Dienstag, 3. Juli 2012
Am Himmel wie auf Erden
Beliebt ist das Spiel: In welcher Zeit hättest du am liebsten gelebt? Vermutlich erwiderte ich als Knabe mal „bei den Prärieindianern“, mal „im Mittelalter“. In der nahen christlichen Kolonie Frankenroda (Kreis Gotha) wird noch heute in jedem Sommer für Hunderte von Kindern ein Blütenfest gegeben, das um allerlei mittelalterliche Ritterspiele – und selbstverständlich Jesus Christus – kreist. Heute würde ich dem Knaben gegenüber mit der Frage nachhaken: Möchtest du dann im Mittelalter die Rolle eines hingerichteten Kürschnergesellen oder eines aussätzigen Bettlers oder lieber den Thron des Kurfürsten Joachim übernehmen?

Werner Bergengruen antwortet: Das ist einerlei – „der gleiche Schöpfungsraum nährt sie alle.“ So in seinem Roman Am Himmel wie auf Erden, der 1940 erschien und merkwürdigerweise alsbald verboten wurde. Ich stöberte ihn ungefähr 50 Jahre später im üppigen Lesering-Bestand meines Großvaters Heinrich auf. Der 800 Seiten starke Roman spielt im schwülen Sommer des Jahres 1524 in Brandenburg – wobei die Handlungszeit keine drei Wochen umfaßt, die auf den 15. Juli angelegt sind. Für diesen St.Heinrichs-Tag konnte Dr. Carion, Joachims engster Berater, nach gewissenhafter Prüfung und Berechnung jene Sündflut nicht mehr ausschließen, die Stöffler bereits für den Februar des Jahres vorausgesagt hatte. Damit drohte der Mark Brandenburg ein klar terminiertes Wasserunglück.

Zwar wissen wir inzwischen, die Welt ging weder im Februar noch im Juli 1524 unter. Trotzdem fiebern wir dem Ausgang des Geschehens entgegen als läsen wir einen Kriminalroman. Wird der Erzbischof – Carion bewundert ihn deshalb – bei seiner Absicht bleiben, sich nicht vorm St.Heinrichs-Tag zu verdrücken? Natürlich war er in Carions Befürchtung eingeweiht worden – im Gegensatz zum Volk, zu dem sie gleichwohl durchsickert. In diesem Gebinde aus Geheimhaltung, Verrat, Gewissensqualen liegt bereits viel vom Zündstoff des Romans. Im übrigen wissen zwar die LeserInnen, daß der Weltuntergang ausblieb, die Romanfiguren jedoch nicht. Daher möchten wir unbedingt erfahren, wie sich Erzbischof, Kutscher Juro, die zählwütige Blankenfelde, Dutschka unter der Drohung verhalten. Daß diese auch Erlösung verheißen mag, ist zumindest dem Erzbischof klar. Schließlich haben fast alle Beteiligten ihre Verstricktheit und Verworrenheit, auf der nun zusätzlich die Schwüle lastet. Wirft sich Katharina, Joachims Geliebte, ihrem Hornung an die Brust, bevor es für die Reue vielleicht zu spät ist? Hornung könnte der Vater des Havelländer Roßhändlers Michael Kohlhaas gewesen sein. Wird der Kurfürst den Vertrau-ensbruch des Kammerjunkers Ellnhofen mit dem Schwert ahnden oder wird er Milde walten lassen? So schürzt Bergengruen Konflikte in sein sorgsam gewebtes Tuch.

Er bestach mich zunächst durch seinen aufmerksamen Blick und die Sinnlichkeit seiner Schilderung. Bei ihm kommt auch der blühende Holunder zu seinem Recht. Dessen Duft vermengt sich mit dem Herdfeuerrauch und der Jauche zu Schwaden, die in den staubigen Gassen hängen. Am Berliner Molkenmarkt haben wir Kopfstein-pflaster unter den Füßen. Während die Bürger tuscheln, der Pöbel lärmt, gackern auch die Hühner. Die Katzen schnüren. Vom Spandauer Schloßturm hebt krächzend eine Krähe ab. Bettler wühlen am Spreeufer in Unrat-haufen. Im Schilfgürtel des Werders ruft die Rohrdommel. Der Kurfürst nestelt nervös an seiner Gürtelschnalle, der Aussätzige wirft seine Lazarus-Klapper weg. Es brodelt. Nachdem das Zeughaus gestürmt worden ist, rinnt das geschmolzene Fett allenthalben über die Kleider, weil die Waffen, die das Volk aus den Truhen riß, eingefettet waren. Diese Kleinigkeiten werden von Bergengruen weder als Zutaten eingestreut noch zu Zeichen aufgebläht. Die Schwüle bringt es einfach mit sich, daß das Waffenfett schmilzt. Genauso haben auch Dornenhecken, glühende Katzenaugen, schwarze Krähen nichts zu bedeuten. Aber sie gehören dazu. Gemeinsam mit Fürsten, Handwerks-gesellen, wendischen Mägden machen sie das Leben unter dem gestirnten Himmel aus. „Der gleiche Schöpfungsraum nährt sie alle.“ Unter den süß duftenden Linden im Hof des Gutleuthauses, die uns Honig spenden mögen, gehen die Aussätzigen mit ihren Eiterbeulen spazieren – die Welt ist furchtbar schön. Bergengruen ist mit dieser Symbiose einverstanden. Folglich kann er sie nicht in Satzfetzen zerreißen oder durch Tonfälle spalten. Das Geschehen zieht dahin wie die Spree. Bergengruen steht dabei keineswegs auf der Brücke, geht er doch in der Welt, die er schildert, spürbar auf. Er webt ein Tuch, das auch ihn umhüllt. Ironie kennt er nicht. Wie könnte er auch verspotten, was er liebt? Er liebt den Kurfürsten Joachim wie den Kürschnergesellen Schwerdtke. Wird dieser von jenem an den Galgen gebracht – dafür kann Bergengruen nichts. So lagen die Dinge eben.

Gleichwohl ergreift Bergengruen, der das Richteramt ablehnt, Partei. Allen Krähen und Knechten zum Trotz, richtet er unsere Anteilnahme vornehmlich auf den Kur-fürsten. Denn dieser ist ein guter Kurfürst. Er grämt sich Tag und Nacht, weil ihm das Wohl der ihm anvertrauten Untertanen am Herzen liegt, die von seinen Prälaten und Pfeffersäcken ausgesaugt werden. Er hat die Stirn, Juliane die Vermählung mit dem Kammerjunker zu gestatten, bevor er diesen hinrichten läßt. Damit begräbt er Juliane im Kloster. Am St.Heinrichs-Tag schließlich läßt er sich vom Oberhofmarschall Bredow auf den womöglich rettenden Tempelhofer Berg zerren, prescht freilich noch rechtzeitig im blitzdurchzuckten rauschenden Regen reumütig in die Stadt zurück – unter sein Volk, das er beinahe im Stich gelassen hätte. Umso edler muß uns dieser Herrscher erscheinen. Auf dem Kutschbock aber sitzt Juro, der Wende. Wortkarg, gelassen, in seiner Schwermut und Einfalt treu, hätte ihn so mancher gern in Dutschkas Armen gesehen. Doch Bergengruen opfert gerade ihn. Nicht der Kurfürst, sondern dessen Kutscher wird vom Blitz getroffen. Ein wackerer Mann, der als heimlicher König des wendischen Volkes galt, hat als Sündenbock herzuhalten! Geht Bergengruen damit vielleicht noch als Einfaltspinsel durch, wird er wenig später zum Zyniker. Als Juros verkohlte Leiche geborgen wird, läßt er ihn tatsächlich zum König ausrufen – von Carion gemurmelt: „Er hat sich von der Sterblichkeit abgekehrt ...“ Und Carion gedenkt der Meinung der Alten, wonach der Blitz von Jupiter nicht zum Töten ausgesendet werde, sondern um den Gefällten in ein verklärtes Dasein zu erhöhen.

Dieser Feingeist ist es auch, der am Schluß noch einmal – wie ich stark vermute –Bergengruens Weltbild zusam-menfaßt. Wir haben den St.Heinrichs-Tag überlebt. Von der Feierlichkeit der Abenddämmerung ergriffen, entsinnt sich Carion eines Autors der Alten Welt, der das Licht das Lachen der Gestirne nannte. Was Wunder, wenn der gallige Kurfürst ausruft: „Wie sollten die Geister der Gestirne nicht lachen müssen über die Irrnisse, die Blindheit, die Ohnmacht und Fehlbarkeit des Menschen!“ Carion aber macht Kurfürstliche Gnaden darauf aufmerk-sam, dies hätten die Alten so nicht gemeint. Die Gestirne lachten nicht im Spott, „sondern in der Freude und Lust, die ihnen das unablässige Innewerden der göttlichen Ordnung bereitet. Wie da alles ohne Furcht oder Zwang sich vor dem Angesicht Gottes entfaltet, und wie sie selber als glänzende Kinder vor ihm spielen, das macht sie lachen in ihrer Seligkeit!“

Ja, wer hätte das gedacht: ohne Furcht und Zwang! „Unbefangen“ nehmen wir Putzfrauen, Kanalarbeiter, Einbeinigen, Bettlägerigen, Häßlichen „an der Selbstver-ständlichkeit der Welt teil“, wie es einmal heißt. Schließlich liegen sowohl das Schlemmerlokal im restaurierten Nicolaiviertel wie die von Obdachlosen durchwühlten Unrathaufen am Spreeufer in dem einen Schöpfungsraum, der uns alle nährt. Bevor wir in diesem auftauchen dürfen, werden uns freundlicherweise die eingangs gestellten Fragen vorgelegt – möchten Sie das Licht der Welt lieber in einer subtropischen Wellblechhütte oder lieber in einer Jugendstilvilla am Waltershäuser Schloßberg erblicken? Sartre bemerkte einmal, es sei durchaus tragbar, wenn ein Mensch, dessen Zimmerfenster auf ein Auffanglager gehe, Obstschalen male. Male er aber das Auffanglager wie eine Obstschale, sei es verwerflich.
°
°