Samstag, 7. Juli 2012
Kratzende Hosen
Ein kleines ABC meines Lebens

Geschrieben im Laufe der vergangenen 10 Jahre. Umfang rund 44 Druckseiten. Somit bleibt der Schnitt unter zwei Druckseiten für jeden Buchstaben des Alphabets.



Abitur

Der Volksschule in Kassel-Bettenhausen war soeben ein „Realschulzug“ angeschlossen worden. Ich durfte ihn (ab 1960) besuchen, obwohl ich keine große Leuchte war.

Ich war vor allem albern. Morgens pflegte ich mich mit Erich S. „an der Ecke“ unserer Siedlung zu treffen, um den Schulweg mit ihm gemeinsam zurückzulegen. Der schmal-gesichtige Erich war ein streb- und folgsamer Junge; er wurde später Bankkaufmann. Jeden Morgen hämmerte ich mir auf den 200 Metern bis zur „Ecke“ ein, heute nicht in Albernheit verfallen zu wollen. Ich flehte zu Gott, leistete Schwüre, malte mir das herrlich hoffähige Leben ohne Albernheit aus. Kaum lag die „Ecke“ in unserem Rücken, fing ich mit meinen Faxen an. Jeder Anlaß war willkom-men. Lugte ein Taschentuch aus Erichs Hosen, mußte es mit Kletten gespickt oder mit einer Fahrradklammer beschwert werden. Erichs Schiebermütze lud zu einer Verwandlung in Scheuklappen ein. Leider hatte auch das mächtige schmiedeeiserne Tor zum Schulhof keine läuternde Wirkung. Lag man ohnehin von einem Kicher-anfall gebeutelt unter dem Schultisch, bot es sich an, im näheren Umkreis alle Schulranzen zu vertauschen. Zettel mit Blödsinn kursierten, Schwämme voller Wasser oder Kreidestaub flogen, Mädchen umklammerten beim Schreiben mit der freien Hand ihre Blusenausschnitte. Es war furchtbar.

Am meisten litt ich selber unter meiner Albernheit. Sie war hartnäckiger als Rinderwahnsinn. Ich schämte mich ihrer unendlich, wußte jedoch kein Mittel gegen sie. Man war eben so dumm wie das dumme Zeug, das man machte. Man spielte sich in einer Weise auf, die einem, neben Aufmerksamkeit, garantiert Verachtung eintrug. Mög-licherweise konnte sich die Albernheit nur deshalb zum Albtraum meiner Jugend aufschwingen, weil sie sich mit „objektiven“ Makeln zu verbünden verstand. So war meine Mutter eine „Geschiedene“ – ihr Sprößling vaterlos. Zwar gab es noch meinen Großvater Heinrich, nur gehörte er leider zum Lehrkörper derselben Schule. Dadurch drang das dumme Zeug stets taufrisch an seine Ohren. Der Enkel machte ihm Schande. Dabei hätte der Enkel guten Grund zur Botmäßigkeit gehabt, denn er kam aus ärmlichen Verhältnissen, für die sein Großvater nichts konnte. Dessen Tochter, die „Geschiedene“, war schuld. Sie mußte sich als Bürohilfe verdingen. Daß ich in meiner Klasse nicht der Erste jedoch der Ärmste war, ging unfehlbar aus den Antragsformularen für „Erziehungsbeihilfe“ hervor, die mir der Klassenlehrer halbjährlich vor aller Augen überreichte. So nannte sich damals das spätere Schüler-Bafög. Ich war der Einzige, der es bezog. Und zum Dank glänzte ich nun mit Albernheit und mangelhafter Leistung.

Beides dürfte kaum zu trennen sein. Die Albernheit ist der Fötus der Rebellion. Sie verweigert Leistung. Allerdings reagiert sie nur – statt Souverän zu sein. Sie stört und zerstört Ordnung, ohne eine neue Form zu schaffen. Der zwanghaft Alberne setzt der drückenden gesellschaftlichen Norm nichts wirklich Eigenständiges entgegen. Er ist Dadaist. Zählt er zudem von Natur aus zu den Schnecken, braucht er zur Läuterung Jahrzehnte. Ich strebte zunächst eine Galgenfrist von drei Jahren an – bis zum Abitur. Im Gegensatz zu Erich konnte ich mir zum bevorstehenden Realschulabschluß keinerlei Berufsergreifung vorstellen, die mich nicht in die Hölle geführt hätte. In der Verwandt-schaft und durch eigene Ferienarbeit gewann ich genug Einblicke in dieses stumpfsinnige Schmoren für etwas „feste Kohle“. So drängte ich mich dem neuen Wirtschafts-gymnasium in Kassel-Kirchditmold auf. Im Fach Spanisch lernte ich kein Wort, dafür im Schreibmaschinensaal umso mehr.

Es wurden dann nur zweieinhalb Jahre. Sie waren wieder für jede Menge Albernheit und Faulheit, zunehmend allerdings auch für „Politisierung“ gut. 1966/68 griff die antiautoritäre Schülerbewegung auf Kassel über. Obwohl uns Juso-Führer Hans Eichel, später Oberbürgermeister und Bundesfinanzminister, bei den Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze per Megaphon zur Besonnen-heit aufrief, schlugen wir vermehrt über die Stränge. Vom Kirchditmolder Schulhügel her hagelte es Tadel und Blaue Briefe. Ein halbes Jahr vorm Abitur legte mir der „Direx“ den Schulabgang nahe. Ich hätte es ohnehin nicht geschafft.


Brot

Da ich nie Vergetarier war und auch keiner werden wollte, besorgte ich mir meinen Aufschnitt über Jahrzehnte hinweg als Anschnitt. So nannten jedenfalls die Westber-liner Wurstverkäuferinnen die vom gewöhnlichen Kunden verschmähten Überreste von Würsten oder Schinken. Da bekam ich oft für einen Spottpreis einen Packen mit noch völlig unverdorbener, nur eben unansehnlicher Fleisch-ware, mit der ich einen Bernhardiner hätte miternähren können. Aber ich wollte auch niemals Hundehalter werden.

So freute ich mich wie ein Schneekönig und belegte meine Brote fingerdick. Allerdings setzte die Freude immer erst einige Zeit nach dem schäbigen Einkauf ein. Zwar gab es den Anschnitt fast umsonst, aber den Wunsch nach ihm zu äußern, kostete mich stets Überwindung. Und dann meinte ich im langen Gang der Markthalle stets den bedauernden Blick der Wurstverkäuferin in meinem Rücken zu spüren: Das arme Schwein ... Wer mit dem Makel der Armut behaftet ist, schämt sich eben in der Regel. Nur, ist das noch normal? Müßten sich nicht eher die reichen Schweine schämen?

Vor einigen Jahren nahm ich auf Durchreise in Süd-deutschland Einblick ins Leben meines alten Bekannten Horst, der mich um 1970 zu einem Abonnement der damals noch ziemlich gesellschaftskritischen Frankfurter Rundschau angestiftet hatte. Jetzt führt er ein kleines Unternehmen in der typographischen Branche, das sich auf Kunstdrucke spezialisiert hat – Kalender, Postkarten, Plakate und dergleichen. Nachdem wir in seinem mittel-schweren BMW gefahren sind und in seinem Wohnstudio in sehr schönen Armlehnstühlen aus verchromtem Stahl und dunkelgrauem Leder sitzen, gestehe ich dem durchaus klugen und umgänglichen Mann mein Unbehagen an seiner gehobenen Lebensführung. Schließlich habe er die Firma von seinem Vater geerbt. Sollten aber Horsts Begabung oder Willenskraft das gute Gedeihen seines Unternehmens bewirken, seien auch sie nur Geschenke des Zufalls.

Horst lächelte nachdenklich, schüttelte den Kopf und hob seine nicht von Druckerschwärze entstellten Hände: „Wem wäre damit geholfen, wenn ich schlecht gebildet, schlecht gelaunt und schlecht angezogen durch die Gegend schlurfte? Klar, Neider würde es dann keine geben. Aber du wirst vielleicht zugeben: was du meine Privilegien nennst, ist doch ziemlich relativ. Gemessen an der Armut der Dritten Welt geht es den Hartz-IV-Empfängern immer noch gut. Und meine Leute wiederum sind denen in den Löhnen deutlich voraus ... Ich fürchte, was dir mißfällt und was du an mir als elitären Zug beklagst, ist das Fehlen von Schuldgefühlen. Das kommt auf meiner Seite eher als Ressentiment an.“

Auf die Idee, sämtlichen Lohn- und Almosenempfängern der Welt die Reichen und den Reichtum dieser Welt gegenüber zu stellen, kam er lieber nicht. Das hätte wo-möglich auf ungerechte Eigentumsverhältnisse verwiesen. Aber das sagte ich nicht – ich ließ das Thema fallen. Denn gegen die Gewitztheit, die solche Emporkömmlinge zeigen, ist kein Kraut gewachsen. Nach ihr kommt es nicht darauf an, was wir angestellt haben – etwa ein Dutzend Arbeits-kräfte, oder ein Mietshaus angezündet, oder einen Obdachlosen totgetreten. Es kommt nur darauf an, die Annahme von Schuldgefühlen zu verweigern. Auf diese Art bleibt unser Gewissen stets rein.

Als ich meine Begegnung mit Horst bei einem Freundes-essen erzählte, gab Ludwig zu bedenken, dieser Kunstpost-kartendrucker sei doch nur ein kleiner Krauter und entlohne seine Arbeitskräfte noch vergleichsweise gut. Im Ossietzky (Nr. 8/2012) stünde gerade ein Artikel von Wolfgang Schreyer über das Zinssystem der Westlichen Tauschwertgemeinschaft. Von ihm profitierten allein die reichsten 10 Prozent der GeldbesitzerInnen; der Rest zahle. Legten zum Beispiel die derzeit 31 deutschen Milliardäre ihr Kapital (zu fünf Prozent) vollständig an, kassiere jeder von ihnen, wohl im Schnitt, täglich 585.000 Euro an Zinsen. „Klasse!“ erwidere ich. „Aber damit ist Horst nicht entlastet. Indem er mitmacht, stützt und deckt er dieses verbrecherische, grundfalsche System. Er häkelt am Anschein mit, das kapitalistische System erbitterter Konkurrenz zwecks Erzielung von Profit sei alternativlos.“

Das räumte Ludwig ein. Die Alternative habe ich in meinem Romanmanuskript Konräteslust beschrieben.


Camping

Es war ein Wettlauf gegen den Kalender. Im April des Jahres 2003 begonnen, mußte der Ausbau der ehemaligen Waltershäuser biggi-Puppenfabrik bis zum Herbst zumin-dest weit genug erfolgt sein, um 15 bis 20 Leuten kalte Ärsche zu ersparen. Denn die meisten von uns hatten ihre Wohnungen in Freiburg, Berlin, Korbach oder anderswo bereits gekündigt.

Angesichts der Tatsache, daß die Gründung der neuen Puppenfabrikkommune zum einen auf notariell beglau-bigtem Papier, zum anderen in einer „entkernten“ Ruine stattgefunden hatte, war das sicherlich mutig, vielleicht auch leichtsinnig. Von den Wänden und Decken der Fabriksäle hingen Putz oder Lackanstriche in Fladen herab. Jeder Gang durch die Säle wurde durch Schutt, Sperrmüll, leere Bierflaschen und herausstehende Dielennägel zum Hindernislauf. Die Geländer in den drei Treppenhäusern waren überwiegend zertrümmert. Ähnliches galt für die rund 300 Fenster der 2.800 Quadratmeter großen Fabrik. Waren die Scheiben noch heil, schlossen die Flügel nicht. Der April war zunächst kalt; in unserer Herberge und künftigen Heimstatt zog es, als läge sie auf dem Inselsberg. Im Hauptgebäude hatten wir uns behelfsmäßig den am wenigsten unwirtlichen Saal im Ersten Stock für unser „Baucamp“ auserkoren. Die Baustelle selber befand sich im Seitenflügel, auf den die Kommune bis heute beschränkt ist.

Der Vorschlag mit den Zelten war von unserem Ex-Niederkaufunger Peter gekommen. Immerhin konnten wir die Zelte auf Holzdielen aufschlagen, womit es sich erüb-rigte, die Heringe einzudübeln. Wir klopften kurzerhand Hakennägel in die Dielen. Ich kann es bis heute noch nicht glauben, daß ich auf der dünnen Iso-Matte in meinem kleinen Zelt im Nu einschlafen konnte, obwohl mich nicht nur die Schauer des Fröstelns sondern auch der dröhnen-den Musik von Cochise oder der Bluesröhre Anne Haigis überliefen. Der Saal war ja zugleich Gemeinschaftsraum mit einer langen Eßtafel und einer Sitzecke aus Sperrmüll-sofas. Da wir binnen dreier Tage Wasser- und Stromlei-tungen gelegt hatten, verfügten wir nebenan über eine Behelfsküche und im Erdgeschoß sogar über eine Dusche. Als es sommerlich heiß wurde, lockten die Lampen und geöffneten Fenster wahre Mückenschwärme in unser Camp, aber auch gegen sie zeigte ich mich verblüffend dickfellig. So erwies sich wieder einmal, der Pioniergeist verschworener (Glaubens-)Gemeinschaften ist imstande, Schuttberge zu versetzen und NeurotikerInnen in Helden oder Batweiber zu verwandeln.

Allerdings hält die Aufbruchstimmung nie ewig an, wes-halb im Zuge ihres Abflauens zum Zwecke der Kompensa-tion der sich häufenden Konflikte an den Legenden von jener Pionierzeit gestrickt wird. Danach waren wir zwei Dutzend Leute ein Herz und eine Seele und die beste Kommunegründungsgruppe des Jahrzehnts gewesen. Die Konflikte schlichen sich irgendwie (aus Feindesland) von außen ein. In Wahrheit saß der Wurm der Unverträglich-keit von Anfang an in der Gruppe. Bei jedem zweiten Frühstück an der erwähnten langen Eßtafel hing dicke, oft sogar vergiftete Luft im Saal. Auf der Baustelle flogen die Funken noch am wenigsten von der Flex. Alle paar Nase lang „schmiß jemand die Klamotten hin“, weil er wütend oder gekränkt war. Mehrmals drohte es sogar zu Hand-greiflichkeiten zwischen Kommunarden zu kommen. Doch sowohl die heute noch in der Puppenfabrik Ausharrenden wie die meisten der AussteigerInnen verklären das Damals zur heilen Welt. Die können sie sich wenigstens an den Hut stecken – man hat nicht völlig versagt.

Mir dagegen reicht die zentrale Holzheizung fürs Emp-finden einer gewissen Genugtuung aus. Unter Feder-führung von Jürgen und Michi wurde sie nahezu pünktlich fertig, sodaß wir ab Ende Oktober nicht mehr frieren mußten. Bald darauf übernahm ich die Verantwortung für die Holzbeschaffung und half zudem im Heizkeller mit. Ich bereue auch diese Knochenarbeit nicht; es sind wertvolle Erfahrungen.


Dompteure

In Westberlin waren Sklavenhändler lange vor Gerhard Schröders Sozialreformen bekannt. Ich war 1975 in die Frontstadt gegangen, weil ich dort ohnehin schon einge-bürgert gewesen war, hatten mir doch drei Instanzen der Kriegsdienstverweigerung meine Gewissensgründe nicht abgenommen. Verfügte man damals über einen in West-berlin ausgestellten Behelfsmäßigen Personalausweis, mußte man nicht „zum Bund“. Auslöser meines Umzugs war die Auflösung meiner Ehe gewesen. Ich war der mobilere Ex-Gatte, weil ich keine feste Arbeitsstelle hatte.

Aufgrund dieses Ortswechsels hatte ich allerdings kaum noch Freunde. Einen Gipfel meines Verlassenheitstraumas erlebte ich in der riesigen Halle der Reinickendorfer Hammerschmiede Hugo Kummers. Sie war nahezu leer. Hugo, ein rosiger Koloß mit Spinnenbeinen und Orang-Utan-Armen, schmiß das Büro, während sein Bruder Hans, ein Schweißer, hin und wieder auftauchte, um mir das kalte Biegen von Profileisen zu zeigen oder an seinem Porsche einen neuen Heckspoiler anzubringen. Mein einziger Kollege war ein Jungarbeiter, der seine kurzan-gebundene Berliner Schnauze zum Frühstück mit Matjes-Filets und Springers B.Z. fütterte.

Nach Kummer schlug ich mich nur noch tagelöhnernd bei den allen Scherben-Fans wohlbekannten Sklavenhändlern durch. Ich arbeitete lediglich, um mir Schmalz für meine Stullen und ein Tenorbanjo für meine neue Wirkungsstätte im Straßentheater Kreuzberger Asphaltoper kaufen zu können. Den Vogel schoß ein Verleiher ab, der gleich in dem Hochhaus am Zoo-Eingang residierte. Angeblich hatte er mich fürs eigene Büro als Bote angeheuert. Dann stellte sich heraus, daß ich vormittags in alle Bezirke zu düsen und an Wohnungstüren zu klingeln hatte, um einmal nachzusehen, warum Kollege A. oder Z. mal wieder nicht auf seiner Leiharbeitsstelle erschienen sei.

Diesen eigentlich schmeichelhaften Posten als Sklaven-treiber gab ich rasch wieder auf. In der Asphaltoper widmeten wir uns vor allem der Mieteragitation. Wir holten uns in den Hinterhöfen mit unseren aufwiegle-rischen lustigen Liedern Genickstarre und jedesmal ein paar Groschen oder Fuffziger. Staune ich wieder einmal über die Anmaßung der meisten MitteleuropäerInnen, schöngeschwungene Lebensläufe und -werke zu bean-spruchen, fallen mir stets Ödön von Horvath und Manfred Birreg ein. Beide wurden keine 40. Während der Schrift-steller in Paris beim Sturm von einem Baum erschlagen wurde, erwischte es unseren muskulösen und meist fröhlichen Trompeter bei der Reparatur eines Bügeleisens. Dem Tod genügte Manfreds schöngeschwungener Leib.


Eich, Clemens

Jahrgang 54, hätte er mein jüngerer Bruder sein können – etwas gedrungener, blond. Ich erlebte ihn einmal um 1990, als er seine Schwester Mirjam an der Panke besuchte. Der hübsche Schauspieler und Schriftsteller trat mit einer ungezwungenen Bescheidenheit auf, von der ich nur träu-men konnte. Sanft, fröhlich, nie anbiedernd, schien er seiner selbst gewiß.

In einem alten Fährhaus am Schwielowsee sahen wir kuchenessend den jagenden Schwalben zu und machten unsere Scherze. So kann man sich täuschen. Daß Clemens Eich gestorben sei – „an den Folgen eines nie vollständig aufgeklärten Unfalls in Wien“, wie Gisela Reller ein Jahr später bemerkt – erfuhr ich im Februar 1998 lediglich aus der Zeitung. Meine Verbindung mit Mirjam und auch der gemeinsamen Mutter Ilse Aichinger war schon abgerissen. Zufällig hatte ich in jener Woche gerade fließbandmäßig 30 Gaststättenstühle neu zu beziehen, was ich deshalb doppelt wenig witzig fand. Eingeweihte wußten nämlich von Trinkanfällen, die Clemens immer mal wieder übermannt und geradezu umgewandelt hatten. Enthemmt, begann er in einer Bar oder Kneipe zu toben, um sich früher oder später in einem Krankenhaus oder auf der nächsten Polizeistation wiederzufinden.

Wie sich versteht, wäre er am liebsten vor Scham in den Kugelkopf der IBM-Schreibmaschine des wachhabenden Polizisten gekrochen. Dieser ist gar gebildet und runzelt die Stirn: „Clemens Eich ..? Gespräche mit Clemens ..? Der Sohn von Günter Eich?“

Leider fand ich zu Clemens' eigenen Texten nie Zugang. Die Geschichten/Tiraden kamen mir irgendwie undurch-sichtig, angestrengt, fruchtlos vor. Kinder wie Clemens und Mirjam haben ein hartes Los. 2003 schlug ich Zander einmal brieflich ein Gesetz vor, wonach es allen Künstler-paaren – unter Androhung schwerer Zuchthausstrafe – verboten sei, Kinder in die Welt zu setzen. Das begrüßte er, sprach sich jedoch „für gewisse Erweiterungen“ aus. Also auch SportlerInnen? LehrerInnen? PolitikerInnen?

Hier drängen sich Ludwig Hassenpflug und Fritz Sauckel auf. Kurhessens Ministerpräsident Hassenpflug, wahr-scheinlich der unbeliebteste deutsche Politiker des gesamten 19. Jahrhunderts, war in erster Ehe mit Charlotte Grimm verheiratet, die 1833 bereits mit 40 Jahren starb, und zwar nach der Geburt ihres sechsten Kindes. Seiner zweiten Ehefrau Agnes von Münchhausen machte der ekelhafte Jurist und Reaktionär, der sogar für die zeitweilige Wiedereinführung der Prügelstrafe sorgte, dann noch einmal acht Kinder, ergibt zusammen 14. Da fragt man sich schon, wieviel Unheil wohl mit diesen Sprößlingen (die nicht H. gebären mußte) in die Welt gekommen sei, ob nun für ihre Mitmenschen oder ob für sie selber. Der Thüringer Gauleiter des „Dritten Reiches“ Fritz Sauckel zeugte (mit Elisabeth Wetzel) 10 Kinder. Sauckel wurde 1946 in Nürnberg hingerichtet. Über ihn gibt es meterweise Literatur. Was jedoch aus seinen Nachkommen wurde, hat vermutlich noch nie ein Doktorand untersucht.


Fluchen

Um es gleich zuzugeben: eine Strichliste meiner täglichen Ausstöße von „Schweinerei! Scheiße! Mist! Das ist doch zum Kotzen!“ und dergleichen wäre länger als ein Essay von Jean Amery. Vor 400 Jahren wäre das ein Delikt gewesen, denn die damalige Waltershäuser Polizeiordnung verbot das Fluchen. Warum, erhellt Stadtchronist Sigmar Löffler nicht. Wahrscheinlich kam da alles zusammen: Sünde, Staatsgefährdung, Schwarzseherei. Ich hätte mich an den Ordnungsstrafen arm gezahlt, wäre im Trillerhäus-chen gelandet, hätte dort erst recht geflucht – ein Teu-felskreis.

Das Trillerhäuschen war ein besonders fortschrittlicher Pranger; eine Gitterröhre auf einer Art Töpferscheibe, sodaß man den Missetäter nicht immer auf dieselbe Stelle spucken mußte. Im Gebirgsfürstentum Schwarzburg-Rudolstadt hätten sie zum Drehen sicherlich die Maultiere aus dem Olitätenhandel oder Esel wie Lenz, Hölderlin, Fichte genommen, wenn dort Goethe Innenminister – und das Terrain nicht gar zu eng gewesen wäre.

Das um das Öhr der Schwarza gruppierte Fürstentum war ungefähr so groß wie Erfurt. Trotz Raubritter Mehdorns Wüten fährt die Bahn von Arnstadt nach Schwarzburg noch. Von dem Bergbahnhof am Waldrand hinunter zur Schwarza gestapft, steht man auch schon auf dem Friedrich-Ebert-Platz. Auf Wildragout begierig, kehrt man im Weißen Hirsch ein. Der Wirt reibt sich die Hände und meint, man könne doch auch gleich bei ihm übernachten, zumal er ein Bett zu bieten habe, in dem bereits – „Nein!“ rufen wir. „Nicht Goethe!“ – „Ach woher“, besänftigt uns der Wirt und lächelt überlegen: „Reichspräsident Friedrich Ebert! Jawohl. Im wunderschönen Kaisersaal unseres Schlosses hat Ebert 1919 die sogenannte Weimarer Verfassung unterzeichnet. Was sagen Sie nun? Nehmen Sie das Bett?“ – „Nein, danke“, sagen wir. „Mit einem, der Busenfreunde wie Gustav Noske und Waldemar Pabst hat, verkehren wir nicht gern.“

Hauptmann Pabst ließ 1919 Rosa Luxemburg im dunklen Polizeiauto erschießen und anschließend in den Land-wehrkanal schmeißen. Laut einem Bulletin der Regierung Adenauer vom Februar 1962 sogar „standrechtlich“ – es war kein Mord. Nur so habe Deutschland „vor dem Kommunismus gerettet“ werden können. Pabst wurde nie belangt. Ehe er 1970 hochbetagt und wohlhabend starb, betätigte er sich vorwiegend als Waffenhändler. Und da soll man nicht fluchen ..?


Gudensberg

Ein Jahr nach Erscheinen des Puppenkönigs hatte Armin Müller schon drei Doktorandinnen, die über diesen Roman schrieben. Er handelt von der Freundschaft (zwischen einem polnischen und einem deutschen Knaben) und der Heimat. Das war in Müllers Fall die Gegend am nieder-schlesischen Eulengebirge mit der kleinen Stadt Schweid-nitz als Mittelpunkt. Der nächsten Doktorandin schlage ich vor, einmal zu untersuchen, ob unter Schriftstellern auch nur eine Person aufzutreiben sei, die nicht am Ort ihrer Kindheit gehangen und darüber geschrieben hätte.

Wenn sie will, darf sie unter der Regel auch mich erwäh-nen. Es ist gar nicht einzusehen, warum der Erfurter Polsterer Berthold Ott, genannt Bott, bald nach der „Wende“ über einen Rausschmiß bei dem Kasseler Raumaustattermeister Euler in dem nahegelegenen Städtchen Gudensberg landen muß. Es liegt weder sonderlich verwunschen noch hat es die sogenannten großen Söhne und Töchter aufzuweisen. Nur ich wuchs dort auf. Nach meiner Abwanderung mit acht oder neun Jahren kam es sogar noch schlimmer: im Gefolge eines mittleren Kahlschlags wurde die halbwegs hübsche Alt-stadt mit einem für die 70er Jahre typischen Waschbeton-klotz gespickt, in dem sich die dafür Verantwortlichen niederließen, Bauamt, Bürgermeister und so weiter, und neben dem Glasportal dieses neuen Rathauses befestigte man gleich die neue Bestechungsuhr. Das prangert auch Bott an. Auf der anderen Seite fühlt er sich in dem Pro-vinznest wohl und findet im Snookersalon Zugball, den sein Busenfreund Zülch im stillgelegten Gudensberger Bahnhof eingerichtet hat, ein „Highlight“ vor, das weder Erfurt noch Kassel zu bieten haben.

Gleichwohl saß ich sicherlich einfältigen Vorstellungen auf, wenn ich anfangs davon überzeugt war, das Werk Als Bott die Sonne föhnte werde mir von den drei Gudensberger Buchhandlungen aus den Händen gerissen. Meine Ange-bote, die einen Waschzettel und Leseproben umfaßten, wurden ignoriert. Gudensberg war nicht verblüfft von der Chance, erstmals in die Literaturgeschichte einzugehen. Gudensberg war nicht stolz auf den Sohn jenes Mannes, der ihm das erste Rundfunk- und Fernsehgeschäft am Platze gebracht hatte. Der Sohn war den lieben Buch-händlern jede Wette zu linksradikal. Nach diesem Fehl-schlag verzichtete ich darauf, meinen Bott wenigstens der Gudensberger Stadtbücherei zu schenken.

Inzwischen nenne ich diese Entscheidung eines ver-schmähten Heimatliebhabers glücklich. Denn in der ursprünglichen, auf eigene Rechnung gedruckten Fassung wies das Werk ohne Zweifel noch zahlreiche Schwächen auf, die seinem Schöpfer keineswegs zur Ehre gereicht hätten. Nebenbei bleibt bis heute die Frage, ob der ganze Bott, als Figur, sonderlich liebenswert oder gar vorbildlich sei. Eine Freundin kreidete ihm zum Beispiel einmal einen Hang zur Selbstgerechtigkeit an. Wäre er wenigstens ein lupenreines Ekel, wie zum Beispiel Professor Unrat, das hätte Kohle gemacht!


Hörsel

Obwohl in meiner jüngsten Wahlheimat Hauptfluß, wirkt sie nicht gerade imposant. An vielen Stellen würde selbst ein Dackel mit Tauchversuchen scheitern. Doch ich kenne die von Erlen und Weiden beschatteten Kuhlen, in denen ich des sommers meine Kniescheiben benetzen kann. Zum Schwimmen bin ich sowieso zu faul.

Ein Leben als Reiter stelle ich mir schon angenehmer vor. Unter dem Namen Leina aus dem Thüringer Wald kom-mend, mündet unser Fluß als Hörsel bei Eisenach in die Werra. Ob ihr Name etwas mit Pferden zu tun hat (wegen engl. „horses“), ist unter Heimatforschern umstritten. Als Schwemme und Tränke wurde sie sicherlich auch von Pferden genutzt. Mein Kindheitsfluß Eder wirkte zwar schon mächtiger, hatte jedoch bei Fritzlar eine seichte Stelle – vielleicht die Furt, durch die 724 ein Benediktiner-mönch namens Bonifatius geschritten war, um die nahgelegene, den Heiden heilige Donar-Eiche umzulegen. Bekanntlich erregten seine kühnen Beilhiebe nicht den Zorn der heidnischen Götter: der Beweis für deren Nicht-Existenz. Nach diesem Muster konnten später gefahrlos ganze für die Christenheit einkassierte tropische Regen-wälder beseitigt werden. Gottes Zorn blieb aus.

In der Eder-Seichte, die mit Kieseln wohlbefestigt war, pflegte mein Vater Rudi um 1955 hin und wieder seinen Opel P 4 / Lloyd Kombi / Mercedes 180 D zu waschen. Er fuhr die Wagen einfach hinein. Da Schaumbäder damals noch nicht unabdingbar waren, könnten wir dem mit Schwamm, Bürste und Eimer (zum übergießen) bewaffneten Rudi Verdienste um die Ökologie und das Wassersparen andichten. Zieht man davon die Hin- und Rückfahrt Gudensberg–Fritzlar–Gudensberg (rund 20 Kilometer) ab, können wir nicht.

Auch der Umstand, daß ich in der Bonifatiusfurt an flache Flüsse gewöhnt wurde, schlägt nicht unbedingt positiv zu Buche. Seitdem habe ich nämlich Angst vor tiefen Flüssen. Beim Schwimmen in Gewässern a lá Edersee überkommt mich geradezu Grauen. Man sieht nichts und muß damit rechnen, jederzeit von Krokodilen oder Seeungeheuern erfaßt zu werden oder sich wenigstens in den Radspeichen-Storchennestern der überfluteten Dörfer zu verfangen. Aus diesem tieferen Grunde dürfte ich um 1965 den Leistungs-schein für Rettungsschwimmer erworben haben. Wie ich mich dunkel erinnere, versicherten uns die Ausbilder-Innen, Ertrinkende gerieten gern in Panik. Sie boxen und klammern und setzen so das Leben ihres Retters aufs Spiel. Im Gegensatz zu Orwells zweiter Ehefrau Sonia Brownell blieb mir die Probe auf mein Rettungsgeschick bis heute erspart. Als Schülerin hatte sie den Sommer 1936 in einem schweizer Internat am Neuenburger See ver-bracht. Es gab eine Kahnpartie mit drei Jungs – und ein Unwetter. Das Boot kenterte, und zwei Jungs wurden gleich abgetrieben. Der dritte schlug wild um sich, sodaß ihn Sonia, eine recht gute Schwimmerin, „ducken“ mußte, um nicht selber unterzugehen. Dabei ertrank auch er. Sie war die einzige Überlebende. Nach Michael Shelden machte ihr diese Hypothek zeitlebens zu schaffen. Andererseits weist der Vorfall auf die Haare hin, die die hübsche Sonia auf ihren Zähnen hatte. Der schwerkranke Orwell heiratete sie vor allem als zukünftige sachkundige und verläßliche Betreuerin seines Werkes. Umgekehrt verschmähte sie vor allem nicht die damit verbundenen Einnahmen. Allein um die Tantiemen für 1984 zu heben, würde ich mich sogar ins Loch Ness stürzen.

Der Schwerkranke schrieb das weltberühmte Buch vorwie-gend in seinem abgeschiedenen Gehöft Barnhill auf Jura. Diese große Insel liegt in Höhe Glasgows im Atlantik. Bis zum Strand hatte Orwell nur wenige Fußminuten. Mich jedoch zieht es nicht zum Meer. An so mancher Steilküste der Ostsee habe ich es toben gesehen und brüllen gehört. Wo es endet, ist gar nicht zu sehen. Gellende Möwen-schreie, Quallen und Teerschollen, auf jedem Brecher eine Gipfelkonferenz, und man selber kriegt nur Salz und Sand ins Maul – da ist mir die Hörsel lieber.

Sie hat lediglich den Nachteil, nicht schiffbar zu sein. Von dem Schatz, den Kreuders Gesellschaft vom Dachboden im Wald ausgegraben hat, wird ein alter Flußdampfer gekauft. Der Ich-Erzähler bekommt Kajüte 7 zum Schreiben.


Innenarchitektur

Man kennt das Mobiliar als Thermometer, das Besuchern den Charakter des jeweiligen Möblierten verrät. So läßt sich die betrübliche Verfassung mancher anarchistischen Kommune bereits am Zustand ihrer Stühle und Polster-möbel ablesen. Jeder Stuhl wackelt; aus jedem zweiten Sessel quellen Innereien; nehmen drei Leute gleichzeitig auf einem Sofa Platz, sind sie in der Staubwolke nicht mehr zu sehen. Als Wracks vom Sperrmüll gekommen, kümmern diese Sitzmöbel gerade noch so viele Jahre vor sich hin, wie die anarchistische Kommune hält.

Hier und dort versuchte ich, aus ähnlichen Objekten, die ich sorgfältig instandsetzte und einheitlich bezog, Sitz- oder Tischgruppen zu schaffen, doch es dauerte nicht lang, bis sie in alle Winde oder Zimmer verstreut waren. Ich mußte meiner Berufsehre verbieten, sich gekränkt zu fühlen. Es war ja sowieso nur eine Notlösung gewesen. Als abgedanktes Künstlermodell um 1990 nach Kassel heim-gekehrt, lag ich teils meiner Mutter auf der Tasche, teils trug ich Zeitungen aus. Dann schlug mir ein Freund vor, irgendeine vom Arbeitsamt geförderte Umschulung zu beantragen. Da im Berufsbildungszentrum der Hand-werkskammer gerade jemand abgesprungen war, der den Gesellenbrief als Raumausstatter angestrebt hatte, sprang ich dort ein.

Teppichböden, Tapeten und Gardinen interessierten mich nicht sonderlich, doch dem Polstern konnte ich auf Anhieb Liebreiz abgewinnen. Es war ein sinnliches Vergnügen, das den vielseitigen und ästhetisch gestimmten Menschen herausfordert. Abteilungsleiter P. erkannte meine Bega-bung an und förderte sie, obwohl wir häufig aneinander gerieten. Der kräftige Mann war nicht nur Raumausstat-termeister sondern auch Oberstleutnant (Stabsoffizier!) der Reserve, also ein autoritärer Knochen. Neben seinem Häuschen in Arolsen wehte die Deutschland-Flagge. Was Wunder, wenn er dem dortigen „Prinzen“ Wittekind nahestand – dem 1936 geborenen Sohn des SS-Fürsten Josias zu Waldeck und Pyrmont also. Durch Wittekind kamen wir an einige erlesene Aufträge aus dem berühmten Barockschloß. Einmal lieferte ich von mir restaurierte Polstermöbel eigenhändig dort ab, bekam den Schloßherrn jedoch nicht zu Gesicht. Das hinderte mich nicht, Jahre später in der Jungen Welt ein Porträt von ihm zu geben. 2010 lebte er noch.

Sein Bekannter P. übernahm sich gern. Er fuhr einen schwarzen Mercedes 300, der wie unsere Nähmaschinen lief. Da P. meinen Fahrkünsten zu vertrauen schien, durfte ich mit dem Luxusschlitten öfter Besorgungen machen. Das heißt, als Untergebener mußte ich, fühlte mich freilich geschmeichelt. Eines Freitags wollte P. dringend zu einer Tagung reisen, hatte jedoch seine Geldbörse in seiner Nordshäuser Zweitwohnung vergessen – vermutete er jedenfalls. Er beschrieb mir die Jacken, in der sie vielleicht steckte, und schickte mich mit dem Mercedes hin. Da mein Argwohn zu wünschen übrig ließ, erkannte ich nicht, es könne sich auch um eine Falle handeln. Prompt war die Geldbörse nirgends zu finden. Schon unheilvoller, erstattete ich ihm Bericht. Doch er winkte lachend ab: „Schon gut, R. – Frau Soundso hat sie inzwischen in meinem Kittel entdeckt!“

Diese junge blondgelockte Frau Soundso war seine Musterschülerin für den Meisterbrief, weil sie sich ihm, ihrem verheirateten Boß gegenüber, als Expertin für Federkern-Matratzen erwies. Später hörte ich, kaum den Meisterbrief empfangen, habe ihm Soundso den Laufpaß gegeben – nachdem ihr für all die Kurse, Werkstoffe und Reisen jede müde Mark erspart worden war.

Wir berühren hier die breite „Grauzone“ zwischen Schnaps und Dienst. Wie P. nicht nur schwarzrotgold war, sind auch Beziehungen zu Kommunarden unberechenbar. Die 35jährige A. warf mir nach meinem Ausstieg ungefähr jeden Knüppel zwischen die Beine, der in der Puppen-fabrik aufzutreiben war. Ich hätte sie erwürgen können. Mit dem Abstand flaute mein Groll ab, obwohl sie unver-schämt genug war, mir statt der Erzfeindin den Unschulds-engel zu mimen. Isolation bewog sie nun selber zum Ausstieg. Sie fragte mich, ob ich in meinem Lager noch ein paar gepolsterte Stühle für ihre neue Wohnung hätte. Ich überließ ihr für 50 Euro ein von mir aufgearbeitetes Quartett aus Eiche. Es sind hübsche gediegene Stühle, die mein letzter Chef für das Vierfache verkauft hätte, doch ohne A.s Nachfrage wären sie vermutlich verstaubt. Das war meine Strafe.


Josef Neckermann

Wollten die Fahnder der GEZ mich foltern, um endlich das Versteck meiner unangemeldeten Rundfunk- und Fernseh-apparate herauszubekommen, brauchten sie mich bloß in einen edlen Anzug aus reiner Schurwolle zu stecken und meine Hände zu fesseln. Nach wenigen Minuten wäre ich geständig.

Meine Haut ist nämlich leider von Natur aus das Gegenteil eines dicken Fells. Selbst unter den weichsten Baumwoll-hosen treibe ich selten eine auf, in der ich nicht wie auf glühenden Kohlen säße. Als Kind hat mich so gut wie alles überall gekratzt. Das meiste, von den Kniestrümpfen bis zur Pudelmütze, war freilich aus Schurwolle. Vielleicht lagen die Baumwollfelder überwiegend brach, weil die Neger bereits zu GI‘s für die Befreiung des bolschewi-stischen Lagers umgeschult wurden. Bei den Hosen war zudem die messerscharfe Bügelfalte unabdingbar – an der Börse so wichtig wie beim Bund. Sie schnitt mich, den Träger der Hose. Die Schriftstellerin und Försterstochter Marlen Haushofer hätte mich verstanden. Um 1930 wurde sie insbesondere durch lange derbe Wollstrümpfe gequält, die vermutlich die Wirksamkeit von Kaminfegebürsten aus Draht hatten.

Die Kriegserklärung an alles Körperliche und Sinnliche liegt hier auf der Hand. Im Internat der Ursulinen in Linz, wo Marlen die Schule besuchen muß, findet vorschrifts-mäßiges häusliches Baden im Unterhemd statt. Die gleiche Vorschrift bereitet den jungen Heldinnen von F. G. Jüngers ausgezeichneter Erzählung Im Kloster Verdruß – allerdings auch Spaß, weil der Sinn von Verboten ja darin liegt, unterlaufen zu werden. Ich dagegen hatte nichts zu lachen. Vor jeder Familienfeier grauste mir, wurde ich doch in weiße Schurwollhemden gesteckt, die auch noch „gestärkt“ worden waren. Ein Familienverband aus grob-körnigem Schleifpapier hätte die gleiche Wirkung erzielt.

Behalf ich mir auch im Sommer zuweilen mit langer Unterwäsche, war ich im Umkleideraum der Turnhalle das Gespött des Tages. Die knisternden Nylon- und Perlon-hemden des Dressurreiters Josef Neckermann spornten auch mich tüchtig an. Meine Erlösung kam in den späten 60er Jahren, als sich sogenannte Gammler auf die Straßen wagten. Bild hätte sie am liebsten in die Kanalisation gescheucht und Giftgas hinterhergepumpt. Heute ist „lummelige“ Kleidung in. Jahrgang 70 statt 50, und mir wären Jahre des Terrors willkürlicher gesellschaftlicher Übereinkünfte erspart geblieben.

Die Steinmeiers und Diekmanns drängts trotzdem in die Krawattenschlaufe. Ob Kettenhemd oder Korsett; Scham-kapsel, Reifrock, Stehkragen, Büstenhalter, Stöckelschuh – an der Geschichte der Mode fällt der sadomasochistische Zug auf. Der Zwillingsbruder des monsterhaft Unifor-mierten, der auf Demonstranten einprügelt, ist der nackte Jesus Christus an seinem selbsterwählten Kreuz. Er trägt Dornenkrone. Wo man hinguckt, Zwang.

Man könnte sich sicherlich fragen, ob meine frühe Dünnhäutigkeit wirklich den patriarchalen Prügel anlockte oder nicht eher umgekehrt erst der frühe Prügel für die Dünnhäutigkeit sorgte. Es dürfte aber Jacke wie Hose sein.


Kühlhaus

Mit rund 33 Quadratmetern Wohnfläche ist mein 2009 errichtetes Haus keine Villa, aber genau dreimal so groß wie die Gartenhütte, in der ich bis dahin hauste. Das Geschoß unter dem mäßig spitzen Ziegeldach dient nur als Lager. Der Haupteingang liegt an der Schmalseite. Eine Kammer für Werkzeug, Brennholz und Kleiderschrank – sie könnte auch zur Schlafkammer umgewandelt werden – dient mir als Schleuse zum Zimmer. Von ihr aus kann der gemauerte Kamin gereinigt werden. Rechts neben der Kammer liegt eine schmale Stehküche, die zum Zimmer hin offen ist. Dafür ist zur Linken des Zimmers ein winzi-ges Bad mit Duschkabine und Kompostklo abgezweigt, wodurch sich eine breite Nische für mein Bett ergibt. Zentrum des Zimmers ist ein mit rotem Leder bezogener Clubsessel, der jedem Besucher bekannt vorkommt, der meinen 2008 im Selbstverlag erschienenen Bott gelesen hat. Es waren bislang zwei oder drei. Sollte ich einmal einen Nachlaßverwalter haben, dürfte er nach einem Blick auf den Speicher höhnen, mit ihm hätte ich wohl vor allem die vielen Kartons mit den unverkauften Büchern umbaut.

Auffällig auch das ausladende Doppelfenster an der rück-wärtigen Stirnseite des Häuschens. Es geht auf verwilderte Obstbäume und einen nicht weit entfernten Pappelhain. Der linke Flügel läßt sich sogar kippen. Aber nicht öffnen. Wir hatten die Fensterhöhle bereits gebaut, als einem Freund der Stapel aus günstig erstandenen gebrauchten Fenstern, der im Garten an einem Baum lehnte, doch gar zu merkwürdig vorkam. Er untersuchte das größte Fenster und brach in Gelächter aus. Es war ein zweiteiliges Hochkant-Fenster, wie man es beispielsweise aus Trep-penhäusern von Schulen her kennt. Genau von dort stammte unser Stück auch. Doch wir mußten es ja um 90 Grad stürzen. Die an den längeren Seiten angebrachten Scharniere saßen nun unten, die Griffe der Verriegelung oben. Ein derart langes Gesicht hatte ich lange nicht mehr gemacht.

Immerhin kann ich zum Lüften auf eine zweite Außentür zurückgreifen, die wir im Winkel zur Stehküche eingebaut haben. Sie geht auf mein Kräuterbeet, das ich in einer runden, mit Steinen eingefaßten ehemaligen Feuerstelle anlegte. Alles zusammen, Dachfirst eingeschlossen, ist von etlichen hohen Bäumen beschirmt, so Esche, Trauerweide, Kirsche, Lärche, Kiefer, Fichte, Birke und eine Art von mir bislang unbekanntem Haselnußbaum. Buche und Linde pflanzte ich. Aber auch in dieser Hinsicht schwant mir inzwischen – im dritten Sommer – ein Schildbürger-streich.

Eigentlich ist das Raumklima gut. Ich hatte zunächst Befürchtungen, weil wir die Hauswände mit alten Kühl-hauswänden dämmten, die Gregor in Containern eines Erfurter Gewerbegebietes entdeckt hatte. Dadurch sparten wir natürlich eine Menge Geld. Diese 8 bis 15 Zentimeter starke Dämmung besteht aus Schaumstoff in Blechver-packung. Allerdings dämmten wir die Decke dem Luftaus-tausch zuliebe mit 20 Zentimeter starken Hanfmatten, die wir im Gegensatz zu jenem Abbruchgut bezahlen mußten. Unter den Fußbodendielen liegen 10 Zentimeter starke Styroporplatten. Ich besorgte mir für alle Fälle einen Teppich, doch im Gegensatz zu meiner alten Hütte ist das Haus nicht fußkalt. Es ruht auf einer dicken Platte aus Beton. Auf einem angedübelten Holzrahmen errichteten wir Holzständer, auf denen Querbalken und Dachstuhl lasten. Die Eckpfeiler haben wir schräg versteift. In den Zwischenwänden stehen ebenfalls zwei Pfeiler, die einen Teil der Dachlast abfangen. In die Gefache der Außen-wände paßten wir die ehemaligen Kühlhauswände ein. Sie sind jetzt außen schindelartig mit ungehobelten Brettern verschalt, innen mit OSB-Spanplatten. Diese verkleiden auch die Decken. Das Häuschen hält die Wärme ausge-zeichnet; bei Temperaturen um Null Grad komme ich mit einer morgendlichen und einer abendlichen Holzfüllung meines kleinen Dauerbrandofens aus, ohne nachlegen zu müssen. Auch die Qualität der Atemluft läßt nichts zu wünschen übrig.

Aber im Sommer kühlen meine Kühlhauswände auch gut. Das war ursprünglich genauso beabsichtigt wie der Schatten der hohen Bäume, gehöre ich doch nicht zu den fanatischen Anhängern sommerlicher Hitze. Doch leider zählte ich bei der Planung des Häuschens noch zu den vielen Menschen, die an den sogenannten Klimawandel glauben. Ich sagte mir, wenn es nun von Jahr zu Jahr heißer wird, sind Kühlhauswände und schattenspendende Bäume genau das Richtige. Jetzt fröstele ich, während mein Kalender vom 15. Juli, dann vom 15. August spricht. Mein Zimmerthermometer zeigt morgens bestenfalls 21, eher 17 Grad. Die Generalreinigung meines Ofens im Juni war voreilig; ich heize schon wieder. Sehe ich mich durch mein doppelverglastes querstehendes Zwillingsfenster als 80jährigen im Wintermantel mit dem Aschekästchen zum Komposthaufen humpeln, während im Gebüsch der dort pflichtbewußt brütende Gelbspötter kräht, kann ich nicht mehr lachen.


Lebus

Wie ich lange Zeit nicht wußte, handelt es sich bei Lebus um eine Kleinstadt an der Oder, mein Fluß – „Wasser, das nach Kindheit schmeckt“, wenn auch von Mond und Sternbildern überglänzt „wie anderswo“. So heißt es in einem Gedicht von Günter Eich, der das Licht der Welt (1907) just in Lebus erblickte.

1991 hatte ich mich in Berlin mit Eichs Tochter Mirjam angefreundet. Als sie im Sommer von ihrer in Wien lebenden Mutter Ilse Aichinger besucht wurde, fuhren wir zu dritt an die Oder. Lebus wirkte profil- und bedeutungs-los. Fotos im Flur des Bürgermeisteramtes verblüfften uns; danach war Lebus vor seiner fast völligen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eine betriebsame Stadt mit Schloß, Bahnhof, Fähre und dergleichen gewesen. Dafür vermißte ich das eingerahmte Gedicht jenes aufmüpfigen Autors, der schon 1972 ins Gras beißen mußte. Als ich mich anschickte nachzubohren, hielt mich Ilse Aichinger am Ärmel zurück. Sie wollte weder Aufsehen erregen noch auf Ehrerbietung pochen, zumal die DDR soeben erst von SPD-Genossen erwandert, unterworfen und entsprechend gedemütigt worden war. Sie tuschelte nur, das Lebuser Stadtwappen sei für einen Unmilitanten wie Günter Eich ein recht befremdliches Omen. Es zeigt einen Wolf, der in den Zähnen ein Lamm davonträgt.

Ich vermutete, Lebus liebe die Abwechslung; „der Storch bringt die Babys, der Wolf holt sie wieder“. Tatsächlich hatten wir unterwegs auf den frischen Stoppelfeldern Störche niedergehen gesehen. Doch mein Wort brachte mir Blitze aus Ilse Aichingers braunen Augen ein, weil sie selber schon genug zum Sarkasmus neigte. Allerdings kennt sie auch andere Töne. In jenem Sommer schenkte sie mir ihren Gedichtband Verschenkter Rat von 1978, in dem ich von einem Kind lese, dessen tröstlicher Atem neben der Schmiede geht und dessen Sonne schon früh mit Hahn und Henne über das nasse Gras steigt.

Beim selben Ausflug besuchten wir das Kleisthaus in Frankfurt an der Oder. Nach diesem Besuch nickte ich über die Straße: „Beim Verlassen der Kellerkneipe, die Sie dort sehen, wurde Eduard erkannt, gestellt und vom aufgebrachten Mob zermalmt. Kennen Sie Eduard?“

Sie kannte nur Kohlhaas. Also umriß ich ihr Eduards Geschichte, die das Herzstück von Guntram Vespers 1979 erschienenen Buch Nördlich der Liebe, südlich des Hasses darstellt. Der feinsinnige oberhessische Lehrer Eduard, ein Zeit- und Gesinnungsgenosse Kleists, hatte eine Blutspur durch Pommern gezogen. Ilse Aichinger nahm es mit erschrockenem Kopfschütteln auf. Ihre Augen wurden zu Abgründen. „Ich lasse mir nicht mehr Angst machen“, lese ich in ihrem Buch Schlechte Wörter von 1976, „ich habe genug davon.“ Im selben Buch verhehlt sie auch nicht, das Herstellen von Zusammenhängen und die Abgabe von Erklärungen zu verweigern.

Warum schreibt denn dann ein Mensch? Um seine LeserInnen vor den Kopf zu stoßen? Aichingers kurze Prosatexte haben einen enormen Sog, aber keinen nach-vollziehbaren Sinn. Es darf natürlich gerätselt werden. In einem Stück grenzt die Beobachterin einheimische von ausheimischen Balkonen ab. Vermutlich sind diese Texte nicht nur dem damals herrschenden Trend zum Herme-tischen sondern auch Aichingers Naturell geschuldet. Sie ist keine Aufrüttlerin wie teils ihr Mann. Aber Clown. Beim Nachwort des Schöndünsters Heinz F. Schafroth hat man ebenfalls zu lachen. Er breitet gelehrte Sülze über die „leergefegten Räume“ in Aichingers Texten aus, die unser Bewußtsein verschärften und erweiterten – die leergefeg-ten Räume. So werden verschärft bedeutende Schrift-stellerInnen gemacht.

Vielleicht hätte Aichinger erwidert, der Mensch schreibe für sich. Nun gut – aber sie hatte und hat ein großes Publikum, einen ausgezeichneten Ruf und das entspre-chende Einkommen. Der Hinweis auf dieses Groß-schriftstellertum kann ja nicht deshalb verboten sein, weil mir die Autorin als Mensch und Reisegefährte sympathisch war. Aichinger, Jahrgang 1923, wurden bislang über 20 Literaturpreise nachgeworfen. Setzen wir im Preisgeld einen niedrigen Schnitt von 10.000 Euro an, kommt sie schon auf 200.000 Euro. Nicht viel? Sie hat auch über 20 Bücher veröffentlicht, die durchweg ungleich besser gehen als etwa das erwähnte Buch von Vesper (das mich mehr ergriffen hat als Aichingers berühmter früher Roman Die größere Hoffnung). Was da an Tantiemen rollt, konnte ich (um 1990) am Falle ihres früh verstorbenen Ehemanns Günter Eich sehen. Clemens und Mirjam Eich bezogen als Erben halbjährlich Schecks vom Suhrkampverlag, die pro Kopf dem Halbjahresgehalt eines Busfahrers oder eines Lehrers entsprachen. So viel Geld – nur für Bücher? Nein, für nichts. Da kann sich ein Kind leicht wie ein leergefegter Raum vorkommen.

Ich betone, Ilse Aichinger hat mich nie geärgert. Sie war sogar im Gegenteil bereit, mir bei einer Veröffentlichung meines frühen Essays über das Aktmodell zu helfen, weil sie ihn gut fand. Ich bin freilich heilfroh, daß ich dieses Angebot wegen einiger Wirren in meinen persönlichen Verhältnissen (die Mirjam einschlossen) nicht wahrneh-men konnte. Denn jede Wette, so ehrgeizig, wie ich damals war, wäre es mir zu Kopf gestiegen. Ich hätte mir viel auf schwache oder jedenfalls unfertige Texte eingebildet – bis ich, früher oder später, aus allen Wolken gefallen wäre. Das gibt dann Beulen.


Modelle

Dem Finanzamt Wedding in Westberlin waren um 1980 lediglich die Modelle aus den 1-Zeilen-Inseraten von B.Z. oder Bild und die Modelle von Yil Sander oder Wolfgang Joop geläufig. Wir einigten uns darauf, ich sei als Künst-lermodell tätig. Die gewaltigen Einkünfte aus meiner seltsamen „unternehmerischen“ Tätigkeit beliefen sich über rund 12 Jahre hinweg auf durchschnittlich 1.200 Mark pro Monat. Mein Sachbearbeiter schüttelte den Kopf: „Davon kann keiner leben.“ Das hätte er 20 Jahre später einmal den Millionen Opfern der staatlichen Erwerbs-losen- und Rentenpolitik erzählen sollen – die rotgrüne Regierung hätte ihn sofort für einen Friedenseinsatz in Jugoslawien oder Afghanistan rekrutiert!

Er aber schob mir meine Steuerklärung mit der Auf-forderung wieder zu: „Dann beweisen Sie das erst mal!“ Den Trend zur Umkehr der Beweislast witternd, schob ich meine ausgefüllten Formulare selbstverständlich sofort zurück – er könne mir gern beweisen, daß man von 1.200 Mark nicht leben kann. „Schlagen Sie mich zum Beispiel tot oder schicken Sie mir ein Rudel Schnüffler ins Haus, ich werde ihnen sämtliche Kleiderschränke öffnen.“

Wie sich versteht, hätten sie in meinem einzigen Kleider-schrank kaum etwas hängen gesehen. Trotzdem hätte ich mich nicht als „Aktmodell“ registrieren lassen können. Zum einen nannten sich auch einige Huren oder Strich-jungen Aktmodelle, zum anderen stand ich gar nicht so selten durchaus bekleidet Modell, etwa für Porträts, Bewegungsstudien oder Figurinen. Für die angehenden ModedesignerInnen zu arbeiten, entpuppte sich sogar als meine härteste Belastungsprobe. Da ich mir die jeweils hoffähigen Klamotten weder leisten konnte noch wollte, wurde ich vielbelächelt. Ich hielt mich an meiner anderweitigen Beliebtheit als Aktmodell fest. Ich hatte es nicht nötig, meine leibhaftige Erscheinung mit ihren aberwitzigen Fähnchen zu verbrämen. Man könnte hier mehr als nur Stolz wittern, nämlich Arroganz. In der Tat war ich nicht frei von ihr, wußte es aber immerhin. So hielt ich mich immer strenger dazu an, meine angenehme Gestalt und meinen Sinn für Bewegungsabläufe nicht etwa als mein Verdienst zu begreifen. Ich verdiente ein paar schäbige Mäuse mit Geschenken des Zufalls – mehr nicht. Wenn sich in meiner ganzen Persönlichkeit im übrigen das „Sparsame“ (Asketische) immer stärker ausprägte, ent-sprach es nur dieser Haltung. Der schlichte Mensch – und der schlichte Text wurden meine Religion.

In der aufschlußreichen Broschüre Puppen und andere Spielwaren aus Waltershausen von 1986 hat mich ein Foto aus der hiesigen größten Puppenfabrik besonders belustigt. Damals liefen dort noch die berühmten biggi-Puppen vom angeblich volkseigenen Band. Eine gutge-polsterte, wuschelköpfige Dame im geblümten Kittel zieht ein Schmollmündchen, während sie aus ihren Kulleraugen den gleichfalls dunkelhaarigen Puppenkopf begutachtet, den sie in Händen hält. Ein Bewunderer textet: „Die Meisterin vom Montageband – sieht sie nicht wie ihre Puppen aus?“

Hoffentlich lebt die Meisterin nicht mehr, denn ich muß ihr zudem Wurstfinger bescheinigen. Dafür kann sie aller-dings nichts. Zur Strafe hat der Zufall auch mich mit den falschen Händen ausgestattet. Möglicherweise stellen die Polstererpranken meinen einzigen körperlichen Makel dar – völlig unpassend zu dem Rest. Für KlavierspielerInnen-hände würde ich meine Gartenhütte verkaufen. Aber sie sind selten. Bölls Hans Schnier – ein gitarrespielender Clown – bescheinigt Männerhänden allgemein die Beschaffenheit angeleimter Holzklötze. Zu allem Unglück sind Hände auch noch verteufelt schwer zu malen, wie sich bei jedem Rundgang in einer Gemäldegalerie überprüfen läßt. Das Wiener Kunsthistorische Museum hat zum Beispiel ein Porträt zu bieten, das der Niederländer Anthonis Mor 1549 anfertigte. Weit entfernt, Holzklötzen zu ähneln, hängen die Hände des dargestellten Herrn Antoine Perrenot de Granvelle an seinem schwarzen Rock herab wie plattgeklopfte Euter von Zwergziegen. Von solchen Witzfiguren mußten sich Mor und Kollegen aushalten lassen! Besonders bedauernswert sein spanischer Kollege Bartolomé Esteban Murillo, der sein hübsches Gemälde Buben beim Würfelspiel verdarb, indem er die Buben mit Krallen statt Händen ausstattete. Das um 1670 geschaffene Werk hängt in der Münchener Alten Pinakothek. Angesichts dieser Mißgeburten an den Ausläufern unserer Arme verfuhr Welskopf-Henrichs Rose des Indianerreservats Queenie King nur folgerichtig, wenn sie ihren zudringlichen angesoffenen Nachbarn Harold Booth mit dem Messer an ihre Hüttenwand nagelte: durch die Hand gestochen. Er hätte sie andernfalls vergewaltigt.

Mein eigenes Draufgängertum stand auf tönernen Füßen. Ängstlichkeit, Selbstzweifel und ein zunehmendes Bewußtsein meiner Unzulänglichkeit trugen zu meinem Rückzug aus dem Modell-Geschäft bei. Ich wollte mich nicht länger ausstellen. Ich floh dem Brennpunkt geballter Aufmerksamkeit – es schmerzte zu sehr. Als Schriftsteller beobachte ich.


Neunkirchen/Saar

Nach tagelangen inquisitorischen „Gesprächen“ ließ sich Genosse Gustav endlich erweichen: ich durfte absteigen. Als Nachfolger auf meinem Org-Leiter-Posten in der Bochumer Zentrale hatte ich ihn selber vorgeschlagen. Bis zur Erlaubnis, mich in einer Ortsgruppe zu verkriechen, ging sein Verständnis allerdings nicht. Es ging nur bis zu einem Landesverband – den es noch nicht gab. Ich sollte ihn im Saargebiet gemeinsam mit meiner Gefährtin C. erst aufbauen.

Völklingen klang von der Karte her vielversprechend, doch unser einziger „Sympathisant“ wohnte in Neunkirchen. So erhoben wir Erich Honeckers Geburtsort – der immerhin ein Hüttenwerk mit 10.000 Beschäftigten aufwies – zähne-knirschend zum Sitz unseres „Landesverband“ genannten Phantoms. Es war 1972. Es war irrwitzig. Während die anderen „Landesverbände“ längst von der Krise des deutschen Maoismus geschüttelt wurden, stand ich in der Senke vorm Hüttenwerkstor, um den lieben Kollegen unsere Phrasen aufzunötigen. Ich hätte genauso gut meinen schweren, abgewetzten, marineblauen Wollmantel dort hinstellen können. Der Kragen war wegen des April-wetters ohnehin hochgeschlagen, und durch den Schweiß meiner klassenkämpferischen Jahre stand dieser bolsche-wistisch wirkende Mantel von selbst.

Die Kreisstadt zog sich einen Hang hinauf, wo der Sympathisant eine Wohnung aufgetrieben hatte, die er unterdessen gemeinsam mit C. renovierte. Sie wußten noch nicht, daß sie nur für eine Mietdauer von zwei Monaten schufteten. Dagegen dämmerte mir am Hütten-werkstor, zukünftig hätte ich wenig Grund, einem Zeugen Jehovas hochnäsig zu begegnen. Ich verspürte das Vorbei-reden an den Leuten zunehmend als Folter, während ich mir vor Krupp oder Hoesch im Ruhrgebiet eher heldenhaft vorgekommen war. Ich besaß keine Neigung zum Maso-chismus. Gewiß wurde die Qual durch unsere Fremdheit in Neunkirchen verstärkt. Zu den wenigen Attraktionen der 44.000-EinwohnerInnen-Stadt zählte eine der steilsten Straßenbahnstrecken der Welt – wir hatten weder Augen noch Geld noch Verwendung für sie. Wen sollten wir besuchen? Wir hockten in unserer spärlich möbilierten Wohnung wie zusammengepappte Fünf- und Zweimark-stücke, die nirgends als Zahlungsmittel anerkannt wurden. Eigentlich ließ die gepflasterte enge Seitenstraße oberhalb des winzigen Stadtparks an proletarischer Romantik nichts zu wünschen übrig. Wir wohnten in einem traditionellen Arbeiterviertel. Aber was sollten wir da?

C.s Aufbegehren galt noch nicht der männlichen Bevor-mundung und meines noch nicht der Erweckungs- und Heilsidee. Doch kursierten in der „Partei“ schon die Ketzerbriefe, die mir unter anderem mein alter Mentor Richard zukommen ließ. Ich meine schon, sie gemeinsam mit C. erörtert zu haben, denn sie war ein geschulter Kader. Doch mein eigentliches Problem behielt ich für mich. Ich war eben ein geschulter Mann. Mein Problem war nicht zu wissen, was ich eigentlich wollte. Mochte ich in dem erwähnten Stadtpark auch 7.000 Kreise ziehen, die Unschlüssigkeit blieb. Ich bin geborener Grübler. Die Gedankengängerei zieht sich durch mein Leben. Das Grübeln hat so wenig Ufer wie die Natur Grenzen hat. Das einzig wirksame Mittel gegen Unschlüssigkeit wurde mir erst spät von Alain nahegebracht: Beschränkung. Man muß sich für irgendetwas entscheiden, ohne den zahl-reichen anderen Etwasen, die dadurch geopfert werden, mit zäher Reue verhaftet zu bleiben.

Beneidet mich Zander zuweilen um mein buntes Leben, zeigt er Sinn für die Dimension dieses von ihm geleisteten Opfers. Für die Kehrseite auch? Wer ohne bestimmte Sache, Laufbahn, Stellung auszukommen sucht, hat wenig Halt. Er kann sich keine Geltung verschaffen, denn nur Eintagsfliegen erwerben sie über Nacht. Andererseits sind etwa Forschungsleiter oder Hochschulprofessoren Gefan-gene ihrer Stellung. Wer da was wählt, liegt am Naturell. Glücklich ist keiner. Rosa Vandeek, in der Kreisstadt Pflegemutter der vom Dorf stammenden schulpflichtigen Gebrüder March (F. G. Jünger): „Ein sorgloses Leben wünschen wir uns alle. Aber wenn es da ist, reicht es nicht hin.“


Olgashof

Nach Süden zog sich ein herrlicher hochgewachsener Mischwald über die Bodenwellen. Auf der Nordseite der Landstraße tauchte wenig später ein von Bäumen be-schattetes Anwesen auf. Es war nur von Äckern, Tümpeln und kleinen Gehölzen umgeben. Dennoch kam ein Orts-schild, auf dem Olgashof stand. Donnerwetter, dachte ich, ein Ortsschild für sich allein haben ja die wenigsten Kommunen!

Vor dem eigentlichen Gutshof lag ein niedriges Verwalter-häuschen, das nicht zur Kommune gehörte. Der Gutshof wies einen verwunschenen Teich unter Linden und Eschen auf, doch das ehemalige Herrenhaus enttäuschte mich. Es war ein zweigeschossiges Gebäude mit paralleler Vor-treppe und zwei schmalen Seitenflügeln, die nach hinten abgingen. Es zeigte mir Einheitsfenster, die offensichtlich zu DDR-Jugendwerkhof-Zeiten eingebaut und nur not-dürftig angeputzt worden waren. Die Fassade wirkte grau, schäbig, fleckig. Ein Mittelding aus Schäferhund und Kojote hinkte heran, um seinen Herrn Uwe zu begrüßen, der mich in einer schmutzstarrenden, verschrammten Blechkiste vom Bahnhof Dorf Mecklenburg abgeholt hatte. Andere Kommunarden tauchten auf. Da sie mich so herzlich begrüßten, verkniff ich mir auch meinen zweiten Schock, den ich beim Betreten des Gutshauses zu erleiden drohte. Schon der Geruch, der unter abgewetzten, einmal jährlich gesaugten Teppichen wallte, kündete von Span-platten-Fußböden Marke DDR. Wenn nicht Kopfschmer-zen, kriegt man Schwermut davon.

Es war der lange Atem der Strafen. Auch in den nicht-geschlossenen Jugendbesserungsanstalten der DDR hatte eine durchaus preußische Zucht geherrscht. Steinelesen auf LPG-Äckern. Bestenfalls eine Lehre in Wismar auf der Werft. Militärische Übungen. Berufsschule und Politische Unterweisung in Großstieten. Statt Löhnen gab es kürz-bares Taschen- und Bekleidungsgeld. Wohlverhalten konnte eine Schachtel Karo, Ausgang, sogar den Führer-schein einbringen. Hartnäckiges Aufbegehren endete zunächst in einer fensterlosen Kerkerzelle im Gutshaus-keller. Ich habe sie in meiner Erzählung Kolkraben beschrieben.

Noch im selben Frühjahr 2000 als Probezeitler der Kommune angenommen, forschte ich ein wenig in Kirchenbüchern und sogar im Landeshauptarchiv am Schweriner Schloß nach. Danach war das Kletziner Erb-pachtgehöft Nr. IV bereits um 1800 in Klammern Olgashof genannt worden. Bis zur Namenspatronin selber stieß ich nicht vor – vermutlich keine Magd. Später besuchte uns ein schon ergrauter Sohn des Breslauer Diplomlandwirtes H. E. Wandhoff; dieser hatte den Olgashof 1936 übernom-men. Herr Wandhoff junior schenkte uns auch ein Foto aus jenen Jahren. Was für ein hübsches Jugendstilhaus! Breite, leicht geschwungene Fenster und beiderseits neben der vielgliedrig verglasten Flügeltür ovale Fensterchen. An den Seitengiebeln Wein; dafür nicht eine Gaube im niedrigen Dach. Das Baujahr wird auf 1928 geschätzt. Damit will ich keineswegs der beliebten Formel „je älter desto schöner“ das Wort reden. Norbert Stockers Glas-fabrik mit ihrer gewellten Fassade etwa, 1989 in Berlin-Reinickendorf errichtet, oder das bunte, vielfach gebro-chene Anthroposophische Zentrum in Kassel-Wilhelms-höhe sind wunderbare Neubauten – auch gut eingepaßt.

Gleichwohl empfand ich den „sozialistisch“ verschandelten Olgashof als Schlag ins Gesicht der Landschaft. Auch die ehemalige Waltershäuser biggi-Puppenfabrik wäre ein Grund zum Weglaufen, stünde nicht meine Hütte neben ihr. Dabei war der spitzwinklige rote Ziegelbau um 1900 mit Augenmaß und manchen liebevollen Details errichtet worden. Gewiß wäre eine werkgetreue Sanierung teuer. Sollten von Adenauerklauen umfangene Kleinstaaten wie die DDR oder stets vom Bankrott bedrohte linke Kom-munen für ästhetische Zwecke Riesensummen auftreiben, während die halbe Welt hungert?

Ich weiß es nicht. Für den Olgashof hätte ich zumindest eine Sanierung der Elektrik für sinnvoll gehalten. Als mich ein Knistern im Keller einmal aufmerksam machte, fand ich dort und in einigen Nebengebäuden Dutzende von gefährlichen Schadstellen. Die Kommune Hollerhof in der Wesermarsch ist wegen sowas schon mal abgebrannt.


Philosophie des Siebenschläfers

Während der Philosoph der Freund der Weisheit ist, handelt es sich beim Siebenschläfer um ein stromlinien-förmiges Nagetier zwischen Maus und Eichhörnchen, das die Freiheit über die Weisheit stellt. Die Scheune oder Gartenhütte, in die er keinen Einschlupf fände, muß man mir erst mal zeigen. Auch er mag ein Freund der Weisheit, kaum jedoch des Menschen sein, dem er auf dem Kopf herumtanzt. Am liebsten betätigt er sich nachts. Er wirt-schaftet in den Speichern oder Hauswänden umher wie ein blinder Trunkenbold. Allerdings ist er wendiger als der – und er sieht alles. Trommelt der Mensch mit einem Teppichklopfer auf die befallenen Wandstellen, gleitet es an seinem dicken Fell ab wie Sprühregen. Er hält für einen Moment inne, um den Menschen, der sich da als Hausherr, Verpächter oder Steuereintreiber aufspielt, in Rettung zu wähnen; dann raspelt und wurschtelt er wie zuvor. Seine Leckerbissen sind Walnüsse, Bucheckern und Äpfel – wie sich versteht, die vom Hausherrn.

Ist dieser nun zugleich Philosoph, wird er sich ermahnen, die in Kommunekreisen bekannte Maxime zu beherzigen: Stört dich ein Ding, das du nicht ändern kannst, mußt du deine Haltung zu ihm ändern. So sagt er sich zunächst, der sehende Trunkenbold ernähre sich wohl weniger von Styropor. Dann verwirft er den Plan, den schmarotzenden Störenfried auszuräuchern, weil dabei wahrscheinlich auch das Styropor in seinen Wänden verkohlte. Ökologische Bedenken kommen hinzu. Kurz, man wird seinem Sieben-schläfer irgendwann ein Lebensrecht einräumen und sich sagen, ihn Gregor oder sonst einem Nachbarn auf den Hals zu hetzen wäre gar zu unsozial. Vielleicht geht er von allein, weil er nicht mehr bekämpft wird und sich zu langweilen beginnt. Oder er hält statt sieben neun Monate Winterschlaf. An gelegentliches Toben und Schnarchen kann man sich gewöhnen.

Kommt dies hin, hat man eine hohe Hürde überwunden, nämlich des Menschen starke Ichbezogenheit. Er hält sich für dreißigmal wichtiger als einen Siebenschläfer. Er maßt sich ein Naturrecht auf besonders viel Anerkennung, besonders viel Rücksichtnahme, Ruhe, Glück an. Doch statt ihm Glückseligkeit zu bescheren, zieht ihm die Ichbezogenheit Angst und Selbstzweifel auf den Hals. Er zittert davor, das bißchen Frieden, das er immerhin hat, schon in der nächsten Minute verlieren zu können. Die tragische Aussicht, von einem Siebenschläfer in einen Siebenjährigen Krieg verwickelt zu werden, schmettert ihn nieder. Der Verdacht, den Anforderungen des Krieges, in den ihn sein Chef oder ein Bataillon LiteraturkritikerInnen verwickeln, vielleicht nicht gewachsen zu sein, raubt ihm das Selbstvertrauen und lähmt seine Produktivität. Gesellt sich sein befremdliches Verantwortungsbewußtsein für andere – ausgerechnet er für andere! – hinzu, strampelt er in seinen Neurosen wie ein Siebenschläfer im Hamsterrad.

Da fragt man sich schon, warum sich der Verzagte immer wieder in solche Kriege verwickeln läßt. Wahrscheinlich hält er sich im Grunde für einen Versager. Nehmen wir zum Beispiel Orwell. Der alte Blair – Orwells Vater – interessiert sich mehr für seinen Poloschläger als für seinen dürren aufgeschossenen Sprößling. Die Lehrer verdammen oder sticheln. Da hat es gerade noch zum burmesischen Bezirkssheriff gereicht. Prompt bricht Orwell die Karriere nach fünf Jahren ab. In den Gehirn-kästen der VersagerInnen scheint eine Art Kobold wie der Siebenschläfer zu sitzen, der ihnen mit seinem verblüffend breiten Schwanz in einem fort das Gebot des Scheiterns einhämmert. Fangen solche Leute zu schreiben an, dann selbstverständlich über Gescheiterte. Erledigt in Paris und London. Jedoch: kaum heimst Orwell erstes Lob ein, weist er es zurück. Orwell habe stets seine Unzulänglichkeiten hervorgehoben und notorisch „Understatement“ betrieben, versichert uns sein Biograf Michael Shelden.

Zu sagen, der Versager habe eben seine Rolle zu erfüllen, wäre wohl gar zu plump. Ich selber ertappte mich schon dabei, Lob zurückzuweisen oder abzuschwächen, obwohl ich genau wußte, es war keineswegs aus der Luft gegriffen. Aber es war mir peinlich. Warum schmerzt Lob, wenn man doch danach lechzt? Ich nehme an, es liegt an der Unsi-cherheit. Der Unsichere kann weder mit Ignoranz und Kritik noch mit Lob oder Liebesbeweisen umgehen. Denn sie könnten auch vorgetäuscht sein. Der unsichere Mensch ist der mißtrauische Mensch. Hat sich der alte Blair nicht ebenfalls „Vater“ genannt, obwohl er Verräter war? Damit soll nicht geleugnet werden, daß Zurückweisung von Anerkennung mitunter nur aus Koketterie erfolgt. Be-scheidenheit gilt ja als Zier. Man spielt mit den Orden, die einem in den Schoß geworfen werden – und errötet auch noch dabei ...


Querfeldein

In der Flur bei Korbach unterwegs, habe ich einen Zusam-menstoß mit einem Menschen, den ich zunächst für einen Dorfrüpel halte. Er steckt in derber Bauernkluft. Auf die Tür eines kotbespritzten kleinen Jeeps gestützt, erwartet mich der vierschrötige Kerl an der Landstraße. Er hat beobachtet, wie ich mit meinem Fahrrad auf dem Buckel über einen schlammigen Acker stapfte, anschließend nicht nur den Stacheldrahtzaun zu einer Viehweide überwand, sondern auch einen verschlossenen Hochsitz streifte.

Mit dieser umwerfenden Beobachtung konfrontiert, fahre ich ihn an, ob er nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Er präsentiert einen Ausweis: Jagdaufsicht! Nun erklärt der Mann, möglicherweise sei ja an dem Hochsitz etwas nicht in Ordnung. Ich möge mich bitte meinerseits ausweisen. Und was ich in der Umhängetasche dort hätte?

Ich reagiere sofort so empfindlich und gereizt, daß mich der Ordnungshüter kaum noch für einen harmlosen Wanderer halten kann. Es entspinnt sich ein grotesker Streit. Ich bin sicherlich schon dutzendmal im Leben heilfroh gewesen, von solchem Aufruhr nicht in einen Totschlag zu stürmen, der mein Gewissen zertrümmert und mich ins Zuchthaus katapultiert. In diesem Fall ram-me ich meinem Widersacher schließlich wutschnaubend meinen Personalausweis unter die Nase, worauf er sich meinen Namen notiert und mich ziehen läßt.

Doch auf der Rückfahrt nach Korbach hacken Wander-falken auf meinen schweißglänzenden Nacken ein. SchriftstellerInnen verfügen naturgemäß über eine blühende Phantasie. Vielleicht fehlt am Hochsitz die Leiter, weil sie einer zum Kirschenpflücken benötigte – und jetzt bist du es gewesen! Aber schlimmer noch. In deinen Erzählungen kommt ein betuchter Jäger zu Tode, weil der Hochsitz angesägt worden war. Wie willst du dich herauswinden, wenn sich zufällig ein frischer Einschnitt im Hochsitzpfosten mit deinem zum Beweismittel erhobenen Manuskript deckt? Und wurde nicht kürzlich in Gießen ein kleines Mädchen entführt und womöglich ermordet? Hast du Pech, findet sich der Leichnam des Mädchens in dem Hochsitz, den der Jagdaufseher gerade überprüft.

In dieser Verfassung hilft es wenig, sich das alte Sprich-wort vorzubeten, der Ängstlich sterbe tausend Tode. Vielleicht läßt sich die Scharte zumindest in der nächsten Erzählung auswetzen. Lächelnd sich hinterm Ohr gekratzt und unschuldsvoll entgegnet: „Was ich in meiner Um-hängetasche habe? Sie dürfen gern einmal hineingreifen. Es ist nur ein tollwütiger Fuchs, der in seinen letzten Zuckungen liegt.“

Doch nach dem Mittagessen ging ich in die Offensive. Um mich unverkennbar zu machen, setzte ich mir trotz des warmen Wetters meinen grauen Filzhut auf und mar-schierte Richtung Amtsgericht, denn gleich gegenüber liegt die Polizeistation. Die wachhabenden Polizeibeamten werfen sich vielsagende Blicke zu, als ein offensichtlich schräger Vogel mit seltsamem Begehren an ihren Schalter tritt. Ich umreiße mein Streitgespräch mit dem Jagdauf-seher. Nun klären sie mich bereitwillig darüber auf, die Jagdaufsicht habe tatsächlich gewisse polizeiliche Befug-nisse. Das Recht, in ihrem Aufsichtsgebiet von einem Bürger zu verlangen sich auszuweisen, zähle dazu. Na prima – welcher Bürger weiß das schon? Ich dankte den Beamten und trollte mich.

Wichtiger war mir natürlich gewesen, sie hatten mich gesehen. Ich hatte also nichts zu verbergen. Weder eine gewilderte Feldmaus noch eine Mädchenleiche. Trotzdem ging mir der lächerliche Vorfall noch lange nach. Mir dämmerte, daß ich offenbar tiefsitzende Ängste und Schuldgefühle mit mir herumschleppte, die sich jeden zufälligen Furz aussuchen konnten, um ihn zu einem lebensbedrohenden Wirbelsturm aufzublasen. Die Ur-sachen dafür sind sicherlich in der Kinderstube zu suchen. Aber hier interessiert mich nur das Phänomen des Außen-seitertums, das beharrlich für eine Fortschreibung der Ängste und Schuldgefühle sorgt. Warum?

Weil der Außenseiter aus der Norm fällt. Und es gibt nichts Schlimmeres, als aus der Norm zu fallen, vor allem, seit der Kapitalismus die Stanzmaschine, den Waschauto-maten und das stets das linke Ohr präsentierende Paßfoto erfunden hat. Dann bist du, bei deiner Lebensführung, unnormal – um nicht abnorm zu sagen. Stapft man etwa querfeldein, obwohl die rotgrüne Bundesregierung den Straßenbau fördert wie seit Hitler keiner mehr? Ist man etwa erwerbslos, während die Schulden des Staates im Tempo seiner Eurofighter steigen? Kommt man unrasiert und zerlumpt daher, wenn sich die ZerstörerInnen dieses Planeten vor den Fernsehkameras in makellosem Outfit präsentieren? Darf man nach dem Ausverkauf der DDR noch Marxist sein? Ist Verzweiflung zulässig in einer Welt des Schönen Wohnens und des Schönen Betrügens?

Allerdings macht die Norm zuweilen auch den Normierenden zu schaffen. In diesem Umstand könnte ein gewisser Trost liegen. Im selben Sommer (2001) staunte ich nicht schlecht, als mich aus dem Schaukasten der Lokalzeitung der Vorgesetzte einer Bott-Figur grüßte, die ich erst kürzlich erfunden hatte. Bei dieser Figur handelt es sich um den Kasseler Landrichter Horst Kallenbreuer – wie fast jedes hohe Tier auch Jäger. Bott ist ihm wegen eines waidwund geschossenen Wildschweins auf der Spur. Nun aber wurde Kallenbreuers Vorgesetzter – der Präsi-dent des Kasseler Landgerichts also – ganz real verfolgt. Der Präsident hatte sich in betrunkenem Zustand auf einem Feldweg bei Schwalmstadt festgefahren. Plötzlich stand das hinter ihm gelegene Kornfeld in Flammen: der heiße Auspuff seines Wagens hatte es entzündet. Die Feuerwehr kommt angerast; bald darauf die Polizei. Der Täter kann nicht flüchten, denn er hat 2,37 Promille. Doch reicht seine Geistesgegenwart für den Versuch aus, einen Polizeibeamten zu bestechen. Damit endet die Posse zunächst: die Polizei nimmt ihn mit.

Wie sich dann in der Verhandlung herausstellt, ist der Angeklagte schon häufiger dabei beobachtet worden, mit kaum zu verhehlender Alkoholfahne durchs Kasseler Landgericht zu tappen – dessen Präsident er war. Laut Gerichtsreporter wirkt der Angeklagte angeschlagen und kränklich, verfolgt die Verhandlung fast reglos, den Kopf auf die Hand gestützt oder einfach gesenkt. Die Norm ist erdrückend. Ich kann mir gut vorstellen, wie dem Ange-klagten zumute war. Oder wie er später – einstweilen vom Dienst suspendiert und einer Berufungsverhandlung entgegensehend – in seinem Häuschen oder in seiner Villa hockt. Er hat seine Haushaltshilfe ausbezahlt, die Vor-hänge zugezogen und die Klingel abgestellt. Er könnte vor Scham in dem schönen eichernen Parkett versinken. Er nimmt einen tiefen Zug aus der Wodkaflasche. Er trinkt auf all die Taugenichtse, die er schon verdonnert hat.


Rübezahl

Wanderkarten von Nordhessen kennen es genau – sogar mit Namen. Es liegt als einziges festes Gebäude auf dem rund 300 Meter hohen Wartberg, der mit einigen schrof-fen Basaltfelsen vor bürstigem Gehölz gen Fritzlarer Dom schaut. Ihm vorgelagert ist ein stärker bewaldeter Hügel mit dem Gruselnamen Leichenkopf, an dessen Fuß ich Bott zuliebe die „Kommune Emsmühle“ angesiedelt habe. Zu ihr unterhält mein Snooker spielender Zeitungszusteller aus Gudensberg gute Beziehungen. Einmal ist er dem Kasseler Landrichter, Jäger und gutbetuchtem Reaktionär Horst Kallenbreuer auf den Fersen. Ihn quartierte ich schweren Herzens im Haus Rübezahl ein.

Das schlichte eingeschossige Haus mit überdachter Terrasse und einem Walmdach, das unterhalb jener Felsen aus hohen wildwachsenden Hecken lugt, war um 1950 von zwei bitterarmen Leuten errichtet worden, die es sich buchstäblich vom Mund abgespart hatten: Toni und Max Barta. Das Ehepaar stammte aus Mähren. Ich lernte es im Gefolge meiner Mutter als Knirps kennen. Max war ein Hüne mit kantigem Schädel. Lachte er wiehernd, galop-pierten seine buschigen, blonden Augenbrauen. Trotz seiner blauen Augen und seines Mutes hatte er nichts Herrisches. Im Gegensatz zu ihrem Gatten war Toni Barta ziemlich dick. Sie hatte einen Kropf und Wasser in den Beinen. Schlurfte sie durchs Erdgeschoß ihres unfertigen Hauses – Keller und Dachgeschoß betrat sie nie – nahm sie stets die Möbel, Wände, Türklinken als Geländer. Sie atmete schwer, seufzte und wehklagte viel – aber niemals hätte sie sich mit ihrer hohen singenden Stimme über den lieben Gott beschwert.

Obwohl im Haus Rübezahl ständig Geldnot herrschte, glaube ich nicht, daß sich die Bartas jemals ernsthaft stritten. Vielleicht erhielten sie eine kleine Rente. Jeden überzähligen Groschen steckten sie in ihr bescheidenes Heim, das über Jahrzehnte hinweg einer Baustelle glich. Bis zuletzt fehlten hier Scheuerleisten, dort Kacheln; im Dachgeschoß auch die Zimmertüren. Für elektrischen Strom mußte ein Generator sorgen. Fehlte das Geld für dessen Reparatur, brannte in der Küche eine Petroleum-lampe. Überall Unaufgeräumtheit und Armseligkeit. Seine Besorgungen und Aufträge erledigte Max mit Hilfe eines klapprigen Fahrrades, das er sicherlich mehrere tausend Male den Wartberg hinaufschob. Allerdings konnten die Bartas einen gewissen Teil ihrer dürftigen Einkünfte stationär erzielen, nämlich durch einen kleinen Ausschank. Max hielt Limonade, Kekse, auch Flaschenbier bereit; Toni backte Kuchen und kochte Kaffee. Es handelte sich dabei keineswegs um eine richtige Gastwirtschaft. Aus den umliegenden Dörfern kam mal ein Bekannter auf ein Bier vorbei; aus Fritzlar, Warburg, Kassel machten die eingeweihten Wandervögel bei den Bartas Rast.

Tatsächlich steht der Wartberg schon seit Jahrzehnten unter Naturschutz. Zum Beispiel hat er die winzige pink-farbene Heidenelke, den stolzen Rotmilan und manchen Neuntöter zu bieten. Der Panoramablick über die Herz-gegend des Chattengaus kommt hinzu. Die Chatten waren die ersten Hessen. Sie saßen zwischen Gudensberg und Niedenstein. Auf dem Wartberg hätten sie, wenn es nach mir gegangen wäre, die Flagge Vergeßt die Nationen! Nie wieder Krieg! gehißt. Max Barta hätte das Fahnentuch bemalen können. Geboren 1900, hatte er in Wien Maschinenbau und Gebrauchsgrafik studiert. Vor dem Zweiten Weltkrieg soll er zu den führenden mährischen Gebrauchsgrafikern gehört haben, wie Wikipedia zu entnehmen ist. Verwundet aus Breslau gerettet, hielt sich Max vor allem als Schildermaler und Schaufenstergestalter über Wasser. Als Künstler versuchte er sich auch. Er schnitzte Bergschrate aus Holz und malte schlesische Tannen oder nordhessische Dorfkirchen in Öl. An der östlichen Giebelwand seines Hauses gravierte er – wie hätte es anders sein können – einen überlebensgroßen Rübezahl in den weißen Verputz. Mit dickem Knotenstock und wehendem rotem Bart stapft der Sagenumwobene zu Tale. Hat er den Fritzlarer Dom angepeilt – oder wird er bereits bei den Anarchisten in der Emsmühle einkehren?

Bei aller unkonventionellen Lebensweise waren die Bartas doch sehr fromm. Von daher erklärt sich auch ihr letzter betrüblicher Schritt, ihre Bleibe, bevor sie (1989/90) starben, nicht meiner Mutter, vielmehr der Katholischen Kirche zu vermachen. Meine Mutter Hannelore war ihnen über Jahrzehnte eine Art Tochter gewesen, die half, wo sie konnte, aber auch umgekehrt manchen Trost empfing. Auf ihr Betreiben hatte Max Barta natürlich auch das riesige Schild gemalt, das unser Geschäft am Gudensberger Untermarkt unübersehbar machte. Rot auf Gelb, vielleicht auch umgekehrt, zog sich da Rudolf Reitmeier / Rundfunk & Fernsehen über die Ladenfront. Jedenfalls hat es sich im Lauf meiner Kindheit in ein rotes Tuch verwandelt.

Meine Mutter trennte sich von ihrem Mann, als ich acht oder neun war. Sie kam, mit ihren beiden Söhnen, bei ihren Eltern in Kassel-Bettenhausen unter. Gelegentliche Besuche der Söhne beim Vater erübrigten sich bald, war es doch offensichtlich, daß er sich nicht gerade brennend für sie interessierte.


Staubsaugernahkämpfe

Die meisten Biografien wirken wie Kursbücher: jeder Anschluß stimmt. Der Gedanke, schon eine Fehlleitung hätte alles über den Haufen geworfen, kommt bei ihrer Lektüre nie auf.

Vor 30 Jahren war ich für einige Sommerwochen Zulieferer eines weltweit operierenden Konzerns, dem gegenwärtig (2007) in die Schmiergeldtöpfe gepinkelt wird, um das gähnende Sommerloch zu stopfen. Ich hatte Kunststoffgehäuse für Staubsauger von Marienfelde quer durch Westberlin zu Siemens in Spandau zu befördern. Um möglichst viele Gitterpaletten auf die Ladefläche zu bekommen, hatte mein findiger Chef eine ächzende alte Mercedes-Bulldogge, die einmal für 25 Tonnen zugelassen worden war, auf 7,5 Tonnen herunterfrisiert, sodaß sie preisgünstig von jedem hergelaufenen Führerschein-III-Inhaber geritten werden konnte. Sie dröhnte und vibrierte wie ein vietnamerprobter US-Kampfhubschrauber, doch schon um Mittag donnerte ich durch die verstopfte Stadt, als säße ich 1957 im Lloyd-Kombi meines Vaters Rudi. Machte ich für ein Päuschen bei einem Stehcafe Station, war ich allemal feurig und verblendet genug, meinen vier oder fünf Flammen der Saison frivole Postkarten zu schreiben. Nur beim Einwerfen achtete ich kleinlich darauf, die beiden Schlitze Stadtgebiet und Auswärts nicht zu verwechseln. So kamen meine Auswärts-Frauen nie dahinter, was in der Stadt gespielt wurde – oder umgekehrt.

Am dritten Tag setzte ich meinen Laster in der Parklücke zurück – und hörte Schreie. Das Ungetüm umrundet, sah ich unter seinem Heck ein Fahrrad und ein ungefähr 10jähriges Schulmädchen liegen. Geschrien hatten Pas-santen, die mich bereits beschimpften, während ich dem Mädchen half sich wieder aufzurappeln. Es hatte sich „nur“ erschrocken. Doch ein halber Meter mehr, und es wäre zum Beispiel im Rollstuhl gelandet und für alle ihm win-kenden „Staubsaugernahkämpfe“, wie Kreuder einmal höhnte, verloren gewesen.

Möglicherweise wäre mir in diesem Fall die Spottlust gründlich vergangen. Nicht anders in den Fällen, wo man in einer unübersichtlichen S-Kurve nur um Haaresbreite einem fremden forschen Überholmanöver oder unter einem Baugerüst dem berüchtigten fallenden Hammer oder Dachziegel entging. Doch nach jenen Memoiren zählt es zu den leichtesten Übungen des Menschen, dem Tod von der Schippe zu springen.


Thälmanns Enkelin

Vom Schloßberg führt eine schmale Treppe ins Felsen-kellerviertel hinunter. In den steilen Hintergärten blühen schon Dahlien. Ich erblicke aber auch eine gedrungene Frau mit strähnigem, grauem Haar, die sich auf halber Treppenhöhe an einen Staketenzaun klammert. Sie stöhnt und ringt schwer um Atem. Angesprochen, macht sie kaum die Augen auf. Antwort gibt sie nicht. Sie stöhnt und preßt eine Hand auf ihren Busen. Aha, das Herz!

Doch ich zögere, denn auch die eigene Barmherzigkeit hat ihre Fallen. Renne ich um Hilfe, kehre ich womöglich zu einer Leiche zurück. Nehme ich sie Huckepack, fällt sie mir 20 Stufen tiefer tot auf die Haxen. Mein Schuldgefühl wird mich umbringen, bevor der Staatsanwalt Klage erheben kann. Verkrümele ich mich, findet sich schon ein spähen-der Rollstuhlfahrer, der meine unterlassene Hilfeleistung bezeugt. Ein Herz und die Greisin untergefaßt!

Nun lasse ich sie im Schneckentempo von Stufe zu Stufe zu der Gasse hinab, die erstaunlicherweise bis heute Ernst-Thälmann-Straße heißt, während Marx und Engels schon vor längerer Zeit den Straßenschilderschrott bereicherten. Fünf Minuten Heben und Beten und es ist geschafft. Doch auf der Gasse kein Genosse und auch sonst kein Schwein in Sicht. Nur ein paar Fenstergardinen schlenkern. Immerhin hat der Holpergang eine Hausnummer aus der Kranken gepreßt. Da ich sehe, es kann nur 50 Meter weiter sein, setze ich sie mit Mahnworten auf der untersten Treppenstufe ab, um zu dem betreffenden Haus zu eilen.

Die Frage: was tun, wenn niemand zu Hause ist? begleitet mich. Ohne Handy? Dann hast du sie am Halse! Sie wird nicht eher Ruhe geben, bis sie in deiner Hütte im Fernseh-sessel thront! Sie wird sich als Thälmanns Enkelin ausgeben, Stalin, DEFA, Manés Sperber des Legenden-strickens bezichtigen und mir zumuten, nachts die Gassen-schilder abzuschrauben, während sie bei Horrorfilmen meine Pralinen ißt!

Den Horror kann sie haben. Nachdem Väterchen Stalin mit Hilfe seiner deutschen Vasallen dafür gesorgt hatte, daß ihr Großvater schön im Kerker blieb – und zwar über 11 Jahre lang – wurde er an einem schönen Augusttag wie heute im Buchenwalder Krematorium (bei Weimar, 1944) hinterrücks erschossen und sofort verbrannt.


USSB

Mit 16 brannte ich zum ersten Mal durch. Richard und ich lebten ohnehin schon mehr bei Oma & Opa Lohmann, die auf dem Trümmergrundstück ihrer ehemaligen Speise-gaststätte im Kasseler Königstor unverdrossen Bier zapften und Klappstullen schmierten. Wir hatten nur eine Spiegel-reflexkamera und eine Wanderklampfe zu verlieren – wir nahmen sie mit.

Richard war der Anstifter gewesen. Er verfolgte hochflie-gende künstlerische Pläne, denen er über den Hamburger Hafen näher zu kommen gedachte. Immerhin hatte er im Cafe Rosenhang schon Fotos ausgestellt. Von mir waren ein paar hochkarätige Gedichte in der Schülerpresse erschienen; möglicherweise erhoffte ich mir an der Küste Aufwind für einen ganzen Satz Bornholmer Elegien oder dergleichen. Warum wir uns ausgerechnet im November an die Auffahrt Kassel-Ost stellen mußten, bleibt mir allerdings schleierhaft. Wir drangen an diesem Tag nur bis zu einer Raststätte in der Lüneburger Heide vor, wo wir im Dunkeln zu einem halboffenen Viehschuppen stolperten, der uns etwas Windschutz bot. Wir rollten unsere unpro-fessionellen Schlafsäcke auf verkrustetem Stroh aus und klapperten mit den Zähnen. Morgens schien immerhin die Sonne; auf der Wiese blinkte der Rauhreif und brachte unsere Träume wieder auf Trab. Dieses stundenlange Frösteln am Rande einer Lungenentzündung war immer noch zehnmal besser gewesen als um acht in der Schule erscheinen zu müssen. Wir hüpften und boxten uns warm und rannten zur Raststätte.

Kaum in Hamburg eingetroffen, hatten wir schon wieder mächtigen Hunger. Allerdings hatten wir unser letztes Geld in der Raststätte gelassen. So suchten wir nicht zuerst den Hafen auf, sondern die Lebensmittelabteilung von Karstadt, um uns diverse Päckchen mit Schwarzbrot, Käse und Schinken unter die Mäntel zu schieben. Zwar hatte mir Richard gründlich auseinandergesetzt, wie die Ware im Hosenbund oder unter der Achsel einzuklemmen sei. Er war nicht älter als ich, aber mit allen Wassern gewaschen. Dann freilich gab mir unversehens ein fremder Herr die Hand, worauf demselben das Pumpernickel aus meiner Achselhöhle genau vor die Füße fiel. Er grinste und nahm uns mit. Leider war er nicht der ersehnte steinreiche Onkel aus Amerika, sondern der karstädtische Haus-detektiv. Er hatte noch einen Kollegen. In einem winzigen Büro füllten sie Formulare aus und bewachten die Tür, bis eine Polizeistreife eintraf. Mir wurde immer mulmiger zumute. Während mit meiner gottes- und gesetzesfürch-tigen Erziehung leider auch mein Harnvorrat durchbrach, blieb Richard unerklärlicherweise frech und guter Laune. Unser Diebstahl allein hätte uns nicht ins Unglück gerissen. Er ging später von Seiten der Justiz als Mund-raub durch und brachte uns an jenem Novembertag lediglich ein lebenslängliches Hausverbot bei Karstadt ein. Daran habe ich mich immer gern gehalten.

Nein – unser eigentliches Vergehen war unser Ausreißen. Der pfiffige Richard hatte allerdings für seinen Teil wieder einmal vorgesorgt. Er hatte eine Tante in Hamburg, die ihn von der Polizeistation abholen durfte. Nach einer knappen Stunde war Richard erlöst. Ich dagegen, bar aller Verbin-dungen, wurde bis auf weiteres „in polizeiliches Gewahr-sam genommen“. Als ich das vernahm, wurden auch meine Darmvorräte angegriffen. Vor dem Eingesperrtsein besaß ich schon immer eine höllische Angst, obwohl ich in dieser Hinsicht keine nennenswerte traumatische Erfahrung vorzuweisen hatte – es sei denn, meine Zeit als Fötus gilt als nennenswert. Sie steckten mich in ein sogenanntes Jugendauffanglager, wo die Schlafzimmerfenster vergittert und die angeschraubten Doppelstockbetten aus Stahl waren, damit sie nicht so leicht angezündet werden konnten. Die Umgangsformen meiner Mithäftlinge – wohl immer sechs auf einem Zimmer – versetzten mir einen nachhaltigen Schock. Zoten und Flüche, Prügel und Prahlereien ohne Ende! Einfältig, wie ich war, hatten sie mir ein unteres Bett zugewiesen, damit sie nachts von der Seite und von schräg oben umso besser hineinpinkeln konnten. Ich zitterte vor Angst und Beschämung und flehte anderntags durchs Telefon des „Heimleiters“ meine Mutter an, sie möge mich bitte sofort aus dieser Hölle befreien. Schließlich hatte sie mich auch hineingestoßen.

Sie alarmierte ihren Bruder, der ein Auto besaß und als Pfarrer notfalls auch werktags abkömmlich war. Tatsäch-lich holte er mich noch am Nachmittag ab. Was ich an Strafpredigt, stummer Mißbilligung, erneuter Beschämung abbekam, will mir trotz langen Kopfzerbrechens nicht mehr einfallen. Vermutlich „verdrängte“ ich das, wie wir bald darauf, im USSB Kassel (Unabhängiger Soziali-stischer Schülerbund), bei Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Reimut Reiche lasen. Das Kapitalverhältnis schien doch eine ziemlich verästelte Angelegenheit zu sein.


Vonjahr, Heinrich

Er war mein Großvater mütterlicherseits. Unter seiner Fuchtel verbrachte ich meine Knabenzeit. Er war streng, doch kam selten etwas bei ihm um. Die Seiten der Tages-zeitung – mehrmals gefaltet und dann aufgeschlitzt – verwandelte er in Klopapier. Die Blätter wurden in einem offenen Holzkästchen gestapelt, das an der Klowand hing. Im vorderen Brettchen ein V-Ausschnitt, damit die Blätter mühelos zu entnehmen waren. Durch beharrliches Knautschen ließ sich der Lesestoff, der stets für Kurzweil sorgte, halbwegs geschmeidig machen. Eine härtere Phase stand bevor, wenn das Kursbuch der Bundesbahn abgelaufen war. Die gelbgetönten Seiten knisterten wie lackiert und impften einem gnadenlos das Wesen der Zahlen ein.

Den Weg zur Bettenhäuser Volksschule (in Kassel-Ost), wo mein Großvater unterrichtete, legte er durch Jahrzehnte auf seinem sorgfältig gepflegten schwarzen Drahtesel zurück. Erspähte er einen Bindfaden, der sich in der Weißdornhecke am Uferweg der Losse verfangen hatte, hielt er an und ließ ihn in seine Knickerbocker wandern. Seine Baskenmütze war ebenfalls schwarz. Regnete es, schützte ihn sein Kleppermantel, der grau und aus Gummi war wie die Fahrradschläuche. Von diesen trennte er sich, wenn sie ihm keine Lücke mehr für einen Flicken boten. Hatte ihm eine Reißzwecke einen Platten eingebracht, fand sie meine Großmutter Helene beim Auspacken der Sattel-taschen wieder, vielleicht ins Komißbrot gepinnt, das er am Bettenhäuser Dorfplatz im Konsum kaufte. Bei aller Strenge, Spaß muß sein. Da sich solcherart auch eine Menge verkrümmter, rostiger Nägel ansammelte, hieß es auf dem Amboß im Keller ein Viertelpfund geradeklopfen, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Unangenehmer war nur Unkraut jäten. Immerhin lernte ich dadurch: ausgezupftes Unkraut ergibt Kompost; dieser wiederum pralle Kürbisse. Meine Großmutter verstand sie köstlich einzukochen.

Wie alle meine Entwürfe, skizziere ich dies auf den Rückseiten fehl- oder zuviel gedruckter A-4-Bögen, die ich mir kostenlos in Kopiergeschäften besorge. Man kriegt ja selten auf Anhieb Genießbares zustande. So landen die Bögen erst bei mir im Papierkorb. Kürzlich muß jemand Heinrich Mann entdeckt haben, schreibe ich doch auf dem Rücken Professor Unrats. Unpassend ist das nicht. Mein Großvater, der schließlich gleichfalls Heinrich hieß, lehrte mich an einem Baggersee eigenhändig das Ditschen. Man läßt einen flachgeschliffenen Kieselstein so geschickt aus dem Handgelenk knapp über das Wasser flutschen, daß er möglichst oft aufditscht; er soll viele Hopser machen. In dieser Kunst versuchten sich laut dem empfehlenswerten Wikipedia-Artikel „Steinehüpfen“ bereits Homers Helden Herkules und Jason, wenn sie auch, statt Steinen, ihre Schilde dazu benutzten. Per Sidenius, Held eines andern-orts besprochenen Pontoppidan-Romans, lenkt sich am Strand des Sundes mit dem Ditschen von der drohenden Aussicht ab, seine hochfliegenden Hafenbaupläne ins Ostseewasser fallen zu sehen.

Während die Internet-Enzyklopädie auf erforderliche Bedingungen wie einer Rotation der abgeschnellten Scheibe oder Mangel an Gegen- und Seitenwind hinweist, scheint es für Heinrich Mann eher auf Zahlungskraft anzukommen. Unrat, mit der Künstlerin Fröhlich an der Ostsee in der Sommerfrische, „zuckte die Achseln über den Brasilianer, der anstatt flache Kiesel über das glatte Wasser springen zu lassen, Markstücke dazu nahm ...“


Waltershausen

Ich kenne viele Städte um 10.000 EinwohnerInnen, die entschieden häßlicher sind. Schwerverbrechen wie Waschbetonkaufhäuser und Fußgängerzonen gingen an den meisten Ortskernen der DDR vorbei. Sie verfielen einfach nur. Die modischen Plattenbauten standen auf der Wiese, wo sie inzwischen kaum mehr auffallen, da von Blaufichtenhainen, Mobilfunkmasten und Windrädern umzingelt. Einziger Schandfleck unseres Marktplatzes ist das aufgedonnerte „historische“ Rathaus. Dafür bietet er eine erfreulich schlicht, zudem oval wirkende Barockkirche aus hellem Sandstein, die in Gotha Opernhaus sein könnte. Im „Tor zum Thüringer Wald“ lebend, hat der Walters-häuser verschneite Gipfel einerseits und Panzerstraßen zwischen brettähnlichen LPG-Äckern andererseits zugleich.

An der Endschleife der Straßenbahn von Gotha hat er auch eine aus rotem Backstein gemauerte mächtige und traditionsreiche Puppenfabrik, in deren Erdgeschoß die Kommune Waltershausen ihre Kulturkneipe Spatz betreibt. Leider bröckelt es im doppelten Sinne an der Puppenfabrik. Während ihre Besitzerin KoWa e.V. auf keinen Grünen Zweig kommt und am Backstein der Grundmauern Hörselbiber zu nagen scheinen, sprießen auf den gewölbten Ziergiebeln der Treppenhäuser Birken, womit sich künftige Richtfeste erübrigen. Drei Winter lang habe ich auf dem Speicher des Hauptgebäudes Schnee gefegt. Befremdlicherweise wird dieses „Sommerhaus“, das einer Ruine ähnelt, vorzugsweise „Gästen“ überlassen. Den besseren Seitenflügel hat die Puppenfabrikkommune für sich selbst reserviert. Sie wohnt 1. Klasse und hat immer mehr Platz. Ungefähr die Hälfte der ursprünglich 18 Erwachsenen sind ausgestiegen; Neuzugänge halten sich nicht (2010). Das Gelände verwahrlost. Dieses doppelte Abbröckeln ist mir zuweilen peinlich. Während KoWa einst einen ziemlich guten Ruf in der Stadt besaß, bilde ich mir neuerdings ein, eher Mitleid oder Schadenfreude wahrzunehmen. Was lief falsch?

Wir hatten zu viele Illusionen im Gepäck. Deshalb war für sachliche wie soziale Kompetenz kein Platz mehr. Wir überforderten uns aus Selbstüberschätzung, aber auch aus Verkennung der politökonomischen Gesamtlage. Wir unterschätzten sowohl die Schärfe des neoliberalen Beute-zuges im allgemeinen wie die Ausblutung Ostdeutschlands im besonderen. Lenin – ausgerechnet der! – hätte uns anfangs Voluntarismus, später Sektierertum vorgeworfen. Mit dem 916 Meter hohem Inselsberg im Rücken waren wir felsenfest davon überzeugt, der gute Wille versetze auch Fabriken. Oder wir spähten Richtung Meißner (750 m) und murmelten: die NiederkaufungerInnen schaffen es ja auch! Wohl war. Nur herrschten in den 80er Jahren, als sich die dortige Kommune gründen und festigen durfte, vergleichsweise idyllische Bedingungen. Heute sind überall Armut, Repression und Kleinmut auf dem Vormarsch. Statt uns die schwungvollen Dreißigjährigen ins Haus zu schicken, die ihre Ärmel aufkrempeln und den Karteilei-chen oder den heimlichen Machthabern des KoWa e.V. Feuer unter dem Arsch machen, lecken „die Massen“ ihre Satellitenschüsseln aus. Acht oder zehn Kommunarden, ob Frauen oder Männer, treten wie ein Hamster Laufrad und magern zusehends ab.

Dummerweise bleiben die festen Ausgaben – etwa für Kredittilgungen, Grundsteuer, Versicherungen, Strom, Wasser, Brennholz, Autos, Instandhaltung – trotz der Kommune-Schrumpfung nahezu gleich, wenn sie wegen der unverschämten Gebührenerhöhungen nicht sogar steigen. Ringt sich ein Sympathisant zur Probezeit durch, bringt er bestenfalls den Gipfelsatz von Hartz IV mit. Da offiziell nach wie vor eine „Großkommune“ um 100 Per-sonen angestrebt wird, müßte einmal ein Millionenerbe wie Jan Reemtsma um Aufnahme ersuchen. Aber vermut-lich paßte er der Kommune nicht ins schöne Gründungs-konzept, an dem sie wie eine Sekte fanatisch festhält. Meine Kritik an ihr äußerte ich bereits im Winter 2005/06 in einem Papier, das ich mit Spatz spielt Adler überschrieb.

Hatte ich recht? Das weiß niemand. Denn zum einen sind unterschiedliche Sichtweisen, beispielsweise hier Durch-halteparolen, dort Skepsis, fast immer möglich, weil die Dinge nie eindeutig sind. Beide Seiten können deshalb auch Fakten und Argumente ins Feld führen, die keines-wegs an den Haaren herbeigezogen sein müssen. Und zum anderen sind die Dinge im Fluß. Wie sich verschiedene Maßnahmen, Machtkämpfe, äußere Zwänge, vielleicht auch Begünstigungen bei anderer Weichenstellung ausge-wirkt hätten, läßt sich kaum feststellen. Der beliebte Seufzer Wo stünden wir heute, wenn ..! ist also unange-bracht, es sei denn, man liest gern im Kaffeesatz.


X-Beine

Konrad F. sah selten ins Buch, wenn er zum Ausklang des Heimabends die nächsten Abenteuer heldenhafter Kinder zum Besten gab. Er erzählte stets im Stehen. Sein großer Wuchs wurde nur ein wenig durch seine X-Beine gemil-dert. Die 30 oder 40 abgekämpften Knaben, die ringsum an den Wänden auf Stühlen oder Tischen saßen, hingen an den wulstigen Lippen ihres Idols. Ob sie ihn nun als Maschinengewehr Gottes oder nur als Ersatzvater nahmen – die Stellung eines CVJM-Jugendsekretärs ließ an Macht-fülle nichts zu wünschen übrig. So einer konnte alles. Er konnte alle Mundorgel-Lieder auf der Klampfe schrubben, einem in seinem VW-Käfer die Beichte abnehmen, gar Nachlaß auf die Teilnahmegebühren des nächsten Som-merlagers gewähren. Beim Volleyball konnte er sich wohl-weislich von einem sportlichen Praktikanten vertreten lassen.

Vor allem konnte er beim Erzählen die Stimme ganz allmählich bis zum Flüstern absenken. Jeder wußte, gleich kommt's, aber niemand wollte es wahrhaben. Es war zu schön, wenn einem F.s jäh auftrumpfende Stimme das Herz in die Pantoffeln stürzen ließ. Unterwerfung war schön. Häuptling F. teilte Gruppen und Dienste ein, erkor sich Gruppenleiter und Ratgeber aus der Knabenschar. Alles wurde benotet. Wie schneidig wirkt das Spalier der angetretenen Gruppe, sind die Betten perfekt gebaut, die Zelteingänge umzäunt, sitzen die Halstuchknoten, welcher Rang wird bei Völkerballschlachten oder Geländespielen erreicht. Da Skalpieren erst bei der Bundeswehr drankam, zählten wir nur die erbeuteten „Lebensfädchen“: unter-schiedlich gefärbte Wollfäden, die dem Feind vom Hand-gelenk zu reißen waren.

Man ist verlockt, Institutionen wie Jungschar, Pfadfinder, Junge Pioniere, Sport- und Kaninchenzuchtvereine als Brutstätten kriegerischer Konkurrenz zu verdammen, träfe damit aber den Kern des Übels nicht. Er sitzt in der Erfindung „Mensch“. Kein Mensch kann Selbstsicherheit entwickeln, wenn ihm in seiner Jugend keine Möglich-keiten zum Ausloten seiner Kräfte, keine Bewährungs-chancen, kurz keine Grenzen geboten werden. Diese will er dann jedoch durchbrechen. In diesem reibungsvollem Widerspruch eine Balance zu finden, die kein verstörender Eiertanz wäre, hat schon Scharen von „alternativen“ Pädagogen überfordert. Alle Ersatzangebote für Macht-kämpfe langweilen und verdrängen nur. Sie schieben das Problem auf, bis der Erzieher für den 18jährigen, von Alkohol und Musik bedröhnten Autofahrer nicht mehr zuständig ist. Der Soziologe, SDS-Häuptling und Dörnberg-Referent Dieter Bott aus Homberg an der Efze wird dies vielleicht abstreiten; er spezialisierte sich (in Frankfurt/Main) auf Coaching im Fußballfan-Bereich. Heute lehrt er in Düsseldorf. Aber der Mensch will keine Kugel aus Luft und Leder beherrschen; er will seinen Alten, seinen Widersacher, seinen Nebenbuhler zermalmen.

F. war insofern alternativ, als er instinktiv zur Peitsche Zuckerbrot gab. Im begehrtesten Fall nahm dieses die Form von halben Hähnchen nebst Pommes Frites und Salat an, die seine jungen Mitarbeiter nach der offiziellen Nachtruhe im Dorfkrug verspeisen durften. F. und das Team der Jungenschaft würzten das Spätabendmahl mit Anekdoten und anzüglichen Witzen. Um das Niveau von VW-Betriebsrats-Fernreisen zu erreichen, gebrach es Jungschar und Jungenschaft bloß an Mädchen. Für mich erhoben sie sich jedoch alsbald wie Gazellen aus Kassels roten Aschenbahnen, denen ich wie ein Besessener meine nagelneuen Puma-Spikes gab. Ich geriet zwischen 15 und 17 in die Mühlen eines Karriere-Konfliktes. Sollte ich CVJM-Jugendsekretär oder Olympiasieger im Zehnkampf werden? Zeit- und Geldmangel ließen nicht zu, auf beides zu trainieren. Nebenbei war ich ja auch noch Schüler.

Von daher löste sich der Konflikt: die antiautoritäre Revolte erfaßte mich. Mit 17 sagte ich mich sogar vom Elternhaus los. Wir hielten uns mit Gelegenheitsarbeiten, notfalls auch Diebstählen über Wasser und rüttelten die Welt mit Gedichten und Flugblättern auf. Eine Zeitlang fand ich mit anderen Streunern Unterschlupf in der Wohnung eines verdienstvollen schnauzbärtigen Sozial-arbeiters mit dem Vornamen Heinz. Er hatte fast so viele Cream- und Doors-Platten wie Büttenbender vom Dörnberg, der ihn öfter als Honorarkraft beschäftigte. Dann trieb ich eine sturmfreie, billige Dachkammer auf, die spätere Biografen wegweisend nennen werden. Sie lag unterhalb des Weinbergs (Villa Henschel) im Philosophenweg.


Yorckbrücken

Der Betrachter steht vor einer schmalen, gepflasterten Straße, die sich gen Süden sanft gewunden in Gehölzen und dann im Dunst der Ferne verliert. Durch Gebüsche im Vordergrund wird der Ausblick torbogenförmig einge-rahmt. Man wähnt sich in der märkischen Heide.

Zwar handelt es sich um ein Schwarzweißfoto, aufgenom-men von D. um 1980. Ich weiß jedoch, daß die buckligen Granitsteine des gepflasterten „Landweges“ bunt waren. Als angehende Bildhauerin erwärmte sich D. natürlich gleich für sie. Unter den Bäumen des romantischen Hintergrundes verbargen sich allerdings die 10 oder 12 Yorckbrücken, unter denen wiederum der Autoverkehr brauste. Auf halbem Wege umarmt ins Gebüsch gekugelt, ratterte plötzlich unter uns die rotgelbe S-Bahn durch eine Schlucht, um im Tunnel Richtung Anhalter Bahnhof zu verschwinden. Das war das Tüpfelchen auf dem Kitzel.

Da D. mich liebte, mußte sie auch das verwilderte Bahngelände lieben, das ich damals für meine uferlosen gedanklichen Streifzüge entdeckt hatte. Doch im Osten und Westen war „die Insel“ von den schäbigen Brand-mauern hoher Hinterhäuser eingekesselt; im Norden „floß“ der Verkehr längs des Landwehrkanals. Der Kitzel weicht Ernüchterung. In den Erzählungen Das Gleis-dreieck und Der Dachs wird verhaftet versuchte ich unserer Insel ein Denkmal zu setzen. Sie ist inzwischen von Bauamts wegen so gut wie untergegangen.

Neben dem beschriebenen Foto hängt eine kleinformatige Collage an der Hüttenwand. Aus Papierschnipseln verschiedener, wenn auch durchweg verhaltener Farben komponiert, läßt sie an den Bühnentanz zweier Figuren denken. Die weiße Figur ist winzig, die schwarze doppelt so groß. Man ahnt, der beschwingte Tanz gerät zum Kampf. Wer wen ersticht oder verschlingt, bleibt offen. Die Schöpferin der Collage wählte später den Part der Größe. 1997–99 schuf D. in Holland, gemeinsam mit ihrem Gefährten, eine 11 Meter lange und 30 Tonnen schwere Skulptur aus Granit. Um sie schließlich zum Ausstellungs-ort zu befördern, wurden ein 22 Meter langer Transporter und Polizisten zum Absperren der Straßen benötigt. Ich erhielt eine bebilderte Broschüre. Danach dürfte das schwere Werk vor allem durch den Eindruck wirken, es sei leicht. Rohe Granitblöcke sind nach Art jenes „Landweges“ auf dem Gleisdreieck schlangenförmig gereiht und an den Nahtstellen auf Granitwalzen gelagert. Man denkt an eine Raupe, die vielleicht zum Flug ansetzt. Um das Werk wirklich übersehen zu können, müßte man allerdings auf einen der in Holland eher dünngesäten Berge steigen.

Laudator M. schlägt vor, es kurzerhand „imaginierend“ zu „entrücken“. Die genial innige wie lose Verbindung der wuchtigen Teilstücke lasse ihn „für die menschliche Sphäre“ an solche „übertriebenen Worte“ wie „Solidarität“ und „glückliche Rettung“ denken. Ich hörte von Plänen des Gespanns, auf städtischen Plätzen durch mächtige Klötze Korrespondenzen oder Antipoden zu öffentlichen Gebäu-den dieser Plätze zu schaffen. Brauchen diese das?

Am Schluß hockte ich mit D. auf dem Kreuzberger Friedhof unseres ersten Stelldicheins auf einem umge-stürzten Grabstein, während wir „solidarisch“ weinten. Es war um 1980. Wir waren ratlos. Wir hatten uns die Köpfe an einer (nach Haushofer) Wand zwischen uns eingerannt. Jedes hochlodernde Liebespaar erreicht den Punkt, wo weder Verschmelzung noch Trennung möglich erscheint. Auf europäischen Bühnen „tragisch“ genannt, gelten solche Situationen bei vielen Indianervölkern als Wahn-sinn. Das Dumme ist, so gut wie niemand kann sich jener den Wahnsinn fördernden Wand entziehen. Auch der Mönch kann es nicht. Im Grunde handelt es sich um die Gefechtslinie der Widersprüchlichkeit – etwa: Ich/Welt, Selbstbehauptung/Hingabe, Gewohnheit/Abenteuer ...

Über ihr schwebt das Damoklesschwert der Vergeblichkeit. Täglich wird mir beim Kämmen, Teeaufbrühen, Holz-hacken auf meiner Veranda schwarz vor Augen, weil ich erschrocken innehalte: „Was soll das alles?“ Ohne Erinnerungen schlüge ich lang auf die Dielen.


Zander, Maximilian

Wüßten Sie, wo Castrop-Rauxel liegt? Die Stadt mit immerhin rund 80.000 Einwohnern liegt im Ruhrgebiet. Sie wird nicht vom stählernen Förderturm der ehemaligen Zeche Erin, vielmehr von ihrem Einwohner Maximilian Zander beherrscht. Das steht in keinem Lexikon. Er selber kommt mir ausgesprochen uneitel vor. Er würde seine Verdienste als Chemiker, Lyriker und Familienvater noch nicht einmal an ein Maiglöckchen hängen.

Als Pädagoge und Leser hat er ebenfalls Qualitäten, die mir seit Ende 2001 zugute kommen. Damals spitzte ich über der Jahresschrift Muschelhaufen, die auch mir schon die Spalten geöffnet hatte, bei einer Handvoll Aphorismen Zanders die Ohren. Der alte Mann (Jahrgang 1929) murmelt da etwa: „Es kann lange dauern, bis man merkt, daß man gestorben ist.“ – „Ein erfahrener Hellseher sieht erst einmal schwarz.“ – „Früher galt als Künstler, wer ein Kunstwerk hervorbrachte. Heute gilt als Kunstwerk, was ein Künstler hervorbrachte.“ Das fügte sich trocken und nahtlos in ein Bollwerk gegen den sogenannten Erwei-terten Kunstbegriff ein: Robert Gernhardt. 2006 fiel das Bollwerk. Zander greift jetzt die 80 an, erwidert treu meine Briefe und schreibt nach wie vor Gedichte. Das ist aller-dings ein heikler Punkt in unserem Verhältnis – und nicht der einzige.

Wie man vielleicht schon erahnt oder gelesen hat, halte ich von Moderner Lyrik, soweit sie ungebunden, dafür jedoch umso verrätselter daherkommt, gar nichts. Sie stellt für mich die Documenta der Literatur dar, nämlich einen Tummelplatz für Windbeutel und SchaumschlägerInnen. Auf ihn hat sich auch Zander verirrt, der wahrlich weder das eine noch das andere ist. Und angesichts seiner großen Klugheit und seines filigranen Sprachgefühls ist es ein Jammer. So zehre ich vor allem von unsrer bald 10jährigen Korrespondenz, die mir jede Menge Anregung und Anerkennung schenkt. Ohne Zander hätte ich den vielen Körben, die mir der Literaturbetrieb an den Kopf wirft, kaum widerstanden.

Er selber ist hart im Nehmen. Greife ich im Meinungsstreit zu Titulierungen wie „Bürger“ oder „Sozialdemokrat“, schluckt es Professor Z. Er glaubt, ob einer zum Radika-lismus oder zur Versöhnung neige, entschieden dessen Gene. Wahrscheinlich hat der Chemiker recht. Da es auch unter Oberschichtlern Linksradikale gibt, kann man auf soziale Lagen offenbar unterschiedlich reagieren. Mein Bruder, obwohl gelernter Schlosser, ist kein Linksradikaler geworden. Das ist umso erstaunlicher, als wir nicht nur gleich arm und einflußlos waren, sondern auch die selben Eltern hatten. Mein Gen für Gerechtigkeitsempfinden stammt vielleicht aus dem Neandertal.

Hier liegt der nächste heikle Punkt. Was Biografisches und Gefühlsleben angeht, hält sich Zander in unserem Brief-wechsel von Anfang an bedeckt. Erwähnt er, schon früh einen Sohn verloren zu haben, kommt es bereits einer Herzausschüttung gleich. Ob und wie ihn dieser Verlust schmerzte und prägte, verrät er nicht. Da ich selber in Briefen eher viele Auskünfte gebe, erhält das Schiff der Kommunikation natürlich Schlagseite. Diese Ungerech-tigkeit macht mich zuweilen wütend. In anarchistischen Kommunen ist Schlagseitenkommunikation verpönt. Alle haben sich ähnlich weit zu öffnen. Diese Öffnung hält die Verletzbarkeit gleich, dient aber auch als Riegel gegen Mutmaßungen, Unterstellungen, Groll. Zu allem Unglück gesellt sich zu Zanders Zugeknöpftheit der Zündstoff des klassischen Vater-Sohn-Konfliktes. Keine Zuneigung ist ohne Machtkampf zu haben.

Immerhin tobt oder kratzt er in unserem Fall bloß auf Briefpapier. Distanz mildert. Im Sommer 2006 schrieb Zander, er ziehe vor Gernhardt auch deshalb den Hut, weil er sich bis zuletzt (Später Spagat) mit dem Tod ausein-andergesetzt habe. Ich erwiderte, dann sei es ja nicht mehr taktlos, sich auch einmal bei ihm zu erkundigen, wie er es mit dem Tod und vielleicht mit Gegenmaßnahmen halte. Vielleicht hätten wir uns Zaubermittel oder wenigstens Trost zu bieten. Diese Anfrage ignorierte er jedoch wie schon manche Anfragen zuvor. Er wird seine Gründe haben – die er nicht preisgibt. Wollte auch ich mich einmal als Aphorist versuchen, wäre hier der Hinweis fällig: Um uns aufzupäppeln und uns einzutrichtern, wie das Leben zu meistern sei, vergeuden unsere Eltern 20 Jahre ihrer kostbarsten Zeit. Für die heikle Frage unseres Abgangs opfern sie keine 10 Minuten.

Wer Zander in einem Gedicht zu sich nehmen möchte, hat ihn auf den Seiten 61 bis 63 seines Bändchens Antrobus' Tagebuch von 2004 gleichsam wie im Weinglas. Da sitzen Ein paar ältere Herren zusammen. Auch Zanders Ver-schlossenheit hat man in diesem funkelndem, tulpenför-migem Glas. Die Lage ist ernst, sagen Sie? / Ach, junger Freund, / es geht immer um Leben & Tod, / und hier sprechen Sie mit Experten. Aber sie erklären sich eben nie; sie unterhalten sich lieber mit Anekdoten, Bonmots, Zitaten. Jetzt glänzt der Gastgeber (das meine ich durch-aus bewundernd) mit folgenden Worten. In der vierten Strophe / sollte der Mond erscheinen, / und, bitte: da ist er. / Na, dann reden wir mal / über die Wahrheit / der Dichter, der Physiker. / Am Ende stehen die Quoten / 3:2, aber für wen / wird nicht verraten.

Für den Leser jedenfalls nicht – will doch der Lyriker Zander verhüllen statt aufdecken. Hier hätten Sie zum Schluß auch ein wichtiges Glaubensbekenntnis hinsichtlich meines eigenen Schaffens.


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Belohnung für LeserInnen, die sich noch des Stückes zum Buchstaben P erinnern können: siebenschlaefer (mp3, 699 KB)
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