Freitag, 29. Juni 2012
Spitznamen, aufgespießt
Erstveröffentlichung 2012 in Nr. 160 der Zeitschrift Die Brücke


Über die Niedlichkeit der britischen Labour-Politikerin Hazel Blears, geboren 1956 bei Manchester als Tochter eines Handwerkers, läßt sich wahrscheinlich streiten. Sie in den Anfängen ihrer überregionalen Karriere auf Chipmunk umzutaufen, war aber in jedem Fall eine gute Idee. Chipmunks sind in Nordamerika beheimatete Streifen- oder Backenhörnchen. Angeblich machen sie „chip-chip“ statt zu singen, und da sich die poussierlichen Hörnchen zudem durch große Backentaschen auszeichnen, sind sie bestens fürs Hamstern gerüstet.

Hazel wurde ihrem hübschen Spitznamen auch bei den jüngsten „Riots“ vom Spätsommer 2011 gerecht, als in vielen britischen Städten Straßenschlachten tobten und Geschäftshäuser brannten, weil ihrerseits abgebrannte, oft erwerbslose Jugendliche Proudhons bekannte Losung Eigentum ist Diebstahl oder wenigstens das System des Kapitalismus mißverstanden hatten. Chipmunk Hazel hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als sich, nach Monaten wieder einmal, in ihrem Salforder Wahlkreis blicken zu lassen, um die rauchgeschwärzte Ruine eines Lidl-Supermarkts zu begutachten. Sie habe aus diesem Anlaß hohe Haftstrafen für Plünderer gefordert, war der Presse zu entnehmen. Für ihre eigenen Plünderungen der Steuerkasse ist sie dagegen bis heute nicht belangt worden. 2009 zählte Chipmunk Hazel zu den vielen britischen Politikern, die sich vorübergehend unbeliebt machten, weil sie, wie ruchbar wurde, beträchtliche Vergünstigungen für vorgetäuschte Abgeordneten-„Zweitwohnungen“ einge-sackt und auch noch die Kapitalertragssteuer für deren Veräußerung hinterzogen hatten. Damals bekleidete Chipmunk Hazel das Amt einer Staatssekretärin im Kabinett Gordon Brown. Sie dankte ab, zahlte einen Teil jener Einkünfte „freiwillig“ zurück und ließ sich bei einer Spritztour mit ihrem Mann Michael Hansall erst einmal frischen Wind um die Backentaschen wehen. Die Gatten besitzen keine Kinder, dafür Motorräder. Die Kripo war mit dieser Lösung einverstanden: sie sah keine kriminellen Machenschaften. Korruption fällt eben seit Menschen-gedenken unter die Kavaliersdelikte. In den Ruf des Kriminellen gerät da eher ein Mensch, der kein Amt vorzuweisen hat. So wundert es wenig, wenn Chipmunk Hazel ihren in Salford ausgestellten Parlamentssitz bei den Wahlen im Mai 2010 trotz ihres angeschlagenen Rufes durch die Zweitwohnungs-Affäre erfolgreich verteidigen konnte.

In den vorausgegangenen Jahren hatte sie auch wiederholt durch ausländerfeindliche Äußerungen auf sich aufmerk-sam gemacht. Nun jedoch, 2010, stellte sie zur Buße mit der Nigerianerin Rhoda Sulaimon eine dunkelhäutige Einwanderin für ihr Wahlkampfteam ein – allerdings eine illegale, wie sich herausstellte. Als Chipmunk Hazel beteuerte, davon höre sie zum ersten Mal, legte man ihr einen Brief vor, aus dem etwas anderes hervorging. Er war von ihr an Sulaimon gerichtet. In der erwähnten Zweitwohnungs-Affäre war sie dumm genug, ein sie belastendes Dokument deutlich erkennbar unter ihren Arm zu klemmen, bevor sie Downing Street verließ – und die Fotografen auf den Auslöser drückten. Als man ihr dann die Fotos, die sie mit breitem Grinsen über dem verfänglichen Indiz zeigten, unter die Nase rieb, räumte sie ein Gefühl der Verlegenheit ein, wie am 12. August 2011 im britischen Blatt Mail online zu erfahren war. Vielleicht lohnten es ihr die Getreuen, die sie wiederwählten, daß sie 2006 Proteste gegen die Schließung von Abteilungen im Salforder Krankenhaus unterstützt hatte. Freilich sahen sich damals auch 28 andere britische Krankenhäuser bedroht – lag das doch auf der aktuellen politischen Linie jenes Kabinetts, dem Chipmunk Hazel damals angehörte. Es war das Kabinett von Gordons Vorgänger Tony Blair. Sie hatte dem professionellen Kriegstreiber und Lügenbold (Irak) zunächst als Unterstaatssekretärin für Gesundheit, dann als Ministerin ohne Geschäftsbereich gedient. Da von Hause aus Rechtsanwältin (auch die Branche ihres Gatten), wußte sie wahrscheinlich auch ohne besonderen Geschäftsbereich, wie einer seine Schäfchen ins Trockene bekommt. Andrerseits kann ihr ein gewisses Talent zur Tollpatschigkeit nicht abgesprochen werden. Angesichts der brandschatzenden Jugendlichen bei den August-Unruhen fragte sich Chipmunk Hazel entsetzt: „Warum sind diese Kinder nicht in der Schule?“ Sie hatten Schul-ferien. Prompt fragte sich damals ein Blogger, warum sie nicht in der Schule sei.

Allerdings finden es manche BeobachterInnen ein bißchen billig, wenn sich das Volk über die Fettnäpfchen lustig macht, in die seine FührerInnen gern treten, sind diese doch just vom Volk an die Futternäpfe gebracht oder jedenfalls an denselben geduldet worden. Die Paarung aus Dummheit und Verschlagenheit macht vor Bundesprä-sidenten so wenig Halt wie vor gewöhnlichen Lohn-arbeitern. Der Fehler unserer Elite besteht lediglich in ihrer Entschlossenheit, ihre Zurüstung zum Kampf ums Dasein in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen. Auch die dialektische Technik der Doppelmoral wird selbstver-ständlich unten wie oben beherrscht. Da ist man schon für jeden unbestechlichen Beobachter dankbar. In der Ausgabe vom 16. August 2011 stellt ein Leser des Guardian fest, der Politiker Michael Gove habe durch den Zweitwoh-nungstrick widerrechtlich Tausende von Pfund eingesackt. „Ertappt, zahlte er sie zurück, und die Angelegenheit war erledigt. Eine Mutter von zwei Kindern in Manchester verschlief zwar die 'Riots', beging aber den Fehler, eine geplünderte kurze Hose als Geschenk anzunehmen. Sie durfte sie nicht zurückgeben, vielmehr bekam sie fünf Monate Knast.“


&

Der uralte, bis heute weltweit beliebte Gebrauch von Spitznamen dürfte vor allem die Stumpfheit unserer Normalnamen bezeugen. Diese treffen das Wesen oder zumindest die eine oder andere hervorstechende Eigen-schaft des Benannten so gut wie nie. Nicht selten beleidigen sie ihn sogar. Das Übel verwundert wenig, werden die Normalnamen doch in der Regel Säuglingen verpaßt. Das Entsetzen stellt sich mit 13 oder 16 ein, wenn ein junger Mensch begreift, er habe sich im ungünstigen Falle noch für etliche Jahrzehnte Luise oder Dieter, womöglich sogar Dieter Müller rufen zu lassen.

Allerdings steht zu fürchten, damit hätten wir auch schon den einzigen Zug herausgestellt, den alle Spitznamen teilen. Die Grenzen zum Schimpf- und Kosenamen sind so fließend wie zum Pseudonym und zum Künstlernamen. Selbst der bekannte Umstand, daß Spitznamen in der Regel nicht gewählt, vielmehr verpaßt werden, gilt nicht in jedem Fall. Vera Sprosse hätte sich wahrscheinlich nur ungern selber auf diesen gesichtshaften Namen getauft, entsproß er doch ihren Sommersprossen. Ihre Mitstrei-terin Vera die Lerche dagegen hatte den ornithologischen Namen nach den ersten Proben des Kommunechors mit Vorbedacht als Versuchsballon steigen lassen, denn sie wußte durchaus, was sie an ihrer betörenden Sopran-stimme hatte. In der Tat kam der Name auf Anhieb an und bürgerte sich in der kurzen Zeit ein, die eine Feldlerche dazu benötigt, vier oder fünf Eier zu legen. Für die andere Vera im neuen Chor blieb dann sozusagen nur noch ein Plätzchen in der Leiter. Damit waren die beiden Veras zukünftig unverwechselbar.

Wahrscheinlich stellt die Vielfalt unter den Spitznamen sogar die Vielfalt im Vogelreich in den Schatten. Sie jedoch in Unterabteilungen zu gliedern, sollte vielleicht einem Doktoranden der Philologie oder Soziologie vorbehalten werden, der es noch mit 38 weder zu einem Spitznamen noch zu einem Titel gebracht hat. Im nächsten Schritt, der Habilitation also, könnte er sich dann der Frage widmen, ob der halbwüchsige Berliner Bandenchef Werner Gladow, der 1950 wegen zweier Morde unter das Fallbeil kam, von seinen Kumpels und Bewunderern häufiger Doktor oder aber, nach der üblichen Verniedlichung, Doktorchen genannt worden ist. Der stämmige, eher untersetzte, gern piekfein gekleidete Metzgersohn mit der echten Berliner Schnauze war bei seiner Hinrichtung erst 19 Jahre alt. Zu seinen Mitstreitern zählten Kutte, Seppel, Sohni und so weiter. Der Letztgenannte kam mit 11 Jahren Gefängnis davon. Er berichtet, sein junger Boß habe das gegen ihn verhängte dreifache Todesurteil auf eine Art kommentiert, die den Richter leichenblaß werden ließ. „Wissen Sie, Herr Richter, hat Doktorchen gesagt, einmal laß ich mir das ja gefallen, die Birne abhauen, aber det andere beede Mal, würde ich sagen, det is Leichenschändung.“

Vor Spitznamen ist nichts sicher. Ein Krieg um die bayerische Erbfolge, der 1778/79 zwischen den traditionell rauflustigen Preußen und Österreichern ausgetragen wurde, ist in vielen Büchern als Kartoffelkrieg bekannt. Um 1600 gingen im Raum Köln „schlechte“ Münzen um, die aufgrund ihres geringen Silber-, dafür hohen Kupfer-gehalts rasch dunkel anliefen. Von lat. maurus=Mohr abgeleitet, pflegte sie der Volksmund Möhrchen zu nennen. Viele andere handfeste Gegenstände, von Musik-instrumenten über Automobile bis zu Gebäuden, müssen sich beispielsweise Spitznamen wie Schifferklavier, Drahtesel, Käfer, Ente, Langer Eugen, Bonnies Ranch gefallen lassen. Mit der zuletzt genannten Bezeichnung ist eine seit Jahrzehnten in Berlin-Reinickendorf angesiedelte Einrichtung gemeint, die offiziell und vornehm Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik heißt. Um 1980 war sie in Westberliner Sponti-Kreisen bekannter und gefürchteter als Helmut Kohl, für dessen mächtiges Haupt Hans Traxler und das Satireblatt Titanic just zur selben Zeit die Abbildung einer Birne bemühten. Bislang durfte Kohl dieselbe, im Gegensatz zum Ganoven Gladow, nicht nur behalten; der Spitzname ging sogar rasch auf die ganze Person des beliebten beleibten Bundeskanzlers über und somit, wie dieser selbst, in die Geschichte ein. Übrigens war auch Traxler kein Unschuldsengel, vielmehr Dieb, hatte doch bereits der Franzose Charles Philipon seinen König Louis-Philippes ab 1830 in der Zeitschrift La Caricatur als Birne ausgegeben. Im Vergleich dazu hat Günter Herburgers Birne ein Schattendasein zu führen. Bei ihr, erstmals in Erscheinung getreten 1971, handelt es sich um einen sächlichen Kinderbuchhelden. Diese Gestalt ähnelt der herkömmlichen Glühbirne. Ein Glück für Her-burger, daß es damals noch keine „Energiesparlampen“ gab.


&

Jenes Entsetzen des Kindes über seinen „unmöglichen“ Namen dürfte in vielen Fällen weniger von diesem selbst als von der Tatsache herrühren, daß er ihm aufgezwungen wurde. Schlimmer noch, er wurde ihm „von den Großen“ verordnet. So stellt es immerhin das kleinere Übel dar, einen Spitznamen zu akzeptieren, der einem von den Spiel- oder Schulkameraden verpaßt worden ist. Auch Till Eulenspiegel zählte in gewisser Weise zu den Spiel-kameraden eines Antwerpener Stadtknechtes, den seine Freunde und seine Lieblingsfeinde ungestraft Tanne rufen durften. Nebenbei hatte Till selber ursprünglich nicht Eulenspiegel, vielmehr Von Uetze gehießen, jedenfalls in dem berühmten Volksbuch, das ihn genau 1300 in Kneitlingen am Elm, also im östlichen Niedersachsen, zur Welt kommen ließ. Der flämische Autor – und zwielichtige „Volkstumsaktivist“ – Raf Verhulst siedelte ihn allerdings in den spanisch besetzten und geknechteten Niederlanden um 1550 an. Verhulsts Jugendbuch, ursprünglich 1942 posthum veröffentlicht, erschien 1955 auch auf deutsch. In den farbigen Schilderungen aus jener leidgeprüften und doch lebensfrohen Zeit kann es dem „Bauernmaler“ Pieter Bruegel sicherlich nicht entfernt das Wasser der Schelde reichen; gleichwohl versetzte es so manchen nach dem Krieg geborene Knaben hinreichend genug an den Ort des Geschehens, um Till durch die schmalen, krummen, oft verstopften Antwerpener Gassen rennen zu sehen und dabei um dessen Freiheit zu zittern, war ihm doch just Tanne auf den Fersen.

Tannes dürre, langen Beine steckten stets in hautengen Hosen, die nach den Stadtfarben rote und weiße Längs-streifen zeigten. „Seinen schmächtigen Leib und den kleinen Vogelkopf weit vorausgestreckt, kann er laufen, nein fliegen wie ein Windhund. Trotzdem ist es ihm noch nie gelungen, Till auf frischer Tat zu ertappen.“ Zu Tills Listen zählte es beispielsweise, sich nach dem Biegen um eine Hausecke jäh auf einer Treppenstufe nieder zu lassen und den versonnenen Knaben zu mimen – während Tanne schreiend und keuchend an ihm vorüber sauste. War Tanne tüchtig in Fahrt, sprang er kurzerhand über Misthaufen, spielende Gören oder schwatzende Weiber hinweg. So machte sich der Stadtknecht auch als Bote bezahlt, da für Reiter in den engen Gassen kaum ein Durchkommen war. Am meisten sehnte er freilich den Tag herbei, da er den durchtriebenen Till ans Schlawittchen – und ins Kittchen bekommen würde. Gleichwohl hatten sie Respekt voreinander und gaben sich außerdienstlich mit Vergnügen Komplimente. Als Till im Gefängnistrakt der berüchtigten Zitadelle Steen sitzt, bringt ihm Tanne sogar täglich das von Tills Eltern Klas und Mie gepackte Essen. Man denke aber nicht, Till sei endlich von Tanne erwischt und deshalb eingelocht worden. Vielmehr hatte er einen vor Angst schlotternden Buben ausgelöst, der zu Unrecht verdächtigt worden war, zum Auftakt der jüngsten „riots“ Sturm geläutet zu haben. Till selber war der Frevler gewesen. Leider mißlingt der Aufstand. Und leider zögert Tanne nicht, Tills erwachsenen Freund Hans, als er ihn in der Menge erkennt, sofort von einer spanischen Wache festnehmen zu lassen. Der Anhänger Wilhelms von Oranien (auch Wilhelm der Schweiger genannt) war führend am Aufstand beteiligt gewesen. Man steht eben in verschiedenen Lagern und hat seinen jeweiligen Pflichten nachzukommen.

Damit zu einem anderen Buch. In Gerhard W. Menzels Roman Pieter der Drollige von 1969 wird das rauhe belgisch-niederländische Klima um 1550 fast kongenial gemalt. Es geht um jenen überragenden „Bauernmaler“ Pieter Bruegel, der mit Beinamen auch oft der Ältere genannt wird. Der Drollige ist natürlich nicht nur drolliger, sondern auch treffender, bedenkt man die umwerfende Komik, die Bruegels so alltägliche wie allegorische Szenen atmen. Und die Prosa des wenig bekannten DDR-Autors Menzel ist der von Verhulst um drei Klassen überlegen. Neben Anschaulichkeit und Genauigkeit wartet Menzel mit verblüffendem Detail-reichtum auf – ähnlich wie Bruegel, nur daß Menzel nicht, wie dieser, mit wachen Augen und Skizzenblock um 1550 durch Antwerpen, Brüssel und Italien streifte. In diesem Sinne fängt der Roman schon „gut“ an. Antwerpen empfängt erstmals den Prinzen Philipp von Spanien, den „düsteren“, ja geradezu sadistisch veranlagten Sohn des in halb Europa herrschenden Kaisers Karl V. Auch jetzt, hoch zu Roß die für ihn bereit gestellten Attraktionen abschreitend, verzieht der adlige Sprößling keine Miene. Endlich macht er auf dem Marktplatz einen großen Musikkasten aus, der mit seinen zwei Reihen weißer Manuale an eine Orgel erinnert. Das interessiert ihn. Statt der Pfeifen sitzen sieben angebundene Katzen auf dem Kasten. Jedesmal, wenn der absonderlich gekleidete Organist eine Taste drückt, wird einer der Katzen der Schwanz eingeklemmt, worauf sie schreit und faucht. Legt er sich gar mit dem Unterarm auf die Tasten, ertönt der ergötzlichste Katzenchor – jedenfalls für Philipp, der zum ersten Mal bei diesem Aufzug lächelt.

Menzel schweigt weder vom Mitleid Pieters und anderer Bürger (mit den Katzen) noch von der Halbherzigkeit Wilhelm von Oraniens und des gesamten einheimischen Adels. Trotzdem ist sein Roman von jenem schablonen-haften, auf amtlichen Tastendruck hin erzeugten „sozialem Aufschrei“ frei, den wir so oft an DDR-Autoren finden. Auch „das Volk“ wird keineswegs nur in den besten Farben gemalt. Gegen Ende des Romans füllt Meistermaler Bruegel eine freie Stelle einer neuen Winterlandschaft mit einer volkstümlichen Einrichtung aus, die sich die Hungersnot der Vögel zunutze macht. Sie werden von Futter angelockt, das unter einer schräg stehenden alten Tür ausgestreut ist, die nur von einem Pflock gehalten wird. Haben sich mehrere Futtergäste versammelt, zieht der verborgene Besitzer der Tür an einem mit dem Pflock verbundenen Strick. Die Folgen kann man sich ausmalen. Ihnen allen ist das eigene Hemd auf dem dicken Fell am nächsten: den Katzenorganisten, Erzbischöfen, Stadt-knechten und zahlreichen sonstigen Fallenstellern. Menzels Figuren sind aus Fleisch und Blut und entspre-chend unvollkommen. Das gilt selbst für die beiden Gefährtinnen Bruegels, Kaatje und Mayken, wenn es der männliche Autor auch nicht über sich bringt, sie nicht mit makelloser, gut malbarer Schönheit auszustatten.


&

Spitznamen sollen möglichst treffend und möglichst ausgefallen sein. Die Spitznamen der beiden Veras reißen vielleicht nicht vom Hocker, aber von Sprosse zu Lerche liegt immerhin schon ein gewisses Qualitätsgefälle (nach oben) vor. Allerdings kann man sich über die Gesangs-qualitäten unserer heimischen Feldlerchen streiten. Mancher Naturfreund sagt sich bei seinen sommerlichen Streifzügen, sie behielten ihr hastig hervorgequetschtes Zeug besser für sich. Der beleibte italienische Tenor Giuseppe Fancelli, 1872 bei der Mailänder Aida-Erstauf-führung dabei, zählte zu den gebeutelsten Vertretern seines Fachs. Verdi bescheinigte ihm: „Eine schöne Stimme, aber eine Nudel!“ In einer anderen Oper soll er nach Dutzenden von Aufführungen gefragt haben, ob er eigentlich den Geliebten, Nebenbuhler oder Bruder gebe? Er hatte den Ehemann zu singen. Massenet hatte den Eindruck, Fancellis gesamtes dramatisches Ausdrucks-vermögen beschränke sich auf die Geste, seine beiden Hände mit gespreizten Fingern vorzustrecken – weshalb er ihm den Spitznamen Fünf und fünf ist Zehn verlieh.

Bei einem Mann, der um 1000 als Herzog von Bayern, später auch Kärnten, seinen Reichtum und Einfluß gut zu mehren verstand, konnte man sich schon eher einen Reim auf seinen Spitznamen machen: Heinrich der Zänker. Das gilt auch für die Königin von Kastilien und Aragón Johanna die Wahnsinnige (um 1500), die täglich den Sarg ihres früh verstorbenen Gatten geöffnet haben soll um nachzusehen, ob seine Leiche noch da sei. Ein anderer deutscher Herzog könnte zu mehreren Mißverständnissen Anlaß geben. Er tut es auch. So wird Ernst der Fromme, der um 1650 Sachsen-Gotha regierte, unter Historikern und Lexikonschreibern gern als reformfreudiger Freigeist gehandelt, obwohl er, wie sich Sigmar Löfflers mehrbän-diger Stadtgeschichte von Waltershausen entnehmen läßt, an Hexen glaubte und nicht dagegen einschritt, daß während seiner Regierungszeit „Dutzende von Frauen, nachdem man sie eingekerkert und gefoltert hatte, auf dem Scheiterhaufen“ landeten.

Das heißt leider keineswegs, wir dürften Ernsts Spitz-namen ironisch verstehen. Der Herrscher duldete die Ketzerverfolgung bona fide, in gutem Glauben. Er war nicht „wahnsinnig“, vielmehr fromm. Womit wir bei der gar nicht so seltenen Methode angelangt wären, einen Menschen treffend und ausgefallen zu benennen, indem man ihn nach dem Gegenteil seiner gemeinten Eigenschaft bezeichnet. Wenn ich mich selbst anführen darf: In meinem Bott-Buch wird ein hervorragender Baßgitarrist von hünenhafter und weichlicher Statur Baby Schwalen-höfer, in meinem Roman Konräteslust ein Felsbrocken von Bauer mit Händen wie Schaufeln Hämmerchen gerufen. Beide empfinden diese Spitz- durchaus als Kosenamen. Es war also nicht sehr einfallsreich, den in meiner Jugend recht beliebten Mittelfeldstrategen der Fußballbundesliga Hans Bongartz, geboren 1951, der wie Tanne, Bohnenstange, Glockenstrick aussah und durch die Abwehrreihen des Gegners schlenkerte, Spargeltarzan zu taufen. Faß oder Fernsehkoch wäre interessanter gewesen.

Kein schlechter Kniff ist es auch, einen Spitznamen durch Bezug auf einen Normalnamen zu schaffen. So werden die im 19. beziehungsweise 20. Jahrhundert recht einfluß-reichen Biologen Thomas Huxley und Richard Dawkins gern als Darwins Bulldogge und Darwins Rottweiler bezeichnet. Da beide Briten waren oder sind, gleich noch einen dritten: den vorzüglichen Snookerspieler Paul Hunter, der leider 2006 mit knapp 28 Jahren starb. Profi war der blonde Junge bereits mit 17 geworden. Im Internet sah ich neulich offenen Mundes ein Video des Londoner Masters-Finales von 2002, das der Beckham of the Baize denkbar knapp mit 10:9 für sich entschied. Siegpreis: 190.000 Pfund. Im ganzen gewann Hunter das Masters dreimal. Seine Popularität verdankte er unter anderem seinen spektakulären Aufholjagden in Begegnungen, der Eleganz seines Spiels sowie seinem smarten Aussehen, dabei insbesondere seinen extravaganten Frisuren – daher auch die Anspielung auf den Fußballer David Beckham. Die Fans (oder seine Manager) empfanden ihn als den Beckham des grünen Snookertuchs. Seit 2004 war er mit der ebenfalls blonden Lindsey Fell verheiratet. Sie hatten ein Kind. Der Darmkrebs, dem Hunter so jung zum Opfer fiel, wurde 2005 diagnostiziert. Seit 2007 heißt ein stets in Fürth ausgetragenes erstklassiges Snookerturnier das Paul Hunter Classic. Im selben Jahr veröffentlichte Fell ihr Erinnerungsbuch Unbreakable. Auch dieser Name ist nicht übel, spielt er doch auf die im Snooker sehr wichtigen Serien an, die breaks heißen, und selbstverständlich auf Hunters „Unschlagbarkeit“. Ein deutscher Verlag machte daraus Mein wunderbares Leben mit Paul.

Die eleganteste Lösung ist es sicherlich, einen Spitznamen maßschneidernd neu zu erfinden. Das gelang der Wiener Bevölkerung um 1930 sogar in einer Verknüpfung mit der eben genannten Methode. Den Erinnerungen des unga-rischen Dramatikers Julius Hay zufolge war der reaktio-näre Kanzler Engelbert Dollfuß (kein Spitzname!) „ein politischer Intrigant von seelisch und körperlich kleinstem Format“ gewesen. Wien taufte ihn Millimetternich. Nach derselben Quelle soll Hays Kollege und Genosse Johannes R. Becher seinen Spitznamen von wiederum einem dritten Kollegen und Genossen, dem dänischen Schriftsteller Martin Andersen Nexö, empfangen haben: Johannes Erbrecher, wie ich schon andernorts mit Genuß erwähnt habe. Hier lassen Wortspiel und Kalauer grüßen. Eine völlige Neuschöpfung gelang dagegen, wem auch immer, im Falle der Kasseler Originale Ephesus & Kupille. Das Gespann aus zwei mehr oder weniger großen arbeits-scheuen Schlawinern hatte seine Hochzeit in den 1920er Jahren. Während der gelernte Bäcker Johann Georg Jäger seinen Spitznamen seinem Lieblingsspruch verdanken soll „Groß ist Diana, die Göttin der Epheser!“, bezog ihn sein Eckensteherkumpel Heinrich Adam Ernst, Sohn eines Drehorgelspielers, von einem angeblichen Augenleiden, das er der Musterungskommission mit der Versicherung „Ich honn was an der Kupille!“ aufband. Das hätte auch von Chipmunk Hazel stammen können.


&

Kommen wir mit einem anderen Polit-Ekel zum Schluß dieser Betrachtung, ehe sie sich zu einem stumpfsinnigen Buch auswächst. Laut Ewald Grothe zählte Ludwig Hassenpflug (1794–1862) zu den markantesten und unbeliebtesten deutschen Politikern des 19. Jahrhunderts. 1832 ist der studierte Jurist bereits kurhessischer Innen- und Justizminister und damit de facto Ministerpräsident. Da er es als seine Hauptaufgabe betrachtet, die noch junge liberale Landesverfassung auszuhebeln, hat er viel Streit mit der kurhessischen Ständeversammlung. Er zieht sich allein vier Ministeranklagen zu, ein Novum in der bis dahin geschriebenen deutschen Verfassungsgeschichte. Als Meinungsverschiedenheiten mit dem Kurprinzen Friedrich Wilhelm hinzukommen, weicht Hassenpflug vorüber-gehend auf Posten in umliegenden Kleinstaaten aus, so Sigmaringen und Luxemburg. 1840 kann er, wie ersehnt, in preußischen Dienst treten, allerdings zieht er sich als Präsident des Greifswalder Oberappellationsgerichts Verfahren wegen Urkundenfälschung und Veruntreuung von Staatsgeldern zu. Zunächst mit 14 Tagen Gefängnis bestraft, wird er in dritter Instanz freigesprochen und tritt 1850 erneut in kurhessische Dienste. Ein schlesischer Weber soll dazu bemerkt haben, die Kleinen hinge man – und so weiter.

Als Regierungschef des nunmehrigen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (von Hessen-Kassel, wie der Staat auch oft genannt wird) wiederholt Hassenpflug seine Attacken auf alle, inzwischen von 1848 beflügelten revolutionären Errungenschaften. Selbst die Prügelstrafe führt er wieder ein. Die Ständeversammlung setzt ihm mit einer Steuer-verweigerung zu. Als er versucht, die Verfassung durch Kriegsrecht und landesherrliche Dekrete zu unterlaufen, provoziert Hassenpflug einen bis heute in der deutschen Geschichte einmaligen „Generalstreik“ des Offizierskorps: 241 von 277 kurhessischen Offizieren reichen im Oktober 1850 ihr Entlassungsgesuch ein. Daraufhin gehen der Fürst und sein oberster Büttel die Bundesversammlung um Besatzungstruppen an, darunter neben Österreichern die berüchtigten „Strafbayern“, was das Ansehen der Obrigkeit im Lande auf einen Tiefpunkt sinken läßt. Hassenpflug war ohnehin schon vorher landesweit verhaßt. Zudem entsteht dadurch eine echte Kriegsgefahr.

Allerdings haben Wilhelm und Hassenpflug – beide mit ähnlicher Arroganz und Selbstüberschätzung gesegnet – auch wieder ihre Differenzen, so in Finanz- und Kirchen-fragen. Minister Hassenpflug dankt im Oktober 1855 ab und zieht sich als Pensionär (aus Kassel) nach Marburg zurück. Er schmiedet im Ruhestand vor allem an seinen autobiografischen Rechtfertigungen. So spricht er in der „Textwüste“ (Harald Stockert) seiner Denkwürdigkeiten von seinem unerläßlichen Kampf gegen „die Frechheit der Bewohner des Landes“. Als er nach einigen Schlaganfällen mit 68 das Zeitliche segnet, atmen die Frechdachse auf: der Hessenfluch ist von ihnen genommen.
°
°