Sonntag, 1. Juli 2012
Schlupflöcher im Schweizer Käse
In seinem Essay Über die Bücher teilt Montaigne mit, seine bevorzugte Lektüre stellten Lebensbeschreibungen dar, darunter wieder besonders jene, die sich „eingehender mit den Absichten als mit den Begebenheiten befassen, und mehr mit dem, was aus dem Innern kommt, als dem, was von außen geschieht.“ Dies dürften am ehsten Autobiografien leisten. Zwar lassen Günther Schwarbergs 2007 veröffentlichte Erinnerungen Das vergess ich nie an Schärfe, Straffheit und Glanz nichts zu wünschen übrig – doch von sich selber spricht der 1926 geborene Journalist und Buchautor kaum. Da hilft es nur, sein Werk nicht als Autobiografie sondern als bedeutenden Beitrag eines linken „Nestbeschmutzers“ zur Zeitgeschichte zu nehmen.

Schwarberg wurde nahezu ununterbrochen angefeindet, gab jedoch nie auf. Vor allem als stern-Redakteur unter Henri Nannen (bis 1983) konnte er etliche enthüllende, sorgfältig recherchierte Reportagen veröffentlichen, die einiges bewirkten. Am nachhaltigsten erwies sich darunter sein Eintreten für Die Kinder vom Bullenhuser Damm; diese 20 Kinder waren noch im April 1945 im Keller einer Hamburger Schule ermordet worden, nachdem SS-Ärzte grausame Experimente an ihnen durchgeführt hatten. Der verantwortliche SS-Obersturmführer Arnold Strippel wird wie üblich halbherzig verfolgt und nie belangt.

Erschütternd auch der von Schwarberg aufgerollte Leidensweg des Juden Hermann Auspitz. Der Berliner Handlungsreisende hatte in seiner Einfalt um Aufnahme in die NSDAP ersucht, von der er sich ein Ende seines Elends versprach. Er wird europaweit mehrmals eingesperrt und wieder abgeschoben, dabei in einem fort erniedrigt und krankgequält. Zur Krönung wird sein Antrag auf Entschädigung nach Kriegsende mit der bösartigen Begründung abgeschmettert, durch jenen Aufnahmeantrag habe er sich „zu den verbrecherischen Zielen der NSDAP bekannt und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Vorschub geleistet“. Im Falle von angeklagten aktiven Nazis wurde bekanntlich genau umgekehrt befunden, aus ihrer Unterwerfung unter geltendes Unrecht dürfe ihnen kein Strick gedreht werden; gemäß ihrer nationalsozia-listischen Gesinnung sei ihnen das Unrecht auch gar nicht als solches einsehbar gewesen. Solche Einsicht wurde erst wieder ab 1989 verschiedenen Repräsentanten des finsteren „Unrechtsstaates“ DDR abverlangt.

Zu den Glanzstücken des Buchs, die einen trübsinnig stimmen können, zählt Schwarbergs Erzählung den berüchtigten, nie gefaßten Ausschwitz-Arzt Josef Mengele betreffend. Sie beeindruckte mich genug, um am 5. Februar 2012 einen Absatz in den Wikipedia-Artikel über Mengele einzufügen. Ich schrieb im wesentlichen: „Dem westdeutschen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war zu Ohren gekommen, Martha Mengele halte sich in Zürich auf und habe möglicherweise vor, dort gemeinsam mit ihrem Gatten dessen 50. Geburtstag zu begehen. Bauer bat Schwarberg um 'Amtshilfe'. Tatsächlich machte der erfahrene Journalist Martha und sehr wahrscheinlich auch Josef Mengele [im März 1961] in einer Mietwohnung in Zürich-Kloten aus. Schwarberg alarmierte die Polizei, die das Haus auch observierte. Doch nach einigem Hin und Her (viele Telefonate mit Bern und Bonn) ließ die schweizer Polizei das Paar aus der Klotener Mietwohnung unbehelligt in einen neuen blauen VW mit Günzburger Kennzeichen steigen und – zum Beispiel – nach Italien reisen. 'Noch nicht einmal die Grenzstationen sind benachrichtigt.' Schwarbergs Fazit: 'Fritz Bauer muß den Auschwitz-Prozess ohne den Hauptangeklagten Josef Mengele beginnen.'“

Ich teilte also Schwarbergs starken Verdacht, man habe einen der übelsten Massenmörder der jüngeren Weltge-schichte mit Absicht durch die Lappen gehen lassen. Es wäre weißgott kein Präszedenzfall gewesen. Der Gralshüter des Wikipedia-Artikels war jedoch „anders drauf“, wie man heute salopp sagt: er machte meine Änderung sofort rückgängig. Sie entspreche nicht den Wikipedia-Qualitäts-anforderungen. Er sah vor allem einen subjektiven Blickwinkel und einen Mangel an seriöser Belegkraft. Wahrscheinlich hatte er bis dahin weder von Schwarberg noch von Bauer je gehört. Freundlicherweise wies er mich (und Dritte, nämlich auf meiner Diskussionsseite) jedoch auf eine Quelle hin, die mich allerdings sehr an der Tauglichkeit seiner eigenen Adleraugen zweifeln ließ, zumal er sich nebenbei ausgerechnet auf die Zuverlässig-keit von Mengeles Tagebüchern berufen hatte, nach denen sich der flüchtige Mediziner zum fraglichen Zeitpunkt in Sao Paulo aufgehalten habe. Der neuen Quelle zufolge hatte der schweizer Nationalrat Jean Ziegler den Verdacht von Schwarberg und mir geteilt und deshalb am 19. März 1999 im Parlament eine diesbezügliche Einfache Anfrage an die Regierung der Schweiz eingebracht. Die abwie-gelnde Antwort der Regierung ist dreist genug, sich auf den Umstand zurückzuziehen, aus den damaligen Polizei-akten gehe nicht hervor, „ob es der Kantonspolizei gelang, die Person Mengeles klar festzustellen und zu identifi-zieren“. Der in ganz Europa seit Jahrhunderten gern geübte Brauch, Akten ähnlich gut zu frisieren wie die MinisterInnen, hat um die Alpen einen Bogen gemacht.

Soweit zur neutralen Schweiz und zur neutralen Internet-Enzyklopädie. Schwarbergs Buch stellt eine Fundgrube für Doppelmoral, Spitzfindigkeiten, Lügen, Verleumdungen, Kommunistenhetze und sonstiger Niederträchtigkeit deutscher Nachkriegsgeschichte dar. Etwas unglücklich kommt mir die Erzählform im Präsens vor, die sicherlich die Stetigkeit repressiver deutscher Nachkriegspolitik andeutet, aber die Unterscheidungsmöglichkeiten bei Vor- und Rückgriffen beschneidet. Nehmen wir gleich einen Rückgriff vor: Im März 2003 titelte Bild in Riesenlettern (und wohlweislich in Gänsefüßchen) Tötet Saddam – am 1. Juni 1961, kurz vorm Mauerbau, war das Blatt mit der Schlagzeile Notfalls Krieg erschienen, wie von Schwarberg zu erfahren ist.*

Nur schade und seltsam, daß Schwarberg den verlogenen Überfall der Nato auf Jugoslawien 1999 übergeht. Der auf Libyen blieb ihm erspart. Schwarberg starb, nach schwerer Krankheit, 2008. Die flammenden Aufrufe, das libysche Volk von seinem blutrünstigen Knechter Gaddafi zu befreien, konnten Schwarbergs Krankheit nicht mehr beschleunigen. Vielleicht hätte sich Schwarberg über eine Meldung auf der Webseite des Deutschlandfunks gefreut, die unter der gegebenen Scheinheiligkeit schon einem katholischen Wunder gleichkommt. Sie erschien am 25. August 2011. Monsignor Innocenzo Martinelli, katho-lischer Bischof in Tripolis, habe geäußert, in diesem Krieg gebe es lediglich das eine Ziel, sich in Libyen die besten Gas- und Ölförderstellen zu sichern. Es tue ihm leid, das so unverblümt feststellen zu müssen, aber „der Egoismus der beteiligten Länder“ sei unübersehbar. Ihre Habgier und ihre Heuchelei also.

Leider behandelt Schwarberg auch das Phänomen, daß die Menschen in zwei Geschlechter unterteilt sind, von denen das eine lange Zeit im Schatten des anderen stand, mehr als stiefmütterlich. Es ist schon viel, wenn er gelegentlich erwähnt, er habe sich mit dieser oder jener Frau verhei-ratet. Die postmoderne Befreiung des Weibes, die dasselbe zur „eisernen Kanzlerin“ (Margaret Thatcher) oder rotgrünen Kriegsbraut zu befähigen trachtet, ging an ihm vorbei. Damit ist es inzwischen weit gediehen. Den erwähnten Schurken Gaddafi, dem sie einige Monate vorher noch die Hand geküßt hatten, ließen die siegreichen Bringer der Menschenrechte (der Nato) am 20. Oktober 2011 einfangen, noch ein wenig quälen und demütigen und dann abknallen wie eine Ratte. US-Außenministerin Hillary Clinton, Stunden nach der Vollzugsmeldung im CBS-Fernsehen mit einer Moderatorin, also mit einer weiteren empanzipierten Frau plaudernd, breitet die Arme aus und strahlt: Wir kamen, wir sahen – er starb!

* Göttingen 2007, S. 216
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