Donnerstag, 12. Juli 2012
Als Bott die Sonne föhnte
Erzählungen

Geschrieben um 2000. Erstveröffentlichung 2008 im Selbstverlag. Umfang rund 130 Druckseiten. Die Buchfassung wurde noch einmal überarbeitet. Der Charakter des Werkes blieb dabei unangetastet.


Die acht Erzählungen ranken sich um den Erfurter Polsterer Berthold Ott, genannt Bott, den es nach der sogenannten Wende wie so manchen Volksgenossen gen Westen zieht. Über einen Rausschmiß beim Kasseler Raumausstatter Euler landet er im nordhessischen Städtchen Gudensberg, wo der Posten einer Zeitungszustellerin freigeworden ist. Die vielgeschmähte „Provinz“ ist sein Gewinn. Während er alle, die in den fernen, reißenden Warenströmen um sich schlagen, nur noch mit Hohn bedenkt, nimmt er sein eigenes Los als „Knecht“ des Pressehauses mit Galgenhumor. Freund Zülch betreibt im stillgelegten Gudensberger Bahnhof den Snookersalon Zugball, was Bott zur Meditation nutzt. Ein „Hexenschuß“ vermittelt ihm Einblicke ins Kommuneleben der am Leichenkopf gelegenen Emsmühle. Er betätigt sich außerdem als Holzfäller, Musiker, Spürhund. So heftet er sich an die Fersen eines Richters, der wie so viele hohe Tiere auch Jäger ist. Dadurch kommt Bott nebenbei zu einem auf Serviette geworfenen Cartoon der in Kassel lebenden Comiczeichnerin Ruth van Ginnecken. Das Werk zeigt ein waidwund geschossenes Wildschwein.

Mangels rühmender Kritiken können Sie im Kapitel „Gudensberg“ dieses Beitrags lesen, was die Lektorin einer florierenden Verlagsgruppe von diesem Werk hielt.


Teil 1:
I Kein Gardon
II Als Bott die Sonne föhnte
III Schnee von gestern
Teil 2:
IV Bott zerreißt seinen Jagdschein
V Auf Demontage
Teil 3:
VI Die Axt im Haus …
Teil 4:
VII Bott und die Egge
VIII Bott mistet aus




I

Kein Gardon



Avignon glich einem Backofen. Unter jedem Gewölbe, das Schatten bot, standen unweigerlich StraßenmusikerInnen, die es offenbar zum Einsturz bringen wollten. Bott schüttelte den Kopf, ging zur Rhônebrücke hinunter und stellte sich Richtung Nimes auf.

Ein kahlköpfiger Dicker in einem zerschrammten offenen Jeep erbarmte sich, ehe Bott zu Kalk gebrannt worden wäre. Unter seinem struppigen braunen Vollbart lag ihm das Lenkrad wie ein Säugling an der Brust. Da er noch schlechter Englisch sprach als Bott, konnte sich dieser den Weinbergen und Tomatenfeldern widmen, die an ihnen vorüberflogen. Durch den Fahrtwind wurden Botts Sinne wieder geschärft. Er bemerkte sogar, daß die Strauchtomaten durchweg blau gesprenkelt waren – vermutlich kaum von der Palette eines Van Gogh oder eines Cézannes.

Die Landstraße berührte eine Schlucht. Im nächsten Dorf bremste der Dicke vor einer Bar. Er bedeutete Bott, er sei eingeladen.

Sie tranken ihren Milchkaffee vor der Bar am Straßenrand, wo einige runde Tischchen mit Korbsesseln aufgestellt waren. Aus dem Inneren der Bar ließ sich ein surrender Ventilator hören. Es ging schon auf Mittag zu. Während ein rotbraunes Huhn über die Straße stolzierte, huschte hin und wieder ein Schwalbenschatten über die weißgetünchte bucklige Hauswand der Bar. Vor dieser Wand saß Gudrun.

Sie hatte die Ankunft der beiden Männer über den Rand ihres Buches hinweg verfolgt. Gegen den vollbärtigen Dicken wirkte der Schwarzmähnige fast wie Don Quichotte. Sie verhehlte ihre Neugier nicht. Bott seinerseits konnte ohne Schwierigkeiten den Titel ihres Buches lesen, das aus dem Hanser-Verlag stammte: Alle unfrisierten Gedanken von Stanislaw Jerzy Lec.

„Sie sprechen kein Polnisch ..?“ wandte sich Bott an die blonde schlacksige Frau, die höchstens Ende 20 sein konnte. Denn Lec war Pole, soviel wußte Bott. In der gewesenen DDR, wo Bott herkam, hatte er gerüchteweise von dem aufmüpfigen Schriftsteller gehört.

Gudruns Antwort beschränkte sich zunächst auf ein Lächeln. Sie trug ihr Haar in kurzen Fransen und steckte in einem schwarzen Fähnchen, durch das sie gleichsam an die weiße Hauswand modelliert wurde. Wie es schien, war sie damit einverstanden, in Bott keinen Spanier vor sich zu haben. Sie wich seinem Blick nicht aus. Dadurch kam zwangsläufig jenes Anbändeln in Gang, das vermutlich westlich der Werra kaum anders als östlich gepflogen worden war.

Der vollbärtige Dicke hatte wohl schon gerochen, was im Busche raschelte. Nachdem er aus der Bar zurückkam, wo er die Rechnung beglichen hatte, bedeutete Bott ihm seine Absicht zu bleiben, obwohl er mit Gudrun noch kein Wörtchen gewechselt hatte. Der „Wildhüter“ – wie sie ihn später nennen würden – schmunzelte nur und nickte. Dann deutete er eine beinahe graziöse Verbeugung zur Hauswand hin an und ging über die Straße. Bott folgte ihm, um seine Reisetasche aus dem Jeep zu angeln. Der Dicke klemmte sich hinters Steuer und zwinkerte ihm noch einmal zu: ermunternd und völlig neidlos.

Der Jeep heulte auf, während Bott zur Bar zurückging. Er ließ sich neben Gudrun in einem der ächzenden Korbsessel nieder und sah dem Dicken nach. Das Huhn, das vor der jenseits gelegenen Bruchsteinmauer gescharrt hatte, war gackernd davongestoben. Über der Straße hing eine Wolke aus Abgasen und Staub.

Bott sah Gudrun an. „Auf dem Rücksitz lag eine olivgrüne Schirmmütze“, nickte er zu der Wolke. „Vom Kopfe wäre sie ihm ja sowieso weggeflogen.“ Sie lachte, beugte sich vor und strich ihm ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Damit war der Bann gebrochen. Sie erfuhren von ihrem Woher und Wohin. Bott hatte nichts Bestimmtes im Auge. Hauptsache, südlich der Werra. Er hatte bereits die 40 überschritten. Die Umzäunung der DDR hatte seinem jugendlichen Feuer nicht gestattet, sich ein wenig in die Welt auszubreiten. Jetzt war die DDR im stickigen Pansen von Kanzler Kohl gelandet, der freilich nur der Vorkoster für kapitalkräftigere Leute war.

Gudrun kam aus München und zeltete gegenwärtig ungefähr zwei Kilometer vom Dorf entfernt in der Schlucht des Gardon. Sie machte auch keinen Hehl daraus, daß sich Bott die Stelle gern einmal ansehen könne. Der bequemere Weg führe – dem Jeep nach – über die Landstraße. Doch unten durch die Schlucht sei es sicherlich aufregender. Bott war einverstanden.

Das Dorf lag zum Teil am Hang. Durch eine steile abschüssige Gasse liefen sie zum Gardon hinunter. Der schmale Fluß machte hier einen Knick, den ein Wehr abschloß. Dadurch hatte sich ein vor allem von der Jugend genutzter Badeplatz ergeben. Oberhalb des Wehres sprang ein Felsen aus der jenseits gelegenen Schluchtwand vor, der einigen Tollkühnen sogar als Sprungturm diente. Aus sicherlich sieben Meter Höhe glänzten sie mit Kopfsprüngen oder Überschlägen. Bott und Gudrun sahen eine Weile zu. Dann wandten sie sich flußaufwärts. Sie streiften ihre Sandalen ab, denn nun galt es, den Wasserweg zu nehmen, weil die schmalen Uferstreifen unterhalb der Schluchtwände gleich hinter dem Knick völlig unwegsam waren.

Reisetasche über der Schulter, stakte Bott in dem flachen Wasser hinter Gudrun her. Auch das Wasser war hinderlich mit rundgeschliffenen Steinen oder schroffen Felsbrocken gespickt. Schon von daher hatte Bott mit seinem Gleichgewicht zu kämpfen; bald kamen Gudruns Kniekehlen hinzu, die ihm wie kleine, sanft gebauschte Segel erschienen. Sonnenkringel, schwirrende Libellen und Schmetterlinge, die auf einem Stein mit ihren Flügeln pumpten, als wollten sie diesen mit nach Hause nehmen, überzogen die tiefe kühle Schlucht mit flammenden Tupfen. Wandte sich Gudrun zuweilen um, übergoß sie ihren unerwarteten Besucher mit einem Lächeln, das vermutlich auch den Dicken ins Wanken gebracht hätte. Bott war bei seiner Länge eher zartgliedrig gebaut. Als gelernter Polsterer verfügte er allerdings über einige formgebende Kräfte, die nicht immer leicht zu zügeln waren.

Statt sich zu verengen, wie man doch erwartet hätte, traten die krüpplig bewachsenen Steilhänge der Schlucht allmählich auseinander. Sie waren seit ungefähr einer halben Stunde unterwegs. Der Gardon verlief jetzt nur noch in Rinnsalen. Hier und dort waren allerdings von Kiesbänken abgeteilte Lagunen entstanden, die für ein paar Schwimmstöße gut waren. An den Hängen und auch zum Teil im Wasser wucherte üppiges Kraut.

Nach einer Biegung hielten sie auf ein Schild zu, das mitten im seichten Wasser aufgepfählt worden war. Bott blickte stirnrunzelnd zu Gudrun, die es lächelnd passierte. Sie hob dabei ihren Zeigefinger und erklärte Bott:

“Sie betreten jetzt ein Naturschutzgebiet. Glücklicherweise sind Sie in der Obhut einer Befugten, deren Anweisungen Sie strikt Folge zu leisten haben. Aber wir sind auch gleich da.“

Tatsächlich kam nach kaum 100 Metern hinter einer Felsnase ein kleines weißes Zelt in Sicht. Es stand zwischen Büschen an der Schluchtwand. Ein Kieselstrand von vielleicht 15 Meter Breite fiel zu Gudruns privater Lagune ab.

„Na endlich!“ ächzte Bott übertrieben, warf seine Reisetasche in hohem Bogen auf die Kiesel und blickte Gudrun unternehmungslustig an, während er die Arme in seine Seiten stemmte.

Sie freute sich und faßte seine Arme als Hafen auf.

Als die Küsserei zu heftig wurde, kippten sie notwendig um und küßten sich in dem seichten Wasser weiter. Dessen Kälte wirkte eher anstachelnd.


2

Die Handwerker lieben es, sich in ihren Pausen über ihre „Traumfrau“ oder den „Typ“ von Frau zu unterhalten, den einer bevorzuge. Bott hatte so etwas nie. Von daher ist es auch überflüssig Gudrun zu verklären. Sie war zufällig in seiner Reichweite aufgetaucht. Zufällig konnte sie ihre Stupsnase in die Kuhle hinter seinem Schlüsselbein bohren, wenn sie sich aneinander schmiegten. Von ihren kecken Brüsten sah sich Bott dabei sozusagen zum Glückspilz gestempelt. Den modernen Kuschelsofas, in denen man fast ertrank, zog er doch Konturen vor. Für den Winzer dagegen, bei dem Gudrun im Dorf ihr Motorrad unterstellen durfte, gab sie einen bemitleidenswerten Glockenstrick ab, den er am liebsten gemästet hätte, bis er einem Weinfaß gliche. Genau so sah auch die Winzerin aus.

Mit Gudruns Motorrad hatte es folgende Bewandtnis. Die BMW 500 wirkte noch ziemlich neu und war ungefähr so bunt wie ein Stieglitz lackiert, denn Gudrun liebte die Vögel. Zumindest von dieser Liebe sollte auch eine tiefe Spur in Bott zurückbleiben. Mit den Fahrzeugen dagegen erging es ihm später umgekehrt. Fiel ihm zuweilen ein, daß er einmal auf einer lärmenden Dreckschleuder aus dem Hause einer Stinkreichen namens Susanne Klatten durch das Land der französischen Impressionisten gebraust war, verwandelte ihn sein Schamgefühl vom Schwarz- zum Rotmilan. Denn zu allem Überfluß lenkte ja eine angehende Biologin die bunte BMW 500. Der erwähnte Winzer sah freilich jedesmal mit Bewunderung zu, wie Gudrun ihr stählernes Ungetüm vom Ständer und dann in Gang bekam, ohne unter ihm begraben zu werden. Sie unternahmen fast täglich einen Ausflug. Gudrun hatte unweit ihres Zeltplatzes einen Pfad am Steilhang entdeckt, der zur Landstraße führte, die oben verlief. So brauchten sie nur 10 Minuten bis ins Dorf, wo sie einkauften, in der Bar saßen oder eben das Motorrad aufzäumten.

Dieses Gefühl allerdings kostete Bott auch später noch gerne aus: sich an eine reizende Vordermännin zu klammern, die außer Sturzhelm und gepolstertem Lendengurt kaum etwas anhat. Hätte das Schicksal es nur gewollt, wären die beiden sicherlich schon nach wenigen Wochen zu einem vorbeifliegenden Wahrzeichen im Departement Gard geworden. Auf einem Trödelmarkt in dem Städtchen Alès hatte Bott nämlich eine gefütterte Fliegermütze aus braunem Leder ergattert, die er von da an in Ermangelung eines Sturzhelmes trug. Die Ohrenklappen ließ er stets im Fahrtwind flattern, weil er sich gern an dem Dröhnen der weiblich befehligten Maschine berauschte. Dieses Dröhnen rüttelte im Departement Gard so manche eingenickten Großmütter und Singvögel auf.

Gudrun war in Nordfriesland aufgewachsen, studierte jetzt aber in München Biologie. Daher ihre eigenmächtig erteilte „Befugnis“, in einem südfranzösischen Naturschutzgebiet zu zelten. Bott gönnte es ihr von Herzen. Ihre spezielle Neigung zu den Vögeln war schon fast Besessenheit. Für den Anblick eines weißköpfigen Fischadlers hätte sie wahrscheinlich sogar ihren Orgasmus unterbrochen. Zum Glück war der Gardon zu seicht für Fischadler. Der körnige Seewind hatte Gudrun zum zerfransten „Glockenstrick“ gemacht, doch in ihrem Wesen war sie fest und gradlinig. Auch ihre Stimme klang herb. Sie selber bezeichnete sich hin und wieder etwas zerknirscht als „Nordbiberin“, weil ihre oberen Schneidezähne ein wenig hervorstanden. Bott trank dann jedesmal umso lieber die Bitternis von ihren spröden Lippen weg.

Bei einem ihrer Ausflüge machten sie an der berühmten Pont du Gard Station, von der die Schlucht des Gardon keine 10 Kilometer flußabwärts durchschnitten wurde. Es handelt sich um einen gewaltigen dreistöckigen Aquädukt aus römischer Zeit, den vermutlich schon Goethe begaffte, bevor sich dieser von Tischbein malen ließ. Sie erfaßten den Wahnwitz der Stätte trotz ihrer gemeinsamen Motorradmeise. Am Straßenrand waren die Reisebusse aufgefädelt; auf dem altehrwürdigen Gemäuer aus gelblichem Tuffstein turnten touristische Affenherden; unten am Fluß, der hier ein Eckchen Sandstrand zu bieten hatte, lagen die Erholungsuchenden wie die Ölsardinen. Dann kehrten Gudrun und Bott an ihre Lagune zurück. Nichts war zu hören als zuweilen ein Rascheln im Gebüsch oder ein Glucksen zwischen den Wasserpflanzen. Sie sprachen unwillkürlich mit gedämpfter Stimme, wenn sie sich etwas erzählten.

Gudrun machte Bott mit manchen Seltenheiten bekannt. So trafen sie den Bienenfresser, der mit seiner plakativen Farbenpracht den Stieglitz und selbst Gudruns Stahlroß in den Schatten stellte. In der Naturschutzzone zeigte sie Bott den zartrosa blühenden, aber kratzbürstig wirkenden Sumpf-Sitter. Dort gab es auch Fischotter. Dafür hatte sich bis zu dem Zwischenfall mit dem Kofferradio – der sich nach knapp zwei Wochen ereignete – nicht ein zweibeiniges Wesen an ihren Zeltplatz verirrt. Bott nahm stark an, weder Erich Honecker noch der grüne Starlinke Joschka Fischer hätten in diesem Fall von paradiesischen Zuständen gesprochen, obwohl bei Marx oft vom Jagen und Fischen die Rede ist. Die Begierde dieser Männer war eher auf den „lärmenden Betrieb“ gerichtet, „den sie hinterher Geschichte nennen“, so Ernst Kreuder in einem Roman.

Während Bott mit Vergnügen in Gudruns Buch mit den Aphorismen S. J. Lecs las, beschäftigte sie sich oft mit seiner Mundharmonika. Bott hatte sich diese chromatische Mundharmonika für die Fälle zugelegt, in denen er seine innig geliebte Gitarre nicht mit sich führen konnte oder wollte. Ihren Namen verdankte sie nicht etwa ihrem Chrom. Sondern einem seitlich betätigten Schieber, durch den sich der Ton eines jeden Kanals um einen halben Tonschritt erhöhen läßt. Dadurch kann auf solchen Mundharmonikas in sämtlichen Tonarten gespielt werden. Freilich war weder die Bedienung des Schiebers noch das Anblasen der Kanäle kinderleicht, wie Gudrun rasch erkennen mußte. Übergab sie anfangs das Instrument ihrem Lehrer Bott, klopfte dieser jedesmal einen halben Liter ihres Speichels aus den Kanälen. Während die Zikaden in der Abenddämmerung die Schlucht in ein Umspannwerk zu verwandeln suchten, verblüffte ihn Gudrun einmal mit dem versonnen vorgetragenen Zitat: „Nemo me dacrumis decoret nec funera fletu / Faxit. Cur? Volito vivos per ora virum.“ Sie schrieb es Bott einschließlich der Übersetzung auf. Es handle sich angeblich um die selbstgefertigte Grabinschrift des römischen Dichters Ennius. Niemand soll mich mit Tränen ehren noch mit Weinen meine Bestattung begehen. Warum? Ich schwebe lebendig auf den Lippen der Männer.


3

Eines Morgens wurde Bott von einem ungewohnten und reichlich unangebrachten Geräusch veranlaßt, seinen Kopf aus Gudruns Achselhöhle zu heben. Ein Radio plärrte! Gudrun schlief noch. Bott knurrte und schlüpfte aus dem Zelt ohne zu bedenken, daß er nackt war. Dies war ihnen nämlich längst zur Gewohnheit geworden.

Das Geplärr kam von ihrem Ufer. Es stieg hinter der Felsnase auf, die sich linkerhand in die Lagune schob. Um die Stelle einsehen zu können, watete Bott ins Wasser. Es war natürlich kalt, aber was ihn erstarren ließ, war der Anblick, der sich ihm bot. Am Ufer hatte sich offenbar ein ganzer einheimischer Clan ausgebreitet, der auch mehrere Kinder umfaßte. Das Kofferradio stand über einer geduckten jungen Frau, die eben ihren Kamm aus dem Korb gezogen hatte, auf einem Felsvorsprung. Das Familienoberhaupt, ein dürrer weißhaariger Alter im Campingstuhl, setzte mit einem Ruck den Säugling von seinem Schoß in den Sand. Ein schnauzbärtiger Bursche in knallroter Badehose dehnte sein Handtuch wie einen Expander, während seine Blicke den entblößten Geschlechtsgenossen Bott bereits töteten. Der Alte sprang auf und tappte wutentbrannt ins Wasser. Während er fuchtelnd gegen den Radiolärm anwetterte, deutete er abwechselnd auf Bott und die ihm anempfohlenen unschuldigen Frauen, Kinder, Urenkel. Sechs oder sieben Schritte trennten Bott von dem Alten. Der bückte sich plötzlich nach einem dicken Stein, den er mit seiner Kralle kaum festhalten konnte. Er brachte ihn in Schwung als befände er sich bei einer Kegelpartie. Bott war unfähig sich zu rühren; vielleicht war auch Trotz dabei. So starrte er auf den wütenden Alten, der ihn mit seiner Armschleuder zu verscheuchen oder zu vernichten trachtete.

Dann krachte der Schuß. Er zerriß den Radiolärm, warf den Stein ins Wasser, ließ das gedehnte Handtuch in den Sand gleiten. Jetzt waren auch die Eindringlinge wie gelähmt. Ihre entgeisterten Blicke waren offensichtlich auf einen Punkt geheftet, der über Botts schwarzer Mähne auf der anderen Schluchtseite lag.

Bott wandte sich unwillkürlich so langsam um, wie er es beim heimlichen Westfernsehen John Wayne oder Clint Eastwood abgeguckt hatte. Er entdeckte das Gesicht des Schützen auf Anhieb, obwohl es von dunklem Bartgestrüpp und dichtem Buschwerk umgeben war. Der Gewehrlauf blitzte in der Sonne. Dann ging eine Hand zum Kopf und lüftete lässig eine olivgrüne Schirmmütze. Der Dicke mit dem Jeep! Schon ließ Botts Retter eine kurze gebellte Schimpfkanonade los, deren Übersetzung sich erübrigte. Bott warf einen Blick über seine Schulter. Die Badegäste rafften bereits zähneknirschend oder kleinlaut ihre Siebensachen zusammen. Sie nahmen sogar die leeren Coladosen mit. Dann verschwanden sie auf dem Bergpfad zur Landstraße. Nur ein paar Kleinteile des zerborstenen Kofferradios übersahen sie. Der Dicke hatte es immerhin auf 30, 40 Meter mit dem ersten Schuß getroffen, ohne dabei zum Beispiel den Scheitel der geduckten jungen Frau zu vertiefen. Bott wandte sich wieder um. Doch sein Blick suchte den Steilhang vergeblich nach seinem Retter ab. Er hatte sich ebenfalls verdrückt.


4

Kopf auf den umschlungenen Knien, saß Gudrun im Zelteingang. Sie wirkte etwas abwesend, obwohl sie Bott entgegenblickte. Vor ihr lag ihr Fernglas. Bott angelte sich Hose und Hemd, denn ihn fröstelte. Dann fuhr er Gudrun übers Haar und ließ sich neben ihr nieder.

Der Schuß hatte Gudrun aus den Federn geholt. Darauf hatten sie und der „Wildhüter“ sich gegenseitig im Feldstecher aufs Korn genommen. Er habe gegrinst und ihr mit der Mütze zugewunken, bevor er mit seiner Flinte im Gesträuch untergetaucht sei.

Bott nickte. „Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht. Auf der Fahrt erwähnte er, eine Station im parc nationale Soundso zu leiten. Jetzt wissen wir ungefähr, wo.“

Gudrun kicherte. „Ob er uns schon die ganze Zeit beobachtet hat?“

„Selbstverständlich“, nickte Bott heftig. „Sonst hätte er sich ja nicht davon überzeugen können, daß du fachfraulich sorgsam mit Vertretern vom Aussterben bedrohter Arten umzugehen verstehst ..!“

Prompt stach ihn Gudrun mit ihrem spitzen Ellenbogen. Bott grinste nur. Es machte ihm wenig aus, sollte er mit seiner Behauptung richtig liegen. Die Spitzel der Stasi hatten für seine Abhärtung gesorgt. Bei einer kurzzeitigen Festnahme hatten sie ihn sogar einmal gezwungen, eine „Geruchsprobe“ zu hinterlassen. Dazu mußte er sich eine Art Staubtuch unter die Achselhöhle klemmen, das sie dann, wie ihm später alte Hasen erklärten, in einem luftdicht verschlossenen Glas aufbewahrten. Das hatte lediglich zu einer Beeinträchtigung von Botts Hundeliebe geführt. Im Westen waren die Polizeiköter allerdings noch schlimmer, da auf Haschisch geeicht.

Gudrun war in Schweigen verfallen. Um sie aufzumuntern, schilderte ihr Bott die „Okkupanten“, die sich hinter der Felsnase breitgemacht hatten, sowie die Anbahnung seiner in letzter Sekunde durch den Wildhüter vereitelten „Steinigung“. Für diesen Ausdruck zeigte ihm Gudrun allerdings ein Vögelchen. Die Zertrümmerung des Kofferradios hatte sie sich schon zusammengereimt. Fragen stellte sie nicht. Bott hatte den Eindruck, in ihr arbeite irgendein Unbehagen. Er wartete ab.

Neben dem Augen- und Ohrenmerk für die Vögel sollte Bott Gudrun die nachhaltige Lektüre von Lecs Aphorismen verdanken, denn er bestellte sich das Buch, sobald er wieder in Erfurt eintraf. Erst dort stieß er dann auf einen Satz, der ihn – halb spöttisch, halb wehmütig lächelnd – an den Sandstreifen hinter der Felsnase denken ließ. „Wenn wir die Wüsten bevölkern, verschwinden die Oasen.“ Er konnte allerdings noch nicht wissen, daß er nach einigen Jahren Freier Marktwirtschaft versucht sein sollte, selbst der DDR als einer verschwundenen Oase nachzutrauern.

Gudrun benagte verdächtig hartnäckig ihre Unterlippe. Bott war schleierhaft, was wohl in ihr vorgehen möge. Nach einigen Minuten erfuhr er es. Da platzte sie nämlich heraus:

„Es war ein Warnschuß! Eine Mahnung!“

Bott runzelte die Stirn. „Wie meinst du das? An uns gerichtet?“

„Ja.“

Sie nickte und fuhr fast ein wenig belustigt fort: „Ich erwähnte ja eimal flüchtig, ich hätte mich erst in diesem Frühjahr von einem Mann getrennt, mit dem ich etliche Jahre zusammen war. Mein Gott, Bott! Welches Drama, bis wir uns voneinander losgeeist hatten! Erst Langweile, dann Haarspalterei ... Vielleicht erinnerst du dich auch noch an die Provencegrasmücke, die ich dir kürzlich gezeigt habe. Im Althochdeutschen hießen die Grasmücken noch Grasschmiegen. Vögel, die sich durch Gebüsch oder Riedgras schmiegen, nebenbei begabte Sänger, verkommen über Jahrhunderte hinweg, aufgrund eines sorglosen Sprachwandels in der bewegten Menschenwelt, zu Mücken. Bei menschlichen Liebespaaren findet diese Entwicklung binnen weniger Monate oder bestenfalls Jahre statt. Ich finde, lieber Bott, das sollten wir verhindern.“

Bott blickte sie derart verdutzt an, daß sie auflachte und ihm wieder einmal die Haarsträhnen aus dem Gesicht strich. Doch sie gab keine weiteren Erklärungen. Offenbar war sie auch nicht an einer Diskussion interessiert, denn sie sprang auf, um in den Büschen zu verschwinden. Wenig später lief sie zum Wasser.

Es erübrigte sich darauf zurück zu kommen. Bott sah rasch ein, sie hatte recht. Sie blieben noch eine Woche zusammen in der Schlucht des Gardon; dann warf sich Bott seine Reisetasche über die Schulter und nahm den Pfad zur Landstraße. Sie sahen sich nie wieder.




II

Als Bott die Sonne föhnte



Zwar war das Gerüst am Südgiebel der Villa nicht eigens für die Mission der Firma Euler errichtet worden, doch wie immer war Euler im Verzug. Der Hausherr drohte deshalb bereits mit dem Abbruch des Gerüstes, das ihn schließlich Miete kostete. Scheuten die Reichen keine Kosten, wären sie nicht reich. Der Hausherr war jedenfalls betucht genug, um einen Fachmann mit der Nachbildung eines ins schwarze Giebelgebälk geschnitzten Flammenrings zu betrauen, in dessen Zentrum ein Kopf seine Backen aufbläst – die „Sonne“ also. Botts Chef Euler hätte dieses Bildnis leicht als Spiegel dienen können, doch er hatte die Selbstkritik nicht erfunden. Der Raumausstattermeister hatte Bott vor rund anderthalb Jahren gnädigerweise eingestellt, obwohl dieser nur Polsterer, schon Mitte 40 und dazu Ostdeutscher war.

Vom Zweck der Übung am Südgiebel hatte Bott keine Ahnung. Die geschnitzte Sonne besaß ungefähr die Größe eines Fahrradreifens. Vielleicht war der Abguß als kleine Aufmerksamkeit zur Taufe eines Urenkels gedacht, der ihn später einmal über seinen Billardtisch oder seinen Bechstein-Flügel hängen würde. Der Hausherr, ein stattlicher Greis um 70, gehörte einer traditionsreichen Kasseler Unternehmerfamilie an, die ihre Fabriken längst an einen Konzern verkauft hatte. Es hieß, er fördere Kunst und Kultur. Er hatte sich auf den Landsitz seiner Sippe ins hübsche Warmetal zurückgezogen. Die Warme ist ein kleiner Fluß, der bei Liebenau in die Diemel mündet. Die Villa jedoch lag am Ortsrand von Zierenberg zwischen mächtigen alten Bäumen oberhalb des Flüßchens am Hang; hinter ihr stieg Wald an. Von Kassel aus hatte man rund 20 Kilometer zu fahren. Bott fand die Villa eher häßlich. Sie glich einer aus hellem Sandstein und Fachwerk erbauten und mit Schiefer gedeckten Burg. Über dem Portal, das die stilgerechten wuchtigen Säulen aufwies, war die Jahreszahl 1907 eingemeißelt. Der Hausherr konnte somit die Burg beim besten Willen nicht errichtet haben. Das heißt, selbst wenn er hätte, wären es die Maurer und Zimmerleute gewesen.

Die Sonne am Giebel war vermutlich Kunst am Bau. Neben der Selbstkritik hatte Euler leider auch das Filigrane nicht erfunden. Beim Polstern etwa verwechselte er den Haarzieher gern mit einer Brechstange. Von der Grauwatte riß er Büschel ab, als sei sie Heu. Sein Vater, ein Sattlermeister, hatte sich wahrscheinlich um eine Lehrstelle zum Hufschmied für seinen Sprößling bemüht, doch dann stellte die Herkules-Brauerei auf Lastwagen um. Auf Sattelschlepper. Botts Mitgeselle Roman vermutete, Euler verdanke so manchen kniffligen Auftrag nur den guten Beziehungen seiner Gattin, die aus besserem Hause stammte. Mittwochs ging sie regelmäßig Tennisspielen, freitags in die Thermen. Ihr Gatte war Chaot. Ständig vergaß oder verlegte Euler irgendetwas. Sein Schlüsselbund suchte er so oft wie sein Handy. Den flüssigen Kunstkautschuk für die Giebelmission hätte er mindestens eine Woche früher bestellen müssen. Als er endlich eintraf, jagte Euler mit Bott zur Villa hinaus. Roman hatte Glück, denn er brachte gerade mit dem Stift in Nieste eine Markise an.

Pechvogel Bott hätte diese Markise später nur zu gern gehabt. Zunächst brannte im Warmetal die wirkliche Junisonne. Immerhin war das Gerüst noch vorhanden. Bei diesem Abguß lag die größte Schwierigkeit ohne Zweifel darin, daß er an einer Wand, also in der Senkrechten bewerkstelligt werden mußte. Weiter war der Balkengrund recht bucklig und wurde zudem vom Kopf der Sonne überragt. So hatte Bott in der Werkstatt nach Eulers Maßangaben eine kreisrunde beschichtete Spanplatte geschnitten und am Rand mit einem etwa drei Zentimeter starken Ring aus Verbundschaum versehen, der zugleich den Abstand halten und für die Abdichtung sorgen sollte. Sie erklommen das Gerüst. Bei der Sonne eingetroffen, drehten sie ringsum Schrauben durch die Spanplatte und den Verbundschaumring bis tief ins Gebälk. Sie zogen gut, und der Dichtring schmiegte sich den Unebenheiten an. Damit war die Sonne gleichsam verschalt.

Bott hatte eine Füllöffnung im Dichtring ausgespart, die jetzt natürlich zuoberst saß. Euler rührte in Windeseile die ersten sechs Kilo der Abformmasse an, die sehr rasch aushärtet. Er hielt das Eimerchen an die Füllöffnung und kippte. Bott hatte er angewiesen, sich mit Lappen und Schwämmen zu bewaffnen, um nach undichten Stellen zu spähen. Es gab keine. Dafür zeigte sich allerdings bald, Euler hatte bei seiner Ortsbesichtigung die Enge unter dem unmittelbar über der Sonne spitz zulaufenden Dachvorsprung nicht berücksichtigt. Wahrscheinlich hatte er seine Ortsbesichtigung, mangels Gerüst, im Fluge vorgenommen. Jetzt wurde offenkundig, daß sich das Eimerchen zum restlosen Auskippen nicht hoch genug stellen ließ.

Euler fluchte und bewährte sich als Hektiker. Er setzte das Eimerchen auf die Bohlen, riß den Hammer aus ihrem Werkzeugkoffer und haute das Eimerchen platt – eigentlich keine schlechte Idee. Nur flog Euler dabei der Hammer weg, weil auch das Eimerchen jäh zu entspringen und Euler es zu retten trachtete – dies alles auf zwei schmalen Bohlen in rund 12 Meter Höhe. „Feuer!“ keuchte Euler. „Das Scheißzeug wird schon zäh!“ Er vollendete sein Werk, indem er an einer Längsseite des Eimerchens mit Hilfe der Rohrzange eine Art Tülle ausbog. Dann richtete er sich auf, setzte das Eimerchen wieder an die Füllöffnung an und kippte und goß und drückte. Vielleicht erwartete er von Bott Stoßgebete.

Bott stand hinter ihm, umklammerte die als Geländer dienende Querstange und schielte zu ihrem Hammer, der unten im Kies stak. Euler hatte selbstverständlich nur Gedanken für die Rettung des teuren Kunstkautschuks gehabt. Dagegen war Bott sofort der schlurfende Gärtner durch den Kopf geschossen, der sie in Vertretung des Hausherrn eingelassen hatte. Dieser hielt sich gerade im Dorf auf. Neben einer angeborenen Zimperlichkeit machten Bott Schwierigkeiten mit Höhenlagen zu schaffen; er war nicht ganz schwindelfrei. So hatte er gleichzeitig auf die Dinge, die Euler vom Gerüst stoßen könnte, und auf sich selber aufzupassen, der dem Gärtner immerhin mit rund 65 Kilo auf die Birne gefallen wäre. In der Probezeit hatte Bott Euler einmal seine Höhenängstlichkeit bekannt. Die milde Verachtung, mit der ihm Euler daraufhin den Part auf der zweiten Ausziehleiter erließ, um stattdessen den Stift an die Deckendekoration in der Kasseler Stadthalle zu scheuchen, bewog Bott, künftig nicht mehr auf Nachsicht zu pochen. Euler vergaß das Bekenntnis sowieso. Bott hielt nun dem Schwindel stand so gut es ging, wobei er sich einredete, durch Bewährung sei vielleicht Heilung möglich. Neuerdings versuchte er sich allerdings im Tagebuchschreiben, was leider zu manchen ernüchternden Diagnosen führte. So schrieb er zum Thema Schwindel:

Keine Frage, es geht hier um Angst ... Hat sie jedoch keinen Gegenstand – übrigens kein seltener Fall – dürfte sie nur schwer zu überwinden sein. Und die Angst zu fallen, die dem Nichtschwindelfreien zusetzt, hat keinen Gegenstand. Sie entspringt allein seiner Einbildungskraft. Susanne hatte im Erfurter Norden eine hübsche Wohnung, deren Balkon auf die Gera ging. Da er im 5. Stock hing, fand ich unsere Balkonfrühstücke wenig ersprießlich. Stets den Platz auf der Türschwelle inne, mußte ich alle naselang aufstehen, um irgendetwas aus der Küche zu holen. Wie sich versteht, redete mir Susanne gut zu. Sie rüttelte an den Eisenstäben ihres Balkongeländers und versicherte mir, sie hielten einem sowjetischen Panzer stand. Ich aber wußte genau: mag sie dir die Augen verbinden, dich mit Ankerketten an ihr Balkongeländer schmieden, dir zu allem Überfluß den Abwurf einer schwimmfähigen Tonne des VEB Plaste & Elaste versprechen – du littest trotzdem Höllenqualen. Die Einbildungskraft reklamiert den Sturz in die Gera, der gar nicht droht, als ihre eigene Heldentat. Wir sprechen somit zurecht von Schwindel.

Für diesen Tag wurde Bott unerwartet rasch erlöst. Zwar gelang es Euler, das platte Eimerchen mit der einzigartigen Tülle nahezu vollständig auszukippen, doch sein Gesicht wurde trotzdem immer länger. Er klopfte nämlich hin und wieder mit dem Fingerknöchel an die Spanplatte, um den Stand der Füllung zu ermessen. Sie belief sich auf rund ein Viertel des Hohlraums, nachdem das Eimerchen leer war. Damit lag das Endergebnis auf der Hand, denn sie besaßen nur noch ein weiteres Eimerchen.

Als auch dieses mit Tülle versehen und geleert war, die Spanplatte aber noch immer hohl klang, fluchte Euler wie ein Dachdecker. Er gab sich fassungslos. Es durfte ja nicht sein, daß er sich verschätzt oder verrechnet hatte. Gleichwohl war sein Tatendrang vorerst blockiert. So knurrte er „Komm, wir machen die Fliege!“, schnappte sich die beiden leeren Eimerchen und beeilte sich, seine wütenden Gesichtszüge auf der Leiter nach unten verschwinden zu lassen.

Bott verbarg seine Schadenfreude, indem er sich beflissen nach den verstreuten Schrauben und Werkzeugen bückte. Während er das Gerüst räumte, sprach Euler mit dem Gärtner, der in seinem wohltuend kühlen Geräteraum im Kellergeschoß der Villa gerade Brotzeit machte. Bott sah es, als er ihren Werkzeugkoffer durch die Hecktür von Eulers Pajero schob. Vermutlich tischte Euler dem guten Mann eine hahnebüchene Geschichte auf. Wenig später röhrten sie von dannen.

Während der Rückfahrt konnte Bott seinem mißmutigen Chef immerhin entwinden, der Kunstkautschuk komme aus Dänemark und habe 14 Tage Lieferzeit. Euler gedachte deshalb den Rest der Sonne wohl oder übel mit schnödem Gips auszugießen. Bott schwieg zu diesem Plan, hielt sich mit der rechten Hand an dem Haltegriff über der Beifahrertür fest und stellte Mutmaßungen darüber an, warum sie nun unverrichteter Dinge wieder nach Hause jagen mußten. Wahrscheinlich lag auch dies an Überhastung. Euler verstand ja durchaus mit Zahlen und Formeln umzugehen. Vielleicht hatte er r² mal 3,14 (pi) genommen, um die Kreisfläche zu erhalten, aber dann rief ihn seine Frau in den Laden, wodurch die Multiplikation mit der durchschnittlichen Tiefe des Hohlraums zwischen Sonne und Spanplatte leider unter den Schreibtisch gefallen war. Der Büroteppich war ohnehin stets von tausend Dingen übersät. Fiel man nicht über Schachteln mit angeliefertem Dekorationszubehör oder einen Stapel Musterkataloge, dann über den Staubsauger.

Eulers grandiose Firma schwankte auf den Pfeilern Chaos und Eile. Er saß dem verbreiteten Irrglauben auf, wenn einer sein Arbeitstempo verdoppele, bringe es ihm auch doppelt soviel ein. Nach Botts Beobachtungen war eher das Gegenteil der Fall. Eulers blindwütiges Gewinnstreben sorgte für derart viele Pannen, Verschwendungen, Un- und Ausfälle, daß er wahrscheinlich nur deshalb noch nicht bankrott gegangen war, weil er von der Mitgift seiner Gattin zehrte und rund um die Uhr wie jener Herkules mit der Keule malochte, der vom Habichtswald aus das Kasseler Becken beherrscht. Auf 70 bis 90 Wochenstunden kam Euler bestimmt. Das hieß dann, freiberuflich und selbstständig tätig zu sein. Die restlichen paar Stunden, die Euler wie ein Stein in seiner Hälfte des Ehebetts lag, waren der Reingewinn.

Normalerweise wäre die Mission „Sonne“ an diesem Mittag in höchstens anderthalb Stunden erledigt gewesen. Das Positiv von ihrem Abguß herzustellen, oblag einer Modellbaufirma. So aber hatte Euler den Hausherrn am Telefon zum wiederholten Male zu vertrösten – und am folgenden Tag schlugen sich er und Bott, vor allem freilich dieser, noch einmal drei Stunden um die Ohren. Dies hatte lediglich den Vorzug, Bott zuletzt um seinen Arbeitsplatz zu bringen.

Davon abgesehen, daß Gips leicht bricht, ist er schwierig aus der Form zu lösen. Nun hatte Euler Bott zwar eingeschärft, eine Flasche Spüli mit einzuladen, doch auf dem Gerüst entschied sich Euler anders. Es hätte ja bedeutet, die Spanplatte abzuschrauben, das Positiv – die Sonne also – mit dem Spülmittel „einzuölen“, die bereits gegossene Hälfte des Negativs wieder genau einzupassen und die Spanplatte wieder anzuschrauben. „Das dauert viel zu lange!“ knurrte Euler und winkte ungeduldig nach der Gipstüte. „Das Holz ist ja lackiert. Es wird auch so gehen.“

Euler rührte einen halben Gummieimer Gips an und bekam ihn mit Hilfe einer Rinne, die Bott ihm vor die Brust hielt, problemlos in den Hohlraum. Er zwängte dabei verbogene Drahtstücke mit durch die Füllöffnung, um so der Form mehr Halt zu verleihen. Doch plötzlich sah Bott den Gips am unteren Rand der Spanplatte wieder hervorquellen; er quoll mit Macht und stürzte geradezu die Hauswand hinab.

„Achtung!“ rief Bott, ließ die Rinne fahren und stemmte sich dafür wie ein Ochse gegen die Spanplatte, die sich zu allem Unglück auch noch durchbog. Offenbar war der Gips zu schwer.

„So ein Mist!“ fluchte Euler, als er den Ausfluß sah. „Schrauben her, Akkuschrauber!“

Er griff sich das Verlangte bereits selber, weil ihn Bott beim besten Willen nicht bedienen konnte. Nachdem er in rasender Geschwindigkeit mindestens 20 weitere Schrauben in den Rand der runden Spanplatte gejagt hatte, war der Ausfluß tatsächlich unterbunden. Doch wie sah die Hauswand aus! Als hätte ein riesiger Pleitegeier seinen Kot über der Fabrikantenvilla abgelassen.

Euler ließ sich nicht beirren. Er rührte schon wieder neuen Gips an. Erst müsse die Füllung beendet werden, dann könnten sie das bißchen Soße abwischen. So griff Bott erneut zur Rinne; Euler goß und fädelte Drähte ein. Nach einigen Minuten konnte Euler aufatmen. Der Hohlraum war offensichtlich voll, und die Spanplatte schien zu halten.

Jetzt machten sie sich gemeinsam an die Säuberung der Hauswand. Dummerweise begann der Gips bereits abzubinden und ließ sich – entgegen Eulers Wunsch – nicht mehr abwischen. Sie mußten nach Spachtel und Stecheisen greifen. Es war schon 14 Uhr. Euler konnte für die sengende Mittagssonne eigentlich nur dankbar sein, denn ihretwegen waren sämtliche Außenjalousien am Südgiebel geschlossen. So war dem Hausherrn, der sich in einem bequemen Ohrensessel von seinem Mittagsmahl erholen mochte, die schöne Bescherung, die sie von seinen prächtigen Balken, Sandsteinsimsen, Jalousienleisten schabten, vielleicht entgangen. Zum Glück tauchte auch der Gärtner nicht auf.

Nach etwa einer halben Stunde – sie waren fast am Haussockel angekommen – dudelte Eulers Handy. Seine Frau war am Apparat. Offenbar hatte Euler einen Montagetermin in Kassel verschwitzt. Es ging um Faltrollos. „Nun mach keinen Aufstand, Irene“, knurrte Euler scharf. „Die zwei Dinger habe ich in 10 Minuten drangehustet, ich fahre gleich los!“

Während Bott weiterschabte, schwang sich Euler von den untersten Bohlen auf den Kies und verschwand um die Hausecke. Ihm war beim Saubermachen eine Erleuchtung gekommen. Bott fragte sich unterdessen, ob ihn Euler wohl mitnehmen würde; so käme er womöglich zu einem belegten Brötchen. Ließ ihn Euler aber an der Villa zurück – womit wollte er Bott in der Zwischenzeit beschäftigen? Die Hauswand war so gut wie gereinigt. Allein für Hin- und Rückfahrt würde Euler eine Dreiviertelstunde benötigen. Bott ahnte nichts Gutes.

Euler war ein massiger Hüne. Als er nach einigen Augenblicken wieder am Gerüst erschien, strahlte er wie ein kleines Kind über neues Spielzeug. „Ausnahmsweise mal Glück gehabt!“ Er schwenkte eine Kabeltrommel und einen Föhn. „Der Föhn lag noch vom Linoleumverlegen her im Wagen. Paß auf!“

Er bückte sich nach einer Steckdose, die im Haussockel eingelassen war, schloß die Kabeltrommel an und richtete sich ächzend wieder auf. Dabei reckte er bereits gebieterisch einen Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger am Gerüst empor.

„Sobald du den Haussockel fertig hast, trollst du dich mit der Kabeltrommel und dem Föhn nach oben. Du nimmst die Spanplatte ab. Das wirst du ja allein schaffen. Du wirst sehen, der Abguß ist tadellos. Das Problem ist nur, wie wir ihn möglichst rasch vom Giebel lösen, ohne ihn zu beschädigen. Wir können es uns nicht leisten, ein drittes Mal in dieses Kaff zu fahren! Also: der Gips muß rasch abbinden. Je schneller er nämlich durchtrocknet, desto mehr Spannung bekommt er – und umso eher wird er unverletzt abzunehmen sein. Er wird uns geradezu in den Schoß fallen. Du nimmst also den Föhn und hälst ihn eisern drauf. Führe ihn immer schön im Kreis. In einer halben Stunde bin ich zurück, dann holen wir uns den Brocken! Alles klar?“

Bott hatte schon mehrmals geschluckt. Er wagte einzuwenden, die Mittagssonne knalle doch ohnehin auf das Ding.

„Das reicht nie! Wir müssen die Trocknung unterstützen.“

Bott stieß mit dem Stecheisen eine Gipsträne von der Hauswand und erwiderte achselzuckend: „Ja, wenn Sie meinen ...“

„Das meine ich allerdings“, sagte Euler mit drohendem Unterton und wandte sich zum Gehen. „Also, du weißt, was du zu tun hast.“

Euler war kaum älter als Bott. Aber er duzte Bott nicht anders, wie er Michael duzte, seinen 16jährigen Stift. Bott warf sich zuweilen vor, stets höflich Sie zu Euler zu sagen – doch was blieb ihm anderes übrig? Euler war der Meister. Euler war der Chef. Euler war der bessere Mensch.

Während Bott vom Kies aus die letzten Gipsspuren am Haussockel beseitigte, hörte er, wie sich Euler in seinem breitmäuligen „Turbo“-Pajero von der Villa entfernte. Er war schon einiges gewöhnt, doch nun schüttelte er ungläubig den Kopf. Einerlei, ob ihm Euler mit seiner „Spannung“ einen Bären aufgebunden hatte oder nicht: er besaß die Stirn, Bott für mindestens eine Stunde, in welcher er seine Faltrollos „dranzuhusten“ gedachte, zur Erzeugung von Heißluft zu verdonnern – dies in prallster Nachmittagssonne! Wahrlich eine ausgefallene Beschäftigungstherapie ...

Bott folgte Eulers Anweisungen. Nachdem er die Spanplatte entfernt hatte, konnte er die untere Hälfte ihres Abgußes spielend abziehen, was für Euler und für den dänischen Kunstkautschukhersteller sprach. Dagegen schien die obere Hälfte aus sichtlich noch feuchtem Gips mit dem Balkengrund verwachsen.

Bott warf den Föhn an und begann mit der Bestrahlung des Gipses. Schon nach wenigen Minuten ahnte er, diese von Doktor Euler verordnete Roßkur würde ihn garantiert umbringen. Auf dem Gerüst herrschten ungefähr 50 Grad. An Armen und Beinen kitzelte ihn bereits der Sonnenbrand; es gab ja nicht einen Fingerhut Schatten. Er hatte seit acht Stunden nichts gegessen. Der Sonnenstich, der seine Schirmmütze bereits in Rauch aufgehen ließ, würde ihn kampflos treffen. So würde er benommen den Föhn fallen und die Querstange fahren lassen, um selber wie ein Sack voll Gips vom Gerüst zu kippen. Aber nicht mit ihm! Bott stellte entschlossen den Föhn aus und kletterte nach unten.

Am Fuß des Südgiebels lag ein mit Kies bestreutes Rondell. Etliche nackte Frauen aus Stein deuteten eine Brüstung an. Wie sich zudem herausstellte, war das Rondell gleichsam unterkellert. Bott fand einen nach zwei Seiten hin offenen Souterrain vor, in dessen dämmriger Kühle es sich aushalten ließ. Offenbar war es der Unterstand für die Gartenmöbel der Villa, die allerdings reichlich mit Spinnweben überzogen waren. Bott entstaubte einen Liegestuhl, machte es sich darin bequem und blinzelte in die prächtigen Buchen und Eschen, die den Hang beschatteten.

Weiter unten standen sogar zwei kerzengerade gewachsene Mammutbäume, wie Bott sie vom Schloßpark in Kassel-Wilhelmshöhe her kannte. Diese merkwürdigen Bäume tragen weder Stoßzähne noch schnöde Blätter. Sie weisen vielmehr ein erstaunlich zartes Gefieder auf. Mit Euler konnten sie also nicht verwandt sein. Bott bedachte ihn jäh mit den unflätigsten Schimpfworten. Sogar ein Rotkehlchen, das ihm gerade etwas vorgesungen hatte, stob bei dieser Schimpfkanonade davon.

Trotzdem focht ihn bald sein schlechtes Gewissen an. Bott hatte zwei Wahlsprüche, die er stets zu beherzigen suchte. Das hatte ihm sogar im realen prahlerischen Sozialismus manche Hochachtung eingebracht. Erstens: Verspreche stets weniger als du tatsächlich halten kannst. Und zweitens: Erfülle ein Vertrauen, das jemand in dich setzt, auch dann, wenn dieser Jemand ein Arschloch oder ein Windbeutel ist. Euler lag wohl ungefähr in der Mitte. Von daher drängte sich ein Kompromiß auf. Bott entschloß sich deshalb, im Fünf-Minuten-Rythmus abwechselnd zu föhnen und zu pausieren.

So kam es, daß sich Bott für rund eine Stunde auch noch als Bergsteiger zu üben hatte: alle fünf Minuten rauf und alle fünf Minuten runter. Dabei war ihm beim ersten Aufstieg noch rechtzeitig eingefallen, vorsichtshalber ein klappbares dickes Stuhlpolster mitzunehmen, um es unmittelbar unter dem Abguß auf den Bohlen auszubreiten. Wäre das mit Föhn verwöhnte Objekt in Botts Abwesenheit auf den Bohlen zerschellt, hätte ihn Euler womöglich erwürgt. Jetzt fiel nahezu jeder Groll von Bott ab, sobald er zur sehnlichst erwarteten Pause in seinem kühlen Gelaß eintraf. Während ihn Kleiber und Baumläufer mit kleinen Kunststücken unterhielten, griff er hin und wieder nach seiner Flasche mit Mineralwasser, das allerdings lauwarm war.

In dieses Rondell wäre Bott sofort eingezogen. Der Hausherr konnte ihn beispielsweise gegen Kost & Logis mit der Wartung und dem Transport seiner Gartenmöbel betrauen. Es war ja anzunehmen, der schöne Bergpark habe schon so manche erlesene Abendgesellschaft gesehen. Bott malte sich eine davon aus. Der Hausherr im weißen Smoking, den Zeigefinger leicht angehoben, bittet um Gehör. Für diesen Abend kann er mit verhaltenem Stolz das Kasseler Louis-Spohr-Quartett präsentieren. Bott hat die über 50 Korbsessel auf dem Kies verteilt und sich wieder in seinen Unterstand verzogen. Betört lauscht er den gedämpften Streicherklängen. Seinem gebildeten Hausdiener Bott zuliebe war der Hausherr so nett, das Spohr-Quartett um den Verzicht auf Vivaldi oder Mozart zu bitten. So bringt es das Streichquartett in g-Moll von Claude Debussy zu Gehör.

Die Dämmerung bricht herein. Der Schwarzspecht überquert einer Zwerggans nicht unähnlich das Warmetal, um seinen im Park gelegenen Schlafplatz aufzusuchen. Sein durchdringender, fast dämonisch klingender Flugruf „Krüh krüh krüh!“ mischt sich dabei durchaus passend in die schrägen Akkorde Debussys. Dann machen die MusikerInnen Pause. Vielleicht obläge es Bott jetzt auch, dem Butler beim Darreichen der eisgekühlten Getränke zur Hand zu gehen, doch er sieht sich im Moment daran gehindert. Mit huschendem Schritt ist nämlich die überraschend junge Cellistin in seine verwunschene Laube getreten. Sie hatte bewundernd beobachtet, wie er mit Türmen aus fünf bis sieben Korbsesseln um die steinernen Damen auf dem Rondell balancierte. Jetzt schreckt Bott allerdings zusammen, weil ein wohlvertrauter Auspuff durchs Tal röhrt. Euler, dieser Spielverderber!

Bott schwang sich aus seinem Liegestuhl und sprintete zum Gerüst. Als Euler die oberste Leiter erklomm, war Botts Zorn von dem grandiosen Föhn schon wieder gefährlich angefacht worden. Am liebsten hätte er das Ding geradewegs in Eulers keuchende Visage geschmissen, die jetzt über den Bohlen auftauchte. Doch ein Euler war nicht kleinzukriegen: er schwenkte triumphierend einen Gummihammer. „Jetzt hat das Miststück verloren – paß auf!“

Tatsächlich gelang es ihnen, den Gipsabguß von der Schnitzerei zu lösen, wobei er lediglich in drei verschieden große Teile zersprang. Als sie die Innenseiten der Stücke musterten, zeigte sich zudem, daß die feingliedrigen Flammenzungen der Sonne überwiegend abgeplatzt waren. Euler preßte die Kinnladen aufeinander, wiegelte aber sogleich wieder ab: „Keine Bange – das bessern wir schon nach.“ Prompt biß auch Bott die Zähne. Euler pflegte getreulich jede Phrase nachzuplappern, die in Deutschland gerade gängige Münze war: Nachbesserung, kein Thema, Schuldzuweisung, kein Handlungsbedarf, Schadensbegrenzung, alles klar? Die Durchhalteparolen der SED waren nicht schlimmer gewesen.

Sie säuberten das Holz, verschmierten die Schraubenlöcher und strichen hier und dort mit schwarzer Farbe nach. Die „Sonne“ blies wieder mit ungehemmter Kraft – Bott die Grillen aus dem Schädel. Er schaffte das Werkzeug vom Gerüst. Schließlich trug er gemeinsam mit Euler auch die drei auf die Spanplatte gebahrten Gipsbrocken wie rohe Eier nach unten, um sie im Laderaum des Pajeros auf die Kisten und Koffer zu schieben. Dann zwängte sich Euler hinters Steuer und gab Gas. Vermutlich war er schon wieder bei zwei anderen Kunden überfällig.

Wie manche HundehalterInnen erstaunliche Ähnlichkeit mit ihrer Bulldogge oder ihrem Rottweiler aufweisen, so verhielt es sich auch mit Euler und seinem hochbeinigen schweren Geländewagen. Und natürlich fuhr er auch nicht zimperlich. Kaum waren sie bei Burghasungen auf die Autobahn Dortmund–Kassel gebogen, drehte Euler auf 150 und gab sich alle Mühe, sämtlichen Vorderleuten, ob sie kleine oder große Autos fuhren, mit seiner fetten Pajero-Schnauze die Kofferraumdeckel einzudrücken.

Bott kannte das bereits; nur wurde es dadurch nicht erträglicher. Von Roman wußte er, Euler hatte wegen Unfällen schon einen Krankenhausaufenthalt und einen dreimonatigen Führerscheinentzug hinter sich. Es hatte aber offenbar nichts gefruchtet. Eulers Krankheit „Selbstüberschätzung“ war unheilbar. Bekanntlich nisten sich bei dieser Krankheit, die vor allem Männer befällt, anstelle der nur mager vorhandenen Vorstellungskraft Illusionen ein. An einem Objekt zu scheitern konnte sich Euler so wenig ausmalen wie etwa die Phänomene „im Rollstuhl sitzen“ oder „unter der Erde liegen“.

Verständlicherweise war Botts größte Sorge nicht Eulers Lebenserwartung. Vielmehr litt er an der eigenen Lohnabhängigkeit. Sie zwang ihn, angeschnallt neben diesem Hohlkopf zu sitzen, in dessen Pranken sein bißchen Leben lag. Anfänglich hatte er Euler drei- oder viermal gebeten, beim Autofahren etwas mehr Abstand zu halten. Auch dies hatte Euler nur mit einem aus Mitleid und Verachtung gemischten Lächeln quittiert. Gegen Euler waren die sozialistischen Helden der Arbeit Schlafmützen gewesen.

Jetzt wunderte sich Bott, wie er Eulers Zumutungen so lange hatte ertragen können. Und er dachte erbost: Erst macht er dich in der Sonnen-Posse zum Hanswurst, dann fährt er dich zu Brei! Bott spürte, wie sich über seiner Angst der Haß erhob, und er versuchte es keineswegs zu unterbinden. So entfuhr seinem Rachen plötzlich ein Bellen:

„Fahr nicht so dicht auf, du Idiot!“

Eulers Brauen schnellten hoch. Dann faßte er seinen Gesellen scharf ins Auge und knurrte: „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Was ist denn das für ein Ton!“

Damit platzte Bott endgültig der Kragen. Er bückte sich jäh zur Seite, packte Eulers rechtes Schienbein und riß ihm so den Fuß vom Gaspedal. Euler fluchte entsetzlich, bemühte sich, den schlingernden Pajero in der Spur zu halten, gab aber nicht mehr Gas. Der Wagen rollte auf dem Seitenstreifen aus.

Bott hatte sich wieder zurückgelehnt und blickte, wenn auch mit fliegendem Atem, starr geradeaus. Sie sprachen beide nicht. Als der Pajero zum Stillstand gekommen war, stieg Bott aus, warf mit Macht die Tür hinter sich zu und sprang in langen Sätzen die steile Böschung hinab.

Die Böschung war mit dornigen Hundsrosenbüschen gespickt. Ein Pechvogel wäre gestrauchelt und in ihnen gelandet. Bott kam durch. Euler verfolgte ihn nicht. Zuletzt hatte einmal Bott die Überraschung auf seiner Seite gehabt.

Wie Bott erkannte, befand er sich in Höhe des Dorfes Hoof. Es gab dort eine Unterführung für Forstfahrzeuge, sodaß er auf die Nordseite der Autobahn gelangen und quer durch den Habichtswald und dann über die Dönche nach Hause wandern konnte. Bott bewohnte damals eine Dachstube im Hause seines Schwagers in Kassel-Niederzwehren. Seine Wanderung ging über rund acht Kilometer – Zeit genug für den Entschluß, seinen Beruf als Polsterer und als Handwerker überhaupt an den Nagel zu hängen. Es hätte ihn ja ohnehin keiner mehr eingestellt.




III

Schnee von gestern



In der steilen Schloßgasse verwünschte Bott die BürgerInnen, als sei er in der Tat der zürnende „Herr des Morgengrauens“, der zu Astrids merkwürdigen Kosenamen zählte. Während die BürgerInnen nämlich behäbig in ihren Betten schnarchten, hatte sich Bott durch ihre noch nicht vom Schnee befreiten Gehwege zu kämpfen. Dabei lag er schon über der Zeit. Auf der Straße, wo erst zwei oder drei Wagenspuren zu sehen waren, herrschten kaum bessere Verhältnisse. Immer wieder stand ihm ein geparktes schneebedecktes Auto im Weg. In seiner Vorstellung verwandelten sich diese weißen Blechhaufen in eine Lawine, die den Obermarkt mit Autowracks überschwemmen und das ganze Städtchen heillos verstopfen würde. Jeder gäbe ein Königreich für einen Bernhardinerhund.

Beim alten Scheuermann war zwar ebenfalls nicht gefegt, doch konnte er als entschuldigt gelten. Bott zog seine Zeitungskarre ohne Halt an Scheuermanns Gartentor vorbei. Erst nach einigen Schritten stutzte er, hielt inne und blickte über den morschen Staketenzaun zurück. Auf dem verschneiten Weg zu Scheuermanns Haustür waren Fußstapfen zu sehen. Sie mußten frisch sein, denn noch am Abend hatte es geschneit. Da in der Nähe eine Straßenlaterne brannte, waren sie gut zu erkennen.

Die Sache gab Bott zu denken, weil Scheuermann seit gestern als „Reise“ gemeldet war. Solche Veränderungen teilte ihm das Homberger Pressehaus auf dem Packzettel mit. Scheuermanns Röhre am Gartentor hatte also einstweilen leer zu bleiben. Vielleicht war der hagere Greis zu seiner Schwester nach Köln gefahren, was er hin und wieder zu tun pflegte. Zülch hatte diese Schwester einmal erwähnt. Sonst wußte Zülch so gut wie halb Gudensberg, daß der alte Scheuermann seit dem Verlust seiner geliebten Pferde wie der Dachs in seiner Höhle hauste. Er ließ sich auf niemand mehr ein. Bott hatte ihm einmal angeboten, die Briketts in seinen Keller zu schippen, doch selbst das hatte Scheuermann abgewehrt. Gewiß mochte sich gelegentlich ein Versicherungsagent oder ein Zeuge Jehovas an die Tür von Scheuermanns winzigem baufälligem Häuschen verirren. Aber die Fußstapfen wiesen nur in eine Richtung – nur zur Haustür, nicht zum Gartentor zurück. Bott traute selbst einer harten Nuß wie Scheuermann nicht zu, einen Werber für vollautomatische Entsafter oder für die Mitgliedschaft im ADAC im Keller einzusperren.

Bott schüttelte unwirsch den Kopf, wodurch er sich auch wieder in Bewegung setzte. Was sollte schon sein? Bei Scheuermann war bestimmt nichts zu holen. Außerdem mußte Bott sich sputen. Die letzte Zeitung hatte spätestens um 6 Uhr 30 im Kasten zu stecken, so stand es in seinem Vertrag. Häuften sich die Beschwerden der Abonnenten, wurde man von der Vertriebsleitung schriftlich „abgemahnt“. Mit der dritten Abmahnung durfte man seinen Hut nehmen.

Vom Obermarkt her gerechnet, lag Scheuermanns Häuschen auf der rechten, talwärts gewandten Seite fast am Ende der Schloßgasse. Dort hörten die Häuser auf. Ein runder spitzbedachter Sandsteinturm, der früher als Gefängnis gedient hatte, markierte gleichzeitig den Aufstieg zur Burgruine und Botts Wendestelle. Allerdings war es ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden, den Gefangenenturm jeden Morgen auch seinerseits zu markieren, bevor er die Schloßgasse auf der Bergseite wieder zurückging. Er schlug sein Wasser an ihm ab. Hatte es geschneit, büßte das Bollwerk dadurch ohne Zweifel an Autorität ein. Die Leute würden sich aber sagen, es war ein Hund. Nicht der Herr des Morgengrauens, sondern ein Knecht des Pressehauses.

Bott zog seine Handschuhe wieder an und machte sich auf den Rückweg. Von jenseits des Obermarktes her, wo er wohnte, winkten ihm eine warme Dusche und heißer Tee. Seine Tour umfaßte ungefähr 200 Abonnenten. Um sie zu bedienen, brauchte er in der Regel keine anderthalb Stunden. Da er vom Nachtzuschlag profitierte und zudem die Sonntagsausgabe austrug, kam er im Monat auf rund 450 Euro netto. Davon konnte Bott leben. Allerdings mußte man dazu schon anspruchslos sein und außerdem bei Zülchs Schwiegereltern für ein Spottgeld wohnen. Er zahlte nur 50 Euro Miete.

Auch seinen Posten als Zeitungszusteller verdankte er Zülch. Ottmar Zülch war von Hause aus Architekt. Einmal hatte er in Kassel die Leitung eines Baus inne, wo auch Bott zu tun hatte, nämlich als Geselle des Raumausstattermeisters Euler, mit dem er sich bald darauf recht handfest überwarf. Auf dieser Baustelle hatten sich Bott und Zülch kennen und schätzen gelernt. Während sich Bott nach dem Zusammenstoß mit Euler nach einer Alternative umsah, hängte auch Zülch seinen Beruf an den Nagel. Er hatte inzwischen den Gudensberger Bahnhof gekauft, um darin einen Snookersalon einzurichten. Leider konnte der Salon nur Zülch und seine Frau Gisela ernähren, sonst hätte Zülch seinen Busenfreund Bott nur zu gern beteiligt. Aber dann ergab sich die Sache mit der Austrägerei. Zülchs Tante Helene gab ihren Posten auf, da sie seit längerem kränkelte. Bott übernahm die Tour und kroch bei Zülchs Schwiegereltern unter. So war Bott vor einigen Jahren nach Gudensberg gekommen. Frau Rinninsland betonte immer gern, von ihrem Städtchen aus sei es „nur einen Katzensprung“ bis nach Kassel, nämlich kaum 15 Kilometer, aber Bott sprang so gut wie nie. Er vermißte keinen Großstadttrubel.

Bott überquerte den Obermarkt. Hier und dort waren schon Fenster erleuchtet. Der Bäcker schabte Schnee von den Scheiben seines Lieferwagens; sein Gruß war munterer als der von Bott. Talwärts begrenzte das stattliche Fachwerkgebäude mit der Apotheke im Erdgeschoß den Platz. Astrid hätte diese Apotheke um ein Haar gekauft; sie war bis vor wenigen Monaten darin beschäftigt gewesen. Zum Berg hin wurde der Obermarkt von der Stadtkirche abgeschlossen. Gleich hinter ihr stieg der Schloßwald an. In Ermangelung eines Schlosses jedoch wurde die Stadtkirche angestrahlt. Bott fand sie eigentlich nicht störend; dem bräunlichen Licht gelang es allerdings, sie Abend für Abend zum Schandfleck des Obermarktes zu machen.

In der Gasse In den Schirnen hatte Bott seine letzten Zeitungen auszutragen. Dort wohnte er auch. Er hatte die Reihenfolge von Tante Helenes Tour von deren Wohnung in der Hundgasse auf das Haus der Rinninslands zugeschnitten. Die Gasse In den Schirnen verlängerte die Schloßgasse auf der Ostseite des Obermarktes. Auch sie verlief noch abschüssig. Die Häuser, die ihr zumeist den Giebel zeigten, standen dicht gedrängt. Ihren Namen hatte sie von zwei fensterlosen Räumen mit Tonnengewölben, die unter der Plattform des Kirchhofs lagen. Zwei Türen führten auf den Markt. In diesen „Schirnen“ hatte die Fleischergilde dereinst ihre Ware kühl gehalten. So kamen die MarktgängerInnen stets zu einem frischen Braten – falls sie genügend Dukaten besaßen. Zülch hatte eine andere Nutzung der verriegelbaren Schirnen vorgeschlagen. Sie seien der ideale Aufenthaltsort für jene Architekten und PolitikerInnen, die für den Kahlschlag unweit des Gudensberger Untermarktes verantwortlich waren. „Dunkelhaft!“ hatte Zülch erbost genickt. „Bei trocken Brot und Wasser – mindestens ein Jahr.“

Zülch bezog sich auf ein Viertel, das vor dem Kahlschlag überwiegend von einem großen Gutshof eingenommen worden war. Er selber hatte sich in seiner Kindheit auf den dortigen Heuböden noch den beliebten Doktorspielen hingegeben. Oder er hatte Scheuermann angebettelt. Das Gut hielt etliche dickbäuchige Kaltblüter, die in ihrer Gutmütigkeit noch nicht einmal ein Küken zertraten, sofern sie es nur rechtzeitig sahen. Auch Scheuermann war verhältnismäßig leicht zu erweichen. Er beugte sich dann aus dem Sattel oder vom Kutschbock, um Zülch oder sonst einen Knirps zu sich emporzuheben – wahre Höhepunkte in Zülchs Kindheit. Neben dem hünenhaften Kutscher thronend, durften sie die Welt zu Pferd erobern, jedenfalls bis zum Hoftor. Scheuermann war der Pferdeknecht des Guts gewesen. Um 1970 warfen die Gutsbesitzer das Handtuch und verkauften. Das Viertel wurde sofort plattgemacht. Dann entwuchs dem Kahlschlag die übliche waschbetonierte Einkaufs- und Behördenburg. Für Zülch und Bott nahm sich diese steingewordene Gräßlichkeit in Gudensbergs Altstadt ungefähr wie ein Haufen Pferdeäpfel auf einem Billardtisch aus.

Bott verstaute seine Zeitungskarre unter der Vortreppe und klopfte seine Schuhe an der ersten Stufe ab. Vor der Haustür angekommen, zog er die Schuhe aus, um den kleinen Vorraum auf Strümpfen zu betreten. Dann ließ er sein Freiexemplar der Schwalm Eder Post – kurz die Sepo genannt – auf die Fußmatte vor Rinninslands Wohnungstür segeln und stieg die schmale Holztreppe zum Dachgeschoß hinauf.

Zur Gasse hin lag der Gerümpelboden. Bott dagegen bewohnte den hinteren Giebel, der auf den alten Judenfriedhof blickte. Sein Balkon zwischen den vorspringenden Dachschrägen schwebte schon fast über der Friedhofsmauer. Da der Judenfriedhof in Höhe des Hauses Rinninsland in einem Zipfel auslief, erhob sich der bewaldete Schloßberg annähernd vor Botts Nase. Dadurch genoß er im Sommer den Vorteil, den schon die Fleischergilde zu schätzen gewußt hatte: der Schloßberg schirmte ihn vor der sengenden Mittagssonne ab. Jetzt trug die Balkonbrüstung allerdings eine Schneehaube. Während Bott frühstückte, wurde es allmählich hell. Durch den Spalt des gekippten Fensters konnte er hin und wieder das knappe Trällern einer Kohlmeise oder das hohe feine Wispern der Goldhähnchen hören, die in den verschneiten Fichten des Judenfriedhofs herumturnten. Bott liebte diese stille Abgeschiedenheit.

Seine Stehlampe brannte noch, weil er beim Frühstück stets las. Kürzlich hatte er wieder einmal nach Arthur Koestlers Erinnerungen Als Zeuge der Zeit gegriffen, die Bott hervorragend geschrieben fand. Neben allen Kniffen des fesselnden Erzählens und einem selten trockenen Witz verfügte Koestler doch über Aufrichtigkeit und Selbstkritik. Seine Schilderungen aus dem spanischen Gefängnis (wo er als Gegner Francos in einer Todeszelle saß) oder aus dem französischen Internierungslager (Vorgeschmack auf das drohende KZ) waren geradezu bestürzende Reißer. Freilich bestach ihn das Buch genauso durch die vielen Lehren, die es ihm erteilte. So las Bott an diesem Morgen mit Verblüffung von der Weltwirtschaftskrise um 1930. Die durch sie ausgelöste Vernichtung von Lebensmitteln in Amerika, als Millionen Arbeitslose in Hunger und Elend lebten, hätten Koestlers Empörung zu einer bis dahin nie erreichten Weißglut gebracht. In Europa sei das Massenelend kaum geringer gewesen. „Und da meldeten die Zeitungen lakonisch, daß Millionen von Tonnen Kaffee ins Meer versenkt, daß Weizen und Schweine verbrannt, Orangen mit Petroleum begossen wurden, um die Marktsituation zu erleichtern.“

Es war noch keine zwei Monate her, da hatte sich Bott ein großes Foto aus einem Wochenblatt geschnitten. Es zeigte eine Autobahnbrücke bei Morlaix im Oktober 1999, die von französischen Bauern gleichsam mit Blumenkohlköpfen überschwemmt worden war. In Gummistiefeln stapften zwei Bauern auf den Fotografen zu – grinsend, weil von den 70 Jährchen, die hinter ihnen lagen, ungerührt. Bott fand es schon erstaunlich, daß sich ein derart groteskes und grausames Wirtschaftssystem wie der Kapitalismus schon so lange halten konnte. Offenbar kam es einer Verfehltheit entgegen, die tief im menschlichen Gemüt saß. Kriegslust, Verschwendungssucht, aber auch wieder ein heftiger Entbehrungsdrang zählten sicherlich dazu.

Bott legte Koestlers Buch beiseite, schenkte sich die letzte Tasse Tee ein und überschlug, was er sich für diesen Tag vorgenommen hatte oder noch vornehmen könnte. Hatte er im Zugball die Tische gebügelt und ein wenig trainiert, konnte er vielleicht zu Astrid hinausfahren. Vermutlich waren die Landstraßen bis dahin geräumt, sodaß er das Fahrrad nehmen konnte. Vorgestern hatte ihm Astrid erzählt, neuerdings sei der Eisvogel an der Ems aufgetaucht. Bott hatte den popfarbigen Fischjäger lange nicht mehr gesehen. Mittags konnte er dann ein warmes Essen in der Kommune genießen; sie kochten dort jeden Tag. Vielleicht war die Frau Apothekerin auch für eine vierbeinige Kneippkur in der Badewanne zu haben ...

Bott griff zum Telefon. Herbert nahm ab. Astrid sei mit dem Trecker und einer Fuhre Feldsteine nach Kirchberg gefahren. Sie müsse aber bald zurückkehren. So bat Bott ihn auszurichten, Astrid möge ihn im Zugball anrufen. Dann räumte er den Tisch ab, zog eins tiefer seine Stiefel wieder an und verließ das Haus. Der ehemalige Gudensberger Bahnhof lag etwas außerhalb der Altstadt in der Senke. Bott hatte höchstens 10 Minuten zu gehen.

Er schritt geradezu beschwingt aus, obwohl er in der Frühe noch geflucht hatte. Selbstverständlich war der lange vermißte Schnee eine Wohltat. Wieviele Übel wurden doch von solchem Schnee verhüllt, gedämpft oder abgemildert! Die Autos können nur noch kriechen. Das Grinsen der PolitikerInnen auf den Wahlplakaten gefriert. Schneebedeckte Hausdächer spiegeln harmonische Ehen vor. Mülldeponien nehmen den Charme der Alpen an. Wie schön mußte es jetzt an der Ems sein, wo der Schnee ebenfalls allen Unrat verbarg und das Eis die Mär vom Brückenschlag zwischen West- und Ostdeutschland bekräftigte, bevor man einbrach. Während die fuchsroten Ruten der Kopfweiden in der Sonne leuchten, stolziert eine Krähe über die verschneiten Ackerschollen. Astrids kastanienbrauner Schopf erglänzt, weil sie sich bückt, um ihren Geliebten mit einem Schneeball zu empfangen. Sie war rund 20 Jahre jünger als Bott.

Im letzten Abschnitt war die Bahnhofsstraße eine kurze Sackgasse, die sich vor dem zweigeschossigen Bahnhofsgebäude zu einem kleinen Platz ausbuchtete. Hier konnten die Pferdefuhrwerke, ein Opel P 4 und später vielleicht noch ein Borgward Arabella wenden. Die kleine Stichstrecke war um 1960 kaltgestellt worden. In Grifte hatte man Anschluß nach Kassel oder Wabern gehabt. Zülch war als Dreikäsehoch von diesem Bahnhof aus regelmäßig zum Geburtstag seiner Tante Guste nach Wabern gefahren, wo er sich vom Dreikäsehoch in einen Neger zu verwandeln pflegte, weil es bei Guste-Geburtstagen unbedingt „Kalten Hund“ gab. Das war ein Kastenkuchen, der nur aus geschichteten, mit viel Schokolade vermörtelten Leibniz-Keksen bestand. Jetzt gehörte dieser Bahnhof Zülch. Statt Gudensberg hieß er nun Zugball, wie der Leuchtschrift über der Eingangstür zu entnehmen war. Hier unternahm man keine abenteuerlichen Ausflüge mehr in die riesige Stadt Wabern, die sogar über eine Zuckerfabrik verfügte. Der längste Weg belief sich hier auf vier Meter, das war die Diagonale eines Snookertischs.

Bott schloß die Tür auf, vertauschte seine Stiefel mit Turnschuhen, ging zur Bar und schaltete die Beleuchtung der vier Tische, dann das Bügeleisen ein. Die vier langgestreckten Lampenschirme über den Tischen erinnerten ein wenig an Sargdeckel. Sonst aber wurde der einfallsreiche und geschmackvolle Umbau des Bahnhofs oft gelobt. Den ehemaligen Fahrkartenschalter hatten Zülch und seine Frau Gisela in die Bar einbezogen. Die Sitzmöbel zeigten viel Chrom und schwarzes Leder. Hohe Farne, dem filigranen Snookersport wohl angemessen, ersetzten die üblichen Palmen. Statt Gardinen gab es Innenjalousinen mit hauchdünnen Lamellen aus Aluminium. Den hellgrauen Teppichboden hatte Bott verlegt. Auch wenn Spiel- und Schankbetrieb herrschte, bestach das Haus durch seine gedämpfte Atmosphäre. Der Kauf dieses Bahnhofs durch die Zülchs war ohne Zweifel ein Glücksfall. Dennoch beharrte Bott stets darauf, die Herren oder Damen, die ihnen den Bahnhof verkauft hätten, gehörten ebenfalls für ein Jährchen in die zugesperrten Schirnen. Für Bott stellte jede stillgelegte Bahnstrecke ein Verbrechen an der Volkswirtschaft und an der Volksgesundheit dar.

Zülch würde erst gegen 10 herunterkommen; dann öffnete der Salon. Botts Aufgabe war es, zweimal wöchentlich die Tische, Queues und Kugeln zu pflegen. Das machte er unentgeltlich, denn dafür durfte er jederzeit kostenlos trainieren, solange die Tische nicht vollzählig belegt waren. Das kam in der Regel nur am Abend vor.

Zunächst galt es, die grünen Tischtücher abzubürsten. Bott führte die kräftige Bürste von der Fuß- zur Kopfbande und fegte den Staub in die Ecktaschen. Als er damit durch war, holte er das erwärmte Bügeleisen und glättete die Tischtücher in der selben Richtung. Zuletzt wischte er das Holz der Banden mit feuchten Tüchern ab. Später machte er das gleiche mit den Queues und den vier Kugelsätzen. Vor allem die weißen Spielbälle waren von den eingekreideten Lederkuppen der Queues verschmutzt. „Queues“ wurden die Billardstöcke genannt. Sie klemmten in Leisten an den Wänden. War eine Kuppe zu sehr abgestoßen, ersetzte sie Bott durch eine neue. Die StammspielerInnen besaßen allerdings ihre privaten Queues. Ohne ihr gutes, von ihnen eingespieltes und unablässig beschworenes Gerät oder Glied wären sie sich geradezu amputiert vorgekommen. Mit diesem tröstlichen „Stecken und Stab“, wie es bei David in Psalm 23 heißt, pflegte sie der Herrgott persönlich auf seiner „grünen Aue“ zu weiden. Zur bequemen und sicheren Aufbewahrung der edlen Instrumente hatte sich Zülch die vier ehemaligen Gudensberger Gepäckschließfächer zunutze gemacht, die er enger unterteilte und mit entsprechend mehr Schlössern versah. So gewann er 20 Schließfächer für Queuekoffer. Bott hatte Fach Nr. 3, woraus aber nicht auf seine Spielstärke geschlossen werden durfte. Jetzt holte Bott sein Köfferchen hervor und trat an einen der frisch gebügelten Tische. Während er seinen „Stecken und Stab“ fast blind zusammenschraubte, befand er sich bereits im Bann jener „grünen Aue“, die von König David immer so fürsorglich mit Blut getränkt worden war.

Der Ausdruck „Training“ traf Botts Wirken schlecht. Für ihn stellten die Stunden, da er sich mit seinem Queue und den Kugeln befaßte, eher eine Meditation dar. Sie trugen zu seiner Gelassenheit bei. Da ihm das Ziel wenig bedeutete, durften Botts Wege auf dem grünen Tischtuch oder dem hellgrauen Teppichboden lang, verschlungen oder abschweifend sein, ohne daß ihn Ungeduld oder Ärger überkamen. Es war eine andere Weise des Beobachtens, die ihn vom ehrgeizig trainierenden Spieler trennte. Dieser beutet nur Beobachtungen aus, die ihn „besser“ machen können, worunter er die Messerschärfe und die Treffsicherheit eines Automaten versteht. Er käme niemals auf die Idee, sich in die Queuespitze oder eine Kugel zu versetzen. Er sieht keine Anzüglichkeiten in den Löchern, die er unablässig mit roten Kugeln stopft. Er würde die Lampenschirme nicht in die Nähe von Sargdeckeln rücken; er nimmt die Beleuchtung überhaupt nicht wahr. Versenkt er aber zuletzt die Schwarze, hält er sich für unsterblich – für unsterblich gut jedenfalls.

Freilich stellte sich Bott auch technische Aufgaben und freute sich, wenn er sie lösen konnte. Er sagte sich zum Beispiel: Spiele ich Blau mit normalem Mittelstoß an, wird der weiße Spielball Richtung Kopfbande weiterlaufen. Ich möchte ihn aber in der Nähe von Pink plazieren. Dazu müßte er in einem spitzen, nicht in einem stumpfen Winkel von Blau abprallen. Wie erreiche ich das? Indem ich ihn zurückziehe. Stoße ich ihn mit Unterschnitt an, erhält er einen Rückwärtsdrall, der den Winkel nach dem Zusammenprall mit Blau verengt. Dieser Stoß wird mal Rückzieher, mal Zugball genannt. Daher Zülchs hübscher Einfall.

10 vor 10 erschien Zülch auf der Treppe. Sie grüßten sich mit einer Handbewegung. Zülch und Gisela wohnten im Obergeschoß des Bahnhofs. Jetzt ging er zur Bar, um die Espresso-Maschine fertig zu machen. Bald darauf steuerte er mit einem ovalen Tablett in der Hand einen der Clubtische an der Fensterfront an. In der anderen Hand hielt er eine zusammengerollte Zeitschrift, mit der er Bott heranwinkte. „Zweiter Platz für uns!“ rief er lächelnd. „Darauf können wir trinken.“

Bott unterbrach sein Spiel und nahm ihm gegenüber Platz. Zülch schob ihm den zweiten Espresso zu. Dann schlug er die Zeitschrift auf und las daraus vor. Es war die jüngste Ausgabe des Billardmagazins Anstoß. Irgendeine Jury hatte die schönsten Snookersalons Mitteleuropas ermittelt und den Zugball auf Rang 2 gesetzt. Der erste Rang war nach Antwerpen gegangen.

Während Bott der Schilderung des Salons folgte, in dem er gerade Zülch gegenübersaß, geriet ihm eine Schneeflocke in den Blickwinkel, die sanft an die Fensterscheibe schmatzte und ihr Dasein aushauchte, indem sie sich in winzige Rinnsale zerteilte. Ein Blick über den Bahnhofsplatz machte ihm klar, daß es wieder zu schneien begonnen hatte. Etwas wie Reue durchzuckte ihn. „Scheuermann“, murmelte Bott alarmiert. „Die Fußstapfen! Sie werden verschwinden.“

Zülch unterbrach sich. „Was ist denn mit Scheuermann?“

„Das wüßte ich selber gern. Vielleicht sollte ich doch einmal nachsehen ... Paß auf! Kannst du mir mal eben euer Auto leihen? Es eilt. Ich bin gleich wieder zurück.“


2

Raste ein Autofahrer durch die Schirnen oder die Schloßgasse, pflegte Bott stets vor Wut zu schnauben. Jetzt war er selber so einer. Doch er bremste bereits, sprang aus Zülchs zerbeultem Renault 4 und riß auch gleich die Fußmatte des Fahrersitzes mit.

Die Fußstapfen waren noch leidlich zu erkennen. Bott stieß Scheuermanns Gartentür auf und benutzte die Fußmatte, um die nächsten beiden Fußstapfen vor dem Neuschnee zu schützen, der jetzt immer dichter fiel.

Bott richtete sich auf. Er konnte an Scheuermanns Häuschen nichts Auffälliges entdecken. Die Fensterläden waren geschlossen. Aus dem Kamin stieg kein Rauch. Auf dem Dachfirst hockte eine aufgeplusterte Amsel. Während Bott über die verschneiten Beete stapfte, weil er die Spur auf dem Gartenweg nicht berühren wollte, bewegte die Amsel ihren Möhrenschnabel um keinen Millimeter. Sie schielte lediglich nach ihm. Wahrscheinlich hielt sie ihn für einen harmlosen Trottel, der die Klapsmühle in Haina oder Merxhausen suchte.

Bott stolperte über einen schief im Grünkohl steckenden Knüppel. Er nahm ihn an sich. Der Hauseingang lag seitlich am Ostgiebel. Bott tauchte unter das Vordach, wo sich die Fußstapfen nur noch in Überresten drängten, weil hier kaum Schnee hingefallen war. Offensichtlich hatte jemand das Haus betreten.

Den Knüppel in beiden Händen, legte Bott sein Ohr an Scheuermanns verwitterte Haustür. Es war nichts zu hören. Er benutzte den Knüppel, um nachdrücklich an die Haustür zu pochen. Drinnen regte sich nichts. Bott gab sich einen Ruck, drehte den Türknauf – die Tür gab nach. Er stieß sie auf und starrte in Scheuermanns düsteren Hausflur. Für VerbrecherInnen oder GesetzeshüterInnen hätte Bott eine ideale Zielscheibe abgegeben.

Er ertastete den Lichtschalter und knipste ihn an. Eine 40-Watt-Birne erfunzelte. Niemand lauerte hier. Bott sah drei Zimmertüren, außerdem in der Flurdecke eine Ausziehluke, die geschlossen war. In den Keller gelangte man offenbar nur von außen, nämlich vom Abhang her. Zwischen den Türen gewellte Bahnen feuchter, vergilbter Blümchentapete. Mitten im Flur stand ein großer altmodischer Koffer. Allerdings wurde er fast vollständig von einem Wintermantel mit Pelzkragen bedeckt, sodaß nicht viel von ihm zu sehen war. Der Mensch, der den Wintermantel hatte von sich gleiten lassen, hatte vermutlich mit dem Rücken zum Koffer gestanden. Die Mantelärmel stützten sich auf die Dielen. Die vorderen Mantelschöße zeigten auf die rechte Tür.

Wie es aussah, diente das Zimmer zum Wohnen und Schlafen zugleich. Es roch muffig. Da die Fensterläden auf dieser Hausseite, die ins Tal blickte, unverschlossen waren, brauchte Bott kein Licht zu machen. Er entdeckte Scheuermann sofort, denn er hatte nichts anderes erwartet: er lag in seinem Bett.

Das Bett stand zu Botts Linken an der Stirnwand. Das Fußende zeigte zu den Fenstern. An der Wand hing ein kleines Kruzifix. Vor dem Bett standen Scheuermanns Winterstiefel, die den abgewetzten Bettvorleger durchfeuchtet hatten. Scheuermanns hoher kantiger Schädel mit dem kurzgeschnittenen weißen Haar ruhte auf dem Kopfkissen. Seine dürren Arme steckten in einem derben grauen Unterhemd. Sie lagen an dem Federbett, das seinen Körper bedeckte. Bott nahm stark an, er mustere einen Leichnam. Bislang hatte er keinerlei Regung an Scheuermann feststellen können.

Bott selber fröstelte. Er betastete Scheuermanns gußeisernen Kohleofen – kalt. Trotzdem ging er zum rechten Fenster, um es zu öffnen. Nicht Scheuermanns Seele sollte entweichen, sondern Botts Beklemmung.

Er stand am geöffneten Fenster und schaute abwechselnd ins Schneetreiben und ins Zimmer. Scheuermanns Kopf sah er immer noch schräg genug, um ihm nicht in die Augen blicken zu müssen, die offenbar starr auf das linke Fenster gerichtet waren. Das alte Rathaus mit seinem schiefergedeckten Glockentürmchen, das den Untermarkt beherrschte, war nur noch verschwommen zu erkennen. Seit dem Kahlschlag klingelten in dem 150 Jahre alten Gebäude die Kassen einer Bank. Vermutlich hatte man im Schalterraum wegen des Schneetreibens Licht gemacht. Die Kunden hoben größere Geldbeträge ab, weil sie sehr wichtige Anschaffungen zu tätigen hatten. Drei Meter von Bott entfernt lag eine Leiche.

Bott durchfuhr ein Schreck. Woher nahm er eigentlich seine Gewißheit? Vielleicht war Scheuermann nur krank und benötigte dringend Hilfe! Bott gab sich einen Ruck, trat von der Seite her ans Bett und hielt Scheuermann die Brille, die auf dem Nachtschränkchen lag, eine Zeitlang umgekehrt vor die Nase, denn seine wächsernen Lippen waren geschlossen. Doch die Brillengläser beschlugen nicht. Bott legte die Brille zurück und ging wieder ans Fenster.

Scheuermann mußte eine beneidenswerte Aussicht genossen haben. An klaren Tagen konnte er längs des Langenbergs womöglich bis nach Niedenstein blicken. Oder zur Linken am Nenkel vorbei bis ins Waldecker Land. Nördlich des Nenkels lag der Leichenkopf, in dessen Schatten Astrid wohnte. Vielleicht rief sie gerade vergeblich im Zugball an.

Da der Leichenkopf nur dann einem Totenschädel glich, wenn man diese Vorstellung an den Haaren herbeizog, nahm Bott an, es habe dort einmal ein Schwerverbrechen stattgefunden – falls der Name nicht auf das nahe Dorf Gleichen zurückging. In dem alten Pferdeknecht das Opfer eines Raubmörders zu wittern, war sicherlich unangebracht. Hätte er dergleichen erblickt, wäre bestimmt sein Gesicht entstellt. Es wirkte aber sehr friedlich. Diese Schlagzeile der Zeitung, die Bott morgen früh austragen würde, konnte er sich aus dem Kopf schlagen: Zusteller der Sepo deckt Gewaltverbrechen auf.

Bott seufzte, schloß das Fenster und unternahm einen kurzen Rundgang durch Scheuermanns nun verwaiste Höhle. Ein Telefon war nicht vorhanden. Die Küche blitzte nicht gerade, war aber erstaunlich aufgeräumt. In dem Koffer fand Bott einen Stoß Papiere, die offenbar Aufschluß über Scheuermanns letzte Reise geben konnten. Bott nahm sie an sich. Zudem schrieb er sich aus einem zerfledderten, längst überholten Taschenkalender die Kölner Adresse heraus, unter der vermutlich Scheuermanns Schwester zu erreichen war. Im Mantel eine Brieftasche, die er ungeprüft zurücksteckte. Er löschte das Flurlicht und verließ das Haus.

Mit etwas verlegenem Lächeln nahm er dieses Mal den Gartenweg. Bei dem Höcker unweit des Tores bückte er sich, zerrte die Autofußmatte frei und klopfte sie am Gartenzaun aus, bevor er Zülchs Renault bestieg. Die Amsel guckte, ob er wieder rasen würde.


3

Bott setzte Zülch nur kurz ins Bild, meldete den Todesfall im Vorbeigehen auf der Behördenburg und ließ sich schließlich in seinen roten Ledersessel sinken, um sich mit einem Imbiß zu stärken und dabei die Unterlagen zu studieren, die er Scheuermanns Koffer entnommen hatte. Das ließ ihn nach dem Essen zum Telefon greifen. Er sprach mit Scheuermanns Schwester, zwei Taxifahrern aus Gudensberg und Kassel, dem Kasseler Büro des Bundes der Heimatvertriebenen und mit einem Hotel in Dresden. Daraus ergab sich folgendes Bild.

Anselm Scheuermann wächst in der nördlichen Bukowina auf, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges unter rumänischer, sowjetrussischer und deutscher Besetzung zu leiden hat. 1943 flüchten die Geschwister und werden nach Nordhessen verschlagen. Die Schwester verheiratet sich mit einem Zugschaffner aus Köln. Nach dem Aufweichen des „Eisernen Vorhangs“ nimmt der Czernowitzer Lehrer Niklas Bronnen, ein Cousin von Scheuermann, Briefkontakt mit diesem auf. Es kommt zu einem Briefwechsel, in dem beide manchen Trost finden. Der Czernowitzer „Professor“ lebt kaum weniger ärmlich und einsam wie der ehemalige Gudensberger Pferdeknecht. Mit Bronnens kargem „Gehalt“ ist der Staat Monate im Rückstand. Auch Bronnen verlor die ganze Familie. Er berichtet, wie seine Angehörigen von der deutschen Wehrmacht in die Schweinekoben einer sowjetrussischen Kolchose getrieben worden sind. Dort seien sie schlicht verhungert und erfroren, weil ihnen die Schwarte von Schweinen fehlte. Bronnen selber entging diesem Schicksal nur durch die zufällige Gunst einer jungen Sanitäterin.

Bronnen bestärkt Scheuermann in dem Gedanken, noch einmal die Heimat aufzusuchen, bevor er dazu „nicht mehr rüstig genug“ sei. Scheuermann meldet sich zu einer vom Vertriebenenbund organisierten 14tägigen Reise in die Bukowina an, die auf dem Schienenweg erfolgen wird. Seine Schwester kann ihn nicht begleiten, weil sie ihren an den Rollstuhl gefesselten Mann zu umsorgen hat. Bronnen freut sich auf das Treffen mit Scheuermann, der sämtliche Ersparnisse und viel Zeit und Mühe in die Vorbereitung seiner Reise investiert. Als es jedoch so weit ist, kommt er nur bis Dresden.

Dort erklärt er den Betreuern, die Reise gehe anscheinend über seine Kräfte. Er wolle lieber umkehren. Obwohl er beteuert, er sei nicht krank, beharrt er auf seinem Entschluß. Er fühle sich lediglich müde. Jede Begleitung wehrt er ab; er finde schon allein in sein Häuschen zurück. Er übernachtet in Dresden und trifft gegen Mitternacht wieder in Kassel-Wilhelmshöhe ein. Auch dem Taxifahrer sagt Scheuermann, er fühle sich etwas schwach. Der Mann setzt ihn um 0 Uhr 45 vorm Gartentor ab – fünf Stunden ehe sich Zeitungszusteller Bott als Spürhund aufgerufen sah.

Der Taxifahrer will seinem Kunden wenigstens den schweren Koffer ins Haus tragen. Scheuermann wehrt mit dem Hinweis ab, dazu trage der Mann wohl kaum die richtigen Schuhe. „Tatsächlich hätte ich mir in meinen Slippern nasse Füße geholt“, räumte der Taxifahrer am Telefon etwas betreten ein. „Es hatte ja geschneit! Und wer konnte ahnen, daß dieser hagere Greis seinem Sterbelager entgegenstapfte! Er trat so bestimmt auf. Er hatte etwas rührend Halsstarriges – wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Bott blickte auf den verschneiten Judenfriedhof und sah Scheuermanns Federbett vor sich. Viel verstand er nicht gerade. Immerhin war ihm mit Scheuermann erstmals im Leben ein Leichnam begegnet. Aber wußte er jetzt mehr vom Tod als vorher? Das war kaum anzunehmen. Am Tod gab es nichts zu erkennen.

Trotzdem war er mit dem Thema noch nicht fertig. Bei Astrid würde er damit allerdings erfahrungsgemäß nicht landen können. Ging es darum, eine Salbe anzurühren oder Nistkästen für Gartenvögel zu bauen, war sie Feuer und Flamme – bei Metaphysik winkte sie ab. Bott rief sie deshalb an, beruhigte und vertröstete sie. Zülch hatte ihr etwas von einem Kriminalfall vorgemurmelt, dann aber abgelenkt, indem er allgemein Großstädte, insbesondere Antwerpen schlechtmachte. Sie verabredeten sich für den folgenden Tag.

Nach einem Gang um den Schloßberg bereitete Bott sich als Abendbrot ein Pfannengericht und entkorkte eine Flasche Bier. Beim Essen erwog er Marschlinien für sein Tagebuch, das er anschließend hervorholte. Im Ergebnis ging er auf Scheuermann gar nicht ein.

Koestler schreibt, mit 14 sei er auf das Problem der Unendlichkeit gestoßen, das ihm noch lange zu schaffen machen sollte. Mir erging es kaum anders. Als Knabe nahm ich an einem Zeltlager der Jungen Pioniere im Harz teil. Am östlichen Dorfrand gab es einen Anger, auf dem ich zuweilen in der Abenddämmerung hockte, um das Verschwinden der Sonne hinter den jenseits gelegenen Wäldern zu verfolgen. Der Sonnenuntergang hatte sich nämlich als angemessene Kulisse für meine Niedergeschlagenheit herausgestellt. Möglicherweise handelte es sich, genauer gesagt, um Selbstmitleid. So hatte ich keinen „richtigen“ Vater vorzuweisen. Oder ich ahnte, trotz meines Ehrgeizes – ich war schon zum Gruppenratsvorsitzenden aufgestiegen – den Aufgaben und Positionen, die ich mir anmaßte, leider nicht ganz gewachsen zu sein; hier drohte Überforderung. Vielleicht kam auch eine Zurückweisung seitens des zarten blonden Knaben Clemens hinzu, in dessen Schlafsack man liebend gern gekrochen wäre. Aber dies alles ist hinreichend beschrieben worden. Hier geht es um Unendlichkeit.

Von Knabenleid erfüllt, sah ich den roten Sonnenball hinter dem Saum der Wälder versinken. Was lag dahinter? Vielleicht das Meer. Dann kamen der Horizont und vermutlich der Mond. Was aber lag hinter diesem? Der Weltraum. Angeblich hatte er noch unzählige andere Sonnen, unzählige andere Milchstraßen, ungeheuerliche Entfernungen zu bieten. Aber was kam dann? Eine riesige Wand – und dann nichts mehr? An dieser Stelle hakte es regelmäßig in mir aus; das war geradezu hörbar. Weiter konnte ich nicht mehr denken. Und das war bestürzend: man fiel in so etwas wie ein Loch, ohne sich von diesem Loch die geringste Vorstellung machen zu können. Denn zu einem Loch gehört ja wieder irgendein Drumherum. Wo aber sollte dieses nun wieder enden? Um mit Koestler zu sprechen, war es eine „unerträgliche Tortur für den Verstand“.

Trotzdem läßt sich noch ein wenig dazu sagen. Beide Fälle muten uns „nichts“ zu. Wie es im Loch hinter der Weltraumwand nichts gibt, besagt ja die Rede von der Unendlichkeit des Weltraums, es gebe nichts anderes. Beides übersteigt unsere Vorstellungskraft. Nur muß man leider zugeben: ohne das Nichts geht es offenbar auch nicht. Dringend auf „etwas“ angewiesen, können wir dieses Etwas (das Sein) nur behaupten oder leben in Abgrenzung zu eben dem Nichtsein. Das Nichtsein ist natürlich der Tod. Oder „die absolute Kälte des Weltraums“, wie Canetti metaphorisch polterte. Und wir ängstigen uns vor diesem Phänomen, obwohl oder vielmehr weil wir nicht das geringste von ihm wissen. Denn Gefahren, die ich kenne, sind bereits halb entschärft. Legt mir Zülch einen Snooker, weiß ich, was er damit beabsichtigt, und ich kann versuchen, seine finsteren Pläne zu durchkreuzen. Was jedoch sollte ich gegen den Tod tun? Nichts.



Fortsetzung Teil 2
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