Sonntag, 1. Juli 2012
Die Schreibblockaden der Gespaltenen
Das Phänomen, sich nach der Veröffentlichung eines Textes zu verzehren und sich schon wenige Tage oder Wochen nach der Veröffentlichung über die Schwächen dieses Textes zu grämen, verfolgt mich seit ich schreibe. Nachwuchsschriftstellern (beiderlei Geschlechts) sei deshalb geraten: macht es besser als ich und veröffentlicht von Anfang an unter Pseudonym. Dann kratzen euch weder die Schwächen eures pseudonymen Alter egos noch eure eigenen, von denen ja wiederum jenes nichts weiß. Jedem vernünftigen Menschen scheint hier die Möglich-keit unbegrenzter Ausweichmanöver auf. Einen weiteren Vorteil sah Stefan Zweig. Er schwärmte in seinem Lebensrückblick Die Welt von gestern, hätte er sich nur rechtzeitig für ein Pseudonym entschieden, könne er heute „diese beiden Glückszustände, den des literarischen Erfolges und den der persönlichen Anonymität“, gleichsam verdoppelt genießen. Das Leben sei ja schon an sich reizvoll und voller Überraschungen, wie aber erst das Doppelleben!

Das Ausrufungszeichen stammt von Zweig. Daran rüttelt Armin Müller im Tagebuch mit einer „erschreckenden Beobachtung“, die er bei einer Diskussion mit Lehrern macht. „Nach etwa einer Stunde war es mir, als teilte ich mich. Ich: das waren plötzlich zwei. Der eine spürte eine lähmende Müdigkeit, der andere redete weiter. Das Beun-ruhigende: Der Ermüdete lehnte sich zurück, musterte sein zweites Ich und dachte: Laß den nur reden. Ganz egal, was er sagt. Hauptsache, ich hab' meine Ruhe.“

Ich erwähnte einmal Alains Seufzer, der größte Feind eines Menschen sei dieser selber. Dazu gehören natürlich immer zwei. Bei Müller scheint die Schizophrenie aber bloß geschlummert und gegrummelt zu haben, sonst hätte er sich kaum zurückgelehnt, fliegende Mädchen mit Schmetterlingsflügeln auf die Leinwand getupft und halbwegs gefaßt seinem Alter (76) entgegengesehen. Dagegen notierte der schwedische Schriftsteller Stig Dagerman in jungen Jahren: „Ich habe keine Philosophie, in welcher ich mich bewegen könnte wie der Vogel in den Lüften und der Fisch im Wasser. Alles was ich besitze ist ein Zweikampf, und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen Tröstungen, die bloß die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung“, womit er wahrscheinlich Liebes- oder Schreibwonnen im Auge hatte.

Ehrenburg hätte Dagermans Leiden am „Zweikampf“ vermutlich verstanden. „Ohne überscharfe Sensibilität“, schreibt der Sowjetrusse in seinen Memoiren, „gibt es keinen Künstler – er mag Mitglied von zehn Verbänden sein. Damit gewöhnliche Worte erregen, damit die Leinwand oder der Stein lebendig wird, muß Leidenschaft am Werk sein. Der Künstler verbrennt schneller: Er lebt für zwei. Denn außer seinem Schöpfertum hat er ja noch sein verworrenes Leben – bestimmt nicht weniger als andere Menschen.“ Allerdings kann es um Dagermans Wonnen am Schreibtisch nicht sonderlich gut bestellt gewesen sein. Es heißt, bald nach seinem vielbeachteten Roman Gebranntes Kind (1948) habe den vom Dorf stammenden Sohn eines Sprengmeisters und einer Telefonistin eine „Schreibblockade“ ereilt. Zweikampf und Konkurrenzdruck forderten wieder einmal ein Todesopfer: Im November 1954 wurde der 31jährige an Auspuffgasen erstickt in seiner Garage gefunden.* Damals war ich vier.

Vielleicht hätte Dr. Sauerbruch Dagerman aufgrund seines „gespaltenes Seelenlebens“ schizophren genannt und mit künstlichem Winterschlaf oder Psychopharmaka zu heilen versucht. Der bekannte Arzt starb 1951. Der Schizophrene galt als Idiot. Seine Krankheit beruhe hauptsächlich auf erblicher Veranlagung, glauben viele noch heute. Somit kann sie der „normale“ Mensch weit von sich weisen. Doch den Umstand, irgendwelche Eltern zu haben, kann er nicht ungeschehen machen. Sie vererben ihm die Schizophrenie bereits in frühster Kindheit. Dieselbe Frau, die ihn mit Küssen überhäuft, straft ihn mit ihrer Nichtbeachtung oder mit Fußtritten. Ist er also das liebenswerteste Kind auf der Welt oder ein Stück Scheiße? Durch die gegebene Abhängigkeit wird die Klemme enorm verstärkt. Er ist auf die Liebe, die ihm jene Frau entziehen kann, angewiesen. Umgekehrt kann er seiner Mutter Hiebe versetzen, weil er ihre Hervorbringung, oft sogar ihr „Ein und Alles“ ist. Mal liebt, mal straft er sie. Sein Vater ist natürlich auch noch da. Zur Abwechslung gibt er nicht die Doppelrolle der Mutter sondern den Ignoranten. Sein Kind interessiert ihn nicht. Die Heimtücke liegt nun darin, daß sich der Mangel an Aufmerksamkeit, Zuneigung, Anerkennung bei nahezu jeder problematischen Vatergestalt mit deren Übermacht paart. Deshalb hat der Sprößling später erhebliche Schwierigkeiten, Anerkennung woanders zu suchen und zu finden als eben auf Seiten der Macht.

Erreicht er das Stadium der Selbsterkenntnis, kann er Dutzende von „Autoritäten“ aufzählen, denen er in ziemlich beschämender Weise hinterher gelaufen ist. Wie sich versteht, wurde er auch von ihnen zumeist ignoriert. Kommt es aber einmal zu näherer Bekanntschaft, wird die betreffende Vaterfigur stets doppelt und eben schizophren von einem umworben und bestürmt – von einem Bettler um Liebe und von einem Mörder. Zu einer tragfähigen Beziehung kommt es nie.

* Näheres zu Dagerman in Band 15



Siehe auch
>Ambivalenz
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