Freitag, 29. Juni 2012
Turmhoch überlegen
Umfang 21 Druckseiten. Einige Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten.


Türme + Einlagen für Heinzchen + Ludolfs Binen + Titel-ite + Ein Königreich für einen Elefanten + Großgerücht + Wikipedia + Kleine Gegenstände + Systeme + Sieg



Türme

Halten wir uns die Zahlen 1 bis 9 vor Augen, fällt die 1 sichtlich heraus. Sie dürfte ihre vertikale zielstrebige Gestalt kaum einem Zufall verdanken. Am Anfang war Ich. Oder schlicht I, wie man sagt, wenn man beispielsweise Tony Blair oder Stephen King heißt. Ich erhebe mich über all die Beuteltiere, die es auf Erden gibt, und bin allein wichtig. Um es auch den Giraffen begreiflich zu machen, gebe ich nicht eher Ruhe, bis ich auf dem Podest mit der Nummer 1 stehe. Allerdings gibt es da keine Ruhe, weil mich unablässig Neidhammel und Grippeviren berennen, denen mein Innerer Schweinehund auch noch die Pfote reicht, und sei es nur aus Altersschwäche. Macht und Überleben – für Elias Canetti der zentrale Herrschaftsakt – stehen und fallen mit der Senkrechten. Je mächtiger ich bin, desto eher bekomme ich recht. Bin ich die Eins, unterliegen alle anderen Zahlen meinem Einfluß.

Daß die Eins, der Aufrechte Gang und Türme dieselbe Wurzel haben, ist offensichtlich. Schon der Dreikäsehoch verzehrt sich nach Türmen. Mag die Versteifung seines eigenen, leibhaftigen Wassertürmchens noch zu wünschen lassen, kann er doch Burgen bauen, wobei ihm wiederum Baukräne behilflich sind. An Segelschiffen liebt er vor allem die Mastkörbe. Bei Wanderungen erklimmt er jeden Hochsitz. Es gefällt ihm, sich der Welt überlegen fühlen zu können; er hält sich für den Prinzen Eisenherz oder besser noch den Riesen Gulliver. Türme verleihen Größe, Weit-blick, Übersicht – Macht.

Das eingangs angeführte kursiv gedruckte I ist allerdings geeignet, Bedenken zu wecken. Als Thüringer könnte ich vielleicht stolz darauf sein, in dem Städtchen Bad Fran-kenhausen am Kyffhäuser den berühmten Oberkirchturm zu wissen – er ist freilich nur berühmt, weil sich seine Spitze derzeit (2011) bereits um 4,45 Meter außerhalb des Lots befindet. Damit ist er angeblich schon schiefer als der Turm von Pisa. Ich könnte mir vorstellen, es ist nicht besonders witzig, in seinem Schatten oder gar in ihm selber zu wohnen. Im höchsten Turm der Welt, der seit Anfang 2010 im Immobilienbläser-Emirat Dubai am Persischen Golf steht, sollten eigentlich 12.000 Menschen wohnen – das wären fast ein Drittel mehr als Bad Frankenhausen EinwohnerInnen hat. Allerdings steht er aufgrund der üblichen Verspekulationen überwiegend leer. Dieser blitzende Wohnturm oder Wolkenkratzer – er verjüngt sich unregelmäßig abgestuft nach oben, bis er spitz ausläuft – hat mehrere Milliarden Dollar gekostet. Mit 828 Metern ist er so hoch, daß er aus dem Stadtgebiet heraus kaum fotografiert werden kann. Dafür könnte er sogar von einem Vollidioten auf Anhieb mit einem entführten Passagierflugzeug getroffen werden. Ob er daraufhin auch umfiele, dürfte jedoch so mancher, nach 9/11, bezweifeln.

Türme verleihen uns also nicht nur eine besondere Macht-stellung; sie machen uns auch besonders angreifbar. Das Herausgehobene verliert an Verankerung; es übernimmt sich; es provoziert. Der Berg ruft. Übrigens ruft er nicht nur angebliche Terroristen: als im Januar 2007 der Orkan Kyrill durch Europa zog, mähte er etliche Baukräne um. Daran hatte der Dreikäsehoch nicht gedacht.


Einlagen für Heinzchen

Bei der UNO-Generalversammlung des Jahres 1960 verlieh der neue Sowjetchef Nikita Chruschtschow seinen Ausführungen Nachdruck, indem er mit seinem Schuh aufs Rednerpult trommelte. Das war mutiger, als Uneingeweihte denken. Stalins alter Kumpane hatte mit seinem großen Reformwerk nämlich bei seinem eigenen Schuhwerk angefangen. Er hatte Angelo Litrico bemüht. Dieser italienische Modeschöpfer – er liegt inzwischen wie Chruschtschow unter der Erde – verwandte sein Genie vor allem an die Gestaltung des Innenfutters und der Sohlen. So erzielte er eine unauffällige Vergrößerung des Schuh-trägers. Also Hut ab vor Chruschtschow, wenn er sich eines solchen Schuhs gerade auf der Höhe des Gefechtes entledigte, wirkte er doch auf Strümpfen ähnlich untersetzt wie Heinz Rühmann, der für kleine Helden am Theater keine Chancen sah. Rühmann hatte sich am Beginn seiner Laufbahn noch mit Einlagen zu behelfen. Beide Männer wären glatt aus ihrem Grab gefahren, hätten sie um 2000 die damalige Heutige Jugend wie auf Dampfbügeleisen durch die Straßen staken gesehen.

Auch den erwähnten Hut ergreife ich gern. Die Karika-turisten wußten schon immer, wem der Nordamerikaner seine herausragende Stellung verdankt: seinem Zylinder. Der Mensch ist nicht von Kopf bis Fuß auf Liebe einge-stellt, vielmehr verlängerbar. In dieser Achse liegt sein ganzer Stolz. Einer der vielen brutalen Psychopathen auf dem preußischen Thron war Friedrich Wilhelm I., Regie-rungszeit 1713–40. Der Historiker Karl Gass bescheinigt ihm die Gestalt einer Dampfwalze, aber Friedrich Wilhelm wußte Abhilfe, ohne den Umweg über Schuhe oder Hüte zu bemühen. Sein berüchtigtes Leibregiment der Langen Kerls umfaßte am Ende 3.000 Personen, die er sich aus ganz Europa und sogar Übersee mit List und Gewalt und viel Geld zusammenrauben ließ. Auf ihren Beruf oder ihre Verstandeskraft kam es dabei nicht an. „Außer der Länge, zwei Meter und mehr, kannte der Excerciermeister keine Kriterien.“

Die Krönung der Kopfbedeckung stellte freilich schon bei den alten Ägyptern die Krone dar. Die Leute, die dem steilhäuptigen Pharao die Füße zu küssen hatten, hatten sich mit Mützen zu begnügen. Zwar wurde oft betont, mit der Kopfbedeckung ziehe sich der Inbegriff von Freiheit, Manneswürde, Selbstherrlichkeit durch die Geschichte, doch zu einer Erklärung dieses Phänomens läßt sich selten jemand herbei. In unserem Zusammenhang ist sie natürlich unübersehbar. Tell weigert sich, jener von einem Hut bekrönten Stange, die für den Kaiser steht, mit entblößtem Haupt seine Referenz zu erweisen, weil er sich nicht geringer vorkommt als ein Kaiser. Er kann sich somit, den Hut ziehend, nicht kleiner machen. Zur Strafe verhöhnt ihn der Landvogt Geßler durch das Ansinnen, Tell habe seinem eigenen Sprößling ausgerechnet einen Apfel von der Birne zu schießen! Doch wir wissen es: Tells Armbrust zitterte nicht, er bewahrte ruhig Blut. Dagegen zeigt uns Peter Härtling mit seinem Hölderlin einen in Tübingen studierenden Heißsporn. Damals hatten Hilfslehrer vor den Stipendiaten ihren Hut zu ziehen. Einem gewissen Majer mißfiel dies jedoch, sodaß ihm der junge Hölderlin eines schlechten Tages mitten auf der Münzgasse den Hut vom Kopf schlug. Majer wäre eben verkleinerungspflichtig gewesen. Einmal in die Senkrechte verlegt, kommt die Freiheit für Diener oder Knechte einer Senkpflicht gleich. Sollte die Kunst der Übertreibung im Infamen gipfeln, wurde sie übrigens von den Maoisten besser beherrscht als von den Karikaturisten. In der chinesischen „Kulturrevolution“ zwangen die Roten Garden die gestürzten und geächteten Größen zum Tragen armlanger, spitzer Tüten, die Schandhüte hießen.

Ich komme auf Heinz Rühmann zurück. Zwar konnte der begabte Schauspieler und Kokettierer mit den Einlagen seine 1,70 und seine Gagen anheben, doch im Charakter wuchs er weniger stark. Darauf deutet bereits der Umstand, daß er in drei verschiedenen deutschen Regimen gleichsam Mustergatte und Großverdiener blieb. Mit der Titelrolle im Lustspiel Der Mustergatte nach Avery Hopwood hatte er 1922 seinen Durchbruch erzielt. Wolfgang Liebeneiners Kinofassung von 1937 wurde ein Kassenschlager. Rühmanns erste Nachkriegsrolle auf der Bühne war ebenfalls Der Mustergatte. Die Gagen für seine Filmrollen wurden fetter als Ludwig Erhard. Immerhin mußte Rühmann davon das Honorar für den bekannten Maskenbildner Josef Coesfeld abzwacken, den der eitle Star auch privat beschäftigte. Das beste Schnäppchen machte er, als er schon mit einem Bein in der Kiste stand, wie von Fred Sellin (2001) zu erfahren ist. Für seinen letzten Fernsehauftritt in Linz 1994 handelt der schmäch-tige, gebrechliche 92jährige eine Gage von 40.000 Mark aus. Er wird per Mercedes in München abgeholt und ins beste Hotel einquartiert. Abends hat er sich dann in einer beliebten Show mit Thomas Gottschalk für fünf Minuten zu zeigen. Wie sich versteht, wird der kleine Greis mit dem bübischen Lächeln fanatisch beklatscht.

Rühmanns Güte war nur das halbe Gesicht. Sellin zufolge konnten den Golf spielenden Auto-, Motorboot- und Flugzeugnarr schon geringste Vefehlungen in der Etikette beleidigen. Er ist unnahbar, wirkt oft überheblich, schul-meistert gern. Aufs Vertuschen versteht er sich auch ohne Mitwirkung seines Maskenbildners. 1954 leistet er sich nach einem Autounfall – er war in München betrunken gegen einen Laternenmast gefahren – Fahrerflucht, obwohl seine junge Begleiterin Margarethe Hirmer gegen die Windschutzscheibe des gemieteten Borgwards 1800 prallt und nach dem Aussteigen bewußtlos zusammen-bricht. Da alle Freunde, Beamte, Journalisten, mit denen er es in der Folge zu tun hat, beim Vertuschen mitmachen, kommt der beliebte Schauspieler mit 800 Mark Buße wegen Fahrlässiger Körperverletzung und mit gesundem Ruf davon.

Weil das Wort Klassenjustiz gar zu antiquiert klingt, spricht man heutzutage in solchen Fällen vom Wirken des Prominentenbonus. Sellin fügt seiner interessanten Erzäh-lung noch hinzu: „Zur gleichen Zeit wird vom gleichen Gericht ein Beleuchter des Residenztheaters wegen Diebstahls zu fünf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Der junge Mann hatte vier Glühbirnen, einen wasserdichten Lichtschalter, zwei Wandleuchter und Werkzeug mitgehen lassen.“


Ludolfs Binen

Wie ich hier und dort schon angedeutet habe, besaßen zahlreiche SchriftstellerInnen keine Skrupel, dafür jedoch das Geld, sich Hauspersonal zu halten. Aus dem Stegreif fallen mir ein: Ludwig Tieck, Gerhard Hauptmann, Lion und Marta Feuchtwanger, Beauvoir/Sartre, Zuckmayer, Kasimir Edschmid, Leonhard Frank, nicht zu vergessen das Ehepaar Monica und Peter Huchel in der angeblich sozialistischen DDR. Selbst der unablässig um Geld flehende Robert Musil hielt auf Personal. Konsequent empfängt auch dessen Mann ohne Eigenschaften in seinem „niedlichen“ Wiener Schlößchen nur Besucher-Innen, die sein Butler eingelassen hat. Die Soziale Frage wird in dem Wälzer so üppig behandelt wie im Alten Testament der Pazifismus. Anders bekanntlich Karl Marx – der sich im Verein mit seiner Gattin Jenny, zunächst in Brüssel, unter anderem eine Köchin gehalten hatte, die von einem saarländischen Tagelöhner, Ackerer und Bäcker abstammte und zu allem Überfluß auch noch Lenchen Demuth hieß. Die Eltern des Publizisten Sebastian Haffner leisteten sich ebenfalls ein Dienstmädchen, obwohl der Vater nur Beamter war. Diesbezüglich hatte ich in Westberlin sogar ein gewisses Anschauungsmaterial. Die weitläufigen Bürgerwohnungen, die nun von Rebellen bevölkert waren, wiesen Dienstboteneingänge vom hinteren Treppenhaus her auf, dazu die Hängeböden, Kämmerchen, Verschläge, die den lieben Boten Unter-schlupf boten.

Doch hätten sie selbst im großen „Berliner Zimmer“ logiert, löste sich meine Abscheu nicht in die Salonluft auf. Gewiß hatten es Carl Zuckmayers „Burschen“ – er war im Ersten Weltkrieg Offizier – und Mädchen vergleichsweise fürstlich oder behaglich. In seiner Henneberger Landvilla gab es Haus- und Kindermädchen, eine Köchin, einen Gärtner. Ich nehme stark an, Freund Stefan Zweig hielt im nahen Salzburg gleichfalls Personal. Meine Kritik zielt nicht in erster Linie auf das Ausbeutungs- und Befehls-verhältnis, das immer gegeben ist. Sie bedauert den entlohnenden Dichter oder Denker als entfremdetes Wesen. Alle diese wertvollen natur- und alltagsnahen Erfahrungen, die er seinem Personal überläßt, kann er nun nicht selber machen. Er entfernt sich vom Erdboden. Was Wunder, wenn er abgehobenes Zeug schreibt. Stefan Zweig hatte sich ohnehin nie auf dem Erdboden befunden. Er tappte schon als Dreikäsehoch über die Perserteppiche eines betuchten Wiener Fabrikantenehepaars. Überschlage ich sein literarisches Werk, muß ich Natur- und Alltags-nähe mit der Lupe suchen. Ungleich mehr als die Soziale Frage brannten ihm die Lücken in seiner Autographen-Sammlung unter den Nägeln. Er sammelte Handschriften. Allerdings soll er bedürftigen Kollegen gegenüber sehr freigiebig gewesen sein, was auch Zuckmayer erwähnt. Vielleicht drückte ihn sein schlechtes Gewissen.

Was Zuckmayer betrifft, muß der Fairneß halber gesagt werden, daß er sich trotz Dienstboten ein beträchtliches Maß an Natur-, Alltags- und Volksnähe bewahren konnte. Er verdankt es wahrscheinlich seinen rheinhessischen Rebstockwurzeln und einigen Hungerleiderjahren in Berlin. Ohnedem hätte er schwerlich einen Schinder-hannes oder den bekannteren Hauptmann von Köpenick auf die Bühne gestellt. Vor den Faschisten in die USA geflüchtet, konnte oder mußte er sogar auf Dienstboten verzichten. Ich wäre nicht verblüfft, wenn der vermonter Gebirgsfarmer Zuckmayer in der Naturnähe selbst Thoreau übertraf. Thoreau konnte jederzeit zu Mama und Papa laufen, denn sie lebten nur zwei oder drei Kilometer von seiner Hütte am Waldensee entfernt.

Auch Orwell hat keine fleckenlose Weste. Michael Shelden versichert uns: „Ein Diener kümmerte sich nur um seine Kleidung und machte sein Bett, ein anderer machte sauber und leerte den Nachttopf, und ein dritter bereitete die Mahlzeiten zu.“ Natur- und detailgetreuer könnte es kaum geschildert werden. Vielleicht färbte hier der Beruf seines Gegenstandes auf den Biografen ab. Orwell hielt sich damals – als junger Mann – für fünf Jahre im Dienste des Empires in Burma auf, wo er es bald bis zu einer Art Bezirkssheriff brachte. Er schrieb noch schlecht, war aber im gehobenen Polizeidienst. Als er dann gut schrieb, leerte er seinen Nachttopf immer eigenhändig.

Was mich selber angeht, stand ich zuletzt in Diensten der Puppenfabrikkommune, wo ich unter anderem das Amt des Müllbeauftragten bekleidete. Keiner stampfte die Tonne so gut wie ich, keiner warf die Gelben Säcke weiter. Bei deren geringem Gewicht erfordert das einiges Training; bei Gegenwind sollte man damit rechnen, daß einem ein Zacken aus der Krone bricht. Einmal wäre es in der Puppenfabrikkommune sogar fast zum Aufstand gekommen. Da der „routierende“ Kloputzdienst nicht gerade glänzend funktionierte, platzten P. und L. schließlich die Kragen. Sie verkündeten auf dem Plenum: „Wir übernehmen den Job fest.“ – „Was denn, ihr wollt das immer machen?“ – „Ja, sicher, machen wir gern.“ Ein Sturm der Entrüstung folgte! Mit Klauen und Zähnen wurden Basisdemokratie und Rotationsprinzip verteidigt. Doch die beiden Kommunarden setzten sich durch. Nach einigen luxuriösen Monaten hatte dann auch der letzte seinen stürmischen Einspruch vergessen.

In diesem Zusammenhang betone ich, mich keineswegs gegen tätige Geschenke diesseits der Lohnarbeit zu sträuben. Liege ich in meiner Hütte darnieder, weil der Gothaer Fallbeilmanager oder die Musterbriefabteilung des Verbandes Deutscher Buchverlage zugeschlagen hat, macht mir Gregor gern das Brennholz. Das ist Liebes-dienst. Bei Ludolf March ging dieser recht weit. Der junge Jurist ist um 1910 in F. G. Jüngers spätem Roman Heinrich March bei einem Bergwerksunternehmen in China beschäftigt. Orwell wäre neidisch geworden, standen Ludolf doch auf Anhieb sieben Diener zur Verfügung, darunter ein Türhüter. Bald nach seinem Einzug wurde ihm noch ein Album mit Fotografien japanischer Mädchen gebracht. Auf einem eingelegten Zettel sei zu lesen gewesen: „Suchen Sie sich das Mädchen aus, das Ihnen gefällt. Sollte es aus irgendeinem Grunde untauglich sein, können Sie wechseln.“ So kam Ludolf achtens zu Konkubinen.


Titelite

Hat man Sie elterlicherseits, statt zum Mustafa („der Auserwählte“), nur zum kritzelnden Fritz oder Hanns gemacht, könnten Sie versuchen, früher oder später wenigstens zum Präsidenten der Reichsschrifttums-kammer ernannt zu werden. Das gelang dem sächsischen Lehrersohn und Dramatiker Hanns Johst 1935. Erst dadurch war Johst, obwohl er mit Johanna Feder eine gut betuchte Dame geheiratet hatte, in die Titelite vorge-drungen, wie ich einmal kalauern möchte. Gemeint ist der bürgerliche Geistesadel. Während es Raubritter durch besonders umfangreiche Beuten (aus heidnischer Hand) zu Feldmarschällen, Bischöfen oder gar Kurfürsten bringen konnten, streben viele GeistesarbeiterInnen einen Doktortitel, einen sogenannten Lehrstuhl oder eben einen Präsidentensessel an, der sie drastisch erhöht. Es ficht sie nicht an, wenn sie gelegentlich bei Montaigne lesen, wo auch immer, sie säßen auf ihrem Arsch.

Bei „Johst“ denkt man unwillkürlich an den Tierarzt Edzard Gerriets aus Schortens in Friesland. Ein Reporter hatte den damals 77jährigen 1997 im Zusammenhang mit der umstrittenen Ausstellung von Wehrmachtsfotos aufgesucht, weil Gerriets auf einem davon als 20jähriger Zaungast einer Erschießung serbischer Geiseln durch Wehrmachtskameraden beiwohnt. Der im Landkreis angesehene Tierarzt bestätigte sogar die Echtheit des Fotos. Die Süddeutsche Zeitung nannte er ein neomarxi-stisches Hetzblatt – schön wär's gewesen! Ansonsten fühlte er sich in seiner Ehre besudelt und betonte, das „Dritte Reich“ habe auch seine guten Seiten gehabt. Unterschlug der Besucher einmal seinen Titel, herrschte Gerriets ihn an: „Sie Flegel – Doktor Gerriets bitteschön, Doktor!“

Einen früheren Vorgesetzten dieses geltungssüchtigen Heilkundigen führt sogar Arthur Koestler (in seinen Erinnerungen) brav mit Titel an: Dr. Joseph Goebbels. Vor akademischen Würden versagte Koestlers Witz; im ganzen Buch unterschlägt er nicht einen Titel. Als Zahnarzt hätte ich einmal nach seinem Minderwertigkeitskomplex gebohrt. Nebenbei verdanken wir das ungewöhnlich strenge deutsche Titelrecht just den Nazis. Seitdem wird das unbefugte Führen eines Titels mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft. Solche Anmaßung bringt Recht und Ordnung mehr ins Wanken als ein Jahr Kriegführen in Afghanistan, wie Karl-Theodor zu Guttenberg kürzlich erfahren mußte. Nach Vorwürfen, seine (juristische) Doktorarbeit gefälscht zu haben, dankte er 2011 als „Bundesverteidigungsminister“ ab. Seinen Doktorgrad (Uni Bayreuth) verlor er ebenfalls.

Vera Sprosse, gelernte Raumausstatterin, hatte einmal einen Chef mit erlauchtem Kundenkreis. Hatte sie beispielsweise Fragen zum Biedermeiersofa des Herrn Soundso, das sie neu beziehen sollte, korrigierte sie der Chef auch in leergefegter Werkstatt unweigerlich: „Sie meinen das Biedermeiersofa von Herrn Professor Soundso!“ Allerdings fährt bekanntlich auch jeder Aufruf unserer revolutionären Linken Legionen von Doktor- oder Professorentiteln auf. Bei Podiumsdiskussionen stehen diese in guter Kamerahöhe auf Schildern, die an gewisse Bretter vor Köpfen erinnern. So halten diese Kämpfer-Innen für mehr Gleichheit beim Einschüchtern und Ausstechen mit, während ihre Schwerter als Pflugscharen dienen.

Als man Vera Sprosse einmal „blanken Neid des Titel-losen!“ unterstellte, behauptete sie, ihr wäre ein Doktor- oder Professorentitel eher peinlich. Auf keinen Fall würde sie ihn auf ihren Briefbögen, Visitenkarten, Buchklappen hervorkehren. Denn für sie heiße so etwas nur: die oder der hat es nötig. Ich teile ihre Auffassung.* Von daher sind die Minderwertigkeitsgefühle und Selbstgefälligkeiten eines Prof. Walter Jens oder eines Dr. Helmut Kohls so wenig mein Problem wie des Letztgenannten schwarze Gelder, die offenbar von den sagenumwobenen kosmischen Weißen Riesen fielen. Aber selbst ein so bescheidener Schriftstellerkollege wie Walter Kappacher hat sich kürzlich (Dezember 2008) von der Universität Salzburg einen Ehrendoktorhut verpassen lassen.

Womöglich ziehen nur solche Bekränzungen die promi-nenten Literaturpreise nach sich. Im Mai 2009 empfing Kappacher den Georg-Büchner-Preis. Sich zu fragen, warum ein unpolitischer Elfenbeintürmer wie Kappacher ausgerechnet einen nach einem Revolutionär getauften Preis erhält, führt nicht weiter – höchstens zurück, denn es ist nicht die erste Verwechslung, die der sogenannten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt unterlaufen ist. Sie hat knapp 180 Mitglieder, darunter just Kappacher (seit 2005). Dessen Landsmann Thomas Bernhard stieg 1979 aus, weil ihm diese Akademie gar zu sehr nach einer Anstalt für „Eigenbeweihräuche-rung“ stank, wie er damals in der FAZ erklärte.

Ich will noch kurz erläutern, warum mir die Titelei gegen den Strich geht. Zunächst maßt sie sich an, die sogenannte geistige Leistung über alle anderen Leistungen zu stellen (die wahrscheinlich kopflos vollbracht werden). Wer aber wollte im Ernst behaupten, eine Glosse oder einen Roman zu schreiben sei schwieriger, als einen Kindergarten hochzumauern oder dessen Dachstuhl zu zimmern? Oder wichtiger? Glossen und Romane haben wir doch eigentlich schon eher zuviele, während wir durchaus noch ein paar Kindergärten gebrauchen könnten. Sollten Titel aber unverzichtbar sein, wäre zu erwägen, solche Leute mit ihnen zu bedenken, die sich darauf verstehen, Fußgänger-zonen und Gewerbegebiete unsichtbar zu machen, das nächste Oder- oder Elbehochwasser in die Wolkenkratzer unserer Banken und Versicherungen zu leiten oder Hundekothaufen in Fangeisen zu verwandeln, die nur auf die Schweißfüße von Hundehaltern ansprechen.

Sodann ist es noch immer eine verbreitete, wenn auch überwiegend verhüllte Empfindung, einen Diplom-Ingenieur, einen Doktor Soundso oder sonst einen Akademiker für einen besseren Menschen zu halten als den Menschen ohne Titel. Durch den Titel wächst der Betreffende im Charakter; er schießt zur bedeutenden Persönlichkeit, zum Vorbild also auf. Das ist natürlich lachhaft. Dadurch werden bestimmte, begrenzte, oft durchaus fragwürdige „Leistungen“ mit der ganzen Person verquickt, was immer falsch ist. Jeder einigermaßen beschlagene Schriftsteller, der sich nichts vormacht, weiß von seinen Texten, daß sie stets „besser“ sind als jener leibhaftige Zeitgenosse, der sie ersonnen hat. Deshalb schreibt er sie übrigens. Im besten Fall gleichen sie das Erschrecken über die eigene Unzulänglichkeit aus, aber sie beseitigen sie nie.

* Kurt Tucholsky tat es ebenfalls, siehe den Schlußabsatz bei Höflichkeit.


Ein Königreich für einen Elefanten

Er ist nicht ganz so prominent wie Shakespeare (der Aus-ruf mit dem Pferd stammt aus dessen fragwürdigem Stück über Richard III.), zählt aber doch zu den berühmtesten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Schon als Carl Zuckmayer 10 Jahre vor der Elefanten-Nummer mit seinem Theaterstück Der fröhliche Weinberg (Urauf-führung 1925 in Berlin) reüssierte, war es ein selten berauschender Erfolg. Dabei handelt es sich zumindest aus heutiger Sicht (und in unseren neidischen Augen) um einen Schmarren mit Suff, Kraftmeierei und drei Ehe-schließungen, den Zuckmayer besser seinem Therapeuten erzählt hätte. Aber das Stück gefiel. In Berlin lief es auf Anhieb zweieinhalb Jahre, wie Zuckmayers empfehlens-werten Erinnerungen Als wär's ein Stück von mir (1966) zu entnehmen ist.

Gewiß hatte er auch wieder mit zähem Widerstand oder Durststrecken zu kämpfen oder brachte Mißgriffe wie den betulichen, verkitschten Schinken Die Fastnachtsbeichte auf den Tisch (des Lektors von S. Fischer). Sein gelun-genstes Werk fand sich übrigens in seinem Nachlaß: der Vermonter Roman. Im ganzen hatte Zuckmayer großen Erfolg. Das mochte seinem eigenen Verehrungstrieb entsprechen, denn alles, was „groß“ war, hatte er stets bewundert. Und so bewunderte er auch den renommier-ten, in der Schweiz ansässigen Zirkus Knie, der ihn sogar zu einem neuen Stück inspirierte. Als er Katharina Knie verfaßt und (1935) nach Zürich zur Aufführung gebracht hatte, ließ es sich der Seniorchef des Unternehmens nicht nehmen, den Autor des Stückes nach dem letzten Vorhang dem geneigten Publikum auf dem angehobenen Rüssel eines Elefanten zu präsentieren. Dadurch steigerte sich der heftige Beifall zu einem anhaltenden Orkan, der um ein Haar sogar den Elefanten umgeblasen hätte.

Man macht sich selten klar, daß es in der Natur sehr wahrscheinlich kein Unten und kein Oben gibt, solange ihr nicht der Mensch gegenüber tritt, und sei es, auf einem Esel reitend. Was hätte eine Flechte von der Einsicht, am Fuß einer Kiefer zu krauchen und hin und wieder einem Feuersalamander Durchschlupf gewähren zu müssen? Nur Verdruß. Genauso richtet der Feuersalamander seine Aufmerksamkeit nicht nach oben, weil er ehrgeizig oder unterwürfig wäre, sondern weil in der Kiefer ein bedroh-lich funkelnder Schatten lauert, den wir Luchs nennen. Für uns gehören Katzen zu den Raubtieren. Und wenn wir Raubtiere für höher entwickelt halten als Lurche oder Kriechtiere, wird das durchaus mit ihrem Lebensraum zusammenhängen, der selbst höchste Bäume und die zwischen ihnen liegende Luft umfaßt. Warum die Vögel gemeinhin noch über sie gestellt werden, liegt auf der Hand. Sie werden als FliegerInnen bewundert, nicht als LiedermacherInnen.

Sie selber jedoch – die Pflanzen, Tiere, Wolken – verzich-ten darauf, sich dessen zu versichern, was wir ihre Stellung nennen. Darüber war sich selbst ein Charles Darwin im klaren, der doch so sehr unserer Sucht nach Stamm-bäumen entgegenkam. Es sei absurd davon zu reden, ein Tier stehe höher als ein anderes, bemerkte er nach Auskunft seiner Biografen Desmond/Moore. Der Mensch betrachte diejenigen mit den entwickelsten geistigen Fähigkeiten als die Höchsten. Eine Biene dagegen würde zweifellos die Instinkte als Kriterium heranziehen und dem Menschen daher statt der Krone eher den Klumpfuß der Schöpfung verleihen. Freilich war solcher Relativismus keineswegs neu. Lichtenberg pochte bereits vor rund 200 Jahren darauf, wir beobachteten immer nur uns selber, wenn wir die Natur „und zumal unsere Ordnungen“ beobachten. So stecke auch die Stufenleiter unter den Geschöpfen allein in uns.

Zu der Frage, wie wir zu ihr gekommen seien, äußert sich Lichtenberg allerdings nicht. Da er Physiker war, vermute ich jedoch, sie wurde uns von der Schwerkraft aufgebürdet, die ja stets senkrecht wirkt. Wenn wir uns erheben, zunächst aus den Kissen, dann vom Bettrand, haben wir die Erdanziehung zu überwinden. Schließlich reiben wir uns die Hände, weil nun auch unser Kopf klar ist, in dem doch irgendwie das Zentrum unserer mal verschwom-menen, mal gefeilten Gedanken zu liegen scheint. Jetzt können wir ihn (und seine Nase) besonders hoch tragen. Ein Mensch steht in seinem Leben – falls es nicht vorzeitig abgebrochen wird – sicherlich dreißigtausend mal auf, und dabei erzielt er dreißigtausend Siege. Deshalb kann er nur von unten nach oben denken – und in Rängen: Teich, Flechte, Waldsaum, Adler, Weiße Riesen, Gott ...

Somit wäre uns sehr zu wünschen, zum Denken nicht mehr zu kommen, sobald uns die letzte Stunde schlägt. Als neulich ein Gewitter über Berlin tobte, fuhr der Blitz in die Metallspitze des aufgespannten Regenschirmes eines Spaziergängers. Der Mann war auf der Stelle tot. Was konnte ihm Besseres widerfahren? Jetzt liegt er vielleicht auf dem Friedhof an der Wollankstraße in Sichtweite jenes Grabsteins, auf den ein Freund aller Erholungssuchenden die Worte meißeln ließ: Gehet leise, ich schlafe nur. Jetzt bleibt es ihm erspart, seinen Abtritt als schmachvolle Erniedrigung aufzufassen. Sofern wir sie selber verkör-pern, liebt es die Stufenleiter nämlich, sich früher oder später in eine grätschende Stehleiter zu verwandeln. Dann geht es auf der anderen Seite wieder hinab.

Nun mag ja Zuckmayers Seiltänzerstück klasse und der alte Knie ein erfahrener Stratege gewesen sein, ich wage trotzdem zu behaupten, im Grunde beruhe Erfolg nie auf Verdiensten, vielmehr stets auf Zufällen, ob diese nun gesellschaftliche Kräfteverteilungen oder persönliche Eigenschaften und die entsprechenden Reaktionen beträfen. Es seien einfach zu viele unwägbare Faktoren im Spiel. Hans Magnus Enzensberger stellte das 1976 bereits bezüglich des Akts des Lesens fest. In diesen gingen zahlreiche Faktoren ein, die vollkommen unkontrolliert seien, etwa Erwartungen, Launen, Störungen, unbe-glichene Rechnungen. Deshalb komme es, läsen 10 Leute denselben literarischen Text, zu 10 verschiedenen Lektüren. Freilich gilt die Lektüre jener Literaturpäpste, die die maßgeblichen Zeitungsfeuilletons oder Fernseh-studios beherrschen, im autoritätsgläubigen Deutschland für 10 mal bedeutsamer als unsere eigene. Und wie Maximilian Zander einmal bemerkte, braucht es viel Mut zum Widerspruch gegen deren Urteil – „und den hat kaum einer“. Wer traut sich schon, beispielsweise Jean Greniers Inseln anzupinkeln? Kaum hat sich Greniers ehemaliger Schüler Albert Camus in den Kopf gesetzt, dieses schmale, angeblich wortkarge Buch (im Vorwort der Gallimard-Ausgabe von 1933) zu einem außerordentlichen Werk zu erheben, wird es auch noch in unsere Bibliothek Suhr-kamp und damit für alle Zeiten in jenen „Kanon“ der Weltliteratur gehievt, von dem Zander sprach. Damit wird künftig jeder, der auf sich hält, vor Greniers geschwollenen Worten um Nichts vor Ehrfurcht erschauern. Der Gedanke an Schwachsinn oder Volksverarschung wird ihm fern-liegen, wenn er etwa auf Seite 68 liest:
„Rousseau versucht sein Elend und seine Sterblichkeit vor sich selbst zu verbergen. Es scheint mir, daß die höchste Glückseligkeit für gewisse Gemüter (die ich nur bewundern kann) der Gipfel des Tragischen ist. Im Augenblick, wo die Verwirrung einer Leidenschaft den höchsten Grad erreicht, breitet sich in der Seele eine Schweigsamkeit aus. Um ein näherliegendes Beispiel zu nehmen: Ich denke an das Schweigen des Julien Sorel in seinem Gefängnis ... Das Schweigen der Pilger von Emmaus ist dem vergleichbar genauso wie das Schweigen vom Pfingstmorgen. Nach meiner Auffassung konnte allein Rembrandt dieses Schweigen ausdrücken. Man fühlt wohl, daß eine Sekunde nach diesem Augenblick der Lebenslauf wieder beginnt – aber während man darauf wartet, hängt das Leben an etwas, das es unendlich weit hinter sich zurückläßt. An was? Ich weiß es nicht. Dieses Schweigen ist belebt, – es fehlt weder an Lärm noch an Aufregung.“
Besonders im Feuilleton.


Großgerücht

Der Gudensberger Zeitungszusteller Bott stammt aus Erfurt. Jetzt entnimmt er dem Telefonbuch, seine neue Kasseler Flamme Ruth van Ginnecken wohne ausge-rechnet in der Goethestraße. Er schimpft, vor diesem Weisheitspinsel sei man offenbar nirgends sicher. Was hat er denn gegen Goethe?

Der Autor verrät es uns nicht. An der literarischen Güte Goethes dürfte es jedenfalls zuletzt liegen, hat Bott ihn doch kaum gelesen, obwohl oder weil die Zierde der Resi-denzstadt Weimar auch in der DDR verherrlicht wurde. Da hätten wir bereits einen gewichtigen Ablehnungsgrund. Selbst der rebellische E. G. Seeliger, der Ruhm unüber-trefflich als „Großgerücht“ definiert, lobt Goethe über den Klee. Oder über den Kleist. Manche behaupten, Kleist habe zu den Konkurrenten gezählt, denen Goethe nur zu gern die Steine in den Weg legte, die er in seinem gehätschelten Minerialienkabinett ausgemustert hatte. Bott kommt es also schon befremdlich vor, wenn ein Autor in sämtlichen ideologischen und ästhetischen Lagern bewundert wird – und dann noch ein Dichterfürst, der seinem Herzog die Füße küßt, während er nach hinten gegen Leute wie Lenz tritt. Dies läßt sich etwa bei Wolfgang Bittner, Peter Härtling, Tilman Jens, Guntram Vesper nachlesen.

Man wird diesen Autoren beim besten Willen nicht vorwerfen können, sie seien Abstinenzler des Ruhms. Wahrscheinlich verhält es sich mit dem Ruhm wie mit der schon andernorts behandelten Gewalt: dann wäre er nur verwerflich, soweit er sich mit Machtgelüst verbindet. Oder mit geistiger Beschränktheit. Während Marta Feuchtwan-ger in ihren Erinnerungen Nur eine Frau mit Erkennt-nissen über ihr Zusammenleben mit einem erfolgreichen Schriftsteller (oder über das Dasein überhaupt) ausge-sprochen knausert, wendet sie das Eigenschaftswort groß im Zusammenhang mit mehr oder weniger bekannten Personen des kulturellen Lebens mindestens auf jeder zehnten Seite an – meine Ostberliner Ausgabe von 1984 hat über 300 Seiten.

Zwischen dem Ruhm und dem erwähnten Machtgelüst ist die Affinität unter Primaten allerdings ebenfalls ziemlich groß. Als Abart gedeiht sie sogar im Schattendasein eines Autors, der sich verkannt fühlen darf, weil die von ihm betätigten Hähne des Literaturbetriebes nie nach ihm krähen. Das kann sich bis zum Hochmut auswachsen. Nur kommt er in diesem Fall nie zu Fall. Für mich selber fände ich ein anhaltendes Dasein als Lektoratsfußmatte lediglich deshalb bedauerlich, weil man so zwar leicht behaupten, nie jedoch beweisen kann, daß einem der Ruhm nicht zu Kopfe stiege. Dem Rumliebhaber wird die Nagelprobe leichter gemacht.


Wikipedia

Um 2011 gab ich, als „Benutzer Datschist“, ein recht ein-gehendes Gastspiel bei der bekannten „Internet-Enzyklo-pädie“, die allmählich alle Suchmaschinen beherrscht und den Wissensbegierigen dieser Welt durchaus elefanten-mäßig auf den Köpfen herumtritt. Ich zog mir damals zahlreiche Rüffel und schließlich die Unlust zur weiteren Mitarbeit zu. Als ich einen Artikel über Lewis Mumfords Buch Mythos der Maschine angelegt hatte, kippte ein Tugendwächter beispielsweise meine beiläufige Feststellung, der nie zum Professor bestallte US-Autor sei beneidenswert belesen. Auf mein Nachhaken hieß es: „Woher weißt Du, daß ein Mumford-Kenner nicht zu dem Schluß kommt, naja, belesen ist er schon, aber benei-denswert sicher nicht, da kenne ich ungleich belesenere Schriftsteller und Forscher. Deine persönliche Einschät-zung=Sicht der Dinge=Wertzuschreibung gehört also so nicht in den Artikel. Anders verhielte es sich, käme dieses Werturteil beispielsweise von Adorno. Dann hätten wir zu formulieren (soweit überhaupt wichtig für den Artikel): der laut Adorno beneidenswert belesene Mumford ... und hätten diese Aussage mit einer Quelle zu belegen.“

In meinem neuangelegten Artikel über Jost Herbig, gestorben 1984, erlaubte ich mir die Bemerkung, im Ver-gleich zu den meisten Sachbuchautoren pflege der Kölner Herbol-Erbe (Farbtöpfe) und Kunstmäzen in seinen kulturgeschichtlichen Untersuchungen einen ausgezeich-neten Stil. Auch dieses Urteil wurde umgehend gestrichen. Nachgehakt, erklärte mir der Zensor, meine Bemerkung habe nichts mit Herbigs sachlicher Leistung zu tun; so erfreulich eine anschauliche Sprache sein möge, sei eine Enzyklopädie doch nicht dafür da, Lobesworte für Stil zu vergeben. „Für diese Betonköpfe haben Inhalte keine Form“, knurrte ich damals insgeheim. „Für sie schweben sie in der Atmosphäre. Es sei denn, die Inhalte schmiegten sich der Form einer Baseballmütze, einer genormten Gitter-Palette oder eines jederzeit abrufbaren Artikel-schemas an. Sie haben es auch nicht nötig, sich zur Lektüre eines Artikels und eines Buches des vorgestellten Autors verlocken zu lassen, denn sie lesen alles, was ihnen der Kanon verordnet, und sei es das Kölner Telefonbuch.“ Was Wunder, wenn mir, grundsätzlicher formuliert, wiederholt mein „essayistischer“ Stil vorgeworfen wurde. Auf der Diskussionsseite des von mir angelegten Artikels über Ernst Kreuders Buch Die Gesellschaft vom Dachboden mußte ich mir sogar sagen lassen, es handle sich dabei bestenfalls um einen „schlechten“ Essay.

Ich will mich auf das Problem der Autoritätshörigkeit beschränken. Der hundertprozentige Wikipedia-Tugend-wächter – er kommt dem Ideal des bolschewistischen Kommissars nahe, den Orwell, Camus und Koestler so liebten – erwartet von jedem Wikipedia-Autor, jede Beschreibung zu opfern, für die er keinen „amtlichen“ Beleg auftreiben konnte. Wie sich versteht, verkürzt das die Darstellung des Gegenstandes ungemein, zumal im Falle von Außenseitern wie Mumford, Herbig oder auch Walter Porzig. Auch bei diesem hatte ich mir, als Bearbeiter eines bereits vorhandenen Artikels, den Hinweis erlaubt, in seinem Werk Das Wunder der Sprache von 1950 lege er die Grundzüge der Sprachwissenschaft wohlgeordnet, verständlich und sogar genießbar dar – auf diesem Gebiet ja nahezu ein Novum; man führe sich nur einmal den Wikipedia-Artikel über Sprachwissenschaft zu Gemüte, falls man es über sich bringt. Obwohl ich in meinem Zusatz sogar eine Empfehlung einer „Autorität“ beibringen konnte, nämlich aus dem Buch Wörter machen Leute (Neuausgabe München 1986) des langjährigen Leiters der Hamburger Journalistenschule Wolf Schneider, wurde mir auch dieses unsachliche Lob gestrichen. Und mehr noch. Zu den wenigen, nicht verhandelbaren Wikipedia-Unveräußerlichkeiten zählt neben der Neutralität des Artikels die Nachprüfbarkeit aller darin gemachten Angaben, was unter anderem bedeutet, nur Quellen zu verwenden, die im Zweifelsfall jedem zugänglich sind. Nun heißt es im Artikel über Porzig, er habe sich dieser und jener nationalsozialistischer Aktivitäten befleißigt, was auch belegt wird. Gleichwohl hielt ich den Hinweis für angebracht, in Porzigs erwähn-tem Hauptwerk – das ich schon dreimal gelesen hatte – fände sich keine Spur von „nationalsozialistischem“ Gedankengut. Auch das flog raus. Denn für diese Fest-stellung fehle der Beleg.

Da könnte Kleinfritzchen prompt einwenden, auch diese Festellung ließe sich durchaus von jedem nachprüfen. Man müsse sich dazu nur das Buch ausleihen und es von vorne bis hinten durchlesen. Aber das will man den Artikellesern und den Administratoren natürlich nicht zumuten. Also soll man Adorno oder Dr. Soundso zitieren, der in seiner veröffentlichten Arbeit Z. genau dieselbe Feststellung getroffen hat – freilich auch nur als Behauptung. Wollte er sie nämlich beweisen, teilte er das Schicksal von Saddam Hussein, von dem Bush und Blair verlangten, er möge nachweisen, in seinem ausgedehnten Wüstenreich nicht ein Gramm Plutonium versteckt zu haben. Worauf beläuft sich also der Unterschied zwischen mir und dem Doktor? Eben: auf dessen Titel, dessen Ruf, dessen Autorität. Und das kommt mir als altem 68er natürlich sehr befremdlich vor. In meinen Ausgewählten Zwergen wimmelt es von anerkannten Persönlichkeiten oder Institutionen, die sich bei näherer Betrachtung als Schwatzbuden, Hohlköpfe oder Arschlöcher, jedenfalls fast immer als Lügenbolde entpuppen. Ich nenne stellvertretend nur den Historiker Dr. Helmut Kohl, den Außenminister und Auschwitz-experten Fischer, den Über-die-Mauer-Macher Wolf Biermann, das Wochenblatt Spiegel und jene Treuhand-anstalt, die Ostdeutschland in eine „blühende Landschaft“ für äsende westliche Dinosaurier verwandelte.

Zu den Goldenen Kälbern der Wikipedia-Gemeinde zählt die sogenannte Relevanz. Es handelt sich dabei um den Popanz einer Gemeinde von Gläubigen. Zieht man nämlich die Quersumme der zahlreichen Wikipedia-Relevanz-Kritierien, die sich hier finden, ergibt sich Erfolg. Ein Autor steht in anerkannten Nachschlagewerken; ein Fuhrunternehmen betreibt mindestens drei Buslinien; ein Politiker ist hauptamtlich tätiger stellvertretender Bürgermeister; ein Sportler zählt zum Kader der National-mannschaft und so weiter. Nur solche erfolgreichen Dinge/Personen sind relevant. Der Erfolg, der hier ge-meint ist, fußt wiederum auf den drei Säulen Popularität, Größe, Einfluß (mit den Unterabteilungen Macht und Geld). Diese Werte genießen breiteste Anerkennung; diese Werte repräsentieren das Normale; diese Werte sind die Norm. Damit entpuppt sich die Internet-Enzyklopädie selber als Säule des Bestehenden. Und um zu verhindern, daß jemand daran rüttelt, pocht man eben auch in allen „relevanten“ Fällen auf jene bereits gestreifte „Neutralität“. Wir dürfen den britischen Labour-Politiker Jack Straw, der im betreffenden Artikel mit wunderschöner blauroter Krawatte auftritt, nicht als Fluchthelfer für Pinochet, Guantanamo-Knecht, Kriegstreiber gegen den Iran und somit als Schurken enttarnen, es sei denn, es stünde in einem anerkannten Nachschlagewerk – wie dem erwähnten Spiegel zum Beispiel ... Wir dürfen den Wahn des Profisports und der Rüstungsproduktion nicht beim Namen nennen, denn dadurch würden wir Millionen von Arbeitsplätzen und ein paar Millionäre gefährden und uns auf Erden entsprechend unbeliebt machen. Wir dürfen einen Literaturkanon, der in zahlreichen Fällen Schön-dunst als Erbauung und Nebel als Aufklärung ausgibt, nicht anpinkeln, bräche doch andernfalls das halbe Verlagswesen dieses Planeten zusammen.

Für mich gilt also nicht die Gleichung, das Zuverlässigste sei stets das breit Anerkannte. Ginge es nach mir, müßte deshalb auch die Zuverlässigkeit einer Quelle – darunter die eigene Beobachtung – von jedem Artikelschreiber in jedem einzelnen Fall neu erwogen werden. Aber sie müßte in seiner Verantwortlichkeit bleiben. Und genau hier liegt der Wikipedia-Hase im Pfeffer. Selbst bei anderen, herkömmlichen Enzyklopädien oder Fachlexika werden die einzelnen Artikel oft mit Namen gezeichnet. Minde-stens gibt es verantwortliche Redakteure oder Heraus-geberInnen. In der Wikipedia dagegen wird erklärter-maßen kollektiv=anonym gearbeitet. Es wäre auch widersinnig, mich für eine Äußerung zur Rechenschaft ziehen zu wollen, die jeder jederzeit ändern, entstellen, tilgen kann. Das „Mitmach“-Projekt Wikipedia zeichnet sich durch die „Flexibilität“ aus, die ich schon immer an allen postmodernen Projekten geliebt habe. Das schließt die Schlitzohrigkeit ein, die persönliche Verantwortung auf die in den Artikeln angeführten Autoritäten abzuwälzen. Die sind natürlich unbelangbar. Das gleiche gilt günstigerweise für jene weißbärtigen, mit allen Wassern gewaschenen Wikipedia-Tugendwächter, die längst wissen, wie der Hase läuft – weil sie selbst die Strippen ziehen.


Kleine Gegenstände

In Madrid kommt Ehrenburg an einem zerbombten Haus vorbei, aus dessen Trümmern eine alte Frau das einge-rahmte Foto zweier Jungvermählter wühlt. Sie schlägt es in ein Tuch ein, um es im Regen fortzutragen. „Mir war unerträglich traurig zumute; wie einem immer zumute ist, wenn man kleine Gegenstände aus dem Alltag erblickt, die einen gerade verstorbenen Menschen umgeben haben.“ Noch schlimmer kommt es im zerstörten Jaén. „Ein Bombensplitter hatte einem kleinen Mädchen den Kopf abgerissen. Die Mutter verlor den Verstand. Sie wollte den Körper der Tochter nicht hergeben. Sie kroch auf der Erde, suchte den Kopf und schrie: 'Es ist nicht wahr! Mein Kind lebt!'“

Es sind herausgeschnittene, ins Auge springende Details, die uns erschüttern – nicht das Mosaik als Ganzes. Der Spanienkrieg, das ist leicht gesagt. Der Begriff verschluckt alle Details.

Das größte Übel stellen die großen Zahlen dar, denn sie tilgen alles Übel. „In Eschede hat es (vor 10 Jahren) 101 Tote und 88 Schwerverletzte gegeben, weil das wieder-vereinigte Deutschland nur mit Hochgeschwindigkeits-zügen sinnvoll zu durchqueren ist.“ Erschüttert Sie das? Natürlich nicht – wie der großen Zahl das persönliche Schicksal fehlt, fehlt Ihnen persönlich das Mitgefühl. Je abstrakter, desto unvorstellbarer. 2007 hat die liebe Welt 851 Milliarden Euro für Rüstungszwecke verpulvert. Da zucken wir mit den Achseln; eine derartige Summe kann gar nicht erst in unser Vorstellungsvermögen eindringen. Während Spitzenreiter USA mit 350 Milliarden 45 Prozent davon hält, wendet die BRD „nur“ um die 30 Milliarden auf. Aber für mich sind eigentlich schon eine Milliarde zu viel. Ich kann sie nicht sehen. Ich muß mir sagen, sie bestehe aus 1.000 Millionen Euro. Schon eine Million ist recht viel: vier oder fünf Kindergärten, würde ich schätzen. Jetzt sieht man schon mehr.

Hier ist die Übersetzung der Zahlen in handfeste An-schaulichkeit hilfreich. Das brasilianische Weltraumfor-schungsinstitut meldet, nach jüngsten Satellitenfotos (ebenfalls 2007) werde der Regenwald im Amazonasgebiet alle 10 Sekunden um ein Stück von der Größe eines Fußballfeldes ärmer – also ungefähr in der Zeit, die Sie zum Lesen dieses einen Satzes benötigen. Die Holzmafia, deren Chef vermutlich Umweltminister Carlos Minc ist, hat eben großen Bedarf; dann wird auf den gerodeten Flächen Soja nach den Gesichtspunkten der Mono- und Gentechnik angebaut. Im September 2008 melden die Agenturen, Brasilien plane für die kommenden 50 Jahre den Bau von mindestens 50 Atomkraftwerken. Gefährlich? Ach woher – Tschernobyl liegt in der Ukraine. Der erste Bauabschnitt des lange umstrittenen AKWs Angra 3 bei Rio de Janeiro ist bereits genehmigt worden.

Vor 19 Jahren hat man Minc und Da Silva noch unter den Demonstranten gegen Angra 3 gesehen. Außerdem hat die angeblich linke Regierung gigantische Flußumleitungen und Staudämme in Arbeit. Der Gorbatschow Latein-amerikas, eben jener Präsident „Lula“ da Silva, erläutert dazu: „Wir sollten das Amazonasgebiet nicht als reines Heiligtum betrachten.“ Zufällig werden die größten brasi-lianischen Uranerzvorkommen ebenfalls dort vermutet. Tabu sind allein die großen Zahlen, vor allem im Profitbereich.


Systeme

Philosophen wie Alain, Adorno, Friedrich Georg Jünger ist wiederholt ihr unsystematisches Denken angekreidet worden. Man hätte ihre Sicht auf die Welt lieber wie einen Stammbaum a lá Darwin oder eine Apothekenschrank-wand mit lauter Schubladen vor sich gehabt. Der vom Holzhammerphilosophen Ludwig Klages nicht unbeein-flußte Sachse Hermann Schmitz, geboren 1928, ist diesem Vorwurf tatsächlich noch zuvorgekommen, indem er zwischen 1964 und 1980 sein 10bändiges System der Philosophie vorlegte. Es umfaßt rund 5.000 Seiten. Es soll sogar schon schulbildend sein. Schmitz kreist nicht um Krieg oder Lüge, sondern um einen menschlichen Leib, der weit genug aufgefaßt ist, um darin den epochenumfas-senden Dualismus Leib/Seele zu schlichten und auch noch alles andere unterzubringen, das ein hellwacher Kopf zu berücksichtigen hat, Göttliches eingeschlossen.

Trotzdem fanden die Alains, Adornos, F. G. Jüngers, Systeme seien zu eng. Sie verleiten zu einem bestimmten Blickwinkel, der zuviel Dunkel unbeleuchtet läßt. Sie unterbinden Überraschungen, weil man nur nach dem sucht, was man finden möchte, beispielsweise den Ruhm. Man möchte vor allem recht behalten. Philosphische Systeme sind immer nur Rechtfertigungen ihrer Anlässe und Strukturen, also dessen, was in ihnen angelegt ist. Was nicht hineinpaßt, wird unweigerlich zurechtgebogen. Was zu sperrig, zu widersetzlich ist, fällt unter den Tisch. Andererseits erzwingen sie trotz ihrer Enge Wucherungen, die völlig unfruchtbar, aber zur Stützung des Systems unabdingbar sind. Ein jüngeres Beispiel dafür stellt Canettis Werk Masse und Macht von 1960 dar.

Allerdings kann der Verzicht auf Systematik auch eine billige Ausrede darstellen, wie ich einräumen will. Der Literaturbetrieb wimmelt von Faulpelzen, Strohköpfen und Scharlatanen, die sich begierig Ilse Aichingers Bemerkung aus Schlechte Wörter an den Bildschirmrand ihres Computers geklebt haben, niemand könne von ihr verlangen, Zusammenhänge herzustellen, solange sie vermeidbar seien. Einen Zustand im Chaos zu belassen ist sicherlich oft bequemer als der Versuch, ihn zu ordnen. Bei Hochwasser, das einem schon den Kragen näßt, wird es freilich unbequem. Man wird sich zumindest nach einem Turm umsehen.


Sieg

Als ich (2012) mit eigener Webseite loslegte, war ein anderer Blogger so freundlich, mir eine eher kurze Liste der am häufigsten benötigten typografischen Befehle zu schicken, etwa für Kursiven, Fettdrucke, Absätze, Links. Sie genügte mir für einige Jahre. Wollte ich beispielsweise eine Fußnote in kleinerer Schrift absetzen, klammerte ich sie im Editor mit den Sonderzeichen [small] und [/small] ein – und schon erschien sie auch kleiner. Erst nach Jahren hatte ich den Wunsch, einen Haupttitel umgekehrt größer erscheinen zu lassen. Da ich jenen Blogger nicht erneut belästigen wollte, durchdachte ich das gewaltige Problem. Ich sagte mir: wie es (woanders) aussieht, hatten viele Kollegen bereits denselben Wunsch. Also wird es einen entsprechenden Befehl geben. Vielleicht ist er kurzerhand analog der Verkleinerungszeichen gestaltet worden, nur mit einem anderen Wort. Vielleicht [big] und [/big]? Und siehe da, so war es. Da stieß ich instinktiv einen Jubelruf aus und riß beide Arme hoch. Und das war mir im nächsten Moment durchaus peinlich, obwohl das Kamera-auge an der oberen Kante meines Labtop-Bildschirms zugeklebt ist. Es war mir sogar doppelt peinlich; einerseits wegen der bescheidenen Dimension meiner revolutionären Entdeckung, andererseits wegen der bekannten Inflation dieses Verhaltens, die Arme hochzureißen, ob mit oder ohne Schrei.

Im gegebenen Zusammenhang liegt die Deutung der Siegerpose natürlich auf der Hand. Während manche Forscher glauben, die Entwicklung des Aufrechten Ganges habe sich wahrscheinlich vornehmlich dem Wunsch verdankt, die Vorderpfoten für Werkzeuge und Lasten freizubekommen (Beuten, Behälter!), waren viele Alt- oder JungsteinzeitlerInnen offensichtlich der Ansicht, die Vorderpfoten seien vorzüglich dazu geeignet, gen Himmel gerissen und gereckt zu werden, auf daß sie selber, als ganze Person, auf diese Weise besonders groß und bedrohlich erscheinen und allen Neandertalern einschär-fen können: hüte dich davor, dich mit mir messen zu wollen! Heute gilt die Siegerpose auch außerhalb des Neandertals. US-Psychologen erwiesen sie kürzlich in einer Studie als „interkulturellen“ Ausdruck des Triumphes. Dagegen könne sie nicht als Ausdruck des Stolzes gewertet werden, wie bis dahin oft geschehen. Der Stolze – erhobener Kopf, feines Lächeln, geschwellte Brust – hält zwar viel von sich selbst, will aber nicht unbedingt herrschen. Im Gegenteil, oft sondert er sich ab, um sich nicht mit all den gewöhnlichen Flaschen gemein zu machen, möchte ich ergänzen. Die Siegerpose dagegen wirke aggressiv.

Ich nehme allerdings an, ganz so eindeutig verhält sich die Sache beziehungsweise der jubelnde Mensch nicht. Manchmal dürfte auch der Stolz auf seine „Leistung“ mitschwingen. Oder er jubelt aus purer Freude. Naht sich seiner Haustür zum Beispiel eine verehrte Dame, die seine Liebe bislang verschmähte, um nun jedoch, vor eben dieser Haustür, zu Kreuze zu kriechen, macht er vielleicht sogar einen Luftsprung – ob aus Freude oder aus Genugtuung. Siegreiche Berliner WahlkämpferInnen und fernöstliche Staatspräsidenten müssen sich diese Geste meist verkneifen, um ihr „Übergewicht“ nicht zu gefährden. In vielen Fällen könnte die „bedrohliche“ Siegerpose auch durchaus entspannend wirken, nämlich auf den Sieger selbst, der ja häufig in furchtbarer Verkrampfung in den Startblöcken oder vor seinem Bildschirm hockt, weil er vom Glauben an seinen bevorstehenden Erfolg noch keineswegs durchdrungen ist. Der Sieg und das Empor-recken der Arme oder gar der Luftsprung schütteln die Angst aus ihm.

Unter anderem diese Wirkung hatten wahrscheinlich auch bestimmte ProfisportlerInnen im Auge, die neuerdings ihre Arme nicht mehr emporreißen, wenn sie ein Tor oder eine Rekordweite erzielt haben, sondern lediglich leicht anheben. Sie machen jetzt den Dab, wie mich 2016 verschiedene SportreporterInnen belehren. Diese Geste des „understatements“, die sich einem Hip-Hop-Tanz verdanken soll, erinnert an ein Niesen (Kopffallen) auf die abwechselnd vorgestreckten angewinkelten Arme. Auch sie schüttelt mithin, jedoch nicht so aufdringlich. Sie soll signalisieren: „Jawohl, ich kann's, ich weiß es, aber reden wir nicht weiter darüber“. Ja, so sind sie heute, die Helden des Bildschirmzeitalters: flexibel. Das einzige, was bei all diesen Einstudierungen nicht aus ihnen geschüttelt wird, ist das viele Geld, das sie einstecken, ob nun als Torjäger oder als Putinschreck.

Vielleicht verfällt der nächste PR-Mensch auf die Emp-fehlung, der Siegreiche möge sich jäh hinkauern und seinen Kopf, den er ja sowieso kaum benötige, genüßlich in den Sportplatzrasen bohren. Denn die Gesten nutzen sich schnell ab, wie aus der Mode oder von Automodellen her bekannt; sie müssen also oft gewechselt werden. Dabei hat es sich eigentlich schon immer als besonders wirksam erwiesen, gerade das Gegenteil des Üblichen und Erwar-teten zu tun. Es ist zugleich die einfachste, hirnscho-nendste Lösung. Drehen Sie Ihre Mütze um 180 Grad, damit deren Schirm nach hinten steht. Gründen Sie die Mutterlandspartei. In der Türkei ist sie auch unter dem Kürzel ANAP bekannt. Treten Sie als Gitarrist nicht mit einer Band, sondern mit einem Elefanten auf, wie der kanadische Country-Sänger Alberta Slim um 1940, oder vielleicht mit einer Giraffe, an der Sie gleich den Punktscheinwerfer befestigen können. Nageln Sie einem Gaul das Hufeisen auf die Stirnblesse, so Roland Topor in einer Grafik von 1990. Treten Sie vor dem Hessischen Landtag in Turnschuhen auf (Umweltminister Fischer). Stellen Sie die Personen oder Adler, die Sie in Acryl zu porträtieren gedenken, vorher auf den Kopf. Man könnte natürlich auch sagen, Georg Baselitz, Jahrgang 1938, habe sie gleichsam an den Füßen an den oberen Querleisten seiner Gemälde aufgehängt. Mal sehen, was er mit sich selber anstellt.

Besonders findig war Hermann von Pückler-Muskau. Man sah den beliebten Reiseschriftsteller plötzlich mit einem Hirschgespann durch Berlin traben! Auf diese Weise brachte er es (um 1820) im Nu als „Graf Hirsch“ zum Stadtgespräch. Allerdings war der berüchtigte Schürzen- und Ordensjäger, der sich gern als schlichten Land-schaftsgärtner, Scribenten und Aufklärer ausgab, sowieso schon Graf gewesen. Später erhob ihn der preußische König sogar zum Fürsten. Aber dieser Titel nützte ihm nicht die Bohne, als er sich mit 82 Jahren in den Kopf setzte, die neue Starautorin des auflagenstarken, gutbürgerlich gestimmten Leipziger Wochenblatts Die Gartenlaube zu erobern, Eugenie Marlitt. Sie lebte in Arnstadt/Thüringen und war damals erst 43. Nach kurzem Briefwechsel (1868) ließ sie den alten Nörgler abblitzen. Da ging er in seinen prächtigen Branitzer Schloßpark (bei Cottbus) hinaus und bohrte seinen Greisenschädel in den lausitzer Sand ...



Zum Thema Größe siehe auch
Kapitel Schnecken, im Beitrag ziemlich vorn
Kapitel Emporismus, im Beitrag ziemlich vorn
Kleine Kinder: Kapitel Tauschland, in der 1. Hälfte des Beitrags; außerdem „Schlechte Gutscheine“
Historische Tendenz zur Verklumpung
Tall is beautiful
Zwergenpark
Verleger-Weihrauch nicht für stinkende Rothäute
Erhabenheit: Kapitel Musik & Tränen, in der Beitragsmitte
°
°