Donnerstag, 5. Juli 2012
Gruß aus Friemar
Im Frühjahr 2010 rang ich mich schweren Herzens dazu durch, per Internet eine Petition an den Vorsteher der größten kriminellen Vereinigung dieses Planeten zu unterzeichnen: Obama. Er möge sich für die Abschaffung der Todesstrafe und insbesondere dafür einsetzen, daß Mumia Abu-Jamal, der seit 28 Jahren im Todestrakt schmort, einen neuen und dieses Mal fairen Prozeß bekommt.

Meine Bedenken galten nicht nur Obama und dem tak-tischen Mittel „Petition“, sondern auch dem für Mumias Befreiung arbeitenden Komitee, das mir stark kommuni-stisch geprägt vorkam. Der dunkelhäutige Journalist Mumia, einst bei den Black Panthers aktiv, ist ja selber Kommunist. Er schreibt auch regelmäßig in der deutschen Jungen Welt. Wahrscheinlich weiß ich schon zu viel über die Machenschaften kommunistischer Bündnispolitik aus dem vergangenen Jahrhundert, um hier einfältig daran zu glauben, schließlich wollten wir alle dasselbe, nämlich Mumias Leben retten. Kommunisten sind kalt bis ins Blut. Ihrem Mittel-zum-Zweck-Denken opfern sie notfalls das eigene Töchterchen – und der Notfall ist für Kommunisten stets gegeben, weil ja der Kommunismus selber immer nur vom fernen Horizonte her winkt. Erst dort, im Paradies, möchten sie sich die Warmherzigkeit gestatten, die sie dann wahrscheinlich aus den Folgen des angeblichen „Klimawandels“ beziehen. Vor diesem zittert die Junge Welt inbrünstig wie die halbe Welt.

Ich glaube auch nicht daran, daß die Junge-Welt-Leute besser als ihre DDR-Ziehväter sind. Selbstverständlich geben sie sich aufgeschlossen und sogar zu manchen Scherzen bereit, doch immer, wenn's ernst wird, sind sie mit ihrem dogmatischem Partei- und Proletarierplunder, ihrem Wahn vom Fortschritt und einem passendem Lenin-Zitat zur Hand. Um 2003 verübelte mir das sogenannte Feuilleton der Jungen Welt einen Text, in dem ich mich unterstanden hatte, beiläufig Nikita Chruschtschow anzupinkeln, der wegen seiner Kleinwüchsigkeit nur Schuhe mit erhöhtem Innenfutter trug. Wie ich mich unterstehen könne, verdiente Kommunisten schlecht zu machen! Ja, seine Verdienste bei den blutigen Parteisäu-berungen, die ihn stets unverbrüchlich fest an der Seite des großen Steuermanns fanden, kann man beispielsweise in Simon Sebag Montefiores belegreicher Stalin-Biografie von 2003 nachlesen. Damals stützte ich mich allerdings nur auf Eindrücke von Chruschtschows Gästin Simone de Beauvoir. Sie und Sartre zählten in den 50er und 60er Jahren zu den unzähligen Prominenten, die sich bereit- oder widerwillig vor den Karren der UdSSR spannen ließen. Koestler und Sperber legten sich dafür bei den Amis ins Zeug. Ein bedeutender Zutreiber zum sowje-tischen Karren war übrigens der Schriftsteller Ilja Ehrenburg – und zwar gerade wegen seines Aufmuckens gegen manche stalinistische Vernageltheit. Auf diese Weise zog er sogar André Gide an. Als dieser wieder absprang (1937), warf ihm Ehrenburg unflätige Schimpfworte nach, die Julián Gorkin in seinem Buch Stalins langer Arm dokumentiert.

Wie berechnend die Kommunisten zwischen den Welt-kriegen harmlos oder rechtschaffen wirkende Personen und Organisationen für ihre machtlüsternen und staats-verliebten Zwecke einspannten, geht zum Beispiel sehr gut aus Babette Gross' Münzenberg-Biografie von 1967 hervor. Gross war die Gefährtin des begnadeten Organisators, Überredungskünstlers und angeblichen roten Millionärs gewesen. Sie legt allerdings glaubhaft dar, Willi Münzen-berg, Mitglied des ZKs der KPD und bis zuletzt (1933) Reichstagsabgeordneter, habe die Millionen, die sein verzweigter Konzern erwirtschaftete oder auftrieb, nie für private Zwecke verpulvert. Alles wurde ins Heilsgeschäft der Vorbereitung der Weltrevolution gesteckt. Als Chef verlangte er „das Äußerste an Initiative, Tempo und Arbeitsleistung“ von seinen Mitarbeitern. Sie verehrten ihn. Einer von ihnen äußert später, Münzenberg habe an starken Minderwertigkeitsgefühlen gelitten und sich ständig selbst bestätigen müssen. Gross dementiert es nicht.

Münzenberg war Sprößling eines leicht aufbrausenden und oft betrunkenen Dorfgastwirts in Friemar an der Nesse, das unweit von Gotha liegt. In der Kasse der Schenke herrschte meistens Ebbe. „Dann ließ er dem Jungen vom Dorfschneider aus einem alten Anzug eine Jacke machen, die viel zu groß war. Und der Junge mußte sich mit Fäusten gegen die Dorfjugend wehren, die spöttisch Schwenker hinter ihm herrief.“ Wahrscheinlich hielt Münzenberg entgegen vielen ihn grämenden Bedenken noch um 1933 eisern an der Partei- und Kominternlinie fest, damit ihn nicht auch noch Stalin oder Thälmann als einen Schwenker hänselten. Dabei gibt es nichts Wider-licheres, als den Zickzackkurs der Weimarer KPD zu verfolgen! Aber der beruhte eben auf abgesegneten Schwenkern. Nach der faschistischen „Machtergreifung“ untergetaucht, schwang sich der 1889 geborene Münzen-berg, von Gustav Regler als untersetzter, braunäugiger Mann mit vollem Haar beschrieben, in Paris zum größten Gegenspieler Joseph Goebbels' auf. Er besorgte das berühmte Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror und schuf weitere wirksame Plattformen antifaschistischer Einheitsfrontpolitik, wobei er sich, unter dem Eindruck der Moskauer „Säuberungen“, zunehmend gegen den Alleinvertretungsanspruch und die unlauteren Methoden der Kommunisten verwahrt haben soll.

Regler, Schriftsteller und kurz zuvor kommunistischer Politkommissar bei den spanischen republikanischen Truppen, zählte zum Mitarbeiterstab des Braunbuchs. In seinen ausgezeichnet geschriebenen Erinnerungen (von 1958) bestätigt er Münzenbergs Neigung zu beinahe täglichen Stimmungswechseln: heute heiter oder sieges-gewiß, morgen betrübt und mürrisch – „pöbelhaft wie ein Müllkutscher und unsicher, wie nur Genies es sein können“. Dafür sei ihm die wahnhafte Furcht vor Spionen fremd gewesen, die Regler in Reinkultur durch Exil-Chef Walter Ulbricht verkörpert sah; Münzenberg habe sogar eine Leibgarde abgelehnt, obwohl Paris von braun- bis roteingefärbten Agenten wimmelte, die ihn liebend gern in die Seine befördert hätten. Münzenberg sei der einzige führende KP-Kader gewesen, der mit der Zeit lernte, „auch an alten kommunistischen Begriffen zu zweifeln“, etwa dem verherrlichten „Proletariat“. Seinen wachsenden Schwierigkeiten „mit den offiziellen Hütern der Ideologie“ sei er mit „kleinen Bestechungen der Schergen“ (etwa Pöstchen in seinem erfolgreichem Verlag) und Ausweich-manövern begegnet. Im Herbst 1936 hatte Münzenberg bereits Glück, nach Verhandlungen in Moskau wieder heil aus dem „sozialistischen Vaterland“ herauszukommen. Er verlor sämtliche Pariser Machtbefugnisse und wurde zum Objekt „einer Flüsterkampagne der KPD-Emigrations-führung“, wie Wolfgang Leonhard (1989) schreibt. Im März 1939 gab der unerschütterliche Antifaschist im Wochenblatt Die Zukunft seinen Parteiaustritt bekannt. Den Rest seiner Sowjettreue raubte ihm dann wenig später der Hitler-Stalin-Pakt, der den Zweiten Weltkrieg nicht hemmen, vielmehr befördern half. Münzenberg starb 1940 auf der Flucht durch Südfrankreich unter Umständen, die bis heute nicht aufgeklärt werden konnten. Viele vermuten einen Mord auf Betreiben Stalins.

Bei gutem Frühlingswetter entschließe ich mich nach einem erfreulich kurzem Besuch im Gothaer Sozialamt, das unweit vom Ostbahnhof liegt, zu einem Radausflug nach Friemar. Ich habe noch einmal rund fünf Kilometer gen Osten zu fahren. Nennenswerte Steigungen sind nicht zu bewältigen. Dafür wirkt auch das Dorf ein wenig fade. Der ehemalige Gasthof Zum Erbprinzen findet sich nur einen Steinwurf von der Nesse entfernt in der Friedhof-straße am wiederum östlichen Dorfrand. Im Erdgeschoß ein Lebensmittelgeschäft, das den Gothaer Supermärkten trotzt. Einer alten Ansichtskarte zufolge, die an Herrn K.s Kasse lehnt, war der Gasthof einst ein stattliches Gebäude mit einem Eckgiebelturm, in dem auch ein Wappen prunkte. Das Gebäude wurde längst begradigt. Herr K. kaufte es nach der „Wende“. Immerhin machte er sich zum Gedenken an den hier geborenen Gastwirtssohn Willi Münzenberg mit einigen anderen Einheimischen für eine Kupfertafel stark, die dann an der Fassade angebracht wurde. Doch bald darauf lag sie auf dem Bürgersteig – gewaltsam abgerissen. Seitdem bewahrt sie Herr K. in seiner Wohnung auf. Die Zeichen der Zeit stünden wohl anders, meint er mit sarkastischem Achselzucken. Eine nach dem prominenten Antifaschisten benannte örtliche Straße oder Gasse gibt es nicht. Wer einen Blick auf die ebenfalls recht stattliche barocke Dorfkirche Friemars werfen will, kann immerhin einen winzigen Karl-Marx-Platz überqueren.

Margarete Buber-Neumann, die Münzenberg gut kannte, nennt ihn (1958) „eine erstaunliche Persönlichkeit, die einen fast magischen Einfluß auf Menschen der verschie-densten Kategorien ausübte.“ Sie hebt seinen Ideenreich-tum hervor. Gleichwohl sei er auch als einflußreicher Propaganda- und Konzernchef den Gewohnheiten der Jugendbewegung treu geblieben. Der junge Erfurter Fabrikarbeiter hatte dereinst in Zürich, wo er zu den Freunden des Emigranten Lenin zählte, die Kommuni-stische Jugendinternationale (KJI) gegründet und im folgenden geführt. Auch später habe es ihn an versamm-lungsfreien Sonntagen hinaus ins Grüne gedrängt. „Er trank kaum Alkohol, liebte es zu wandern, sich irgendwo im Wald zu lagern und Sport zu treiben.“

Ich schiebe mein Fahrrad über eine grünende Wiese ans Nesseufer, um einen Schokoladenriegel zu verzehren, den ich von Herrn K. erwarb. Auch die Pappeln und Weiden treiben schon aus. Eine Singdrossel beschimpft mich. Vereinzelte Wildkirschen sind bereits mit kleinen, weißen Blüten übersät. Die Sonne läßt sie leuchten, doch es fehlt ihr noch immer entschieden an Heizkraft. Die Wiese wird morgen früh wieder Rauhreif zeigen. Der April (2010) war durchweg kalt. Das Dumme ist, je älter man wird, desto frühzeitiger denkt man schon wieder mit Schrecken an den nächsten Winter. Ja, wenn der „Klimawandel“ endlich käme! Aber er hustet mir was.
°
°