Mittwoch, 4. Juli 2012
Die Zivilisation räumt auf
Geschrieben um 2015. Umfang 17 Druckseiten.


Assa Riarua + Hans Paasche + Carl Mertens + Leo Steinweg + Walter Gröger + Kurt Albrecht + Martha Hadinsky + Aamir Ageeb + Sanja Milenkovic + Rachel Corrie + Iman Darweesh al Hams + Yang Jia + Yue Yue + Samia Yusuf Omar

Assa Riarua zählte zu den Beratern des Herero-Häuptlings Samuel Maharero, wahrscheinlich auch zu den Entfachern des großen Herero-Aufstandes von 1904. Der trug sich im sogenannten Staate „Deutsch-Südwestafrika“ zu, heute Namibia. Die Freiburger Zeitung vom 7. Februar 1904 klagte, im Verein mit Unterhäuptling Ouandja habe Riarua den „schwachen und trunksüchtigen“ Maharero zum „Treuebruch“ gegenüber den deutschen Kolonisatoren gezwungen.

Der Aufstand schlug fehl. Überhaupt hatten die jeweiligen Eingeborenen, die weder Grenzen noch Landraub kannten, gegen ihre weißhäutigen GlücksbringerInnen nie eine Chance, weil ihnen diese sowohl in der Waffentechnik wie in der Verschlagenheit haushoch überlegen waren. So schwätzten oder zwangen sie den Eingeborenen haarsträubende „Verträge“ auf, fanden im Nu Vorwände für „Strafexpeditionen“ und gaben nicht eher Ruhe, bis das betreffende Land einen weißhäutigen „Gouverneur“ besaß, der stolz nach London, Brüssel oder Berlin telegrafierte, das Land sei endlich „befriedet“ worden – von den Stiftern des Unfriedens.

Im Juni 1904 hatte Berlin den gar zu nachsichtigen Theodor Leutwein als Chef der deutschen „Schutztruppen“ durch Generalleutnant Lothar von Trotha ersetzt, der die Aufständischen mit seinen frischen Truppen gnadenlos in die Omaheke („Sandfeld“) trieb – ein wüstenähnliches Gebiet im Osten, das an „Britisch-Betschuanaland“ (heute Botswana) grenzte. Die Gejagten wurden eisern von den wenigen Wasserstellen fern gehalten; mehrere Tausend Hereros verdursteten. Laut Von Paczensky* rühmte sich der Generalstab des überseeischen „Schutzherrn“ in seinen 1906 veröffentlichten Berichten, diese Aktionen hätten „die rücksichtslose Energie der deutschen Führung bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes in glänzendem Lichte“ gezeigt. Zu Beginn des Aufstandes hatte es rund 100.000 Hereros gegeben. Am Ende, so Von Paczensky, seien es nach amtlicher Statistik noch knapp 22.000 gewesen. Sie wurden enteignet und hatten nichts mehr zu melden.

Während es Häuptling Maharero mit rund 1.500 abgezehrten Leuten gelang, Betschuanaland zu erreichen, ist anzunehmen, daß sich auch der ungefähr 25jährige Riarua unter jenen Opfern – nicht der Wüste, vielmehr deutscher Folterkunst und Mordlust befand. Er gilt seit der Vertreibung in die Omaheke als verschollen.

Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens in Afrika, das auf zumindest teilweise Vernichtung und auf Versklavung aus gewesen sei, wird 1914 sogar von Gustav Noske angeprangert, nämlich in seinem Buch über Kolonial-politik und Sozialdemokratie. „Manche deutschen Truppenteile“, bemerkt der damalige SPD-Reichstags-abgeordnete, „machten keine Gefangenen, sondern schossen nieder, was schwarz war.“** Wenige Jahre später ließ Noske als „Volksbeauftragter für Heer und Marine“ in Berlin und an der Ruhr auf alles schießen, was rot war.

* Weiße Herrschaft, Ausgabe Ffm 1982, S. 57 & ** S. 55

Geboren 1881, wandelt sich der Berliner Großbürgersohn Hans Paasche, teils in Afrika, vom Marineoffizier zum zähen und einfallsreichen Gegner des Kolonialismus und des Krieges. Unter anderem erzielt er viel Beachtung mit einem Buch, in dem er Briefe eines das Kaiserreich Germanien bereisenden jungen Afrikaners namens Lukanga Mukara fingiert. So wundert sich der schwarzhäutige Bursche beispielsweise über die vielen Eisenbalkenwege in Deutschland, auf denen in einem fort Wagen hin und her führen. Man baue die Wagen, um Kohlen zu holen, und hole Kohlen, um die Wagen zu bauen. Das nennten die Wasungu, die einheimischen Weißhäute also, „Fortschritt“ und „Kultur“. Paasche zählte zu den Wortführern der damaligen „Lebensreform-bewegung“, und 1918 auch kurzzeitig zu den Berliner revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten. Bei dem Trauerzug für Liebknecht und Luxemburg sitzt er auf dem ersten Wagen. Zwei Jahre darauf kommt er selber dran. Er hat sich enttäuscht auf sein kleines Gut in Posen zurückgezogen, wo er sich in kooperativer und ökologischer Landwirtschaft versucht, aber auch nach wie vor pazifistische Aufrufe oder Postkarten verfaßt. Im Frühsommer 1920 steht er vor der sicheren Wahl in den Gemeinderat. Da kommt ein Trupp Reichswehrsoldaten zu Besuch, weil Paasche auf seinem Grundstück angeblich Waffen gehortet hat – die üblichen Hirngespinste. Sie erschießen den nur leicht bekleideten 39jährigen „auf der Flucht“, als er gerade mit seinen kleinen Kindern vom nahen Teich zurückkehrt, wo sie gebadet haben. Zur Begleitung der von Oberleutnant Krappe geführten Soldaten gehörten mehrere Kriminalbeamte. Einen Haftbefehl hatten sie nicht. Die Schützen waren namentlich bekannt, wurden aber nie zur Rechenschaft gezogen. Tucholsky schrieb ein Gedicht über diesen Mord.

Carl Mertens. 1924 legte der pazifistisch gesinnte Mathematiker und Statistiker Emil Julius Gumbel sein Buch Vier Jahre politischer Mord vor. Gumbels Befund wurde, laut Wolfram Wette*, noch im selben Jahr von einer Denkschrift aus dem Reichsjustizministerium unter Gustav Radbruch (SPD) bestätigt. Danach waren in Deutschland verübt worden: „354 Morde von rechts; Gesamtsühne 90 Jahre und 2 Monate Einsperrung, 730 Mark Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft.“ Dem standen gegenüber: „22 Morde von links; Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre und 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen.“ Daher die Rede vom Rechtsstaat. Leider hat sich an diesem krassen Mißverhältnis grundsätzlich bis zur Stunde kein Deut geändert. Es merkt nur so gut wie keiner, weil auch die unablässige Verteufelung des „Linksextremismus“ blieb – während vom „Verfassungsschutz“ gehätschelte Kräfte wie der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) für die erforderlichen Leichen sorgen.

Die meisten politischen Morde jener Zeit gingen auf das Konto verschiedener illegaler, oft Freikorps genannter militärischer Verbände, war die Reichswehr doch „offiziell“ durch den Versailler Vertrag stark beschnitten worden. Man spricht allgemein von der Schwarzen Reichswehr und ihren Fememorden. Über diese blutigen Umtriebe und das entsprechende Truppenklima legte der 1902 in Kassel als Sohn eines Polizeikommissars geborene Carl Mertens 1925 in einer Serie der Weltbühne Aufsehen erregende Enthüllungen vor. Er ergänzte sie im Jahr darauf mit einem Buch über die illegale Wiederaufrüstung Deutschlands mit dem Titel Die deutsche Militärpolitik seit 1918. Mertens wußte, wovon er sprach. Trotz einer Buchhändlerlehre war er ins väterliche Fahrwasser geraten, nämlich Polizeischüler und dann Offizier der Schwarzen Reichswehr geworden, zuletzt Hauptmann. Aufgrund moralischer Skrupel „stieg er jedoch aus“ und ging zum kritischen Journalismus über. Es hagelte Drohungen seitens der Ex-Kameraden und Anklagen wegen „Landesverrats“ seitens des demokratischen Staates. Wette seufzt, weit davon entfernt, die von Mertens namentlich angeführten 40 Fememörder zu verfolgen, deckte die Weimarer Justiz deren Hintermänner und verfolgte nun unerbittlich den Boten, der die schlechte Nachricht überbracht hatte. Auch dieser Mechanismus arbeitet bis zur Stunde ungebrochen.

Einem Haftbefehl (der später wieder aufgehoben wurde) wich Bote Mertens Anfang 1927 ins Exil aus. Über Österreich und die Schweiz ging er nach Paris. Im Januar 1928 reiste er aufgrund einer Zusage eines sicheren Geleits als Zeuge nach Leipzig, wo Hitlers Fahrer und Leibwächter Julius Schreck vor Gericht stand, der übrigens aus der berüchtigten „schwarzen“ Brigade Erhardt hervor-gegangen war. Schon am Bahnhof wurde Mertens von „Nationalsozialisten“ angegriffen und verprügelt. Die kurze Spur seines restlichen Lebens verliert sich im Dunkel. Die Lexikon-Zeile, im Oktober 1932 sei der 30jährige Antimilitarist Mertens zwischen Fontainebleau und Paris bei einem Autounfall umgekommen, schreibt auch Wette ab** – ohne Verdacht zu schöpfen oder wenigstens den Mangel an näheren Angaben zu beklagen.

Solche angeblichen Unfälle – mal vorgetäuschte, mal tatsächliche, mal unaufgeklärte – ereignen sich in jener erhellungsbedürftigen ausgedehnten „Grauzone“ irdischen Wirkens, durch die gewöhnlich nur die literarischen Kriminalkommissare zu stiefeln pflegen. Im Zweifelsfall bin ich Skeptiker. Wir sind zu leichtgläubig. Über den begabten schwäbischen Maler Karl Philipp Fohr heißt es überall, er sei leider (1818) schon mit 22 Jahren in Rom beim Baden im Tiber umgekommen – doch nirgends lese ich etwas von den näheren Umständen dieses angeblichen Badeunfalls, geschweige denn von einer Untersuchung desselben. Ähnliches könnte ich sogar vom ungleich bekannteren Schriftsteller Percy Bysshe Shelley sagen, der vier Jahre später, 29jährig und mit zwei Freunden per eigener Yacht unterwegs, tödlich im Golf von Spezia „verunglückt“ sein soll, angeblich bei stürmischer See. Alle drei wurden tot aufgefunden, und alle Leute begnügen sich mit den Eiden, die die Leichen schworen.

* Helmut Kramer/Wolfram Wette (Hrsg): Recht ist, was den Waffen nützt, Berlin 2004, S. 135 & ** S. 139

Leo Steinweg. Bei Kriegsende hofft Emmy inständig, unter den heimkehrenden abgerissenen Gestalten, die sie am Utrechter oder Amsterdamer Bahnhof trifft, befände sich auch ihr Leo, den die Gestapo vor drei Jahren mitten in der Nacht aus dem gemeinsamen, behelfsmäßigen Bett geholt hat. Eine im selben Haus wohnende Deutsche hatte ihre Pflicht getan. Das junge Ehepaar aus Münster lebte damals überwiegend versteckt, weil es vom Faschismus durch die Besetzung der Niederlande eingeholt worden war. Versteckt, das hieß für mehrere Jahre Angst, Entbehrung und auch Schuldgefühl wegen der selbstlosen Hilfe einiger NiederländerInnen zu erleiden. Doch das Unglück bleibt Emmy treu. Mithäftlinge Leos sagen ihr, es habe ihn noch wenige Wochen vor der Befreiung im KZ Flossenburg erwischt. Er sei tot. Das wird 1948 amtlich bestätigt. Wahrscheinlich starb Leo mit 39. Man hatte ihn wohl in eine Kohlen- oder Erzgrube gesteckt, während er vorher, in Auschwitz, immerhin als Mechaniker arbeiten „durfte“ – sein gelernter Beruf. Man hatte ihn vorm Gas verschont um der Benzinmotoren willen. Genauer, war Leo Steinweg in Deutschland zuletzt ein siegreicher, vielbewunderter Motorrad-Rennfahrer gewesen. Aber leider war er auch ein Jude, so zog er 1938 die Flucht vor. Emmy, die „Arierin“, folgte ihm ein Jahr darauf, nachdem sie unter beträchtlichen Einbußen das gemeinsame Laden- und Werkstattgeschäft aufgelöst hatte. 1950 kehrt sie nach Münster zurück – allein. Obwohl ihr Leo aus seiner DKW stets das Letzte herauszuholen pflegte, preist Emmy ihn als mitfühlenden, rücksichtsvollen, zärtlichen Mann. Mit 96 Jahren, nun als erneute Witwe Emmy Herzog mit Namen, schreibt sie sich ihre nie erlahmte Trauer von der Seele und bringt ein Buch heraus.* Sie stirbt 2009 mit 106.

* Leben mit Leo, Münster 2000

Zahlreiche Opfer des deutschen Faschismus hatten das Pech, nicht auf Betreiben eines Marinestabsrichters zum Tode verurteilt und erschossen zu werden, der Jahrzehnte später, in der Demokratie, Ministerpräsident des Landes Baden Württemberg wurde. Deshalb blieben sie bis heute mehr oder weniger namenlos. Anders Walter Gröger. Der junge Matrose der Kriegsmarine war 1943 in Oslo zunächst wegen Fahnenflucht zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nachdem Generaladmiral Otto Schniewind dieses Urteil ein Jahr darauf aufgehoben hatte, weil er die Todesstrafe für angebracht hielt, war der damals rund 30jährige Marinestabsrichter Hans Filbinger, im Verfahren gegen Gröger nun Vertreter der Anklage, beflissen genug, dieselbe auch zu beantragen. Zur Begründung führte er auf Basis einer Führer-Richtlinie aus dem Jahr 1940, neben „charakterlichen Schwächen“ Grögers, dessen militärischen Vorstrafen ins Feld. Marineoberstabsrichter Adolf Harms machte sich diese Sicht zu eigen und verurteilte Gröger am 22. Januar 1945 zum Tode als „einzig angemessene Sühne“. Nach der Be-stätigung des Urteils durch das Berliner Oberkommando der Marine verfügte Filbinger am 15. März, also wenige Wochen vor Kriegsende, das Todesurteil und ließ den 22jährigen Matrosen noch am selben Tag in der Festung Akershus erschießen, wobei Filbinger persönlich anwesend war. In der „Niederschrift“ über die Vollstreckung heißt es abschließend: „Die Leiche wurde durch das Wachpersonal gesargt und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert.“ Unterschrift: Dr. Filbinger.

Dummerweise hatte der Doktor diesen Schwabenstreich längst vergessen, als er sich 1966 in Stuttgart zum Ministerpräsidenten wählen ließ. 12 Jahre später beging er den Fehler, gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth, der ihn in einem vom Wochenblatt Die Zeit vorabgedruckten Text als „furchtbaren Juristen“ bezeichnet hatte, auf Unterlassung zu klagen. Schon wenige Monate nach dieser Veröffentlichung, im August 1978, sah sich Filbinger genötigt, von seinem Amt zurückzutreten. Zu allem Unglück wurden im Verlauf der Filbinger-Affäre vier weitere Todesurteile ausgegraben, die der Christdemokrat zwischen 1943 und 1945 als Marinerichter beantragt oder gefällt hatte. In die Enge getrieben, räumte er ihre zuvor von ihm bestrittene Existenz ein, hielt jedoch an ihrer Rechtmäßigkeit fest. Wie sich versteht, wurde Filbinger, gestorben 2007, nie seinerseits juristisch belangt. Das gilt gleichermaßen für den 1900 geborenen Adolf Harms, zur Zeit der Affäre Landgerichtsdirektor im Ruhestand in Oldenburg, wie für Hunderte andere „furchtbare Juristen“. Es gab einfach zu viele einflußreiche Deutsche, die Filbingers Sicht der Rechtmäßigkeit teilten – allerdings nicht mehr ab ungefähr 1990, als zahlreichen ostdeutschen Juristen der Prozeß gemacht wurde, weil sie sich unverschämterweise darauf berufen hatten, sie hätten in ihren Urteilen lediglich geltendes DDR-Recht umgesetzt. Nun galt die weltweit beliebte Doppelmoral. Das DDR-Recht sei „unmenschlich“ gewesen. Leider fallen auch viele angebliche Linke auf die Argumentation mit der Rechtmäßigkeit oder der Unrechtmäßigkeit herein. In Wahrheit verläuft die entscheidende Frontlinie nicht zwischen unterschiedlichen System-Rechtsprechungen, vielmehr zwischen Menschlichkeit und Buchstabengläu-bigkeit. Das Herz des „Deserteurs“ Gröger hatte völlig recht gehabt.

Allerdings kann Gröger, der 1940 unmittelbar nach einer Schlosserlehre zur Marine ging, schwerlich zum „Widerstandskämpfer“ erhoben werden. Er setzte sich ab, nachdem er wiederholt vergeblich um Heimaturlaub eingekommen war. In einer Kneipe traf er die 34jährige Putzfrau im Osloer deutschen Krankenhaus Marie Severinsen-Lindgren, die ihn bei sich aufnahm. Rund 35 Jahre später beschreibt die im Städtchen Nosst am Oslofjord lebende 69jährige Gröger* als höflichen, wenn auch niedergeschlagenen jungen Mann. „Ich wohnte in einem kleinen Zimmer im Zentrum. Walter blieb fast immer zu Hause. Wenn ich vom Putzen zurückkam, brachte ich immer was zu Essen mit. Wir unterhielten uns meistens mit der Fingersprache. Ich verstand kaum Deutsch. Walter war schwermütig. Er hatte furchtbares Heimweh. Manchmal sprach er vom Krieg. Er haßte ihn. Er wollte nicht mehr kämpfen. Alles war verrückt. Er wollte nach Hause. Ich dachte wie er. Allerdings dachte ich nie, daß er abgehauen sei. Hätte ich das gewußt, hätte ich ihn dennoch aufgenommen. Nach ungefähr einer Woche war die Gestapo da.“

Severinsen-Lindgren bekam zwei Jahre Zuchthaus. Abzüglich der Untersuchungshaft in Oslo, saß sie diese Strafe im Gefängnis Dreibergen-Bützow bei Schwerin bis kurz vor Kriegsende ab. Das Schlimmste müssen für sie die Beschimpfungen seitens der Polizisten, Richter und WärterInnen gewesen sein. Sie sei eine nichtsnutzige Nutte, eine Drecksau, eine Spionin und so weiter. „Ich wache oft nachts auf und sehe den Ankläger vor mir: Du bist ein Tier, schlimmer als eine Ratte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.“ Dafür steht in ihrem Fall fest, sie blieb so arm und machtlos, wie sie schon damals war.

Ganz ähnlich wie Gröger erging es dem „fahnenflüchtigen“ Soldaten Kurt Albrecht aus der Pfalz. Er hatte nur nach Hause gewollt. Der Arbeitersohn und kaufmännische Lehrling, inzwischen 17 Jahre alt, wurde wenige Tage vor Kriegsende in Niedersachsen geschnappt und am 28. April 1945 – Bremen war bereits von den Briten besetzt – unter Vorsitz von Marineoberstabsrichter Dr. Kurt Göller in Osterholz-Scharmbeck zum Tode verurteilt und noch am Abend auf dem Schießplatz des dortigen Schützenvereins „standrechtlich“ erschossen. Albrechts buchstäblicher Fall hat zwei besondere Merkmale. Zum einen veranschaulicht er, was der Sinn von Schützenvereinen ist. Zum anderen zeigt er den Mut von Bernd Göller. Als Albrechts Fall um 2005 erfreulicherweise von Osterholzer Berufsschülern ans Tageslicht gebracht wurde, bekannte der damals schon knapp 70jährige Sohn des Marineoberstabsrichters öffentlich**, er schäme sich für seinen Vater und verneige sich vor allen anderen Opfern jener „furchtbaren Juristen“ des faschistischen Regimes. Der 1984 gestorbene Richter, der nach dem Krieg in Baden-Württemberg als „Fürsten-Anwalt“ erneut Karriere machte, hatte selbst seinen fünf Kindern gegenüber bis zum letzten Atemzug eisern geschwiegen.

* im Gespräch mit der Zeit, 12. Mai 1978
** laut Lutz Rode im Osterholzer Kreisblatt vom 28. April 2009


Eine kleine zierliche Frau, Martha Hadinsky, geboren 1911 in Essen, antifaschistisch gestimmte Bergmanns-tochter und Seifenverkäuferin. 1936 wird sie wegen ihrer Mitarbeit im Duisburg-Mülheimer Jugendwiderstand festgenommen. Ein Duisburger Sondergericht verurteilt sie zu acht Jahren Haft. Obwohl die noch immer junge Frau das Zuchthaus in Ziegenhain (Nordhessen) mit Tuberkulose verläßt, bleibt sie politisch aktiv. So arbeitet sie mit regimefeindlichen Sträflingen eines Düsseldorfer Bombenräumkommandos zusammen. Nach Kriegsende billigt ihr der Nachfolgestaat als Entschädigung eine Rente von 93 DM zu, wie Hans Daniel berichtet. „Franz Schlegelberger etwa, während des Faschismus 1941/42 amtierender Justizminister, erhielt in der BRD eine Monatspension von 1.450 DM.“

1959 wird Martha Hadinsky erneut angeklagt – dieses Mal vor dem demokratischen Landgericht Dortmund. Sie hat den jungen Staat gefährdet, indem sie gegen die Aufrüstung zu Felde zog und die Abwürgung der Entnazifizierung anprangerte. Sie unterstütze nachweislich die verbotene KPD und zeige keine Reue. Der Staatsanwalt kreidet der „überzeugten Kommunistin“ das antifa-schistische Vorleben an. Sie bekommt 14 Monate, die sie in Duisburg-Ruhrort abzusitzen hat. Doch wird ihr nicht nur keine vorzeitige Entlassung gewährt; wegen ihrer Aussageverweigerung als Zeugin in einem anderen Verfahren wird ihr zusätzlich eine sechsmonatige Erzwingungshaft aufgebrummt. Sie soll verraten. Nach 10 Wochen darf sie allerdings gehen. Die gerichtliche Begründung für ihre Entlassung, zitiert nach Hans Cranjé (August 2006), stellt ein Leckerbissen für Freunde des Zynismus dar.
Die Zeugin hat bereits wegen ihrer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus acht Jahre Zuchthaus erlitten. Sie hat aus politischer Überzeugung gehandelt und auch während des gesamten Strafverfahrens keinerlei Angaben über ihre Mittäter gemacht; sie ist Haft gewohnt, und die bereits verbüßte erhebliche Zeit der Beugehaft hat sie nicht zu einer Änderung ihres Stand-punktes zu zwingen vermocht.
Inzwischen hat die zuständige Landesrentenbehörde ihre Zahlung an die kranke und in ärmlichen Verhältnissen lebende „Rechtsfeindin“ eingestellt. Mehr noch, die Behörde verlangt auch die 3.265,50 DM zurück, die Hadinsky bereits bezogen hat. Man möchte es kaum glauben. Als die Pfändung droht, im April 1963, nimmt sich die 51jährige das Leben.

Zur selben Zeit zehrt eine gleichaltrige Dame mit dem Vornamen Lina auf der Insel Fehmarn, wo sie außerdem ein Hotel betreibt, von der ansehnlichen Witwenrente eines Polizeigenerals, war doch ihr 1942 verstorbener Ehemann, einer von ihr erkämpften Entscheidung des Schleswiger Landessozialgerichts zufolge, ein „Kriegsopfer“ gewesen. Der Leiter des „Reichssicherheits-hauptamtes“ und nebenbei Vize-„Reichsprotektor für Böhmen und Mähren“ Reinhard Heydrich war damals, als 38jähriger, den Folgen eines in Prag auf ihn verübten Anschlages erlegen. Mit Lina hatte er bei Prag in Schloß Jungfern-Breschan (Panenske Brzezany) residiert, wo laut stern-Bericht von 2002 „bis zu 120 jüdische KZ-Häftlinge für sie fronen“ mußten. Vordringlich ging Heydrich allerdings als Berliner Cheforganisator der „Endlösung der Judenfrage“ in die Geschichte ein. Nach zahlreichen Zeugnissen war die Gattin des kaltblütigen Massen-mörders, eine geborene Von Osten, schon um 1930, also mit 20, eine „glühende Nationalsozialistin“ gewesen. Lina übte maßgeblichen Einfluß auf ihren blonden, ausgesprochen ehrgeizigen Reinhard aus, der an seiner dünnen „Fistelstimme“ (und dem Schüler-Schmähnamen Ziege) litt. Dies alles wußten die Schleswiger Sozialfür-sorgerInnen zu belohnen. Lina hielt ihrem Reinhard auch bis zuletzt die Stange, wie aus ihren Memoiren hervorgeht. Sie starb 1985 mit 74 Jahren.

Ähnlich glücklich war übrigens Marion Freisler daran, die mir insofern besonders nahesteht, weil ihr Gatte Roland in der faschistenfreundlichen nordhessischen Metropole Kassel „groß geworden“ ist. 1912 machte Roland Freisler sein Abitur am dortigen Wilhelmsgymnasium, und nach dem Jurastudium war er in Kassel als Rechtsanwalt und NSDAP-Stadtverordneter tätig, wobei er nebenbei (1928) Marion zum Traualtar führte, wie es ja immer so schön heißt. Bald darauf führte er am Berliner „Volksgerichtshof“ soundsoviele lästige Menschen zum Richtblock, mindestens einige Tausend. Im Februar 1945 fiel er einem Luftangriff auf Berlin zum Opfer. Freisler hinterläßt seiner Gattin zwei in Berlin gelegene Häuser. Sie geht nach München, legt tunlichst den Namen des „Blutrichters“ ab, nimmt freilich gern eine Witwenpension entgegen. Darüber erhob sich Jahrzehnte später, 1985, sogar noch einmal Murren. Es wurde damals ruchbar, Marion Freislers Pension sei 1974 gleich um 400 DM erhöht worden, und zwar mit der Begründung, aufgrund seiner fachlichen Qualifikation wäre der verstorbene Gatte im Überlebensfall nach dem Krieg vermutlich als Rechtsanwalt oder Beamter des höheren Dienstes tätig geworden. Wikipedia: „Dies entsprach, trotz der moralischen Zweifelhaftigkeit, der Rechtslage. Die Entscheidung des Versorgungsamtes wurde damals von einem Mitglied des Bayerischen Landtags aufgegriffen, doch die Landesregierung wiegelte ab, es kam zu keinen Konsequenzen.“ So ging die typisch deutsche Buchstabengläubigkeit vor die Moral; bei der Abwicklung der DDR ging es dann wieder umgekehrt. Zwar hätte ein Antifaschist 1974 behaupten können, ein überlebender Freisler wäre vermutlich eher einen Kopf kürzer gemacht oder wenigstens dauerhaft eingesperrt worden, doch damit hätte unser Antifaschist ohne Zweifel nicht die bundesdeutsche Realität der Vergangenheitsbewältigung auf seiner Seite gehabt. Die Freisler-Witwe gab ihren unbekümmerten Geist 1997 mit 86 Jahren auf.

Wie Ralph Hartmann in Ossietzky 24/2012 erwähnt, hatten sogar die Töchter von Heinrich Himmler und Hermann Göring Glück: sie kamen in den Genuß einer „Hinterbliebenen-Entschädigungsrente“. Anders dagegen Sonja A., die Witwe des ehemaligen KZ-Häftlings und späteren DDR-Außenpolitikers Hermann Axen, gestorben 1992. Die Rente, so Hartmann, sei ihr mit der Begründung verweigert worden, als Mitglied des SED-Politbüros habe Hermann A. „gegen die Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit verstoßen“. Ja, die deutsche Spaltung wurde mit Hilfe der Doppelmoral überwunden.

1994 gelang es dem dunkelhäutigen Sudanesen Aamir Ageeb, geboren 1968, den Bürgerkriegswirren seiner Heimat zu entkommen und die BRD zu erreichen. Durch eine Heirat erwirkte er auch Aufenthaltserlaubnis, doch nach dem Zerbrechen dieser Ehe wurde er im Sommer 1998 zur Ausreise aufgefordert. Dagegen legte sein Rechtsanwalt Widerspruch ein. Obwohl sich Ageeb am 1. April 1998 in Wedel behördlich angemeldet hatte, hieß es nun in der Presse, er sei „untergetaucht“. Das vertrug sich schlecht mit der Tatsache, daß er am 9. April 1999 auf einem Karlsruher Polizeirevier den Diebstahl seiner Jacke anzeigte. Bei dieser Gelegenheit wurde er verhaftet und ins Gefängnis Mannheim gesteckt. Da er bei einem ersten Abschiebeversuch am 16. April angeblich einen Mitarbeiter der Ausländerbörde mit dem Messer bedroht hatte, wurde er am 28. Mai ähnlich einem verschnürten Paket, dem man zusätzlich einen Motorradhelm verpaßt hatte, auf dem Flughafen in Frankfurt am Main in eine Lufthansa-Maschine getragen und in einen Sitz gedrückt. Drei BGS-Beamte nahmen an seinen Seiten und vor ihm Platz. Als er sich hochzustemmen versuchte und zudem schrie, drückten alle drei Polizisten seinen Kopf und Oberkörper auf seine Knie. Doch was sie, nach ihrer späteren Darstellung, als hartnäckigen Widerstand des 30jährigen Abschiebehäftlings empfanden, war sein Todeskampf: nach ungefähr acht Minuten war Ageeb erstickt.

Die Sache roch nach Totschlag und Folter. Allerdings trat dieser Gesichtspunkt in den meisten Presseberichten zunächst in den Hintergrund, vielmehr wurde Ageeb als der übliche abgelehnte, untergetauchte und kriminelle Asylbewerber hingestellt, der unter anderem Sexualdelikte begangen habe. Im Flugzeug wurde er sogar als „Mörder“ gehandelt. Nichts davon entsprach der Wahrheit, wie amnesty international feststellte. Immerhin kam es 2004 zu einem Prozeß gegen die drei BGS-Beamten. Das Landgericht Frankfurt/Main verurteilte sie wegen „vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge“ – zu je neun Monaten Freiheitsstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt wurden. Pro Asyl meinte dazu in einer Presseerklärung, die Verurteilten hätten „am Ende einer Kette organisierter Verantwortungslosigkeit“ gestanden. Die hierfür in der BGS-Hierarchie und in der Politik Verantwortlichen seien jedoch im Verfahren weder als Zeugen gehört worden, noch müßten sie künftig damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Im übrigen könne durch das Strafmaß für die drei Befehlsempfänger der Eindruck entstehen, wer als Amtsträger einen Menschen zu Tode bringe, komme allemal glimpflich davon.

Der vorsitzende Richter Heinrich Gehrke hatte den milden Urteilsspruch (der noch unterhalb der Mindeststrafe von einem Jahr lag) freilich gerade mit der untergeordneten Stellung und mangelhaften Eignung der drei Angeklagten begründet. Eine Verurteilung zu einem Jahr oder mehr hätte automatisch die Entlassung aus dem Beamtendienst nach sich gezogen. Dadurch wäre ihre Zukunft zerstört worden, sagte Gehrke, „während ihre Vorgesetzten zum Teil weiter aufgestiegen sind.“ Er hatte vor allem den Chef des BGS-Amtes am Frankfurter Flughafen, Udo Hansen, im Auge, der inzwischen Präsident des Grenzschutz-präsidiums Ost geworden war. Man sieht hier den überragenden Stellenwert, den Überlebende genießen. Mit der Zukunft des Aamir Ageeb hatte man keine Sorgen mehr.

Sehr ähnlich und zeitlich fast parallel verlief das Schicksal des Nigerianers Marcus Omofuma, der in Österreich um Asyl ersucht hatte. Der 25jährige erstickte im Mai 1999 auf einem Abschiebeflug zwischen Wien und Sofia.

Sanja Milenkovic. Als Deutschland 1998 erstmals eine sogenannte rotgrüne Regierung bekam, erwarteten einige Leute aus den Legionen, die der SPD seit vielen Jahrzehnten nach jeder Schandtat neuen Kredit zu geben pflegten, Kanzler Gerhard Schröder werde zunächst „um Entschuldigung“ bitten – beispielsweise für die Ermöglichung des Ersten Weltkrieges durch die Sozialdemokratie, die blutige Unterbindung der deutschen Revolution nach dessen Ende oder doch wenigstens für die Erschießung Benno Ohnesorgs, der ja 1967 unter einem Regierenden Bürgermeister (Heinrich Albertz) und einem Polizeipräsidenten (Erich Duensing) aus den Reihen seiner Partei ins Gras hatte beißen müssen. Unter Hitler war Duensing übrigens Generalstabsoffizier gewesen. Aber Schröder dachte natürlich nicht im Traum an dergleichen Selbstkritik. Im Verein mit seinem Kriegsminister Rudolf Scharping und seinem „grünen“ Außenminister Joschka Fischer setzte er ganz im Gegenteil eine „Enttabuisierung des Militärischen“ in Gang, die er sich später ausdrücklich als „größte Leistung seiner Regierungszeit“ anrechnete. Man sieht, die „rotgrüne“ Regierung war wieder einmal das kleinere Übel gewesen. So mußte sie sich ab Frühjahr 1999, als sie im Verein mit anderen Nato-Staaten Jugoslawien überfiel, lediglich über einige „Kollateral-schäden“ grämen – auch dies eine Neuprägung der Orwellschen Art. Nach serbischen Angaben sorgten die in knapp drei Monaten vorgebrachten „Luftschläge“ der Nato für rund 1.000 tote Soldaten oder Polizisten und 2.500 tote Zivilisten. Etwa 10.000 Menschen wurden verletzt. Hinzu kommen die gewaltigen seelischen, wirtschaftlichen und ökologischen Schäden; neben Sendegebäuden, Schulen und Krankenhäusern wurden beispielsweise auch mehrere Chemiefabriken bombardiert. Alles geschah, um von Serben veranstaltete „Schlächtereien und Massenvertreibungen im Kosovo“ zu unterbinden – oder vielleicht doch eher, um das „Pulverfaß“ Kosovo abspalten und mit einer riesigen US-Militärbasis sowie zahlreichen Einrichtungen der albanischen Mafia füllen zu können?

Mit wenigen Ausnahmen, darunter erfreulicherweise die Schriftsteller Erwin Chargaff, Peter Handke und Peter Urban, fielen alle wiedervereinigten Deutschen auf die haarsträubende Menschenrechts- und Greuel-Propaganda herein, die den Angriff eines Landes rechtfertigen sollte, das uns, bereits zum dritten Male in einem Jahrhundert, nichts getan hatte. Daran hielten sie sogar fest, nachdem das Lügengespinst im öffentlich-rechtlichen ARD-Fernsehen zerrissen worden war, nämlich mindestens in einer von Patricia Schlesinger moderierten Panorama-Sendung am 18. Mai 2000 und in dem ausführlichen Dokumentarfilm von Jo Angerer und Mathias Werth mit dem Titel Es begann mit einer Lüge am 8. Februar 2001. Es sammelte sich im Lauf der Jahre zudem ein ganzer Stapel gut recherchierter Bücher zu diesem Thema an, darunter Kriegslügen von Jürgen Elsässer, 2004. Aber es nützte alles nichts. Inzwischen ist imperialistische Politik schon wieder hoffähig genug, um Ex-Kanzler Schröder ungerührt und straflos die eigentlich sensationelle öffentliche Feststellung durchgehen zu lassen, er könne Putins (angebliches) Eingreifen auf der Krim nicht verurteilen, weil er selbst im Glashaus sitze, nämlich einmal gegen das Völkerrecht verstoßen habe. „Da haben wir unsere Flugzeuge ..[..].. nach Serbien geschickt und die haben zusammen mit der Nato einen souveränen Staat gebombt – ohne dass es einen Sicherheitsratsbeschluss gegeben hätte.“ So Anfang März 2014 bei einer Zeit-Veranstaltung in Hamburg.*

Die 15jährige Sanja, Tochter von Vesna und Zoran Milenkovic und begabte Schülerin des Mathematischen Gymnasiums in Belgrad, war am 30. Mai 1999, auch „Pfingstsonntag“ genannt, gerade in ihrem mittelser-bischen Heimatstädtchen Varvarin unterwegs. Sie hatte mit zwei Freundinnen den auf der anderen Seite des Flusses Morava gelegenen Pfingstmarkt vor der Kirche besucht. Als die drei um Mittag gutgelaunt den Rückweg über die Morava-Brücke antraten, fuhr statt des Heiligen Geistes die Nato in Gestalt eines Tornado-Kampfflug-zeuges vom Himmel herab. Es zerschoß die Brücke beim ersten Angriff ungefähr in der Mitte, worauf sie in zwei Hälften schief im Wasser lag. Der Druck erwischte auch die drei Freundinnen und ein Auto, das sich vom anderen Ufer her auf die Brücke begeben hatte. Zu allem Übermaß kehrt das Kampfflugzeug wenig später zurück, um auch noch einigen inzwischen herbeigeeilten HelferInnen einen Denkzettel zu verpassen. Es hinterläßt im ganzen 10 Tote und 17 Schwerverletzte. Sanja war das jüngste Todesopfer. Ihr Tod brachte ihre Mutter Vesna an den Rande des Wahnsinns.

Sanjas Vater Zoran, nebenbei Bürgermeister der rund 2.000 EinwohnerInnen zählenden Kleinstadt, zu Simone Böcker**: „Die ganze Region hier hatte überhaupt keine militärische Bedeutung. Von unserem Ort ging keinerlei Gefahr aus ..[..].. Sie hätten die Brücke bombardieren können, als keine Menschen da waren. Außerdem war die Brücke doch schon durch die erste Bombe zerstört. Der zweite Angriff wäre gar nicht nötig gewesen. Dass sie ein zweites Mal angegriffen haben, bedeutet für uns, dass sie absichtlich Zivilisten töten wollten.“ Wenn die Überlebenden vor Gericht gingen, dann nicht wegen des Geldes. „Der Tod meiner Tochter kann nicht mit Geld aufgewogen werden. Aber wir wollen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Und Europa soll sehen, dass auch die Serben Unrecht erlitten haben. Es sind nicht nur die Serben, die Kriegsverbrechen begangen haben.“ Das sind vergleichsweise milde Vorwürfe und Forderungen, die dem Krieg und dem Aggressor grundsätzlich nicht die Legitimation absprechen.

In der Tat hatten einige Überlebende dieses „Massakers“, das nicht im Entferntesten die Aufmerksamkeit eines durchschnittlichen Amoklaufes in einer deutschen oder nordamerikanischen Schule erringen konnte, mit Unterstützung hiesiger Beschämter gegen die am Kriegführen beteiligte Bundesrepublik Deutschland den sittsamen Rechtsweg beschritten, nämlich Klage einge-reicht. Sie wurde 2006 vom Karlsruher Bundesgerichtshof abgewiesen. Wie eigentlich zu erwarten war, konnte sich die durch Professor Dr. Achim Krämer vertretene „Beklagte“ mit allerlei Winkelzügen vor Schadenersatz-ansprüchen und Schuldeingeständnissen drücken, zumal das betreffende Kampfflugzeug (angeblich) keine Maschine der deutschen Luftwaffe gewesen war. Die Beklagte scheute sich auch nicht, den Zivilisten aus Varvarin vorzuhalten, sie seien „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen. Was hat schließlich ein Schulkind in seinem Heimatort zu suchen, wenn es weiter oben um hohe Politik geht?

Immerhin hatte es ein Jahr zuvor, im Juni 2005, in Oelsnitz/Erzgebirge eine erfreuliche Gegenveranstaltung mit rund 60 TeilnehmerInnen gegeben. Auf Vorschlag von Friedensfreunden hatte der Rosenzüchter Dr. Schmadlack aus Pirna eine von ihm neu gezüchtete, „zart-rosa“ gefärbte Rose zur Verfügung gestellt, die er ursprünglich seiner Tochter hatte widmen wollen. Sie wurde nun feierlich auf den Namen Sanja Milenkovic getauft.

* Artikel „Er handelt wie ich“ von Günter Bannas, FAZ.NET, 10. März 2014
** Beitrag „Die Brücke von Varvarin“ im Deutschlandfunk, 24. März 2009


Vorsorglich war die 23jährige US-Studentin Rachel Corrie leuchtend gekleidet, während sie in Rafah auf verschiedenen Trümmerbergen umherkletterte. Es war am 16. März 2003. Zudem hatte Corrie ein Megaphon umhängen. Sie versuchte auf diese Weise, einen israelischen Planierraupenfahrer daran zu hindern, das Haus des palästinensischen Apothekers Samir Nasralla zu zerstören. Im ganzen standen an diesem Tag des Widerstands acht ausländische Aktivisten gegen zwei Planierraupen, die übrigens Funkkontakt mit einem Armeepanzer hatten. Laut mehreren Augenzeugen war die junge dunkelblonde Frau aus dem Bundesstaat Washington unübersehbar. Schließlich ging sie, ihrem rund 10 Meter entfernten Mitstreiter Tom Dale zufolge, auf einem Wall in die Hocke, während sich die Raupenschaufel unaufhaltsam näherte. Durch den Schub der Raupe rutschte sie den Wall hinab und der Raupe gleichsam in die Fänge. Sie wurde überrollt und blieb blutüberströmt liegen. Im Krankenhaus eingetroffen, war sie bereits tot. Mehrere von Corries Eltern angestrengte Klagen gegen den Staat Israel wurden abgeschmettert, zuletzt 2012. Es war ein bedauerlicher Unfall. Wie Craig Corrie, der Vater des Opfers, im März 2013 (in The Hill) anmerkt*, stammte das Unfallwerkzeug zufällig von der US-Firma Caterpillar, und bezahlt wurde es, wie er meint, von seinen Steuergeldern, nämlich mit Israel gewährter US-Militärhilfe.

In derselben Grenzstadt Rafah des Gazastreifens wurde das 13jährige Schulmädchen Iman Darweesh al Hams im Oktober 2004 das Opfer eines besonders kaltblütigen Mordes, falls man noch Unterschiede machen möchte. Als sich Al Hams, die durch eine feuerrote Schuluniform und eine gleichfarbige Schultasche ebenfalls nicht zu übersehen war, auf etwa 70 Meter einem Kontrollpunkt genähert hatte, wurde sie von israelischen Soldaten angerufen, aber auch sofort beschossen. Angeblich wähnte man eine Sprengstoffattentäterin in ihr. Al Hams ließ die Tasche fallen und schleppte sich in Deckung. Die Soldaten durchsiebten zunächst die Tasche, die also offensichtlich keinen Sprengstoff enthielt, und rückten dabei vor. Beim verletzten Mädchen eingetroffen, durchsiebte der Kommandant des Postens, ein Hauptmann R., auch den Kopf und Körper des Mädchens mit Schüssen. Ein von Beobachtern alarmierter Krankenwagen wurde eine Stunde blockiert. Im Krankenhaus fischten die Ärzte 17 Projektile aus der Leiche des Mädchens.

Die Armee ergänzte ihre Rechtfertigung später mit dem Argument, das Mädchen hätte möglicherweise den Auftrag gehabt, Soldaten ins Schußfeld von Heckenschützen zu locken. Wegen der anhaltenden Empörung in der Öffentlichkeit ließ sie sich sogar zu einem Militärgerichts-verfahren gegen den Hauptmann herbei. Dem Jerusalemer Korrespondenten des Independent Donald Macintyre zufolge** war er anfänglich von mehreren beteiligten Soldaten öffentlich angeprangert worden. Er habe den Körper des Mädchens geschändet und die Armee besudelt. Der Jerusalemer Korrespondent des Guardian Chris McGreal fügt hinzu***, R. habe seine Leute ermahnt, sie hätten auf alles zu feuern, was in die „Sicherheitszone“ eindringe, und sei es ein lediglich drei Jahre altes Mädchen. Nun wurde er freigesprochen, zum Major befördert und für erlittene Untersuchungshaft mit 82.000 Schekel entschädigt, ungefähr 15.000 Euro.

* Laut Adam Horowitz, 16. März 2013
** 12. Oktober 2004
*** 16. November 2005


Das Wesentliche, was die VR China von den Errungen-schaften des Kommunismus, besser: Staatssozialismus, in den Kapitalismus hinübergerettet hat, ist die Todesstrafe. In einem sage und schreibe einstündigem Prozeß vor dem Shanghaier Mittleren Volksgericht Nr. 2 – der wegen der sogenannten Olympischen Sommerspiele etwas vertagt worden war, es hätte nicht gut ausgesehen – ereilte sie am 27. August 2008 den 28jährigen angeblichen mehrfachen Mörder Yang Jia, ein arbeitsloser Pekinger Bürger. Drei Monate darauf, nach vergeblicher Berufung, wurde er mittels Giftspritze hingerichtet.

Yang, der als Einzelgänger, vielleicht auch Stadtstreicher beschrieben wird, war schon einmal bei einem Shanghai-Besuch zu unrecht eingesperrt und dabei auch mißhandelt worden. Dann, bei seinem jüngsten Besuch im Oktober 2007, verdächtigte ihn die Shanghaier Polizei, er habe beabsichtigt, das von ihm gemietete Fahrrad zu stehlen, was sie ihm freilich nicht beweisen konnte. Möglicherweise wurde er auf der Polizeiwache erneut mißhandelt. Nun soll Yang, nach offizieller Darstellung, vor Wut gekocht und auf Vergeltung gesonnen haben. Es dauerte bis zum Vormittag des 1. Juli 2008, also acht Monate, bis er zu allem entschlossen wieder aufgetaucht sei. Jetzt habe er unter Zurhilfenahme von Molotow-Cocktails das Polizeihaupt-quartier im Shanghaier Vorort Zhabei gestürmt und in dem 20stöckigen Gebäude innerhalb von fünf Minuten neun unbewaffnete Polizisten niedergestochen, von denen sechs starben. Also ein typischer Amoklauf. Zu allem Unglück geschah es auch noch am Jahrestag der Gründung der KPC. Also eine Vaterlandsschändung.

Allerdings konnten verschiedene in- und ausländische Journalisten oder BloggerInnen auf etliche Ungereimt-heiten hinweisen, die die ganze Geschichte in zweifelhaftes Licht tauchen. Einige Belege dafür führt die deutsch-sprachige Wikipedia an. Danach reichte die Tatzeit niemals aus, um diese über die Etagen verstreuten neun Polizisten zu verletzen. Dafür war Yang unverletzt, obwohl verschiedene Polizisten mit ihm gekämpft haben wollten. Weiter zeigt die Videoaufnahme der im Erdgeschoß verübten Attacken einen maskierten Täter – und zudem eine Zeit, die nach der offiziellen Tatzeit liegt. Und schließlich stellte sich von Yangs „Verteidiger“ heraus, daß er schon vorher auch als Berater der Verwaltung des betroffenen Stadtbezirks Zhabei tätig war. Wie Zhang Hong nach dem Urteil im Guardian schrieb*, wäre Yangs Pekinger Mutter, seit langem geschieden, wahrscheinlich die einzige gewesen, die ihm zu einem anderen Rechtsanwalt und diesem zu entlastenden Informationen hätte verhelfen können, doch die Mutter sei leider plötzlich verschwunden. Nicht wenige glaubten, auch dahinter hätten die durch und durch korrupten Behörden gesteckt.

Die Empörung im Internet war vergleichsweise groß. Wie es aussah, hatten viele Chinesen schon ähnliche Erfahrungen mit Polizei und Justiz gemacht. Jedenfalls trauten sie den Behörden eine rücksichtslose Vertuschung eigener Vergehen und Verbrechen zu. Die Wut des Yang konnten viele selbst unter der Voraussetzung nachvollziehen, er habe an jenem Tag tatsächlich sechs Polizisten umgebracht. Es gab auch kleinere Demonstrationen (mit Verhaftungen) und Gedenkver-anstaltungen. Ob aber heute noch ein Hahn nach dem Hingerichteten kräht? Leider ist er ja nicht der einzige. Amnesty International schätzt allein für 2011 mehrere Tausend Hingerichtete für die VR China. Die Regierung verweigert genaue Angaben. In jedem Fall liegt China damit in der weltweiten Statistik mit krassem Abstand auf dem ersten Rang. Die USA folgen erst auf Rang 5.

Ich will nicht verschweigen, daß die meisten Chinesen, Presseberichten zufolge, das Todesurteil gegen Yang durchaus billigten, wenn nicht gar begrüßten. Auch insofern kann man sich demnach als westlicher Beobachter ganz wie zu Hause fühlen. Recht bezeichnend für den herzlosen Zustand der zivilisierten Länder, in denen man heutzutage leben muß, ist auch ein noch jüngerer chinesischer Vorfall. In einer Gasse der Millionenstadt Foshan (Provinz Guangdong, Südchina) wurde am Nachmittag des 13. Oktober 2011 die zweijährige Yue Yue von einem Auto überfahren. Das Kind blieb blutend auf der belebten Gasse liegen. Eine Minute später kam noch ein Kleinlaster, der es ebenfalls überfuhr. Beide Fahrer hielten nicht an. Zufällig wurde das Geschehen beziehungsweise Nichtgeschehen von der Überwachungs-kamera einer Eisenwarenhandlung aufgezeichnet. Danach waren es in rund sieben Minuten außerdem mindestens 18 Passanten, die dem Verkehrsopfer keine Hilfe leisteten. Es mußte erst eine 57jährige Müllsammlerin kommen, die sich um Yue Yue kümmerte. Doch das Mädchen starb am 21. Oktober 2011 im Krankenhaus.

Immerhin rief der Vorfall heftige Diskussionen in der chinesischen Öffentlichkeit hervor. Selbstverständlich ist er weder typisch chinesisch noch brandneu. Trotzdem drängt sich die Frage auf, was das eigentlich für ein Gesellschaftssystem gewesen sein soll, das die Leute angeblich 50 Jahre lang „kommunistisch“ prägte, aber so gut wie keine entsprechenden Spuren hinterließ – keine Spuren jenes „Mitgefühls“, das etwa die Schriftstellerin Xiao Hong in den vorkommunistischen Zeiten vermißt hatte; keine Spuren dessen, was man in der DDR als „Solidarität“ hochgehalten hatte, sogar nicht nur auf Spruchbändern ...

* 5. September 2008

Samia Yusuf Omar. Die thüringische Gartenhütte ohne Wasseranschluß, in der ich einige Jahre lang wohnte, wäre für sie ein Sultanpalast gewesen. Aber sie schaffte es noch nicht einmal in einen der düsteren und stickigen Blechcontainer des Flüchtlingslagers bei Hal Far auf der Mittelmeerinsel Malta. Schon ihr Start im Jahr 1991 war ungünstig gewesen. Damals erblickte sie das Licht der Welt in einem für die meisten Einheimischen hohlgefressenen Zankapfel namens Somalia. Sie teilte sich, in Mogadischu, zwei Zimmer mit sechs Geschwistern und ihrer Mutter. Der Vater hatte bei einem Gefecht ein Bein verloren, 2006 wurde er als Insasse eines Taxis erschossen, angeblich durch „Islamisten“. Die Mutter kam nun als Gemüse-verkäuferin allein für den Unterhalt der Familie auf. Samia setzte sich in den Kopf, ihr Heil als Leichtathletin zu versuchen, und es gelang ihr in der Tat, mit 17 Jahren die Flagge Somalias bei der Eröffnung der „Olympischen Spiele“ von 2008 über die Pekinger rote Aschenbahn zu tragen. In den Vorläufen über 200 Meter schied sie immerhin mit persönlicher Bestzeit aus. Zu Hause erwarteten sie vermehrt Schikanen, weil sie kein Kopftuch getragen hatte. Armut und Kriegswirren tun das Ihre hinzu. Im Juli 2011 entschließt sich Samia mit anderen zur Flucht.

Jetzt ist ihr Fernziel die nächste „Olympiade“, die in London 2012. Aber vorher muß sie gewaltigen Trainings-rückstand aufholen, es eilt. Sie wirft ihre gesamten Ersparnisse, 1.000 Dollar, einer Schlepperbande in den Rachen und weiß zum Glück noch nicht, welchen Leidensweg sie antritt. Das Nahziel heißt Malta. Sie hat sich unterernährt durch Wüsten zu schleppen, gerät in die Schießereien um den Zankapfel Libyen und für vier Wochen in ein verlaustes Gefängnis, hat nachzuzahlen, wird von den wechselnden Schleppern ein ums andere Mal betrogen und wie Dreck behandelt – zuletzt erweist sich das für über 60 Leute versprochene Schiff nach Malta als sechs Meter kurzes Schlauchboot mit Außenbordmotor. Die Leute werden hineingepfercht. Es versteht sich, daß bei jeder Etappe Alte, Kranke, Kinder und Zufallsopfer auf der Strecke bleiben. Insofern hat Samia Glück. Inzwischen ist Anfang April 2012, viel trainieren kann sie bis London nicht mehr. Sie hat auch die Entbehrungen und die Rohheit im Flüchtlingsboot schon fast überstanden, als das Benzin knapp wird, weil sich ein Kanister ins Mittelmeer entleerte. Doch da taucht in Sichtweite einer Insel, die vielleicht Malta ist, ein Frachter auf, von dem trotz des starken Seegangs schließlich ein Tau hinabgeworfen wird. Kampf um das Seil, während das Boot in Richtung der Schiffschraube abdriftet. Samia hängt am Seil, aber an ihrem Knöchel hängen wiederum andere. Sie fällt mit sechs anderen Flüchtlingen unweit der Schraube ins Meer, das sich rasch blutig färbt. Samia konnte ohnehin nur rennen, schwimmen nicht. Sie war gerade 21 geworden. Alle anderen werden Oliver Zihlmann zufolge* von dem Frachtschiff gerettet – und nach Libyen zurückgebracht, wo sie irgendeine Küstenwache in irgendein Gefängnis sperrt.

Eine benachbarte Flüchtlingsinsel ist Lampedusa, das zu Italien gehört. Im November 2012 beklagte die erst kurz zuvor gewählte neue Bürgermeisterin der Stadt Lampedusa, Giusi Nicolini, die „unerträglichen“, leidvollen Zustände auf dieser kleinen Mittelmeerinsel, was allerdings nicht in unseren „Mainstreammedien“ zu vernehmen war.** „Wie groß muß der Friedhof auf meiner Insel noch werden? / Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.“

* Züricher SonntagsZeitung vom 23. Dezember 2012
** Hier laut Telepolis, 3. Oktober 2013

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