Mittwoch, 4. Juli 2012
Gipfelstürmer und Maulwürfe
Mit 916 Metern ist der Inselsberg die höchste Erhebung des westlichen Thüringer Waldes. Zusätzlich aufgewertet wurde er am 10. Juli 1784 – durch wen, ahnt sicherlich der Blödste.

Als Goethe dann nachmittags bei Sophie Salzmann in Schnepfenthal Birnenmost trank, schwärmte er, dieser Berg habe sich – vor dem Aufstieg – in der Tat wie eine stolze Vulkaninsel aus den wallenden Nebeln des Thürin-ger Waldes erhoben. Die Schulgründergattin erwiderte jedoch, der Name habe mit Inseln nichts zu tun. Seine Herkunft sei unklar. Allein zwischen 1300 und 1600 sei in Dokumenten wechselnd vom Emmiseberg, Emseberg, Enzenberc die Rede.

Goethe erhob sofort Einspruch. Nach H. M. Enzensberger könne der Gipfel unmöglich benannt sein, weil es keinen größeren Opportunisten als ihn selber gebe. Vielleicht heiße er nach den zwei Quellen der Emse, die der Insels-berg vorzuweisen habe. „Vielleicht“, lächelte Sophie, die ihrem Gatten in 27 Jahren 15 Kinder gebar. „Aber was war denn eher da, Herr Geheimrat, Huhn oder Ei?“ Diese Vorwitzigkeit kränkte Goethe genug, um den nächsten Urlaub im Erzgebirge zu verbringen.

Ein vergleichbarer Vorfall im Erzgebirge trieb ihn weiter in die Masuren. Eingeweihte wissen dort den See, auf dem Ernst Wiecherts abgemusterter Kapitän Thomas Orla den eigenbrötlerischen und weisen Fischer gab. Seine Hütte stand auf einer Insel. Während der schon alternde Orla dort seinen Frieden findet, zieht Der Mann, der Inseln liebte von einem Eiland zum anderen. Dieser Held von D. H. Lawrence fühlt sich nirgends sicher, obwohl seine Inseln immer unzugänglicher und öder werden. Er endet auf umtosten Klippen im Schneesturm. Die Gefahr ist gebannt. Vorher verkrampfte sich sein Herz bereits, wenn er am Horizont nur den Schornstein eines Dampfers erblickte, der vielleicht vor seiner Insel ankern und ihn stören würde. „Er wollte nicht, daß man ihm nahe kam. Er wollte keine Stimmen hören. Er war über den Klang seiner eigenen Stimme erschrocken, wenn er versehentlich mit seiner Katze sprach.“

Sie werden diesen Neurotiker vielleicht belächeln, aber Kafka verstand ihn. In einem Brief an seine vorüberge-hende Braut Felice malt er sich die Wonnen eines Keller-asseldaseins aus. „Der Weg um das Essen, im Schlafrock, durch alle Kellergewölbe hindurch wäre mein einziger Spaziergang. Dann kehrte ich zu meinem Tisch zurück, würde langsam und mit Bedacht essen und wieder gleich zu schreiben anfangen. Was ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreißen würde!“

In diesen Tiefen ging es vermutlich ähnlich kalt, hart, unheimlich zu wie in Kafkas Prosa – ein fragwürdiger Preis für die Möglichkeit konzentrierten Arbeitens. Literatur-freunde machen sich selten klar, wievielen Widrigkeiten die meisten Texte oder gar „Lebenswerke“ abzuringen sind. Der typische Literaturfreund geht von einem Normalfall des gelösten, zielstrebigen Schreibens aus, den es bestenfalls theoretisch oder statistisch gibt. Normal sind Schweißperlen, klappernde Zähne, Geldnot, Rasenmäher, bellende Köter, Heuschnupfen, Behördenschikanen, klingelnde Freunde oder Zeugen Jehovas, Alarmanlagen von Autos, deren HalterInnen gerade in der Kirche sind, die dann mit ihrem Geläut auftrumpft.

Seinen größten Störenfried könnte der Autor allerdings im Spiegel erblicken. Schwankend, wehleidig, vermessen, gekränkt, eingeschüchtert, nicht in Form, niederge-schlagen, an der Vergeblichkeit allen irdischen Strebens verzweifelnd, schützt ihn die entlegenste Insel nicht und bietet ihm die kleinste Hütte keinen Halt. Der Wurm sitzt in ihm selber.



siehe auch
>Einsiedlertum
Robert Merles Roman Die Insel
Insel Das Gleisdreieck (Erzählung)
Ferner Elba, Panglos, Schweinsblaseninsel
Insel Dursey, Irland
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