Freitag, 6. Juli 2012
Ein Vagabund
Enthalten in meinem Stockraus von 2009


Als er 1947 in seinem mexikanischen Exil, wie es heißt, einem Herzanfall erlag, war er keine 57 Jahre alt. Eher starb er an seinem ganzen entbehrungsreichem und aufreibendem Leben. Wenn ihn seine Frau Ljuba während der Orenburger Verbannung (am Uralfluß, bis 1936) damit schockiert, in einem Medizinischen Lexikon den Artikel Wahnsinn auf ihre Symptome hin zu studieren, ist es eigentlich erstaunlich, daß ihr Gatte nicht ebenfalls verrückt geworden ist. Doch er verblüfft uns gerade umgekehrt durch Besonnenheit und Hellsicht. Nur die ermordete Rosa Luxemburg hätte der Lenin-Sinowjew-Clique das Wasser reichen können; jetzt schicke Deutsch-land die biederen Biertrinker der USPD.

In zahlreichen Ländern, Sprachen, Kerkern zu Hause, Hand- wie Kopfarbeiter, schlägt sich Victor Serge selber den Vagabunden zu. In Moskau ist er vorübergehend Sekretär des mächtigen Sinowjew, auf einem herunterge-kommenen Gut am Ladogasee Kommunarde mit Mist an den Stiefeln. Um 1938 wiederum sei er womöglich „der meistbeschimpfte Mann der Welt“ gewesen, wie er selber sagt. Vor allem Moskaus Vasallen feuerten aus allen Rohren. Während des Spanienkrieges hatte er sich (von Paris aus) für die als „trotzkistisch“ verleumdete POUM stark gemacht, doch mit Rechthaber Trotzki überwirft er sich bald darauf.* Mit Sinowjew war es ihm vorher nicht anders ergangen. Schon die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands durch die bolschewistische Führung hatte Serge nur mühsam geschluckt. In den Reihen der POUM kämpfte auch der ehemalige burme-sische Polizeibezirkschef George Orwell, dem wir von daher das Buch Mein Katalonien (1938) verdanken. Wie dieser stellte Serge die Freiheit und die Achtung einer jeden Menschenwürde über alles.

Versichert er dennoch, die persönliche Existenz habe ihn immer „nur als Funktion des großen kollektiven Daseins“ interessiert, „dessen mehr oder weniger mit Bewußtsein begabten Teilchen wir sind“, ging es an unseren auftritts-geilen „linken“ Politikern und Schriftstellern vorbei. Folgerichtig lehnte Serge auch den klassischen Roman mit seinem herausgehobenen Personal ab. Ich zitiere aus seinen Erinnerungen eines Revolutionärs, die 20 Romane aufwiegen – und wären sie von Tschechow geschrieben.

* Diese Aussage relativierte ich (2014) in meiner inzwischen gestrichenen Arbeit über Mordopfer. Im dortigen Artikel über Trotzki war unter anderem zu lesen: Er liebte die Nähe zur Gewalt. Als Chef der Roten Armee gewann er Kriege, verdiente sich durch die Niederschlagung eines berühmten antibolschewistischen Aufstandes Emma Goldmans** Titel „Schlächter von Kronstadt“ und duldete das Wüten der Geheimpolizei Tscheka/GPU, dem er dann selber zum Opfer fiel, nachdem er sich mit Stalin überworfen hatte. Neben der Gewalt liebte er den Ruhm, wobei er auch dabei schlau genug für Tarnung war. Victor Serge*** erwähnt, um 1920 sei Trotzki gern „in einer Art weißer Uniform ohne Abzeichen“ aufgetreten. Der russisch-französische Anarchist muß es wissen, da er in den 20er Jahren zunächst enger Mitarbeiter von Sinowjew, dann Trotzki war. Aber er ist im Hinblick auf diesen gespalten. Einerseits räumt er ein, gegen den „eher autoritären“ Trotzki sei Lenin geradezu „zutraulich“ gewesen. Viele kritische Geister hätten Trotzki „bewundert, ohne ihn zu lieben“. Aber er preist eben auch Trotzkis politischen Spürsinn, also sein Kalkül, reiht ihn unter die „Generation der Riesen“ ein und bescheinigt ihm, er verstehe „ein großes Schicksal“ meisterlich zu tragen. Da kann man schon befürchten, der Trieb des Menschen, „Größe“ zu verehren, also Überlegenheit, Kraft, Macht, sei wahrschein-lich unausrottbar. Zwar vermeldet Serge, ein herzensguter, kluger Kopf, zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges habe er mit seinem Lehrmeister und Ziehvater Trotzki endgültig „gebrochen“; dieser Schritt kommt mir jedoch reichlich spät und nicht wirklich radikal
vor.
** Living My Life, New York 1931, deutsche Ausgabe Hamburg 2010, S. 811. Die russischstämmige Anarchistin aus den USA hatte sich zur Aufstandszeit, 1921, in Sankt Petersburg aufgehalten.
*** Erinnerungen eines Revolutionärs, Hamburger Ausgabe von 1991, bes. S. 119, 161, 236, 392




Siehe auch
Serge zum Phänomen des Überlebens: Kapitel Tante Paula, im Beitrag gegen Ende
°
°