Sonntag, 8. Juli 2012
Siggis Schneisen
1975 nach dem Schiffbruch meiner Ehe mit C. in Westberlin gestrandet, befielen mich zu allem Unglück auch noch Gedanken an mein Ende. Sich vorzustellen, man sei plötzlich nicht mehr vorhanden, erwies sich zwar als „unmöglich“, gleichwohl marterte mich das Phänomen. Was konnte ich gegen dieses Verlassenheitstrauma unternehmen? Ich warf mein Auge verstärkt auf alte Männer. Vielleicht wußten sie besser mit der Angst vorm Tod umzugehen, denn darum handelte es sich ja wohl.

Über den alten Kreuder, der auf einem Foto vollbärtig und grimmig durch eine dicke Hornbrille sah, konnte Frau Irene bei meiner Spurensuche in der Darmstädter Mühle nur wenig sagen. Der kreislaufschwache Kreuder hatte stets einen Spirituskocher mit einem Pott brodelnden Kaffees am Bett stehen, wenn er sich erschöpft niederlegte und Bücher las. Als sie an Heiligabend 1972 wieder einmal nach ihm sah, blubberte zwar der Kaffee, doch ihr Mann atmete nicht mehr. Ob „sanft entschlafen“ oder nicht – vorher hatte Kreuder „Leben“ gern als „lebenslängliches Erpreßtwerden zum Tode“ definiert. Da hätte es besser ins Bild gepaßt, Frau Irene hätte vom Sterbelager ein paar Flüche überliefern können. Stattdessen hatte ich den typisch nordhessischen Verdacht, der Kollege habe sich klammheimlich „vom Acker gemacht“.

Andere Alte sprach ich kurzerhand in der Markthalle oder auf dem Friedhof an, doch in der Regel verstanden sie nur Bahnhof. Seufzte ein Mütterchen, wir müßten alle einmal sterben, war es schon viel. Immerhin fiel mir dadurch wieder ein Lieblingswort meiner Mutter Hannelore ein: die Tatsache, daß wir alle einmal unter die Erde kämen, stelle die einzige Gerechtigkeit auf Erden dar. Über kleine Unterschiede in den Lebensfristen unterhielten wir uns nie, wenn ich mich recht erinnere. In diesem Sommer (2010) ist der von mir sehr geschätzte Waltershäuser Zahnarzt Lutz Scheer, 54, an Leukämie gestorben. Der gleichen Krankheit fiel der Tänzer Heinz Bosl (1975) schon mit 28 Jahren zum Opfer.

Ein größerer Gegensatz als der zwischen dem Ballettstar des Münchener Nationaltheaters und dem Neuköllner Höhlenbewohner Siggi läßt sich kaum denken. Vor seiner Berentung im Finanzamt am Mehringdamm tätig, trieb er sich nun bei den Spontis herum, wenn ihm die Deckblätter seiner Papierstapel auf den Kopf zu fallen drohten. Schmächtig und knopfäugig, lebte er auch wie ein Mäuschen. Aus doppelten Unterhaltsgründen hatte er sich aufs massenhafte Lösen von Preisausschreiben und Kreuzworträtseln verlegt. Die erforderlichen frischen Zeitungen und Illustrierten bezog er aus Hunderten von Bahnhofspapierkörben, während er seine Sachgewinne – ob Seife, Eierkocher, Havelschiffausflüge – auf dem Trödelmarkt zu Geld machte. Das Altpapier hortete er als Brenn- oder Dämmstoff. Es stapelte sich in seiner verschimmelten Hinterhofbude bald bis zur Decke. Von den Fenstern ließ sich nur noch ein Oberlicht öffnen. Der Ofen war längst eingemauert. Schneisen vom Klo und vom Ausguß her mündeten in der Zimmermitte in einer Bucht, die Siggis speckigem Canapé und einem alten Küchentisch Platz bot. Daran aß und rätselte er.

Ich hielt es für sinnlos, die Frage des Todes überhaupt anzuschneiden. Siggi sprach bestenfalls fünf Sätze am Tag. Im Winter wurde er in seiner Bucht von links durch die Tischlampe, von rechts durch den rotglühenden Heiz-strahler beschienen. Obwohl gekrümmt, wirkte Siggi nie bedrückt. Ich glaube, der Tod interessierte ihn einfach nicht. Er konnte Siggi gleichsam den Buckel herunterrutschen.
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