Donnerstag, 5. Juli 2012
Oberndorf
Das Städtchen am Neckar lebt traditionell vom Schwer-verbrechen. Hüten Sie sich jedoch, diesen Vorwurf zu erheben, während Sie dort Urlaub machen: einer von den 14.600 Einwohnern, die auf Gedeih und Verderben von den ortsansässigen Firmen Mauser und Heckler & Koch abhängen, wird Sie bestimmt für ein lohnendes „Weichziel“ halten, weil Sie mit Ihren Brandreden Arbeitsplatzvernichtung begünstigen.

Seit die Konzentrationslager geschlossen werden mußten, gibt es in Deutschland keine größere Todsünde als Vernichtung von Arbeitsplätzen. Die genannten Firmen stellen auch keineswegs Pistolen oder Gewehre her; laut einem Werbeprospekt leisten sie „Sicherheitsbeiträge“, die lediglich jenen unerwünschten „Weichzielen“ gelten. Während Mauser bereits mit Nazi-Erfahrung aufwarten kann, ist Heckler & Koch erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Zum Glück gab es in der Folgezeit zahlreiche unbedeutendere Kriege, deren Waffenbedarf sich angenehm summierte. So darf sich Heckler & Koch inzwischen zu den fünf größten Herstellern von Pistolen und Gewehren weltweit zählen. Mit den Sicherheitsbei-trägen des schwäbischen Fachbetriebs werden nach böswilligen Berechnungen linker KritikerInnen Stunde für Stunde weltweit vier Menschen erschossen. Neben der Bundeswehr beliefert er die britische Armee, die US-Streitkräfte und zumindest zeitweise die Söldnerfirma Blackwater. Damit ist klar, Deutschland hat mit diversen Nahostkriegen nichts zu tun.

2008 erklärte unsere Regierung, das gleiche gelte für aktuelle Gefechte zwischen Georgien alias USA und Ruß-land um Südossetien. Wer bei den georgischen Truppen deutsche G-36-Sturmgewehre sichte, sehe Gespenster. Die kommunistische Tagezeitung Junge Welt brachte am 19. August desselben Jahres die Artikelüberschrift „Heckler & Koch auf Seitenwegen“. Das heißt, solange sich unsere Rüstungsschmieden der regierungsoffiziellen Hauptwege statt der Schmugglerpfade bedienen, sind sie noch tragbar. Träger sind die Theorie des Kleineren Übels und eine Arbeitsplatzsucht, die nicht mehr in Alternativen denken kann. Im September 2010 warnen EADS-Gesamtbe-triebsratschef Thomas Pretzl und IGM-Konzernbetreuer Bernhard Stiedl „Verteidigungsminister“ Guttenberg vor einer massiven Kürzung des Rüstungsetats. Mit den geplanten Einsparungen (von 9,3 Milliarden Euro) würden 30.000 Arbeitsplätze in Deutschland vernichtet und die „militärische Luftfahrtindustrie kaputt gemacht“. Stiedl benutzt auch gleich eine angemessene Metapher. Der beabsichtigte Einschnitt beim Airbus-Militärtransporter „wäre der Tod für dieses Programm“. Man schreibe sich's also hinter die Ohren: Nicht die Raketen, die Rotstifte bringen den Tod!

Gründervater Edmund Heckler, laut Wikipedia bei Mauser und auf einer Esslinger Maschinenbauschule ausgebildet, kam zwar vorzeitig um, jedoch nicht durch Waffengewalt, wie mancher glauben könnte. Dem Schwarzwälder Boten zufolge* erlag er im Sommer 1960 mit 54 Jahren einem schnöden Herzinfarkt. Den Zeitraum um 1940, wo Heckler noch am ehsten das Opfer einer verirrten feindlichen Kugel aus einer Kalaschnikow oder einer Mauser-Pistole hätte werden können, läßt Bote S. Blocher, der Verfasser des Gedenkartikels, unerschrocken im Neckarnebel. Wir erfahren nur, Heckler habe es damals bis zum Oberingenieur der Leipziger Hugo und Alfred Schneider AG gebracht, wobei er auch „maßgeblich“ am Aufbau neuer Produktionsstätten beteiligt gewesen sei – vielleicht für Unterhosen? Im Frühjahr 1945 sei Heckler, inzwischen 39, „in seine am Boden liegende Heimatstadt Oberndorf“ zurückkehrt. Wahrscheinlich war Schwaben von einem Erdbeben heimgesucht worden. Blocher ziert sich sogar, das bekannte Kürzel jener Aktiengesellschaft anzuführen, HASAG – ein Rüstungsbetrieb, der mit Geschichte schrieb, auch in der Beschäftigung von Zwangsarbeitern. Die feine Gesellschaft hatte mehrere Zweigwerke in Sachsen, Thüringen und Berlin – zwei oder drei davon hat, nach verschiedenen Quellen, in der Tat Heckler aufgebaut und dann auch geleitet. Der pfiffige Schwabe rannte nicht über entlegene Schlachtfelder; er war, für die heimische Wehrmacht unentbehrlich, Lieferant.

Blochers Artikel ist mit einem erstaunlich ungünstig wirkenden Porträtfoto garniert, das den Mitgründer der Oberndorfer Waffenschmiede (offiziell 1949) eher als einen Biedermann zum Fürchten zeigt, obwohl er in den ersten Nachkriegsjahren hauptsächlich Nähmaschinen herstellen ließ und auf manche Hausfrauen und Mütter möglicherweise, kleinmündig, schmallippig und profillos, wie er geraten war, einen vertrauenerweckenden Eindruck machte. Vielleicht wurde er eben von diesen 1956 auch noch in den Gemeinderat gewählt. Von Hecklers familiären Verhältnissen verrät Blocher nichts, von Hecklers seelischen ganz zu schweigen. Was dessen Mitstreiter Koch und Seidel angeht, hatten sie ebenfalls schon Erfahrungen bei Mauser – und im Faschismus gesammelt.

* „Im 'Hauptquartier der Sorgen'“, 1. Juli 2010



Zum Thema Arbeit siehe auch
Band 2, bes. die Kapitel „Arbeiterklasse“ und Generalstreik, im Beitrag nach der Mitte; ferner Öl fürs Herz und Mindesthohn
Bei R. Kurz, ungefähr Mitte
A. in Konräteslust, Kapitel 5 (allgemein) und 23 (Mosterei)
>Handwerk
Schneeschippen-Stück hohnarbeit (mp3, 2.608 KB)
„Geistige Leistung“: Patente
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