Sonntag, 8. Juli 2012
Ende eines Sommers
Geschrieben 2008

Über Jahrzehnte hinweg war Heiligendamm nur als Seebad bekannt. Ich streifte die Weiße Stadt am Meer im Frühsommer 1991 in Begleitung von Mirjam Eich, die von ihrem Vater Günter einen alten Baedeker von 1917 geerbt hatte. Darin wird zurecht ein schräg auf die Ostseeküste zulaufender herrlicher Buchenwald hervorgehoben. „Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ So heißt es allerdings nicht in dem Reiseführer, vielmehr fängt Günter Eichs Gedicht Ende eines Sommers mit diesen Worten an.

Die verblichenen klotzigen Kurgebäude des damals noch verlassenen Badeorts konnten freilich kaum trostloser wirken. Ein etwas kleineres, verschachteltes Gebäude stand hart an der Steilküste – just wo der Buchenwald ausläuft, der im Juni 2007 als Tummelplatz joggender Präsidentenleibwächter herzuhalten hat. Die ewig tosende See und die schrillen Möwenschreie im Ohr, wäre in dieser „Villa Wilhelmshöhe“ womöglich jeder Gast so rammdösig und reizbar geworden wie unser letzter Kaiser und alle fürstlichen Vollidioten vor ihm – und möglicherweise auch Präsident Bush oder Kanzlerin Merkel nach ihm. Die letztere war die Gastgeberin des G-8-Gipfels der Volksver-höhnung, der 16.000 Polizisten und über 1.000 Soldaten beköstigte und mindestens 120 Millionen Euro verschlang. Über die Aufteilung der Kosten streiten sich Bund und Land Mecklenburg bis heute. Allein der 12 Kilometer lange Metallzaun um die Tagungsstätte konnte mit einem Kilometerpreis von über einer Million Euro glänzen. Er wurde wieder abgebaut. Von Deutschlands Diderot H. M. Enzensberger soll der Vorschlag stammen, ihn bei der Einzäunung Afrikas wieder zu verwenden, denn das Boot sei voll. Enzensberger ist wie die Cohn-Bendits und Gerhard Schröders zu den Fleischtöpfen des Kapitals übergelaufen.

In der Tat erörterten die anwesenden VertreterInnen der Ölmultis und der Weltbank vornehmlich die Lage in Afrika. Jean Ziegler (2008): „Die beiden wichtigsten Punkte der Tagesordnung waren die Garantie privater Auslandsinvestitionen und die Universalität des Patent-schutzes auf dem afrikanischen Kontinent. / Das Wort Hunger tauchte im Programm von Heiligendamm nicht auf.“ Es focht Gastgeberin Mutti Merkel nicht an, wenn allein in dem verelendeten Ölförderland Nigeria „Hun-derttausende“ von Kindersklaven gehalten werden.

Was die bekannten Proteste angeht, wage ich gleichwohl die Frage, ob es so sinnvoll sei, einem Heer von „Sicher-heitskräften“ in die offenen Knüppel zu rennen und ihren geheiligten Oberhäuptern Referenz zu erweisen. Zusätzlich macht man sich auf diese Weise zum Prügelknaben der Demagogen, die unsere Pressehäuser und Fernseh-anstalten beherrschen. Solche schlechten Ergebnisse lohnen nicht einen ausgeschlagenen Zahn. Es wäre im Gegenteil angebracht, sich von jenen Herrschaften und der einen Dame Merkel so entfernt wie möglich zu halten, damit sie einem nicht die Kampfbedingungen diktieren. Statt sie zu umzingeln, muß man sie ins Leere laufen lassen. Eben die Leere regieren sie ja auch. Wer sie wichtig nimmt, macht sie erst bedeutend. Wer sie ernst nimmt, kann sie nicht auslachen.

Die wirklichen Veränderungen finden – wenn überhaupt – in den kleinen Dingen des Alltags statt. Dort haben auch echte Begegnungen (unter den Rebellen) Raum. Gegen den Abriß eines Jugendzentrums lohnt es sich zu kämpfen; da marschiert nicht gleich die ganze Nato auf. Gegen das Hotel Kempinski – das sich an der Gipfelkonferenz eine Goldene Nase verdient hat – lohnt es sich nicht.
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