Donnerstag, 5. Juli 2012
Tunnel zu vermieten
Geschrieben 2010


Kommunen sind Taubenschläge. Wer von Natur aus an Dünnhäutigkeit, vielleicht aber auch einem Übermaß an Stolz leidet, gewinnt da leicht den Eindruck, alles zerre nur an ihm, um sein bißchen Identitätsgefühl in alle Winde zu zerstreuen. Für Kleist wäre das nichts gewesen. Im Herbst 1801 faßt der verdrossene Schriftststeller den Entschluß, von Paris aus in die Schweiz zu gehen, um sich dort als Bergbauer niederzulassen. Die Nagelprobe bleibt ihm erspart, weil Braut Wilhelmine von Zengen per Brief aus Frankfurt/Oder ein Schicksal als Bäuerin dankend ablehnt. Sie dürfte dieses scheußliche Wort unterstrichen haben. Wahrscheinlich wäre Heinrich von Kleist noch nicht einmal imstande gewesen, Mist auf eine dreizinkige Gabel zu spießen oder wenigstens ein Alphorn zu halten. Querflöte und Klarinette soll er ausgezeichnet gespielt haben. Aber auch damit vertreibt man die Einsamkeit nicht – die einer wie Kleist genauso fürchtet wie zu wahren weiß.

Kafka verzehrt sich nach dem Dasein eines Kellerbewoh-ners, dem nur dreimal täglich ein Essensnapf in die Tür geschoben wird. Marlen Haushofer verkriecht sich in einer abgeschiedenen Jagdhütte. Kreuder lebt bei Darmstadt nur einen Steinwurf vom Odenwald entfernt in einer ehemaligen Wassermühle. Seine Helden bewohnen ausgediente Flußdampfer, Steinbrüche, Bahnwärterhäuser und sogar Tunnels. Da ich keine Angst vorm Vorwurf des Epigonentums habe, schließe ich gleich eine eigene Reihe ausgefallener Einsiedeleien an: Pferdekutschen, Bauwa-gen, Brückengewölbe, Trafotürmchen, Waagehäuschen und zuletzt das ehemalige Latrinenhäuschen des Bahnhofs der Republik Konräteslust, das ein schwuler Schriftsteller bewohnt. Dies alles schlägt meinem Eintreten fürs Gemeinschaftsleben ziemlich ins Gesicht.

Vor gut 30 Jahren – wohl 1977 – betätigte ich mich für einige Herbstmonate als Epigone Erich Kästners, der einst einen Lehrer in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon einquartiert hatte (Das fliegende Klassenzimmer). Ich begnügte mich mit einem verrosteten Omnibus. Er stand – weiß der Himmel, warum – über der westfälischen Stadt Herford hinter Hermanns Scheune. Der Hof des Graswurzlers Hermann hatte den Sommer über ein alternatives Camp beherbergt. Als eine Frau zu uns stieß, die gerade mit Gelbsucht aus Indien kam und deshalb in das nahebei gelegene Kreiskrankenhaus verfrachtet wurde, versicherte uns ein alter Schäfer, der Hermanns Weiden nutzte, die beste und einfachste Vorbeugemaßnahme wäre der Verzehr von Schafläusen. Sie müßten aber beim Schlucken noch lebendig sein. Da schluckte so mancher von uns jungen Leuten schon vorher – aber fast alle bestanden die Nagelprobe, auch ich. Keiner bekam die Gelbsucht; einigen wurde schlecht. Die Läuse, die uns der Schäfer aus den Pelzen seiner Schützlinge pflückte, waren prall wie Erbsen. Wir spülten sie mit Wasser hinunter.

Diese Roßkur paßte zu unserer Hauptaufgabe, einen ehemaligen Schweinestall (mit Hilfe von Vorschlaghäm-mern und Brecheisen) in einen großen Seminarraum zu verwandeln. Wir aßen viel Müsli, klampften uns die Finger wund und prüften spätabends paarweise verschiedene Winkel des Heubodens. Mir brachte das eine Stippvisite ins nahe Amsterdam ein, wobei mich die sommersprossige blonde B. begleitete: Abtreibung für sie, Sterilisierung für mich. Der Sommer ging zu Ende, das Camp zerfaserte, bei Hermann selbst wollte ich nicht Wurzeln schlagen, das war mir viel zu eng, viel zu festgelegt. Aber nach Westberlin zurück lockte mich auch nichts. So quartierte ich mich in dem erwähnten Omnibus ein, der durch ein gußeisernes Öfchen sogar beheizbar war. Abends lag die funkelnde Stadt unter mir. Das Blöken der Schafe und das Zirpen der Grillen wich der Herbststille. Ungestörter konnte man kaum sein, denn auch Hermann ließ mich in Ruhe. So hatte ich ausgiebig Gelegenheit, bei Weißherbst und Schwarzem Krauser meine Lebensaussichten um und um zu wälzen. Das trieb ich wochenlang, bis es im Bus zu kalt wurde. Wie man sich denken kann, kam ich auf tausend wunderbare Möglichkeiten, nur nicht zu einem Entschluß.

In seinen letzten 10 Lebensjahren (bevor er sich um-brachte) sei Kleists Heimat die Landstraße gewesen, schreibt Klaus Günzel. Wovor laufen die Unruhigen weg? Die bekannte Antwort lautet: vor sich selbst. Aber was heißt das genau? Denkbar wäre: vor ihrer Unzulänglich-keit. Oder vor ihrer Unschlüssigkeit. Sie möchten alles und machen nichts richtig. Die Zumutung der Wahl ist für sie gleichbedeutend mit Knechtschaft. Sie wollen frei sein. Blicken sie dann in der Geborgenheit ihrer Einsiedler-klause freimütig nach innen, zieht ihnen die Uferlosigkeit, die sie erblicken, das Zahnfleisch zusammen.

Im Falle meiner Gartenhütte war das nicht nur Metapher. Als der Orkan Kyrill im Januar 2007 durch Waltershausen zog, sah ich mich mitsamt meiner Hütte schon in die Luft fliegen, während ich mit eingezogenem Kopf auf meinem Bett hockte. Der Sturm heulte, die Hütte wackelte wie ein Himbeerstrauch. Von ihrem Erbauer wußte ich, daß der Grundrahmen nicht angedübelt war; die ganze Hütte lag lose auf den zwölf Fundamentsteinen, durch die der Wind fauchte. Zudem waren die umstehenden Obstbäume bei ihrem Alter sicherlich reif genug für eine Entwurzelung; jederzeit konnten sie meine Bleibe in einen Trümmer-haufen verwandeln, auf den sich gnädig der Schnee senkte. Der ungefähr fußballdicke Stamm meines Pflaumenbaums bestrich in Höhe meiner Fensterbank eine Schwankungs-breite von ungefähr einem Meter. Ich äugte abwechselnd nach draußen und auf die Reisetasche, die ich in Windes-eile gepackt hatte. Etwas Wäsche, Ausweise, Geldbörse, Zahnbürste – und meine wichtigsten Manuskripte lagen in ihr. Im Ernstfall hätte ich mich in die benachbarte Puppenfabrik geflüchtet – aus der ich ein halbes Jahr zuvor gekommen war.

Heute würde mein kleiner lederner Rucksack ausreichen, weil meine Sämtlichen Werke auf Karte gespeichert sind. So ein Speicherkärtchen ist nicht größer als eine Sonder-briefmarke. Man müßte selber so eins sein. Computer gibt es überall. Wo man auch hinkäme: Kärtchen reingesteckt – und man wäre voll da. Immer als derselbe. Nie in Gefahr zu erfrieren oder zu vereinsamen. Stets unter Strom und doch gefaßt.



Zum Einsiedlertum siehe auch
Inseln
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