Mittwoch, 4. Juli 2012
Die Wand
Enthalten in meinem 2009 veröffentlichten Buch Der Große Stockraus


Laut Brockhaus hatte die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer um 1960 eine „Endzeitvision“, worauf sie einen bedeutenden Roman schrieb. In Wahrheit läßt sich Die Wand erfrischend vielseitig lesen; an ihr haben sich schon Stadtflüchtlinge, Katzenfreunde und Frauen-rechtlerInnen aufgerichtet.

Die Försterstochter aus der Steiermark siedelte ihre namenlose Ich-Erzählerin im Gebirge an. Um ernstlich an Selbstmord zu denken, ist diese „Heldin“ nicht mehr jung genug. Außerdem hätte sie den Hund und die Kuh im Stich lassen müssen. Und dann habe sie auch „eine gewisse Neugier“ daran gehindert sich umzubringen. „Die Wand war ein Rätsel, und ich hätte es nie fertiggebracht, mich angesichts eines ungelösten Rätsels davonzumachen.“ Also nimmt sie den nahezu aussichtslosen Kampf ums Über-leben auf. Er hat nichts Spektakuläres, und sie schildert ihn auch entsprechend. Auf sich selbst, wenige Lebens-mittel und Werkzeuge verwiesen, hat diese 40jährige Frau um ihre Fassung zu ringen. Das ist unheimlich spannend. Denn beiderseits der Wand, von der das Gebirge heimgesucht worden ist, lauert das Grauen.

Früher oder später dämmert dem Leser allerdings, sie habe zurecht von einer „gewissen“ Neugierde gesprochen. Die Neugierde scheint nämlich nicht in ihr zu nagen. Nur selten und nie bohrend kommt sie auf die rätselhafte Wand zurück, von der das Verhängnis doch ausging. Man begreift, daß sie es schon beim ersten Zusammenstoß unterließ, sich soweit wie möglich ein Bild von der Beschaffenheit und dem Ausmaß dieser Wand zu machen. Folgendes ist geschehen. Als sie den Gebirgskessel verlassen will, wo sie in der Jagdhütte ihres Schwagers übernachtet hat, stößt sich ihr Hund am Ausgang der Schlucht die Schnauze an einer unsichtbaren Sperre blutig. Sie ertastet eine feste, glatte Fläche, die einer Wand ähnelt. Da sie trotzdem hindurchsehen kann, wird ihr klar, im Tal regt sich nichts mehr. Sie hat ihr Fernglas dabei. Der Mann am Brunnen, die Hände zum Schöpfen bereit vorgebeugt, wirkt wie versteinert. Offenbar hat eine gewaltige Katastrophe zumindest die Menschen getötet. Die ganze Menschheit, vermutet sie sofort. Später sieht sie sich vom stummen Autoradio darin bestätigt. Nur sie ist übrig geblieben: mit einem Hund in einem Gebirgskessel gefangen. Doch woher weiß sie das? Zwar beginnt sie die unsichtbare Wand mit Zweigen abzustecken. Die Wand verriegelt die Schlucht und steigt vom Bachufer bergan. Die Frau folgt ihr. Doch nach kurzer Strecke wird ihre Untersuchung von einer brüllenden Kuh durchkreuzt, der das Euter zu platzen droht. Sie verschafft dem Tier Erleichterung. Wie hätte nun die Leserin gehandelt? Ob panisch oder besonnen, hätte sie doch wohl die Erkundung fortgesetzt. Schließlich war der Verlauf der Wand gar nicht abzuschätzen. Vielleicht brach sie noch im Gebirge ab. Oder sie zog sich quer durch das ganze Land, statt ausgerechnet diesen einen Gebirgskessel zu umschließen. In beiden Fällen wäre die Frau bald auf Mitmenschen gestoßen.

Aber genau das wollte die Romanautorin Haushofer verhindern. Daher die Kuh, die ich für das entscheidende Requisit ihres Romanes halte. Die Frau führt sie unverzüg-lich zur Jagdhütte und richtet ihr einen Stall her. Da die Kuh gemolken, gefüttert, betreut werden muß, sind ausgedehnte Erkundungsgänge nicht mehr möglich. Erst durch die Kuh ist die Frau – nach jenem grotesken Zusammenprall – auch real gefesselt. Sie kommt nicht mehr umhin, den erdrückenden Verhältnissen die Stirn zu bieten. Bis dahin, unter den Menschen, kam sie sich im Gefühl ihrer Gefangenschaft immer verrückt vor. Wie kann sich jemand verloren glauben, wenn er Frau oder Mann, zwei Töchter, zahlreiche Rechte und Pflichten hat? Doch gerade damit waren auch zahlreiche Ängste verbunden. Wie ihnen ausweichen? „Real“, indem wir Wände übertünchen, Tapeten wechseln, auswandern. Hier jedoch bleibt der Frau nichts anderes übrig, als sich ihrer Angst zu stellen. Die Wand – wie Haushofer sie verordnet hat – zwingt sie dazu. Nun muß sie einen Kartoffelacker anlegen, Unmengen von Brennholz sägen, Rehe töten, einem Kalb auf die Welt verhelfen, das Tagebuch führen.

Wir könnten auch sagen, sie hat ihren Mann zu stehen. Es gibt wohl zu denken, wenn selbst ihr Gatte – „vertrautes, gutes Menschengesicht“ – in ihrem Bericht kaum vor-kommt. Einmal erscheint ihr sein Gesicht im Fieberwahn. „Ich streckte die Hand aus, und es löste sich auf. Man durfte es nicht anfassen.“ Wenn nicht tot, dann ist Gott zumindest unerreichbar. Wir sind allein. Auch die Frau wird das Rätsel der Wand nicht lösen. Sie kann sich nur an die Natur halten, die ihr unverständlich bleibt. So ernährt sie sich von Brennesselsalat, Kuhmilch, Rehfleisch, ohne darin eine Faser Sinn zu erblicken. Sie hätte nichts mehr dagegen, gleichfalls zu verwildern. Es wäre kein Akt, mit dem sie Schuld auf sich lüde, sondern ein sanftes Hinübergleiten. Es wäre vorbei mit der Zucht – mit der lebenslänglichen Zumutung, nicht die Zügel schießen zu lassen.

Allerdings darf sie auch nicht zu eng eingekesselt sein – der Realismus erfordert es. Sie bekommt die Alm, wo sie mit der Kuh den Sommer verbringen kann. Sie hat den gewissen Bewegungsspielraum, durch den Gefangenschaft erst zermürbend wird. Solange es noch einige unerforschte Winkel gibt, bleibt die Ungewißheit. Trotzdem ist sie sich ihres Gefängnisses sicher. Bei einer Tageswanderung, zu der sie sich nach etlichen Wochen doch entschließt, wird sie erst in einiger Entfernung von der Jagdhütte vorsichtig. Jederzeit hätte sie im Wald auf die unsichtbare Wand prallen können, aber sie streckt ihren Wanderstock erst in einem der benachbarten Täler voran. Prompt ertastet sie dort auch die Wand. Damit bestätigt sich, sie ist im Ausmaß mehrerer Jagdreviere eingekesselt. So könnte sich in einer anderen Hütte ein Vorrat an Streichhölzern befinden. Oder es haust eine Ärztin dort, die sie von ihren folternden Zahnschmerzen befreit. Ein Arzt lieber nicht. Der Romanschluß stellt den Männern kein Ruhmesblatt aus.

Ohne Hoffnung fehlte der Verzweiflung das Gewicht. Selbst jenseits der Wand schimmert noch Hoffnung. Und sei es insofern, als die Frau durch den Bach erkennt, die Wand ist kaum im Boden verankert. Der Bach staut sich zunächst, unterspült dann aber die Wand und fließt draußen weiter. Die Frau kann es ihm nachmachen, falls sie den Kampf gegen ihr Naturell – das im wesentlichen aus Angst gestrickt scheint – zu verlieren droht. Vielleicht würde sie dann wie der Mann am Brunnen versteinern – aufblühen wie Kapuzinerkresse würde sie wohl kaum. Aus ihrem Bericht geht ziemlich deutlich hervor, sie lebt nur widerwillig. Die Gründe dafür müssen uns verborgen bleiben. Sie selber kann oder will sie nicht bloßlegen. Sie hat sich auf eine Weise mit der Wand abgefunden, durch die sie verkümmern wird.

Die Wand erschien 1963. Sechs Jahre später – knapp vor ihrem Tod (1970) – kommen Haushofers nur wenig ver-schlüsselte Kindheitserinnerungen Himmel der nirgendwo endet heraus. Das Buch stellt einen kaum überbietbaren Gipfel an psychologischer Beobachtung und kindlicher Komik dar. Allerdings ist der Gipfel derart zart gemalt, daß wir uns schon denken können, Meta werde nicht eben leicht durchs Leben kommen – ihrem Wunsch zum Trotz. „Das kleine Mädchen sitzt auf dem Grund des alten Regenfasses und schaut in den Himmel. Der Himmel ist blau und sehr tief. Manchmal treibt etwas Weißes über dieses Stückchen Blau, und das ist eine Wolke. Meta liebt das Wort Wolke. Wolke ist etwas Rundes, Fröhliches und Leichtes ...“

Man hat verschiedentlich Quellen genannt, aus der Haushofer jenen „genialen“ Grundeinfall der Wand bezogen haben könnte. Ich füge hier noch A. S. Neills Jugendbuch Die grüne Wolke von 1938 hinzu, in der just diese Wolke dafür sorgt, daß alle ErdenbewohnerInnen außer der Belegschaft von Summerhill und ein paar Chicago-Gangstern zu Stein werden. Aber wenn dieses Buch in breiten linken Kreisen als „Kultbuch“ gilt, spricht es Bände über die bekannte Geschmacksverirrung dieser Kreise. Es ist schlecht geschrieben; es hat vor allem kein Klima; die verhängnisvolle grüne Wolke hat dem Autor, einem Lehrer, die beiden Gene zerstört, die für Bezaube-rung zuständig gewesen wären. Genau das, wenn auch noch anderes, hat ihm Haushofer voraus – und nur darauf kommt es an.

Hier eine Ergänzung aus 2012:


Rabenmutter

Mit jedem Jahr des Älterwerdens kommt mir – seit ungefähr 2000 – die Bedeutung unserer Kindheit noch größer vor. Aber nicht etwa, weil ich ihr nachtrauerte. So gut wie keine Kindheit ist ein Deckchensticken, ganz im Gegenteil. Die Beschädigungen und Entbehrungen, die wir unserer Kinderstube verdanken, machen den meisten Menschen bis zum letzten Atemzug zu schaffen.

Allerdings merken das nur die wenigsten. Werfen sie ihren Geliebten oder ihren Schwiegertöchtern vor, sie zu ver-nachlässigen, grinsen ihre eigenen Rabenmütter nur in ihrem Rücken. Die Kränkungen lasten sie ihren Beleidi-gern an – statt ihren Rabenvätern, die sich nie ernstlich für sie interessierten und entsprechend mit Aufmerksamkeit und Anerkennung geizten. Dem Zahnarzt Manfred Haushofer aus Steyr bescheinigte Stiefsohn Christian später im Gespräch mit Marlen Haushofers Biografin Daniela Strigl sogar, im Unterschied zu seinem Verhalten dem jüngeren Bruder gegenüber habe ihn der Vater nie geküßt oder auch nur umarmt. Das Betrübliche in diesem Fall: Auch die Mutter bevorzugte den jüngeren Sohn (der wie der Vater Manfred hieß) „in geradezu auffälliger Weise“. Diese Rabenmutter hat eines der 10 besten je auf deutsch geschriebenen Bücher über die Kinderseele verfaßt: Himmel der nirgendwo endet (1969).

In den 80er Jahren warfen sich Feministinnen auf Marlen Haushofer, um sie auf einen mit Trauerflor bekränzten Sockel zu hieven. Dagegen hebt Karin Fleischanderl in einer Rezension aus dem Erscheinungsjahr 2000 an Strigls Biografie lobend hervor, sie mache sich nicht die gängige Opfertheorie zueigen, zeige vielmehr, daß Haushofer durchaus berechnend und kaltblütig vorging, wenn sie sich diverser Männer als Versorger oder Türöffner bediente, ihren unehelichen Sohn abschob und dergleichen mehr. Die Provinz/die Welt habe Haushofer die Kälte und Beziehungslosigkeit offenbart, die in ihr selber wohnten. Dieses Naturell psychologisierend mit verschiedenen Reggressionen/Wünschen erklären zu wollen, wie Strigl, führe allerdings nur zu Gemeinplätzen. Fleischanderl unterstreicht dagegen die Projektionen der oft so nett und harmlos wirkenden Försterstochter: die Täterin stilisiert sich zum Opfer, um ihrer Aggressionen Herr werden zu können. Diese Aggressionen werden in der Tat auch von zahlreichen Szenen aus Haushofers Büchern bezeugt. Fleischanderl am Schluß ihrer Besprechung: „Marlen Haushofers Krebstod scheint ein letztes Mal die Opfer-theorie zu besiegeln. Auch Daniela Strigl kann es sich nicht verkneifen, ausführlich die 'landläufige Meinung' zu zitieren, Krebs sei gewissermaßen die Strafe für nicht gelebtes Leben oder nicht ausgelebte Gefühle. Als ob es einen Idealpunkt gäbe, von dem aus ein Leben als gelungen oder nicht gelungen zu betrachten sei.“

Ein wahrlich weiser Satz. Fairerweise sollte jedoch betont werden, daß Strigl in ihrer gut geschriebenen Darstellung die „aus einer Kindheit voller Angst“ gespeiste „beträcht-liche Aggressivität“ Haushofers wiederholt erwähnt. Haushofers Alter ego in Himmel der nirgendwo endet heißt Meta. Strigl geht zum Beispiel* auf Metas Phanta-sien und Träume ein. „Die sympathische, hübsche Frau, die dem Vater schöne Augen macht, wird im Traum erwürgt, eine vermeintlich böse Besucherin, die sich gegenüber der Mutter listig verstellt, wird in einem regelrechten Autodafé hingerichtet, nur die gelben Knochen – wohl ein Tribut an das Märchen vom Machandelbaum – überstehen die Flammen und auch die Bestattung und beginnen unter der Erde böse zu kichern. Der Traum hallt im Erwachen nach. 'Etwas kichert noch immer, und es weiß etwas von Meta, was kein Mensch wissen dürfte.'“

* auf S. 60 der Neuauflage von 2007
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