Montag, 9. Juli 2012
Vor der Natur
Miniaturen

Gesammelt seit ca. 2000. Umfang knapp 20 Druckseiten.


Heimat auf Papyrus + Trugbild + Bagger + Judasohren + Dieckmühle + Fliegenlese + Früher Herbst + Galgenfalter + Stilleben + Gleisdreieck + Glück im Unglück + Gut Dingeringhausen + Heuwender + Hottonia palustris + Intensivstation + Kremmen + Ganymed + Lichtenberg + Mädesüß + Malsburg + Puderstündchen + Die Eule flieht + Rinder im Winter + Das Haus der Wasseramsel + Zwergen + Requiem + Stimmen



Heimat auf Papyrus

Solange die kontrastreich gefärbten Rauchschwalben jagen, droht meine Kindheit nicht zu verblassen. Sie streichen geschwind und gewandt über das wogende Korn, das meine Onkel und Tanten zu Garben banden. Sie sind fliegende Gerstenähren. Eine hauchdünne Stimmgabel scheint ebenfalls in ihren Schwanzspießen zu stecken, denn sie lassen in einem fort silbrige Juchzer erklingen.

Gönnen sich diese rastlosen Fliegenfänger ein Päuschen, schlüpfen sie in einen elegant geschnittenen Frack, bevor sie sich auf der Stromleitung oder dem Scheunentor niederlassen. Sie tragen ein ziegelrotes Halstuch dazu, weil eine Fliege zu sehr nach Arbeit röche. Sitzen sie auf dem Draht, vollführen sie Rumpfbeugen und Kehrtwenden, die ein Turner nicht graziöser bringt. Doch in den Lehm-näpfen, die unter den Deckenbalken im Kuhstall kleben, wissen sie ihre hungrigen Plagen, die trotz der Stallwärme wie Eskimos aus den Nestschlitzen und aus ihrer Vermum-mung lugen. So streichen die Eltern in einem vollkom-menen Bogen, der das bucklige Hofpflaster adelt, wieder davon.

Gern jagen sie über Losse oder Schwalm. Kaum sind sie über das träge, braune Flüßchen gefegt, schießen sie an den Erlen wie Gischt empor. Im Absturz legen sie gespindelte Überschläge ein. Wieder in der Bahn, fegen sie ihre Fliegen niemals gradlinig. Sie brauchen Schlenker und Schnörkel, die wir kaum wahrnehmen. Denn sie sind ein Überfluß. Sie würden sich schämen, Mücken oder gar Läuse einfach aufzupicken.

Und aus demselben Grund verlassen sie uns. Sie machen dann mal eben 5.000 Kilometer. Für einige naß- oder frostkalte Monate, die in Deutschland Winter heißen, sind wir dann gut beraten, uns im Geiste nach Nairobi oder an den Victoriasee zu verpflanzen. Statt auf unseren Strom-leitungen bieten sie dort auf den Zweigen der Papyrus-stauden das vertraute Bild. Die schwarzen Buschläufer-Innen rühmen ihre Rumpfbeugen und Kehrtwenden. Ihre Kunst im Tieffliegen wird der Savanne zugeschrieben. Brechen sie nach Norden auf, blicken ihnen die Menschen zärtlich und frohgemut nach, weil die Bumerangen immer wieder kommen.


Trugbild

Die Blätter der Silberweiden umwimmeln meine Schuhe wie gelb und dunkelbraun gesprenkelte Molche, denen es im Bach zu eng geworden ist. Das Wasser rieselt leise. Der Hang zu meiner Rechten ist von Hagebuttensträuchern übersät. Da die Oktobersonne ungebrochen strahlt, scheint er zu glühen. Zwischen ihm und dem Bach erstrecken sich die abgeernteten Äcker. Den Abschluß bildet das Dorf, aus dem erregtes Gackern zu mir dringt. Was haben denn die Hühner?

Wahrscheinlich zittern sie vor der gewaltigen Pflugschar, die gerade den Himmel über ihnen aufreißt. Ich hatte sie für das Schieferdach der Klosterkirche gehalten. Doch der Himmel schweigt und bleibt stahlblau.


Bagger

Ich bin mit einer schiefen, festgekrallten Eiche verschmol-zen. Unter mir klafft eine zerklüftete, zum Teil terrassierte Weite, in der sich zwei Bagger verlieren, als habe sich ein Kind von ihnen abgewandt. Das ist der Basaltbruch, wo werktags Schotter gewonnen wird. Die Sonne gleicht einem wabernden Sprungreif. Von den schneegefleckten Hängen her ist öfter ein leises Kullern zu hören. Es läßt den Fuchs, der inmitten eines steilen Geröllfeldes sitzt, mitunter die Ohren aufstellen und den Kopf wenden.

Vermutlich werden die kleinen Rutsche von der Sonne ausgelöst, während der Fuchs lieber Murmeltiere oder zumindest Mäuse, nicht so gerne dagegen Jägerstiefel erspähte. Sein Gleichmut macht mich ziemlich neidisch. Manchmal steht er auf, dehnt sich, schleckt eher aus Langweile am Schnee, läßt sich wieder auf seinen Hinter-keulen nieder und blinzelt gegen den Felsüberhang, der ockerfarben leuchtet, weil ein Teil der Lehmkrume über den Basalt gewaschen wurde.

Schließlich löse ich mich von meiner Eiche und winke dem Fuchs zu. Natürlich kommt sofort Bewegung in ihn; nur Überstürzung nicht. In federndem Laufschritt setzt er über das Geröllfeld, um sich nach 20 oder 30 Metern von einem Felsspalt verschlucken zu lassen. Ein Jäger hätte ihn leicht abgeknallt.

Die Natur ist wahrlich kein Deckchensticken, doch erst mit dem Menschen kam die Unverhältnismäßigkeit der Mittel in sie. Es gibt keine unredlichen Füchse und keine macht-lüsternen Steinschläge. Zwei Bagger lauern unter mir. Allein deren Zähne sind länger als meine Arme.


Judasohren

Der Eisvogel glänzt leider durch Abwesenheit. Dafür scheinen sich die Rückenhaare eines äußerst langge-streckten Fuchses gegen das Himmelsblau zu sträuben, denn auf den Fluß läuft ein Graben mit Kopfweiden zu. Während der Schnee unter meinen Schuhen knarrt, knackt der Fluß zuweilen, hat er doch einige dünne Eisschollen spazieren zu führen, die hin und wieder auflaufen. An den Stromschnellen plätschert der Fluß. Lärm kommt auf, wenn sich ein erschrockenes Entengeschwader aus dem Fluß reißt. Da ist der Schrecken eher auf meiner Seite.

Am Stacheldraht des nächsten Weidezauns hält sich ein verkrüppelter, morscher Holunderbaum fest. Ich stutze, weil der betagte Krüppel eine Menge steifgefrorener Ohren hat. Ein abgezwacktes Bündel dieser Pilze, die befremd-licherweise Judasohren heißen, verschwindet in meiner Manteltasche.

Hinter der Flußbiegung blinkt ein geparktes Auto auf, für mich nicht gerade verlockend. Die Gräser und Sträucher am Ufer ähneln glitzernden Gespinsten. Öfter lugt ein stummelschwänziges Mäuschen aus ihnen hervor, das mich empört anschnurrt – der Zaunkönig spielt sich gern auf. Nachdem ich das Gehölz an der Flußbiegung umrun-det habe, wird offenkundig, warum ich weder Eisvogel noch Graureiher treffe. Am Ufer steht eine vermummte Gestalt mit Tirolerhut; die Angelrute erinnert stark an einen Pißbogen. Wie sich herausstellt, ist der Angler auf Äschen aus, von denen auch schon zwei in seinem Ther-moskübel zappeln. Die Wangen des beleibten Mannes glühen vor Stolz.

„Hut ab!“ sage ich und greife vorsichtig in meine Mantel-tasche. Ich schlage mein Taschentuch aus Baumwolle auseinander, das feucht ist, weil die Judasohren inzwi-schen aufgetaut sind. „Da habe ich ein paar schöne Pilze gefangen.“

An der Außenseite fassen sich die bräunlichen Öhrchen wie Samt an. Gegen den Himmel gehalten, sind sie rosig durchscheinend.

„Kann man die essen?“ will der Angler wissen.

Ich verdrehe meine Augen und nicke.

„Und wie heißen die?“

Ich blicke stirnrunzelnd über den Fluß. Dann mache ich eine undeutliche Handbewegung: „Man soll die niederen Geschöpfe nicht verraten.“


Dieckmühle

Schmetternde Kaskaden eines Buchfinks aus der Esche, während die Soode eher gemächlich unter der Hofeinfahrt durchplätschert. Von einem klappernden Mühlrad ist nichts zu entdecken. Zwei Hausschweine durchwühlen mit ihren grunzenden Rüsseln gierig ihren eigenen Mist, den die Müllerin mit einer Forke aus der Stalltür wirft. Das Mühlrad fände ich hinter dem Haus, lächelt die über-raschend sanfte grauhaarige Frau.

Dort steigt steil ein Anger an, auf dem die Hühner unter knospenden Obstbäumen scharren. Ich hangele mich an den Zweigen zum Mühlrad vor, das mir noch immer keinen Lärm zumutet. Ich vernehme bloß einen hecheln-den Hund. Das kommt von den engen Gefachen des Mühlrads, in die das Wasser, von der Soode abgezweigt, aus einer etwa schulterbreiten Rinne fällt. Gefache und Radspeichen sind aus Eisen. Dagegen wurde die verquol-lene, zum Teil bemooste Achse aus einem mächtigen Eichenstamm gewonnen. Ihre blanken Stahlzapfen drehen sich – ohne Schmierfett – in sogenanntem Katzenstein. Zwischen Rinne und Kellerluke eine Plattform, damit die Klappe gestellt werden kann, die den Wasserzufluß regelt. Man scheint hier noch der Handarbeit verhaftet zu sein.

Wieder im Hof, erblicke ich den Müller auf der Rampe; er winkt mich herbei. In den Augen des gebückten schmäch-tigen Mannes, der in seinem Leben einige zehntausend Säcke geschultert haben dürfte, sitzen der Schalk und die Güte. Im Inneren der Mühle endlich Lärm – ein Schlagen und Rütteln zahlreicher Treibriemen, Röhren, Kästen. Dieses System, das siebt, schält, putzt, mahlt und abfüllt, reicht vom Keller bis zum Speicher. Der Müller zeigt und erklärt mir alles. Dabei greift er immer wieder unwill-kürlich in den Trichter oder die Lade, um das Mahlgut zwischen seinen dicken, schruntigen Fingern prüfend zu reiben. Münzen sagten einem dadurch nichts.

Zur Rampe zurückgekehrt, höre ich von dem Plan, den unersättlichen Durst der großen Stadt Kassel demnächst in der Gegend von Hombressen zu löschen. „Sie wollen mir das Wasser abgraben“, wiegt der Müller leise lächelnd seinen Kopf. Sie böten ihm Schadenersatz; was solle er aber mit so viel Reibach, wenn ihm die Soode lieber sei?

Auf der Rampe auch ein paar zugebundene Mehlsäcke, auf denen, aneinander geschmiegt, zwei schwarzweiße Katzen sitzen. Sie hören dem Müller aufmerksam zu, weil er ihnen gedankenverloren die Kehlen krault.

Mich bannt der Halsausschnitt des Müllers. Er wird von etlichen Kragen oder Strickrändern gebildet, die sich übereinander schieben. Ich staune, wie sauber, jedoch abgeschabt sie sind. Dazwischen blondes Gestrüpp – wie von Getreideähren.


Fliegenlese

Der Grauschnäpper sitzt gern auf den Zaunbohlen von Pauls Pferdekoppel an. Ein jäher Ausfall, und schon ist eine Fliege in seinem Magen verschwunden. Allerdings ziehen die Fliegen nicht im Gänsemarsch an ihm vorbei. Manchmal verfehlt er auch eine Fliege, woraus ihm Orni-thologen den Vorwurf einer negativen Energiebilanz machen könnten. An seiner Stelle würde ich mich kurzer-hand mit Pauls Rappenstute zusammen tun. Deren Schädel, den sie mit ihrem Schweif nicht erreichen kann, wimmelt von Fliegen. Erköre sich der Grauschnäpper ihre Mähne zum Ansitz, brauchte er bloß, statt sich in jähen Ausfällen zu verzehren, die Zunge herauszustrecken, womit er die Stute nebenbei liebkoste. Er wiegt ja nur wenige Gramm, zumal er sich ständig erleichtert. Da hätte er Pauls Rappenstute allerdings bald in ein Zebra verwandelt.


Früher Herbst

Nachdem ich den Dorfbach überquert habe, halte ich auf ein krummes Fachwerkhaus zu, das nach Schenke riecht. Es wird von Ahornbäumen beschattet. Auf der Treppe hockt eine hagere Frau mit schlohweißem Haar. Schüssel auf dem Schoß, strippt sie rote Johannisbeeren. Aus den geöffneten Fenstern der Schankstube ziehen Schwaden von Stumpen, Wacholderschnaps, Sprüchen.

Ich mache am Mäuerchen Halt und wünsche der Greisin einen guten Tag. Da uns nur wenige Schritte trennen, sehe ich nun auch das Blutbad, das die Skatbrüder in der Schüssel angerichtet haben.

Die Greisin nimmt ihre linke Hand hoch, um ihre Augen zu beschirmen, obwohl sie im Schatten sitzt. Der Handrük-ken, an dem die Knochen und Adern hervortreten, zittert leise.

„Grüß Gott“, gibt sie freundlich zurück.

Ich werde es versuchen, da ich ohnehin einen Blick auf den Friedhof werfen will. Die Greisin senkt ihre Hand und strippt weiter. Ich sehe die Ahornblätter, die sich auf ihren knochigen Handrücken verfärben.


Galgenfalter

Obwohl ich bereits das zierliche, anmutige Tausendgül-denkraut mit seinen tiefrosa Blütensternchen entdeckt habe, hält dieser Waldweg noch eine Steigerung meines Glücks bereit. Etwas Dunkles huscht durch die heiße Luft und läßt sich am Stamm einer Kiefer nieder. Der seltene Trauermantel! Sobald der Schmetterling seine hochge-stellten Flügel lüftet, während er vermutlich vom Harz der Kiefer kostet, leuchtet der blaßgelbe, von blauen Punkten begleitete Saum seiner braunen Flügeldecke auf. Dies gewährt er mir drei oder vier Mal, dann sucht er vor meiner Zudringlichkeit das Weite.

Soll ich ihm etwa nachtrauern? Mit der nächsten Weg-biegung verlasse ich den Wald, um beschwingten Schrittes einen Wiesenhang in Angriff zu nehmen. Wo gemäht worden ist, stochern Krähen, Dohlen und Stare zwischen den würzig duftenden Heuschwaden. Die Anhöhe wird von einer Baumgruppe gekrönt. Zu meiner Verwunderung zeichnen sich im Näherkommen Steinsäulen unter den Linden und Ulmen ab. Sollte sich mir zur Rast ein römi-sches Tempelchen oder zumindest ein Jugendstilrondell andienen? Weit gefehlt. Im Schatten des stummen Laubs blicke ich an drei etwa fünf Meter hohen Säulen aus röt-lichem Sandstein empor. Sie sind im Dreieck angeordnet und am Ende durch auf den Kapitellen ruhende Holz-balken verbunden. Von jedem der drei Balken hängen zwei kurze Ketten herab, die in einem Haken enden.

Da überläuft mich doch ein Frösteln, obwohl kein Wind-hauch geht. Die Phantasie hat ihre Schattenseiten. Sechs zerlumpte ausgedörrte Leichen sehe ich jetzt, die ein rauher Novemberwind klatschend und klirrend gegen-einander stößt.

Ich blicke mich verstört um. Die Balkone Beerfeldens, das unten im Tal liegt, zeigen Hellebarden und Hakenkreuze. An einem der Bäume, die diesen idyllischen Hügel im Odenwald beschatten, mache ich eine Hinweistafel aus. Danach habe ich bei Beerfelden den ältesten und präch-tigsten dreischläfrigen Galgen Deutschlands aufgestöbert, der aus dem 16. Jahrhundert stammt. Dreischläfrig also, wunderbar. So etwas kann nur dem einschlägigen Galgen-humor entspringen, den wir an unseren Wissenschaftlern schätzen. Nach demselben Muster lügen sie Angriffskriege in Friedensstiftungen um.

Auf dem Beerfeldener Galgenhügel wurde zuletzt vor rund 200 Jahren eine Zigeunerin hingerichtet, weil sie (angeb-lich) nicht etwa tausend Gülden oder hunderttausend Barrel Erdöl entwendet hatte, vielmehr ein Huhn und drei Eier. Nun sehe ich diese Zigeunerin vor mir. Während die Heupferdchen von den Wiesen her unermüdlich an ihrem eintönigem Gesangsteppich weben, hängt sie reglos am Haken. Der Schändung nicht genug, haben ihr Leichen-fledderer über Nacht das Wams und den Rock vom Leib gerissen, deren blaßgelbe Säume mit blauen Glasperlen bestickt waren. Doch über ihr, auf dem Balken, findet sich schon der Trauermantel ein.


Stilleben

Von der Hofeinfahrt aus erblicke ich Paul. Gleichsam gegen seine windschiefe Scheune gestemmt, hält er mit der Linken einen Stallhasen an den Hinterläufen empor, um ihm mit der Rechten ganz langsam das Fell über die Ohren zu ziehen.

Obwohl schockiert, gäbe ich viel darum, auch das Geräusch zu hören – ein Knistern, Knarren oder Knirschen vielleicht. Doch ich höre nur die Spatzen, die auf dem Misthaufen schilpen.

Herangetreten, frage ich, wie der Hase gehießen habe.

„Paul der Bauer.“

„Und du?“

„Die Landmaschinen- und Saatgutindustrie“, grinst Paul.


Gleisdreieck

Junge Birkenstämmchen sprengen lautlos Eichenschwel-len. Der Schotter wurde bestimmt mit Zimt bestreut. Allerdings stehen gelbe Lachen in ihm, weil der Mauer-pfeffer blüht. Über den verrosteten Schienen bimmeln rote Fingerhüte. Allerlei Insekten summen, während ich durch das ausgediente Bahngelände streune, das früher oder später einer Stadtautobahn oder einem postmodernen Einkaufstempel zu weichen hat.

Den Dachgerippen und zerbröckelnden Schornsteinen entströmt Holunderduft. Ein Rebhuhn flüchtet mit scharfem Flügelburren. Ich halte auf die Drehscheibe zu. Sie wird von einer Esche beherrscht, die hart am Rand der stählernen Brücke – die einst die Lokomotiven trug – im gemauerten Grund des runden Beckens Fuß faßte. Der Stammdicke nach ist sie mindestens 25.

Ich werfe der Esche vor, das Falsche aufzuhalten, nämlich den Schienenverkehr. Dann springe ich mit grimmiger Miene ins zerbeulte Führerhäuschen der Brücke, um an den klemmenden rostigen Hebeln zu zerren. Mein Wüten auf dieser Bühne wird nur von einer besorgten Amsel beäugt.


Glück im Unglück

Die Brücke, von der die Karte spricht, entpuppt sich als Furt. Vielleicht wird sie gelegentlich von Traktorfahrern oder Reitern benutzt. Das Wasser ist knöcheltief. Hier ragen auch keine Steine heraus, die als Trittstufen dienen könnten. Während eine gelbe Stelze wippend schimpft, sehe ich mich nach zwei größeren Holzstücken um, die sich vielleicht im Wasser vor mir herschieben ließen. Die Feldscheune, die einen Stoß alter Zaunpfosten bewacht, steht allerdings am falschen Ufer.

Plötzlich kommt in meinem Rücken ein höllischer Lärm auf. Ein Rudel Motorräder bricht aus einer Waldschneise auf die Furt zu. Die Fahrer in ihrem Lederzeug – bis zum Helm verschmutzt – stehen auf den Tritten ihrer Gelände-maschinen. Schon peitschen sie die Furt auf. Während ich hinter einem dicken Erlenstamm Deckung suche, wird die flüchtende Stelze von dem Aufruhr fast an die verwitterten Bretter des Scheunengiebels geknallt. Aber dann erhalte ich meine Chance. Eins der Motorräder mahlt durch, rutscht an den glitschigen Kieseln ab und kippt ins Wasser. Während der Fahrer sich aufrappelt, erstirbt der Motor seiner Maschine. Der Fahrer flucht und will sie wieder aufrichten. Vermutlich hat er schon nasse Füße.

„Momentchen noch!“ rufe ich und eile zum Wasser.

Ich stütze mich auf der Schulter des Fahrers ab, weil das Motorrad kein Geländer besitzt. Es hat mir nun als Brücke zu dienen. Zwei Kumpels des Verunglückten, die ihre Maschinen inzwischen gewendet haben, sehen entgeistert zu, wie ich unmittelbar vor ihrer Nase ans Ufer hüpfe.


Gut Dingeringhausen

Die Kastanie beschirmt die Vortreppe und selbst noch den Dachfirst des Wohngebäudes, das kurz vorm Einsturz steht. Sie blüht und gedeiht. Um ihren Stamm zu umfas-sen, müßte ich mich verdoppeln. Ich schätze, der Baum wurde vor rund 100 Jahren gepflanzt – und zwar so dicht an der Treppe, daß am Verstand des Gutsherrn gezweifelt werden muß. Es handelt sich um die übliche Sandstein-treppe: Stufen von rechts und links, die auf zwei dicke Platten in der Breite der Haustür führen. Ein schmiede-eisernes Geländer bot einmal Halt. Inzwischen sitzen die rostigen Bänder und Spitzen in der Kastanienborke wie eingefleischt. Die Wurzeln hoben zudem das Hofpflaster und gleich auch die Treppenstufen an, die sich vom Stamm weg aufbäumen, als wollten sie das baufällige Haus vorm Einsturz bewahren. Allerdings könnte genauso gut von einer Säufertreppe gesprochen werden. Wer diese schiefe Treppe zu erklimmen wagte, dürfte unweigerlich mit der verwitterten Tür ins Haus fallen. Und dann gute Nacht.


Heuwender

Daß die Wiese verkrautet, kommt sicherlich manchen Nagetieren und Vögeln entgegen – etwa den surrenden Schwirlen, was so ähnlich wie die Nabenschaltung meines Fahrrads im Freilauf klingt. Dafür wird der Heuwender das Nachsehen haben. Wo einst die Kühe grasten, frißt ihn nun der Rost. Nach einem Wolkenbruch perlen vom kohl-schwarzen Schmierfett seiner Achse Regentropfen. Man könnte denken, er weine. Die Achse ist noch bewegbar. Drei verrostete Stangen beginnen schwerfällig zu kreisen, nachdem ich eine von ihnen angestoßen habe. Damit treten die Fingerpaare in Aktion, die einmal gefedert an den Stangen aufgereiht saßen wie emsige Hühnchen. Jetzt dagegen greifen sie ins Kraut, verfangen sich, bleiben stecken. Sollte der Heuwender wirklich weinen, dann weil er Vergeudern dienen und seinen Lohn in Form von Verachtung empfangen muß.


Hottonia palustris

Folge ich diesem Pfad, den ein schulterbreites Traktoren-rad durch den riesigen Rapsschlag gebrochen hat, noch lange, werde ich einem Chinesen ähneln. Der Raps blüht bereits und färbt rücksichtslos mit gelbem Staub auf mich ab.

Vom fernen Wald her spornt mich immerhin der klagende Schalmeienruf des Schwarzspechts an, nicht locker zu lassen. Zitternd liegt dieser Ruf auf dem atemlosen Land; selbst der Raps verströmt kaum Duft. Ich strebe den einzigen Makel an, der dieser blühenden Rapswüste noch anhaftet: ein Feldgehölz. Es nimmt mich tatsächlich auf wie eine Oase. Die Eschen und Pappeln umfangen mich mit ihrem Schatten. Sumpfdotterblumen leuchten goldgelb. Ein Hase springt auf, um sich vielleicht im Rapsfeld in einen Löwen zu verwandeln. Dann tut sich ein Tümpel vor mir auf. Erfreulicherweise ist er nicht nur von den üblichen Wasserlinsen übersät, sondern auch von fünfstrahligen, rosa angehauchten weißen Blüten, die mir noch niemals untergekommen sind. Sie sitzen in Quirlen an den blattlosen Stengeln, die aus dem Tümpel ragen – luftige Kerzen.

Ich ziehe meine Schuhe aus und steige in den von anderem Kraut strotzenden Ufermorast, um einen der Stengel zu lupfen. Zum Vorschein kommt etwas wie eine ver-schmutzte Flaschenhalsbürste. Auch der Gedanke an Kämme oder Fischgräten drängt sich auf. Da sich die Pflanze darüber hinaus lupfen läßt, kann es sich nicht um ihre Wurzeln handeln.

Es sind ihre Blätter. Offenbar wollte sie hoch hinaus, schämte sich aber ihrer gar zu schäbigen Kleider. Ihr Name Wasserfeder trifft die Sache nicht schlecht.


Intensivstation

Am Wasserfall macht der Frost seine Scherze. Er hängt da als Zapfen oder Bart, bäumt sich an Halmen auf, die zwi-schen den umspülten Steinen Fuß faßten, legt sich eisern um herz- oder nierenförmige Blätter, die kürzlich noch Spielbälle von Wind und Wasser waren.

Nur an einer Stelle bricht sich das Wasser sichtbar die Bahn. Es scheint dort wie Molche, Quallen, Frösche durch einen Eisklumpen zu schlüpfen; selbst Bisamratten sind dabei. Der Klumpen verdunkelt sich, schlingert, gebiert ein Wasserschwällchen aus. Damit ist er wieder durchsichtig, doch das nächste Tierchen drängt bereits nach. Es sind dauernd andere Tierchen. Sogar der Frost kommt dem-nach nicht gegen den Zufall an. Schon das Gähnen einer Forelle beeinflußt den Verlauf des Wassers.

Im großen und ganzen rinnt es allerdings stetig. Aus dem Eisklumpen treten jetzt vereinzelte Bläschen, was ich nicht mehr ganz so witzig finde. Sie quetschen sich hervor, als hinge die Natur am Tropf. In der Tat, sie wird es nicht mehr lange machen.


Kremmen

Während die Frösche im Weiher das Aussterben der Menschen und auch ihrer Nutztiere feiern, gehe ich durch deren Dorf, das nur aus verlassenen Scheunen besteht. Meine Schuhe wirbeln den feinen, dunklen märkischen Sand in den schnurgeraden Gassen auf. Die Zeit hat die roten Backsteinwände der Scheunen angenagt und ge-schwärzt. Die rissigen Tore, deren Rollen zuweilen von der Schiene klaffen, waren einmal grün oder blau gestrichen. Wo ich den Kopf in die verwilderten Hinterhöfe oder Gärten stecke, erschrecke ich streunende Katzen. Um einen verwitterten Leiterwagen brummt eine Hornisse. Überall blüht Holunder. Mein Malerfreund Höffelstein gäbe jetzt ein Königreich für ein Packpferd mit Staffelei.

Während die Schwalben in den Gassen Weberschiffchen spielen, nähere ich mich wieder dem Weiher des Kremmener Scheunenviertels, das zur Hochzeit 70 Gebäude umfaßte. Der Weiher ist überwiegend von Bäumen umgeben. Die Frösche lassen sich in einer unbeschirmten seichten Bucht von der Mittagssonne kitzeln. Auf den Froschrücken könnten die Katzen mit verbundenen Augen einen mühlradgroßen Abstecher durch die Bucht machen. Die Frösche drängen sich zu Hunderten. Ob schnarchend, bellend, gurgelnd, in ihrem Hohn sind sie eins.

Doch wer weiß, ob ihnen das Lachen nicht vergeht, wenns wieder mal brennt. Die Kremmener Scheunen wurden um 1700 ausgelagert und vor der Stadt geballt, nachdem einer Feuersbrunst, neben etlichen Scheunen, auch über 150 Wohnhäuser zum Opfer gefallen waren. Man sagte sich wohl: beim nächsten Mal gehen lediglich sämtliche Vorräte in Flammen auf. Dann kann uns der vergeblich geleerte Löschteich wenigstens mit bereits gerösteten Frosch-schenkeln versorgen.


Ganymed

Obwohl ich Schirmmütze trage, beneide ich die Hauben-meisen. Während mir der sandige Fahrweg die Hosen-beine voll Hitze stopft, schlagen diese farblosen Winzlinge in den Birken und Kiefern gurrend Purzelbäume.

Auch die Rauchschwalben sind nicht faul; sie vermischen das Blöken einer Schafherde mit ihrem Gezwitscher. Am Bachufer scharen sich die blauen Sternchen von Ehren-preis und Vergißmeinnicht um den Blutweiderich. Ich sehe durch das gemächlich fließende klare Wasser, das mir ver-mutlich bis zum Knie reichen würde, auf den porigen Grund, den einige Muscheln und Schneckenhäuser spik-ken. Eine Kaulquappe kreuzt mein Blickfeld. Nun gibt es kein Halten mehr. Ich werfe meine Kleider ab und steige ins Wasser.

Wie nicht anders zu erwarten war, versacke ich bis über die Fußknöchel in dem moorigen Grund, der dadurch gleichzeitig aufgewirbelt wird. Ich lasse mich rückwärts sinken und genieße das erquickende Brennen bis zum Hals. Während ich reglos verfolge, wie sich auch die aufgewirbelten braunen Fädchen wieder ins Bachbett legen, halte ich zusätzlich den Atem an, weil in der Ferne der gaukelnde Schattenriß einer Weihe auftaucht.

Die Weihe schlenkert in ihrer graziösen Weise über und um das Ufergesträuch, als gehe sie nur spazieren, kommt aber dabei offenbar unbeirrt auf mich zu. Vermutlich späht sie nach Beute. Schon meine ich ihre gelben Fänge auf mich gerichtet zu sehen. Ihr bumerangförmiger Schatten-riß nimmt die Größe einer Hängebrücke an; ich dagegen erstarre zur Planke. Doch plötzlich wittert die Weihe Betrug und bricht aus. Ich verspüre den Luftwirbel an meiner schweißnassen Stirn.

Ich bleibe wie betäubt im Wasser hängen: einer der bärtigen Pflanzenverbände, die sanft gewellt werden. In wenigen Stunden hat mich der Alltag wieder im Geschirr. Ich male mir aus, die Weihe schlage ihre Fänge in meine Brust, um mich aus dem Roten Luch in die Gefilde der Unbeschwertheit zu tragen, wie schon Zeus, durch seinen Adler, mit Ganymed verfuhr.


Lichtenberg

Vermutlich werde ich das Städtchen, hinter dem eine schwarze Wolkenwand aufgezogen ist, nicht mehr recht-zeitig erreichen. Ich springe über den Straßengraben und halte mich lieber an das Forsthaus, das oben am Waldrand steht. Zwischen uns erstreckt sich ein Stoppelfeld. Obwohl es ansteigt, verfalle ich in Laufschritt, denn der erste Donner grollt.

Meine Schuhe kündigen nun den prasselnden Regen an, dem ich zu entgehen trachte, von den Blitzen ganz zu schweigen. Die Schwärze greift auf das Stoppelfeld und die Försterei über. Während ich durch die Hofeinfahrt renne, schlagen mir die ersten Tropfen wie Fäuste ins Gesicht. Immer noch besser als einen Jagdhund am Hals! Ich flüchte mich unter das Vordach eines kleinen Stallge-bäudes. Der angebaute Hundezwinger ist leer.

Während der Regen über mir die Hoflinde und die Dachschindeln prügelt, scheint er die Pflastersteine des Förstereihofes spalten zu wollen. Ich kann es verfolgen, weil der nasse Basalt in den Blitzen aufblinkt. Jeder Re-genfaden zerspringt beim Aufprall wie eine verschreckte Familie von Zwergdelphinen.

Schlingernde Fensterkreuze deuten darauf hin: im Wohn-haus ist Licht gemacht worden. Ich blicke zum Städtchen. Ein Verirrter könnte nur vom Schieferdach der Kirche, das einen Blitz nach dem anderen abweist, auf eine Ortschaft schließen. Obwohl ich fröstele, kommt mir ein Gedanke, der mich belustigt. Vorausgesetzt, in jedem Gewitter offenbare sich Gottes Allmacht, wären die Blitzableiter, die wir auf unseren Kirchen anbringen, ein Ausdruck göttlicher Selbstironie.


Mädesüß

Ich wasche mich im Bach. Während ich aus den Erlen einen nervenden Gelbspötter vertrieben habe, kann das Kleine Mädesüß nicht weg, obwohl es wie lauter rosa angehauchte Wölkchen über dem Wiesengras schwebt. Man könnte sich glatt in es verlieben. Seine Blätter sind meilenweit von den klobigen Fingern des Großen Mädesüß entfernt; sie ähneln dem Gefieder der Schafgarbe. Hätte ein großes Mädchen Ohren wie Satellitenschüsseln und ein kleines wie Eierlöffel – wer würde es wagen, sie als Geschwister auszugeben? Im Duft die gleiche Kluft: das Kleine hat so gut wie keinen, während uns das Große schier betäubt.


Malsburg

Von der Burg, die sich einst auf der steilen Kuppe erhob, ist nur noch grobes, kantiges Basaltgeröll unter den Bäu-men übriggeblieben. Wo mich der Wald in die abschüs-sigen Felder entläßt, liegt das zur Malsburg gehörende Vorwerk, das noch gut erhalten wirkt. Der kleine Gutshof wurde – mit talwärts gelegener Öffnung – hufeisenförmig gebaut. Das zweigeschossige Quergebäude blinkt frisch getüncht. Die Sandsteintreppe hat eine Galerie, an der sich bunte Blumen ranken. Im Schatten der alten Scheune steht ein gutgepflegter Citroen 2000 CX. Der mit Rasen einge-säte Hof riecht nur noch wenig nach den namhaften Trieben der Romantik, die Ernst Friedrich Georg Otto Freiherr von der Malsburg – selber Literat – um 1815 im nahen Schloß Escheberg um sich geschart hatte.

Ich kehre dem Rasen meinen Rücken zu. Statt durchs Tal, gleitet mein Blick über die mächtigen, kaum verkrusteten Stämme hoher Eschen. Zwischen Fahrweg und Böschung bilden sie einen selten schönen Hain, der das Hufeisen verriegelt.

Vielleicht wollte man sich vor den rauhen Nordwinden schützen. Doch war ja wohl vor 100 oder 130 Jahren abzusehen, daß man sich mit dem Anpflanzen dieser Bäume auch der Aussicht berauben würde. Sicherheit hat ihren Preis.


Puderstündchen

An der Beise stoße ich auf eine alte Mühle, die zum Reiter-hof aufgemöbelt worden ist. Ich finde es aber erträglich, weil ich so an Getränke komme. Schwüle Hitze lastet im Tal. Zwei kleine Flaschen Malzbier neben mir, lehne ich in der Hofeinfahrt, das Brückenmäuerchen im Gesäß. Ich beiße in meine Klappstulle und werfe hin und wieder einen Blick in den Reiterhof.

Eine Kinderschar ist zum Ponystriegeln abkommandiert worden. Kommandantin ist die 17jährige, die mir das Malzbier nicht verkaufte ohne dabei wippend anzudeuten, sie hätte auch noch prallere Flaschen. Dies hat mich ohne Zweifel geehrt, könnte ich doch im Garten glatt die schirm-bemützte Vogelscheuche abgeben. In dem blühenden Holundergebüsch am Gartenzaun knötert eine Grasmücke. Das Wohngebäude brüstet sich mit einem farbfernseh-reifen Fachwerk. Die Rauchschwalben streichen durch die Spalte der gekippten Fenster der anliegenden Pferdeställe. Das Ponystriegeln findet im Schatten der Scheune statt. Außerdem gibt es ein struppiges Köterchen, das an Unschlüssigkeit leidet. Zwar möchte Struppi unbedingt gekrault und gekitzelt werden, doch er besinnt sich um und hascht nach einem Papierfetzen, der einer lauen Brise wegen wie ein lahmer Schmetterling über das Hofpflaster torkelt.

Schon wälzt sich Struppi erneut vor meinen Füßen. Allerdings ist inzwischen, wie ich im Bücken bemerke, ein Unglück geschehen. Die Kinder scharen sich aufgeregt um ein Pony, das sich die Hinterhand aufriß, vielleicht auch nur schürfte. Die Kommandantin begutachtet das Pferd-chen, die Kinder tätscheln es besorgt. Sie weiß nicht so recht. Zur Brücke äugend, befiehlt sie eins von den Kindern ins Haus, den Vater holen. Der stand freilich längst hinterm Fenster. Vielleicht hat er ebenfalls ein Auge auf die Brücke.

„Nein“, kräht der zurückkehrende Bote schon von der Treppe aus, „Herr X. kommt nicht, du sollst Z. draufmachen.“

Die Kommandantin gehorcht und holt den Puder eigen-händig aus dem Kellerraum, aus dem sie schon wippend mit meinen Getränken Marke Kraftmalz auftauchte. Sie setzt die Puderdose an und bestäubt die verletzte Hinter-hand. Doch gerade jetzt muß wieder so eine laue Brise aufkommen: die Tochter flucht, weil das Pulver verfliegt.

Sie schielt zur Brücke, ob mir das Mißgeschick vielleicht entgangen sei. Das ist meine Chance. Ich mache eine um Entschuldigung bittende Handbewegung, setze mit Nach-druck ihre leeren Flaschen auf dem Brückenmäuerchen ab und sehe zu, daß ich Land gewinne. Es ist mir zu schwül im Beisetal.


Die Eule flieht

Ich ringe um mein Gleichgewicht, während ich mühsam durch welke Schwaden kniehoher Farne stapfe. Strecken-weise umschmeichelt Herbstnebel die hübschen Baum-inseln des Hochmoors mit grazilen Fingern. Meine Schuhe sind längst durchnäßt.

Unter einer knorrigen, einsamen Kiefer entdecke ich auffällig konzentrierte Kotflecken, die mich unwillkürlich emporblicken lassen. Mir stockt das Blut. Der Eule stehen die Ohren ab wie Spieße. Sie hockt keine zwei Meter über mir dicht am Stamm. Wir starren uns an. Die Eule könnte dem Störenfried die ungleich ärmeren Augen auskratzen, zieht es aber vor, geräuschlos vom Ast zu streichen, um sich ihren Platz zum Dösen zwischen enggescharten Fich-ten zu suchen. Ich biege benommen zum Erlenbruch ab.

Ein murmelndes Rinnsal verlegt mir nicht ernstlich den Weg; trotzdem gehe ich in die Hocke. Auf meiner Uferseite stehen Nadelbäume. Wurzelstöcke und Kalkgestein sind in allerlei Moose gebettet, die auch einen putzigen Dickwanst namens Semmelstoppelpilz angezogen haben. Die weißen Stoppeln hängen unter seinem unförmigen Hut. Werden sie gegen den Strich gebürstet – was ich mir nicht versagen kann – fallen sie ab und liegen im Moos.

Sie liegen dort, um den Kröten, Mauswieseln und Kreuz-ottern, denen ich meine Geschichte von der feigen Eule auftische, als Zahnstocher zu dienen.


Rinder im Winter

Auf der knochenhart gefrorenen Wiese umlagern sie ein Fuder Heu. In ihren struppigen, braunen Fellen wirken sie wie Zwergbüffel. Vor ihren aufreizend langsam mahlenden Mäulern üben sich Wölkchen im Verschwinden. Gegen den Kleiber gehalten, der im nahen Wald schon einmal seinen Vorrat an Frühlingspfiffen durchgeht, wirken sie außerdem wie aus Granit gehauen.

Es gibt ein erstaunlich kleines Exemplar unter ihnen, das mich allerdings bald eines Besseren belehrt. Das Zwerg-büffelkalb schüttelt sich und strebt auf seine Alte zu, um ihr an die Zitzen zu gehen. Es saugt mit größter Gier und Rücksichtslosigkeit. Ich höre das Schmatzen auf 50 Meter und wundere mich, daß die Mutter von der Ramme an ihrem Euter nicht umgeworfen wird. Doch die Mutter rupft stur am Heu, um ihre Tränke wieder aufzufüllen.

Schließlich läßt der junge Zwergbüffel von ihr ab und reckt seinen Schädel in die beißende Luft wie nach vollbrachter Heldentat. Dabei brodelt ihm ein zäher Schaum ums Maul, den ich jetzt lieber auf einem Cappuccino sähe.


Das Haus der Wasseramsel

Um die alte Weide, die sich gar nicht so gram übers Flüß-chen beugt, faucht der Winterwind. Sie hütet das Haus der Wasseramsel. Paul hing es ungefähr zwei Katzenbuckel hoch über dem Wasser an einem alten Schüreisen auf. Seine Rotgetigerte hätte jetzt leichtes Spiel. Der Regen, der vom steilen Hausdach rann, hat sich in dicke Eiszapfen verwandelt, die wie Pfosten auf dem Flüßchen stehen, das an dieser Stelle zugefroren ist.

Doch die Wasseramsel benutzt ihr Holzhaus nur saisonal. Im Winter ist sie damit beschäftigt, sich an den rauschen-den, eisfreien Stellen ihres Flüßchens auf den Frühling und ihre Mutterpflichten einzupendeln. Da wiegt sie sich auf einem umspülten Stein. Wird sie irgendwann ungehalten, geht ihr von eifrigem Blinzeln begleitetes Wiegen in erbostes Knicksen über. Willst du wohl kommen, ver-fluchte Wasserassel. Scheiß Kälte! Trotzdem stürzt sie sich in das eisige Wasser. Sie durchfuhrwerkt es. Sie paddelt, wirft sich umher, stochert im Grund, hüpft wie ein Korken wieder nach oben, boxt, wieselt, spritzt. Hat sie am Eisrand des Strudels wieder Tritt gefaßt, schüttelt sie sich wie eine Zwergwasserratte. Dann knufft und glättet sie ihr größten-teils erdbraun gefärbtes Gefieder und verfällt in wiegendes Behagen.

Das ist nur verständlich, ruht doch ein Klumpen Wasser-geziefer in ihrem Gedärm. Ihr weißer Brustlatz korrespon-diert mit den Flecken, die sie auf ihren Stammsteinen hinterläßt. Paul behauptet, das wahre Haus der Wasser-amsel sei das Wasser.


Zwergen

Ich vermisse den Dorfteich, an dem mich ein Zwergtaucher herzlich mit rauhen Trillern begrüßte. Dafür endet mein erwartungsvoller Streifzug durch das nordhessische Dorf auf einem Campingplatz.

Die Heimatforschung hat die ursprüngliche Bedeutung des Dorfnamens nicht zweifelsfrei herausfinden können, doch als sicher gilt, mit Zwergen hat er nichts zu tun.* Immer-hin hat der Zwergener Campingplatz Kinder zu bieten; sie durchwaten das für sie vielleicht reißende Flüßchen Warme, indem sie sich an die Hörner stoischer Ziegen klammern. Die Warme mündet bei Liebenau in die Diemel. Die Ziegeneuter schaukeln wie Paare praller Flaschen-kürbisse, während das Flüßchen an ihnen schmatzt. Die erwachsenen Camper dösen derweil im Schatten der mächtigen Pappeln dem Grillen am Abend entgegen. Den Strom für die Lautsprecher, die dann Stimmung machen werden, hat die Warme zu liefern, die in einem Anbau der ehemaligen Korn- und Sägemühle eine Turbine unterfließt.

Ich nicke dem muffligen Platzwart zu und verziehe mich bergan. Die Sonne sticht erbarmungslos von einem kalkigen Himmel. Ich lasse mich von der Kühle hoher Buchen verschlucken. Der Waldweg, der oberhalb des Campingplatzes den Einbuchtungen des Dorfhügels folgt, ist von den Stauden der Tollkirsche gesäumt. Dann tritt der Weg ins Feld. Ich blicke noch einmal über die Zwer-gener Dächer. Wo der kalkige Himmel von einem klobigen Nagel geritzt wird, liegt die graue, selten häßliche Kirche. Man sehe sich dagegen die Tollkirschenstauden mit ihren glockigen altrosa Blüten an! Das Schönste an diesem Dorf ist ohne Zweifel sein Name.

* Laut der amtlichen Webseite lagis-hessen.de sind zwischen ca. 1000 und 1250 in verschiedenen Dokumenten folgende Namen für das spätere Dorf Zwergen (um 1570) zu finden: Duriun, Duiren, Dueriun, Duergian, Dwergen. Im Althoch- oder Mittelhochdeutschen hieß dwerah, dwerch, zwerch wahrscheinlich „quer, schräg“ oder ähnlich. Das heutige Dorf macht allerdings nicht den Eindruck eines Rebellen-nestes.


Requiem

Statt den Toten Maschinenlärm zuzumuten, was die GärtnerInnen auf dem benachbarten Friedhof tun, läßt Apotheker Allmeroth das Gras in seinem buckligen Obst-garten neuerdings von drei Schafen kurz halten. Jeder-mann liebt und verwöhnt sie. Die Leute klemmen Salat-köpfe, Petersiliensträußchen oder knusprige Brötchen zwischen die Lattenspitzen des Gartenzauns. So müssen sich die Schafe nach dem Futter strecken. Ihre Vorderläufe gucken dabei über die obere Querlatte heraus, sodaß ihnen brüderlich der Huf geschüttelt werden kann.

Kraulen lassen sie sich auch. Doch wer hat schon ein Petersiliensträußchen in der Hand, wenn er auf eine Beerdigung geht? Sie findet auf der Rückseite des Apothe-kergartens unmittelbar am Zaun statt, wie ich bei einem Gang zur Post bemerke. Begräbnisse schaue ich mir immer gerne an. Allerdings habe ich noch nie eine derart peinlich berührte Trauergemeinde gesehen. Das Loch klafft; der Pfarrer gerät ins Stocken. Hufe auf der Querlatte, blöken sich die Schafe die Seele aus dem prallen Leib.

Der Pfarrer macht „ksch! ksch!“ Immer mehr Schneuz-tücher verhüllen Trauermienen, die sich womöglich zu verwandeln drohen. Das versteinerte Gesicht der Witwe zeigt dagegen, der Verstorbene hatte nichts zu lachen.

Bevor die Witwe ohnmächtig ins Loch kippen kann, setzt der Pfarrer einen vorzeitigen Schlußpunkt, wodurch er dem Verstorbenen viel Gesalbe erspart. Dann liefern die Hinterbliebenen unter dem herzzerreißenden Blöken der Schafe ihr Schippchen Erde auf dem Sargdeckel ab. Von einem Busch gedeckt, kann ich mich dabei an der Mühe ergötzen, mit der sich etliche von ihnen das Grinsen zu verkneifen haben.

Das Gesicht des Pfarrers dagegen ist rot angelaufen, kommen ihm doch die angeblich lammfrommen Ge-schöpfe seines obersten Dienstherren ziemlich mißraten vor. Ich werde den Schafen ein paar geschälte Bananen spendieren.


Stimmen

Das gepfiffene, etwas ungehobelt wirkende „Kü“ des Grauspechts, der in der Pappel hinter der Mühle hockt, senkt sich in schwermütigen Schritten zum Fluß. Doch dieser rastet nicht. An den Steinen zu meinen müde gelaufenen Füßen bricht sich das Wasser in Schollen wie an Pflugscharen. Dann wird es gehäxelt. Wo der Fluß an Tiefe gewinnt, wird es mit Hilfe der Abendsonne wie in einem Kupferbad verschmolzen. Vielleicht werden hier Waffen geschmiedet. In dem sanften, etwas gurgelnden Brausen des Wassers sind nämlich Stimmen zu hören. Sehr gedämpft und irgendwie verzerrt, steigen sie offenbar unter oder hinter dem bewegten Wasser auf – als redeten Menschen hastig und beschwörend aufeinander ein.

Vermutlich hält man sie im sandsteingemauerten Keller-geschoß der Mühle gefangen. Sie bereden das Für und Wider eines Ausbruchs. Schon knirschen die Gitterstäbe, was bedeutet, die philosophische Fraktion zog den Kürzeren. Gleich werden mich die Rebellen im Vorüber-schleichen wie mit Schraubstöcken unterfassen, um mich wieder in den Strudel der Leidenschaften zu ziehen.


§

°
°