Sonntag, 1. Juli 2012
Mißgriff Mensch
Zu den Schauplätzen meines Buches Der Fund im Sofa zählt eine Art Wagenburg, die auf einer Obstwiese hinter dem stillgelegten Bahnhof von Stichtaöhr liegt. Der Bahnhof gehört den Leuten, die in den Wagen leben, und dient ihnen sowohl als Vereinshaus wie als Erwerbsquelle, betreiben sie doch eine Gaststätte mit angeschlossenem Snookersalon in ihm. Kriminalkommissar Köfel kann bereits von weitem den neuen Bahnhofsnamen von der Fassade ablesen: Zur Melankolonie. Später bestätigt ihm Vereinsmitglied Heinz Melcher, es handele sich bei diesem Namen keineswegs nur um eine GründerInnengrille. „Das in allen weltanschaulichen Lagern beschworene Positive Denken wird bei uns nicht verlangt. Im Gegenteil schreibt uns das Statut vor, auch skeptische oder gar lebensüber-drüssige Haltungen zu achten. Es gibt gute Gründe – darunter Ozeane voller Leid – um das Leben nicht zu verherrlichen. Oder finden Sie das nicht? Als Spürhund der Strafverfolgungsbehörden dürften Sie ja Ihre Nase schon in so manchen Abgrund gesteckt haben.“

Leider existieren sowohl Stichtaöhr wie die Melankolonie lediglich auf Papier, sonst hätte ich mich längst um Aufnahme bemüht. In den rund fünf Jahren, die ich in zwei linken Kommunen verbrachte, zählte mein „Negatives Denken“ zu den Eigenschaften, die mich schließlich wieder aus ihnen vertrieben. Wie mir mehr als einmal bedeutet oder vorgehalten wurde, neigte ich zum Schwarzsehen, brachte mich zu wenig „konstruktiv“ ein, gefiel mir demnach in der Rolle des Zerstörers („destruktiv“), womit ich wenigstens nicht als Faulpelz galt. Auch die Namen Miesepeter, Kulturpessimist, Defätist fielen. Die Tragweite des zuletzt angeführten Begriffs war meinen Mitstreitern wahrscheinlich nicht bekannt. 1944 wurde die Lehrerin Elisabeth von Thadden in Berlin-Plötzensee wegen Defätismus hingerichtet; sie hatte nicht mehr an den Endsieg geglaubt und ihren Unglauben auch noch verbreitet. Der sowjetische Schriftsteller Daniil Charms zeigte bei der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht Defätismus; man steckte ihn ins Gefängnis, wo er 1942 verhungerte. Schon einen Weltkrieg früher kann Lehrerkollege Nabucet den Außenseiter und Kriegsgegner Cripure endlich als „verkappten und deshalb um so gefährlicheren Defätisten“ ertappen; daran stirbt der zunehmend verwirrte Cripure insofern, als er sich – in Louis Guilloux' Roman Schwarzes Blut von 1935 – noch am selben Tage umbringt. Im Oktober 2003 – dem Gründungsjahr der Kommune Waltershausen, die ich mitaufbaute – warf Bundeskanzler Gerhard Schröder Kritikern seiner Agenda 2010 ebenfalls Defätismus vor. Jetzt ist der Aufschwung da.

Gewiß bedarf es zum Aufbau einer Kommune in einer heruntergekommenen Puppenfabrik der Bereitschaft, die Ärmel aufzukrempeln und die gemeinsame „Vision“ hochzuhalten. Wie sich nach Ansicht etlicher Aussteiger-Innen in Waltershausen jedoch gezeigt hat, verleitet diese „positive“ Haltung leicht zu Illusionen, womit sie zur Überforderung führt und die Blütenträume früher oder später unsanft platzen läßt. Haben die Leute mit der „negativen“ Haltung, die Zauderer, Mahner, Schwarzseher-Innen also, Pech, werden sie dann auch noch zu den Sündenböcken der unliebsamen Entwicklung gemacht. Ihr wart zu ungläubig. Ihr habt die Katastrophe herbeige-redet. Ihr beschwort das Schlimmste – jetzt ist es da. Diesen Mechanismus gibt es selbstverständlich. Grund-sätzlicher noch, gibt es fast immer die Möglichkeit, dasselbe Phänomen verschieden aufzufassen – und dieser Umstand ist nicht unbeträchtlich mit dafür verantwortlich, daß es jene Hasenfüße auf die dunkle Seite der Welt getrieben hat.

Damit berühre ich, nicht zum ersten Mal, das Problem der Ambivalenz. In Remarques Obelisk versichert Anstalts-vikar Bodendiek dem jungen Grabsteinverkäufer, der die Geschichte erzählt, wenn man etwas beweisen wolle, könne man alles beweisen. „Das Gegenteil auch. Für jede vorgefaßte Meinung lassen sich Beweise erbringen.“ Er hat recht; meine Betrachtungen wimmeln von Beispielen. Und warum greift diese Methode? Weil die Phänomene und Situationen, solange sie von Menschen, gar von verschie-denen Menschen betrachtet werden, nie eindeutig sind. Sie lassen stets „Interpretation“ – im Falle des Pfarrers „Exegese“ zu. Es ist dann eine Frage der Veranlagung und der Auslegungskunst, sie sich so hinzubiegen, wie man sie zu sehen wünscht. Der schweizer Politiker und UN-Diplomat Jean Ziegler prangert in seinem Buch Der Hass auf den Westen von 2008 jene die Welt beherrschenden Praktiken und Strukturen an, die man heute nicht mehr „Imperialismus“ nennen darf. Für die Brüsseler Kommissare und die Chefgeier der Weltbank handelt es sich bekanntlich um caritative „Globalisierung“. Und wenn sie sich, als die absolut Stärkeren, Freiheit im Welthandel erbitten, ist es keine Erpressung, vielmehr Gerechtigkeit. Sucht sich dagegen ein verelendetes afrikanisches Land durch Zölle zu schützen, fühlen sie sich diskriminiert. Ja, so sind sie: die Vorfahren der SchutzzöllnerInnen zu Millionen massakrieren – und sich jetzt Diskriminierung verbitten.

Man sieht schon, oft ist in der Auslegungskunst auch noch für Höflichkeit Platz. Ein Kunstliebhaber räumte mir gegenüber kürzlich in einer Email ein, er habe meinen Aufsatz über Moderne Lyrik gelesen, in dem ich mich ja auch allgemein zur Modernen Kunst äußere. Es habe ihn auch zu einer Entgegnung „gejuckt“, aber dann habe er sich gesagt, vielleicht fehle mir einfach „der Zugang“ zur Modernen Kunst, dagegen sei schlecht zu argumentieren. Großartig! Der Zugang! Er erspart sich eine Auseinander-setzung, und ich stehe als Vollidiot da.

Wollte ich ergründen, warum der Kerl das macht, hätte ich wahrscheinlich selbst dann noch schlechte Karten, wenn ich ihn besser kennen würde. Hier grüßt das Problem Vermischter Motive, das uns auf Schritt und Tritt begegnet – und das uns genauso oft zur Verzweiflung bringen kann, weil die Gründe eines Handelns / Unterlassens / Glaubens in der Regel ein unentwirrbares Gemenge aus objektiven und subjektiven, greifbaren und entlegenen Antrieben darstellen. Nimmt man die Gesichtspunkte der Ambiva-lenz und der schwer faßbaren Motive zusammen, müßten sie uns eigentlich zur Vorsicht anhalten. Aber gerade diese verbittet sich ja der Positivist. Er will Unerschrockenheit, Tatkraft, Begeisterung. Mahnt der Vorsichtige wiederholt die Sanierung der verwitterten Ziergiebel über den Treppenhausrisaliten der Puppenfabrik an, weil sie vielleicht im Zuge oder Gefolge des nächsten Orkans Marke Kyrill auf den Bürgersteig fallen werden, bricht er der Begeisterung natürlich ihre Spitze ab. Die Begeisterung möchte mit spärlichen Mitteln binnen weniger Monate ein gemütliches Heim für die ersten 30 Kommunarden aus dem sumpfigen Gelände stampfen. Für einen Mitbürger, der den Bürgersteig zufällig benutzt, während die Ziergie-bel abstürzen, kann es dann schon mal ungemütlich werden.

Gleichwohl ist nicht auszuschließen, daß der Mahner auch von dem rauhen Wind angetrieben wird, der ihn dereinst aus dem Geburtskanal seiner Mutter fegte. So robust aus der Traulichkeit in absolut unwirtliche Gefilde gestoßen zu werden, könnte ja durchaus für ein Mißtrauen sorgen, das einen als Charakterzug bis ins Grab begleiten wird. Umgekehrt scheint es aber auch Föten zu geben, die ihre Fahrt ans Licht der Welt als geile Rutschpartie erleben, sonst wäre die überwältigende Verbreitung des Positiven Denkens kaum zu erklären. In welchem Maße beide Erfahrungshintergründe an aktuellen Verhaltensweisen und Entscheidungen beteiligt sind, läßt sich allerdings auch mit dem modernsten Ultraschallgerät nicht ermessen. Kommen alle möglichen Nebengründe hinzu, die im Spiel sein könnten: Rache, Sehnsucht, Ablenkungs-wille, Mißgunst, Laune, Wetter und so weiter. Bei Menschen, die unter herzlosen oder tyrannischen Vätern/Chefs zu leiden hatten, geht ihr „Autoritätspro-blem“ vermutlich noch nach Jahrzehnten in Auflehnungen oder Verurteilungen ein, die völlig andere Fälle betreffen. Führt diese Vermutung zur Entwertung ihres Protestes gegen – beispielsweise – Kanzler Schröders Sozialkahl-schlagpläne, haben die Protestierenden sozusagen den Schwarzen Peter Hartz gezogen.

Schon das bislang Ausgeführte böte Berechtigung genug, die Menschenwelt grundsätzlich als zu kompliziert und grausam abzulehnen. Ich sage grausam, weil die ganzen Mißverständnisse und Auslegungskämpfe für zahlreiche Bauchschmerzen bei den meisten Beteiligten sorgen, von den fehlschlagenden Folgen der schließlich ergriffenen Maßnahmen wie auch den Spätfolgen der Bauchschmerzen ganz zu schweigen. Positivst X. jedoch winkt ab: Er übertreibt natürlich wieder mal. Für mich gibt es keine grausamen Verwicklungen; ich mache mir einen Sport daraus, die Probleme auf die Hörner zu nehmen. Eine unproblematische Welt wäre ja furchtbar langweilig! Ja, weil er Hörner hat. Offenbar war es ihm gegeben, sie unbeschadet durch den Geburtskanal zu bringen oder sie sich jedenfalls nicht an den trittfrohen Schuhsohlen seines Erzeugers abzustoßen. Rutscht ein anderer zuerst mit seinen Hasenfüßen heraus, werden sich höhere Mächte schon irgendetwas dabei gedacht haben. Der Kampf ums Dasein ist kein Deckchensticken. Hier grüßt uns „natürlich“ der Zylinder kapitalistischer Konkurrenz und unter ihm das rosige Antlitz des Sozialdarwinismus, der sich bereits um 1900 großer Popularität erfreute und mit Hitlers Selbstmord leider nicht erledigt worden ist. Die Dornen im sozialdarwinistischen Auge heißen Schwäche, Mitgefühl, Solidarität und allgemeine Menschenwürde – von der auch die höheren Mächte nichts zu halten scheinen.

Der Negativist weigert sich also, die frömmelnde Einstein-formel zu unterschreiben, nach der Gott angeblich nicht würfelt. Er hält die offensichtlich willkürliche, jedenfalls nicht nachvollziehbare Zuteilung von mehr oder weniger günstigen Schicksalen für untragbar. Warum Contergan für den einen und für den anderen nicht? Warum wurde der achtjährige Moritz um 1990 in die Kommune Emsmühle geboren, statt um 1950 in einem Kellerloch Jakartas nach Milch zu brüllen? In diesem Fall wäre er vielleicht Mitglied der Kommunistischen Jugendorgani-sation, als solches von Suhartos Schergen um 1965 verhaftet und wie viele Tausend andere umgebracht worden.

Damit zur nächsten Klammer: ich meine die zwischen Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Für die meisten meiner Zeitgenossen stellt alles Nichtgegenwärtige kalter Kaffee oder blauer Dunst dar. Falls sie überhaupt schon einmal von Suharto gehört haben, dann ist er für sie vorbei. Seine Regierungszeit ist nicht mehr aktuell. Somit sind auch seine Opfer nicht mehr aktuell. Spanienkrieg? Francos lange Mohren stechen mal eben ein paar Dutzend verwundete Kämpfer der Internationalen Brigaden ab? Das sei Literatur oder Ernst-Busch-Platte, wird gespottet. In Wahrheit blutet Spanien nach wie vor. Zudem hängt die „Finanzblase“ wie eine Gewitterwolke über ihm. Aber niemand möchte etwas davon hören, diese Wolke habe sich schon in grauer Vorzeit zusammengebraut, als um kurzfristiger Profite willen ganze Völker und Kontinente ausgeplündert und entwertet wurden. Ähnlich stecken in jedem nagelneuen Auto, das bei Opel Eisenach auf die Halde gefahren wird, die Verluste, die in grauer Vorzeit bei der Eisenerz- und Stahlgewinnung gemacht wurden: neben Unmengen von Toten und Kranken gerodete Wälder, errichtete und wieder stillgelegte Bergwerke, verseuchtes Wasser, veraltende Fabriken, wertvernich-tende Absatzkrisen, Kriege. Die Volkswirtschaft als Ver-lustgeschäft. Eine Handvoll Betriebswirte gesundet an ihr.

Neben der enormen Spannung zwischen Vergangenem und Kommendem machen uns die oben schon gestreiften Klüfte zu schaffen, die kaum oder nie zu überbrücken sind – ich fürchte tatsächlich nie, weil sich die konkurrierenden Seiten immer wieder gegenseitig entkräften: Denken/Han-deln, Technik/Moral, Toleranz/Konsequenz, Mit-tel/Zweck. Immer werden die Kosten vernachlässigt, die jeder Triumph einer Seite mit sich bringt. In seinem Roman Wie eine Träne im Ozean läßt Sperber seinen betagten Historiker Von Stetten bezüglich der Mittel-Zweck-Klemme kurz und bündig feststellen, der soge-nannte Sieg schaffe neue Umstände, die ihn konsumierten. Chargaff bläst ins gleiche Horn, wenn er in seinen Erinnerungen Das Feuer des Heraklit beiläufig bemerkt, die gute Seite könne nie gewinnen; gewinne sie nämlich, bleibe sie nicht lange gut. Welche uns bekannte Revolution hätte dafür nicht den Beweis erbracht? Ich habe an anderer Stelle auch schon von unseren persönlichen „Selbstüberwindungen“ gesprochen – sie kommen uns gleichfalls teuer zu stehen. Derjenige, der Mann wird, tötet die Frau in sich; der endlich erwachsen geworden ist, das Kind. Lege ich mir aus Schutzgründen ein dickes Fell zu, stumpfe ich ab. Der Fall jenes Greises, der im Pflegeheim dahinsiecht, kann mich nicht mehr erweichen. Die Polizeikugeln, die im Dezember 2008 in Athen den 15jährigen Griechen Alexis Grigoropoulos treffen, sind nicht mehr anfeuernd genug, um mich auf die Barrikaden zu treiben. Ich benötige meine mühsam errungene „Ich-Stärke“, um meinen Alltag zu bewältigen, mich in meinen hundert Zwiespälten notdürftig zusammenzuhalten und die Fragen nach dem Sinn des Ganzen abzuwehren.

In einer linken Kommune steht vor allem die Alltagsbewäl-tigung im Vordergrund. Zu ihrer diesseitigen Orientierung paßt es nicht, auf der Versammlung metaphysische Fragen anzuschneiden oder dem Engagement in einer Projekt-gruppe die Versenkung in eine Lektüre oder in einen eigenen Text vorzuziehen. Einmal hatte ich einen kleinen Zusammenstoß mit P., der mich abends am Schreibtisch aufstörte, um irgendeine Heizungsfrage mit mir zu erörtern, die nicht unbedingt dringend gelöst werden mußte. Er hatte das Pech, erst als Fünfter an meine Zimmertür zu klopfen und bekam so meinen Ärger über seine vier VorgängerInnen ab. Ich fluchte, man schreibe literarische Texte nicht wie Flugblätter oder wie Bestellisten für die Kommuneküche. Nach jeder Störung habe man das zerrissene Gespinst neu zu weben – falls man es überhaupt noch könne. Er fluchte zurück, für meine Gespinste könne sich die Kommuneküche leider nichts kaufen; vielleicht überschätzte ich auch die darin steckende Leistung. Die ganze sogenannte geistige Arbeit werde in gewissen Kreisen überschätzt. Es sei doch wohl bewundernswerter, wenn sich ein Erwerbsloser seinen Heizkostenzuschuß erkämpfe oder eine alleinstehende Mutter ein Kind aufziehe. „Wieso?“ brauste ich auf. „Woher nehmt ihr das Wissen, ein Ofen sei wichtig, ein Kind sei wichtig – das ganze verherrlichte Leben sei wichtig? Gar nichts wißt ihr; ihr glaubt es nur. Also darf ich gefälligst auch daran glauben, meine Art geistigen Widerstandes gegen die Zumutungen des Daseins seien wichtig für mich. Von der Beglückung Dritter ist ja gar nicht die Rede.“

Mögen solche Possen auch komische Züge haben; mit der Auffassung, die ich P. vortrug, ist es mir durchaus ernst. Ich bin tatsächlich davon überzeugt, niemand auf Erden könne sich anmaßen zu entscheiden, worin des Menschen Bestimmung liege und wie wichtig er für den Planeten oder das Universum sei. Dazu sind wir schlicht zu befangen in der einzigen uns zugänglichen Existenzform, die aber möglicherweise nur eine unter Millionen Formen des Seins oder auch Nichtseins ist. Wer auf die berüchtigte Insel statt 20 Broten lieber 2 Brote und 18 Bücher mitnehmen möchte, möge damit selig werden. Möchte er sich lieber schon vorher umbringen, spricht auch nichts dagegen – ich muß es ja nicht tun.

Wie sich versteht, stellt die über die Menschheit verhängte allgemeine Todesstrafe das erste und schwerwiegendste Argument gegen die Positivisten dar. Einem Wesen zu bedeuten, es lebe auf den Tod zu, ist nicht gerade freund-lich. Man könnte auch von einer mitunter recht gedehnten Folter sprechen – ein Blick ins nächste Pflegeheim genügt. Nebenbei halte ich es für wahrscheinlich, mindestens 80 Prozent aller menschlichen, vor allem jedoch männlichen Aggressivität verdanke sich eben dieser Quelle, nämlich sterblich, verletzbar, ja überhaupt nur angreifbar zu sein. Ich kann es nur nicht beweisen.

Kürzlich eröffnete mir ein langjähriger Brieffreund, dem ich viel Zuspruch und zahlreiche Anregungen verdanke, ich hielte seinen letzten Brief in Händen. Alt, krank, müde, wie er sei – er ist rund 20 Jahre älter als ich – könne er wohl in Zukunft kaum noch ebenbürtig auf mich eingehen; daher sei es besser, den Briefwechsel jetzt zu beenden. Das war ein harter Schlag für mich. Dennoch nötigte mir sein Schritt, nach dem ersten Schmerz, auch Bewunderung ab. Statt sich selbst und dem Brieffreund etwas vorzumachen, baute er vor: der Zerrüttung seines Gemüts, der Peinlich-keit, der gewaltsamen Trennung. Aber wie einsam mußte er nun damit sein – mit dieser Hoffnungslosigkeit! Die Sache geht mir nahe bis zur Stunde.

Schrecke ich selber bislang davor zurück mich umzubrin-gen, dann selbstverständlich nicht, weil ich sonderlich am Leben hinge, sondern aus Angst vor der leider völlig ungewissen Beschaffenheit, die mich anschließend erwartet. Bestünde sie aus einer Insel, in der keine Bücher verbrannt und keine Benno Ohnesorgs erschossen werden, wäre ich schon längst über alle Berge. Allerdings dürfte an meinem Sträuben auch die Angst vor einem Nichtsein beteiligt sein – die Vorstellung, buchstäblich ausgelöscht zu werden, ist unangenehm. Deutet das aber nicht darauf hin, daß ich sehr wohl noch am Leben hänge?

Selbstverständlich. Dafür kann ich aber nichts. Ich habe nicht darum gebeten, nach Muttermilch, Atemluft und dem regelmäßigem Pochen meines Herzens süchtig zu sein. Ich habe auch nicht um meine Hasenfüßigkeit und mein dünnes Fell gebeten. Laut Camus' Der Mensch in der Revolte schwebte dem jungen französischen Revolutionär Saint-Just eine Rechtsprechung vor, die nicht darauf aus sei, den Angeklagten schuldig, vielmehr schwach zu finden. Saint-Just selber hat diese Idee später als Konventskom-missar im Elsaß grausam verraten.



Zum Thema Melancholie siehe auch
>Metaphysik
>Solidarität–Eigennutz
>Tod
Warum Bott nur „unter Protest“ lebt: Kapitel VI, Abschnitt 14 gegen Ende
H. Jäckel übers „Rebirthing“ einer Positivistin: Kapitel 12
Zwei Stücke von Schneeschippen: septemberlied (mp3, 2.879 KB) und im schlaraffenland (mp3, 2.444 KB)

Zum Thema Ambivalenz siehe außerdem
Kapitel Partisanenkampf
Kapitel „Sündenbock“ und Spießumkehren
Kapitel Kriegsgründe, in der 2. Hälfte des Beitrags
Bei Stig Dagerman
„Ur-Ambivalenz“: Kapitel Käfighaltung, gegen Beitragsende
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