Donnerstag, 5. Juli 2012
Marbot
Um 2000 – ich war noch als Raumausstatter in einem südhessischen Handwerksbetrieb beschäftigt – flanierte ich mit verrenktem Hals durch ein riesiges Würzburger Treppenhaus, um das größte zusammenhängende Deckenfresko der Welt zu bestaunen. Der Kenner weiß Bescheid: Tiepolo in der Residenz. Zu meinen vielen Vorläufern zählte der Brite Andrew Marbot, von dem ich damals allerdings nichts wußte. Ich habe Hildesheimers Biografie erst 2010 gelesen. 1825 nach Italien unterwegs, legt der wohlhabende Müßiggänger Marbot Abstecher nach Weimar, Kassel und Würzburg ein. In Weimar erwirkt er eine Audienz beim Dichterfürsten und die Liebesgunst von dessen Schwiegertochter Ottilie von Goethe. In Kassel bewundert er Rembrandts Gemälde.

Wie mein Zwerglied Künstlerglück beweist*, habe ich die MalerInnen immer um die Möglichkeit beneidet, jederzeit von ihrer Staffelei aus sieben Schritte zurückzutreten, um sich ihr werdendes Werk einmal aus gehöriger Distanz anzuschauen. Das nützt bei Manuskripten oder Computern nichts. Wie ich jedoch durch Marbot sehe, ist dieses Glück auch den Schöpfern von Deckengemälden versagt. Da hat der alte Tiepolo für mehrere Jahre, außer im kältesten Winter, Tag für Tag auf einem turmhohen Holzgerüst auf dem Rücken zu liegen, um die ausgedehnte weiße Fläche Quadratmeter für Quadratmeter (im ganzen 670) mit den Ausgeburten seiner Phantasie zu bedecken, ohne jemals mehr als 60 oder 80 Zentimeter Abstand zu haben. Wie will man bei dieser Malweise die Proportionen der Figuren und die Ausgewogenheit des gesamten Freskos wahren? Weder Marbot noch Hildesheimer verraten mir den Trick.

Vielleicht ist diese Unterlassungssünde noch verzeihlich. Schlimmer finde ich die vollständige Abwesenheit dessen, was der Weimarer Schriftsteller und Maler Armin Müller vermutlich die Soziale Frage genannt hätte. Marbot hat weder Geldsorgen noch einen Blick für die Nöte zahl-reicher Mitmenschen. Politik interessiert ihn keinen Pfifferling. Sein ganzes Denken kreist um Kunstwerke und die sie hervorbringenden Gemütsregungen – die stets in luftleerem Raume stattzufinden scheinen. Das Milieu der KünstlerInnen beläuft sich auf Kulisse. Man könnte es austauschen; Marbots Nabelschau bliebe die gleiche. Gewiß, die Blutschande mit seiner Mutter bewegt ihn ebenfalls, aber auch sie hat keine soziale Dimension, sieht man von dem Was sollen die Leute von uns denken? ab, das sich bekanntlich durch alle Klassen und Jahrhunderte zieht. Für mich ist Marbot ein Taugenichts, eine Null – zumal die „Blutschande“, mit der er sich ziert, auf mich wenig glaubhaft wirkt. So würde er sich denn auch nicht zu Unrecht von Kind auf bis zu seinem Selbstmord als Versager fühlen. Es ließe sich einwenden, so war er eben. Dafür könne ja der Biograf nichts, daß dieser Marbot ein Windbeutel gewesen sei. Doch der Einwand geht im Falle dieses Buches von 1981 fehl, weil Hildesheimer seinen Romantiker namens Marbot, diesen angeblichen Zeit-genossen und Bekannten von Leuten wie De Quincey, Lord Byron, William Turner, Delacroix, Leopardi und eben auch Goethe, von vorne bis hinten erfunden hat.

Es ist das merkwürdigste Buch, das ich seit langem gelesen – und merkwürdigerweise nicht etwa nach 20 oder 50 Seiten in die Ecke geworfen habe. Man ist ja vorgewarnt: eine fiktive Biografie. Zudem zeigt sich rasch, sie ist keinewegs glänzend geschrieben. Sie mutet uns manche Holprigkeiten und Verschrobenheiten (ihres Autors) zu. An vielen Stellen können wir dem Biografen „nicht ganz folgen“. Gleichwohl lesen wir mit Neugier, Verblüffung, Schmunzeln und sogar Hochachtung weiter. Es stellt nämlich eine beinahe unglaubliche Leistung dar, eine solche Biografie von hieb- und stichfestem Wahrheits-gehalt zu erfinden. Warum macht sich Hildesheimer nur diese Mühe, fragt man sich in einem fort ungläubig. Warum tüftelt er all diese „nachprüfbaren“ Dokumente, Ereignisse, Daten aus? Was gibt ihm die Kraft und die Disziplin, diesen Windbeutel Marbot durch ein ganzes Buch zu führen? Das Buch hat einen rundum absonder-lichen Charakter – und durch sein streng „wissenschaft-liches“ Gebaren wird das nur unterstrichen. Darin liegt seine nicht unbeträchtliche Komik, nehme ich an.

Was mir zunächst gefiel, war Marbots Haltung zum Tod. Er empfindet ihn ausdrücklich als demütigend. Mit Leopardi, den er in Italien trifft, ist er sich darüber einig, man sollte doch erwarten, die Akkumulation von Lebens-erfahrung führe zu irgendeiner Krönung – stattdessen halte sie diese Schmach der Abdankung für uns bereit. In der Überzeugung, durch den Freitod könne ihr entgegen-gewirkt werden, will ihm Leopardi allerdings nicht mehr folgen. Das erachtet Marbot als inkonsequent. Obwohl es ihm nichts mehr zu bieten habe, hänge Leopardi offensichtlich noch am Leben. „Wahrscheinlich hat er nicht den Mut, den letzten Schritt zu tun. Er ist zu feige.“ Marbot selber tut diesen ernsten Schritt wenig später, mit knapp 30.

Für mein Empfinden ist allerdings schon das Wort Freitod ein Witz. Wie kann etwas frei sein, das im Zusammenhang mit diesem „lebenslänglichen Erpreßtwerden zum Tode“ steht, wie Kreuder es einmal nannte, also der denkbar größten Nötigung? Gar nichts ist auf Erden frei. Weder habe ich um Großmäuligkeit oder Jähzorn, noch hat Leopardi um Feigheit gebeten. Den Drang am Leben zu bleiben – oder die Angst, es zu verlieren – kennt so gut wie jeder, möge er selbst keine Arme und keine Beine mehr haben. Entschließt sich einer zum Selbstmord, dann in der Regel aufgrund großer Verzweiflung. Die nähme man vielleicht noch Marbots Mutter ab (die mit ihm „Blut-schande“ trieb), doch Marbot nicht. Sein Selbstmord wirkt aufgesetzt, obwohl sich Hildesheimer bemüht, seinen Helden als Versager hinzustellen, freilich nicht aus den von mir genannten Gründen. Für ihn versagt Marbot, weil er es nie bis zum eigentlichen Kunstschaffen bringt. Marbots Sache ist das Zuschauen.

Nun gut: da schwindet die Neugier irgendwann – bis man sich aus Überdruß und Langweile umbringt. Diese raren SelbstmörderInnen bewundere ich. Sie bringen sich nicht aus Not, vielmehr der Tugend zuliebe um.


Anmerkung zum erwähnten Giacomo Leopardi: Obwohl ausge-machter Schwarzseher, hätte sich dieser vor allem unter Melancho-likern berühmte italienische Schriftsteller in der Tat an Marbots Bereitschaft zum Selbstmord gestoßen – merkwürdig genug. Selbst Marbots Urteil, der Bruder im Geiste sei feige, könnte in gewisser Weise zutreffen. Habe ich nämlich verschiedene Stellen in Leopardis Zibaldone genannten Aufzeichnungen richtig verstanden (deutsche Auswahl Das Gedankenbuch, 1985), schreckte ihn die nicht völlig ausschließbare Möglichkeit, durch einen Selbstmord könne man, „um des Zeitlichen willen“, „das Ewige aufs Spiel setzen“ – kurz, ihn schreckte, so nahe bei Rom, die Religion. / Leopardi wurde im Lande, schon zu Lebzeiten, vor allem als Lyriker geschätzt. Später erhoben ihn auch die deutschen Philosophen Schopenhauer und Nietzsche zu ihrem Bruder oder Vorläufer. Das Verständnis jener Aufzeichnungen fällt mir nicht leicht, weil der enorm belesene Grafensproß von der Adriaküste als Stilist das Gewundene und Verschachtelte liebte, was möglicherweise seiner Haarspaltewut entsprach. Die Lektüre ist mehr Quälerei als Genuß. Verdammen wir Leopardi aber deshalb nicht, das Schicksal hatte ihn übel genug gestraft. Der kleingewachsene, bucklige Geistesarbeiter kränkelte von Kind auf, wurde seitens der Eltern stets gegängelt und sogar in finanzieller Hinsicht kurz gehalten. Seine frühe Sehschwäche verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr. Mehrere angebetete Frauen gaben ihm einen Korb. So erlag er seiner rundum zerrütteten, zuletzt durch Asthmaanfälle und Wassersucht gekrönten Verfassung schon (1837 in Neapel) mit 38 Jahren. Rund 100 Jahre später wurde sein Grabmal im dortigen Parco Virgiliano zum italienischen Nationaldenkmal erklärt. Der Wiener Egon Friedell ehrte ihn (in seiner um 1930 veröffentlichten Kulturgeschichte der Neuzeit) mit dem Satz, Leopardi verwerfe die Welt in so ergreifend schönen Versen, daß er zu ihr bekehre.


* kuenstlerglueck (mp3, 1.268 KB)
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