Montag, 2. Juli 2012
Die Yankees und ihre Geschenke
Sie bewohnen einen erst um 1800 errichteten Staat, von dem es nach dem vielbeschworenen „Ende der Geschichte“ sehr wahrscheinlich heißen wird, er habe dasselbe an vorderster Stelle mit herbeigeführt.

Leider hat sich die ursprüngliche abfällige Bedeutung des Spitznamens – den die abtrünnigen Südstaatler im sogenannten Sezessionskrieg (bis 1865) den Nordstaatlern verpaßten – nicht erhalten. Deshalb nannten sich später sogar populäre Sportclubs Yankees. Allen Yankees gemeinsam ist ein großer Betätigungsdrang. Deshalb haben sie seit ihrem bewundernswertem Abfall (keine „Sezession“!) vom Mutterland Großbritannien schon ungefähr 70 Vietnamkriege angezettelt. „Die Leute hier scheinen nicht schlafen zu können, wenn sie nicht anderen Menschen den Schlaf verderben“, knirschte der New Yorker Erwin Chargaff, Biochemiker und Essayist, im Mai 1999 in der FAZ. Die NATO hatte soeben Jugoslawien überfallen. Altjungsozialist Gerhard Schröder war dabei, weil ein Abfall der Provinz Kosovo voll auf der Linie des Selbstbestimmungsrechtes – der Westlichen Tauschwertgemeinschaft lag.

Aus Tim Weiners CIA-Geschichte geht unzweifelhaft hervor, daß die als Botschafter, Wissenschaftler und Geschäftsfreunde getarnten Tugendwächter der Freiheit das gähnende Loch nach der Auflösung der Sowjetunion vordringlich deshalb mit dem Gespenst des „Terrorismus“ stopften, weil sie sonst keine Existenzberechtigung mehr besessen hätten. Auf den Gedanken, einmal ein Leben ohne Feinde auszuprobieren, würde ein waschechter Yankee niemals kommen. Aber man weiß es, die schnieke Regierung Schröder/Fischer empfand jede Kritik an diesen besessenen Revolverhelden als „Antiamerikanismus“. Wer NordamerikanerInnen pauschal diverser Ferkeleien bezichtige, sei ein Schwein. Also war auch der Yankee Ambrose Bierce ein Schwein, der in seinem 1906/1911 veröffentlichten Wörterbuch des Teufels das Stichwort „In der Fremde“ mit dem Satz definierte: „Ein Franzose in der Fremde sein heißt leiden; ein Amerikaner in der Fremde sein heißt, andere leiden machen.“

Wie selbstverständlich jedem vernunftbegabten Menschen klar ist, finden sich in jedem Schafstall auch ein paar schwarze, rote oder ungewaschene Schafe, die sich genug darüber grämen, von einem scheinheiligen Pack umzingelt zu sein, dem der Colt recht locker sitzt. Überschlägt man allein die Zahl der Justizmorde in den USA, wird einem angst und bange. Der geistesgestörte enttäuschte Wahl-helfer Charles J. Guiteau, der 1881 auf Präsident Garfield schoß, war nicht das erste Opfer. Fünf Jahre später hängte man „Anarchisten“ einen Bombenanschlag auf dem Chicagoer Haymarket-Square an – und knüpfte Viere von ihnen trotz weltweiter Proteste auf. Ähnlich bekannt wurden die Fälle Sacco/Vanzetti (1927) und der „Kommu-nisten“ Ethel & Julius Rosenberg (1953).* Dafür nehmen sich die Yankees unverfroren das Recht heraus, den 1998 von einer Zweidrittelmehrheit einer UNO-Bevollmäch-tigtenkonferenz gegründeten International Criminal Court in Den Haag zu sabotieren. Laut einem Gesetz von 2002 behalten sie sich sogar vor, jeden vor diesen Gerichtshof gezerrten US-Bürger mit Waffengewalt zu befreien.

Die randständigen Schafe, die noch ungeschoren blieben, haben offensichtlich nichts zu bestellen. Sonst wäre es unerklärlich, daß die Yankees neulich mit Barack Obama schon wieder auf einen John F. Kennedy hereingefallen sind. „Das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.“ Der Ratschlag kam von Hermann Göring. Der Psychologe und Übersetzer Gustave M. Gilbert, ein US-Bürger, zitiert ihn in seinem Nürnberger Tagebuch von 1947. Gilberts Landsleute beherzigten ihn – zum Beispiel im Oktober 1962 just unter J. F. Kennedy, der ernsthaft erwog, als Antwort auf die im Gang befindliche Stationierung von sowjetischen nukle-aren Rakaten auf Kuba einen Atomkrieg zu riskieren. Nur mühsam, wie sich bei Weiner nachlesen läßt, konnten ihn seine BeraterInnen davon überzeugen, bei dem Phänomen der seit Jahren in der Türkei stationierten, auf die UdSSR gerichteten nuklearen Raketen handle es sich nicht um eine Fata Morgana. Schließlich ließ er sich dazu herbei Chruschtschows Vorschlag anzunehmen, beide Raketen-basen abzubauen und die Krise damit beizulegen – vorausgesetzt allerdings, der Öffentlichkeit werde diese tauschende Lösung verheimlicht. Nicht eingestellt wurden die von Kennedy ausdrücklich gebilligten endlosen Versuche, Fidel Castro zu ermorden. 46 Jahre später stationieren die Yankees Raketen in Polen. Die westliche Welt nimmt gelangweilt zur Kenntnis, daß die Russen darin nicht gerade eine Liebesbezeugung erblicken. Im Oktober 2009 stimmen die nun von Obama geführten USA zum achtzehnten Mal in Folge gegen die Aufhebung der verheerenden Blockade Cubas – lediglich im Verein mit ihrem Busenfreund Israel und dem Zwergstaat Palau, bei 187 Gegenstimmen.

Zu den randständigen nordamerikanischen Schafen zählt Robert Bowman, der als Kampfpilot der US-Streitkräfte während des Vietnamkrieges selbst Tod und Vernichtung vom Himmel schickte und später als Bischof der Ver-einigten Katholischen Kirche in Melbourne Beach, Florida, wirkte. Im März 2003 schrieb er in einem Offenen Brief an Bush: „Anstatt unsere Söhne und Töchter durch die ganze Welt zu schicken, um Araber zu töten, damit wir das Erdöl unter ihren Wüsten ausbeuten können, sollten wir sie dorthin schicken, um deren Infrastruktur aufzubauen, sie mit Trinkwasser zu versorgen und die ausgehungerten Kinder zu ernähren ... Statt Rebellion, Destabilisierung und Mord zu unterstützen, sollten wir die CIA auflösen und das dafür verschwendete Geld Hilfsorganisationen zukommen lassen ... Zusammengefaßt heißt das: Wir sollten gut statt böse sein. Wer würde uns dann hassen? Wer wollte uns dann bombardieren? Dies ist die Wahrheit, Herr Präsident. Und es ist nötig, daß das amerikanische Volk sie hört.“

Offenbar möchte es die Wahrheit aber weder hören noch sehen. Als US-Außenminister Colin Powell einen Monat vorher daranschritt, die Entfesselung des jüngsten Irak-krieges mit einer Lügenstunde im Gebäude der Vereinten Nationen zu befördern, war die Kopie von Picassos Guernica-Gemälde in der Eingangshalle vorsorglich mit einer großen Stoffbahn verhängt. Laut FAZ erläuterte ein Diplomat, wenn über Krieg geredet werde, stellten Picassos schreiende Frauen, Kinder und Tiere „keinen angemessenen Hintergrund“ dar. Welches Novum in der Kunstgeschichte!

An dieser Stelle sollte man vielleicht an das bis heute einzigartige Schwerverbrechen von Hiroshima und Nagasaki erinnern. Zu den wenigen weißen Schafen, die damals öffentlich ihr Entsetzen bekundeten, gehörte der vermonter Schriftsteller und ökologisch orientierte Farmer Scott Nearing. Er schrieb noch am 6. August 1945, dem Tag des Bombenabwurfs über Hiroshima, an Präsidenten Harry S. Truman, dessen Regierung sei nicht mehr die seine. Inzwischen ist die Rechtfertigung der staatstreuen Schafe, beide Abwürfe seien unumgänglich gewesen, um die Schwerverbrechen der Achsenmächte zu unterbinden oder abzukürzen, klar als Lüge entlarvt. Die Faschisten waren bereits geschlagen. Seit der Eroberung von Straß-burg im November 1944 wußten die Yankees zudem genau, daß Deutschland zum Bau der Atombombe außerstande war. Das hat Jost Herbig schon 1976 belegt. Es ging ihnen jetzt „nur“ noch darum, die Sowjets einzuschüchtern, aber vor allem dem mit vielen Milliarden von Dollars angelegten „Sachzwang“ der nordamerikanischen Atom-forschung und Atomindustrie zu gehorchen. Man wollte nicht mehr zurück. Man wollte sich selbst, der ganzen Welt und wahrscheinlich auch dem lieben Gott beweisen: es geht. Man kann mit zwei Bomben, die auf einen Lastwagen passen, ganze dichtbesiedelte Landstriche zertrümmern und nachhaltig verseuchen. Allein die Zahl der Todesopfer der Aktion wird auf 500.000 geschätzt.

Etwas weniger offensichtlich verhält es sich mit dem Anschlag auf die New Yorker Twintowers und das Washingtoner Pentagon vom 11. September 2001, der dafür ungleich berühmter, jedenfalls gegenwärtiger ist. Eine positive Nebenwirkung weiß ich schon zu nennen: er dämpft meine Lebensmüdigkeit Jahr um Jahr, konnte doch bis heute nicht aufgedeckt werden, wer hinter dem Blutbad steckte. Ich wüßte es noch zu gern, bevor ich den Löffel abgebe. Zwar behaupten die Yankees, sie hätten die beiden wichtigsten Drahtzieher bereits 2004 gefangen; sie hüten sich jedoch, ein öffentliches Gerichtsverfahren einzuleiten. Der Prozeß über den Reichstagsbrand verlief schon mißlich genug. Stapeln sich die Ungereimtheiten und Theorien so weiter, werde ich noch mit 80 oder 100 auf dem Gipfel von Mutmaßungen thronen müssen.

Für die Yankees dagegen bestand der positive Nebeneffekt des Anschlages darin, den 11. September 1973 in Verges-senheit geraten zu lassen: Sturz und Ermordung des gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende, der ein sozialistisches Programm verfolgt hatte. Die Angaben über die Zahl der Todesopfer dieses Putsches, der General Pinochet an die Macht brachte, schwanken zwischen 5.000 und (durch Amnesty International) 30.000. Dies wären 10 mal so viel wie in New York. Dort sind selbstverständlich auch die Drahtzieher des Putsches zu suchen – voran „Sicherheitsberater“ Henry A. Kissinger, der unter ande-rem deshalb später den sogenannten Friedensnobelpreis bekam. Die Verwicklung in das vorausgegangene Mord-komplott gegen den Allendetreuen General René Schnei-der wurde sogar im November 1975 in einem Report des US-Senats offiziell festgestellt.

Wes Geistes Kind die Yankees sind – nämlich von Rot-hautjägern, Goldgräbern, Fallenstellern und Sklaven-händlern – leuchtete 1988 aus einem selbstgefälligem Geständnis eines Kissinger-Nachfolgers hervor. Zbigniew Brzezinski sagte im Gespräch mit Nouvel Observateur, die Politik seines Chefs Präsident Carter im Sommer 1979 sei es gewesen, die Sowjets mit Hilfe der CIA „in die afgha-nische Falle tappen“ zu lassen, was er auch keineswegs bereue. Diese Falle führte zu über zwei Millionen Toten in der afghanischen Bevölkerung, sechs Millionen Exilanten und 20.000 Toten unter den sowjetischen Truppen, die im Dezember 1979 einmarschiert waren. Der nach 9/11 von den Yankees losgetretene „Kampf gegen den Terror“ wird diese Zahlen noch weit übersteigen. Der traurige Witz dabei: er gilt, wieder einmal und in allen Winkeln der Welt, „Schurken“, die man ehedem selber aufgepäppelt hat. Den Kampf der Taliban gegen die Sowjets hatte die CIA mit durchschnittlich 500 Millionen Dollar pro Jahr gefördert. Die davon erworbenen Waffen wurden zu keinem geringen Teil vom verbündeten Warlord Gulbuddin Hekmatjar gehortet – er sah es klar voraus, die Verbündeten würden kommen. Weiner in seinem 2007 veröffentlichten Buch: „Als ich ein paar Jahre später mit Hekmatjar in Afgha-nistan zusammentraf, gelobte er feierlich, er werde ein islamisches Gemeinwesen errichten; wenn das eine Million weiterer Leben koste, dann sei das nicht zu ändern. Zur Zeit der Niederschrift dieses Buches wird er immer noch von der CIA in Afghanistan gejagt, wo er und seine Kampfgruppen Soldaten Amerikas und der amerika-nischen Verbündeten umbringen.“

Am 18. Januar 1918 hatte Woodrow Wilson, einer der vielen vorbildlichen Vorgänger Carters, in seinen zumin-dest unter Historikern berühmten „Vierzehn Punkten“ die Abrüstung aller kriegführenden Staaten gefordert. Er dachte natürlich nicht im Traum daran, mit gutem Beispiel voranzugehen. Seitdem waren die USA auch in rheto-rischer Hinsicht unschlagbar.

10 Jahre später setzte der Österreicher Erwin Chargaff erstmals seinen Fuß auf nordamerikanischen Boden. Aus beruflichen und politischen Gründen machte er die USA sogar zu seiner Wahlheimat. Wahrscheinlich hätte ihn die postmoderne „Mangelkrankheit Amerikanisierung“ früher oder später auch überall sonst erwischt. Der Ausdruck stammt aus dem Kapitel „Europa“ seines 1989 erschie-nenen Buches Alphabetische Anschläge. Neben jenem Betätigungsdrang, den ich schon eingangs erwähnte, bescheinigt Chargaff seinem Gastgeberland einen „dau-ernden Starrkrampf von Reklamelärm, Unbeteiligtheit, Geschichtslosigkeit und Anpassungsdruck“. Die allen Yankees gemeinsame Sprache habe zu diesem Krankheits-bild nicht unerheblich beigetragen. „Amerika leidet schwer darunter, daß eine verarmte Sprache für so viele Menschen reichen muß.“ Dagegen wirft Chargaff zugunsten Europas solche für mich fragwürdige Gestalten wie den Heiligen Augustinus und Pascal in die Waagschale und stellt fest: „Fast alle großen Europäer sind in Amerika undenkbar. Allerdings sind sie es auch im heutigen Europa.“ Na, gottseidank.

* Alle drei Fälle, beginnend mit George >Engel, werden in meiner Arbeit über Mordopfer behandelt. Wenn Bierce das Treiben der Yankees in Übersee anprangert, könnte man dazu verleitet sein, die damalige US-Heimatfront für einen Sandkasten demokratischen Geplänkels zu halten. Diese Illusion zerstört die lebenslänglich ver-folgte anarchistisch gestimmte US-Bürgerin Emma Goldman (1869–1940) in ihren Erinnerungen Living My Life, deutsche Neu-ausgabe (Gelebtes Leben) Hamburg 2010, gleichermaßen gründlich und unterhaltsam.



Siehe auch
>IndianerInnen
Verschrottung der US-Straßenbahn: Krupp, in der 2. Hälfte des Beitrags
troy-davis-blues (mp3, 3.021 KB) von meiner Platte Schneeschippen
°
°