Freitag, 6. Juli 2012
Übergänge
Laien verkennen gern die Schwierigkeiten handwerklicher Arbeiten, weil ihnen naturgemäß nur das Hauptsächliche daran ins Auge sticht. Wer die Außenwände meines 2009 errichteten Häuschens betrachtet, sieht lauter waagrecht verlaufende Bretter, die sich schindelartig überlappen. Um sie mit ein paar Schrauben auf die tragenden Pfosten zu bringen, brauche ich keinen Zimmermann oder keine Tischlerin zu bezahlen, sagt sich der Laie. Eine Wasser-waage kann ich ohne Gesellenbrief bedienen.

Was nützt ihm aber die Wasserwaage bei den Fenstern und Türen, die möglichst nicht mit den Brettern verkleidet werden sollten? Er muß sie irgendwie aussparen. Das könnte zumindest oben schwierig werden, sofern die Oberkante der letzten Bretter beiderseits des Fensters – man arbeitet vom Haussockel zur Dachtraufe – zufällig nicht mit der Unterkante des Fenstersturzes zuzüglich zwei Zentimeter übereinstimmt. Dann muß er das folgende lange Brett in einem bestimmten Binnenmaß ausschnei-den, es sei denn, er faßt das ungeschmälerte Brett als Fenstermarkise auf. In diesem Fall würde ich vorsichts-halber feststellen, ob sich das Fenster dann noch öffnen ließe. Sind weder die Bretter in ihrer Breite noch die Fenster und Türen genormt, sind sie also von unter-schiedlichen Ausmaßen, verdreifachen sich die Probleme bereits. Hier wird das Zuschneiden mit möglichst geringem Verschnitt (Abfall) auch für Leute, die eine Handkreissäge zu handhaben wissen, zur Rechenkunst.

Man ahnt jetzt, worauf ich hinaus will: Die Kunst des Handwerkers bewährt sich nicht im Haupt-, sondern gerade im Nebensächlichen. Nicht große Strecken oder Flächen; die Übergänge sind sein Problem. Wie treffen der gemauerte Kamin, der vermutlich einige Hitze entwickelt, und die mit Spanplatten verkleideten Innenwände aufeinander? Ja, schon die Öffnung für die unweit des Ofens gelegene Zimmertür hat ihre Tücken. Um zu verhindern, unter der Tür einen Windkanal zu haben, kann ich sie die Dielen berühren lassen, nur läßt sie sich dann nicht mehr auf- und zumachen. So kommt die Kunst des Übergangs oft einem Kampf gegen Schwachstellen gleich. Gerade da, wo zwei Polster eines Sofas aufeinandertreffen, habe ich unglücklicherweise Schwierigkeiten, für das Polstermaterial und den Bezugstoff noch hinreichend Halt zu finden. Die Dinge sträuben sich, sofern sie nicht wie zwei schnurgerade asphaltierte Straßen in der gleichen Ebene und im rechten Winkel aufeinander stoßen. Jeder Fall erfordert eine andere Brücke, wie alle Schriftsteller-Innen wissen, die in ihren Texten gern mit Absätzen arbeiten – oder diese gerade zu vermeiden trachten.

Eisenbahnstrecken bereit zu stellen, ist für sich genommen noch keine Hexerei – aber wie verbinde und vereinbare ich die Strecken und Reisetermine miteinander, wenn es viele sind? Es würde hier zu weit führen, auch die heiklen Übergänge in Lebensläufen oder gar in der Weltgeschichte zu betrachten. Jeder weiß, daß er sich immer nur vorüber-gehend einbildet, auf einer Planke der Sorglosigkeit zu wandeln. Was die waagrechten Bretter an meinen Hauswänden angeht, habe ich die kniffligste Frage noch gar nicht erwähnt. Wie treffen sie sich auf den Hausecken, ohne daß der Wind hineinpfeift oder der liebe Sieben-schläfer einschlüpft? Bedenken Sie, die Bretter stehen nicht senkrecht sondern etwas schräg; ich kann sie also nicht kurzerhand auf Gehrung schneiden.

Am Wartehäuschen des Fröttstädter Bahnhofs, wo man nach Waltershausen umsteigt, habe ich mir nicht ohne Schwierigkeiten eine Skizze von der Art und Weise angefertigt, wie sich dort die Bretter auf den Hausecken tatsächlich durch verschiedene komplizierte Aussparungen fugenlos aneinander schmiegen. Durch einen Fröttstädter Forstwirt und Tischlermeister, der uns beim Hausbau beriet, blieb uns diese aufwendige Filigranarbeit allerdings erspart. Es hätte ohnehin nicht geklappt, weil unsere Bretter nicht von durchgehend gleicher Breite waren. Der Mann schlug vor, auf die Hausecken dicke Kanthölzer zu setzen, die den Brettern beiderseits der Ecke als Anschlag dienen. Die Verbindung ist mäusedicht, und die ästhetische Einbuße erachte ich als gering.
°
°