Montag, 9. Juli 2012
Mischgemüse
Kurze Betrachtungen aus Haus und Hof

Gesammelt ab ca. 2007. Umfang 26 Druckseiten


Kremper Marsch + Schnecken + Meine Kreuzspinne + Hühner + Äpfel + Klemperers Katze + Bienen + Ein wag-halsiger Melker + Supercat + Igel + Kartoffellese + Mücken + Ein Anwalt der Schweine + Philipp von Frankreich + Das Pferd + Die Ziege + Ein Freiläufer + Käfighaltung + Gänse-schmalz + Die Rüsselzwergfledermaus + Sitzender Fuchs



Kremper Marsch

Die Fronarbeit meines Lebens ereilte mich 1977 an einem Apriltag. Freunde aus Neumünster hatten erwähnt, der Kremper Bauer F. habe sich den rechten Arm gebrochen und suche deshalb eine Aushilfe. Ich nahm dies als Ruf der Romantik, telefonierte sofort mit F. und stand schon anderntags, mit dem Zug aus Berlin angereist, in seiner Wohnküche.

Der Fernseher lief. Die Bauersleute waren kaum älter als ich. Die illustriertenreif frisierte Hausfrau puhlte Streusel-kuchen aus der Aldi-Klarsichtverpackung, setzte mir Kaffee zum Durchgucken vor und überließ mich den Lohnverhandlungen mit ihrem Mann. Er betrieb Rinder-mast in einer fast fensterlosen Halle. Ich bezog eine Kammer, deren Ausblick mir die rote Abendsonne als einen Hitzkopf zeigte, der sich im Rechen einer Pappelzeile verheddert hatte. Doch die Härte kam erst am übernäch-sten Tag. Da der Rinderauftrieb bevorstand, sollten die Weidezäune in Schuß gebracht werden. Als dritter Mann stand uns F.s alter Vater zur Verfügung. Ich hatte ihn bis dahin nur beim „zweiten Frühstück“ gesehen. Es bestand aus einer Flasche Jever-Pils, die man Schlag 11 in der Scheune stehend zu sich nahm.

Der Sohn steuerte den Schlepper, weil das mit Gipsarm gerade noch ging. Während er die Weidezäune im Schrittempo abfuhr, zerrte ich die morschen Pfähle aus dem Marschboden und bohrte mit dem Rundspaten jeweils das Loch nach. Der Vater zog unterdessen einen frischen angespitzten Pfahl vom Hänger, um ihn ins Loch zu setzen und darin so lotrecht festzuhalten, wie es ihm seine Gebrechlichkeit noch gestattete. Nun oblag es mir, die Pfähle mit Hilfe eines stets über Brusthöhe geführten Vorschlaghammers einzurammen. Insgesamt dürften es an jenem Vormittag 40 Pfähle gewesen sein. Da ich meinem früheren Schwiegervater zuliebe, der zunächst Kumpel auf Zeche und dann Fließbandarbeiter bei Opel in Bochum gewesen war, Adolf Hennecke verehrte, kam es leider nicht in Frage, Einwände gegen das Verfahren und die Rollen-verteilung zu erheben. Ich hätte „mein Gesicht verloren“. So grenzte es schon an ein Wunder, daß F.s Vater nicht das seine einbüßte, drohten mir doch bereits nach einem Dutzend Pfähle die Arme zu versagen. Vor lauter Pfählen schoß mir bald nur noch der Schrei „Marter“ durch den Kopf. Die verhedderte Abendsonne sah mich gerädert ins Bett sinken.

In meiner Erzählung Bott mistet aus ging es später eleganter zu. Landwirt Ludwig Wilhelmi fährt seinen 150-PS-Fendt-Schlepper an die frischen Zaunpfähle, senkt die Schaufel des Frontladers über ihnen ab und drückt sie blitzschnell mit der Kraft seiner ungefähr 60.000 Euro teuren Maschine ins Erdreich. F. jedoch besaß keinen Frontlader. Er ließ mich den Kremper Marsch hinlegen.

Grips besaßen beide Bauern nicht. Beide trieben Raubbau; Wilhelmi zumindest an der Zeit. Das ist ja die übliche Rechtfertigung für „Fortschritt“: alles bequemer und schneller erledigen zu können. Die Zeit – etwa in Form gewachsener Natur oder einer frohstimmenden Lebens-erwartung – wird schneller umgebracht. Dieser Raubbau hat selbst in Kommunen seine Lobby. Die größere Kettensäge der Puppenfabrikkommune hatte 4,5 PS und zog einem die Arme nach drei Stunden Waldarbeit auf Orang-Utan-Länge. Jetzt säge ich nur noch mit der Hand. Es bekommt mir ausgezeichnet. Meine Sehnscheid-entzündungen hatte ich von der Kettensäge.

Die Alternative für Landwirt F. wäre nicht der Fendt-Schlepper, vielmehr der Abschied von seinem befremd-lichen Lebenswandel gewesen. Warum sich krank und sorgenvoll schuften, damit sich Tausende von Fabrik-arbeiterInnen bei Joghurt oder Jägerschnitzel wieder aufpäppeln können? Warum nicht gleich nur für sich und seine Angehörigen jagen, ob nach Büffeln, Eichhörnchen oder Nüssen? Ein echter Romantiker wäre bis auf den Wildbeuter zurückgegangen. Ich begnügte mich damals mit der fluchtartigen Abreise nach Neumünster, wo ich meinen Freunden gehörig den Marsch blies.


Schnecken

Ihr Ruf ist nicht der beste. Langsam, unbeholfen, gesichtslos, nur als soziale Masse stark. Mit einem Wort: VersagerInnen. Als Knaben ergötzten wir uns daran, wie sie sich zusammenzogen, wenn unser gnadenloser Pinkel-strahl sie traf. Sie schnurrten gerade so ein wie unser Strulli im Schwimmbecken. In der Schule durfte uns dann ein Professor Unrat seinerseits zur Schnecke machen; zu Hause löste ihn der liebe Pappi ab. Da es an Schnecken nichts mehr zu erniedrigen gibt, war man sogar schlechter daran.

Ihre soziale Masse kommt vor allem an regnerischen Sommertagen zur Geltung. Es ist dann nahezu unmöglich, nicht auf eine Schnecke zu treten. Bei dieser teils ver-borgenen Überzahl wird man völlig absichtslos zum Schneckentöter. Hier liegt ein tiefer Gedanke, der mir zunächst bei Lichtenberg, dann bei Alain begegnet ist. Dieser versetzt sich in seinem Propos Götzendienst aus dem September 1922 in Ameisen. Er wäre nicht verblüfft, sagt er dort, wenn sie das übermächtige Wesen mit den bodenseegroßen Schuhsohlen, das sie in Scharen zu zermalmen pflegt, verehrten und anbeteten wie einen Gott. Natürlich zittern sie auch vor ihm. Sie bewundern und fürchten Stärke, Kraft, Macht. Dabei habe bereits Pascal auf das Lächerliche am Stärkekult hingewiesen. Es stelle wohl kaum eine Ehrfurcht gebietende Leistung dar, wenn ein „blinder, betrunkener Rohling“ beim Umsichschlagen an Weihnachten jede Menge Schneeflocken treffe, schreibt Alain sinngemäß. Ein Herr der Milchstraßen sei in seiner dumpfen Größe derart weit von uns entfernt, daß er unser Schicksal gar nicht bemerke, sobald er wieder einmal einen Schwung Planeten zwischen die Glasscheibchen in seinem Mikroskop schiebe. Er ist einfach zu groß für uns.

Während wir Riesen überschätzen, unterlaufen uns die Schnecken. Als Bewohner einer Gartenhütte holte ich sie selbst unterm Linoleum hervor. Sie finden jeden Gurken-topf, schaukle er selbst im Pflaumenbaum oder am Veran-dapfosten. Sie suhlen sich im Aufwischtuch und schlecken unschuldigen Mäusen die Bioerdnußschokocreme vom Teller der Supercat-Mausefalle weg. Man möchte zuweilen Laufente sein. Nicht daß sie vor den Schnecken wegliefen; sie fressen sie für ihr Leben gern.


Meine Kreuzspinne

Mein Nachbar Gregor kennt sich in Elektrofragen aus. Nachdem er den Hocker vor meiner Verandaanrichte wie eine Altarstufe beschritten hat, reiche ich ihm den Stromprüfer. Plötzlich stößt er einen spitzen Schrei aus und weicht sturzgefährlich zurück. Statt den Stromprüfer mutig in die geöffnete Verteilerdose zu stecken, richtet er ihn auf den Winkel zwischen Hüttenwand und Veranda-dach, als gelte es, ein dort lauerndes Gespenst zu bannen. „Die muß hier weg!“ kreischt er und springt vom Hocker, um die Arme zu verschränken. „Vorher rühre ich keinen Finger.“

Jetzt dämmert's mir: vor Stromschlägen hat er keine Angst, dafür jedoch vor meiner Kreuzspinne. Sie hängt im Winkel über der Anrichte in ihrem feingewirkten viel-eckigen Netz. Wer ein wirklich unproblematisches Haustier sucht, ist bei ihr an der richtigen Adresse. Obwohl sie prall wie eine fahle Knallerbse ist, tut sie keiner Seele etwas zuleide. Das unterscheidet sie beispielsweise vom Gemeinen Kreuzfahrer. Von ihrer kreuzförmigen, matt-gelben Rückenzeichnung ist ohnehin hauptsächlich die Vertikale zu sehen. Im Verein mit ihren vielen Beinen oder Greifern, die an abwechselnd braune und grünliche Perlenketten erinnern, dürfte sie jedenfalls Gregors graue Katze mit ihren albernen weißen Socken an Schönheit weit übertreffen. Auch fängt sie fürsorglich die mich belästi-genden Flöhe und Schmeißfliegen weg, ohne mir dafür noch Zufütterung aus Konservendosen, Putzen des Katzenklos und Bau einer Hundehütte zuzumuten.

Doch Gregor läßt diese Parallele nicht gelten. Spinnen seien nie und nimmer Haustiere; vielmehr ekelhaft. Während ich 20 oder 30 ekelhafte Hundesorten aufzähle, gelingt es mir, die Kreuzspinne in ein leeres Schraubglas zu bugsieren, ohne ihr Netz zu zerstören. So kann mich Gregor auf dem Hocker ablösen, um endlich den Fehler zu beheben.

Zurückquartiert, seilt sich meine Kreuzspinne wieder über Kaffeepott und Schweizer Käse ab. Naht Gregor, scheuche ich sie rasch in eins der Käselöcher.


Hühner

Sie sind die Schreckgespenster aller lärmempfindlichen SchriftstellerInnen, die ihre besten Einfälle vormittags zu haben pflegen. Denn dann haben des Nachbarn Hühner ihre Ausfälle. Offenbar bliebe ihnen das Ei im Bürzel stecken, stießen sie’s nicht mit Fanfarengeschmetter ans Licht der Welt.

Mit gewissen Vorbehalten darf dieses aufgeregte Gackern vom Hühnerhof auf den Literaturbetrieb übertragen werden, sind es doch in der Regel die männlichen Autoren, die von den Ausgeburten ihres Kopfes so viel Aufhebens wie möglich machen. Schriftstellerinnen sind eher geneigt, Schaumschlägern mit geschwollenen roten Kämmen die kalte Schulter zu zeigen. Mein Nachbar Gregor dreht ihnen sogar den Hals herum. Unfähig, seine jeweilige Glucke zum Zwecke des Nachzüchtens nur auf weiblich gepolte Eier zu setzen, hat er dauernd zu viele Junghähne, die sich nur in erbitterten Konkurrenzkämpfen verzehrten, wenn Gregor sie nicht rechtzeitig in seiner Bratpfanne erlöste.

Da Vorsatz und niedrige Beweggründe im Spiel sind, könnte man Gregor glatt einen Mörder nennen, doch ich verbrenne mir lieber nicht den Mund. Ich lecke mir vielmehr die Lippen, während ich mein abgenagtes Hähnchenbein nach Gregors silbergrauer Katze werfe, die schon wieder ein eingeschlepptes Spitzmäuschen quält. Er liebt seine Katze abgöttisch. Was immer sie sich in seiner eher engen Wohnung zum Thron erküren mag – Gregor weicht. Hört er gar von ersäuften Katzenbabys, kann er zum Amokläufer werden. Als ich einmal schüchtern einzuwenden wagte, in gewissen tibetanischen Gebirgs-regionen seien gerade Kätzchen noch viel begehrter als zähe alte Kater, packte ihn die Wut so sehr, daß ich drei Wochen lang kein Sonntagsei mehr sah.

Allerdings leben die Katzen in Tibet meistens wild. AnhängerInnen der Altsteinzeit behaupten, Hasen nachzustellen oder Kokosnüsse abzuschießen sei so nützlich wie unterhaltsam gewesen. Zu Ackerbau und Viehzucht dagegen gäben sich lediglich masochistisch veranlagte Deppen her. Tiere mit dem Ziel einzusperren, sie früher oder später umzubringen, nennen sie pervers – vor allem, wenn sie einem bis zu ihrer Ermordung ans Herz wüchsen.


Äpfel

Zu Beginn meines Hüttenlebens schreckten mich zeitweilig Detonationen aus dem Schlaf, die fast in meinem Schädel stattzufinden schienen. Diesen Donnerschlägen folgte oft noch ein Hoppeln zur Dachrinne, als übten meine Sieben-schläfer Purzelbäume.

Es waren meine Äpfel. Angefault oder nur von der eigenen Fülle überwältigt, plumpsten sie von dem Baum, der hart an der Südwand steht, aufs Hüttendach. Den Baum zu fällen kam schon deshalb nicht in Frage, weil er mir sommers köstlich und kostenlos die Hütte beschattet. Außerdem schmecken seine gelb bis rot geflammten Äpfel vorzüglich – ähnlich herzhaft wie die falschen Orangen des englischen Züchters Richard Cox.

Nach den Detonationen dieses Herbstes konnte ich wieder rund 50 Exemplare retten, die einstweilen die Brüstung meiner Veranda zieren. Auf diese Weise lächeln sie zwangsläufig jeden an, der meiner Warnung am Gartentor zum Trotze (Lächeln und Missionieren verboten) meinen Schlupfwinkel betritt. Es wird oft behauptet, Lächeln übertrage sich leicht. Gesetzt den Fall, mich besuchten nur Gleichgesinnte mit ihren Mienen wie drei Tage Regen-wetter, hockten meine Äpfel nach 50 Besuchen womöglich wie Thüringer Klöße auf meiner Verandabrüstung, während sich die Gäste ein lustiges Leben machten.

Vom Kloß zum Klo ist es nicht weit. Pferden wird nach-gesagt, statt ihres Lächelns sei ihr Darmdrücken anstek-kend. Macht eins seine Ballen, fallen die anderen Gäule bald ein. Mein Großvater Heinrich sang beim Wandern gern: „Links ne Pappel, rechts ne Pappel, in der Mitte’n Pferdeappel.“ Besser noch gleich einen Pferdeapfelbaum vor der Hütte, dann hätte man nie unter Detonationen zu leiden. Wenn Lichtenberg einmal erwog, ein zoologisches System nach der Form der Exkremente zu schaffen, wette ich darauf, er hätte das Pferd an die Spitze gestellt. Der leichtfüßige Pferdekot stinkt nicht und maßt sich nicht an, Vulkanausbruch oder Schlangenhorst zu spielen.

Von daher muß Rekrut Carl Zuckmayer als Glückspilz gelten. 1914 von einem Schinder öfter in die Stallgasse abkommandiert, hieß es hinter den Pferden „mit hohlen Händen“ auf Roßäpfel lauern, wie der Stückeschreiber in seinen Memoiren erwähnt. Nicht etwa wegen des wert-vollen Dungs! Sondern es galt „Stroh zu sparen“.


Klemperers Katze

In Zuckmayers vorzüglichem Vermonter Roman von 1943 empfiehlt Sylvia dem Waldeinsiedler Oliver Paine, der Ahornzucker und Gedichte macht, einen Hund. Doch Paine winkt ab. Zur Begründung führt er lediglich an, er könnte ihn zu gern haben.

Zeitgleich entfaltet sich im faschistischen Dresden die große Liebe zu einer Katze. Victor Klemperer räumt sogar ein, auf Dritte könne die Klempersche Fürsorge und später auch Trauer um eine Katze möglicherweise „lächerlich oder gar unsittlich“ wirken, wenn sie diese Gepflogenheit gegen das menschliche Elend im Lande hielten, das just von Victor Klemperer unter größter Lebensgefahr uner-bittlich aufgezeichnet wird. Dem Romanistikprofessor und Bücherschreiber wurde der Judenstern verpaßt. Seine Frau Eva, einst Klavier- und Orgelspielerin, hält zu ihm. Die Ehe wird sicherlich auch durch Evas Gefühl kompliziert, zurückstehen zu müssen. Ein Kitt heißt Muschel. Der fette Kater zieht sich unübersehbar durch Klemperers berühmte Tagebücher – und durch die immer enger und schäbiger werdenden Wohnungen, in die das Ehepaar gezwungen wird. Muschel schläft in Evas Bett. Er verträgt nur schieres Kalbfleisch, notfalls Langusten aus Dosen. „Jetzt ver-schwindet der letzte Rest unsrer Fleischration in Muschels Schüsselchen, und das Tier wird doch nicht satt. (...) Wie überlebt Muschel einen erneuten Umzug?“ Mäuse- und Rattenjagd kann ihm ja keiner zumuten; so muß er sich an der Klemperschen Neurosenzucht beteiligen. Am 19. Mai 1942 beißt er allerdings ins Gras. Vermutlich hätte man in seinem Grab einen Bernhardiner bestatten können.

Viele KatzenhalterInnen verweisen auf Stolz und Eigen-sinn ihrer Lieblinge; sie ließen sich nicht gängeln. Ich kann sie jedoch durch Fürsorge gefügig machen. Gelingt mir das nicht, wird das Biest mich tyrannisieren – auch sehr schön. In jedem Fall geht die schiefe Beziehung zwischen Mensch und Haustier allein vom Menschen aus. Und was da wie verhandelt wird, bestimmt er. Nichts für Anarchisten.


Bienen

Sie zählen zum Zuchtvieh des Menschen, sind aber beliebter als Kühe, weil sie Honig geben. Der Sparkasse von Waltershausen in Thüringen, die in einem mächtigem Jugendstilgebäude aus hellem Sandstein residiert, waren sie wichtig genug, um in einem ovalen buntverglasten Fenster verewigt zu werden. Vermutlich hatten die Bankiers das Honighorten und den sprichwörtlichen Fleiß der Bienen im Auge. Dabei kam ihnen entgegen, daß die Bienen im Gegensatz zu den Ameisen keine Läuse zwecks systematischen Melkens halten – sonst wäre vielleicht Verdacht aufgekommen.

In Deutschland gibt es rund 80.000 ImkerInnen, die über 620.000 Völker herrschen (2009). Beider Bienenfleiß erbringt einen Jahresertrag von mindestens 20.000 Tonnen Honig. Damit decken sie ungefähr ein Fünftel des heimischen Bedarfs ab. Wilhelm Buschs Knabe Eugen war begierig genug auf den süßen Stoff, um dem schnarchen-den Dorfimker einen Honigtopf vom Schlafzimmerbord zu stehlen. Die räubernden NeandertalerInnen lebten gefähr-licher: sie hatten die Waben wilder Bienen mit einem Stock aus Astlöchern zu stochern. Zu weiteren Feinden der Bienen zählt eine Kröte, die in D. H. Lawrence’ funkelnder Erzählung Die Jungfrau und der Zigeuner vorm Strohkorb hockt, um die ausfliegenden Bienen wie von der Wäsche-leine zu pflücken.

Ärgster Feind ist keineswegs die Grabwespe namens Bienenwolf, die mangels ungestörter Nistplätze bereits auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht. Sondern die Chemieindustrie. Die mit Insektiziden von Firmen wie Bayer Cropscience gebeizten Raps-, Sonnenblumen- und Maisfelder sorgen unter Bienenvölkern bereits für Mas-senmorde. Statt ihre Gifte vom Markt zu nehmen, tüfteln diese Weißkittel inzwischen an „jungfernfrüchtigen“ Pflanzen, die nicht mehr bestäubt werden müssen. Somit wird es demnächst ohne Bienen und bald darauf auch ohne Menschen gehen. Ihre KritikerInnen bekämpfen die Weißkittel bereits heute so erbittert, daß der Einsatz von Insektiziden auch an dieser Front nur noch eine Frage der Zeit ist.

Erfreulicherweise hatten die Bienen auch immer Freunde. Einer der merkwürdigsten war der Salzburger Imker und Schriftsteller Georg Rendl. Er brachte es fertig, in seinem Bienenroman von 1931 auf 200 Druckseiten nicht einen Imker und auch sonst keinen Menschen vorzuführen. Der Roman spielt ausschließlich unter Bienen. Verfolgt man jedoch, wie Rendl jede einzelne Biene im Volksganzen auf- und untergehen läßt, weiß man, woher damals der Wind wehte. Bis Berchtesgaden war es nicht weit.


Ein waghalsiger Melker

Erstaunlicherweise wurde Bill Haast steinalt. Der 1910 geborene US-Bürger aus Florida war Schlangenforscher und Giftabzapfer. Rechnet man seine aktive Zeit mit 70 Jahren, wurde er ungefähr dreimal jährlich gebissen, aber mit der Zeit, wie es aussieht, auch nahezu immun. In seiner Hochzeit beraubte Haast seine Schlangen Tag für Tag ihres Giftes vor den Besuchern seines in Miami gelegenen Serpentariums, wie sich auf Schlangen spezi-alisierte Reptilien-Zoos gern nennen. Er preßte den „Hals“ (und die Giftdrüsen) der Schlange mit bloßen Fingern und zwang sie so, in ein Glas zu speien, in dessen Gummimem-brane sie ihre Giftzähne geschlagen hatte. Die Ausbeute dieses „Melkens“ führte der Zoo-Chef medizinischen Zwecken zu, teils für Arzneimittel, teils für die Forschung. 1977 war ein spektakulärer Tod zu beklagen: ein Sechs-jähriger fällt von der Mauerkrone ins Krokodilbecken und wird von einem Alligator getötet, obwohl sofort zwei beherzte Männer ins Wasser springen und das Tier zu würgen versuchen. Die Eltern machen dem Inhaber allerdings keine Vorwürfe. Bald darauf, wohl auch aus Altersgründen, schließt Haast seine Touristenattraktion. Das Giftabzapfen gibt er erst 2003 auf, nachdem er durch einen Biß einen Finger verloren hat. 2008 sagt er in einem Interview: „Aging is hard. Sometimes, you feel useless. But I always felt I would live this long. It was intuitive. I always told people I'd live past 100, and I still feel I will. Is it the venom? I don't know.“ In der Tat erreicht er die 100, dann stirbt er, im Sommer 2011.

Weltweit gibt es ungefähr 200 Giftschlangenarten, deren Bisse gefährlich oder gar tödlich sind. Davon lassen sich in Deutschland lediglich zwei antreffen, die Aspisviper und die Kreuzotter, beide von ähnlichem Kaliber. In der Regel sind die Bisse dieser Schlangen nicht tödlich. Neuerdings, seit 2012, hat sogar die Gegend, aus der ich stamme, ein Serpentarium zu bieten. Ralph Braun, Mitte 40, und Familie betreiben es in Calden bei Kassel. Wie sich heutzutage versteht, betont Herpetologe Braun auf seiner Webseite die „artgerechte“ und „naturnahe“ Haltung der rund 130 Schlangen (aus 40 Arten), die in mehreren, unterschiedlich klimatisierten Räumen oder Anbauten seines Meimbressener Eigenheimes zu besichtigen sind. Eintritt fünf bis acht Euro. Herpetologen nennen sich die Fachleute für Amphibien/Lurche und Reptilien/Kriech-tiere. Braun, im Brotberuf technischer Angestellter, hält aus privater Leidenschaft seit bald 30 Jahren Schlangen, ist aber, nach eigener Aussage, erst einmal gebissen worden, und zwar nicht lebensbedrohlich. Viel Arbeit machen ihm seine Exoten nicht, da junge Schlangen lediglich einmal wöchentlich, alte nur einmal monatlich gefüttert werden müssen. Dann reicht ihnen Braun, einem Bericht der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen zufolge, mit einer langen Pinzette „tote Mäuse, Ratten, Küken oder Forellen“ ins Terrarium. Wo er die hernimmt, verrät die HNA nicht.

Ich sehe auf Anhieb drei Möglichkeiten. 1. Brauns Haus wimmelt von Fallen, sein Grundstück von Hühnern. 2. Er macht sämtlichen Meimbressener Katzen Konkurrenz, weil er Jagd- und Angelschein hat. 3. Bekannt, wie Braun ist, dient sein Betrieb den Bewohnern des Landkreises als Kleintierleichenverwertungsanstalt.


Supercat

Als BewohnerIn einer Gartenhütte liegt der Mensch ohne Zweifel näher am Busen der Natur als im 5. Stock eines Plattenbaus. Allerdings tanzt ihm dafür die heimische Fauna auf dem Kopf herum. Kürzlich hatte ich sogar eine randalierende Kohlmeise aus meinem Ofen zu fischen, weil sie die Rohrmündung mit einem Futterring verwechselt hatte. Immerhin war der Ofen außer Betrieb, sonst hätte ich nicht mehr viel von ihr gefunden. Sie hatte sich bereits durch die ¼-Aussparung der oberen Abzugsklappe gezwängt. Deutlich schwärzer als vorher durch die nun geöffnete Ofentür auf meine Veranda gestoben, schimpfte sie mich auch noch aus.

Die oben erwähnten Äpfel ließ ich nicht lange auf der Brüstung meiner Veranda liegen. Selbst Nahrungsmittel, die ich dort abends unter die Dachsparren hänge, sind morgens von Katzen, Ratten, Siebenschläfern weg- oder jedenfalls angefressen. Zum Trost bleibt mir ihr Kot. Die Spinnen verkleben die Bude mit ihren Netzen. Die Stechmücken, soweit sie erschlagen werden konnten, kleben rot an den Wänden. Übrigens lassen sich ihre Stiche mit Salbei oder Minzöl lindern, während gegen die „Ohrwürmer“ genannten braunen Zwergkrokodile in der ganzen Hütte kein Kraut gewachsen ist. Sie finden jede Ritze und verstecken sich unter jedem Teelöffel, den man für drei Sekunden unbeobachtet läßt. Wandle ich in der Abenddämmerung Richtung Kompostklo um meine Hütte, trete ich nur deshalb nicht auf irgendeinen Igel, weil sich diese Zwergstachelbären zumindest während der Sommer-monate unter röchelnden oder schnarchenden Geräu-schen, die einen Toten aufwecken würden, zu paaren pflegen. Vielleicht suchen sie die Nähe meiner Behausung, weil sie stinken, wie schon Alfred Brehm wußte.

Die größten Schweine sind freilich die Mäuse. Listig unterlaufen sie alle vom Menschen mühsam ersonnenen Miet- und sonstigen Nutzungsverträge, finden ihren Einschlupf in meine Doppelschalenwände und lassen deren Styroporfüllung durch ihren Darm wandern, wäh-rend sie knabbernd und raschelnd durch Kriechkeller oder Dachstuhl flitzen und ihre Jungen im Dutzend werfen. Gott sei Dank – oder asiatischer Kinderarbeit – nehmen sie meine 5-Euro-Supercat-Plastikfalle aus dem Baumarkt an. Es gibt nichts Hundsgemeineres. Vom lieblichen Schokoladenduft des „Dauerköders“ schwachgemacht, hat Mäuschen nicht den Hauch einer Chance. Es käme nie auf die Idee, ein Küßchen könne ein Fallbeil auslösen. Immerhin ist es in der Regel auf der Stelle mausetot, während sich der Fisch am vermeintlichen Leckerbissen noch ein Weilchen den Schlund aufreißen darf.

Die Krone der Quälerei behalten wir allerdings Art-genossen vor. Dem eingesperrten Deliquenten wird sein Ende in einer sogenannten Todeszelle eingeschärft, was sich bekanntlich über Monate oder Jahre hinziehen kann. Die Revolutionäre halten auf allen taktischen Ebenen durchaus mit. Steinbeck stellt in Jenseits von Eden fest, bei der mißglückten Strafexpedition unter Führung General Jack Pershings hätten sich Pancho Villas mexika-nische Mannen gerade im Hinterhaltlegen als die Geschickteren erwiesen.


Igel

Für EigenbrötlerInnen ist er der ideale Untermieter, solange sie ihn in Ruhe lassen. Als ich ihn damals wegen der ersten Miete antippte – er bewohnte den fußknöchel-hohen Kelleraum meiner aufgebockten Gartenhütte – brannte mir minutenlang die Fingerkuppe wie von den Giftpfeilen jener Eingeborenen, die sich auf ihren Südsee-inseln gegen die Bringer des christlichen Seelenheils und die Abholer ihrer Riesenschildkröteneier einzuigeln versuchten.

Der Thüringer Alfred Brehm, in Renthendorf bei Jena geboren und 1884 auch wieder gestorben, versichert uns, selbst Grobschmieden oder Boxern mit Fingerhand-schuhen falle es schwer, einen zusammengeballten Igel gegen dessen Willen zu entfalten. Bei manchen Indianer-stämmen bedurfte es lediglich einiger Fässer Branntwein und Kisten mit Bibeln und Gesangbüchern, um ihre Deckung aufzureißen. Während sie johlend Ein feste Burg ist unser Gott sangen, gruben ihnen ihre Bekehrer die Bodenschätze unterm Hintern weg. Für die Grünen waren dann schon etliche altersabgesicherte Parlamentsmandate und der Außenministerposten für Genossen Fischer erforderlich. So aufgebrochen, werfen sie ihre Angeln inzwischen bis nach Afghanistan aus, um das besonders knusprige Paschtunenfleisch an Deutschland zu ziehen.

Mein Igel schlürft lieber Vogeleier aus, sofern er zu diesem Zwecke nicht klettern muß. Bei schönem Wetter scheint er sich gern in dem Reisighaufen hinter meiner Hütte aufzu-halten. Da dürfte er von verlorenen Adlereiern tagträumen, die auf meine im Gras ausgelegten Trittsteine krachen. Jenseits des Haufens liegt Gregors Hühnerhof – an die Legenester im Stallregal kommt Igel nicht ran. Brehm behauptet allerdings, der „drollige, gute, furchtsame“ Bursche schlage sich „redlich unter Mühe und Arbeit“ durchs Leben. Diese Redlichkeit ist jenen bienenfleißigen Überrednern, von denen es in Berlins Regierungsgebäuden wimmelt, fremder als dem Igel ein Hemd.


Kartoffellese

Pauls knallrot lackierter alter Porsche-Traktor ist gerade klein genug, um sich zwischen zwei Kartoffelzeilen über eine dritte Kartoffelzeile herzumachen. Er frißt vorn Kartoffelkraut und wirft hinten Kartoffeln aus. Dafür sorgt, genauer gesagt, der angespannte museumsreife Roder, dessen Gabelzinkenrad quer zu den Kartoffelzeilen steht.

Während sich die Staubfahnen mit dem blauen Himmel oder dem großfingrigen Laub der Walnußbäume ver-mischen, die den Acker zum Dorf hin säumen, heißt es sich wieder bücken. Immer zwei Leute arbeiten halbwegs gerecht eingeteilt aufeinander zu. Die meisten Leute sind Frauen. Ginge es nach Peter Hacks' Gedicht „Kartoffel-frauen“, müßten sie „fröstelnd auf dem Bauch rutschen“, damit der Endreim stimmt und der wohl selten auf landwirtschaftlich genutzten Flächen hackende Dichter seufzen kann: „ihr auch?“

Pauls halbwüchsiger Sohn rutscht als einziger Beteiligter auf seinem Hintern hinter den Kartoffeln her. Auch dem Knieen oder Hocken wird das Sichbücken vorgezogen. Nach der Theorie des Kleineren Übels sind Kreuzschmer-zen weniger schlimm als drei Tage Muskelkater in den Oberschenkeln. Auf diesen kann man sich beim Bücken und Lesen mit dem jeweils freien Arm abstützen. Daneben hilft zur Linderung nur häufiges Sichrecken. Der nahe-liegende Versuch, zwecks Ersparnis von Bücklingen die beiden Lesebehälter mit den Schuhen vorwärts zu schie-ben, scheitert am vom Zinkenrad des Roders aufgewühlten Acker. Der Plastikeimer mit „Schweinekartoffeln“ kippt dabei um. In ihn wandern die sehr kleinen und die vom Roder verletzten Kartoffeln. Die anderen werden in einem kleinen Drahtkorb gesammelt, damit die Erde durchfällt. Ist er voll, schüttet man die Ausbeute in den nächstgele-genen geräumigen, steifen Plastiksack, der zwei Schlaufen für den Frontlader eines großen Schleppers hat. Zudem haben sich wegen der erfreulichen Septemberwärme immer mehr Jacken und Halstücher um ihn versammelt. Vom Kirchturm aus dürften die weißen Kartoffelbehälter deshalb an Blüten riesiger tropischer Orchideen erinnern, die wegen des vielbeschworenen „Klimawandels“ nach Europa ausgewandert sind, wo sie die einheimische Flora mühelos niederhalten können.

Als es sechs läutet, sind die Kartoffeln im Sack und die Kreuze im Eimer. Paul ist des Lobes voll. Neben einem prallen Beutel, der so eben in meinen Fahrradkorb paßt, nehme ich einige Eßlöffel voll Ackerkrume mit nach Hause. Allerdings klemmt, preßt und schwärt sie unter meinen Fingernägeln. Bekanntlich hassen wir zugesetzte Fingernägel, sogenannte „Trauerränder“, von Kindes-beinen an. Ich wüßte nur nicht, warum. Hatten Legionen von positiv gestimmten Müttern sie als Brutstätten für Bakterien, Flöhe, Gespenster hingestellt?

Die Walnußbäume, die ich abradele, kennen keinen Haß. In Kürze werden ihre Früchte ebenfalls auf dem Acker liegen. Dann heißt es sich schon wieder bücken, um die Kartoffeln des Himmels zu ernten.

Zugabe: himmel und erde (mp3, 940 KB)


Mücken

Als Hanns Cibulka die 70 überschritten hat, trotzt er dem absehbarem Vorwurf, er bliese Mücken zu Elefanten auf. Sie seien überall. Am Dnepr hätte er sich von dem Pack das Wolhynische Fieber, in Sizilien die Malaria tertiana geholt, klagt er in seinem wahrscheinlich besten Buch Am Brük-kenwehr von 1994. „Ein Leben lang haben sie mich ver-folgt.“ Dabei so manchen Sommer nur 15 Kilometer süd-lich meiner eigenen Hütte über dem Flußtal der Apfelstädt, wo der langjährige Leiter der Gothaer Stadtbücherei ein Ferienhäuschen besaß. Hier blinkt echte DDR-Solidarität auf.

Dagegen hat sich das 1951 in Leipzig erschienene Werk Stechmücken von Herrn Prof. Dr. Fritz Peus als wenig hilfreich erwiesen. Zwar bringt Peus das köstlich trockene Gedicht von Wilhelm Busch, spart auch sonst nicht mit Humor, verschont mich dafür von sozialistischen Durch-halteparolen. Doch was habe ich davon, sämtliche Mük-kenarten und deren Metamorphosen unterscheiden zu können, wenn mir Peus die all- und hundsgemeine Kampftaktik der Mücken nicht enthüllt. Da heißt es opferbereit eigene Erfahrung sammeln. Welcher rüstungs-technische Aufwand an Eiern, Larven, Imagines, Pfoten, Rüsseln, ja sogar Ruderbooten, nur um mir aus dem Hinterhalt heraus ein bißchen linksradikales Blut abzuzapfen! Prompt ziehe ich mit selbstgebauten, genau eingepaßten Fliegengittern für meine beiden Hüttenfenster nach – auf daß die Mücken gefälligst ordentlich durch den Türspalt eintreten, wie ich selber, wenn ich einmal einkaufen oder austreten war. Also für die Nacht auch noch einen von der Hüttendecke wallenden Betthimmel anschaffen, im Handel „Moskitonetz“ genannt. Ohne es wäre ich statt Träumer längst Amokläufer.

Allerdings scheinen noch die heimtückischsten Blut-saugerInnen ihre FürsprecherInnen zu haben. In Pentti Haanpääs um 1930 entstandenen Roman Der Teufelskreis ziehen Pate Teikka und Raunio die Mückenschwärme beim Marsch durch Lappland wie einen „Trauerschleier“ hinter sich her. „Doch das scharf riechende Kienöl schützte sie im allgemeinen vor Mückenstichen. Wieviel dieser grauen, hartnäckigen Wesen mochte es in den Wäldern und Sümpfen geben! Und wie erbärmlich ihr Leben war! Für die meisten blieb so ein Blutstropfen nur ein Traum. Was für ein Glück für jene, die in die Nähe der beiden umher-streifenden Menschen geraten waren! Und nun gelangte nur giftiges Kienöl in ihre Stechrüssel. Trotzdem hatten sie es eilig, ließen nicht ab, lebten ihr kurzes Leben ungestüm und tapfer.“

Wohl sind die sogenannten Schiffchen der Mücken – ihre Eierverbände – auch außerhalb der finnischen Tundra auf jedem Tümpel und in jeder Regentonne zu finden, doch bei ihren Opfern sind sie wählerisch. Es heißt, vor allem ein hoher Milchsäurengehalt der Haut und die entspre-chende Ausdünstung zögen sie magisch an. Demnach wäre es vergebens, wenn ehemalige, nun eigenbrötlernde Berufssoldaten ihr (in der Regel weißes) Moskitonetz mit Tarnfarbe anstrichen; die Mücken stecken ihre Nase und ihren Stachel trotzdem unfehlbar durch die Maschen, sofern es verheißungsvoll aus diesen mieft. Vermutlich bin ich bereits als Säugling ziemlich sauer gewesen, da die Melancholie ja irgendwo herkommen muß. Lichtenberg stammte womöglich vom Sauerampfer ab; deshalb sein Zwergenwuchs. Die rührende Ehrfurcht, die Bauernsohn Haanpää (mitten in der Weltwirtschaftskrise!) einer blutsaugerischen Schöpfung entgegenbringt, ist dem Physikprofessor aus Göttingen fremd. Er bewundert Mückenflügel nicht mehr und nicht weniger wie Taschen-uhren, hält aber die Welt insgesamt für mißlungen. Selbstverständlich sei auch eine Welt ohne Krankheit, Schmerz, Tod denkbar, denn man denke sich ja den Himmel so. Vor allem ohne Mückenstich.


Ein Anwalt der Schweine

Dreckschwein, Dumme Sau, Schweinepriester, Blutwurst, Eisbein, Sülze – mein Gott, welches Tier wäre gebeutelter! Der russische Tiertrainer und Clown Wladimir L. Durow, gestorben 1934, mißbrauchte es typisch bolschewistisch sogar für agitatorische Zwecke. Bei einem Gastspiel im wilhelminischen Berlin redete Durow ein Schwein, dem er einen Helm verpaßt hatte, mit „Wil“ an. Als die Pickel-haube dem unruhigen Tier zu entfallen drohte, machte Durow es gestikulierend auf die Gefahr aufmerksam. Dabei rief er: „Wil – Helm! Wil – Helm!“

Die Nummer brachte Durow die Ausweisung aus dem Kaiserreich ein. Wie sein Zeitgenosse und Landsmann Ilja Ehrenburg (in seinen Memoiren) berichtet, hat sich auch der linke Pariser Verleger Merle der Schweine nicht ohne Pfiff bedient. Merle pflegte die Schweine auf seinem Landgut nach seinen schlimmsten Feinden zu nennen. Seine Freunde beschenkte er dann, nach dem Schlachten, mit Schinken. Vernünftigen Menschen galt das Schwein schon immer als überaus nützliches Tier. Neben dem Fleisch lieferte es Fensterscheiben (in Form der ausge-spannten Harnblase), Leder, Borsten und manches mehr. Im Mittelalter wurde es zahlreicher als Rind und Schaf gehalten. Die Schweinehirten trieben es auf die Huten, die oft von Eichen oder Buchen beschirmt waren, wegen der Eicheln und Bucheckern. Die Schweine wurden auch als AbfallverwerterInnen geschätzt; sie verwandelten nahezu sämtliche Küchenabfälle und Speisenreste in wohlschmek-kendes Schweinefleisch. Lewis Mumford nimmt an, man habe sie vor allem wegen dieser Rolle schon in der Jung-steinzeit gezüchtet. Die Hunde waren zu antivegetarisch gesinnt.

Im Germanischen Langhaus lebte man mit dem Schwein innig zusammen; im heutigen Mexiko oder auf vielen Südseeinseln wird es noch immer so gepflogen. Von Hause aus ist das Schwein keineswegs ein Schmutzfink. Es legt auf seiner Weide Kotecken an, wenn man es gewähren läßt. In der Suhle wälzt es sich, um sich abzukühlen und seine Schwarte mit einer schützenden Rinde gegen Ungeziefer zu ummanteln. Nebenbei ist das Suhlen sicherlich auch geil. Nicht wenig zur Verleumdung des Schweines trug das Alte Testament bei, in dem es unter anderem heißt, man solle keine Perlen vor die Säue werfen. Habe ich wieder einmal Bekannte mit einem Buch oder einer CD beschenkt, um dafür Dankbarkeit und Kommen-tare zu ernten, die auf eine Briefmarke passen, denke ich zwar ähnlich, greife jedoch aufs Französische zurück. In unserem ohne Zweifel kultivierteren Nachbarland seufzt man in solchen Fällen, man habe wieder einmal „Marmelade für Schweine“ gegeben.

Wahrscheinlich wäre Reinhard Mey ähnlich wenig begeistert, wenn ich ihm eine CD von mir schenkte. Um eine Lanze für es zu brechen, hat der Meister des geho-benen Ohrenschmalzes dem Schwein ein feingezupftes Lied mit dem Titel Die Würde des Schweins ist unan-tastbar gewidmet. Der Titel täuscht; es handelt sich nicht um Satire. Der säuselnde Barde mit dem Bundesverdienst-kreuz vergewaltigt die Reime und die Grammatik immer nur zu guten Zwecken. Er hat den Kitsch über alle Rock- und Punkeinbrüche hinweg ins 21. Jahrhundert gerettet.


Philipp von Frankreich

An einem sonnigen Oktobertag des Jahres 1131 wühlte im Pariser Stadteil Greve ein Schwein in einem Unrathaufen am Ufer der Seine. Als ein Trupp Berittener vorbeitrabte, erschreckte es sich heftig genug, um einem Pferd aus dem Trupp zwischen die Beine zu rennen. Prompt scheute nun auch das Pferd und beförderte seinen erst 15 Jahre alten Reiter über seinen Schädel im hohen Bogen aufs Pflaster des Seine-Kais. Zum Unglück des Abgeworfenen zählte der Umstand, daß er nicht so gut gepolstert wie sein Vater war, der französische König Ludwig VI., genannt der Dicke. Deshalb gab Prinz Philipp von Frankreich, der als Ältester des Dicken Thronfolger und bereits Mitregent gewesen war, am folgenden Tag seinen durchaus aufs Wohl der Schweine, nicht aber der Bauern bedachten Geist auf.

Beweisfoto


Das Pferd

Wie noch viel zu wenig bekannt ist, stellte es für Voltaire den Maßstab aller Dinge in der besten aller Welten dar. Eine solche Welt wird durch bewegte Harmonie ausgemacht. Bei 1 bis 4 PS lassen sich Zusammenstöße weitgehend vermeiden. Ein Tagesritt führt einen nicht gleich in die Fremde. Ist nicht der Reiter die Last, sind es die Möbel meiner seligen Großeltern, die mittels Pferde-gespann vom Bahn- zum Bauernhof befördert wurden. In einer nichtüberfüllten und nichtgeschwindigkeitssüchtigen Welt dürfte das Pferd – als Nutztier statt Sportgerät – konkurrenzlos sein.

Der Sprit des Pferdes wächst auf Wiesen beständig nach und liefert in Gestalt von Äpfeln auch noch wertvollen Dung. PferdekennerInnen versichern, im Gegensatz zu einem Auto könnten sie sich mit ihrem Transportmittel sogar unterhalten. Es soll schon zu Eifersuchtsszenen und Sodomie gekommen sein. Bei Kassel besuchte ich einmal eine ökologische Messe, die im Fach Landbau einige neuentwickelte Maschinen für Pferdegespanne oder Einzelpferde vorstellte. Es gab sogar einen verstümmelt wirkenden „Andock-Wagen“, an dessen Zapfwelle sich wiederum andere Maschinenfahrzeuge anschließen ließen, deren Messer, Gabeln und dergleichen durch die routie-rende Welle angetrieben wurden. Ich persönlich mache mir aus großflächigem Landbau wenig, sodaß ich diese Maschinen gar nicht benötigen würde. Für größere Kommunen wie Niederkaufungen, Longo Mai, Twin Oaks kämen sie vielleicht in Frage. Doch sie alle kennen die Ausrede, man stünde unter Sachzwängen und könne sich nicht den Zeichen der Zeit entziehen. Alle setzen zuneh-mend auf motorgetriebene Maschinen – und treiben so ihre Ansprüche in die Höhe. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch des Kaufunger Kommunarden, Miet- und Rentenbeiträge eingeschlossen, steht inzwischen (um 2008) auf rund 1.000 Euro im Monat, kein Pappenstiel.

Was Wunder, wenn Voltaire von daher auch die beliebte Überzüchtung des Pferdes geißelte. Sie ist unnötig. Die Prärieindianer fingen ihre Mustangs ein und zähmten sie unter vertretbaren Mühen. Eine Ausnahme mutet sich lediglich Welskopf-Henrichs jugendlicher Held Harka zu, der unbedingt den geheimnisumwitterten „Zauberhengst“ besitzen will. Schließlich bringt er das ungemein feurige und kluge falbe Leitpferd mitten im Schnee des Felsen-gebirges zu Fall. Bald darauf liegt es verschnürt wie ein Paket auf der Seite. Harka holt seine große Büffelhaut und kriecht mit dem Objekt seiner Begierde unter eine Decke. Viele Tage und Nächte lang streichelt er den Falben und singt ihm besänftigende Indianerlieder ins Ohr. Allmählich kann er die Fesseln lockern. Schließlich folgt ihm der Hengst wie ein Lamm – aber nur ihm. Dieser Hengst wird Harka mehr als einmal das Leben retten.

Harkas Landsmann Ambrose Bierce, ein Weißer, beschränkte sich vor rund 100 Jahren (in seinem Wörter-buch des Teufels) zum Stichwort Pferd auf die Bemerkung: „Begründer und Bewahrer der Zivilisation“. Nur die „Rothäute“ hat es nicht bewahrt.

Zugabe: das pferd (mp3, 2.782 KB) , CD Schneeschippen


Die Ziege

In Hartz-IV-Kreisen wird sie als „Kuh des Kleinen Mannes“, in antimilitaristischen als dessen Wachhund geschätzt. Die Ziege braucht wenig Platz und ist genügsam. Wird sie nicht daran gehindert, kann sie allerdings unter Umständen ganze Landschaften kahlfressen, da sie Gräsern Kräuter und Laub vorzieht. Wiesensalbei und Trollblume wagt sie immerhin nicht anzutasten. Sie liefert wie die Kuh Fleisch, Leder, Käse, gibt aber mehr Milch als ein Schaf. Sie teilt sich ihre Weidegründe oder Ställe mit fast allem, was vier Beine oder zwei Flügel hat. Pferde sind bekanntlich Herdentiere. Droht Ihre Fuchsstute zu ver-einsamen, müssen Sie ihr eine „Beistellziege“ verordnen. Andja, die Ziege des alten Fischers Gorian, teilt sich ihren Stall mit fünf Hühnern. Allerdings wissen das Branko und Die rote Zora nicht, die dem Alten im Morgengrauen zwei Hühner stehlen. Kaum sind die Gickel in den Sack gestopft, fängt plötzlich eine Ziege an zu meckern! So bekommt Gorian den Diebstahl mit – nur hockt er leider gerade auf See in seinem Boot. Er ertappt Branko und Zora erst in der nächsten Nacht, als sie die beiden Hühner reumütig zurück zu schmuggeln gedenken! Die Kinder dürfen mit ins Boot, Thunfische jagen.

Ob Gorian seine gute Andja an Land als Last- und Zugtier einsetzte – wie seit altersher in aller Welt – teilt Roman-autor Kurt Held nicht mit. Schon der Streitwagen des germanischen Donnergottes Thor wird von zwei Ziegen-böcken gezogen. Einen benebelten Abglanz davon geben heute nur noch johlende Männer am sogenannten Vater-tag, sieht man einmal vom touristischen Fahrgeschäft ab, das Zugtiere zu Affen herabwürdigt, auf daß sie mit dem Niveau der Fahrgäste Schritt halten können. Wo sie auch gröhlen oder tuscheln mögen, sie streifen jede Wette einen Ziegenberg. Die hohe Wertschätzung, die Ziegen seit der Jungsteinzeit genießen, drückt sich ferner in zahlreichen Namen von Pflanzen (beispielsweise Geißbart), Tieren (der Vogel Ziegenmelker) und Ortschaften aus. Ziegenhain, ehemals Residenz- und Kreisstadt, liegt an einem Fluß meiner Kindheit, der mittel- und nordhessischen Schwalm. Die GestalterInnen des Ziegenhainer Stadtwappens nahmen Helds Rote Zora vorweg: Das stilisierte kämpfe-rische Wappentier sieht unter der Gürtellinie wie ein Hahn, über ihr wie ein Ziegenbock aus, und zu allem Überfluß schreitet es in den Strahlen eines roten Sternes.

Das Wappen ist im Wikipedia-Artikel über Ziegenhain abgebildet, oder hier. Der schweizer Clown Marco Morelli hat ebenfalls ein Herz für Ziegen. Auf seiner Webseite erwähnt er einen alten Tessiner Bergbauern aus seiner Jugendzeit, den er beim „Metzgen“ seiner alten Geiß beobachten konnte. Diese Ziege hatte dem Mann seit vielen Jahren Milch und Käse und etliche Zicklein beschert. Nun saß er hinter dem Stall auf einem Stein, fütterte das Tier mit Heu, liebkoste es, sprach mit ihm ... „Über eine halbe Stunde lang ging das Abschiednehmen, ruhig, zärtlich und friedlich. Dann hat er sie umarmt und mit dem Messer einen gekonnten Schnitt durch Hals-schlagader und Kehle gemacht. Das ging alles so schnell wie bedächtig. Kein Knall, kein Zucken, kein Schrei; kein Männer-Helden-Gehabe. Klar hat der Bauer die Geiß gehalten, sehr innig sogar, und so ist sie ihm beim Ausbluten buchstäblich in den Armen 'eingeschlafen'. Das hat mir grossen Eindruck gemacht.“

Laut griechischer Mythologie wurde sogar ein Gott, nämlich Zeus, mit Ziegenmilch aufgezogen – die näheren Umstände sind umstritten. Die einen sagen, die Nymphe Amalthea habe ihm die Ziegenmilch verabreicht; für die anderen war Amalthea selber die Ziege, bot Baby Zeus also ihre Zitzen dar. Montaigne legt die zweite Leseart nahe, wenn er in seinen Essays (um 1600) erwähnt, in den Dörfern der Dordogne werde so manche Amme durch eine Ziege ersetzt. Die müssen da ziemlich großmäulige Säuglinge gehabt haben.


Ein Freiläufer

Die stechende Sonne treibt mich unter die Obstbäume am Hang. Im nächsten Dornengestrüpp jammert der Neun-töter, weil ich seinen Unterricht störe. Er bringt seinen flüggen Sprößlingen bei, „Schlachtbänke“ anzulegen, behauptet die vogelkundliche Literatur. Die erbeuteten Hummeln oder Laubfrösche werden zwecks bequemer Zubereitung, manchmal auch aus Gründen der Vorrats-haltung, zwischen die Dornen geklemmt oder auf sie gespießt und sorgsam mit Pökelsalz eingerieben.

Die Weidenröschenstauden am Bachufer jenseits der Viehweide erinnern stark an Himbeereis – leider nur im Fernglas. Mit den rotbraunen Milchkühen, die gemächlich grasen, schiebt sich ein auffallend wuchtiges, euterloses Exemplar an meinem Himbeerhorizont vorbei. Ich vermute den „freilaufenden Bullen“ in ihm, vor dem die Schilder am Elektrozaun warnen. Er schleppt sich freilich besorgniserregend schwankend dahin; gleich wird er vor lauter Kraft auf seinen blitzenden Nasenring fallen. Ab und zu beschnüffelt er die Schwanzwurzel einer Kuh, dann rupft er wieder lustlos ein paar Grashalme.

Im Gegensatz zu sämtlichen Kühen zeigt der Koloß kein Gehörn, dafür aber einen gewaltigen Kehllappen. Nimmt man seinen berstend prallen Hodensack hinzu, der ihm bald auf den Hinterhufen schleift, ist der Taumelgang des Bullen schon erklärt. In einer Stierkampfarena dürften solche Wesensmerkmale ein echtes Handicap darstellen. Spanien sieht jährlich rund 2.000 Stierkämpfe, bei denen rund 40.000 Stiere daran glauben müssen – an was? An die Gerechtigkeit bestimmt nicht. Doch F. G. Jünger behauptet in Die Spiele, zwischen Stier und Matador herrsche Gleichheit. Strenge Spielregeln hielten Riesen-stärke und Zwergenscharfsinn in der Waage. Auch sei ja dieses bewegende Schauspiel ohne den Stier gar nicht denkbar. Am Ende, Degen im Schlund, werde er sogar eins mit dem siegreichen Matador.

Wäre aber vielleicht eine Welt ohne Matadoren denkbar? Dergleichen Fragen umgeht Jünger so elegant und vollständig wie die Qualen des Stiers. Selbst die Sozialistin Simone de Beauvoir bricht in Der Lauf der Dinge eine Lanze für den Stierkampf. Sie hat die Stirn zu betonen, allerdings dürfe kein Mensch zu diesem waghalsigen Kräftemessen gezwungen werden – etwa aus materieller Not oder angestacheltem Ehrgefühl. Demnach begibt sich der Stier aus freien Stücken in die Arena. Er kann es kaum erwarten – wie Jünger schreibt – des Kampfes „ruhender Pol“ zu werden.

Der zeitweilige Spanienberichterstatter Ilja Ehrenburg bringt die Sache (in seinen Memoiren) auf den Punkt. „Der Stierkampf war mir stets zuwider. Wie oft habe ich darüber mit Hemingway gestritten! Die aufgeschlitzten Bäuche alter, ausgedienter Pferde, die Pfeile im Nacken kopfscheu gewordener Stiere, das Blut auf dem Sand der Arena – all diesen Dingen konnte ich überhaupt nichts abgewinnen. Ich fand sie schlichtweg abscheulich. Am allerabscheu-lichsten jedoch fand ich den Betrug: Der Stier kennt die Spielregeln ja gar nicht. Er läuft direkt auf den Feind zu, während dieser rechtzeitig um ein weniges zur Seite weicht.“

Der Mensch die Krone der Schöpfung? – Ja, als Verkör-perung der Hinterhältigkeit.


Käfighaltung

Jedesmal, wenn ich vertretungsweise Gregors Hühner füttere, bestätigt sich, wie beliebt ich in ihren Kreisen bin. Sie bestürmen mich und überschlagen sich fast vor Freude darüber, mich wieder einmal sehen zu dürfen. Für einen Knust ranzigen Schwarzbrots würden sie mir bis nach Guantanamo folgen.

Rostock wäre vielleicht auch noch eine Reise wert. Beim Heiligendammer Gipfel der Heuchelei 2007 hatte die Polizei in verwaisten Lagerhallen Käfige für solche Demonstranten, Journalisten, Rechtsanwälte aufgestellt, deren Anblick den sieben größten Kampfhähnen der Welt und unserer Kampfhenne Merkel nur in gerastertem Zustand zumutbar war. Merkel soll auch die Fäden bei der Verlängerung unserer Legehennenverordnung gezogen haben. Jetzt ist es noch bis 2020 erlaubt, Legehennen auf den berüchtigten DIN-A-4-Grundflächen zu halten, auf denen naturgemäß selten Gras wächst. Sollte bis dahin auch schon das erste Atomkraftwerk stillgelegt worden sein, könnten die Legehennen in den Reaktor umziehen.

Als ich Gregor zu bedenken gab, in einem Medizinball groß zu werden, sei vielleicht auch kein Vergnügen, sah er mich stirnrunzelnd an. Ich erklärte, laut etlichen Psychothera-peuten hätten wir die verbreiteten Platz-, Fesselungs-, Käfigängste letztlich dem Uterus und dem Geburtskanal unserer Mütter zu verdanken. Andererseits bietet ein Uterus gleichwohl eine enorme Geborgenheit. Daraus verstoßen zu werden, kann zu üblen Trennungsängsten führen. Um dieser Klemme aus Angst vor Einkerkerung und „Furcht vor der Freiheit“ (Erich Fromm) auszuwei-chen, schliddert mancher Zweibeiner zeitlebens wie auf Hühnerkot durch die Gegend. Da mit dem Geburtsvorgang verbunden, könnte man sie sicherlich auch „Urambiva-lenz“ nennen, womit sie gleichsam die Mutter aller Widersprüche wäre.


Gänseschmalz

Wie im Jägerlatein das Wort töten nicht vorkommt, kennen die Händler den Anblick von Leichen nicht. Von den Schachteln im Supermarkt wedeln uns die Hühner die Eier mit lustig flatternden Flügeln geradezu in den Mund; sie wären gekränkt, ließen wir sie auf ihren Eiern sitzen – bevor sie selber in die Suppe wandern. Das rosige Schwein auf dem Dosendeckel quiekt vor Vergnügen, weil es kaum erwarten kann, in Leberwurst verwandelt zu werden. Fröhlich schnatternd und gereckten Halses ziehen die Gänse ums Schmalztöpfchen; sie gieren danach, ihre Köpfe zu verlieren.

Erwischen wir zufällig ein schmalzloses Töpfchen, besteht kein Grund zur Panik, denn es handelt sich lediglich um eine Mogelpackung. Stecken wir auf längere Sicht zu viel Gänseschmalz in uns hinein, neigen wir zur Korpulenz. Seeliger behauptet, Fremdworte seien schlecht. Sie gäben im günstigsten Fall die Ansicht eines Dinges, während nur die „eigenwüchsigen“ Worte für so etwas wie Erleuchtung, Durchstrahlung, Wesen und Wahrheit gut seien. Wahr-scheinlich hat er recht. Bei Korpulenz steht mir zwar ein Dicker vor Augen, doch warum er dick ist und was davon zu halten sei, deutet dieses Wort nicht an. Nenne ich ihn fett, kommen wir der Sache schon näher. Er hat seiner zarten Verfassung Gewalt angetan.

Ferner behauptet Seeliger, die gewalttätigste Sprache sei Latein. Ich habe es nie erlernt, doch aus Ehrenburgs vorzüglichem Babeuf-Roman geht hervor, wie gern sich bluttriefende französische Revolutionäre um 1790 mit römischen Tuniken oder Vasen schmückten. Außerdem pinkelt Goetheverehrer Seeliger Friedrich „den Großen“ an. „Wenn F. deutsch sprach und schrieb, dachte er meistens richtig, wenn er französisch dachte, schwindelte er immer.“ Ich fürchte, ein Seitenstück von Seeligers Schollenseligkeit ist seine Verherrlichung der deutschen Sprache. In beidem keimt Rassismus.


Die Rüsselzwergfledermaus

Im Hochsommer muß sich der Vogelfreund nach Alter-nativen umsehen. Läßt sich in meinem Garten, der vorwiegend aus Bäumen und Gestrüpp besteht, zuweilen noch das Gelächter eines gelangweilten Grünsprechts oder das öde Verslein „Ich / Ringel /taube, ich / alte / Schraube“ vernehmen, ist es schon viel. Die vier Silben „Taube“ und „Schraube“ trägt sie übrigens doppeltschnell vor, wodurch sie auch noch Platz für den nächsten Auftakt ihres ermüdenden Schlagers schafft. Bei ihr erklingt er ausschließlich auf „uh“, und sie variiert ihn auch im Rhythmus so gut wie nie.

Wegen dieser sinnlichen Armut lenke ich mein Fahrrad im Hochsommer recht häufig bei Ludwig vorbei, der stolzer Besitzer eines über mannshohen Schmetterlingsflieders ist. Da der Strauch unweit des Gartentors steht, muß ich Ludwig noch nicht einmal stören, wenn mir nach einem Viertelstündchen Naturbeobachtung zumute ist. Ludwig hockt in der Regel vor seinem mit drei bis sechs Program-men bestückten wandteppichgroßen Computerbildschirm und hackt emsig auf die Tasten. Lästermäuler könnten seinen Schmetterlingsflieder ebenfalls zur Hardware rechnen. Eigentlich hasse ich diesen Strauch mit seinen etwas ledrig, ja beinahe wächsern wirkenden lanzettlichen Blättern und seinen violetten Blütenständen in Gestalt zugespitzter Walzen oder chinesischer „Schandhüte“. Er ist asiatische Importware. Als Chinese würde ich möglicher-weise Thüringer Klöße mit Rotkraut und Bratworscht hassen, wenn sie vor meinem Haus wüchsen, aber das Schicksal verurteilte mich nun einmal zum Deutschsein. Trotz meiner Intoleranz bin ich natürlich nicht blind: Ludwigs Schmetterlingsflieder ist im Hochsommer, wie es der Name schon andeutet, ein Tummelplatz für Falter aller Art, für Weißlinge, Pfauenaugen, Füchse, Admirale beispielsweise, die ja fast jeder kennt. Wer aber hat schon einmal die Rüsselzwergfledermaus gesehen?

Am Anfang, nachdem ich sie entdeckt hatte, dachte ich, sie hat eine Meise. Während sie trotz ihres gedrungenen, rund drei Zentimeter langen, vorwiegend grau gefärbten behaarten Körpers über der jeweils angepeilten Walze dank rasenden Flügelschlages in der Luft stand, tunkte sie ihren mordslangen, biegsamen Rüssel (der zwischen zwei dünnen „Hörnern“ sitzt) so blitzschnell von einer kleinen Blüte in die andere, daß ich mit dem Zählen und Messen kaum mehr nachkam. Der NABU versicherte mir später, sie könne „in fünf Minuten mehr als hundert Blüten besuchen“. Das wären in 60 Sekunden 20, macht nach Adam Riese pro Besuch drei Sekunden. Und so etwas nennt der NABU Besuch!

Hier feiert offensichtlich die Oberflächlichkeit Triumphe, und nicht nur das. Dieses Schwirren der Rüsselzwerg-fledermaus auf der Stelle, bei Falken oder Fliegenschnäp-pern „Rütteln“ genannt, muß ja Unmengen an Energie kosten, die sie kaum aus einem ganzen Wald von Schmetterlingsfliedersträuchern beziehen könnte, dabei hat nur Ludwig den einzigen Schmetterlingsfliederstrauch weit und breit! Das hatte er sich jedenfalls eingebildet, als er den Strauch pflanzte. Wäre die Rüsselzwergfledermaus klug genug, am Tage im wesentlichen auf der faulen Haut zu liegen, reichte es völlig aus, den Rüssel dreimal täglich in irgendeine Friedhofspetunie zu tunken. Aber nein, sie schwirrt in einer Hektik durch Ludwigs Strauch, die neben dem Energiesparen auch jede Systematik vermissen läßt. Als hüpften die fressenden LPG-Rinder wie von der Tarantel gestochen im Zickzack über die Weide! Aber eine Rüsselzwergfledermaus denkt gar nicht daran zu grasen, dazu ist sie sich zu schade; sie rast. Sie springt in einer Planlosigkeit zwischen den Blütenständen hin und her, die mir Tränen des Mitleids in die Augen treibt. Nach zwei Augustwochen hat sie vermutlich jede zweite Blüte der Walzen schon fünfmal „besucht“, obwohl ja, aus reiner Selbstverschuldung, gar nichts mehr darin zu holen ist, von der Konkurrenz ganz zu schweigen.

Ludwig nennt sie übrigens Zwergkolibri, weil er eben eine Meise fürs Exotische hat. Der NABU dagegen spricht deutsch; er spricht vom Taubenschwänzchen, auch kein übler Name, wie man einräumen muß.

Vielleicht noch ein Wort zu dem sogenannten süßen Duft, der den zahlreichen winzigen, übrigens vierblättrigen Blüten des Schmetterlingsflieders entsteigt. Schnuppert Ludwig daran, verdreht er jedesmal vor Entzückung die Augen und versichert mir einmal mehr, im Vergleich dazu rieche der Jasminstrauch, der unweit meiner Haustür steht, nach Ferkelurin. Gegen Ludwigs Geschmacksver-irrung ist kein Kraut gewachsen. Für mich stinkt ein einzelner Schmetterlingsfliederstrauch aufdringlicher als ein ganzes Pariser Parfüm- und Seifengeschäft, das ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Auch das wird sich bald ändern: dann rufen wir mit einem Mausklick die Duftnote ab.


Sitzender Fuchs

Im jüngsten April stoße ich auf der zum Kalkberg ansteigenden, derzeit noch verwaisten Viehweide, die unweit meines Häuschens liegt, verblüffenderweise auf einige Wiesen-Goldsterne. Da winzig, sind sie leicht zu übersehen und zu zertreten. Somit Glück gehabt, denn die Rindviecher mit den Kötern sind durchaus schon unter-wegs, vorzugsweise gerade auf dieser „stadtnahen“ Wiese. Die ungefähr fußknöchelhohe Blume weist ein schmales, im Querschnitt v-förmiges langes Grundblatt auf; die wenigen sechsstrahligen Blüten sind lediglich innen gelb gefärbt, außen eher grünlich. Im Boden soll sie Zwiebeln haben; ein Liliengewächs. In deutschen Landen gilt sie als selten.

Vergleichbares aus dem Vogelreich hat mein Winkel nicht zu bieten. Den gelbgefärbten, ausgesprochen seltsam pfeifenden Pirol kennt er leider nur als gelegentlichen Besucher, nicht als Brutvogel. Auf dem bewaldeten Ziegenberg scheinen regelmäßig Kolkraben zu brüten, vermutlich immer dieselben zwei, während sich in einem hohen Pappelhain in Steinwurfweite meines Häuschens ein Horst von Rotmilanen versteckt, die häufig über den umliegenden Wiesen kreisen. Unter ihnen dürften in Kürze Störche staken, oft mitten durch die Herden rupfender oder dösender rotbrauner Rinder. Die Störche sind einem längst stillgelegten fabrikartigen Schornstein der nahen ehemaligen LPG treu geblieben, auf dem sie horsten. Die erwähnten Viehherden gehören just diesem, nun „privatisierten“ Agrarbetrieb, der auch zwei grün-lackierte Fendt-Schlepper besitzt, die sich glatt über mein Häuschen stellen könnten, ohne den Dachfirst einzu-drücken. Da hätte ich dann ungefähr die gesunde Luft, die in Thüringen-Prospekten gepriesen wird. Die Rinder-steaks der Ex-LPG dürften ähnlich gesundheitsfördernd sein. Ich fürchte allerdings, vorher, in der DDR, war es nicht viel besser.

Liegt kein Schnee, erblicke ich, wenn ich Glück habe, an Wintertagen durch meine Fenster mein Weißes Wiesel, bevor es mich erspäht. Wahrscheinlich schlummert es zuweilen in meinen Brennholzstößen. Es bewegt sich geschmeidig, macht öfter wachsam „Männchen“ und weist bislang tatsächlich die in den Nachschlagewerken vorgeschriebene schwarze Schwanzspitze auf. Sie dürfte kaum daumenlang sein. Das ganze schlanke, flinke, zwergohrige und weichhaarige Tierchen heißt auch Hermelin. Früher zeichnete Hermelin-Besatz die Mäntel jener gefährlichen Schwachköpfe aus, die sich Könige und Fürsten nannten. Selbst heute noch, im Zeitalter der qua Digitalisierung betriebenen Entörtlichung und Entleibung, dürfte sich so manches Kind danach verzehren, so ein Hermelin einmal für fünf Minuten auf dem Arm halten und streicheln zu dürfen. Dabei sollen es blutrünstige Marder sein, fast so schlimm wie jene „leichten“ Bundes-wehr-Panzer, die unverschämterweise Wiesel heißen. Die Panzer zieren gleichsam die Hüte oder Schirmmützen von sogenannten Verteidigungsminstern (darunter neuerdings auch weibliche, nie jedoch schwachköpfige, sonst würden wir ja jeden Krieg verlieren!) und machen Unternehmen wie Rheinmetall fett. Sie fahren, bis das Benzin alle oder die Geduld der Wahl- und Steuer-Schafe erschöpft ist, also vermutlich ewig.

Hin und wieder verirrt sich ein zum Erbarmen magerer und räudiger Fuchs in meinen Winkel, um sich seine Schnauze an den Maschendrähten der hiesigen Hühner- und Gänsegehege platt zu stoßen. Vertrüge er fettes Menschenfleisch, hätte er größeren Jagderfolg und könnte sich öfter ausruhen, wie der Sitzende Fuchs von Arnstadt. Die einstige Residenz-, heute nur noch Kreisstadt an der unteren Gera war um 1870 die Wirkungsstätte der Erfolgs-Schriftstellerin Eugenie Marlitt. Umseck der Zimmer-straße, wo Marlitt eine Zeitlang bei ihrem Bruder wohnte, und noch näher unterhalb des kuppigen Marktes liegt die Rankestraße. Dort steht er, der Sitzende Fuchs, auf einem Sockel vor dem Haus Nr. 5 thronend. Das heißt, die kaum kniehohe Bronze wirkt eher akrobatisch. Der auf seinem Hinterteil ruhende Fuchs taucht nämlich gerade unter seiner hochgeschlagenen Rute durch, um sich in einen Hinterlauf zu beißen. Vielleicht hat ihn dort eine Zecke gejuckt, wenn es kein Mini-Sender der Stasi war. Laut Schild am Sockel stammt diese interessante Arbeit von einem „Walther Preik, Waren?“, geschaffen „um 1965“.

Was das Fragezeichen soll, ist mir freilich schleierhaft. Laut Internet – das sogar eine Fotografie der Arnstädter Arbeit zu bieten hat – lebt Preik, geb. 1932 und ursprüng-lich Steinmetz, in der Tat seit Jahrzehnten in Waren (Müritz), das ich flüchtig von einer Durchreise her kenne. Die Stadt und die Ex-DDR sollen geradezu mit Werken Preiks, der in Dresden studierte, gespickt sein, meist Tiere darstellend, darunter Hasen. In Penzlin, Mecklenburg, soll ein anderer, 2006 geschaffener, eher stehender Fuchs Preiks zu sehen sein, dem eine Mordsrute aus dem Schritt bogt, bis sie seine eigene Nase kitzelt – die des Fuchses, meine ich. Preik scheint aber nicht nur die Potenz der Natur und der Fabelwelt, sondern auch der Technik zu schätzen. So schuf er 1982 eine Stele/Säule aus Polyester-harz zum Gedenken an „den größten Sohn“ der Stadt Anklam, den „Luftfahrtpionier“ Otto Lilienthal. Sie steht, 16 Meter hoch, am dortigen Pferdemarkt – ausgerechnet. Ein 16 Meter hoher Hinweis auf den aus Anklam stammenden Rechtsanwalt und Autor Heinrich Hannover wäre mir lieber gewesen. Er verabscheute die Produktion von Toten und Schwerverletzten eher, während ihr Lilienthal, wenn auch sicherlich nicht in bösartiger Absicht, den Weg bahnen half.

An Ostern ist mir das Wetter für Streifzüge zu ungemüt-lich. So muß ich lesen. Ich lese, am Ostersamstag (15. April 2017) habe sich ein 31jähriger Bewohner des Landkreises Ansbach, Bayern, in einen Fürther Baumarkt verirrt. Vielleicht fehlten ihm Schrauben oder Zement. Er geriet in die Nähe eines Hubfahrzeuges, das gerade umherfuhr, und wurde von einer rund eine Tonne schweren Palette mit Steinen erschlagen, die sich auf der nicht abgesenkten Gabel des Staplers befunden hatte. Er war auf der Stelle tot. Hätte er seine Schrauben oder Zementsäcke online eingekauft, wäre das nicht passiert. Jetzt warte ich, 67 Jahre alt, auf den Tag, da sich alle deutschen Fußgänger-zonen, Einkaufs- oder Windparks und motorisierten Flotten zum Ausliefern online bestellter Hardware, Bronzen eingeschlossen, aufgrund eines Börsensuperknalls erübrigt haben werden. Das gibt einen Festtag für die Vogelpirsch.



Zum Thema Landwirtschaft siehe auch
Die Kapitel Seßhaftwerdung und „Vorsorge“, in der 1. Hälfte des Beitrags
Im Wanderbericht in der 2. Hälfte
Zwerglied landwirtschaft (mp3, 851 KB)
Erzählung Bott mistet aus (Kapitel VIII des Beitrags)
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