Donnerstag, 5. Juli 2012
Knüppel-aus-dem-Sack
Enthalten in meinem Stockraus von 2009


„Darstellung fängt damit an, daß Sie sich überlegen, was der Leser erfahren soll, und hört damit auf, daß Sie das, was Sie vor Augen haben, in Worte fassen.“ So heißt es in seinem Sachbuch On Writing von 2000. Wie Sie mög-licherweise noch nicht erfahren haben, hat er ansonsten Dutzende von Romane veröffentlicht, die sich ausgespro-chen gut verkaufen. Er gehört zu den populärsten Schriftstellern der Welt. Startauflagen von 500.000 sind keine Seltenheit.

Entsprechend verficht Stephen King die Haltung, für den Markt zu schreiben, auch in On Writing. Jeder Dollar von den atemberaubenden Honoraren, die durch Erfolgs-bücher erzielt werden, sei verdient – mag auch die halbe Welt hungern oder frieren. „Botschaft und Moral, die kann man alle in einen Sack stecken und mit dem Knüppel draufhauen, verstanden? Ich will Resonanz erzeugen.“ Offenbar wird dies am Einträglichsten mit Geschichten erzielt, die sich von unserer Lust am Schrecken, an der Katastrophe, am Schlagen und Geschlagenwerden tragen lassen. Kings Präsident Bush macht solche Geschichten ja auch.

Sein Sachbuch besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil gibt er Streiflichter aus seinem Werdegang, die seltsam banal bleiben. Man ahnt, der 1947 in Portland/Maine geborene Lehrer ist kein Magier. Im zweiten Teil bemüht er sich, Faustregeln des guten oder gekonnten Schreibens aufzu-stellen. Wer den Aufwand gehorsamen Lesens nicht scheut, wird darunter ein paar nützliche Fingerzeige finden, etwa die Vermeidung von Adverben (Umstands-wörtern) und des Passivs (der Leideform) betreffend. Gottfried Benn empfahl zudem, sämtliche Adjektive zu streichen – doch dadurch wäre Kings Begehren durch-kreuzt worden, einige beachtliche Eigenschaften des Autors (von On Writing) zu unterstreichen. So erfahren wir vor allem, daß sich Stephen King für einen Prachtkerl hält. Der Prachtkerl – nun kein Lehrer mehr – hat Erfolg und Spaß. Kings Witze kann ich nur dämlich nennen. Auch mit seiner Redseligkeit liegt er voll im Trend. King holt aus, King wiederholt sich, King tritt jede Olive breit wie eine Schuhsohle. Dabei hat er durchaus ein Bewußtsein von der lauernden Gefahrenquelle. Auf Seite 246 der deutschen Ausgabe bekennt er seine chronisch krankhafte Neigung zur Ausführlichkeit. Demnach muß sein Lektor an Blindheit gelitten haben. „Wenn ich ans Tempo denke, berufe ich mich meistens auf Elmore Leonhard, der es kurz und bündig formuliert: Einfach das Langweilige weglassen.“

Ich führe dieses Zitat nicht im Wiederholungsaffekt an, sondern um auf zwei auffällige stilistische Engpässe hinzuweisen, die On Writing durchziehen. Zum einen ist King in das Wörtchen „wenn“ vernarrt. Denke ich ans Tempo, das fällt ihm im Traum nicht ein. Ist aber eine Konjunktion unumgänglich, bieten sich oft Alternativen an, beispielsweise während, sofern, indem. King braucht keine Alternativen; ihm hilft „wenn“ in allen Lebenslagen. Auch der zweite Engpaß betrifft eine Konjunktion, nämlich das von mir schon öfter beschimpfte Wörtchen daß. Der Absatz mag bereits viermal daß enthalten; King bringt es ein fünftes Mal. Alternativen wie etwa diese kennt er nicht: Darstellung fängt mit der Überlegung an, was der Leser erfahren soll, und hört damit auf, die Szenen, die wir vor Augen haben, in Worte zu fassen.

Wie ich schon einmal andernorts bemerkte (1. Hälfte, Kapitel „Das Daßdaß“), sind Zeitungsredaktionen durch-weg Tummelplätze von daß-Exzessen. Was Wunder, wenn selbst die revolutionäre Junge Welt Kings On Writing zu den vielen empfehlenswerten Werken des „Meisters“ zählt. „Die Anekdoten sind klasse, die Schauplätze dem treuen Leser natürlich bekannt, und das Erzähltempo ist flott wie immer“, schwärmt Rezensent Alexander Subtil (!) Anfang August 2002 von einer Fata Morgana, die an mir vorüber gegangen ist. Im handwerklichen Teil des Buches zeige King auf, „wie ein guter Roman funktioniert“. Was das zynische Großschriftstellertum seines Meisters und dessen Apologie der gewalttätigen Verhältnisse angeht, findet Subtil kein Wörtchen des Zweifels. Damit liegt er aller-dings „voll auf der Linie“ des sogenannten jW-„Feuille-tons“, in das sich offenbar etliche versprengte Maulhelden aus der ehemaligen DDR gerettet haben.
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