Sonntag, 1. Juli 2012
Klavierhandschuhe
Einige Takte übers Schreiben

Umfang 26 Druckseiten


Mayall macht nach + Herzblut + Bewußtseinsstrom (Mar-lene Streeruwitz) + Das Daßdaß + InhaltsverzeichnerInnen + Diplomarbeitsdeutsch + Ohrenschmäuse (Jules Renard) + Erz ählen + Eigenliebe + Niederlagenstärke + Lektoren + D. H. Lawrence + Ängstliche Egomanen + Poetologie + Die Zeit hat keine Farbe (VerlegerInnen) + Mich schmerzt mein Herz (Randfiguren) + Schattenboxen (Urheber-tümelei)



Mayall macht nach

Meine Laufbahn als Schriftsteller begann vor ungefähr 20 Jahren mit Sitzungen, bei denen ich in feierlicher Verfas-sung durch die Kimme meiner Adler-Schreibmaschine starrte und auf die Eingebung wartete. Ich nehme an, nach einem hübschen Bild aus Musils bekanntem Wiener Wälzer erhoffte ich mir jene Augenblicke, „wo uns Gott wie einen Handschuh packt und ganz langsam über seinen Fingern umstülpt.“

Wähnte ich mich schließlich mit einem Ruck ergriffen, popelte ich verbissen an vier oder fünf Sätzen herum, bis mein Papierkorb die zerknüllten Varianten nicht mehr fassen konnte. Rasch in den Ofen damit! Auf diese Weise verwandelte sich mein Papierkorb in ein Faß ohne Boden. Ich konnte auf nichts aufbauen. Ich erlaubte mir keine Lehre. Wollte ein Sattlerlehrling nach einem falschen Ahlenstich in die Kniepausche den ganzen Sattel in den Müllcontainer werfen, träte ihn sein Meister gleich hinterher. Der Trugschluß, als Komponist von Worten oder Noten auf Anhieb sowohl Vollkommenes wie Unver-wechselbares schaffen zu können, wird sicherlich durch die scheinbare „Leichtigkeit“ des Materials begünstigt. Die Worte und Noten spiegeln Handhabbarkeit vor, und das weiße Papier scheint nur danach zu lechzen, endlich ein Profil zu bekommen. Doch selbst der Zeichner pflegt seine Porträts herauszuschälen. Bott bekam dieses tastende Vorgehen einmal auf einer Cafehausserviette von einer Kasseler Karikaturistin demonstriert.

Entsprechend schälen sich über viele nachahmende Versuche und Einzelveröffentlichungen auch Lebenswerke heraus. Ihre „Originalität“ ergibt sich von ganz allein. Mit 60 erklärte Blueschampion John Mayall, es gebe nichts Neues in der Musik; Kopieren sei alles. Zuletzt habe man sich derart viele verschiedene Dinge angeeignet, daß man nicht mehr wie die Kopie eines anderen Musikers klinge.

Hätte mir jemand vor 20 Jahren die „Klavierhandschuhe“ der Wiener Nonsense Erfindermesse unter die Nase gerieben, während ich vor meiner Schreibmaschine hockte, hätte ich den Anspruch auf päpstliche Unfehlbarkeit vielleicht sausen lassen, weil sie sie ausgeübt hätten. Sie zeichneten sich durch abwechselnd weiß und schwarz gefärbte Finger aus.


Herzblut

Liebe S., um mit der Tür ins Haus zu fallen: ich habe dein Buch nach wenigen Kapiteln wieder beiseite gelegt. Es fesselte mich nicht genug. Trotzdem finde ich es – für eine junge Schriftstellerin – erstaunlich sauber geschrieben. Auch dein Wortschatz ist unerwartet groß. Phantasie hast du ohnehin. Was jedoch fehlt, ist so etwas wie Feuer.

Der Textauszug auf der Rückseite deines Briefes atmet schon etwas mehr davon. Woran könnte jenes Desiderat (Mangel an Feuer) liegen? Du selber wirfst dir vor, das Buch mit zuviel Herzblut geschrieben zu haben – aber eben daran mangelt es. Vielleicht hast du dich dem falschen Herzen anvertraut, nämlich deinem eigenen. Ich selber vertraue mich lieber dem Herzen der Sprache an. Und damit fahre ich prima. Schreibst du aus dem eigenen Herzen, quillt bekanntlich viel Spontanes, Emotionales, Sentimentales aus ihm hervor, was für literarische Texte immer Gift ist. Also streichst du das meiste von diesem Erguß wieder; du frisierst den Text – und siehe da, jetzt ist er so sauber, wie oben gelobt, nur leider auch knochen-trocken. Mit dieser Prosa wirst du keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken; sie ist zu kalt.

Schreibst du dagegen aus der Sprache heraus, hast du gute Chancen, diesem Schicksal zu entgehen. In der Sprache ist alles enthalten; und zwar auf die anschaulichste und sinnlichste Weise. Du brauchst es bloß abzurufen, indem du einmal anfängst. Der erste Satz zieht den nächsten nach sich; ein Wort gibt das andere. Alles, was du entdecken oder erfinden möchtest und auch wirst, steckt nämlich keineswegs in dir; es steckt in der Sprache. Warum? Ganz einfach: weil sie älter, erprobter, weiser ist als wir. Daß Herzen etwas mit Feuer zu tun haben, und Hunde mit Öfen – das liegt in der Sprache. Sie drängt es uns geradezu auf. Wir müssen nur genau hinhören können. Denn in einem gewissen Sinne ist die Sprache zu reich. Aber dadurch zwingt sie uns zur freien Auswahl. Die so nahe-liegende Methode, die ich hier zu erläutern versuche, verlangt uns allerdings keine geringe Konzentration ab. Jedes Wort muß schon beim ersten Entwurf auf die Goldwaage gelegt werden. Wählst du nämlich das falsche Wort, gerätst du auf Abwege – alles war umsonst. Somit kann bei dieser Methode kaum von einem spontanen oder gar automatischen Schreiben gesprochen werden. Immer-hin bedienten sich ihrer solche gediegenen Schriftsteller-Innen wie Montaigne, Henry D. Thoreau, Alain, Erwin Chargaff und jene Ilse Aichinger, von der du das Motto deines Buches entlehnt hast.

Vielleicht könnte man sagen, das Feuer werde dauernd auf Sparflamme gehalten, vom ersten bis zum letzten Satz. Eben daraus ergibt sich im ganzen der Eindruck von Glut. Dieses Wort taucht zum ersten Mal in diesem unbehol-fenen Versuch auf. Es stand nicht in meinem Konzept – denn ich hatte keins. Es war nicht Bestandteil meiner Gliederung – ich schrieb ins Blaue. Aber es stimmt. Es mußte notwendig auftauchen, weil es jenes „Desiderat“, das ich einzukreisen versuche, genauer als das Wort Feuer trifft, mit dem es freilich verwandt ist. Alles liegt bereits in der Luft, wenn wir uns nur einmal von uns selber lösen und uns vielmehr diesem sehr allgemeinen Phänomen Sprache anvertrauen. Wir selber sind nicht sonderlich wichtig. Jedenfalls verlangt das die Literatur von uns, und zu der stehe ich. Die Literatur will Horizonte öffnen; die Enge haben wir selbst.

Bei allem konzentrierten Glutschüren muß allerdings eingeräumt werden, daß es noch immer einer gefaßten Musterung aus dem Abstand heraus bedarf. Es sei denn, man hieße Alain, der seine stets buchreifen knappen Zeitungskolumnen („Propos d'Alain“) angeblich Abend für Abend aus dem Ärmel schrieb, ohne jede Korrektur. Letztlich geht es also durchaus immer um Frisierung, einerlei, welche Methode des Schreibens wir bevorzugen, weil sie uns liegt. Immer ist das Schriftstellern ein grausames Geschäft. Von anarchistischen Landkommunen ist es ungefähr so weit entfernt wie Penunzenkanzler Gerhard Schröder über unseren Millionen Erwerbslosen und Rentnern steht. Ob ich auf Anhieb unterschlage oder im Nachhinein ausrotte – stets richte ich als Verfasser eines Textes, der schließlich etwas Zwingendes atmet, ein Massaker unter soundso vielen Eindrücken, Regungen, Verführungen an. Ich muß ständig weglassen. Unzählige Tatsachen oder Möglichkeiten fallen unter den Tisch meiner Selbstherrlichkeit, die ich eben noch „der Sprache“ in die Schuhe geschoben habe, der ich mich vorgeblich anempfahl.

Und das ist nur ein Widerspruch unter vielen Widersprü-chen. Stellt nicht auch die Formulierung „etwas Zwin-gendes atmet“ ein Paradox dar? Ja, aber aus dieser Symbiose von Notwendigkeit und Freiheit geht – falls sie gelingt – die Anmut des literarischen Textes hervor. Bis dahin braucht ein Mensch viel Übung und überdies ein dickes Fell. Vermutlich wirkte schon der erste Satz dieses Briefes wie ein Nasenstüber. Ich hoffe jedoch, du wirst nicht locker lassen. Denn beim Schreiben kommt es nicht auf Begabung, Protektion, Geld an – entscheidend ist dein Durchhaltevermögen. ― Mit Herzblut H.


Bewußtseinsstrom

Eine Landsmännin und Kollegin, die der österreichischen Autorin Marlen Haushofer vermutlich eher peinlich gewesen wäre, gibt offenbar fleißig Interviews. Es sei ihr um die fortlaufende Darstellung der wachen Welt ihrer Heldinnen in allen Details und ohne Abstufung zu tun, erläutert Marlene Streeruwitz 1999 im Wochenblatt Freitag. „Es geht eigentlich nicht darum, daß ich dieses Auf-und-Nieder des Gefühls beschreiben möchte, sondern daß – brav und ganz im Sinn der Moderne – jeder Augen-blick gleich wichtig ist.“

Demnach wäre auch mein augenblickliches unschlüssiges In-der-Nase-bohren ganz im Sinn der Moderne. Es wäre genauso wichtig wie der Tritt, den mir neulich ein Pferd versetzte. Oder war es Grass, der uns aus Bild entgegen-rief: „Oskar, halts Maul!“? Er meinte Schröders Ex-Finanzminister Lafontaine. Ich wäge also ab. Ich suche nicht „Adäquatheit“ sondern leiste Widerstand. Ich wähle aus, statt mich in meinem „Bewußtseinsstrom“ zu suhlen. Ob als Essayist oder Erzähler, ich bemühe mich, Wackel-puddingen Gestalten entgegen zu setzen. Diese finde ich nicht, indem ich auf den Zug vom Niederen zum Höheren springe, den die (Literatur-)Geschichte angeblich hat – vergleichen Sie Essays von Montaigne, Thoreau, Orwell, Chargaff, und Sie werden mir beipflichten, sie kommt ohne diesen Zug aus. Anders ausgedrückt, suche ich Häfen, denn auf dem steuerlosen Schiff befinde ich mich bereits.

Im Grunde ist die Rede vom Bewußtseinsstrom – dem laut Streeruwitz die ihn darstellende Sprache „adäquat“ sein muß – der Rede vom Fortschritt adäquat, den man nicht locker läßt zu preisen, obwohl er bereits ohrenbetäubend über uns zusammenbricht. Man muß modern sein. Denn je moderner, umso differenzierter und damit verfeinerter ist unsere Lebensart. In Jugoslawien differenzieren und verfeinern unsere Bomber Donau-Brücken. Allerdings war dieses Verfahren schon im alten Rom bekannt: „Teile und herrsche.“ Nahezu filigran ist auch die Aufteilung des Weltbruttosozialproduktes. Nach jüngstem UN-Bericht verfügen 20 Prozent der Weltbevölkerung über einen Anteil von fast 90 Prozent, während sich die ärmsten 20 Prozent ein Prozent zu teilen haben. Das hindert freilich die diversen Aufständischen oder Aufgehetzten in Sierra Leone oder sonst einem Winkel der von uns ausgeplün-derten Dritten Welt nicht daran, sich gegenseitig die Gliedmaßen abzuhacken oder die Augen auszustechen. Von diesen Techniken kann man bereits im Alten Testament lesen.

Wer der historischen Entwicklung unbedingt eine Tendenz bescheinigen will, muß neben der Zersplitterung im selben Atemzug von der Verklumpung sprechen. Die Grenzen fallen. Dies spiegelt sich selbstverständlich in unserer Sprache wieder. Alles Arbeit, alles Information, alles in Ordnung oder alles klar – in dem einen Bewußtseins-strom. Nur die Arbeit des Nachdenkens und Bewertens wird uns freundlicherweise erspart. Hier reiht sich auch der „erweiterte Kunstbegriff“ ein, den Robert Gernhardt in seinem just 1999 veröffentlichten Buch Der letzte Zeichner so ergötzlich wie fachmännisch zur Ader läßt. Nach dieser bequemen Zauberformel gibt es zwischen einer Handvoll bunter, senk- und waagrecht angeordneter Legobausteine (Mondrian), einem von Bildschirmen und Lautsprechern produzierten Gefasel, einem Berg von Sperrmüll am Straßenrand einerseits und andererseits Adolph Menzels stillem Gemälde Das Balkonzimmer keinen Unterschied mehr: alles Kunst. Selbst Kuhfladen oder Sandhaufen (Beuys) lassen sich mit dieser Formel zu Kunstwerken erklären. Dadurch spart man viel Arbeit. Es ist aber auch deshalb vorteilhaft, weil sich die Kunstwerke auf diese Weise jeder Überprüfbarkeit entziehen. Auf die je eigene Höhe, die ein Kunstwerk mal mehr, mal weniger erklimmt, kommt es nicht mehr an; es soll so flach wie möglich sein.

Marlene Streeruwitz’ VordenkerInnen hielten bei diesem Prozeß der gleichzeitigen Atomisierung und Zusammen-ballung emsig mit. Ich nenne stellvertretend Julio Corta-zárs Rayuela (1963), Uwe Johnsons Jahrestage (1970–83) und Ingeborg Bachmann, Klagenfurt. Streeruwitz bringt es allerdings fertig, Bachmanns Verworrenheit noch zu steigern, indem sie eifrig Punkte (.) in ihre angeblichen Prosasätze einstreut, dafür aber jede Menge Verben veruntreut. So bringt sie auch ihren in Buchdeckel einge-faßten Bewußstseinsstrom noch um alles Fließende. Wird ihr einmal von der Kritikerin Ursula März bescheinigt, sie „vermeide literarische Überhöhung“, kann ich nur lachen. Mit dem gleichen Recht könnte ich verkünden, ich hätte es immer vermieden, reich wie Rockefeller zu werden oder Marilyn Monroe für mich zu interessieren.


Das Daßdaß

Beim „Daßdaß“ handelt es sich um ein Virus, das seinen Wirt dazu nötigt, ein schlichtes Bindewort namens daß in jedem Text bis zum Exzeß zu gebrauchen. In Zeitungs-redaktionen tritt es epidemisch auf. Leider befällt es nicht nur Bestsellerautoren wie Stephen King (siehe On Writing, 2000), sondern auch gediegene Schriftsteller wie Adorno, Erwin Chargaff, F. G. Jünger, Victor Klemperer (LTI, 1947), Walter Porzig (Das Wunder der Sprache, 1950).

Heißer Anwärter auf einen Platz im Guiness Buch der Rekorde ist Manès Sperber, der daß auf den beiden Seiten 118/19 seiner Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean (dtv-Ausgabe 2003) 16 mal einsetzt. Für diese Anzahl benötigt der französische Soziologe Roger Caillois in seinem Buch Die Spiele und die Menschen (deutsche Erstausgabe Stuttgart 1960, Seite 150 bis 161) 12 Seiten. Allerdings bringt er die beliebte Konjunktion dabei mehrmals doppelt, einmal sogar dreifach im selben Satz, das gelingt dem erwähnten F. G. Jünger – der ebenfalls über die Spiele schrieb – selten. Vielleicht ist auch gar nicht das Virus schuld, sondern die Maske? Die keine Alternativen kennt?

„Hinter der Maske“ – lesen wir bei Caillois – „nimmt das verzerrte Antlitz des Besessenen ungestraft jeden wüsten, gemarterten Ausdruck an, während der Beamte darauf achten muß, daß man seinem bloßen Gesicht nicht entnehmen kann, daß er etwas anderes ist als ein vernünf-tiges, kaltblütiges Wesen, dessen einzige Aufgabe darin besteht, das Gesetz anzuwenden.“ Hier böte sich unter anderem die Alternative an: ... während das unverhüllte Gesicht des Beamten wohlweislich den Eindruck zu verhindern hat, er sei etwas anderes als ein vernünftiges, kaltblütiges Wesen, dessen einzige Aufgabe darin bestehe, das Gesetz anzuwenden. Einige Tricks, die die Maske zu meiden oder das Gesetz zu umgehen wissen, sind rasch auf den Begriff gebracht: Substantivierung; indirekte Rede oder Konjunktiv; den fraglichen Satz mit „wie“ einleiten (Wie Untersuchungen ergeben haben, ist die Rate stilistischer Schwerverbrechen besonders in ...) oder im Nebensatz einen Infinitiv mit zu verwenden. In diesem Fall hätte sich Ambrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch (zum Stichwort Jakobsleiter) den folgenden Doppeldecker verkniffen. „Man kann nicht umhin festzuhalten, daß es reichlich viel vom armen Jakob verlangt ist, daß er mit logischem Realismus träume.“ Vielmehr hätte man geschrieben Allerdings wäre es wohl zu viel vom armen Jakob verlangt, mit logischem Realismus zu träumen. Diese Version spart auch kostbaren Lexikonplatz.

Letzter Trick: auf eine Satzverbindung unter Verwendung eines Kommas verzichten. In diesem Fall ersetzt man das Komma durch einen Doppelpunkt oder bildet gleich einen neuen eigenständigen Satz. Für die eleganteste Lösung halte ich freilich nicht den Verzicht auf das Komma, sondern lediglich auf die offensichtliche Bindung. Statt zu schreiben Man munkelt, daß er aus den Leihbüchern der Stadtbibliothek jedes daß mit der Rasierklinge heraus-schneidet, zöge ich also vor: Man munkelt, aus den Leihbüchern der Stadtbibliothek schneide er jedes daß mit der Rasierklinge heraus. Ja, in manchen Fällen gewinnt die Eleganz sogar, wenn wir auch die indirekte Rede noch erdrosseln: Man munkelt, er konnte nicht anders ... Spätestens jetzt drängt sich allerdings die Frage auf, was denn am scharfen daß so Böses sei, daß wir es dem Literaturfreund nicht doppelt oder auf 12 Seiten 16 mal zumuten dürften?

Ein klarer Fall von Suggestivfrage. In der Tat rät uns die Schärfe dieses Bindewortes an, es ungleich sparsamer zu verwenden als etwa und oder oder. Im übrigen hält sich der gute Stilist an einige Regeln, die in allen Fragen der Wortwahl und des Satzbaus gelten. So ist Wiederholung fast immer schlecht. Er benutzt sie allenfalls, sofern sie einer Unterstreichung, Verfremdung oder Verhöhnung dient. Unser Sprachschatz ist ja nicht umsonst reich genug, um sogar WörterbuchverlegerInnen und Rechtschreib-reformerInnen miternähren zu können. Er will Abwechs-lung, Vielfalt, Verblüffung, Trefflichkeit, persönlichen Ausdruck. Was uns zuerst einfällt, ist immer das Nahe-liegendste, nämlich der Sprachmüll, der auf der Straße beziehungsweise hinter den Bildschirmen liegt. Also seibern wir von der Spitze des Eisberges, beteuern jedoch, daß sie kein Pfahl in unserem Fleische sei. Zwei Verdop-pelungen auf einen Streich! Daß hinzuschreiben, ist stets der kürzeste und brutalste Weg.

Siehe auch Fritz über Pontdoppidan in Kapitel 25, nach der Mitte des Beitrags


InhaltsverzeichnerInnen

Neulich war ein mir flüchtig bekannter Kollege so freund-lich, in der Jungen Welt mein Buch Der Fund im Sofa zu besprechen und sogar zu empfehlen. Gleichwohl stimmte mich seine Schützenhilfe nicht recht froh, weil sein Artikel lediglich davon handelte, von was diese Kriminalerzäh-lungen handeln. Er umreißt die Fälle und staunt über die anarchistische Gesinnung meines Kommissars Armin Köfel. Kein Wort über Sprache, Ausdruck, Dramaturgie, Atmosphäre dieser Erzählungen. Wird ein Sofa nur durch die Funktion ausgemacht, uns als Inhalt aufnehmen zu können, also ein Sitzmöbel zu sein? Und wird auch Flötist Achim in Konräteslust nur vom Inhalt der republika-nischen Ordnungshüterin Birgit betört? Von ihren Gedärmen? Ihrer Prinzipienfestigkeit? Allenfalls ihrem Charakter? Oder sollte auch Birgits Form im Spiel sein – beispielsweise ihre Erscheinung, der Klang ihrer Stimme, ihre Bewegungsweise?

Leider steht der Kollege nicht allein. Das Kleben am Inhalt zieht sich durch linke Feuilletons, linke Bücher, linke Lexika. Bei Wikipedia - das freilich eher der Goldenen Mitte verschworen ist - habe ich sicherlich schon Dutzende von Artikeln über SchriftstellerInnen mit der Aufforderung Überarbeiten versehen, weil sie uns hartnäckig verschwei-gen, wie denn der betreffende Schreiberling geschrieben habe. Die Linke verachtet Literatur – andernfalls wüßte sie ja, daß sich Form und Inhalt gar nicht voneinander trennen lassen. Deren Zusammenspiel macht Güte und Geist eines Textes aus. Ein genauer und persönlicher Ausdruck schleift die Inhalte erst zu den Spitzen, die uns treffen. Einer kann die gleiche Geschichte erzählen wie ich – und wir gähnen. Literatur wirkt aufgrund ihrer hohen Darstellungskunst. Wenn nicht, handelt es sich um Zeitungsartikel, Diplomarbeiten, Flugblätter. Diese Sorte Texte bringt die Leute vielleicht auf die Straße, aber nicht zum Nachdenken. Ernst Kreuder wollte sie zum Träumen bringen – auch schon viel.

Im besten Fall gibt Literatur Anrufe, nicht Gestellungs-befehle. Für diese reicht es, Was, Wann und Wo anzu-führen. Literatur lebt vom Wie.


Diplomarbeitsdeutsch

Obwohl es von unanschaulichem Kauderwelsch, Wieder-holungen, Tautologien, Fußnoten, Gemeinplätzen, Schlag-worten, Stolpersteinen wimmelt, versteht es sich darauf, stets die Linie zu halten. Aus diesem Grund eignet es sich auch vorzüglich für linke Autoren. Da sie ihre feste Weltanschauung haben, können sie sich nicht der Gefahr aussetzen, auf Abwege zu geraten, denn dadurch verlören sie ihren Halt. Sie wissen von vornherein, was sie hören oder was sie sagen wollen. Montaigne ist für sie der Berg des Schreckens.

Während sie ihre Glaubenssätze, Thesen, Gliederungen abhaken, vertraut sich der wahre Schriftsteller der unwäg-baren Sprache an. Sie birgt mehr als nur eine Ideologie. Sie wimmelt von Widersprüchen und schimmert in allen Schattierungen. Sie überrascht, narrt, belehrt den Men-schen, falls er kein Dogmatiker ist. Als wahrer Forscher horcht der Schriftsteller in die Sprache hinein, wägt ab, klärt, verdichtet. Das kann sich über viele Durchgänge hinziehen – und so qual- wie lustvoll sein. Die Gestalt schält sich heraus. Man könnte glatt von Sadomasochis-mus sprechen. Das jedesmal ins Fleisch des Autors schneidende erbarmungslose Opfer geht mit dem gezügelten Triumph des Autors einher. Man legt fest und legt sich fest.

Mit Alain ließe sich das Phänomen auch schlichter begründen. In seinem Propos Die Maurerregel vom November 1923 bemerkt er, das Handwerk wende nie einen Stein zuviel auf. SchriftstellerInnen hätten den Geiz von Maurern, Zimmerleuten, Schustern. So könne auch Schönes an Häusern wie an Büchern nie aus Überflüs-sigem, Beiwerk, Zierat entstehen. Nicht zurück zur üppigen Natur also, sondern hin zur Knappheit.

Gegen diese Vorgehensweise wird allerdings gern einge-wandt, sie zerstöre die authentische Erscheinung eines Textes. Die Entwürfe würden bis zur Selbstverleugnung durch die Walze der Schreibmaschine gedreht, zürnte Jochen Gerz vor rund 30 Jahren in seinem Buch Die Schwierigkeiten des Zentaurs beim vom Pferd steigen, das er aus dem Ärmel schrieb. Doch dieser Einwand kommt von Traumtänzern und Schamanen, die sich aufs Glatteis der Realität führen lassen. In einem Essay über Politics & Language von 1946 weist Orwell auf die nahezu unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten hin, die jeder Autor bei jedem Satz habe. Scheue er harte Arbeit, schreibe er „natürlich“ das Naheliegendste hin. Dieses bezieht er aus der Müllhalde unter seiner Schädeldecke und dem süßlich stinkenden Morast in seinem Herzen. Sollte sich sein „Persönliches“ schon darauf belaufen, dann Gute Nacht. Doch es liegt darunter – verschüttet. Das Wahrste und Beste von uns zeigt sich sehr selten spontan. Alain predigt dies wiederholt.

Deshalb war es mir auch immer verdächtig, wenn die mündliche Kommunikation in Kommunekreisen einen sehr hohen Stellenwert genießt. Sammelndes, klärendes Mit- oder Aufschreiben wird zumindest verpönt, zuweilen verboten. Sind Berichte oder Wunschzettel unumgänglich, strotzen sie von Ausrufungszeichen und Schlagworten, Unterstreichungen und Unklarheit – wie die beliebten „blogs“ im Internet. Man umtanzt den Popanz des Authen-tischen und wundert sich, wenn die Eintagslösungen, die Mißverständnisse und der Groll kein Ende nehmen. Gewiß ist nicht zu leugnen, daß spontane Auseinandersetzungen oft spannungsgeladen sind, woraus sich ihre Beliebtheit erklärt. Sie prickeln, da mit Enthüllung, Geständnis, Herzblut, Tränen, kurz mit Neugier und Angst gewürzt. Doch es bleibt oberflächlich und vorübergehend. Es bleibt das fruchtlose Event der Talkshows. Um zu dauerhaften Linien, Gestalten, Lösungen zu kommen, müßte man schürfen. Das wäre allerdings Arbeit. Es kostet Geduld. Es benötigt Distanz.

Biograf Shelden schreibt, Orwells Anmahnung sorgfäl-tigster Arbeit am guten, persönlichen, verantwortungsbe-wußten Ausdruck sei ohne Zweifel „altmodischer Vorstel-lung“ entsprungen, und möglicherweise hätten ihn „einige Jahre psychotherapeutischer Behandlung“ davon befreien können. Shelden steht natürlich auf Orwells Seite. Trotzdem liegt er falsch. Bekanntlich fußen sämtliche gängigen Therapieformen auf mündlicher Rede – und durch seine beharrliche Arbeit am Text hat Orwell jede Wette mehr und Verläßlicheres über sich selber und seine Zeit herausgefunden als vergleichsweise Gustav Mahler auf Freuds Couch.


Ohrenschmäuse

Am 17. Januar 1889 trägt Jules Renard in sein Tagebuch ein: „Das Beben des Wassers unter dem Eis.“

Mehr nicht. Ist das nun eine lyrische, physikalische oder philosophische Verlautbarung?

Es ist zunächst Klang. Andernfalls hätte unsere Herzspitze nicht zu zittern begonnen. Wir lesen ja hauptsächlich mit den Ohren. Pressen Sie Ihre Lippen zusammen, es hilft nichts: die Silben springen wie Groschen durch Ihre Augenschlitze, um Ihren Gehirnkasten in einen Gitarren-bauch zu verwandeln. Leider handelt es sich zumeist um eine abgedroschene Wanderklampfe, etwa beim Zeitungs-lesen oder beim Studium sozialistischer Kampfliteratur. Dagegen haben Erzählungen wie Horvaths Jugend ohne Gott, Krimis wie Dürrenmatts Der Richter und sein Henker, Abhandlungen wie F. G. Jüngers Die Spiele Konzertgitarrenniveau.

Aus dem Wasser ans Licht gezogen, verwandelt sich jenes Beben allerdings sofort in einen bemerkenswerten Gedanken. Gedankenlose Dichtungen gibt es nur in Wasserhähnen und in der Modernen Lyrik. Immerhin läßt sich die Dichtung im Wasserhahn überprüfen, während Sie den verrätselten Schwulst Moderner LyrikerInnen nur in die Biomülltonne werfen können. Das ist besser, als die Arbeitsplätze ganzer Kompanien von journalistischen und literaturwissenschaftlichen Exegeten zu sichern.

Renards bemerkenswerter Gedanke bedarf keiner Ausle-gung. Er steht uns sofort klarer vor Augen als Eis. In der Tat wird jede nennenswerte Prosa auf Anhieb überzeugen. Unsere zitternde Herzspitze erweist sich als Kompaßnadel. Klang kommt von Klarheit. Prosa, durch die sich gebeu-telte LeserInnen mit Macheten, Minensuchgeräten, Wünschelruten zu kämpfen haben, ist keine Dichtung sondern ein Dschungel. Diese raunende, dornige Schling-pflanzenprosa ist der Trost unserer Intellektuellen, die der Militärarzt zurückgewiesen hat. Jetzt können sie „General-stab“, „Feindaufklärung“ und „Die Offenbarung des James Joyce“ spielen.

Renard versteckt sich nicht. Er fesselt und beschäftigt uns unmittelbar. Und nach wiederholtem Nachlesen und Nachdenken werden wir bewundernd seufzen, offenbar seien Wasserbeben unter Eis nicht so leicht auszu-schöpfen.


Erz ählen

Kommen Heinrich Lübke, Marlene Streeruwitz und Sahra Volkswagenknecht beim Zählen von vier Autoreifen zum gleichen Ergebnis, wird man sie wohl kaum als gute ErzählerInnen loben. Mit dieser Berufsbezeichnung hat sich somit ein grober (aus dem Mittelhochdeutschen stammender) Mißgriff erhalten. Alle echten Prosaautoren meiden Rechengeist und Rosenkranzbeten wie die Pest. Sie bemühen sich eher um Einkreisung und Durchblick. Von daher wäre „Erz ählen“ gar nicht so unpassend.

Streckenweise bestechend Jules Renard, der in seinem Tagebuch einmal bemerkt, eine Landschaft zu betrachten heiße nicht sie aufzuzählen. Walter Porzig stellt in seinem überragenden Werk Das Wunder der Sprache (1950) der Reihe die Gestalt entgegen. Diese ist immer mehr als die Summe ihrer Teile. Allerdings kann sie weder auf einen Schlag erfaßt noch auf einen Schlag geschildert werden. Es greift zu kurz, hinsichtlich der Künste immer nur der Musik zu bescheinigen, ihre Formen erfüllten sich im Ablauf der Zeit. Denn sowohl das Schreiben wie das Lesen sind an das Nacheinander gebunden; das ist es ja gerade, was jeden Nachwuchsschriftsteller zur Verzweiflung bringt. Allmählich versteht er sich dann darauf, die Fuß-abdrücke seines Gänsemarsches geschickt zu verwischen; der Leser darf sich einbilden, ein am Himmel kreisender Habicht zu sein. Oder er wähnt sich in ein Gespinst eingehüllt, das beispielsweise Edouard Lalos Klaviertrio in a-Moll nahekommt. Gregor behauptet, die Musik sei sogar besser daran als die Literatur. Schließlich sei es noch keinem Schriftsteller gelungen, die Worte eines Satzes zur Abwechslung einmal übereinander zu schreiben, auf daß sie der Leser, analog zu Akkord und Partitur, alle gleichzeitig höre.

TonsetzerInnen ist es in der Tat vergönnt, uns fast auf einen Schlag zu ergreifen. Deshalb trug sich der junge Arthur Miller eine Zeitlang mit dem Gedanken, Komponist zu werden, wie seinen Erinnerungen Zeitkurven zu entnehmen ist. Man sollte nicht beklagen, daß er ihn verwarf. Dieser Autor stellte sich einem McCarthy. Einen Symphoniker hätten sie wahrscheinlich gar nicht vorgeladen.


Eigenliebe

Zu den höchsten Hürden, die ein Schriftsteller zu nehmen hat, zählt sein Gefallen am eigenen Text. Was er selbst zu Papier gebracht hat, fesselt ihn stets mehr als ein ver-gleichbarer fremder Text, den neutrale Schiedsrichter-Innen keineswegs weniger betörend oder bemerkenswert finden. Man sagt vielleicht achselzuckend, er habe halt Arbeit hineingesteckt und müsse sich dafür mit Selbst-überschätzung entschädigen. Aber das greift zu kurz.

Bemühen wir folgende Analogie. Wer die Städte Eutin, Güstrow und Jägerndorf kennt, wird sie wohl kaum in eine Hierarchie bringen wollen. Solche Städte gibt es zuhauf; sie nehmen sich nicht viel. Mögen sie alle sehenswert sein, haben sie auch durchweg ihre Schandflecken. In Güstrow etwa bieten sich unserer Abscheu das wuchtige Schloß oder Barlachs „Schwebender Engel“ in der Stadtkirche an. Doch Carl Maria von Weber preist nur Eutin, Uwe Johnson träumt in den USA von Güstrow, Hanns Cibulka kommt vom tschechischen Jägerndorf nicht los. Der Grund liegt auf der Hand. Die Stadt, wo einer geboren wurde, sich verliebte oder einfach nur ein paar Jahre lebte, ist stets die bedeutendste unter allen Städten, weil sie ihm ans Herz gewachsen ist. Auf sie war er angewiesen. In ihr kannte er sich aus. Sie lebten in Symbiose; Ablehnung durch Dritte führt zu starkem Trennungsschmerz.

Damit zurück zum Autor und seinem Text. Was ihn daran fesselt, erkennen wir als die Fäden seiner Befangenheit – er jedoch ist stolz wie Oskar, weil er sich einbildet, alle Fäden in der Hand zu halten. Selbst ein Vergleich mit der Kosmologie erscheint mir hier nicht unangebracht. Sein Text spiegelt ihm stets das Universum wider – den einen unteilbaren Kosmos der Astrophysiker, doch mit dem Autor als Dreh- und Angelpunkt. Nur unendlich ist ein solcher Kosmos nicht; ob Schmeichelei oder Verriß, sie ereilen unseren Mann.

Ist er gut beraten, wird er auf Selbsternüchterung in der Distanz hoffen: weglegen, warten, andere Autoren lesen. Allerdings schwindet der Glanz des eigenen Textes in der Schublade nur zu gern; man findet ihn zuweilen gar nicht wieder.


Niederlagenstärke

Mein Debüt als Erzähler gab ich 2002 mit „Döhnerichs Durchbruch“ (Band 5) in der Wochenendbeilage der Jungen Welt. Es war enttäuschend. Kein Leserbrief, kein Turmschreiberpostenangebot, null Echo. „Wer öffentlich schreibt“, versicherte mir einmal der Essayist Klaus D. Frank aus Bremen, „muß niederlagenstark sein, sowohl was die Resonanzlosigkeit der Texte betrifft als auch die Ablehnung durch Redaktionen.“

Recht hat er, nur ist er selber schuld. Da wir unser täglich Brot auch als Oberstudienrat, Putzfrau oder Pfandfla-schenanglerIn verdienen könnten, ziehen wir uns die Niederlagen und Kränkungen eigenhändig auf den Hals. Niemand hat Hermann Peter Piwitt das Schreiben, geschweige denn die Romanform aufgezwungen, die er so gern (in seinen Romanen) beklagt. Für Bildhauer gilt das selbstverständlich auch. Der 30jährige Döhnerich gräbt sich in seinem Kreuzberger Hinterhofhäuschen, in dem er zwischen unverkauften Stahlplastiken zu ersticken droht, buchstäblich frei. Sein geronnener Auswurf stellt die Polizei zunächst vor ein Rätsel. Der Text ist kaum fünf Seiten lang. Doch vermutlich gäbe der bergmännische Einfall auch eine ungleich gründlichere, gleichsam tiefschürfende Abrechnung her – ein „Untertagebuch“ etwa, das mangels Licht auch unverfilmbar wäre.

Fünf Jahre vorher hatte ich die Geschichte bereits dem Magazin der Berliner Zeitung angeboten. Redakteur L. war interessiert und erkundigte sich brieflich nach Fotos oder der genauen Adresse. Wie man sich denken kann, mußte ich ihn enttäuschen. Darauf schwieg er pikiert. Er hatte die Geschichte für bare Münze genommen. Dafür lösten sich freilich meine Hoffnungen auf ein Honorar in Luft auf. Schwer zu sagen, wer die größere Niederlagenstärke aufzubringen hatte: der aufs Glatteis geführte L. oder der verarschte Autor.


Lektoren

Während die Kulturetats in Berlin oder Kassel geschleift werden, fördert Waltershausen mit seinen Schloßkon-zerten ein- und ausheimische KünstlerInnen und baut eine neue Stadtbücherei. In der alten bin ich Kunde, weil das Magazin auf dem Speicher noch Ware bietet, die die VerehrerInnen von Stephen King, Hera Lind, Rosamunde Pilcher verschmähen. Zumindest das Buch ist also in Deutschland keineswegs tot. Weniger gut dagegen scheint es um den Lektor bestellt.

Wir haben jährlich 90.000 Neuerscheinungen, davon drei Viertel echte. Jederzeit lieferbar sind zehnmal so viel Bücher. Gewiß handelt es sich überwiegend um Drei-monatsfliegen. Wenn Kreuder bereits vor über 50 Jahren seufzte, als Mitarbeiter des Literaturbetriebes befinde man sich in einer Schnellbäckerei – wo dann heute erst? Marxisten kennen das Gesetz von der ständigen Erhöhung der Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals. Bald werden in der Tat nur noch die Umschläge neugedruckt, weil den Inhalt sowieso keiner liest. Der Lektor bildet hier keine Ausnahme. Ich habe mich öfter auf Detlef Linkes schmales Buch Das Gehirn von 1999 gestützt, das ich schon im Aufbau nicht überzeugend finde – weder das Buch noch das Gehirn. Stilistisch jedoch ist das Buch ein Greuel. Linke verärgert wiederholt durch viel zu lange, verschach-telte, holprige Sätze, die ein Lektor ohne sonderliche Mühen hätte ausbügeln können. Warum ist es dann nicht geschehen?

a) Der Lektor fand die Sätze prima; b) Er hatte keine Zeit, weil er events organisieren mußte; c) Der Verlag beschäftigt in seinen Lektoraten nur noch ehemalige BäckereiverkäuferInnen oder MontagebandarbeiterInnen auf 1-Euro-Basis; d) Die Lektoren mußten gehen, weil ihre Räume als Ramschtischlager benötigt wurden.

Allerdings dürfte der Niedergang unseres Lektoratswesens nicht erst vor 10 Jahren eingesetzt haben. Meine Winkler-Ausgabe des ohnehin zusammengestauchten Tagebuchs von Jules Renard – Auswählerin und Übersetzerin Liselotte Ronte – stammt von 1986 (Ideen, in Tinte getaucht). Auf den 350 Seiten gibt es mindestens ein Dutzend Einträge, die sich mehr oder weniger wörtlich wiederholen. Mag das auch teils an Renard selber liegen – eine nichtblinde Ronte hätte es bemerken müssen. Weiter gibt es mindestens 50 Einträge, die ich für derart schwach halte, daß mich die Eröffnung nicht verblüffen würde, Frau Ronte sei in ihrem früheren Leben Wicklerin von Spulen für Niedrigspannung bei Krupp-Widia in Essen gewesen. Aus Protest gegen die schlampige Art, in der heutzutage weltweit Bücher, Schuhe, Tomaten, Eissporthallen, Brücken, Politik gemacht werden, hätte Renard bestimmt seinen Abschied als Bürgermeister seines Dorfes einge-reicht. Zum Glück mußte er es nicht mehr erleben. Er wurde nur 46. Wäre es mir entsprechend ergangen, wäre ich bereits 12 Jahre lang tot. Auf diese 12 Jahre wäre es ja wahrhaftig auch nicht mehr angekommen. Im Falle des toten Thoreau zum Beispiel benötigten die Literatur-experten rund 100 Jahre, bis sie ihn als ausgezeichneten Schriftsteller anerkannten. Da ging es nicht wie in einer Schnellbäckerei zu.

Die Schlamperei im Literaturbetrieb zieht Literatur aufs Niveau mündlicher Rede, mehrt also das allgegenwärtige Gequassel. Ehrenburg behauptet in seinen Memoiren, sogar Lenin habe die ewigen Diskussionen unter den Emigranten als fruchtlos gebrandmarkt. Er selber, Ehren-burg, habe fast alles autodidaktisch aus Büchern gelernt. Schulen sind Quasselbuden. Ich habe nie begreifen können, wie sich Denker wie Alain oder Adorno dazu hergeben konnten zu unterrichten und Vorlesungen abzuhalten. Wie sich versteht, fallen auch „Dichter-lesungen“ unter meine Acht. Ich ächte alles, was Flüch-tigkeit züchtet.

Mit der digitalen Vernetzung erreichen wir bereits das Stadium der Auflösung des Geistes. Webseiten verändern ihr Aussehen oder verschwinden im Minutentakt. Ausein-andersetzung ist jedoch auf Feststehendes / Gegenstand / Widerstand angewiesen. Ich zittere vor dem Tag, da sich wider Erwarten ein Verlag meines Manuskriptes Konräteslust erbarmt, das im Kreis Gotha spielt. Ich werde in unserer neuen Stadtbücherei lesen müssen. Und dann schmeißen mir Nichtlinksradikale mit etwas ausgespro-chen Widerständigem die Fenster ein. Oder der neuen Stadtbücherei.


D. H. Lawrence

Mit 44 war er sogar noch jünger als Renard, als er (1930) an Tuberkulose starb. Für diese kurze Lebensspanne verfaßte der Brite eine Unmenge an Romanen (11), Reise-büchern (4), Erzählungen, Essays, Dramen, Gedichten. Davon kenne ich lediglich einige längere Erzählungen, die ich überragend finde.

An der Lektüre des Restes hat mich glücklicherweise Lawrences Landsmann Anthony Burgess gehindert, der 1990 eine Art Biografie über ihn vorlegte. Burgess verehrt den Bergmannssohn aus Nottinghamshire und bringt am laufenden Meter ausführliche Zitate aus dessen Werken. Daraus gewann ich den Eindruck, Lawrence habe über-wiegend Mist auf den Markt geworfen. Burgess besitzt die Kunstfertigkeit, in einem Atemzug kritische Anmerkungen zu machen und die kritisierten Mängel zu verharmlosen, weshalb sein Gegenstand im großen und ganzen beachtlich dasteht. Im Schlußkapitel behauptet er: „Lawrence schrieb, um Geld zu verdienen, da er keine andere Wahl hatte.“ Beispielsweise habe er nicht wie E. M. Forster von einer Erbschaft oder wie Joyce von einer Mäzenin zehren können. Aber zum Bergmann, Zeitungszusteller oder Zuhälter hätte es doch vielleicht gereicht? Wie ich schon wiederholt feststellte, wird kein Mensch gezwungen öffentlich zu schreiben, ob für Geld oder nicht. Tut er es trotzdem, hat er das Zeug, das er von sich gibt, auch zu verantworten. Da die erwähnten meisterhaften Novellen beweisen, daß es Lawrence nicht an Begabung und Handwerkszeug fehlte, dürften die vielen Schwächen in seinen übrigen Werken vor allem auf Flüchtigkeit zurückgehen. Die Oberflächlichkeit feiert Triumphe, weil der Rubel rollen soll.

Auch Burgess ist nicht der Mensch, der sich Marktzwängen entzöge. Er findet sie normal. Den Satz „Der Berufstätige tut seine Arbeit, um Geld zu verdienen“ stellt er als unbezweifelbare Binsenweisheit hin. Aber nichts daran ist normal. Künstlerisches Schaffen von den schnöden Marktzwängen auszunehmen, wäre freilich nur reformi-stischer Quark. Vielmehr muß der Markt weg. Denn keine unserer Lebensäußerungen – beispielsweise auch Kochen, Putzen, Schreinern, Züge abfertigen – hat das grausame Schicksal verdient, den Warencharakter übergestülpt zu bekommen und dadurch erstickt zu werden. Man lebt nicht der Lohnarbeit und dem Geld, vielmehr sich selber und seinen Mitmenschen zuliebe. Deshalb stellt man Nahrungsmittel, Schuhe oder Romane her. In meiner Zwergrepublik Konräteslust werden diese Dinge und Dienste nicht verkauft sondern verteilt. Das geschieht freiwilligen Vereinbarungen gemäß. Der Äquivalent-gedanke ist ausgerottet. Man gibt, was man hat, und nimmt, was einem fehlt. Hat Achim Dömmersbach die Fähigkeit, in der Konradsluster Stadtkirche auf der Querflöte Ravels Bolero gut genug zum Anlocken des „Hündchens“ Birgit zu spielen, und fehlt ihm zum Früh-stück an einem Dienstagmorgen ein mit Pilzen gefülltes Omelett – was hätte das eine mit dem anderen zu tun? Nichts. Deshalb darf es nicht miteinander verglichen werden, indem es über den Kamm gemeinsamen „Wertes“ geschoren wird. Diese Praxis führt nur dazu, auch die Menschen auf der Wertskala einzuordnen. Die unteren Chargen dürfen in den Arsch getreten oder als Kanonen-futter (aus der ehemaligen DDR) an die afghanische Heimatfront geschickt werden.

Nein, es war nie die Absicht meines Schreibens gewesen, vielleicht einmal davon leben oder gar steinreich wie Walser werden zu können. Sondern? Leider habe ich mir den Hauptgrund in der letzten Zeit (2010) zu wenig vergegenwärtigt. Ohne dieses Versäumnis wäre ich besänftigter und stolzer gewesen. Der Hauptgrund lag immer darin, mich möglichst verbindlich und möglichst vollständig zu erklären. Das betrifft sowohl Politisches wie Psychologisches. Ich leide von Kind auf unter dem Schwarze-Schaf-Syndrom. Man belächelte, schnitt oder beschimpfte mich, weil ich diese radikalen Ansichten, unnormalen Vorlieben, krankhaften Abneigungen und so weiter besaß. Ihre Rechtfertigung liegt nun in meinen gesammelten Texten vor. Das soll nicht unbedingt heißen, ich hätte immer oder auch nur meistens recht. Es heißt vielmehr, für diese Auffassungen und dieses Verhalten gute Gründe zu haben. Es heißt weiter, daß sie nichts kurzerhand und leichtfertig Angenommenes sind. Selbst das Geschäft, meine Erklärung möglichst klar und dann auch noch unterhaltsam vorzubringen, ist nicht einfach. Für Geld hätte ich mir diese ganze Mühe nicht gemacht.


Ängstliche Egomanen

Erstveröffentlichung 2002 in Nr. 43 der Jahresschrift Muschelhaufen

Wollte man „die“ SchriftstellerInnen in all ihren Launen, Ängsten und Versäumnissen irgendwie allgemeingesetzlich erfassen, käme man kaum umhin, stark zu vereinfachen. Eben das wäre schon ein Geschäft, das alle Schriftsteller-Innen betreiben. Sie vereinfachen ihre Beobachtungen – und vereinfachen oft auch ihr Leben, indem sie wie EigenbrötlerInnen oder gar Mönche hausen. Sie weisen menschliche Nähe eher ab. Sie brauchen Ruhe und Raum, um sich in ihre sprachlichen Welten versenken zu können. Darin halten sie sich am liebsten auf. Sie tun dies auch dann, wenn sie nicht schreiben. Vertritt sich Schopenhauer in Begleitung seines Pudels auf der Gasse ein wenig die Beine, trägt der Pudel nicht die heutige Zeitung im Maul, vielmehr Die Welt als Wille und Vorstellung seines Herrchens.

Damit drängt sich ein nächster Zug auf. SchriftstellerInnen halten sich so gern in literarischen Gefilden auf, weil diese der sogenannten Wirklichkeit unendlich überlegen sind. Nach Uwe Hugo Durst stellt deren ästhetische Qualität eine Zumutung dar. Gegen die Gärten der literarischen Gefilde ist sie ein Haufen belangloser Spreu. Gegen Gestalten wie Joseph Roths Diener Jacques oder Anton Tschechows Dame mit dem Hündchen sind alle Zeitgenos-sen, die sich den Schriftstellern andienen, blasse Nerven-sägen. Deshalb begegnen die SchriftstellerInnen auch so hochgehandelten Phänomenen wie der Gegenwart, der Aktualität und jeglicher Mode mit Vorsicht, wenn nicht gar Verachtung. Ernst Kreuder geißelte den „unausrottbaren Gegenwartsstolz“ seiner Zeitgenossen. In seinem Essay Wesen und Funktion der Dichtung von 1952 weist er darauf hin, ein Klaviertrio von Felix oder Fanny Mendels-sohn-Bartholdy könne den Schallplattenhörer genauso „aktuell“ gefangen nehmen wie einen Zuschauer das Elfmeterschießen im Frankfurter Waldstadion. Kreuder prägt die Formel von der immanenten Aktualität der Kunstwerke; sie nehmen sie überall hin mit.

Freilich ist es Kreuder nicht vergönnt, Felix oder Fanny siegestrunken oder niedergeschmettert den Arm um die Schulter zu legen, was ja im Waldstadion gang und gäbe ist. Damit sei eingeräumt: SchriftstellerInnen vermissen die menschliche Nähe, die sie in der Regel abweisen, zuweilen durchaus. Dann dünkt sie die Wärme ihrer Tabakspfeifen etwas dürftig, ob sie nun Chamisso oder Johnson heißen. Es verlangt sie auch zuweilen nach mehr Wirklichkeit. Schließlich beziehen sie ihre besten Beobachtungen und Einfälle aus ihr. SchriftstellerInnen sind also ziemlich gespaltene oder zerrissene Leute. Aus dieser Kluft dürften die meisten jener Schwierigkeiten quellen, die eingangs angedeutet worden sind. Das macht sie launisch und unleidlich. Der Gegensatz, den sie verkörpern, ist derart krass, umfangreich und verästelt, daß sie eigentlich ständig mit ihm beschäftigt sind. Sie sind ständig damit beschäftigt, sich zusammen zu halten. Und als Klammern bevorzugen sie Buchdeckel.

Hier hätten wir einen weiteren Zug, den allerdings die Spatzen schon von Montaignes Schloßturm pfiffen: SchriftstellerInnen sind besonders selbstsüchtige Leute. Sie sind besessen von ihren Ahnungen, Vorhaben, Anschauungen – von ihrer Welt. Von daher dürfte sich auch ihre bekannte Neigung zur Selbstgerechtigkeit erklären. In ihrem Rechthabertum können sie schalten und walten, wie sie wollen. Es mag eng sein; sie sind in ihm der unumschränkte Fürst. Sie wählen aus, ordnen, fügen zusammen. Sie allein schwingen das Zepter in ihrer Welt. So befinden sie auch darüber, was falsch oder mangelhaft sei und deshalb ausgemerzt werden muß. In Wirklichkeit pflegen sie so schnell niemanden auszu-merzen, aber sie verachten oder beargwöhnen doch leicht alle Menschen, die ihnen zu unähnlich sind. Die Überzeugungskraft ihrer eigenen, ästhetisch gerundeten Welt ist ungleich stärker als das Leben einer töpfernden Lehrerin mit Kerzen auf dem Tisch und gehäkelten Hängerchen an den Fenstern oder als das hohle Schön-gerede eines halbherzigen Steinewerfers, der es bis zum deutschen Außenminister gebracht hat.

Wenn sie jedoch über ganze Fürstentümer herrschen – müßten sich die SchriftstellerInnen dann nicht stark und unangreifbar fühlen? Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Mit Claude Tilliers Onkel Benjamin könnte man sagen, sie hätten ihre Fürstentümer auf einem zugefrorenen See errichtet. Jederzeit droht die Schmelze einzusetzen. Dann ist „das Meer der Reue“ wieder mit Händen zu greifen, durch das sich Arthur Miller zeitlebens „rudern“ sah. Die SchriftstellerInnen sind also ungemein verletzbar, und wahrscheinlich verdanken sie den Löwenanteil ihrer Ängste ihren Schuldgefühlen. Es gibt tausend gute Gründe dafür, Schuldgefühle zu haben. Es mögen zehntausend sein, die SchriftstellerInnen bekommen sie schon zusam-men. Letztlich handelt es sich dabei um ihr kreatives Potential.

Allerdings geht es nicht an, die SchriftstellerInnen ausschließlich als Verrückte oder als Lumpen hinzustellen. Sie haben auch ihre Vorzüge. Einer liegt darin, alles, was hier gegen sie vorgebracht wird, in der Regel längst selber zu wissen. Sie machen auch keinen Hehl daraus – ein gewaltiger Unterschied zu unseren Spitzenpolitikern sämtlicher Farben. Sie machen sich ihre Fertigkeiten im Garnieren und Drapieren in der Regel nie pro domo zunutze. Ob man die Erinnerungen von Koestler oder Miller nimmt oder die Bücher Niemandsland und Nördlich der Liebe und südlich des Hasses von meinen Zeitgenossen Wolfgang Bittner und Guntram Vesper: Aufrichtigkeit und Selbstkritik sind unbedingt ein starker gemeinsamer Zug. Unsere angriffslustigen Schriftsteller-Innen schonen am wenigsten sich selber. Denn sie sind Überbleibsel einer längst untergegangenen Zeit: sie sind Wahrheitssucher.

Mit der historischen Dimension können wir zum Schluß kommen. Wäre Präsident Johnson so gebildet gewesen wie Miller, hätte er niemals den Vietnamkrieg geschürt. Das Entsprechende gilt selbstverständlich für unsere deutschen AntiterrorkämpferInnen. Irgendwann „entschuldigen“ sich Johnson, Joschka Fischer, Frank-Walter Steinmeier für ihre kleinen Mißgriffe, und die Erschossenen und Zerbombten ruhen unter dem Teppich. SchriftstellerInnen sehen also gut, wissen ziemlich viel und vergessen nur selten etwas. Von daher kommen sie gar nicht umhin, viele Dinge abzulehnen, die von zahlreichen Menschen als normal oder jedenfalls tragbar empfunden werden. Sie sind StellvertreterInnen. Arno Schmidt notierte einmal zu Ernst Kreuder: „Seine Leser sollten auf Knien dankbar sein, daß er so sehr für sie leidet.“


Poetologie

Durch den verschneiten Wald schnürt der Otter; er hofft, endlich einem vernunftbegabtem Wesen zu begegnen. Die Rotkehlchen sind saublöd. Auf dicken, von der eigenen Schneelast heruntergebrochenen Ästen plustern sie sich auf, „als wären sie es gewesen“. Auf einem Baumstumpf putzt sich ein Kaninchen mit den Pfoten sein dummes Gesicht. Es erschrickt nicht schlecht, als ihm der Otter von hinten schwer die Vorderpfoten auf die Schultern legt. Die Auskunft, der Maulwurf sei letzte Nacht unweit des Dachsbaus gesehen worden, muß ihm der Otter durch zwei Fausthiebe auf den Kopf abringen.

So in Kenneth Grahames Der Wind in den Weiden von 1908 – beste reine Menschenwelt. Es gibt eben in unserem Wald nur unsere Empfindungen. Wie sich der Wald viel-leicht von fremder Warte aus darstellt, wissen wir nicht. Das hindert freilich Rudolf Steiner nicht daran, seine Lehre mit einem frechen Pleonasmus Anthroposophie zu nennen, also Menschenweisheit. So kann er uns vorgau-keln, über die Weisheit Gottes, die Weisheit des Wiener Waldes und die Weisheit der Rotkehlchen genaustens Bescheid zu wissen. Für uns Menschen ist „Anthropo-zentrismus“ unvermeidlich – bei Steiner ist es Anmaßung. Die Vernunftbegabung schwillt von Moosen über Maulwürfe und Maulaffen bis über zahlreiche Monde hinaus an, sodaß sie schließlich den gesamten Kosmos erfüllt, den noch nie ein Schwein gesehen hat. Ein nicht- oder auch un-menschliches Universum würde uns in den Ruin oder in die Empörung treiben. So der verkappte Steiner-Schüler Jochen Kirchhoff in seinem Buch Räume, Dimensionen, Weltmodelle von 1999. Was nicht sein soll, darf nicht sein.

Kirchhoff weiß sich von einem durch alle Kulturen weiter-gegebenen „anthropologischen Grundwissen“ gestützt. Es ist auch für Lyrik gut. Niemand könne ernstlich „den Sternenmantel ignorieren, der um die Schultern des Menschen gelegt ist.“ Entfällt uns auf Höhe Hartz VII unser Nerz, wissen wir also, wo uns Ersatz winkt.


Die Zeit hat keine Farbe

Zu den großen Stärken unserer Kommunen zählt ihr Man-gel an Ignoranz. Du fragst etwas, schlägst etwas vor, kriti-sierst etwas – und bekommst so gut wie immer ein Echo. Im Rest der Welt läuft es bekanntlich genau anders herum. Und es müßte eigentlich auch bekannt sein, welchen idealen Nährboden für Mutmaßungen und Unterstel-lungen Ignoranz abgibt. Das gilt ausnahmslos für jeden Bereich. Ich weiß nicht, ob sich auch die Ignoranten darüber im klaren sind. Vermutlich ist es den meisten egal.

Erhalte ich von Herrn T., den ich brieflich um eine Auskunft gebeten habe, auch nach sieben Wochen keine Antwort, werde ich mir vielleicht sagen, möglicherweise sei er schon vor Monaten gestorben. Das kommt ja vor, ist freilich trotzdem unwahrscheinlich, weil er noch im Vorlesungsverzeichnis steht. Also sage ich mir in einem nächsten Schritt, meinen Groll an der Entfaltung zu hemmen, er sei vielleicht an der Schweinegrippe oder der Impfung gegen sie oder an Liebeskummer erkrankt. Doch würde ein höflicher Mensch auch in diesem Fall noch eine diesbezügliche Mitteilung von wenigen Worten heraus-schicken, sofern ihn die Krankheit nicht gerade vollständig lähmte. Eine solche Mitteilung würde ihn über Internet ungefähr zwei Minuten seiner kostbaren Arbeits- oder Schlafenszeit rauben. Dasselbe gälte für den Fall völliger Überlastung, die ihn leider an einer Befassung mit der betreffenden Anfrage hindere. Bei diesen Erwägungen angekommen, neigt man doch eher dazu, als Krankheit des Hochschullehrers irgendeine Abneigung gegen das an ihn gerichtete Ansinnen anzunehmen. Kommt es ihm zu unwichtig, lästig, frech, lächerlich vor? Fürchtet er, möglicher Konkurrenz unter die Arme zu greifen? Oder sich durch den Umgang mit einem radikalen Außenseiter zu komprimittieren? Wir dürfen rätseln, denn er verrät es uns nicht. Haben wir genug gerätselt, werden wir den T. vermutlich ein Arschloch nennen und seiner später, bei der Abfassung unserer Memoiren, treu gedenken. Ob es ihm dann auch noch egal sein wird, wissen wir spätestens, wenn ein Schreiben von seinem Rechtsanwalt eintrifft.

Will man solche Mutmaßungen und Unterstellungen – die bis zur Tobsucht beider Parteien führen können – verhin-dern, hilft nur Transparenz. Wie sich versteht, ist dieser Begriff neuerdings zum Schlagwort geworden, um die finsteren Machenschaften unsrer Elite umso besser verschleiern zu können. Herrschaftssysteme müssen Offenlegung und Durchschaubarkeit hassen, wie ich schon mehrmals versichert habe. Mir persönlich ist diese Transparenz in einem nennenswerten Maße allein in einigen anarchistischen Kommunen begegnet. In Familien gibt es sie so wenig wie in Firmen und Parteien. Der Grund liegt auf der Hand: Machtstrukturen. DDR-Autor Armin Müller notiert in seinem Tagebuch, schlimmer als jede Krankheit sei die Gier nach Macht – „nach Macht über Menschen und wenn es nur ein paar sind“, die Kinder oder die Gesellen beispielsweise. „Machtsucht tötet alles Menschliche. / Wir haben Gesetze gegen Raub und Diebstahl und Betrug. Vor dem schlimmsten Verbrechen, der Lust, andere zu demütigen, aber versagen alle Gesetze der Welt.“

Auch Kleinverlage sind Firmen, und ich fürchte, selbst anarchistische Kleinverlage sind dem Lustgewinn, der sich durch Machtausübung und Demütigung erzielen läßt, grundsätzlich nicht verschlossen. Damit behaupte ich keineswegs, sie trachteten nach diesem Lustgewinn mit Kalkül. Ihre Stellung bringt ihn einfach mit sich – und allmählich kommt man auf den Geschmack. So stelle ich mir das vor, obwohl ich noch nie einen anarchistischen Kleinverlag von innen gesehen habe. Es reicht hier, historisch und psychologisch etwas bewandert zu sein. Bei der beträchtlichen Konkurrenz um die wenigen Plätze im Programm der wenigen anarchistischen Kleinverlage hat das Verlagsteam automatisch eine Machtstellung. Und auch ich wäre wahrscheinlich in einem solchen Team nicht davor gefeit, mir davon das Potenzgefühl stärken zu lassen. Mich deshalb wichtiger zu nehmen als alle diese Schreiber-linge, die etwas von mir wollen. Bin ich etwa auf ihre Texte angewiesen? Ich ertrinke darin. Jeder dritte von 30 ist gut, aber nur einen kann ich in diesem Frühjahr drucken. Bin ich eine Fürsorgeanstalt? Ich habe dem kapitalistischen freien Markt diese kleine Brutstätte anarchistischen Gedankenguts abgerungen, ich verteidige sie beispiels-weise als Malvin Mahner Verlag schon seit Jahrzehnten, und zwar mit Erfolg, obwohl ich mich dabei krank gearbeitet habe. Da kommt es auf die von Müller ange-sprochene Krankheit, an der Machtausübung Gefallen zu finden, auch nicht mehr an. Es ist schön zu sehen, daß mir Reitmeier ohne Widerworte einen Ausdruck seines Manuskriptes Mißgriff Mensch schickt, nachdem ich mir für dessen Anforderung drei Monate Zeit genommen habe. Er merkt an, der Ausdruck sei inclusive Porto 14,20 Euro wert. Ein anderer Verleger hätte sich vielleicht damit begnügt, erst einmal in einen kostenlosen Email-Anhang zu schauen – habe ich aber nicht nötig. Der Reitmeier braucht mich ja. Welche Alternativen hat er schon? Also leiste ich mir diesen kleinen Luxus, seinen Ausdruck auf meinem Lektoratssofa lesen zu können. Zu meinem und seinem Ärger bittet mich der Reitmeier, den Eingang der Postsendung kurz per Mail zu bestätigen. Dann müßte ich mich ja wieder vom Sofa erheben, die Lektüre unter-brechen! Vielleicht mache ich es nachher – wenn ich die Bitte wegen anderer Erledigungen wieder vergessen habe.

Versuche, die VerlegerInnen ans Telefon zu bekommen, führen – wie so oft im heutigen Geschäftsleben – zu ihrer Anrufbeantwortungsmaschine. Spräche ich auf sie, hätte ich meine Mails verdoppelt, was ich gar zu beschämend fände. Die VerlegerInnen könnten für ihr Schweigen verständliche Gründe haben, wie ich nochmals betone. Sie könnten tot, krank, verreist – oder auch nur von ihren Genen her jene Chaoten sein, die laut Bild-Zeitung in jeder schwarzen Ledermontur stecken. Aber ich weiß es nicht. Sie oder die AbwicklerInnen ihres verwaisten Verlages gewähren mir nicht die Gunst, die Gründe des unbeirr-baren Schweigens zu erfahren. Sie haben weder Angst davor, ihre Kunden oder Geschäftsfreunde möglicherweise vor den Kopf zu stoßen oder gar in Müllers Sichtweise zu demütigen, noch befürchten sie, von irgendeinem Anarchisten an das schöne Gebot von der Einheit des Denkens und Handelns erinnert zu werden.

Nach einigen Tagen erkläre ich Malvin Mahner in einer kurzen Mail, es sei „meine Sitte, ein Manuskript nicht anderweitig anzubieten, wenn es gerade von einem Lektorat angefordert worden ist. Damit möchte ich diesem ersparen, es vielleicht umsonst gelesen zu haben. Dann erwarte ich aber als kleine Gegenleistung, daß meine Bitte um Eingangsbestätigung ernst genommen wird. Diese ein bis zwei Minuten für eine entsprechende Mail sind wohl nicht zu viel verlangt. Es wäre außerdem schön, wenn ich ganz grob den Zeitrahmen hätte, den ihr für die Prüfung des Manuskriptes veranschlagt.“ Nach einer Woche bequemt sich Mahner dazu, den Eingang des Manuskriptes zu bestätigen. Jetzt heiße es wieder etwas warten, fügt er in präziser Beantwortung meiner Frage hinzu. Ich darf mir aussuchen, ob er diese Bemerkung selbstironisch oder höhnisch verstanden wissen will. Nach weiteren fünf Wochen benutze ich eine Mitteilung über einige Ände-rungen im Manuskript zu der Erkundigung, wie lange denn die Etwase so im Schnitt bei den Mahnern dauerten? Die Antwort nach einer Woche: „Lieber Henner, Du weißt doch, die Zeit hat keine Farbe, keine Form und sie vergeht nie. / Wir können Deinen Text nicht machen. Habe mit den Vertretern gesprochen, die sehen keine Möglichkeit, daß sich das Buch bei uns verkaufen wird. / Mit den besten Grüßen. Malvin.“

Verkauft sich das Buch sowieso nicht, ist es natürlich auch überflüssig, mit dem einen oder anderen Wörtchen auf das Manuskript einzugehen. Ein dümmlich-zynischer Kom-mentar zur Zeit leistet bessere Dienste. Ich muß ein Idiot sein, mich freiwillig den Sitten des Literaturbetriebes auszusetzen. Ich muß ein Idiot sein, wenn ich mir einbilde, irgendwen ausgerechnet für mein Zeug erwärmen zu können. Jeder sieht doch sofort, daß ich 99 von 100 Lesern nur enttäuschen kann, weil ich nie Lösungen, geschweige denn Erlösung zu bieten habe. Ich habe nur Kritik, Vorbehalte, Hohn. Dann mute ich den Lesern auch noch eine Prosa zu, die ihr Mitdenken fordert. Schriebe ich wenigstens weniger altmodisch! Man möchte dieses schlicht-gediegene Zeug nicht. Man möchte Texte lesen, die just wie die Zeit keine Farbe und keine Form haben und deshalb so leicht verdaulich sind wie die von – nein, nein, nein, so demoralisiert, daß wir Kollegen anschwär-zen, sind wir noch nicht.


Mich schmerzt mein Herz

Der Schriftsteller Martin Gregor-Dellin, zeitweilig Präsi-dent des deutschen P.E.N., war ein höflicher Mensch. Um 1985 schrieb er mir ermunternde Zeilen zu einem ver-krampften Anfängerwerk, obwohl er meinen Brief, wie er sagte, zwischen zwei Reisen in einem hohen Stapel anderer Briefe vorgefunden habe. Wenig später, 1988, war er mausetot, und wie es inzwischen aussieht, ist die Höflich-keit mit ihm ausgestorben.

In der Regel drängt der Verehrungstrieb umso mehr hervor, je weniger wir von uns selber halten, uns also auch keine Karriere zutrauen. Anvermählende Verehrung komme der Verschmelzung des Ichs mit den großen Symbolen entgegen. Man werde ein wenig von dem, was man zu kennen und zu lieben meint, schrieb Gregor-Dellin 1985 in seinem Buch Was ist Größe?. Damit diene man „zugleich der Rechtfertigung des anonymen eigenen Da-seins, wie sich ja auch die Nationen in ihren fragwürdigen Helden zu rechtfertigen suchen.“

Heute bekenne ich gern, meine Erfüllung nicht unbedingt in einem anonymen Dasein zu suchen. Manchmal vermisse ich sogar ein Fünkchen der Macht, die durch Ruhm ver-liehen wird. 1966 kommt Arthur Miller der Bitte nach, bei General Gowon um Gnade für den zum Tod verurteilten nigerianischen Schriftsteller Wole Soyinka zu ersuchen. Millers Botschaft wird von dem englischen Geschäftsmann Davies überbracht. Als Gowon Millers Namen liest, fragt er ungläubig, ob Miller der Stückeschreiber sei, der mit Marilyn Monroe verheiratet war, und als Davies dies bestätigt, ordnet Gowon die Freilassung Soyinkas an. Millers Kommentar im Nachhinein: „Das wäre etwas für Marilyn gewesen!“ Sie hatte sich bereits umgebracht. Dies alles läßt sich Millers Erinnerungen Zeitkurven von 1987 entnehmen, die denen von Koestler sicherlich ebenbürtig sind – weshalb ich sie also beide verehre.

Man wird vielleicht einwenden, für einen Mann in meiner aussichtslosen Randlage sei der Wunsch, einem späteren Literaturnobelpreisträger das Leben zu retten, fürs erste doch ein wenig hochgegriffen. Das ist richtig. Mir würde es bereits genügen, wenn ich nicht durchweg wie ein lästiger Bittsteller an die Türen der Redaktionen und Lektorate klopfen müßte. Während ich um 30 durchaus von der einen oder anderen Dame „angebaggert“ worden bin, hat sich noch niemand jemals mit der Bitte an mich gewandt, diesen oder jenen Wortschatz herauszurücken. Als Schriftsteller bin ich begehrt wie der Glöckner von Notre-Dame. Man könnte wiederum einwenden, es mangle mir an Geduld. Schließlich hätte ich vor rund 15 Jahren mit meinem ersten nennenswerten Essay gerade Die Kunst des Wartens beschworen. Auch das ist richtig. Nur gebe ich zu bedenken, ich bin kein Milchbart mehr. In der Kiste klingen die Lobeshymmnen hohl. Das Preisgeld reißt die Öffentliche Hand an sich, weil ich keinen Nachwuchs zeugte. Alles war umsonst.

Meine Verehrung für Jules Renard ist bekannt. Ende Juni 1907 notierte der Franzose in seinem Tagebuch: „Der Tod ist der Normalzustand. Wir bauen zu sehr auf das Leben.“ Ohne Zweifel ein starker Gedanke – allerdings finde ich die Formulierung zu schwach. Ich schlage etwa vor: Wenn man bedenkt, wie lange einer tot ist, wird man das Leben nicht mehr überschätzen. So gut war Renard nun auch wieder nicht. Sein bekanntestes und angeblich auch bestes Buch Rotfuchs (Übersetzung Walter Widmer) verärgert geradezu, weil weder die Charaktere noch die Komposition des episodenhaft erzählten „Romanes“ schlüssig sind. Diese Mängel hat sogar Renard selber in seinem Tagebuch angedeutet. Einige Kurzprosastücke, mit denen er in der Manesse-Anthologie Vögel in der Weltliteratur vertreten ist, kommen mir zumindest zu blaß vor. Überhaupt hätte ich rund ein Drittel der Beiträge zu dieser Anthologie auf den weihrauchgeschwängerten Misthaufen der Literatur-geschichte geschmissen. In diesem Fall wäre ihren Lesern ein Zustand erspart geblieben, den John Keats in seiner Ode an die Nachtigall – jedenfalls in der Übersetzung – wie folgt beschreibt.

„Mich schmerzt mein Herz, und eine schlaftrunkene Starre peinigt meinen Geist, als ob ich Schierling getrunken oder vor einer Sekunde ein betäubendes Rauschgift bis zur Neige geleert hätte und lethewärts gesunken wäre. Es ist nicht aus Neid um dein glückliches Los ...“


Schattenboxen

Meine Aussichten sind also mager. Das ist aus verschie-denen Gründen schade. Ich möchte mich aber zum Abschluß nur mit einem Grund auseinander setzen, der sich möglicherweise sogar erübrigen wird. Solange meine Texte nicht veröffentlicht sind, und zwar in gedruckter, somit nicht manipulierbarer Form, werde ich nie beweisen können, der Urheber von diesem oder jenem Einfall zu sein. Da ich kein Genie bin, könnte sich der Einfall früher oder später auch bei einem anderen Autor finden, der ihn noch nicht einmal irgendwo geklaut haben muß. Ich aber hätte das Nachsehen, kann ich doch etwas, das sich auch als mein „Erstgeburtsrecht“ bezeichnen ließe, nicht geltend machen. Da ist zum Beispiel Adolphe Adam besser daran. Seine Oper Wenn ich König wär ist 1852 nachweislich in Paris uraufgeführt und vermutlich auch gedruckt worden. Das heißt, Rio Reiser hätte mit seinem bekannten Hit von 1986 Wenn ich König von Deutschland wär ziemlich alt ausgesehen, hätte sein Produzent nur gewußt, daß es neben dem ersten Vertriebenen Adam und dem ersten großdeutschen Reichskanzler Adolf Hitler noch diesen Elsässer Adolphe Adam gegeben hat, der neben Opern vor allem Ballette komponierte.

Hier drängen sich allerdings mehrere Fragen auf. Zunächst ist die Sicherheit fragwürdig, mit der man gern glaubt, der Einfall A oder die Entdeckung B sei auf dem eigenen Mist gewachsen. Da Lodenbrinks Nachbar Schuch keine Säue, vielmehr Gänse hält, die aus nahezu jedem Anlaß erbärm-lich schreien, hat sich Lodenbrink (in meinem Theater-stück Hunde wollt ihr ...) den Ausdruck angewöhnt, dieser oder jener Zeitgenosse sei gans dumm. Das harmlose Wortspiel ist ohne Zweifel naheliegend, und Lodenbrink ist ja nicht der einzige, der neben Gänsen wohnt. Er kann das Wortspiel, das er für seine Schöpfung hält, also sonstwo aufgeschnappt haben, weiß es nur nicht mehr. Dabei gibt es bekanntlich auch Fälle, wo es einer durchaus wissen könnte – wenn er nur wollte. Um sich selber schmeicheln zu können, verdrängt er sein Wissen der Quelle. Die Kunst, auch sich selber ein X für ein U vorzumachen, wird ja seit Urgedenken beherrscht.

Wie ich sehe, spielen in meinem Stück die Tiere bald eine größere Rolle als die Menschen. In der letzten Szene rächt sich Schuch am Gänsehasser, indem er dessen Hänfling auf recht durchtriebene Weise an den Kragen geht. Doch wer weiß schon, ob sowas nicht längst auf einer Bühne zu sehen oder wenigstens in einer Erzählung zu lesen war. Beispielsweise in einer Erzählung der Försterstochter Marlen Haushofer, die sich mit Flinten und Finten bestens auskannte. Zu allem Unglück war sie sowohl in Hunde wie in Katzen vernarrt. Und wie lange will ich mir noch einbilden, als erster Mensch auf der Welt eine dramatur-gische Schwachstelle in Haushofers bekanntem Roman Die Wand entdeckt zu haben? Ihre angeblich im Gebirge eingesperrte Ich-Erzählerin unterläßt es entgegen aller Vernunft, sich zunächst eine Vorstellung vom Ausmaß jener „Wand“ zu machen, deren Verlauf ja gar nicht abzuschätzen war. Stattdessen igelt sich die Frau sofort ein. Darauf wies ich in einem Text hin, der sogar schon veröffentlicht ist. Er findet sich in meinem sogenannten „Relaxikon“ Der große Stockraus, das in geringer Auflage im Berliner Oppo-Verlag erschien. Jetzt wäre es also an den möglichen Gegenspielern zu beweisen, daß sie die gleiche Entdeckung bereits vor dem Sommer 2009 gemacht – und veröffentlicht haben.

Wie die Beispiele allerdings schon andeuten, muß einer, der auf ein angebliches „geistiges Eigentum“ pocht, das sich jeder andere genauso gut pflücken könnte, ziemlich schwachsinnig oder jedenfalls schwach auf der Brust sein. Es geht hier allein um Schnelligkeit. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – und im Kapitalismus sahnt er auch zuerst ab. Meine Vermutung gilt selbst dann, wenn hartnäckig behauptet wird, nicht jeder habe das Zeug, die Schwach-stelle Der Wand oder Amerika zu entdecken. Woher bezogen denn die EntdeckerInnen ihr Zeug? Ihre Adleraugen, ihre Begabung, ihre außergewöhnliche Willenskraft? Doch nicht von sich selbst. Nach allem, was ich schon in anderen Texten gegen die AnhängerInnen des Glaubens von der Willensfreiheit vorbringe, muß ich den Stolz auf geistige wie auf jede „Leistung“ tief in der Erde vergraben. Es handelt sich gar nicht um Leistungen. Zumindest nicht im Sinne von Verdienst. Dazu haben sie lediglich das uralte männliche Konkurrenzdenken und der rund 250 Jahre alte Kapitalismus erhoben. Hat die Ordnungshüterin und zudem Heizerin Birgit aus der Kommune Bornmühle (in meinem Roman Konräteslust) die Idee, vom Holzlagerplatz zum Heizkeller Schienen für eine Kipplore zu verlegen, bekommt sie weder eine Lohn-zulage noch ein sprunghaft höheres Ansehen. Jedenfalls nicht in der Theorie (des egalitären Gemeinschaftslebens). Das Geld ist in ihrer freien Zwergrepublik abgeschafft worden, und Ansehen, Würde, Achtung genießt dort jedermann sowieso. Mann oder Frau müssen sie sich nicht durch „besondere Leistungen“ erwerben. Ihr Engagement für die Republik versteht sich von selbst. Jeder hätte jene Idee mit der Kipplore haben können; in Freien Republiken ist viel Scharfsinn und Phantasie versammelt. Jeder gibt, was er kann. Der Beitrag „Idee mit der Kipplore“ ist nicht mehr und nicht weniger wert als der Beitrag „Kartoffellese auf Hämmerchens Acker“.

Somit dürfte sich meine Sorge um die Beweisbarkeit meiner Urheberschaften vordringlich der unter Habe-nichtsen verbreiteten, aber deshalb nicht minder lächer-lichen Entschlossenheit verdanken, durch künstlerische, wissenschaftliche oder ersatzweise sportliche Taten zu glänzen. Einen schwarzen Mercedes 300 SL oder einen Sitz im Bundestag habe ich ja nicht vorzuweisen. Meine Sportart heißt Schattenboxen.



Siehe auch
den ganzen Band 17
Lehrbuch Altes Testament
Großschriftstellertum: ABC-Kapitel Lebus
Ähnlich bei >Größe, besonders im Kapitel „Ein Königreich“ (in der Mitte des Beitrags)
Fremdworte, Latein: Kapitel Gänseschmalz; ferner bei
Obermarxist R. Kurz, am Schluß des Beitrags
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