Freitag, 6. Juli 2012
Ökotopia
Mein Anfang 2010 abgeschlossenes Buchmanuskript Konräteslust stellt eine zeitgenössische anarchistische Zwergrepublik in Romanform vor. Mit diesem Vorhaben trug ich mich seit mehreren Jahren. Beim Materialsam-meln stieß ich erst im Sommer 2009 auf Ernest Callen-bachs Ökotopia von 1975 (auf deutsch im Rotbuch Verlag erschienen). Diszipliniert, wie ich bin, quälte ich mich hindurch.

Der Berkeley-Dozent für Filmfragen siedelte seinen im Jahr 1999 spielenden Roman im Westen der USA an. Zwar legt der abtrünnige Freistaat Ökotopia mit der Hauptstadt San Francisco Wert auf Dezentralisierung, doch scheint er eine ziemlich gewöhnliche Regierung zu haben. Die Präsi-dentin an der Spitze gibt die starke Frau. Einmal zeigt sie sich gar bereit, gewisse außenpolitische Maßnahmen „zu verheimlichen“ – nicht unpassend, denn Ökotopia wird ein ausgezeichnet arbeitender Geheimdienst nachgesagt. Auch Recht und Geld spielen die übliche Rolle. Der Freistaat garantiert ein geringes Grundeinkommen, doch fast alle ÖkotopianerInnen sind offenbar darauf erpicht, es durch Lohnarbeit beträchtlich aufzustocken. Recht befremdlich die ritualisierten Kriegsspiele unter Lebens- oder Arbeits-gemeinschaften, die für Aggressionsabfuhr sorgen sollen. Sie fordern durchschnittlich 50 Tote im Jahr. Gegen äußere Feinde hat Ökotopia Streitkräfte; es sieht oder sah sich ja vor allem von Washington bedroht. Einen guten Eindruck habe ich von den selbstorganisierten und lebensnahen Schulen gewonnen. Interessant auch noch die genormten Wohnröhren (mit ovalem Querschnitt, aber waagrechtem Fußboden), die beliebig kombiniert werden können. Hauptsiedlungsform sind Kleinstädte um 10.000 EinwohnerInnen. Für mein Empfinden schon viel zu groß.

Der Erzähler, ein US-Reporter und -Sonderbotschafter, ist mir unsympathisch; zu eitel. Er läßt sich bekehren und bleibt in Ökotopia. Aber vor allem ist das Buch schlecht geschrieben. Es hat wenig Anschaulichkeit und gar keine Atmosphäre. Entsprechend unglaubwürdig und konstru-iert wirkt dieses Ökotopia. Als Lektor hätte ich Callenbach zu einem Posten als Wohnröhren-Prüfer beim TÜV geraten.
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