Montag, 2. Juli 2012
Die Kaderschmiede bleibt dicht
In die stattliche Reihe meiner nicht zustande gekommenen biografischen Arbeiten – beispielsweise über Ernst Kreu-der, Petra Schelm, Jost Herbig, Marco Morelli, Armin Müller – gliederte sich im Frühjahr 2010 das Projekt ZB ein. Auch in diesem Fall scheiterte ich an fehlender Bereitschaft von Betroffenen oder unverzichtbaren Dritten zur Mitarbeit.

ZB war die Abkürzung für das Hauptquartier, nämlich Zentralbüro der KPD/ML (Rote Fahne). Diese „Partei“ zählte um 1970 zu den einflußreichsten der in West-deutschland und Westberlin wirkenden maoistischen Sekten. Die drei (blutjungen) Häuptlinge des in Bochum ansässigen ZBs hießen Gerd G. (Polit-Leiter), Richard C. (Agitprop-Leiter) und Henner R. (Org-Leiter). Meine Idee bestand nun darin, einige führende Parteikader, mich eingeschlossen, danach zu befragen, wie sie diese Zeit erlebten und welchen Werdegang sie anschließend genommen haben. Schon die erste vortastende Recherche deutete darauf hin, sowohl in den Motiven zum damaligen Engagement wie im Verarbeiten des Scheiterns mit der Partei würden sich erhebliche Unterschiede zeigen. Das müßte doch auch für andere aufschlußreich oder reizvoll sein, sagte ich mir. Wie man das Ganze darstellt und bündelt, würde sich schon ergeben.

Es war nicht so einfach, die mir vorschwebenden Kandi-daten aufzutreiben – einmal davon abgesehen, daß sie auch schon unter der Erde liegen konnten. Mit allen hatte ich seit bald 40 Jahren keinen Kontakt mehr. Gerd G. erreichte ich über eine Schwester, von der ich bis dahin nichts gewußt hatte. „Privatleben“ interessierte damals nicht. Gerd freute sich über meinen Anruf. Unser damali-ger „Parteichef“, vier Jahre älter als ich, lebt nach wie vor im Ruhrgebiet. Von Hause aus Germanistik- und Philoso-phiestudent (und natürlich beim SDS) gewesen, schloß er dieses Studium nach dem ZB-Zusammenbruch (1973) nicht mehr ab. Vielmehr ging er – wie so viele von uns – in die Fabrik. Er war fünf Jahre bei Mannesmann. Er war auch für einige Jahre in der „revisionistischen“ DKP, die wir als Maoisten erbittert bekämpft hatten. Später ernährte er sich mit logistischer Arbeit für Kunstgalerien. Nebenbei zog er eine Tochter auf. Schließlich rutschte er vor einigen Jahren – „obwohl ich ja eigentlich Atheist war!“ – über einen 1-Euro-Job auf einen Posten als Lektor für einen evangelischen Kirchenverlag. Dort gefällt es ihm nach wie vor. Er habe durchaus noch seine Wut auf die Ungerechtigkeiten im Kapitalismus, doch glaube er nicht mehr an „Generallösungen“, wie er sich ausdrückte. Mein Vorhaben finde er interessant.

Gerd hat noch dieselbe klangvolle, Vertrauen einflößende Stimme. Sie hatte schon vor 40 Jahren etwas Väterliches, dem sein leichtes Ruhrgebietsplatt die Strenge nahm. Nach dem Telefongespräch stellte ich etwas betreten fest, der Mann sei mir sympathisch. Ich konnte ihn mir sofort als engen Freund vorstellen. Bedenklich genug, denn wer weiß, was er mir erzählt und nicht erzählt hat – und vor 40 Jahren war er für zwei oder drei Jahre unumstrittener Parteichef. Galt es, die Feinde der Partei zu zerschmettern, fehlte es dem untersetzten stämmigen Gerdchen mit den hübschen Grübchen nie an Beschimpfungen und Winkel-zügen. Aber seine Mitstreiter legte er, wenn ich mich recht erinnere, nie herein.

Zu meinen damaligen unmittelbaren Untergebenen gehörte Dietmar K., der den „Literaturvertrieb“ des ZBs betreute. Er zeigte nun ebenfalls ein offenes Ohr für mein Projekt. Wie sich herausstellte, beschäftigt er sich seit vielen Jahren „wissenschaftlich“ mit der Geschichte der KPD/ML-ZB und stellt seine Forschungsergebnisse ins Internet. Es fiel mir schwer, in seinen langatmigen Aufsätzen zu lesen. Das Ganze wirkt absonderlich, obwohl der „subjektive Faktor“ gar nicht darin vorkommt. K. will objektive Geschichtsschreibung liefern. Natürlich ist es nicht verboten, den Verlauf der damaligen Fraktions- und Aufbaukämpfe innerhalb der maoistischen Szene nüchtern nachzuzeichnen. Aber was hätten wir davon? K. macht es derart akribisch, daß die Groteske für mein Empfinden schon absurd wird. Wer die Streitigkeiten und Schlamm-schlachten um jedes Haar im Barte des Propheten lückenlos dokumentiert, trägt doch schwerlich mehr zu dessen Erhellung bei, als man ohnedem schon weiß. Im Maoismus befriedigte ein Teil der zerfahrenen antiautori-tären Jugendbewegung ihre Heilserwartung. Ich erinnere an Koestler und seinen Essay Der Yogi und der Kommis-sar. Wir Rebellen wider Vater, Vater Staat, Vater Ernst Aust wollten eine klare unbedingte Sache, an die sich inbrünstig glauben ließ. Aust war damals Häuptling des ZKs der anderen KPD/ML, die sich ums Zentralorgan Roter Morgen scharte. Die „Partei“ hatte sich gespalten. Die neuen Götter gehen gern aus Bruderkämpfen hervor.

Auch Peter W. begrüßte mein Vorhaben. Der kauzige, hitzköpfige Mann war damals Mitbetreiber der Parteispal-tung und anschließend Chef unseres wichtigsten Landes-verbandes Nordrheinwestfalen gewesen. Im Gegensatz zur „sektiererischen“ Altpartei hielten wir die Praxis und die Massenarbeit hoch, das war genau das Richtige für diesen Agitator, den böswillige Kritiker als Rattenfänger zeichneten. Peter schrieb später für sozialkritische Online-Blätter, wobei er sich offenbar einige Vorwürfe wegen reaktionären Gedankenguts einhandelte, die er selbstver-ständlich zurückwies. Er wohnt heute in Ennepetal, das liegt nicht weit von Bochum südlich der Ruhr. Wenn er dort (und über seine Webseite) mit chinesischer Medizin praktiziert und handelt, scheint er sich nicht sonderlich weit von seinen revolutionären Ursprüngen entfernt zu haben.

Auf Ablehnung stieß ich zunächst bei Wolfgang S.. In der nichtkommunistischen Linken ist er als langjähriger führender „roter Betriebsrat“ bei Opel Bochum bekannt. Er baute damals die dortige Gewerkschaftsopposition auf und sympathisierte mit unserer „Partei“. Er konnte sich nicht mehr an mich erinnern, als ich ihn endlich ans Telefon bekam. Ich glaube, er sah zu wenig „praktischen Nährwert“ in dem Vorhaben, das ich ihm umriß – zu wenig, um sich aus seiner Referententätigkeit reißen zu lassen, in der er anscheinend auch als Rentner bis über beide Ohren steckt. Ich hatte mir von S. zumindest einen Kontakt mit Lothar M. versprochen, zog aber auch in dieser Hinsicht eine Niete. Er wisse nicht, was aus M. geworden sei. Dummer-weise bietet sich Lothars Allerweltsname nicht gerade für eine frohgemute Recherche an. Der bärtige Hüne war damals Jugendvertrauensmann der IG Metall bei den Bochumer Friedrich Krupp Hüttenwerken und als solcher unser Vorzeigeproletarier gewesen. Noch dümmer ist es, daß ich schon selber nicht mehr weiß, ob ich noch mit Lothar in Verbindung stand, als ich zwei oder drei Jahre später ebenfalls für ein halbes Jahr bei Krupp-Bochum schaffte. Die „Partei“ war inzwischen zusammengebrochen wie das sprichwörtliche Kartenhaus. Bei Krupp steckten sie mich als Schmiedehelfer an eine Versuchsanlage von Steyr-Puch, die ungefähr armdicke Rundstähle zugleich walzte und schmiedete. Die rotglühenden Stangen liefen durch eine Maschine mit konzentrisch angeordneten Hämmern, die sie in rasender Geschwindigkeit, vermutlich sich abwechselnd, rund klopften und dabei verdichteten. In dieser Fabrikhalle ging mir allmählich auf, daß wir in unserer Kaderschmiede über dem Haushaltswarengeschäft in der Bochumer Bongardstraße nicht viel anders ver-fahren waren. Dort saß das ZB. Eindrücke aus unserem Hauptquartier finden sich in diesem Beitrag (vor der Mitte) im Kapitel „London“. Auch das Schlußkapitel „Das kleine Feuer“ paßt zum Thema.

Am schwierigsten war unser hochgewachsener Agitprop- und Rote-Fahne-Chef Richard C. aufzutreiben, obwohl er noch 2006 mit einem Kinofilm über jugendliche Diebe auf sich aufmerksam gemacht hatte. Nach der maoistischen Burleske hatte er eine Zeitlang mit dem erfolgreichen „Jungfilmer“ W. zusammengearbeitet und sich dann als Filmproduzent selbstständig gemacht. Inzwischen arbeitet er als Herstellungsleiter abwechselnd in Südafrika und Holland. Hin und wieder hält er sich in Berlin auf. Sein dort lebender langjähriger Kamermann David S. hält große Stücke auf ihn. In künstlerischer und logistischer Hinsicht ein As, sei Richard gleichwohl bescheiden und seinen Freunden und Mitarbeitern gegenüber auch immer zuverlässig und uneigennützig hilfsbereit. Er sei „sozial“, fügt der gebürtige Tscheche hinzu. Die Liste von Richards Filmen (von denen ich keinen Meter kenne) riecht allerdings nicht gerade nach starker Gesellschaftskritik. Richard ist mein Jahrgang, doch hat er, im Gegensatz zu mir, laut einem Foto von 2005 bereits angegrautes Haar. Unsere Beziehung war nie vertraulich gewesen – aber möglicherweise gerade deshalb für mich ein Problem. Ich war der Begriffsstutzige, Treuherzige, Kleine, für den er sich wahrscheinlich nicht wirklich interessierte. Das habe ich ihm freilich nie vorgeworfen, wenn ich mich nicht täusche. Zuneigung läßt sich ja nicht erzwingen.

Richard sagte ab. Für mich war das ausschlaggebend dafür, mein Projekt ZB ad acta zu legen. Ich hielt Richards Mitarbeit für unverzichtbar, weil er damals „die Nummer Zwei“ der Partei gewesen war und in der Folge als einziger von uns – im bürgerlichen Staate – eine vergleichsweise ruhmreiche Karriere machte. Ich hatte ihm mein Vorhaben in einer Email umrissen. Seine prompte Antwort (aus Kapstadt) berührte mich ziemlich schmerzlich. Traf er vielleicht wunde Punkte? Er habe sich bislang allen Interviewversuchen über die KPD/ML-Zeit – „unter anderem von Rainer Langhans“ – erfolgreich widersetzt. Andererseits könne er natürlich nicht verhindern, in literarischen Werken aufzutauchen, so erst unlängst, 2008, in einem Buch über die mir wohlbekannten „Zwillinge“. „Du kannst ja schreiben, was du willst, aber das interessiert doch wirklich niemanden, was aus irgendwelchen KPD/MLern geworden ist, oder was sie damals motiviert hat.“ Gleichwohl trinke er gern einmal ein Glas Wein mit mir, wenn er etwa auf der Durchreise von Holland nach Berlin durch Thüringen komme. Das sei wohl wieder im Spätsommer (2011) der Fall.

Ich glaube, mich kränkte sein herablassender Tonfall und die völlige Ignoranz meiner Anliegen. Wenn er befindet, unser Schicksal interessiere niemanden, gilt es offenbar für alle Welt. Nebenbei waren Gerd, er und ich nicht „irgendwelche KPD/MLer“, vielmehr die Führungsspitze der damals möglicherweise wichtigsten „K-Gruppe“. Nach verschiedenen ähnlich lautenden Schätzungen sind diese Gruppen in den 70er Jahren von ungefähr 150.000 Menschen „durchlaufen“ worden. Viele von ihnen sitzen heute auf verantwortlichen Posten in Staat und Wirtschaft. Etliche „Prominente“ haben es dabei erneut bis in die Führungsspitze gebracht. Ich nenne nur die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), Schröders Umweltminister Jürgen Trittin und Antje Vollmer von den Grünen, KBW-Chef Joscha Schmierer, der dann zum Planungsstab der Außenminister Joseph Fischer und Frank-Walter Steinmeier zählte, und schließlich den ehemaligen KBW-Aktivisten Winfried Kretschmann: er brachte es 2011 als gläubiger Katholik und treuer Freund „der Wirtschaft“ (womit er das Kapital meint) im Schwabenland zum ersten deutschen grünen Ministerpräsidenten. Alles uninteressant?*

Es wie Richard zu einem angesehenen Filmproduzenten und bis nach Südafrika zu bringen, ist wohl auch nicht ganz ohne. Hält er die Wurzeln dieser Karriere für nicht weiter besichtigenswert, hat er entweder Angst, das Bollwerk seiner „Verdrängungsleistung“ könne brüchig werden, oder aber von Haus aus ein dickes Fell. Ich neige zur zweiten Annahme. Soweit ich ihn nämlich erlebte, hatte Richard nie Angst. Er war realitätstüchtig, zielstrebig in der Verfolgung seiner Anliegen, anpassungsfähig. Auf meine briefliche Bitte einzugehen, mir ein paar Worte über sein Wirken in Kapstadt zu schreiben, hat er nicht nötig. Genauso übergeht er meinen angehängten ABC-Text Neunkirchen/Saar, in dem er als „mein Mentor“ erwähnt wird. Wer bin ich schon, daß ich der Gnade teilhaftig werden dürfte, Einblicke in seinen Werdegang und drei Worte Kommentar zu einem Text zu erhalten? Die Frage läßt sofort die Alarmglocken aufschrillen. Vielleicht reagiere ich überempfindlich, weil ich mich Richard gegenüber stets unterlegen fühlte. Er bekam jede Sache sofort in den Griff; ich war der Einfaltspinsel und Wirrkopf. Und was ist aus mir geworden? Ein angeblicher Schriftsteller, der ein abwegiges Manuskript nach dem anderen produziert – Ware, die auf „dem Markt“ völlig chancenlos ist. Die Vorstellung, einer könne auch um der eigenen Klärung willen schreiben, scheint in Richards Denken keinen Platz zu haben.

Ich betone jedoch, dies alles sind nur Vermutungen über ihn. Ich kenne ihn viel zu wenig. Auf das Gegenteil hat er auch nie Wert gelegt. Ein Kneipengespräch bei der Durch-reise hülfe dieser Unkenntnis sicherlich nicht ab. Man müßte einander erleben. Ich hatte in der Tat die Vorstel-lung, zumindest Gerd, Richard und mich noch einmal an einen Tisch zu holen, in eine Wohnung, am besten für mehrere Tage. Eine Art Klassentreffen der besonders abwegigen Art schwebte mir vor – das möglicherweise überraschende Ergebnisse zeitigt, seien es Liebesgeständ-nisse, Selbsterkenntnisse, Streit und Prügelei. Wie illusionär! Wie kindisch! Sowas gibt es nur in Romanen – und Filmen.

* Nachtrag: Ein mir bis dahin unbekannter Herr Bernd Ziesemer fragt am 1. Mai 2018 bei mir an, ob ich ihm für ein Buch etwas über G. L. Flatow sagen könnte, ein Alt-Maoist. Dadurch kommt mir unge-rufen ein weiteres Beispiel gegen Richards Abtun des westdeutschen Maoismus ins Haus. Ziesemer selber, Jahrgang 1953, erklärt mir über sich, er sei seit über 35 Jahren Journalist (u.a. Chefredakteur des Handelsblatts) und Buchautor. „Ich kenne die K-Gruppen-Szene der 70er Jahre aus eigener Anschauung, wenn gleich ich Mitglied einer anderen Gruppe war (KPD/AO).“ Auf seiner Webseite verrät er seine Jugendsünde nicht, falls ich mich nicht irre. Bei Wikipedia dagegen wird sie erwähnt. Ziesemer studierte bei Wolf Schneider. Handels-blatt-Chef war er fast neun Jahre lang, bis 2010. Derzeit hat er, unter anderem, eine wöchentliche Kolumne bei Capital.
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