Dienstag, 3. Juli 2012
Paine im Krieg
Geschrieben 2010


Der altersschwache Postbus mit einem Schlag überwie-gend aufgekratzter SchülerInnen an Bord kämpft sich durch die verschneiten vermonter Berge. Sylvia bleibt schweigsam. In der bekannten Kurve sieht man wieder den jungen, hübschen Mann aus dem höher gelegenen Holzfällercamp winken. Sylvia wird auf der Ahornsirup-Party mit Thomas Steingräber tanzen. In einer anderen Kurve ist der Ahornzuckersammler Oliver Paine immerhin mit einem Briefkasten vertreten. Er haust allein in einer versteckten Waldhütte, aus der er den jungen Holzfäller aus Österreich unter Sylvias Augen wahrscheinlich gewaltsam verwiesen hätte, wäre Paine nur nicht gerade durch einen Beinbruch behindert gewesen. Von den drei in der Exposition gestreiften Hauptpersonen bleibt Oliver Paine auch sonst am verborgensten. Sylvia erkundigt sich bezeichnenderweise nie nach seinem Vorleben – und freiwillig gibt uns Autor Carl Zuckmayer nichts davon preis. Sylvias Neugier auf andere Menschen hält sich in Grenzen. Selbst Paines Alter bleibt in der Schwebe – zwischen 50 und 60 vielleicht.

Zuckmayers ausgezeichneter sogenannter Vermonter Roman, 1943 vollendet, aber merkwürdigerweise erst aus dem Nachlaß veröffentlicht, spielt kurz vorm Zweiten Weltkrieg in Vermont, USA. Vordergründig betrachtet hält er sich an das beliebte Muster eine Frau zwischen zwei Männern, das auch von Paul Auster nicht verschmäht wird, wie ich hier gezeigt habe. Auch um Politik und Philosophie geht es, aber Zuckmayers Sprache bleibt unbeirrt an den Dingen, womit sie die bei Auster vermißte Bannkraft hat. Zudem setzt er gemächliche Anbahnungen und dramatische Zuspitzungen geschickt im Wechsel ein. Am Schluß läßt er seine Geschichte – die in Gelächter endet – gnadenlos offen.

An der 17jährigen Sylvia beeindruckt die mit Kälte gepaarte Anmut. Sie bescheinigt sich sogar selber Hart-herzigkeit. Sie ist zu sehr in sich selbst gefangen, um sich verströmen zu können. Wünscht sie Verehrer, dann eher, um sie auf die Folter spannen zu können. Sie ist liebevoll und machtbewußt – der Widerspruch in Person also. Aber im Grunde gilt das für alle drei Protagonisten. Thomas ist auf der bekannten Flucht vor sich selbst. Eine Kinderstube, in der die Winde dauernd wechselten, hat ihn zum unsicheren Zyniker gemacht. In Paine wittert er nicht nur den Konkurrenten um Sylvias Gunst, sondern auch den Geistesverwandten. Deshalb schlägt seine Sympathie für einen verschrobenen Einsiedler in Haß um. Thomas haßt ja auch sich selber. Auf die Meinungsverschiedenheit beider in strategischen Fragen des Krieges zwischen den Klassen oder „zwischen Gut und Böse“, wie Paine findet, darf man nicht viel geben. Thomas wirft dem Einsiedler vor, sich den Kämpfen seiner Zeit zu entziehen und so das Böse gewähren zu lassen. Aber was tut er selber anderes, obwohl er noch beträchtlich jünger als Paine ist? Er weicht seinem Vater aus, entzieht sich einer Verhaftung als angeblicher Polizistenmörder und verkriecht sich in einem Holzfällercamp, dessen Banalität ihn zu ersticken droht. Ich vermute die Geistesverwandtschaft der beiden in der Ahnung oder dem Wissen, daß uns jede nennenswerte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Machtkämpfe verwickelt, womit wir wiederum zu deren Unaufhörlichkeit beitragen.

Paine versteigt sich zu der Äußerung, man habe die Bösen – die man an den Augen erkenne – zu töten, ja mit den eigenen Händen zu erwürgen. Natürlich laufen die Bösen nicht im Gänsemarsch an Paines abgelegener Hütte vorbei, wie Thomas auch prompt mit Hohn bemerkt. Sie robben zum Beispiel durch Vietnam oder Afghanistan, falls sie nicht das Glück haben, als Kriegsminister Ehrenmale für „gefallene“ Soldaten einweihen zu dürfen. In Berlin haben Kriegsgegner am neuen Ehrenmal Flugblätter mit dem hübschen Titel Feste feiern, wie sie fallen verteilt. Auf die nächsten toten deutschen Soldaten mögen alle friedens-liebenden Leute am Ehrenmal Schampus trinken. Immer-hin haben die Flugblätter schon die Justiz angefeuert. Sie wirft den Autoren unter anderem vor, „den im Ausland stationierten Soldaten der Bundeswehr ein Lebensrecht abzusprechen“. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Der Genuß läßt sich noch steigern durch die Empörung unserer Kanzlerin über „verabscheuungs-würdige und hinterhältige Angriffe auf unsere Soldaten“ in Afghanistan. Das ist schon fast der Nazi-Jargon der Partisanenbekämpfung. Aus diesem Blickwinkel gebühren Lebensrecht und Achtung zum Beispiel Leuten wie Oberst Georg Klein, der neulich mindestens hundert afghanische Zivlisten unter dienstlichen Vortäuschungen und ohne jeden zwingenden Anlaß aus sicherer Entfernung heraus (nämlich am Monitor seiner Leitstelle) in Flammen aufgehen ließ – wer spräche da von einem Hinterhalt? Der Staatsanwalt nicht, hat er doch die Ermittlungen gegen Klein soeben eingestellt (April 2010). Neben der Justiz haben jene FlugblattverteilerInnen Ärger mit etlichen Linken bekommen. Die einen finden solches Vorgehen „geschmacklos“, die anderen gar „menschenverachtend“. Alles wiederholt sich. Das Gleiche wurde vor gut 30 Jahren dem Göttinger Mescalero vorgehalten, als er seine „klammheimliche Freude“ über den Tod des faschistischen Schwerverbrechers und bundesdeutschen Ausbeuters Hanns Martin Schleyer nicht verhehlte. Es gebrach ihm an Toleranz.

Paine hat sich dem Teufelskreis der Gewalt – auch des gewaltsamen Widerstands – wohlweislich entzogen. Als Preis hat er zunächst seine Einsamkeit zu zahlen. Doch wie füllt er sie aus? Mit Krieg. Thomas gab ihm bei seiner politischen Moralpredigt zu bedenken, nach Ansicht vieler BeobachterInnen stehe die Welt (1938) kurz vor einem Krieg, während er, Paine, den Einsiedler spiele. Ja, auch das wiederholt sich unablässig, das Anzetteln von Kriegen. Ob es vielleicht mit einer schlechten Veranlagung des Menschen zusammenhängt? Paine erwiderte nach einer Weile, es sei immer Krieg. Thomas versteht nicht ganz. Paine erklärt, es gebe nur den einen Krieg. Dabei macht er mit dem Daumen eine kurze, harte Geste gegen die eigene Brust.

So empfängt der Einsiedler seine Kriegswunden im Ver-borgenen. Aber welchen Vorteil könnte diese Art Kriegs-führung haben? Der erste liegt auf der Hand: man bewahrt seine Mitmenschen vor Verletzungen. Man zieht sie nicht mit ins Verderben. Der zweite könnte darin liegen, daß nur die einsame Kriegsführung die Chance bietet, sie zuneh-mend ins Spielerische zu wenden. Schließlich kennt man sich mit der Zeit. Da muß kein Blut mehr fließen. Auch der Sturz in den Wahnsinn wäre überzogen. Die Kopf- oder Magenschmerzen werden auf die Dauer langweilig. Man kann sie gut entbehren. Man tut nur noch als ob – wenn es klappt. Es wird ein beruhigendes, streckenweise sehr unterhaltsames Theater. Man lacht sich selber aus.



Siehe auch
Zuckmayer als Dramatiker
Z.s Erfolg: Kapitel Ein Königreich, nach der Mitte des Beitrags
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