Montag, 2. Juli 2012
Ein philosophischer Kammersänger
Enthalten in meinem Stockraus von 2009


Hochbetagt, von der Gicht geplagt, aber auch hochange-sehen starb er 1951 in seinem Häuschen bei Paris. In deutschsprachigen Publikationen taucht der Philosophie-lehrer und Autor zahlreicher Bücher so gut wie nie auf, obwohl er ein Großmeister der Kleinen Betrachtung gewesen war. Seine mit Propos überschriebenen Kolum-nen erschienen über viele Jahre hinweg Tag für Tag in einem republikanischen Blatt. Er soll sie stets aus dem Ärmel geschrieben und – tausende! – nie korrigiert haben. Das läßt auf Ausgeglichenheit schließen. In der Tat hing auch Alain, Sohn des Tierarztes Chartier, dem von mir bei jeder Gelegenheit geschmähten Positiven Denken an. Es versichert allen Verzagten: Du mußt nur wollen und die für das Erwünschte erforderlichen Schritte einleiten, notfalls schmeicheln. Unterläßt du das, willst du eben nicht wirklich.

Er selber lehnte Titel, Ämter und Orden wiederholt ab. Im Ersten Weltkrieg – an dem er freiwillig teilnahm, um sich aus erster Hand ein Bild machen zu können – blieb er bis zuletzt Gemeiner Soldat. So war er wohl unkonventionell, niemals jedoch ein Rebell. Warum sollte er gegen die Verhältnisse aufbegehren, wenn sich stets aus der Not eine Tugend machen läßt? Warum einen Tyrannen ermorden, der mich nie und nimmer dazu zwingen kann, ihn zu lieben? Warum schweißtreibend die Spitzhacke schwingen oder für viel Geld einen Bulldozer bestellen, wenn es doch in erster Linie mein Wille ist, der die Berge versetzt? Alain spielte Geige und liebte das Schlossern. So kannst du auch in einer Gefängniszelle oder in deinem mit Schwermetallen vergifteten Körper an deinem Glück feilen. Von daher verblüfft es wenig, Alain zugleich als Epikuräer/Stoiker und als Bewunderer staatstragender Technokraten wie Platon, Descartes, Comte, Goethe zu erfahren. Er verherr-licht das männliche Prinzip des Herrschens. Er will den souveränen, unangreifbaren, nur sich selbst verantwort-lichen Bürger. Bürgerinnen dürfen die 5. Geige spielen.

Die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse stellt der Pazifist nie in Frage. So nimmt er auch Krieg und Konkurrenz als zwei Paar Schuhe. Er will dem Krieg beikommen, indem er den Massen den Glauben an dessen Unvermeidlichkeit raubt, wie er vor allem in seiner Propos-Sammlung Mars von 1921 ausführt. Immerhin unterstützt er verschiedene antimilitaristische oder antifaschistische Kampagnen. Doch in der Besatzungszeit verdirbt er es sich mit der Linken wieder, weil er den bewaffneten Widerstand ablehne, gar Versöhnungspolitik betreibe. Beauvoir und Sartre ziehen in diesem Sinne in ihren Tagebüchern über ihn her.

Simone de Beauvoir hatte den charismatischen Philoso-phielehrer vom renommierten Pariser Gymnasium Henri IV. lange verehrt. Der rettet das Weibliche für die literarischen Gefilde in ein raunendes Dunkel, durch das wir teils in seinen Propos-Sammlungen, mehr noch in Büchern wie Lebensalter und Anschauung (1927) und Die Götter (1933) zu tappen haben. In jenem gesteht er selber, bei Kunstwerken müsse viel erraten werden; und was am meisten Widerstand biete, sei nicht das Schlimmste. So sah er’s ja auch bezogen auf den Staat. Da er aphoristisch schreibt, bleibt ihm die Mühe erspart, seine Überzeu-gungen nachvollziehbar zu erläutern oder gar zu beweisen. Laut seinem Schüler André Maurois vermied er das Verseschmieden, um nicht „Gesänge für Gedanken auszugeben“. Der Schlosser zinkte lieber. Denn was anderes ist der feierliche Zug seiner Prosa, als Gesang?


Einen gesonderten Wikipedia-Artikel über Alains bekanntestes Buch Die Pflicht glücklich zu sein legte ich am 5. September 2010 an. Er überdauerte bislang fast unbeschadet. Wahrscheinlich wird er selten aufgesucht.
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