Freitag, 6. Juli 2012
Meurischs Mauer
Geschrieben 2010


Sollte sich die Kindheit des inzwischen fast 80jährigen Liedermachers Franz Josef Degenhardt ähnlich gestaltet haben wie die von Fänä Spormann, Viehmann Ronsdorf, Tünnemann Niehus, Zünder Krach und Sugga Trietsch, war sie gleichermaßen hart wie ergötzlich. Diese Arbeiter-kinder um 13 sind die Helden von Degenhardts erstem Roman Zündschnüre von 1973, der unverkennbar in Degenhardts Geburtsort Schwelm (im südlichen Ruhr-gebiet) angesiedelt ist.

Während der Kriegsjahre 1943/45 gab es in der Schwelmer „Unterstadt“ offenbar eine größere Behälter- und Faß-fabrik, der auch ein Lager für ZwangsarbeiterInnen angeschlossen war. „Meurischs Mauer“ liegt genau dem Haupttor dieser Fabrik gegenüber, jedenfalls in Degen-hardts Buch. Auf dieser hockend, hecken die genannten Helden ihre den Widerstand gegen das faschistische Regime befördernden Streiche aus. Zumeist agieren sie mit Billigung oder wenigstens zähneknirschender Duldung seitens der ihnen bestens vertrauten kommunistischen oder sozialdemokratischen erwachsenen Aktivisten. Wenn sie heimlich Wehrmachtsbestände plündern, Güterwagen in die Luft fliegen lassen, verfolgte Pater oder Pianistinnen aus der Stadt schmuggeln, Botschaften überbringen, Spionage treiben, treten sie nur in die Fußstapfen ihrer Väter, die entweder an der Front stehen oder im KZ sitzen. Die Schule bleibt ihnen erspart: zerbombt. Sie kennen sich im Zerlegen von Pistolen aus und sprechen auch schon routiniert dem „Schabau“ zu, einem selbstgebrannten Schnaps des einheimischen Proletariats, der das rare Bier ersetzen muß. Gegen die ständig knurrenden Mägen wird unter Umständen das Fleisch eines von anderen gestohlenen Milchwagenpferdes organisiert.

In der Regel wissen die Jungen und das eine Mädchen (Sugga) um den unbestrittenen Anführer Fänä das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. So wird dem abtrünnigen Lehrersohn Berti Bischoff die Schinderkarriere bei der Hitlerjugend durch einen Denkzettel vergällt, der sich dessen Leidenschaft für Fußballspielen sowie die Knappheit an echten Lederbällen zunutze macht. Angelockt vom Köder, eilt Berti aus dem Haus, läuft schon von weitem an – und tritt auf dem Rasenstück gegen eine mit Gelb und Schwarz (für die Nähte) erstklassig angemalte Eisenkugel. Als er mit dem Schrei eines „angestochenen Jungbullen“ zusammen-bricht, kommentiert Viehmann Ronsdorf: „Na na, ein Hitlerjunge weint doch nicht.“ Bertis Fuß kam in Gips, womit sich das Marschieren erst einmal erledigt hatte.

Der Roman endet mit dem Einzug der Amerikaner und der Rückkehr Heini Spormanns, Fänäs Vater, dem die Rote Armee lieber gewesen wäre. Degenhardt schreibt unver-hohlen parteilich. Obwohl er (damals) der DKP nahesteht, bescheinigt ihm der Spiegel im Erscheinungsjahr, er habe „ohne nostalgische Verklärung“ auf die Existenz eines Antinazi-Widerstands der „kleinen Leute“ hingewiesen: „ein in der Literatur der Bundesrepublik immerhin seltener Fall.“ Genauer gesagt, verehren die Eltern des „pubertierenden Partisanennachwuchses“ Thälmann und Stalin. Die sowjetische Bündnispolitik wird bestenfalls milde kritisiert, die KPD in keiner Hinsicht angezweifelt. Der junge Pater Clemens erringt das Vertrauen und die Achtung der Bande, weil er sich „wie ein ordentlicher Arbeiter“ benimmt. Werden Gezänk und Gemeinheit berührt, sind sie den „kleinbürgerlichen Elementen“ des Arbeiterviertels zugeordnet – es sei denn, es handelt sich um „Verräter“. Dieser Zug des Romans ist eher der Idylle als dem Realismus verpflichtet.

Auch deshalb ist der beträchtliche Erfolg des Erstlings erstaunlich. Zwischen 1973 und 1996 sind die Zünd-schnüre in mehreren Verlagen, dabei zum Teil in zahlreichen Auflagen, zudem in drei Übersetzungen (finnisch, tschechisch, dänisch) erschienen. Allein Rowohlt druckte das Buch bislang (2010) in knapp 100.000 Exemplaren. 1974 wurde es durch Reinhard Hauff verfilmt. 1976 erschien der Text als Fortsetzungsroman in der sowjetischen Zeitschrift Ausländische Literatur. Laut Spiegel war diese russische Übersetzung reichlich zensiert. Das Erstaunen steigert sich, wenn man über die litera-rische Qualität des Erstlings nachdenkt. Degenhardt erzählt ihn in 25 in sich abgeschlossenen Episoden, dabei vorwiegend von der Warte Fänä Spormanns aus. Für den Spiegel macht er dies „unstilisiert, locker und immer jargonsicher“. Wird der Jargon freilich abgezogen, bleibt eine eher arme und wenig bildhafte Sprache. Das dürfte auch Heinz Ludwig Arnold so empfunden haben, obwohl er das Buch (in der Zeit) zunächst in unmittelbare Nachbarschaft von Mark Twains Geschichten um Huckleberry Finn und Tom Sayers rückt.

Später bemerkt Arnold, Degenhardt sei „kein raffinierter Ästhetiker“ und lege „keinen Wert auf unterschiedliche Sprachbehandlung“ seiner Figuren. So klingt die höfliche Umschreibung eines Unvermögens. In der Tat sind Degenhardts Figuren – ob Kinder oder Erwachsene – überwiegend austauschbar. Sie haben kein Innenleben und kaum Konturen. Das betrifft auch die Art ihres Auftretens und sogar ihre Erscheinung. Eine geballte Ausnahme findet sich gegen Ende des Buches, wenn Niehus/Fuchs' Hochzeitsfeier geschildert wird – und es für des Autors Reue etwas spät ist. Hier läßt er Fänä sämtliche anwesenden Leute „begucken“ und der Reihe nach („wie ein ordentlicher Arbeiter“) über eine ganze Seite hinweg beschreiben. Selbst mit Schilderungen der Schauplätze, etwa Wohnungen, Gassen, Grotten im nahen Berg, ist Degenhardt nicht sehr freigiebig. Das geht auf Kosten der Anschaulichkeit und der Atmosphäre. Wenn Arnold Degenhardts „Charakterisierung des Milieus“ dennoch für gelungen hält, dürfte es damit zusammenhängen, daß Arnold es aus eigener Anschauung kennt, wie er in seinem Artikel erwähnt. In solchen Fällen hat man es trotz der Lücken oder Unschärfen im Text vor Augen.

Sagte ich man? Hinsichtlich der Rolle der Frau verfährt Degenhardt widersprüchlich. Einerseits stellt er zurecht die Tapferkeit und die Verdienste der proletarischen Mütter heraus, die ja überwiegend des männlichen Beistandes beraubt waren. Mit Oma Berta Niehus, der zur verspäteten Hochzeit eine frische Schweinehälfte besorgt wird, schafft er fast eine im Rollstuhl thronende Johanna der Schlachthöfe. Andererseits teilt er seiner Bande lediglich eine Mitstreiterin zu, Sugga Trietsch also. Mehr als das fünfte Rad am Wagen darf freilich auch sie nicht spielen. Sugga hat sich stets mit untergeordneten Aufgaben zu begnügen. Wichtig wird sie eigentlich nur – der klassische Fall – weil sie die Braut des Bandenführers ist. Dabei wirkt die Liebesbeziehung zwischen Sugga und Fänä ausgesprochen abgeklärt. Gefühle scheinen auch dann nicht im Spiel zu sein, wenn die beiden knutschen oder vögeln.

Die Grundhaltung dieser Kriegskinder ist überhaupt ein stoischer Pragmatismus, der ihnen möglicherweise aus „Meurischs Mauer“ in die Unterwäsche gekrochen ist. Hadern, träumen, schmachten sieht man Degenhardts Kinder nie. Sie sind auch nie verstört, wütend oder albern. Jedenfalls die Kinder aus seinem Buch nicht.
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