Freitag, 6. Juli 2012
Wasserfälle
Eine Glanzleistung in dieser Disziplin, die man vielleicht nicht Disziplin nennen sollte, legte erst kürzlich (2009) Hugo Chavez vor. Ich meine die Redseligkeit. In die Fußstapfen Chruschtschows und seines Kumpels Fidel Castro tretend, gelang es dem Chef Venezuelas zur Feier des 10. Jahrestages seiner Präsidentschaft vor der Nationalversammlung in Carracas sieben Stunden lang zu reden. Damit stellte er sogar den Rekord Sinowjews ein, der laut Babette Gross 1920 auf dem KPD-Parteitag in Halle ebenfalls sieben Stunden lang nicht müde wurde, den Delegierten die Unterwerfung unter die Komintern schmackhaft zu machen.

14 Jahre später begnügte sich Maxim Gorki auf dem Moskauer Schriftstellerkongreß mit drei Stunden, wie Gustav Regler in seinen Erinnerungen erwähnt. Aus Max von Boehns Modegeschichte ist zu erfahren, Edinburghs „reformierter“ Referend Forbes habe seine in die Kirche gezwungenen Schafe um 1670 mit Kanzelergüssen von fünf bis sechs Stunden zugeschüttet. Ich muß gestehen, bereits die Predigten einflußloser Theologen in nordhessischen Dorfkirchen als Folter empfunden zu haben, obwohl sie selten 20 bis 30 Minuten überschritten. Aus Vergeltungs-drang (und nicht etwa Geltungsdrang) wollte ich dann eine Zeitlang selber Pfarrer oder wenigstens CVJM-Jugend-sekretär werden. In den Mitarbeiterstab der Jungschar aufgerückt, konnte ich mir zahlreiche Andachten und Bibelarbeiten abringen, die wiederum meine Unter-gebenen quälten.

Insofern ist das schöne Wort von der Redseligkeit durchaus angebracht, falls man auf einen biliteralen Bezug verzichtet. Ihre Ausüber – Innen kommen noch immer vergleichsweise selten vor – scheinen ja in der Tat von Minute zu Minute und Stunde zu Stunde immer seliger zu werden. Ihre Rede ist fruchtbar und mehrt sich wie der sprichwörtliche Wasserfall. Dafür wird ihr Gegenüber mindestens durchnäßt, oft sogar erschlagen. Frischs Ballettänzerin Julika läßt die Vorträge ihres Gatten Anatol Stiller wie Erkältungen über sich ergehen – bis sie mit Tuberkulose in ein Sanatorium in Davos muß. Kreuder garnierte seine männerbündlerischen Bücher durchweg mit Frauen, deren wesentliche Erfüllung darin zu liegen scheint, mal auf entrücktem Sockel die Göttin zu geben, mal an den Lippen seiner Helden zu hängen – nicht etwa zum Küssen, sondern weil sie auf deren Offenbarungen begierig sind. Ich gebe zu, meinen Geliebten in meiner Leserattenzeit erging es kaum besser.

Irgendwann Schriftsteller, ergießen wir unsere Wasserfälle vornehmlich auf Papier, das bekanntlich besonders geduldig ist. Heilsame Dämpfer erfuhr ich erst in meiner Kommunezeit. Nicht, daß mir die Mitkommunarden übers Maul gefahren wären – nach 10 oder 100 Erörterungen im Kreise von 7 bis 27 MitstreiterInnen bekommt man einfach mit, es ist gleichermaßen unmöglich wie überflüssig, zu allem seinen Senf zu geben. In halbwegs aufgeklärten, also nicht-missionarischen Gruppen versammelt sich gewöhn-lich genug an Vielfalt und Klugheit, damit sich einer auch als Schweiger in der einen oder anderen Meinungsäuße-rung hinreichend vertreten fühlen kann. Gegen solche Gruppen sind die vielbeschäftigten Expertengremien saudumm. Im übrigen schärft stummes Zuhören den Blick dafür, daß auch andere etwas zu sagen haben – nicht selten Triftigeres oder Verblüffenderes, als man es selbst geboten hätte.
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