Mittwoch, 4. Juli 2012
Ein neuerlicher Fall Unbefleckter Empfängnis
So die Überschrift eines taz-Artikels vom 8. September 1980, den ich getrost zusammenfassen kann, weil er mir ohnehin viel zu lang geraten war. Eine liebenswerte Bergmannstochter hatte sich zu spät von mir scheiden lassen. Allerdings nur knapp; es ging lediglich um 48 Stunden. Wegen eines unerwarteten vorzeitigen Fruchtblasensprungs fiel die unschuldige winzige Sara, die C. mit ihrem neuen Lebensgefährten M. gemacht hatte, mit jenen 48 Stunden in einen Zeitraum von 302 Tagen, den das BGB hinter sämtliche rechtskräftige Scheidungs-urteile geschaltet hat, um gescheiterte Ehemänner für möglichen verspäteten Nachwuchs haftbar machen zu können. Sara war, im November 1979, schon nach 300 Tagen ausgeschlüpft. Somit hatte ich Taugenichts, der sich nur mühsam am Hals seiner Gitarre über Wasser halten konnte, unversehens eine Tochter namens Sara mit allen üblichen Rechten und Pflichten.

Verständlicherweise lehnte ich alles ab. Und da C. und M. auf meiner Seite standen, sah ich der Ausfechtung dieses Falles zunächst recht gelassen entgegen. Sie hatten eidesstattlich erklärt, Sara gemeinsam am Ufer der Ruhr gezeugt zu haben; C.s Ehemaliger H., seit Jahren wohnhaft in Westberlin, sei nicht zugegen gewesen. Außerdem meinte ich noch ein unschlagbares As in Form zweier Bescheinigungen im Ärmel zu haben, die mir im Herbst 1977 – zwei Jahre vor Saras Geburt – von einem nieder-ländischen und einem Kreuzberger Arzt ausgestellt worden waren. Danach war ich in Amsterdam fachkundig „sterilisiert“ und nachgewiesenermaßen zeugungsunfähig gemacht worden. Der Nachweis, den ich mir in einer Toilette jenes Kreuzberger Arztes abzuringen hatte, brachte mir übrigens als Nebenprodukt ein flottes Liedchen ein. In meiner Einfalt hatte ich mir weiter keine Gedanken darüber gemacht, auf welchem Wege sich wohl die Harmlosigkeit der nach wie vor in mir lauernden Samenflüssigkeit überprüfen lasse. Deshalb überrum-pelten mich die weiblichen Sprechstundenhilfen nicht schlecht. Bei den Kneipenhinterzimmerauftritten von Trotz & Träume sorgte mein Titel Verdammtes Spermio-gramm in der Regel für Heiterkeit.

Nur das Rudel aus Bochumer Gerichtskasseneintreibern und Richtern (beiderlei Geschlechts) zeigte sich von all dem über rund zwei Jahre hinweg nicht die Bohne beein-druckt. Sie setzten alles daran, mich trotz meiner Sterilität in Weißglut zu bringen. So hatte ich, C. zuliebe, zunächst das Sorgerecht an die Mutter abgetreten – prompt sollte ich auch noch Gebühren für diese Übertragung zahlen! An der grotesken Rechtslage rüttelte dieser Akt ohnehin nicht, wie mir bald dämmern sollte. Diesbezüglich beriefen sich meine WidersacherInnen selbstverständlich auf ihre Vorschriften, in diesem Fall die Paragraphen 1591–93 BGB. In einem Gerichtsbeschluß vom Sommer 1980 unterstrichen sie dabei die staatstragende Rolle der Buchstaben-, Fristen-, Zahlengläubigkeit: „Darauf, ob der Beteiligte zu 2.) [das war ich] tatsächlich der Erzeuger des Kindes sein kann, kommt es nicht an. Die kraft Gesetzes bestehende Vermutung seiner Vaterschaft kann nur durch ein im Rahmen eines Ehelichkeitsanfechtungsverfahrens ergehendes Feststellungsurteil beseitigt werden. Das gilt selbst dann, wenn sich alle Beteiligten über die Nichtehe-lichkeit des Kindes einig sind.“

Somit blieb mir nur der liebe Klageweg. Im Sommer 1982 sprach mich das Bochumer Amtsgericht von allen Ver-pflichtungen frei, weil ich wohl doch nicht für das Riesen-baby, das offenbar zwei Jahre lang in C.s Bauch eingeker-kert gewesen war, verantwortlich gemacht werden konnte. Da Sara die Beklagte war und damals noch meinen Namen trug, kann ich mich heute immerhin damit brüsten, ich hätte schon einmal meine eigene Tochter vor Gericht gezerrt. Nach dem Urteilsspruch wurde sie standesamt-lich umbenannt.

Jene zitierte Perle der Gerichtsprosa strahlt ja wohl unmißverständlich aus: falls es noch welchen hat, darf das Volk den gesunden Menschenverstand getrost in der Pfeife rauchen. Nur auf das Gesetz kommt es an. Folterknechte oder Soldaten dürfen auch sagen: auf den Befehl. Carl Zuckmayer erwähnt in seinen Erinnerungen, wie er sich bei Kriegsende 1918 als Leutnant mit der roten Armbinde des Arbeiter- und Soldatenrates in Begleitung seiner Mutter über Tage hinweg von ihrer Heimatstadt Mainz nach Bremen durchzuschlagen hat, wo Bruder Eduard schwer verwundet und bewegungsunfähig in einem Lazarett liegt. Dank ihrer Zähigkeit treiben sie sogar einen Arzt auf, der die dringend erforderliche Operation durchführt. Eduard wird gerettet. Als Pointe erfahren wir jedoch, der Zug, der Eduard von Frankreich nach Deutsch-land brachte, habe bei seiner schneckenhaften und für Eduard qualvollen Fahrt Richtung Bremen auch in Mainz Aufenthalt gehabt. Vom Bahnhof zu Eduards Elternhaus wären es mit der Trage keine fünf Minuten gewesen. Doch so sehr er die Sanitäter auch anflehte – sie weigerten sich ihn auszuladen, weil dafür „keine Order“ vorlag.

Ein Kriegsende später wiederum kamen Tausende von Faschisten aller Ränge ungeschoren davon, weil sie sich ganz im Sinne dieser Buchstabengläubigkeit auf ihre „Befehle“ berufen konnten. Wer diese beschämenden Vorgänge nicht kennen, glauben oder auch vergessen haben sollte, kann sie beispielsweise in Büchern des Bochumer Hochschullehrers Norbert Frei nachlesen, der sie „moralisch unerträglich, geradezu infam“ nennt. Diese Lektüreempfehlung gilt auch für das dortige Amtsgericht.
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