu unterbreiten?“

Schrunz schwieg. Er hatte ein ovales Gesicht, das von einer schwarzen Schmachtlocke gekrönt wurde. Wegen seiner verkniffenen Augen wirkte es allerdings nicht mehr ganz so spitz.

Köfel winkte ab. „Ich will es Ihnen sagen: Eine hervorragende Fälschung, blanko selbstverständlich, ausstellbar auf jeden, der gesonnen ist, viel Geld auf den Tisch zu legen.“

Schrunz war eine Spur blasser geworden. Und jetzt verriet er sich, weil der Rechtsanwalt in ihm durchkam.

„Woher wollen Sie das wissen?“ gab er leise-lauernd zurück.




II

Bögen



Durch den Anschlag auf den joggenden Außenminister wurde Köfel immerhin mit dem kreisstädtischen Vereinsreichtum bekannt gemacht. Man verfüge sogar über einen traditionsreichen Verein der Bogenschützen, der mit rund 70 aktiven Mitgliedern den Verein der Modelleisenbahnfreunde noch deutlich übertreffe, eröffnete ihnen der Chef. Dabei schob er ihnen auch schon die alphabetische Liste der 70 Aktiven mit der Bitte zu, sie unter sich aufzuteilen und dann möglichst umgehend abzugrasen. Zuberschwamm und Köfel machten Stein-Schere-Papier. Zuberschwamm gewann, wählte die zweite Hälfte der Liste und überließ Köfel damit die Bogenschützen A bis M. Köfel schlug ihm vor: „Statt unterwegs dauernd Kaffee zu trinken, solltest du einmal bei deinem Therapeuten vorbeischauen und dich erkundigen, warum sich ein Mensch namens Zuberschwamm zufällig für den zweiten Teil einer alphabetischen Liste erwärmt.“

Mit dem Abgrasen der Liste war natürlich gemeint, die darin aufgezählten Leute ohne Vorankündigung aufzusuchen. Somit hatte Köfel jede Menge Lauferei – ohne Zweifel mehr als der joggende Außenminister. Dieser befand sich derzeit mit dem knallgrün lackierten Wahlkampfbus seiner Partei auf Tour und absolvierte in jedem Städtchen, wo der Bus Station machte, eine ausgesuchte und gutabgesicherte Joggingstrecke, die immerhin sechs Kilometer maß. Neben seinen Leibwächtern pflegten ihn die sportliche Fraktion der jeweiligen Ortsgruppe und der eine oder andere Überläufer zu begleiten. In der Kreisstadt führte die Strecke vom Obermarkt durch den mit blühenden Rosenbäumchen gespickten Schloßpark und dann hinunter in die Wachnitzschlucht, wo sich beiderseits des Flüßchens Weinkeller aus Sandstein und malerische Fachwerkhäuser mit Schieferdächern an die Steilhänge schmiegten. Der Osthang war zudem von Wald bekrönt. Wie sich versteht, sollte der ovale Kurs auch wieder auf dem Obermarkt enden, wo der keuchende, aber gleichwohl spitzbübisch zwinkernde deutsche Außenminister einige Erläuterungen zur unumgänglichen „Enttabuisierung des Militärischen“ zu geben gedachte. Vielleicht bezog sich das Zwinkern darauf, daß er persönlich sich durch sein Joggen weniger für die Jagd auf muslimische Terroristen stählte, vielmehr für die immer jünger werdenden Frauen, die er während seiner steilen Karriere wie von der Seilbahn weg ehelichte.

Gestern nachmittag war die Abschlußrede ausgefallen. In der Wachnitzschlucht hatte sich der Außenminister plötzlich mit einem Aufschrei an seinen Hintern gefaßt. Bevor er stürzen konnte, umfingen ihn seine Leibwächter, wodurch sie ihn auch daran hinderten, an dem schmerzhaften Pfeil zu zerren, der in seinem Gesäß stak. Ein Rettungswagen, in dem der Außenminister bäuchlings liegend ins Polster fluchen mußte, brachte ihn sofort ins nahe Kreiskrankenhaus.

Köfel hatte inzwischen schon etliche Nieten gezogen. Die einen Bogenschützen traf er gar nicht erst an; andere parierten mit einem hieb- und stichfesten Alibi; dritte legten ihm selbstlos die Umrüstung der Polizei von Pistolen und Granatwerfern auf Bögen ans Herz. Man habe ja keinen geringen Vorteil dieser Waffe erst gestern gesehen – und nicht etwa gehört. Als Köfel am Landgericht eine sogenannte Trinkhalle streifte, genehmigte er sich ein Malzbier. Er trank es auf die Ausrottung aller kriegerischen Gelüste. Die Trinkhalle besaß ungefähr das Ausmaß einer Hundehütte.

Wenig später hielt Köfel auf ein älteres stattliches Haus mit geschwungenen Jugendstilfenstern zu, um den Bogenschützen Frank Dübenheimer zur Rede zu stellen. Vier senkrecht angeordneten Klingeln zufolge wohnte Dübenheimer ganz unten. Womöglich war damit das Kellergeschoß aus Sandstein gemeint, das durch halbwegs große Fenster Aussicht auf ein paar Grashalme und Gänseblümchen und einen absolut stilgerechten Jägerzaun bot. Köfel hatte schon keine Lust mehr, Dübenheimers Klingel zu betätigen. Stattdessen betrat er die Einfahrt zu den rückwärtig gelegenen Garagen, um das Haus auf möglichst unverfängliche Weise zu umrunden.

Wieder am Vorgärtchen eingetroffen, nahm Köfel durch das linke Fenster einen vollbärtigen Mann im Kellergeschoß wahr, der ihm die Seite zukehrte. Er stand vor einem Tisch, auf dem wiederum ein ziemlich großes Terrarium stand. Köfel meinte Molche darin zu erkennen. Während im Rücken des vollbärtigen Mannes ein stummes Farbfernsehgerät flackerte, lag unmittelbar vor ihm ein Hackbrett auf dem Tisch. Seine Beschäftigung bestand darin, mit der Linken sich windende Regenwürmer aus einer Blechdose zu fischen, um ihnen mit der Rechten, die ein altes Fahrtenmesser führte, die Köpfe abzuhacken. Ihre geringelten Leiber servierte er dann. Dazu schlug er das Hackbrett kurzerhand auf dem oberen Rahmen des Terrariums auf, so daß die Kringel in der Tat wie Regen auf die Farne, Moose und bräunlichen Molche niedergingen. Die Kopfstücke wischte er vorher in eine andere Dose.

Köfel bückte sich zum Fenster, das gekippt war, und klopfte gegen die Scheibe. Der Bärtige sah kurz auf, nickte unbeteiligt und hackte weiter.

„Sind Sie sicher, daß die Regenwürmer das gerne haben?“ erkundigte sich Köfel durch den Fensterspalt.

Der Bärtige zuckte die Achseln, ohne sich in seiner Fütterung zu unterbrechen. „Hauptsache, meine Bergmolche lieben sie. Man muß das machen, weil die Regenwürmer sonst sofort in die feuchte Erde schössen. Dann würden die Molche natürlich in die Röhre gucken. Wo brennts denn, guter Mann ..?“

„Vermutlich im Gesäß unseres Außenministers. Ich komme von der Kripo und wollte sie um ein paar fachmännische Auskünfte bitten. Sie sind doch Herr Frank Dübenheimer?“

„Bin ich“, brummte der Molchfreund. Dann stieß er mit seinem Ellbogen Richtung Bildschirm: „Er war vor einer halben Stunde im Fernsehen. Das heißt, er liegt noch in unserem Krankenhaus und läßt sich von seiner jüngsten Mieze das Händchen und wer weiß was noch alles halten. Kommen Sie ruhig rein, aber durch die Tür. Ich mache Ihnen auf.“

Dübenheimers Bergmolche hatten cremefarbene Bäuche. In freier Wildbahn hätte sie so mancher Storch sicherlich gern aufgespießt, weil er sie für einen hübschen Nachtisch hielt. Ihr Halter war gelernter Schreiner, absolvierte aber inzwischen eine Umschulung zum Ergotherapeuten. Im Moment hatte er Schulferien. Während sein erster Sportbogen noch aus Schichten verleimten Eschenholzes gefertigt worden sei, werde heute nur noch Glasfiber oder Carbon verwendet. Die enormen Zugkräfte könnten einem Pfeil eine Anfangsgeschwindigkeit von über 200 Stundenkilometer verleihen. Eine Sportschützin hatte Köfel bereits versichert, in guter Verfassung pflege sie auf 30 Meter jede Walnuß, auf 90 Meter immerhin noch jede zweite Apfelsine zu treffen. Dübenheimer bestätigte es, fürchtete allerdings für sich selber, diese Leistung nicht wieder so schnell zu erreichen. Wegen der verdammten Schule habe er seit dem vergangenen Herbst keinen einzigen Pfeil mehr abgesetzt. Vor Köfel sitze sozusagen eine Karteileiche, grinste der geruhsame Regenwurmkiller. Ob Köfel ihm das abnehme, stehe natürlich auf einem anderen Blatt.

„Ja“, erwiderte Köfel. „Wie haben Sie denn beispielsweise den gestrigen Nachmittag verbracht?“

„Da haben Sie es schon“, zeigte Dübenheimer seine flache Hand. „Kann ich kaum beweisen! Ich habe hier gesessen und gebüffelt und als mir die Augen brannten, bin ich vor Erschöpfung eingepennt. Als ich wieder aufwachte, kam die Geschichte mit dem Außenminister gerade in den Nachrichten.“

Köfel nickte. „Ich glaube, ich werde Sie nicht mehr lange belästigen, Herr Dübenheimer. Könnten Sie mir freundlicherweise zum Abschluß noch Ihren Sportbogen zeigen?“

„Selbstverständlich. Der Koffer liegt in meinem Keller. Wenn Sie einen Moment warten ...“

„Nicht nötig“, erhob sich Köfel von Dübenheimers Couch. „Ich komme mit.“

Im Treppenhaus nickte ihnen eine etwas südländisch wirkende Dame zu, die von oben kam. Köfel sah ihr nach, bis die Haustür ins Schloß gefallen war.

„Stehen Sie auf Tango?“ zwinkerte Dübenheimer. „Frau Lopez wohnt im Dachgeschoß. Ich glaube, sie hat sogar einen Doktor. Sie arbeitet im Heimatmuseum.“

Köfel nickte und folgte Dübenheimer durch eine Stahltür in den allgemeinen Teil des Kellergeschosses. Die einzelnen Verschläge waren ganz herkömmlich mit Dachlatten abgeteilt. Die Lattentüren hatten Riegel mit Vorhängeschlössern. Der schlanke Koffer, den Dübenheimer in seinem Abteil aus einem alten Kleiderschrank zog, hätte auch ein Fagott enthalten können. Die beiden Wurfarme, Mittelgriff und Visier, diverse Pfeile klemmten säuberlich in ihren mit Samt ausgeschlagenen Nischen. Ein Laie hätte schwerlich an eine todbringende Waffe im Wert zwischen 500 und 2.000 Euro gedacht. In der Tat galten die Bögen in Deutschland auch nicht als Waffen. Es bedurfte weder einer Erlaubnis noch mußten sie unter Verschluß gehalten werden. Allerdings drückte Dübenheimer das Vorhängeschloß an der Tür seines Abteils wieder zu.

Während Köfel Dübenheimer für die Mühe dankte, streifte sein Blick die Türschilder der benachbarten Abteile. Links war Bergengrün, rechts Lopez zu lesen.

Im Treppenhaus verabschiedete sich Köfel mit einem Händedruck von dem zukünftigen Ergotherapeuten. Er wünschte ihm dabei auch Erfolg fürs Diplom. Dübenheimer grinste und bedankte sich artig.


2

Es dauerte bald zwei Stunden, bis Köfel eine fällige Verknüpfung zwischen dem Molchfreund Dübenheimer und jenem Schürzenjäger gelang, der gegenwärtig das Amt des deutschen Außenministers bekleidete. Köfel hatte am Obermarkt zu Mittag gegessen und machte gerade einen kleinen Verdauungsspaziergang im Schloßpark. Am Hölderlindenkmal erblickte er etliche Menschen, die es zwecks eines Erinnerungsfotos umringten. Sie steckten in farbenprächtiger Odenwälder Tracht. Das Heimatmuseum! Es lag ja in der Wachnitzschlucht. Und wenn sich Köfel nicht täuschte, ziemlich genau an der Stelle des gestrigen Anschlages.

Köfel beschleunigte seinen Schritt und nahm die abschüssigen Gassen zur Wachnitz hinunter. Das Heimatmuseum war in einer aus Sandstein gemauerten ehemaligen Papiermühle untergebracht worden. Tatsächlich blickte es in leichter Schräge über das Flüßchen von hinten auf den Ort des Attentats, der noch auf der Fahrbahn markiert war. Die Luftlinie maß bestenfalls 50 Meter. Über dem imposanten Walmdach aus Schiefer war ein steiles Weingärtchen zu sehen, das bis zum Wald anstieg. Leider toste der Verkehr heftiger als das Flüßchen. Nur gestern war er dem Außenminister zuliebe stadteinwärts umgeleitet worden.

Köfel hatte Glück; einer Tafel an der alten Zufahrtbrücke zufolge hatte das Heimatmuseum geöffnet. In der großen Diele war eine Ecke mit Hilfe eines schönen Tresens aus dunklem Eichenholz zum Empfang gestaltet. Ein Mann um 50 mit Künstlermähne hatte Dienst. Köfel stellte sich und sein Anliegen vor. Der Mann ließ sich zunächst Köfels Ausweis zeigen, ehe er pietät- und huldvoll nickte.

„Mein Name ist Siegfried Meuler. Ich leite dieses Museum.“

„Ah ja“, erwiderte Köfel. „Wie groß ist denn Ihre Mannschaft hier?“

„Entschuldigen Sie einen Moment ...“

Meuler bat Köfel mit einer Handbewegung um Platz, da ein Ehepaar eingetreten war und auf den Tresen zustrebte. Er grüßte, kassierte und bot für später alle erdenkliche Hilfe an. Das Ehepaar begab sich auf den üblichen Rundgang.

„Leider sind wir nur noch zu zweit“, kam Meuler auf Köfels Frage zurück. „Ich teile mir den Dienst mit einer Kollegin. Sie werden ja selber wissen, wie sehr in den öffentlichen Haushalten gespart werden muß. Allerdings haben wir kürzlich eine 1-Euro-Kraft beantragt. Ich nehme an, das wird bewilligt.“

Köfel kratzte sich hinterm Ohr. „Gewiß hat der Sparzwang seine Gründe. Sind die aber einleuchtend? Ich brauche nur zwei Waffenschmieden wie Daimler und Heckler & Koch die Steuererleichterungen zu nehmen, schon bekommt jedes Heimatmuseum zwischen Main und Donau eine zusätzliche 15-Euro-Kraft!“

Der modisch gekleidete Museumsleiter (Trachtenjanker von Löffelholz) verengte seine Augen, ließ sich allerdings nicht zu einer Entgegnung herab.

„Hatten Sie gestern nachmittag ebenfalls Dienst, Herr Meuler?“

„Hatte ich.“

„Konnten Sie Auffälliges beobachten, das uns auf die Spur des Schützen oder der Schützin bringen könnte?“

„Leider nicht. Das habe ich gestern schon den Polizisten gesagt, die gleich nach dem brutalen Anschlag die Häuser durchsuchten.“

„Sie waren von dem Angriff auf unseren Außenminister schockiert?“

„Na, Mensch!“ gab Meuler ungehalten zurück. „Sie etwa nicht? In einer Demokratie wird doch Politik nicht nach dem Faustrecht gemacht! Dabei sollte jeder Deutsche froh sein, nach Willy Brandt mal endlich wieder einen versöhnlich gestimmten Außenminister zu bekommen.“

„Versöhnlich gestimmt ..?“ kratzte sich Köfel erneut hinterm Ohr. „War er nicht in jungen Jahren im sogenannten Frankfurter Häuserkampf ein lederjackiger Steinewerfer gewesen?“

„Papperlapapp!“ winkte Meuler verächtlich ab. „Jugendsünden.“

Köfel lächelte süßlich. „Von mir aus hätte er ruhig bei seinen Jugendsünden bleiben können. Stattdessen läßt er, in Amt und Würden gekommen, angeblich undemokratische unschuldige Ländchen wie Jugoslawien aus 5.000 Meter Höhe mit Bomben beregnen.“

„Ach, so einer sind Sie!“ platzte Meuler heraus. Dann schnitt er sich allerdings mit einer unwirschen Handbewegung das Wort ab und ergänzte höflich: „Also, Herr Köfel, ich habe viel zu tun – hätten Sie noch Fragen?“

„Nein, danke, Herr Meuler. Auf Wiedersehen.“


3

Die Frage, ob die Kollegin des Museumsleiters zufällig Frau Lopez heiße, hatte sich Köfel wohlweislich verkniffen. Auch auf eine Besichtigung der Räumlichkeiten verzichtete er einstweilen. Dafür erklomm er eine ausgetretene Sandsteintreppe neben dem Haus, die ihn in den Weinberg hinauf führte. Die grünenden Rebstöcke zeigten bereits erbsengroße Trauben. Köfel lehnte sich gegen einen Absatz des steilen Weinbergs, verschränkte Füße und Arme und ließ seinen Blick über das Schieferwalmdach des Heimatmuseums und die Altstadt bis zum Turm des Landgerichts gleiten. Er sah die Kellerverschläge in Dübenheimers Haus vor sich. Vorausgesetzt, man hatte einmal das Bogenschießen erlernt, mußte man ja nicht Schreiner oder Schreinerin sein, um drei oder vier Dachlatten aus der Trennwand neben Dübenheimers altem Kleiderschrank zu lösen und sowohl nach der Ausleihe wie nach der Rückgabe des „Fagottkoffers“ wieder säuberlich einzufügen. Sie trainiert ein paar Tage auf irgendeiner Odenwaldlichtung – und dann tauscht sie notfalls unter irgendeinem Vorwand ihren Dienst mit der Künstlermähne, um den Außenminister sozusagen hautnah erleben zu können, sagte sich Köfel. Er sah die federnd schreitende Frau Lopez vor sich, die ihn aus ihren dunklen Augen um ein Haar an Frank Dübenheimers Wohnungstür gespießt hätte. Er hätte schon Lust, sich etwas näher mit diesem studierten Geschöpf zu messen. Aber die Vorstellung, es später womöglich im Käfig besuchen zu müssen, war nicht so schön.




III

Mord in der Melankolonie



Der Chef zeigte seinem eigenwilligsten Mitarbeiter ein Vögelchen. „Glauben Sie etwa, er hat sich in traumatischer Reaktion auf seine vorzeitige Haftentlassung selber gebissen? Na also. Und da er in einem gut zugänglichen Abschnitt des Thüringer Waldes verblutet ist, können wir auch nur schwer einen Braunbären oder ein Rudel Wölfe für seinen Tod verantwortlich machen. In die sogenannte Melankolonie, wo er zu Gast war und der auch das betreffende Waldstück gehört, hatte Küllenwirth Beziehungen. Der Gerichtsmediziner sagt, seine tödlichen Wunden rührten mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit von Hundebissen her. Nun wohnen unsere rund 50 SiedlerInnen des Mekon e.V. ausschließlich in Bauwagen, Bussen oder Lastwagen; ihren Bahnhof nutzen sie gleichsam nur als Vereinslokal. Ich muß Ihnen hoffentlich nicht erzählen, mit welchen Haus- und Hoftieren sich solche AußenseiterInnen, die in Wagenburgen leben, vorzugsweise umgeben.“

Der Chef lehnte sich befriedigt zurück. Köfel und dessen Gefolgschaftstreue zuliebe hatte er sogar Siedler- und AußenseiterInnen gesagt – mit betontem großen I dazwischen.

Köfel lächelte. „Wir werden es sehen. Aber können Sie mir verraten, wie ich nach Stichtaöhr kommen soll, wenn der dortige Bahnhof vor 20 oder 30 Jahren stillgelegt worden ist?“

„Küllenwirth hat es schließlich auch geschafft“, schlenkerte der Chef einen Handrücken Richtung Tür. „Nehmen Sie die Suzuki! Das Wetter ist doch prima. Sie können den Schwarm aller Stichtaöhrer Prinzessinnen spielen.“

Bei dieser Spitze hatte sich der Chef schon wieder seinem Rechner zugewandt, um die nächste Email zu lesen. Doch aus den Augenwinkeln nahm er durchaus die galante Verbeugung wahr, mit der sich Köfel verdrückte.


2

Das winzige Städtchen Stichtaöhr war tatsächlich einmal Residenz gewesen. Darauf hatte Köfels Chef mit den „Prinzessinnen“ angespielt. Der langgestreckte Schloßberg erhob sich schroff im namensgebenden Öhr der Stichta. Es hieß, das Schloß sei uneinnehmbar gewesen. So war das Fürstentümchen Stichtaöhr auch nicht dem Ansturm von Hunnen oder Paschtunen, vielmehr den üblichen Erbstreitigkeiten zum Opfer gefallen. Wie Köfel der Karte entnommen hatte, lag der Bahnhof außerhalb der Stadt am Nordhang der Stichtaschlucht. Die Züge waren dereinst von der Hochebene her gekommen. Jetzt brauste Köfel auf der Suzuki unten durch die schattige Schlucht. Da sich die Landstraße an den mäandernden Lauf der Stichta hielt, schwenkte Köfel dabei nahezu gleichmäßig wie ein Metronom von einer Seite zur anderen. Er hatte der Bahnstrecke schließlich nicht den Garaus gemacht.

Neben der Landkarte hatte Köfel am Vorabend die Unterlagen über Küllenwirth und die sogenannte Melankolonie studiert. Über diese lag allerdings wenig vor – und gegen sie schon gar nichts. Die Leute galten als besonnen und genossen in Stichtaöhr eher einen guten Ruf.

Dazu paßte der Mörder Rolf Küllenwirth, zum Zeitpunkt seines Besuches 54, nicht so recht. Er hatte vor knapp 10 Jahren in München den Leiter einer sogenannten Beschäftigungsgesellschaft durch zahlreiche Stiche mit einer Sattlerahle getötet. Der schon länger erwerbslose Zahntechniker sah sich von diesem halbamtlichen Manager systematisch schikaniert. Wegen eines kürzlich geborenen Sohnes machte Küllenwirth auch Notwehr geltend. Die Beziehung zur Mutter seines Sohnes war zerrüttet. Im Übrigen faßte sich Küllenwirth als rechtmäßigen Kämpfer gegen die alles erdrückende „Arbeitsgesellschaft“ auf. Darüber hatte er etliche Pamphlete verfaßt, die er im Gefängnis fortsetzte. Streng genommen durfte er nicht als Mörder bezeichnet werden. Das Landgericht hatte „nur“ auf Totschlag erkannt, da es keinen Vorsatz aus „niedrigen Beweggründen“ entdecken konnte. Dafür bekam er 12 Jahre.

Köfel erreichte die sogenannte Pforte des Stichtaöhrs. Sie wurde durch ein mittelalterliches Stadttor mit Schieferhelm markiert und zeigte auch noch Reste der Stadtmauer. Ein bunter Schilderbaum suchte den Landstraßenbenutzer ins Residenzstädtchen zu locken. Lediglich zwei Schilder wiesen nach rechts, wo sich eine schmale Straße den Nordhang emporschob. Köfel schaltete herunter und gab Gas. Schon nach wenigen hundert Metern kam der Bahndamm in Sicht. Bevor die Straße ihn in Richtung der Dörfer auf der Hochebene unterquerte, bot sie einen Abzweig zum Bahnhof. Das weißgetünchte Gebäude blinkte zwischen gedrungenen Rotdornbäumen auf. Die Wetterseite zeigte allerdings grauen Schiefer wie auch das Walmdach; außerdem schloß sich hier der übliche Flachbau für die Güterabfertigung an. Der Vorplatz glich einer großen gepflasterten Terrasse. Die buckligen Granitsteine schillerten in vielen Farben. Köfel stellte seine Maschine vor der Güterrampe ab, wo schon einige Autos und Fahrräder parkten. Wäre er Burgvogt von Stichtaöhr geworden, statt seinem Chef zur Gothaer Kripo zu folgen, hätte er da sein Roß angebunden.

Das Hauptgebäude besaß ein Obergeschoß und im Walmdach einige Fenstergauben. Der Bahnhof hieß Zur Melankolonie. So hatte es auch schon auf den Hinweisschildern gestanden. Die Bahnhofsuhr zeigte kurz vor Eins. Das stimmte. Auf der breiten Vortreppe aus Sandstein sonnte sich eine schwarze Katze. Köfel ließ sich neben ihr nieder. Zweck der Übung war eigentlich gewesen, den Blick auf Stichtaöhr mit seinem wuchtigen Schloß und den jenseitigen Höhenzügen zu genießen. Doch Köfel ertappte sich schon wieder bei seinem Spürhundnaturell. Er versuchte nämlich bereits so unauffällig wie möglich festzustellen, ob die schwarze Katze drei oder vier weiße Socken trüge. Zu diesem Zwecke kam er allerdings nicht umhin, sie schließlich zu kraulen, was sie gnädig hinnahm.

„Hallo – Sie sind vermutlich der Mann von der Kripo?“

Köfel wandte den Kopf. In der geöffneten Flügeltür ragte eine junge Frau mit kastanienbraunem Bürstenschnitt auf, die ihn etwas spöttisch belächelte. Sie trug eine knallrote, wenn auch farb- und ölbefleckte Latzhose.

Köfel erhob sich und nickte. „Richtig – Armin Köfel mein Name. Ich hatte mit Ihrem Geschäftsführer Fred Wössenhofen telefoniert.“

Sie nickte ebenfalls. „Ich bin Kerstin, die Hausmeisterin. Wenn Sie sich sputen, kriegen Sie noch was zu essen.“

Damit trat sie zurück und wies einladend in die ehemalige Schalter- und Wartehalle. Köfel ging hinein.


3

Die Gaststätte des Mekon e.V. gab täglich ein Mittagessen aus, das nur 2 Euro 50 kostete. Wegen der Spaltung der Welt in FleischesserInnen und FleischverächterInnen standen sogar zwei Menüs zur Auswahl. Diese Möglichkeit der Verköstigung wurde von vielen Mekons – wie sich die Vereinsmitglieder nannten – wahrgenommen, doch auch in den ärmeren Etagen des Residenzstädtchens Stichtaöhr hatte sie sich längst herumgesprochen. Zur Strafe für ihre Gebrechen hatten sich die „Einkommensschwachen“ dann eben den Berg zum Bahnhof hinauf zu bemühen. Auf dem Rückweg gelang die Verdauung dafür umso besser. Manche von ihnen, die auf weiteren Sport aus waren, blieben allerdings noch für ein Stündchen, weil der Gaststätte ein Snookersalon angeschlossen war. Dank der geräumigen Güterabfertigung bot er immerhin vier Tische. Auf solch einem Snookertisch hätte die Katze mit den vier weißen Socken Fußball spielen können – oder jedenfalls mit einer Vordersocke. Die Stundenmiete betrug tagsüber lediglich 2 Euro pro Tisch; abends dagegen 4. Wie Köfel später erfuhr, fanden hier sogar regelmäßig Ligabegegnungen und Turniere im Rahmen der Deutschen Billard Union statt. Die SpielerInnen des VEB Melankolonie Stichtaöhr fochten in der Thüringenliga, wo sie derzeit, noch vor Erfurt, auf Platz Zwo lagen. VEB hieß natürlich „Vereinseigener Betrieb“.

Das gedämpfte Klima eines echten Snookersalons war sogar im Schankraum zu spüren, wo sich nach Eins noch ungefähr 15 Leute aufhielten, die verspätet aßen oder bei ihrem Cappuccino Zeitung lasen. Köfel hatte sich mit seinem Hackbraten und Wirsinggemüse an die rückwärtige Fensterfront gesetzt. Zwei Abgehärtete saßen bereits an einem Klapptisch auf dem Bahnsteig, obwohl ihn die Aprilsonne in Schatten tauchte. Offenbar tranken sie aus ihren dampfenden Schalen Tee. Aus dem Schotter des Gleisbetts sprossen Unkräuter und sogar junge Birken. Jenseits waren zwischen knospenden Obstbäumen etliche Wohnwagen zu sehen, die bereits alle Farben der kommenden Blüten vorwegnahmen. Die längs des Bahndamms ausgedehnte Obstwiese stieg zum Wald hin leicht an. Vermutlich war da oben der unangenehm zerfleischte Kämpfer gegen die Arbeitsgesellschaft Rolf Küllenwirth gefunden worden. Zu seinem Leidwesen konnte Köfel aber zwischen den Wagen und Bäumen noch nicht einmal einen Dackel ausmachen, der vielleicht mit der Katze auf dem Snookertisch das Elfmeterschießen ausgetragen hätte. Immerhin schien der Hackbraten lupenrein; er schmeckte Köfel so vorzüglich wie der Wirsing, der ausnahmsweise einmal nicht zu Matsch zerkocht war.

Der Verzicht auf Bedienungspersonal trug vermutlich zu den niedrigen Preisen bei. Köfel brachte sein Eßgeschirr zur Theke zurück und bat den jungen Mann um einen Espresso. Jetzt bestätigte sich auch ein Desiderat, das zur Ruhe im Saale beitrug. Er deutete auf ein HiFi-Türmchen, das hinter dem Barkeeper zu sehen war:

„Keine Musik?“

„Verpönt! Nur bei Festen.“

„Was denn – noch nicht einmal Rundfunk- oder Fernsehnachrichten?“

„Um Gottes willen!“ verdrehte der junge Mann seine Augen. „Wir sind doch keine Masochisten.“

Er schob Köfel den Espresso zu und zwinkerte versöhnlich. Köfel hob das Tässchen dankend und trank es im Stehen aus. Er hakte nach:

„Auch keine Sadisten?“

Die Miene seines Gesprächspartners verlor ihre Unbekümmertheit fast schlagartig. Er kratzte sich im Nacken und erwiderte bedächtig:

„Ich nehme an, Sie spielen auf Küllenwirth an. Ein schrecklicher Tod, ohne Zweifel. Das darf man niemandem wünschen. Aber sehen Sie einmal auf der anderen Seite, wie Küllenwirth damals auf sein Opfer losgegangen ist, das er nach Feierabend auf dem Innenhof der Firma abpaßte: mit einem spitzen Stahldorn und immer ins Gesicht! 20 oder 30 mal auf den Kopf eingestochen, das ist doch nicht zu fassen!“

Köfel nickte und drehte sein leeres Tässchen auf der Untertasse hin und her. „Sie meinen, der Überfall im Wald könnte eine Art Vergeltung gewesen sein?“

„Ach so! Nein, daran habe ich nicht gedacht. Ich frage mich nur vergeblich, wie sich ein angeblicher Kämpfer für die Befreiung der Menschheit eine solche Brutalität gestatten kann. Ich habe damals den Spiegel-Artikel von dem Journalisten gelesen, den Küllenwirth im Knast empfing. Jeder diesbezüglichen Frage ist Küllenwirth verächtlich ausgewichen.“

Köfel nickte. Er kannte den Artikel. Er deutete auf eine unweit der Theke gelegene Tür.

„Die Hausmeisterin sagte mir, Fred Wössenhofen erwarte mich nach Mittag im Vereinsbüro. Ist das der Weg?“

„Genau. Nehmen Sie vor den Toiletten die Treppe; oben hängt dann wieder ein Schild.“

„Können Sie meinen Verzehr anschreiben? Er wird sich womöglich summieren.“

„Na ausnahmsweise“, grinste der junge Mann und nickte nach draußen zur Rampe. „Die Kripo wird ja wohl kaum die Zeche prellen, solange sie mit solchen Edelstahlrössern durch die Lande braust ...“

„Oder gerade deshalb!“ zwinkerte Köfel zurück.


4

Die Fenster des geräumigen Vereinsbüros gingen auf den Bahnsteig. Es wirkte erstaunlich ordentlich. Auf einem runden Konferenztisch standen sogar Osterglocken. Das Obergeschoß des Bahnhofs hatte außerdem eine Bibliothek, eine Kleiderkammer, ein Bad und zwei Gästezimmer zu bieten. Wössenhofen hatte sich bereits in seinem Telefonat mit dem Kripochef bereit erklärt, dessen Sendboten im Bahnhof zu beherbergen. Vielleicht fiel für Köfel – wenn kein Heiligenschein – zumindest ein flottes Hütchen ab. Mit der Kleiderkammer war nicht etwa eine Folterkammer gemeint, in der ein jeder frischgebackene Mekon nach erfolgreich absolvierter Probezeit ins zwickende Vereinsjäckchen gesteckt wurde. Es handelte sich schlicht um ein Depot gebrauchter Kleider, das überraschend gut bestückt war. So mancher Mekon der ersten Stunde hatte in 12 Jahren nicht einen Euro für Oberbekleidung ausgegeben; er zehrte ausschließlich vom Depot. Zwei weitere Gästezimmer lagen im Dachgeschoß, wo zudem die junge Hausmeisterin wohnte. Die Gästezimmer waren für Interessierte, ProbezeitlerInnen und privaten Besuch vorgesehen. Die Gaststätte war also keineswegs ein Hotel.

Köfel schätzte den vergnügt wirkenden Geschäftsführer auf Anfang 40. Passend zu den dunklen Locken, die ihm auf der Stirn klebten, trug Wössenhofen eine Ebenholz vortäuschende Brille. Der kleine stämmige Mann neigte offenbar zum Schwitzen, bewegte sich aber erstaunlich behende. In Erfurt hatte er einen CVJM aufgebaut und war zuletzt dessen beliebter Jugendsekretär gewesen. Doch dann geriet er immer stärker unter den Einfluß anarchistischen Gedankenguts und schloß sich der Melankolonie an, wo bereits ein enger Freund von ihm lebte. Von Köfel nach dem wesentlichen Unterschied zwischen christlichen und anarchistischen Vereinen befragt, erwiderte Wössenhofen, Anarchismus sei Ordnung ohne Herrschaft. Pflügen und Schafehüten ließen sich nebeneinander bewerkstelligen, ohne daß Kain den Abel erschlüge. Für seinen Verstand habe damit Gott persönlich den Kampf um die Macht gestiftet und verewigt. Die Anarchisten bemühten sich, die beliebte Nagelprobe, wer der Stärkere oder der Bessere sei, nicht mehr nötig zu haben. Deshalb sei im Vereinsstatut auch das Konsensprinzip verankert.

Allerdings handelte es sich bei der Melankolonie nicht um ein lupenreines anarchistisches Projekt. Es fehlte die Gemeinsame Alltagsökonomie, während der Vorstand zuviel war. Für seinen Lebensunterhalt war jedes Mitglied selbst verantwortlich. Es hatte „lediglich“ Anspruch auf einen Wagenstandplatz und die Nutzung der gemeinschaftlichen Einrichtungen. Die hielt der Vorstand am Laufen. Mitarbeit – etwa in der Gaststätte oder beim Kloputzen – wurde bescheiden entlohnt. Auch die drei Vorstände – neben Wössenhofen die Hausmeisterin Kerstin und eine Frau namens Ulla – erhielten ein geringes Honorar. Sie waren jederzeit abwählbar. Bahnhof, Obstwiese und ein paar Hektar Wald waren Vereinseigentum, konnten somit nur im Konsens veräußert werden. Die von Gaststätte und Snookersalon erwirtschafteten Überschüsse wurden teils investiert, vor allem aber eingesetzt, um die monatliche Umlage der Vereinsmitglieder gering zu halten. Sie galt den allgemeinen Betriebskosten, etwa Grundsteuer, Wasser, Strom, Lieferwagen. Wössenhofen versicherte, sie betrage seit bald drei Jahren trotz der Teuerung unverändert 80 Euro.

„Und wenn einer seinen Wohnwagen den ganzen Winter über mit Strom heizt?“

Wössenhofen lächelte und schüttelte seinen Kopf. „Gibt es nicht. Macht hier keiner. Wir fühlen uns laut Statut einer schlichten Lebensführung verpflichtet. Macht es aber doch einer, kommt es früher oder später auf den runden Tisch dort oder gar aufs Plenum und wird vermutlich abgestellt. Unsere Vollversammlungen finden alle vier Wochen statt.“

„Und wenn die 77jährige Wagenbewohnerin X. nicht mehr Holzhacken und nicht mehr jeden Morgen ihren Ofen richten kann?“

Jetzt freute sich Wössenhofen noch mehr. „Prima! Darauf warten wir nur. Heinz und Magda beispielsweise sind schon über 60. Jede Wette, daß sich dann jemand findet, der ihnen diese beschwerliche Arbeit abnimmt. In solchen Siedlungen – müssen Sie wissen – hat man von zwei Dingen überdurchschnittlich viel: Zeit und Solidarität.“

Köfel nickte und verstülpte seine Lippen. „Aber zuweilen auch von Ärger, Konflikten – Brudermord?“

Wössenhofen funkelte, schnaufte, sprang von seinem fünffüßigen Schreibtischsessel auf und lief in dem großen Zimmer umher. Seine Hände hatte er auf dem Rücken gefaltet. Als er wieder in Köfels Gesichtskreis auftauchte, knurrte er:

„Ja, sicher. Also, was wollen Sie wissen?“


5

Die erwähnte Ulla, Seele des Gaststättenkollektivs, war eine Kusine von Küllenwirth. Er hatte sie aus dem Knast mit seinen Pamphleten eingedeckt, woraus ein Briefwechsel entsprang, der von ihrer Seite aus recht spröde war. Es stieß sie ab, daß Küllenwirth weder den Totschlag noch auch nur dessen grausame Ausführung bedauerte. Leider verhinderte sein rechthaberisches Naturell auch jede wirkliche Auseinandersetzung. Selbst bei seinem Besuch in der Melankolonie konnte sie seine Rüstung nicht nennenswert aufweichen. Das hatte sie allerdings befürchtet. Sie hatte sich nur mühsam dazu durchringen können, ihren Vetter willkommen zu heißen, weil ja die Verlegenheiten, in die er sie oder andere Mekons und vielleicht die ganze Siedlung zu stürzen drohte, bereits abzusehen waren. Nach einer Woche fühlten sich soundsoviele Leute von ihm genervt. Doch wieder eine Woche später bekundete er sogar seine Absicht, einen Antrag auf Probezeit zu stellen. Er wünschte Mekon zu werden! Ulla litt Höllenqualen.

Wössenhofen ließ sich in seinen Sessel fallen und deutete wütend auf den Bildschirm des Rechners: „Er hat hier schon unverfroren gesessen und über Google nach einem für ihn erschwinglichen Bauwagen geforscht! Dabei war doch sonnenklar, er würde für sein Begehren niemals unseren Konsens erlangen. Aber dieses Sichaufdrängen, dieses Erpresserische, das war offenbar ein Wesenszug von ihm – von einem, der notfalls über Leichen geht. Der Mann ließ mich zuweilen gruseln. Doch Ullas Lage war selbstverständlich ungleich heikler. Was sie auch tun würde, es würde falsch sein oder ihr jedenfalls neuen Ärger eintragen. Setzte sie ihren Vetter beispielsweise kurzerhand auf die Straße, kam er womöglich nachts zurück, um ihre hölzerne Bauwagentreppe mit Benzin zu tränken. Wobei ich nicht sicher bin, ob wir ihn überhaupt ohne Mithilfe Ihrer Kollegen von der Polizeistation aus unserem Gästezimmer bekommen hätten.“

Köfel lächelte, trat an ein Fenster und nickte zur Obstwiese hinüber: „Meinen Sie, Frau John ist jetzt zu Hause?“

Wössenhofen blickte zur Wanduhr. „Sie war am Vormittag mit dem Lieferwagen unterwegs. Jetzt müßte sie eigentlich drüben sein. Ich glaube, sie hat heute keinen Kneipendienst.“

„Wo steht denn ihr Bauwagen?“

Wössenhofen erhob sich. „Sehen Sie den gelben da hinten rechts? Das ist er.“

„Apropos Gästezimmer“, sagte Köfel. „Vielleicht könnten Sie mich eben einweisen, bevor ich wieder hinunter gehe?“

„Selbstverständlich!“ nickte Wössenhofen und ging zur Tür, um sie seinem Gast aufzuhalten.

Im Flur fuhr er fort: „Wir haben im Moment eins unten und eins oben frei. Im Mangel an Luxus gleichen sie sich eigentlich. Nur hat in dem einen Küllenwirth gewohnt.“

„Wo denn?“

Wössenhofen stach seinen Daumen gegen die Flurdecke, während er Köfel mit erwartungsvoller Verschmitztheit ansah.

„Das nehme ich.“


6

Köfel schlenderte durch die Melankolonie. Die Wagen und Wäscheleinen ließen trotz der Obstbäume an Zirkus denken, nur die auffällige Ruhe fügte sich nicht ins Bild. Kein Hundegebell, kein Kindergeschrei. Das frische Gras war lediglich auf den Pfaden niedergetreten. Die wenigen Leute, die er sah, nickten ihm freundlich zu, ohne sich weiter für ihn zu interessieren. Allerdings hatte ihm Wössenhofen erklärt, einige Mekons seien unten in der Stadt berufstätig, andere wiederum verreist. Die Standplätze ihrer fahrbaren Behausungen waren durch geringe Ausschachtungen des Wiesenhanges gewonnen worden. Aus einem großen blauen Möbelauto drang sehr gedämpft Musik, die Köfel sogar bekannt vorkam. Obwohl von zwei unterschiedlich geschnittenen Fenstern durchbrochen, ließ sich der Schriftzug Spedition R. Bergmann Frankfurt/Main Rohrbachstr. 8 noch entziffern. Auch bei der Musik handelte es sich um ein älteres Stück, nämlich von Element Of Crime. Der Sänger beklagte soeben sein schlechtes Los; es regne immer gerade da, wo er stehe. Köfel spähte durch die knospenden Zweige eines Kirschbaums in den Himmel, der fast so tiefblau wie das Möbelauto war. Er hatte ohnehin keinen Schirm dabei. Sein Beruf war es, das in den Menschen lauernde Düstere aufzusuchen. Der Sänger war offenbar nicht frei davon, sonst hätte er wohl die Regenwolken kaum so magisch auf sich gezogen. Sollte Ulla John ihren Vetter um die Ecke gebracht haben, könnte man natürlich nachforschen, ob sie ihn – entgegen Wössenhofens Darstellung – möglicherweise zu seinem Besuch in der Melankolonie verleitet hatte. In diesem Fall entstiege „niedrigen Beweggründen“ ein schöner klarer Mord.

Köfel hatte Pech. Obwohl er nachdrücklich an die rote Tür des gelblackierten Bauwagens klopfte, regte sich drinnen nichts. Der Wagen stand schräg zu einem vom Wald gebildeten Winkel der Obstwiese. Um die Gummireifen zu entlasten, war er aufgebockt. Etwas Streu zwischen den Böcken deutete darauf hin, daß der Wagenboden den Winter über durch Strohballen abgedämmt worden war. Da noch immer kein Hund anschlug, wagte Köfel es, den Wagen zu umrunden. Er sah ein winziges Häuschen mit Vortreppe, das vermutlich ein Kompostklo verbarg. Unter dem gen Osten verlängerten Dach waren Brennholzscheite gestapelt. Als er aus aufgehängter Wäsche tauchte und wieder vor dem Bauwagen stand, wurde er angerufen.

„Suchen Sie Ulla?“

Der weißhaarige Mann lehnte südlich des Pfades am Fenster eines benachbarten Bauwagens, dessen ursprüngliche Farbe nur noch schwer zu bestimmen war. Köfel nickte.

„Ich glaube, sie macht gerade einen kleinen Gang um den Wald“, erklärte der Weißhaarige mit entsprechend umschreibender Handbewegung.

„Mit ihrem Hund?“

„Mit ihrem Hund?“ echote der Mann verblüfft. „Wie kommen Sie denn darauf? Sie hat keinen Hund. Sie werden auf diesem Platz noch nicht einmal den Zipfel eines Hundeschwanzes erblicken.“

„Was denn – auf dem ganzen Platz kein Hund?“

„So ist es“, nickte er mit zufriedenem Lächeln. Dann fügte er fast triumphierend hinzu: „Verboten!“

„Verboten?“

„Ja, sicher. Steht in unserem Statut. Kennen Sie das?“

„Noch nicht. Fred Wössenhofen hat mir freundlicherweise ein Exemplar überreicht. Ich wollte es heute abend im Bett lesen.“

„Tun Sie das“, erwiderte der Weißhaarige großzügig. Dann fiel ihm allerdings ein: „Wer sind Sie überhaupt?“

„Armin Köfel – ein bedauernswerter Hund der Strafverfolgungsbehörden.“

„Huhu!“ gluckste der Weißhaarige. „Sie scheinen mir eher ein Schlawiner zu sein. Sie gefallen mir. Kommen Sie doch mal näher.“

Köfel tat es.


7

Heinz Melcher war ein Hüne. Da ihm Köfels Staunen ob seiner mächtigen Statur nicht entging, nickte er von seinem alten Kanapee aus zur seitlich angebrachten Wagentür:

„Mein erster Akt war es damals gewesen, den Türsturz hochzusetzen. Ich hatte ihn im Laufe eines Vormittags ohnehin schon fast eingedrückt.“

Damit tätschelte Melcher seine weiße Stirntolle, zwinkerte und verschränkte seine Hände wieder im Nacken. Er lag quer im Bug seiner vielleicht 14 Quadratmeter großen Klause. Vermutlich diente ihm das Kanapee auch zum Schlafen. Auf seine zurückgekämmte Mähne hätte kein Hut mehr gepaßt, während sich seine Fußnägel bereits an der Vertäfelung der Südwand wetzten. Er schien gern barfuß zu laufen, obwohl er schon auf die 70 zuging. Sein Leib- und Magengetränk war offenbar Salbeitee. Eine Kanne davon stand auf dem runden Tischchen. Melcher hatte Köfel, der in einem bequem wirkenden eichernen Armlehnstuhl saß, mit ausholender Gebärde den Weg zu einer zweiten Tasse gewiesen und aufgefordert, sich tüchtig einzuschenken. Köfel war verblüfft, daß sich dem eher bitteren Getränk sogar mehr als nur ein Hustenreiz abgewinnen ließ. Melcher behauptete allerdings, es lindere Husten. Außerdem hemme es Zahnfleischentzündungen, beruhige die Magenschleimhaut und so weiter. Offenbar gab es nichts, wogegen Salbeitee nicht half. Nur gegen den Riß im Lederbezug des Stuhlsitzes schien er machtlos zu sein. Leider verlief der Riß quer zu Köfels Gesäßritze, so daß er sich mit der Zeit trotz des einmal gefalteten buntgestreiften Handtuchs, das auf dem Polster lag, stechend bemerkbar machte. Vielleicht quoll Roßhaar aus dem Riß.

„Was spricht denn gegen Hunde?“ erkundigte sich Köfel mit der dampfenden Tasse in der Hand.

„Na, Mensch“, sah ihn Melcher von schäg unten herauf mitleidig an. „Kennen Sie ein hündischeres Wesen als den Hund? Als Diener, Waffe, Knutschkissen, Arschloch, Krawallschläger – na eben einfach zu allem läßt sich so ein Köter doch mißbrauchen. Ist es nicht schon schlimm genug, wenn wir notgedrungen unsere Kinder beherrschen müssen?“

„Gibt es hier Kinder?“

Melcher nickte zum Bahnhof hinunter. „Nur im Haus. Unsere Hausmeisterin Kerstin wohnt im Dachgeschoß mit ihrer Freundin, die haben zusammen genommen immerhin vier Kinder.“

„Au weia – dann habe ich einen Fehler gemacht!“

Auf Melchers Nachfrage hin erwähnte Köfel seine Zimmerwahl. Melcher winkte jedoch beruhigend ab. Köfel hätte das Treppenhaus und die Gästedusche als ausreichenden Puffer gegen die Kinder. Er erklärte weiter, das Statut verbiete den Mekons zwar keine Kinder, doch sei es nicht der rechte Platz für sie. Von der Käfighaltung im Wagen und dem Geschrei einmal abgesehen, verkörperten Kinder ja notwendig den Glauben an die Zukunft. Dieser sei unter den Mekons aber eher gering. Er selber halte es sogar schon fast für strafwürdig, heute noch Kinder in eine Welt zu setzen, die mit Riesenschritten auf die ökologische Katastrophe und den dritten Weltkrieg zugehe und bis dahin für ihren Nachwuchs nur mehr Beschäftigungstherapie übrig habe.

„Hm“, rieb Köfel sein Kinn. „Dann entsprang der Name Melankolonie tatsächlich nicht nur einer GründerInnengrille?“

„Sie sagen es“, hob Melcher anerkennend den Großen Onkel seines rechten Fußes. „Das in allen weltanschaulichen Lagern beschworene Positive Denken wird bei uns nicht verlangt. Im Gegenteil schreibt uns das Statut vor, auch skeptische oder gar lebensüberdrüssige Haltungen zu achten. Es gibt gute Gründe – darunter Ozeane voller Leid – um das Leben nicht zu verherrlichen. Oder finden Sie das nicht? Als Spürhund der Strafverfolgungsbehörden dürften Sie ja Ihre Nase schon in so manchen Abgrund gesteckt haben.“

Statt zu antworten, blickte Köfel nachdenklich aus dem Fenster. Bei diesem klaren Wetter waren über dem schiefergedeckten Bahnhofsgebäude sogar die jenseits der Stichta gelegenen Höhenzüge wie zum Greifen nahe zu sehen. Sie waren dicht bewaldet. Köfel meinte Jagdhörner zu vernehmen und wandte sich belustigt der Bugwand über dem gleichsam aufgebahrten weißhaarigen Wagenbewohner zu. Dort prunkten mehrere Rotwildgehörne, die ihm bereits beim Eintreten ins Auge gefallen waren. Melcher hatte sie teils verfremdet, etwa durch ein übergestülptes Präservativ oder ein aufgespießtes Foto der Tierschützerin Brigit Bardot, nutzte sie aber auch als Garderobe für einen Stockregenschirm und einen knallroten Gehörschutzbügel. Wie sich versteht, war Melcher selber niemals Jäger oder auch nur Förster gewesen. Er hatte Köfel erzählt, als Zimmermann mit Meisterbrief sei er zuletzt an einem kleinen genossenschaftlichen Betrieb beteiligt gewesen, den es inzwischen nicht mehr gebe. Seine Waffe war sozusagen der auf einer Seite schnabelförmige schwere Hammer gewesen, den die Zimmerleute und Dachdecker zumeist in einer Schlaufe am Gürtel tragen. Da dieser Hammer ebenfalls im Geweih hing, lebte Melcher auf seiner Rentnercouch nicht ungefährlich.

Köfel faßte den Hünen ins Auge und sagte mit lapidarer Handbewegung: „Kommt mir als Mekon das Leben als eine ziemlich fragwürdige oder gar verfehlte Einrichtung vor, spricht eigentlich wenig dagegen, wenn ich einen Störenfried wie den Ex-Kriminellen Küllenwirth ins Jenseits befördere ...“

Melcher stutzte und runzelte seine Stirn, bevor er mit zwiespältigem Grinsen versetzte: „Sieh an, jetzt möchten Sie mich wohl kalt erwischen! Aber so etwas habe ich nicht gesagt. Wir sind ein gewaltfreies Projekt. Und zum Herren über Leben und Tod schwingt sich hier schon gar keiner auf. Das kommt ja gerade fanatischen 'Kämpfern' wie Küllenwirth zu! Sie entscheiden, wer richtig und wer falsch lebt. Sie entscheiden, wer für die Gesellschaft wertvoll, wer eher unerheblich, wer gar für sie hinderlich ist. Die beiden letztgenannten Kategorien dürfen beseitigt werden ... Ich erinnere mich an einen Abend in der Kneipe, wo mich Küllenwirth in eine Diskussion verwickelte. Mir lief es bei seinen apodiktischen Äußerungen streckenweise kalt den Rücken herunter. Die meisten Menschen seien heutzutage psychisch entartet. Er stehe nicht an, mit Nietzsche vom 'Gesindel des Nützlichkeitsdenkens' zu sprechen. Diesem Pack klare Grenzen zu ziehen und es im Überschreitungsfalle mit Sanktionen zu belegen, sei nur rechtens. Jener in München erstochene 'Funktionär der Arbeitsgesellschaft' sei genau so ein 'heilloser Mensch' gewesen. Da helfe nur Strafe. Meine Einwände prallten an ihm ab. Ich atmete geradezu auf, als ich mich unter einem Vorwand loseisen konnte ... Er hatte dieses unglaublich anmaßende Herrenmenschendenken drauf, wissen Sie? Diese Selbstherrlichkeit, die meines Erachtens mit dem anarchistischen Pochen auf Selbstbestimmung wenig gemein hat. Er sprach auch gern von 'Vornehmheit'. Ein Witz! Fragen Sie einmal Ulla, wie vornehm es einstmals in der Kinderstube dieses armen Würstchens zugegangen ist!“

„Das ist ein gutes Stichwort, Herr Melcher“, hakte Köfel rasch ein, während er sich bereits von dem Riß im Stuhlpolster trennte. Er nickte seitlich durchs Nordfenster: „Ich bilde mir ein, ich hätte vor ein paar Minuten Frau Johns Wagentür gehört. Darf ich Sie wieder allein lassen?“

Melcher war offenbar einverstanden. Er deutete mit flacher Hand einen militärischen Gruß an, wälzte sich auf die Seite zur Bugwand und gab sich einem erholsamen Schläfchen hin.


8

Leider verlief der restliche Nachmittag für Köfel nahezu unergiebig. Ulla John wußte von Küllenwirths Erwerbslosenleben vor der Haft so gut wie nichts. Sie hatte keine Ahnung, ob er damals oder aber im Knast mit Leuten zu tun hatte, die später schlecht genug auf ihn zu sprechen waren, um ihren Rottweiler oder ihren Pitbull auf ihn zu hetzen. Aber deshalb bis nach Stichtaöhr fahren? In München, wo Küllenwirth nach seiner Entlassung in einer Wohngemeinschaft untergeschlupft war, konnten solche RächerInnen doch viel besser aus dem Hinterhalt zuschlagen und auch wieder in diesem verschwinden. Und Küllenwirth selber war vor seinem Besuch nie in Stichtaöhr, ja noch nicht einmal in Thüringen gewesen. Außer seiner Kusine hatte er dort nicht die geringste Bekanntschaft – jedenfalls gab es keinen Hinweis darauf. Was jedoch Ulla betraf, konnte sie für die Tatzeit auf ihren Kneipendienst im Bahnhof verweisen. Dieses Alibi ließ sich vermutlich durch mindestens 20 Gäste hieb- und stichfest bestätigen.

Wie zu erwarten war, blieb auch eine Besichtigung des nahegelegenen Tatorts im Walde fruchtlos. Die Schutzpolizei hatte längst festgestellt, wie abgeschirmt die Stelle war. Zeugen hatte sie nicht aufgetrieben. Die von ihr gesicherten Spuren gaben bislang nichts her.

Geschäftsführer Wössenhofen hatte bereits am Vormittag am Schwarzen Brett der Melankolonie den Besuch des Kriminalbeamten angekündigt und um uneingeschränkte Hinweise und Hilfe zur Aufklärung des Verbrechens gebeten. Doch auch beim Abendimbiß, den Köfel in Gesellschaft Wössenhofens in der Gaststätte einnahm, sprach ihn niemand an.

Als sie bereits ihre Bestecke zusammengelegt hatten, winkte Wössenhofen einen Mann an ihren Tisch, der gerade in der Tür zum Treppenhaus verschwinden wollte. Er war fast so lang wie Melcher, allerdings viel dürrer und wahrscheinlich noch keine 50. Er schlenkerte zu ihnen und stützte sich erwartungsvoll auf die Lehne eines freien Stuhles.

„Das ist mein bester Freund Hopfen“, stellte Wössenhofen vor. „Ich erwähnte ihn heute Mittag. Der Mann, der mich aus Christi Hafen in diese Melankolonie lotste, wo eitel Mord und Totschlag herrscht.“

„Ah ja“, grinste Köfel. „Freut mich.“

„Und das ist Armin Köfel von der Kriminalpolizei, wie du dir vermutlich schon gedacht hast.“

Hopfen bekräftigte diese Vermutung durch energisches Nicken. Sein Kopf, der einer verknitterten Erbse glich, wäre um ein Haar in das Gurkenfäßchen gefallen. Allerdings zeigte seine Schädeldecke kaum noch mehr als ein Haar.

„Aber du wirst niemals erraten, in welcher wichtigen Nebenmission Herr Köfel unter uns weilt.“

Wössenhofen gab seinem angestrengt blickenden Freund sogleich einen Wink mit dem Zaunpfahl. Er beugte sich mit ausgestreckter Linker zu Köfel über den Tisch, während sein vertikal gestellter rechter Armwinkel vorgab, mit einem Billardstock zu pendeln. Dabei zwinkerte er Köfel zu.

„Olala!“ schnalzte Hopfen. „Das sind ja interessante Eröffnungen!“

„Ja“, lehnte sich Wössenhofen wieder zurück. „Der Herr Kriminaloberinspektor verriet mir nämlich, er spiele in der Kreisstadt ziemlich regelmäßig Snooker. Allerdings sei er kaum für Breaks über 30 gut. Na, was meinst du – das ist doch genau das Richtige für uns? Hast du heute abend Zeit?“

„Unbedingt“, erwiderte Hopfen. „Kerstin hatte mich auch schon auf eine Partie angesprochen. Wir können ihr ja einen flotten Vierer vorschlagen.“

„Gut. Wann dachte sie denn?“

„So um Acht.“

Da alle einverstanden waren, verzog sich Hopfen wieder zum Treppenhaus. Er wollte in die Bibliothek. Während Köfel dem Strick von Mann beeindruckt nachblickte, erklärte Wössenhofen:

„Auf dem Gymnasium ist er immer Hopfenstange gehänselt worden, weil seine Eltern – er stammt von der Aisch – eine kleine ländliche Brauerei besaßen. Davon ist dann nur Hopfen übrig geblieben. Er ist aber nicht Wirt oder Winzer, vielmehr Maschinenbauingenieur geworden. Als solcher berät und begleitet er in den letzten Jahren allerlei alternative Projekte, was ihn leidlich über Wasser hält. Auf Schloß Tonndorf beispielsweise versuchen sie gerade, den 80 Meter tiefen Brunnen wieder in Schwung zu bringen. Hopfen erfindet auch viel, nur kauft es keiner. Haben Sie einmal auf seinen Bauwagen geachtet?“

„Wie sollte ich?“

„Er ist nicht zu übersehen. Das heißt, eigentlich ist er kaum zu sehen, weil er vor lauter Antennen, Solarzellen, Greif- und Auffangvorrichtungen wie ein noch nicht klassifiziertes Fossil aus dem Burgess Shale in den kanadischen Rocky Mountains anmutet. Sollte Sie Hopfen einmal hereinbitten, werden Sie Daniel Düsentrieb für einen harmlosen Heimwerker halten. Passen Sie aber schon auf den Trittstufen vor seiner Bauwagentür auf! Er hat eine durch Lichtschranke gesteuerte Schuhbürstvorrichtung, die Ihnen glatt die Haxen durchsägt, wenn Sie schockiert ein paar Sekunden mit dem Eintreten zögern.“

Köfel schmunzelte. Diese Schilderungen paßten zu dem dürren Brauerssohn. Trotz seines verknitterten Erbsenkopfes wirkte Hopfen übrigens keineswegs häßlich. Wer wußte, ob er mit seinem schrulligen Charme nicht auch schon die junge Hausmeisterin betört hatte.

Köfel hob sein erst halb geleertes Bierglas und sagte über den Rand hinweg: „Ich will hoffen, Ihr Freund bedient sich eines handelsüblichen Queues. Oder tritt er mit Laserstrahl an?“


9

Da ihm Wössenhofen ein Queue aus dem verschlossenen Arsenal des VEB Melankolonie Stichtaöhr geliehen hatte, hielt sich Köfel recht achtbar. Das As am Tisch war allerdings Hausmeisterin Kerstin. Obwohl sie erheblich fester auftrat als die schwarze Katze mit den vier weißen Socken und auch ziemlich hochgewachsen war, schien sie wie ein Windhauch um die blinkenden Bande aus Mahagoniholz zu gleiten. Ihr kurzer Haarschnitt zeigte ja auch ein ähnlich dunkles Rot. Köfel hatte es im Rahmen seines Dienstes dummerweise versäumt, den Charakter der Beziehung zwischen Kerstin und jener Freundin zu ermitteln, die der weißhaarige Heinz Melcher erwähnt hatte. Melcher hätte ihm das sicherlich mit Vergnügen haarklein auseinandergelegt. Jetzt war es zu spät. Gegen Mitternacht würde er möglicherweise gemeinsam mit Kerstin und 1,2 Promille im Blut die Treppe zum Obergeschoß erklimmen – und was dann?

Jetzt hatte sie auf die letzte Rote einen gemeinen Snooker gelegt. Sie spielte mit Wössenhofen gegen das Duo Hopfen/Köfel. Der dürre Hopfen hatte die Aufnahme. Er lief schon wieder Gefahr, durch Schütteln seinen Erbsenkopf zu verlieren, setzte erbost sein Bierglas auf dem Wandbord ab und ging in Stellung. Die Rote an der Kopfbande war halb von Blau blockiert, während der weiße Spielball im D lag. Doch Hopfen gelang es, die Rote durch einen langen bogenförmigen Effetstoß zu treffen und die Weiße auch noch im Schatten von Pink abzulegen. Alles schnalzte. Hopfen richtete sich voller Genugtuung auf und versicherte seinem Freund Wössenhofen, der gerade sein Bierglas hob:

„In einem solchen vollendeten Bogen, mein lieber Freddy, werden wir über kurz oder lang die Kreisstadt anlaufen!“

Wössenhofen lächelte, legte aber seinen Zeigefinger an die Lippen, als drohe sich Hopfen zu verplappern. Dann stellte er sein Bierglas zurück und wandte sich der von Hopfen angerichteten Lage zu, denn er war ja am Stoß.

Köfel hätte 5 Promille im Blut haben können und wäre noch immer ein Spielball seiner spürhundlichen Witterung gewesen. Während Wössenhofen offenbar entschlossen war, nach der letzten Roten und der Braunen alle Farben in einem Zug vom Tisch zu räumen, fragte sich Köfel mehr zum Spaß, worauf Hopfen mit seiner geheimnisvollen Bemerkung angespielt haben könnte. Er und sein Freund Wössenhofen mochten passionierte Marathonläufer sein, doch bis zur Kreisstadt waren es rund 30 Kilometer, das kam hinten und vorne nicht hin. Die Landstraße hatte zwar Bögen, wenn man so wollte, aber viel zu viele. Blieb eigentlich nur die Bahnstrecke. Köfel hatte die Karte studiert; er hätte sie mit der Queuespitze sofort auf den geschlossenen Fenstervorhang malen können, hinter dem übrigens der Bahnsteig lag. Die Strecke zur Kreisstadt beschrieb auf der Karte einen weiten sanften Bogen.

Für den nächsten Frame bekam Köfel Kerstin als Partnerin. Es war auch alles sehr angenehm, doch nachdem sie das Duo Hopfen/Wössenhofen geschlagen hatten, bat Kerstin, sie wegen Müdigkeit zu entschuldigen. „Ich hoffe, es war nicht das letzte Mal“, knuffte sie Köfel anerkennend in die Seite und entfernte sich durch die große Falttür des Salons Richtung Treppenhaus.

Hopfen nutzte die Gelegenheit, um sich ebenfalls abzusetzen. Allerdings schlich er nicht der jungen Hausmeisterin nach, sondern verschwand in der Tür zum Bahnsteig. Sonderlich müde hatte er nicht gewirkt. Vielleicht saß er jetzt noch die halbe Nacht am Rechner.

Köfel seufzte und kreidete sein Queue ein. Wössenhofen hatte ihm noch eine Solopartie vorgeschlagen. Auch an zwei anderen Tischen wurde noch gespielt. Durch die offenstehende Falttür drang nach wie vor keine Musik aus der Gaststätte, obwohl sie gut besucht war. Die Leute unterhielten sich. Zwei beleibte Männer in Anzügen waren über einer Schachpartie versunken. Mindestens einer von ihnen wäre in einem schlechten Kinofilm ein Kollege von Köfel gewesen.

Als Wössenhofen von der Toilette zurückkehrte und zwei neue Pils aufs Wandbord schob, nickte Köfel durch den Vorhang auf den Bahnsteig: „Was haben Sie und Hopfen denn vor mit der Strecke?“

Der kleine Geschäftsführer kraulte verdutzt seine dunklen Stirnlocken, ehe er mit anerkennendem Lächeln erwiderte: „Siehe da – ein Meisterdedektiv! Nun ja, als Kriminaler werden Sie ja Geheimnisse wahren können. Die Sache ist noch nicht spruchreif und kommt frühstens im Mai auf unser Plenum. Neben mir und Hopfen weiß bislang nur Ulla Bescheid. Wir beabsichtigen nämlich, die Strecke in die Kreisstadt wiederzueröffnen. Sie würde dann von der Genossenschaft Bahn frei! Stichtaöhr betrieben. Die Strecke ist bislang noch nicht 'entwidmet' worden, müssen Sie wissen. Und die Deutsche Bahn AG ist grundsätzlich bereit, sie uns zu verpachten. Sie hat uns auch einen günstigen Preis für zwei gebrauchte Kurzzüge gemacht. Der Bahnhof gehört ja sowieso uns. Was uns noch fehlt, ist der Schein eines 'Eisenbahnbetriebsleiters'. Normalerweise verschlingt die Ausbildung ein Jahr. Hopfen jedoch könnte den Schein in Frankfurt/Main in einer Art dreimonatigem Schnellkurs machen. Er ist ja Maschinenbauingenieur. Die Bürgermeisterin von Stichtaöhr ist begeistert; auch Landrat Liebstöckel unterstützt unsere Pläne. Auf einem anderen Blatt steht die Reaktion unseres eigenen Vereins. Wir befürchten, es wird Widerstand geben.“

Köfel rieb beeindruckt sein Kinn und dachte einen Moment nach. „Ja, sicher – weil Ihnen nicht nur der erwähnte Führerschein, sondern auch jede Menge Kohle fehlt!“

„Genau“, grinste Wössenhofen. „Wir müßten erstmals einen größeren Bankkredit aufnehmen. Aber das ist nur die eine Schwierigkeit.“

„Und die andere?“

„Läßt Sie Ihr Scharfsinn im Stich?“

Köfel dachte nach und nickte. „Er läßt.“

„Unsere Pläne bedrohen den Charakter dieses Projektes“, erklärte Wössenhofen ohne weitere Umstände. „Die Melankolonie ist eine Insel für AußenseiterInnen, die hier vor allem Schutz, Muße, Ruhe suchen. Ein belebter Bahnhof bewirkt natürlich eher das Gegenteil. Sie verstehen?“

„Ja, ich verstehe ... Aber könnte es nicht auch eine Chance sein? Ich meine: nicht nur für die Leute, die als EisenbahnerInnen sinnvolle Betätigung und Broterwerb finden, sondern auch für die Entfaltung der Kolonie? Wenn Sie ewig mit der selben Frau verheiratet sind, hängt sie Ihnen doch irgendwann auch zum Halse heraus!“

„Sieh an“, schmunzelte Wössenhofen. „So alt sind Sie doch noch gar nicht. Aber ich stimme Ihnen zu. Vielleicht können wir die meisten Mekons für diese Aussichten gewinnen. Vielleicht werden dann die übrigen ohne Groll aus freien Stücken gehen. Mit Tonndorf oder Waltershausen winken ja sogar alternative Plätze in der Nähe. Der Konsens winkt uns jedenfalls nicht.“

Köfel nickte. Seine Gier war inzwischen von der Schiene auf die polierten Banden zurückgeschwenkt. Er stieß sein Queue fast übermütig in die Luft und rief:

„Bahn frei! Feuer frei! Kampf bis zur letzten Maus!“

Dann schmiegte er sich für den Anstoß an die Fußbande.


10

Nach dem Frühstück, das er in der Gaststätte eingenommen hatte, kehrte Köfel auf sein Zimmer zurück um zu telefonieren. Er saß dabei in der Dachgaube und genoß den Blick auf Stichtaöhr. Im Gegensatz zu der rund fünfminütigen Botschaft an seinen Chef versprach der Tag erneut, sonnig und wolkenlos zu bleiben. Sein Chef bewährte sich als stummer Zuhörer. Schließlich resümierte Köfel:

„Kurz und schlecht, aus der Siedlung kommt mit 99prozentiger Wahrscheinlichkeit niemand in Frage. Doch von Küllenwirths Vorleben und Haftzeit her haben wir ja bislang auch keine Anhaltspunkte. Wollen Sie meine Theorie hören?“

Der Chef grunzte nur.

„Jemand in Stichtaöhr hat mit Küllenwirth, der da gelegentlich einkaufte oder ins Hallenbad ging, einen zunächst belanglosen Zusammenstoß gehabt. Doch dann erkannte dieser Jemand in dem Fremden den Schwerverbrecher Küllenwirth, der vor Jahren einen unschuldigen verdienten Funktionär der Freien Marktwirtschaft erstach. So entfacht sich die Bagatelle zum gehässigen Streit. Küllenwirth beschimpft seinen Widersacher als vollgefressenen Spießer und verdrückt sich in der nächsten Seitengasse, um seine Haftverschonung nicht aufs Spiel zu setzen. Der wutentbrannte Einheimische weiß oder bekommt im Nu heraus, wo Küllenwirth logiert – auch bei so fragwürdigem Gesindel! Er schleicht den Berg hinauf, paßt Küllenwirth in dem Waldstück ab und läßt ihn von seinem Kampfhund oder auch Schäferhund zerfleischen.“

„Was heißt denn abpassen!?“ höhnte der Chef. „Daß Ihr wutentbrannter Bürger im Wald sein Zelt aufschlägt, bis Küllenwirth freundlicherweise beim Vorbeijoggen über einen Hering stolpert? Dann kann sich Ihr Streit auch gleich im Wald ereignet haben.“

„Naja“, räumte Köfel leicht betreten ein. „Wahrscheinlich gibt es noch mehr Varianten.“

Der Chef dachte offensichtlich nach. Köfel hörte lediglich seinen mit Tabakrauch geschwängerten Atem. Schließlich erwiderte sein Vorgesetzter emotionslos:

„Ihre Theorie ist nicht völlig unwahrscheinlich. Jedenfalls fällt mir im Moment keine plausiblere Alternative ein. Legen Sie also los. Durchkämmen Sie Stadt und Land nach Hinweisen. Hundesteuer, Züchter, Forstamt – was sich so anbietet. Wie wohnen Sie denn? Ist es da in dem Bahnhof gemütlich?“

„Durchaus“, versicherte Köfel. „Aber das kann ja Tage dauern, bis ich auch nur auf den ersten Furz gestoßen bin!“

„Na und? Wenn es doch gemütlich ist? Rufen Sie mich in jedem Falle jeden Morgen an. Luckenwalde beneidet Sie bereits, weil er in irgendeinem Billardmagazin ein Foto von der Mannschaftsführerin des VEB Melankolonie Stichtaöhr gesehen hat ..!“


Fortsetzung Teil 2
°
°