Donnerstag, 28. Juni 2012
Für das Volk die Urnen
Umfang knapp 20 Druckseiten. Einige Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten. „Kreter“ beginnt schon in der Mitte des Beitrages.


Opportunismus + Vertretung + Gewaltmonopol des Staates + Spitzel + Alle Kreter lügen



Opportunismus

Bei unklarer Wetterlage sah sich Onkel Emil auf der Straße immer erst beflissen um, ehe er seinen Regenschirm entweder aufspannte oder zuklappte. Er wollte nicht das Falsche machen. Die Mehrheit hat recht.

Wer aus der Reihe tanzt, droht sich zumindest lächerlich zu machen; oft kann es den Posten, mitunter auch den Kopf kosten. Opportunisten ziehen deshalb Wendehälse vor. Nach 1989/90 zeigten sich diese auch an Schwärmen von Umfallern im April 1999, als Kriegführen plötzlich wieder erlaubt, ja sogar geboten war, weil „wir“ – die 68er Veteranen – inzwischen die Regierungssessel erobert hatten. Auf die Stärksten zu setzen ist stets am erfolg-versprechendsten.

Gioconda Belli war aus anderem Holz geschnitzt. Zwar ruht 1978 in Havanna Fidels patriarchales Auge voll bohrenden Wohlgefallens auf der feschen Sandinistin, doch sie widerspricht ihm. Die Taktik der Gebrüder Ortega – die Castro vornehmlich unterstützt – werde den Bedingungen in Nicaragua nicht gerecht. Die sandini-stische Revolution siegt ein Jahr darauf trotzdem, aber Belli wird zukünftig von Castro geschnitten, wie sie in ihren Erinnerungen schreibt (deutsche Ausgabe 2001). Nebenbei hat sich der Ortegaclan bald als korrupter Haufen erwiesen. Dabei lieferte er ein bemerkenswertes Beispiel für Doppelmoral, das zahlreiche arme Bürger-innen in Leid stürzte und noch stürzt. Um sich die Kirche und die entsprechenden WählerInnenmassen gewogen zu machen, schafften die Sandinisten (2006) die therapeu-tische Abtreibung ab, die seit vielen Jahrzehnten, sogar unter Somoza, gesetzlich erlaubt war. Dieses General-verbot hindert freilich die schwangeren Geliebten von verheirateten Generälen der ehemaligen „Befreiungsfront“ nicht daran, zwecks Abtreibung just nach Kuba zu fliegen.

Auch die Erinnerungen Victor Serges wimmeln von Feiglingen und Lumpen. Eindrucksvoll seine Begegnung mit der „menschgewordenen Heuchelei“ 1927 in Moskau: Henri Barbusse. Selbst sein Freund Boris A. Pilnjak, von einer Amerikareise mit einem „kleinen Auto“ heimgekehrt, läßt sich blenden und bestechen. Stalin zieht Pilnjak 1937 dennoch aus dem Verkehr.

Opportunismus schützt nicht wirklich, weil die Verhält-nisse oft noch wendehälsiger und charakterloser sind. Sie sind unberechenbar, während ein Mensch mit konse-quenter Haltung doch zumindest weiß, was er hat. Hier scheint eine zu wenig bekannte Riesenklemme auf. Rechthaber Castro ließ nur die eigene Meinung gelten; Belli und Serge dagegen bemühten sich um Toleranz. In diesem Fall achtet man Meinungen, Wege, Zustände auch dann, wenn man sie für falsch oder verderblich hält. Damit ist selbstverständlich dem Opportunismus Tür und Tor geöffnet. Denn was man achtet, darf man nicht bekämpfen. Und weil das Serge nicht schmeckt, windet er sich mit der Formel „Krieg ohne Haß“ aus der Klemme – wahrlich ein Akrobatenstück.


Vertretung

Fordert der Vegetarier, wer Fleisch wolle, müsse auch bereit sein, dessen Träger zu töten, etwa ein niedliches Kalb, verlangt er viel. Dann müßten wir neben dem Metzger auf die halbe Menschenwelt verzichten. Nur Tiere vertreten einander nie. Weder schickt das Kalb den behelmten Bullen noch der Igel Rennmeister Lampe vor. Das Vertreten eröffnet uns ungeheure Spielräume. Da der alte Sumerer im Tempel seine Beterstatuette wußte, konnte er sich wichtigen Markt- oder Waffengängen widmen, statt im Tempel auf den Knieen zu liegen. Opfert Abel ein Lamm oder Gott Jesus, brauchen wir uns nicht zu opfern. Fehlt einem Knaben das Zeug zum Till Eulen-spiegel, kann er sich gegen Glasmurmeln oder Gummibär-chen eine Art mittelalterlichen Lohnkämpen mieten, der seinen Hänslern tüchtig eins auf die Fresse gibt. Eben nach diesem Muster bedienen wir uns des Metzgers, der das Kalb für uns absticht. Schmierende Komödianten wie Peter Hartz bemühen Betriebsräte oder Rechtsanwälte, bevor sie vielleicht einen Mörder dingen. Alle Arbeitsteilungen, alle Ablösungen wie Geld, Symbole, Sprache sind Vertre-tungen, die unseren Verkehr erleichtern, unsere Spiel-räume vergrößern, unsere VolksvertreterInnen bereichern.

Die Nachteile liegen auf der Hand. Der Lohnkämpe erpreßt, der Abgeordnete betrügt mich. Vorgefundene Arbeitsteilung erstickt Begabung, verhindert Entdek-kungen, vergrößert Abhängigkeit. Zunehmende Veräste-lung läßt uns immer häufiger straucheln; wir verfangen uns; wir fallen herein. Kurz und schlecht: Fortschritt bedeutet, Entfremdung und Entmündigung nehmen unaufhaltsam zu. Dagegen behalten die Füchse und Dachse ihre Nahrungssuche, Interessen, Perspektiven lieber in der eigenen Pfote.

Allerdings kennen sie keine Gerechtigkeit. Bei ihnen hat der Magere Pech und gerät unter die Räder. Sie sind dem Zufall unterworfen – den die Vertretung auszuhebeln versucht. Das rechtfertigt diese aber trotzdem nicht. Das System der Vertretung setzt immer schon das ungerechte System voraus; gerade so wie die Rechtfertiger des Geldes stets den Tausch voraussetzen. Ausgleich und Solidarität ließen sich auch in einem runden System gewährleisten, etwa einer 30köpfigen Kommune. Hier beruht alles auf Absprache und Teilhabe. Aber schon für ein Residenz-städtchen wie Gotha (das heute 50.000 EinwohnerInnen hat) sehe ich in dieser Hinsicht schwarz. Wahrscheinlich werden alle Weltverbesserungsprogramme an der Unmöglichkeit zerschellen, die Menschenwelt und ihre Einrichtungen wieder zu verkleinern, statt sie unbeirrbar aufzublähen.


Gewaltmonopol des Staates

Seine Beschwörung durch sämtliche „demokratische“ Regierungen ist zunächst verlogen, weil sich diese merkwürdigerweise stets mit dem Streichholz-, Zucker- und Zeitungsmonopol verbündet wissen. Die Staatenlosen dagegen stellen immer ökonomische Nieten dar – oder umgekehrt. Mit anderen Worten: eine sehr wesentliche Gewalt wurzelt bereits im Privat- wie im Staatseigentum an Produktionsmitteln und Ländereien, von dem bekannt-lich viele Menschen ausgeschlossen sind. Auf dieser Ebene hat sie mit Polizeiuniformen noch keinen Zipfel zu tun. Am 20. Mai 2010 rutschte dem bayerischen Ministerpräsi-denten Horst Seehofer (CSU) eine Bemerkung heraus, die es vermutlich nie in die Geschichts- oder Soziologiebücher bringen wird. Mit Erwin Pelzig, dem Chef einer beliebten Unterhaltungs-Sendung des ARD-Fernsehens, über Demokratie plaudernd, stellte Seehofer etwas resigniert fest: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt; und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“

Maßgeblich sind diskrete Machthaber wie Josef Acker-mann von der Deutschen Bank – oder wie Kurt Freiherr von Schröder, der 1921, durch eine günstige Heirat, Teilhaber des Kölner Bankhauses J. H. Stein geworden war. 12 Jahre später, am 4. Januar 1933, lud dieser Schröder Papen und Hitler zu einem kleinen Nachtimbiß ein. Nur VerschwörungstheoretikerInnen behaupten, dabei sei der Sturz der Regierung Schleicher erörtert worden. Nach vollbrachtem Umsturz griff Schröder Hitlers Partei auch als Großspender unter die Arme. Zum Dank konnte er SS-Brigadeführer und Mitglied im Stab Reichsführer SS werden und seine Aufsichtsratsposten bis 1945 auf über 30 verdoppeln. In meiner Brockhaus Enzyklopädie (Band 19 von 1992) wird dieser Schröder so diskret behandelt, daß er gar nicht darin vorkommt. Das gleiche gilt übrigens für Waldemar Pabst (Band 16), den Chef des Mordkom-mandos gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Wer hat sich da möglicherweise gegen was verschworen?

Diese diskreten Machthaber, zunehmend auch -Innen, stehen nie zur Wahl. Ihr zusammengeraubtes oder erbmäßig erschlichenes Kapital genießt päpstlichen Segen und den amtlichen Schutz ewig verhangener Denkmäler. Gegen ihre multinationalen Verflechtungen ist der Staat ein Kartenhaus. Prompt ist dieser so freundlich, ihnen unablässig Zinsen für Kredite, einen „Öffentlichen Dienst“ nach dem anderen und neuerdings auch milliarden-schwere „Rettungspakete“ in den Rachen zu schmeißen. Davon geben sie dann wieder gnädig Kredite. Alle Details der entsprechenden Verordnungen und Verträge hält das Regierungspersonal wohlweislich geheim – auch vor den Pensionsberechtigten im Bundestag.

Die diskreten Machthaber vernebeln die Welt durch ihr Gerede von „Wirtschaftlichkeit“, verstecken sich hinter kunstvoll verschachtelten Aktienpaketen, schicken bestochene ManagerInnen, MinisterInnen, Gutachter-Innen, RechtsverdreherInnen vor und lassen jede Sozial-kritik von einem Bertels- oder Diekmann als „Verschwö-rungstheorie“ verhöhnen oder als „Gutmenschentum“ durch den Dreck ziehen. Und mit dem Pochen auf das „Gewaltmonopol“ des „demokratischen“ Staates gaukeln sie uns nebenbei vor, außerhalb von Polizeiknüppeln und Maschinengewehren gebe es keine Gewalt. Doch der Staat selber übt diese bereits durch eine Bürokratie aus, die Tag für Tag die Mußestunden, Hoffnungen, Lebenspläne zahlreicher kleinen Leute zerstört. Ein Pharmaziemanager übt sie verheerend aus, indem er bestimmte Pillen, die in Afrika recht nützlich wären, mangels „Gewinnerwartung“ nicht produzieren läßt. Ein Lehrer kann einen Schüler allein durch schlechte Benotung zu chronischem Asthma oder in den Selbstmord führen. Der Bürger terrorisiert sein Kind, ohne jemals auch nur eine Ohrfeige zu bemühen. Vorwürfe unter Freunden treffen wie Huftritte. Einer wirft den Schuh – und der andere, der ihn sich anzieht, nutzt die bekannte „Opferrolle“ zu erpresserischen Zwecken.

Es war natürlich schon immer das Werk von Demagogen, „die“ Anarchisten stets als Menschenfresser mit Sprengstoffgürtel zu malen. Leute wie Michail Bakunin, Alexander Berkman, Victor Serge stellen revolutionäre Gewalt unter hohen Rechtfertigungsdruck. Das nimmt zuweilen schelmische oder groteske Züge an. So verkündet Bakunin, jede Gewalttätigkeit zwischen freien nationalen Föderationen sei zu unterbinden – wohl mit Paketschnur oder mit Samthandschuhen. Unsere winzigen anarchi-stischen Kommunen haben dasselbe, übrigens schon von Orwell gesehene Problem. Wie gewährleisten sie die Befolgung des selbstgewählten Reglements? Werden Vereinbarungen hartnäckig mißachtet oder unterlaufen, können sie ja schlecht den üblichen „Druck“ machen, indem sie Essensrationen kürzen, Büroschlüssel wegschließen oder Polizei ins Haus holen. Also bleibt ihnen nur, anders zu sanktionieren. Böse Zungen sprechen mitunter von Psychoterror, aber es ist das andere Leben.

Eine gewaltlose Menschenwelt ist undenkbar. Auch die Freie Räterepublik muß ihre Angehörigen vor „Rechts-brechern“ schützen. Auch der Kommunarde hat sein Kind daran zu hindern, auf die verkehrsreiche Straße zu laufen. Droht als Sturmschaden ein Baum in den Hof zu stürzen, fällt er ihn, obwohl erst in einer Woche wieder Plenum ist. Dort setzt er, wenn nicht beißenden Spott, seine Überzeugungskraft ein. Am liebsten führt er die Waffe der Aufrichtigkeit – die mitunter kränkt, gelegentlich auch tötet. Für dieses Spektrum der Gewalt hatte der ehemalige burmesische Bezirkspolizeichef und Spanienkämpfer George Orwell einen guten Blick. Deshalb stellte er 1947 (zu Tolstoi) fest: „Der Unterschied, auf den es wirklich ankommt, ist nicht der zwischen Gewalt und Gewaltlosig-keit, sondern zwischen der Neigung zur Machtausübung und der Abneigung dagegen.“

Versucht sich demnach ein überzeugter Anarchist den Drang zum Rechthaben und Herrschen abzugewöhnen, heißt das noch lange nicht, er werde bei jeder Zumutung auf Gewalt verzichten. Den Beitrag zum Weltfrieden leistet er so wenig wie Partisan und Pazifist es tun.


Spitzel

Vergleichen wir die Undurchsichtigkeit der üblichen Marionettendemokratie mit dem abgegriffenen Eisberg, stellt das Heer der Spitzel, Agenten und Provokateure, die sich bei jeder Gipfelkonferenz und den sie begleitenden Demonstrationen auf die Füße treten, in der Tat nur dessen Spitze dar. Aber schon in dieser finden seit dem Altertum erstaunlich viele Arbeitsplätze Platz. Selbst Jesus wurde bekanntlich nicht aus doktrinären, vielmehr pekuniären Gründen verraten. Wie Bernt Engelmann erwähnt, hielten es deutsche Obrigkeiten insbesondere nach den Bauernerhebungen um 1525 für angebracht, ihren jeweiligen Einflußbereich mit einem Netz aus Spitzeln zu überziehen. In IIja Ehrenburgs Babeuf-Roman Die Verschwörung der Gleichen wimmelt es nur so von Spitzeln. Unter dem „Direktorium“ kommt es (um 1800) sogar zu einem Streik der Pariser Spitzel, weil sie nicht mehr in wertlosem Papiergeld entlohnt werden möchten. Sie pokern sozusagen um Judas’ Silberlinge.

Entscheidender ist jedoch, daß es sich bei der Demokratie von vorne bis hinten um ein Spiel mit gezinkten Karten handelt. Jeder Politiker muß vor allem erlernen, wie man im Stillen Fäden zieht, wie man erpreßt, Fehler vertuscht, Wahlversprechen bricht und sich ausschließlich auf Kosten des Gegners profiliert. Vor den Kulissen macht er der sogenannten Öffentlichkeit zuliebe den „Schöndünster“ (E. G. Seeliger), während er hinter ihnen Kuhhandel treibt. Nach dem bewährten Spion und Schriftsteller Victor Serge stellten hier die Bolschewisten keine Ausnahme dar. Statt Räterepublik Verrätertum. Wären alle gemeinschaftlichen Belange und Vorgänge – etwa Einkünfte, politische Absprachen, berufliche und militärische Pläne – transpa-rent, bräche jedes Herrschaftssystem auf der Stelle zusammen. Herrschaft braucht Dunkelheit, viele Grau-zonen – und jede Menge Feinde. Nur mit deren Hilfe kann die Marionettendemokratie jede Geheimhaltung und jede Schweinerei rechtfertigen. Hätte sie’s nur mit freundlichen Bürgern und Nachbarn zu tun, wäre sie überflüssig. Doch dann könnten Heckler & Koch ihre Sturmgewehre nicht mehr nach Afghanistan oder Georgien liefern – und wohin dann mit all den Neid und Haß schürenden Lobbyisten, Politikern und Spitzeln? Wie sich versteht, müssen diese Feinde in den schwärzesten Farben gemalt werden. George Kennan galt nach 1945 als „größter Kreml-Experte der US-Regierung“, wie Tim Weiners Geschichte der CIA zu entnehmen ist. Auf diese Zeit des „Kalten Krieges“ zurückblickend, stellte er 1996 fest: „Aufgrund unserer Kriegserfahrungen hatten wir uns daran gewöhnt, einen großen Feind vor uns zu haben. Der Feind muß immer im Zentrum stehen. Er muß absolut böse sein.“

Zum 60. Jahrestag des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit bringt die Junge Welt ein Interview mit Werner Großmann und Wolfgang Schwanitz, den beiden letzten noch lebenden Stellvertretern des Ministers Erich Mielke. Ihre Äußerungen klingen selbstverständlich etwas anders als beispielsweise ein Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 26. April 2009, in dem der britische Historiker Tony Judt mit der Bemerkung zitiert wird, die DDR habe sich nicht vom mörderischen Hitlerfaschismus unterschieden, die Bezeichnung „Unrechtsregime“ sei „verharmlosend“. Die Stasi habe „nicht nur die Funktion und Praxis der Gestapo, sondern viele ehemalige Gestapoleute und Informaten übernommen ... Politische Opfer des neuen Regimes [der späteren DDR] wurden von Ex-Polizisten verhaftet, von Ex-Nazirichtern verurteilt und in Zuchthäusern und Konzentrationslagern, die der neue Staat en bloc übernommen hatte, von ehemaligen KZ-Wächtern bewacht.“

Großmann und Schwanitz begnügen sich damit, solche gemeingefährlichen Verharmlosungen des deutschen Faschismus, die von einem als seriös geltendem Blatt verbreitet würden, Schwachsinn zu nennen. Man kann dem Schwachsinn Antworten der Bundesregierung vom 29. Januar 2008 auf Fragen der FDP-Fraktion entgegen-halten, die Großmann und Schwanitz zu Beginn des Interviews erwähnen. „Nach den Einstellungsrichtlinien der Volkspolizei und des MfS war die Einstellung von NSDAP-Mitgliedern nicht gestattet.“ Eine Stichproben-analyse für den Mitgliederbestand des Jahres 1953 habe auch keine NSDAP-Mitglieder feststellen können. Auch die Beschäftigung von Polizisten und Geheimagenten des Dritten Reiches habe den Einstellungsrichtlinien widersprochen. „Daran hat sich die DDR-Staatssicherheit prinzipiell gehalten.“ Gegenteilige Aussagen in älterer Forschungsliteratur seien anhand der BStU-Akten durchweg falsifiziert worden, mithin als „Irrtümer“ oder Fälschungen erkannt. Laut Schwanitz gab es noch nicht einmal ehemalige Wehrmachtsoffiziere im MfS.

Doch all die bekannten, gebetsmühlenartig wiederholten Verleumdungen des „Unrechtstaats“ DDR, seiner „maro-den“ Wirtschaft und so weiter reißen nicht ab. Sie folgen dem bewährten Muster Haltet den Dieb! Je schlechter ich die Gegenseite mache, umso besser stehe ich selber da, beispielsweise mit meinem von Nazis gegründeten BKA. Laut Schwanitz wurden nach der „Wende“ im Rahmen eingehender Ermittlungen unsrer Justiz gegen mehr als 100.000 Ostdeutsche Verfahren eingeleitet. „Am Ende wurden 289 Personen verurteilt, davon 19 mit einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Unter diesen Verurteilten waren ganze 20 beim MfS. Zwölf erhielten eine Geldstrafe, acht eine Freiheitsstrafe, wovon sieben zur Bewährung ausgesetzt wurden. Es gab nicht einen einzigen nachweis-baren Fall von Mord, Folter, Zwangsadoption oder Einweisung in die Psychatrie – also kriminelle Vorfälle, von denen fortgesetzt behauptet wird, es habe sie gegeben.“ Folgerichtig habe Oberstaatsanwalt Bernhard Brocher, einst bei der Berliner Sonderstaatsanwaltschaft II mit jenen Verfahren beschäftigt, unmißverständlich erklärt: „Nach dem Stand der Ermittlungen ist eine Bewertung des MfS als kriminelle Organisation nicht mehr zu halten.“ Die Summe von „Exzessen“ sei nicht auffallend und nicht größer als in vergleichbaren Behörden der Bundesrepublik. Man stelle sich vor, Bild warte mit der Schlagzeile Mielke war in Wahrheit Waschlappen auf.

Gleichwohl räumen die beiden Stasi-Häuptlinge ein, ihre Behörde sei, vor allem nach innen gerichtet, oft falsch oder überzogen vorgegangen. „Das MfS wurde zum Vollstrecker einer verfehlten Sicherheitspolitik gemacht. Es hat objektiv dazu beigetragen, die Entfaltung der sozialistischen Demokratie und konstruktiver Kritik zu behindern.“ Zuvielen Kritikern sei sofort die Feindschaft zum System unterstellt worden. Und eben diese Feindschaft konnte man sich nach den eigenen Worten der Häuptlinge nicht leisten. „Die meisten MfS-Angehörigen wollten einen anderen, einen besseren Sozialismus als den, den wir hatten.“ Das kann man glauben oder nicht. „Aber das setzte voraus, daß der Sozialismus, den wir bereits geschaffen hatten, weiter existierte.“ Ergo durfte am System nicht gerüttelt werden. Es durfte nicht in Frage gestellt werden. Warum eigentlich nicht?

Da es jedem System mißfällt – auch der Bonner oder Ber-liner Republik – in Frage gestellt zu werden, liegt meine Antwort auf der Hand. Es gab gar keinen Sozialismus. Vielmehr war das Motiv wie überall: Die Mächtigen möchten oben bleiben, die Steuermänner wünschen recht zu behalten, alle NutznießerInnen bangen um ihre Privile-gien. Ein gutes oder reformierbares System hätte selbstver-ständlich gar keinen Anlaß, Angst vor Wühlarbeit und Umsturz zu haben. Es braucht nicht „geschützt“ zu werden. Seine Sicherheit läge in der Dankbarkeit, der Offenheit, dem gegenseitigen Vertrauen aller, die es aufgebaut haben und tragen. Aber das räumen Großmann und Schwanitz lieber nicht ein. Vermutlich würden sie es noch nicht einmal begreifen. Deshalb stellen sie auch nie das „geheimdienstliche“ Wirken ihrer Behörde nach außen in Frage. Für alle Geheimniskrämerei gilt ja, daß sie in offenen Gesellschaften oder Gruppen, in basisdemo-kratisch und durchschaubar organisierten also, völlig überflüssig, ja vergeblich wäre. Was will man da ausspionieren? Wenn alles am Schwarzen Brett hängt und jeder einen Safeschlüssel hat wie etwa in anarchistischen Kommunen? Wenn die Buchführung der Republik lückenlos im Internet steht, wie beispielsweise in Konräteslust? Wenn nichts verborgen oder verschleiert werden muß, weil niemand den Vorwurf zu fürchten hat, sich zu bereichern oder anderen Unrecht zu tun? Nein, „infiltriert“ werden können nur Geheimbünde wie RAF, Al Qaida, Autonome – falls sie nicht sowieso von Agenten des kapitalistischen Staates inspiriert worden sind.

Die Ahnung, das weltweite geheimdienstliche Wirken brächte ungleich mehr Verderben als die bösen Umtriebe, die es (vorgeblich) einzudämmen suche, beschleicht einen nicht erst bei der Lektüre von Tim Weiners dickleibiger und belegreicher CIA-Geschichte, die nebenbei jedem Reformisten in Ersatz des dort befindlichen Brettes vor die Stirn genagelt werden müßte, damit er sie auch wirklich lese. Ein lediglich 60 Seiten starkes Kapitel aus dem 1995 erschienenen Sachbuch Tod in Berlin von Peter Niggl und Hari Winz genügt. Das Kapitel versucht den 1983 verübten Bombenanschlag auf das Maison de France und die Aktivitäten des berüchtigen „Topterroristen“ Carlos und seiner MitstreiterInnen oder Konkurrenten zu beleuchten. Diese „schmutzigen“ Aktivitäten blieben undurchsichtig genug, obwohl sie „offensichtlich unter den Augen fast aller Geheimdienste“ des westlichen und östlichen Lagers stattfanden, wie Niggl und Winz belegen können. Auch das MfS war mit von der Partie. Es diente sogar als geduldetes Zwischenlager für die 24 Kilo Sprengstoff, die dann in dem Konsulatsgebäude am Kurfürstendamm explodierten (ein Toter, 23 zum Teil schwer Verletzte). Die „Abwehr“ der ostdeutschen Kommunisten hatte lediglich taktische Bedenken – ansonsten war jedes Mittel im Kampf fürs gute Ziel gesegnet. Die anderen – PFLP (Palästina), Mossad (Israel), ETA (Baskenland), RAF, CIA – hielten es selbstverständlich genauso. Man unterhält Geschäfts-beziehungen zu Waffenhändlern* mit SS-Vergangenheit, verdient im Drogenhandel, setzt Agentinnen als Verfüh-rerinnen ein, spielt dem Gegner „trojanische Pferde“ zu, jubelt ihm „Maulwürfe“ unter, dreht Agenten um, erpreßt oder übertölpelt Richter, lügt den verantwortlichen Politikern die Hucke voll und so weiter, grad wie es in Tausenden von unterhaltsamen Romanen zu lesen ist. Übrigens wimmelt Weiners Buch von Beispielen dafür, daß die PolitikerInnen, US-Präsidenten voran, in der Regel die ernüchternden Wahrheiten auch gar nicht hören möchten. Sie wünschen ihr Bild von der Welt bestätigt - und wenn diese Trugbilder dann zerstäuben, ob in Wüstenreichen oder nicht, setzt es auch in den „Diensten“ Ohrfeigen oder Leichen.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Washington Post eine Studie über die Lage an der US-Geheimdienstfront, die einem ebenfalls sowohl das Gruseln lehren wie Gelächter bescheren konnte. Danach hat das Land der unbegrenzten Möglichkeiten 1.271 staatliche Organisationen nebst 1.931 Privatfirmen zu bieten, die sich der Terrorbekämpfung, der Inneren Sicherheit und dem Sammeln von Geheim-material widmen. Sie beschäftigen 854.000 Mitarbeiter-Innen. Die Stadt Washington weist nur 602.000 Einwoh-nerInnen auf. Allein die 16 offiziellen Spionagebehörden verfügten nach Schätzungen über einen Jahresetat von mindestens 40 Milliarden Dollar. In diesem kostspieligen und undurchschaubaren Dschungel seien Verschwendung, Pannen, Pleiten, Chaos programmiert. Es handle sich ohne Zweifel um einen Wildwuchs, der außer Kontrolle gerate, schlug das Blatt Alarm. Das hätte es eigentlich 2007 in seiner Rezension von Weiners CIA-Geschichte auch schon tun können. Aber wie sich versteht, verwahrte sich der gegenwärtige Geheimdienstchef David Gompert gegen solche unberechtigte Panikmache. Man erziele jeden Tag Erfolge – über die man nicht sprechen dürfe.

Ein gutes Jahr später feiern wir das 10jährige Jubiläum von 9/11.

* Nach Patrik Baab / Robert E. Harkavy: Im Spinnennetz der Geheim-dienste, Frankfurt/Main 2017, bes. S. 63 und 202–10, mischte die DDR-Führung in den 1980er Jahren leider auch unbedenklich bei heimlichen Waffenlieferungen an Regierungen oder Milizen mit, die sie offiziell als „volksfeindlich“ zu brandmarken pflegte, etwa Iran, Südafrika, Contras. Heiliger Zweck der betrüblichen Übung: Geld. Es ging um Zigmillionen – für den Aufbau des heimischen Sozialismus ...


Alle Kreter lügen

Ich habe hier und dort schon das Schauerdrama von der Luftbrücke und den Rosinenbombern gestreift, das vor rund 60 Jahren in Berlin gegeben wurde. Es ist sehr beliebt. In einem fünfbändigen Brockhaus von 1971 hat es in einem Abschnitt über Berlins Geschichte die folgende Version. „Die gemeinsame Verwaltung der Militärbefehls-haber geriet seit 1947 in Schwierigkeiten, die sich 1948 seit der Währungsreform sowie dem Auszug der Sowjets aus dem Kontrollrat schnell verschärften. Am 24.6.1948 verhängten die Sowjets eine totale Blockade der W-Sektoren, die von den Amerikanern (Gen. Clay) durch Einrichtung der Luftbrücke (bis 12.5.1949) überwunden wurde. Die Spaltung wurde vollendet durch die gewalt-same Verdrängung des Magistrats aus Ost-B. (30.11.1948) und die dortige Konstituierung eines eigenen Magistrats.“

Somit hatten die bösen Kommunisten die Spaltung betrieben. Geht man im Internet etliche Seiten zum Such-begriff „Luftbrücke“ durch, liest man zu 95 Prozent nichts anderes, Wikipedia (Stand Mai 2009) eingeschlossen. Die vertragswidrige „Währungsreform“ seitens der Westalli-ierten vom 20. Juni 1948 wird bestenfalls schöngeredet, meistens gar nicht erwähnt. Sie verstieß gegen das Potsdamer Abkommen; sie war die entscheidende Spalterin. Da die sowjetischen BesatzerInnen befürchten mußten, Ostberlin werde von Unsummen entwerteter Reichsmark überschwemmt, sahen sie sich gezwungen, sämtliche Verkehrsverbindungen von und nach Westberlin zu sperren. Ihr Angebot, die WestberlinerInnen mit allen lebensnotwendigen Gütern zu versorgen, wurde selbstverständlich ausgeschlagen. Nahezu sämtliche Nachkriegsmaßnahmen der Westalliierten waren auf Spaltung, Antikommunismus und Schüren der Kriegshy-sterie angelegt, wie etwa Albert Norden in seinem Buch So werden Kriege gemacht! von 1950 nachweist. Ein neutrales Gesamtdeutschland mit der Hauptstadt Großberlin war nie erwünscht. Das heißt, die „Rosinen-bomber“ säten vor allem Zwietracht. Nebenbei erwies sich die Berliner Luftbrücke als mächtige Konjunkturspritze für westliche Flugzeugfabriken und Benzingroßhändler – und als „ein großes strategisches Übungsfeld“, das „alle früheren Erfahrungen mit der Luftversorgung im Krieg ... völlig über den Haufen geworfen hat“, wie die Londoner Times im Februar 1949 jubelte. Laut Ralph Hartmann* wurde diese Einschätzung auch von dem Nazigeneral und Kriegsverbrecher Hans Speidel geteilt, nachdem er sich in Konrad Adenauers „Sicherheitsberater“ verwandelt hatte.

Kritische Darstellungen sucht man auch im Literaturver-zeichnis des Wikipedia-Artikels vergeblich – beispiels-weise jenes Buch von Albert Norden, das 1968, über-arbeitet und stark erweitert, schon in 4. Auflage erschien. Für Norden zeigen die Tatsachen, „daß alles Gerede über Blockade und Aushungerung der Westberliner bewußt Verleumdung, Erfindung und Provokation war. All die Beschränkungen, die die Westberliner damals ertragen mußten, die Verdunkelungen und Stromsperren von 1948/49, die zeitweilige Massenarbeitslosigkeit“ – all das gehe auf das Konto der westlichen Marschroute, nicht Verständigung sondern Konfrontation zu suchen. Trägt Norden zu dick auf? US-Präsident Truman skizzierte die Marschroute in seinem Mittsommerbericht 1948 ohne Zweifel verklausulierter. Norden zitiert von Seite 45: „Sollte die internationale Spannung nachlassen, dann würden wir unmittelbar auf die Probe gestellt werden, ob unsere Fabrikanten und Verteiler die Preise und Kosten schnell genug anpassen können, um Beschäftigung und Erzeugung ohne ernste Rückschläge aufrechtzuerhalten.“ Im Klartext: wer die wirtschaftliche und soziale Krise und den Fall der Profitrate vermeiden will, muß emsig die internationale Spannung schüren. Frieden ist geschäfts-schädigend.

Man hat mich gelegentlich gefragt, woher ich die Über-zeugung nähme, von Leuten wie Norden nicht ähnlich belogen und ausgetrickst zu werden wie von seinen Widersachern? Der Journalist und Historiker Norden war hoher SED-Funktionär gewesen. Meine Überzeugung stützt sich auf mehrere Aspekte. Zunächst kann Norden das, was er „die Tatsachen“ nennt, erstaunlich gut belegen. Wer die Geschehnisse, Quellen und Zitate, die Norden anführt, bezweifelt, kann sie also mit Hilfe seiner Angaben überprüfen. Als ausgefuchster Journalist führt er dabei am liebsten gegnerische oder zumindest neutrale Aussagen ins Feld. Beispielsweise läßt er Trumans Eingeständnis von der Politikerin und Schriftstellerin Claire Booth-Luce unterstreichen, die zeitweilig US-Botschafterin in Rom war. Passend zwischen Berlin- und Korea-„Konflikt“ sagt sie der großbürgerlichen Pariser Wochenschrift La Vie Francaise am 18. Februar 1949: „Unser Volk will weder Krise noch Krieg, aber wenn es wählen müßte, dann würde es den Krieg wählen.“ Es wählte ihn in der Tat unzählige Male. Allein im 20. Jahrhundert dürfte nicht ein Jahr zu finden sein, in dem die Yankees nicht über irgendeinen Landstrich dieses Planeten oder wenigstens einen Quertreiber hergefallen wären. Immer wurden dabei schnöde Gründe wie Öl oder Bananen (United Fruit Company) als Wedel der Friedenspalme ausgegeben.

Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wird die eingefleischte nordamerikanische Kriegslüsternheit sogar von einem hochdekorierten Generalmajor der US-Marineinfanterie bezeugt, den Norden erstaunlicherweise nicht heranzieht. Smedley D. Butler, Autor des Buches War is a Racket von 1935, erklärte schon zwei Jahre zuvor in aller Öffentlichkeit, während seines rund 33jährigen Militärdienstes, der ihn über alle Kontinente führte, habe er vornehmlich als „erstklassiger Muskelmann für das Big Business, für die Wall Street und die Banker“ gearbeitet. „Kurzum, ich war ein Gangster des Kapitalismus.“ Was die Zeit nach 1945 angeht, müßte eigentlich schon Weiners CIA-Geschichte reichen, die jedem unvoreingenommenen Leser alle Illusionen über Außenpolitik und den Menschen schlechthin rauben wird, die er noch hat. Auf Seite 60 der deutschen Ausgabe (von 2008) ist zu lesen, die Idee mit der separaten deutschen Währungsform habe niemand anders als Frank Gardiner Wisner ausgeheckt. Er war damals für die „verdeckten Operationen“ der jungen CIA zuständig und zählte zu deren stärksten Männern. Angeblich endete er im Irrsinn und erschoß sich 1965 in seinem Jagdhaus.

Damit habe ich schon den zweiten Aspekt angesprochen: ich ordne die Vorfälle, die es zu beurteilen gilt, historisch und weltanschaulich ein. Paßt das, was uns Norden erzählt, in mein Vorwissen, empfiehlt er sich also bereits als Gewährsmann. Aber entblöße ich mich damit nicht als vorurteilsbeladen? Man kann es so nennen. Fast jeder Mensch – es sei denn, er zählt zu den Schwammigen, die sich nie festlegen, weil sie im Gehirn statt Rinde nur Schlamm haben – beurteilt das ihm Begegnende durch seine Brille, deren Fassung von Jahr zu Jahr immer klarer, oft auch unumstößlich wird. Weder von der dummdreisten Aggressivität der Eroberer des nordamerikanischen Wilden Westens noch von der Farce jener deutschen „Entnazifizierung“, die schon wenige Monate nach Kriegsende von den pferdehüfigen US-Besatzern und ihrem aus Eiche geschnitzten Adenauer ungefähr so eifrig blockiert wurde wie später angeblich Berlin durch die Bolschewisten, erfährt man ja zum ersten Mal bei Norden. Hinsichtlich der „Entnazifizierung“ kann ich beispielsweise Wie wir wurden, was wir sind von Bernt Engelmann (1980) und die Erinnerungen von Heinrich Hannover (1999) und Günther Schwarberg (2007) empfehlen. Statt „vorurteilsbeladen“ könnte man meine Haltung allerdings auch „parteilich“ nennen. Das wäre ein dritter Aspekt. In allen Fällen, wo ich nichts oder noch zu wenig weiß, schlage ich mich instinktiv auf die Seite (der Darstellung) der Schwachen, Angegriffenen, Unterdrückten, Betro-genen. Zu diesen zählte in der Nachkriegszeit auch die Bevölkerung der Sowjetzone/DDR. Sie wurde von den Westmächten um ein geeintes, entmilitarisiertes und neutrales Deutschland betrogen.

Man könnte einwenden, ein auf Verständigung erpichter Mensch müsse damit rechnen, daß auch die Herrschenden oder ihre Sprachrohre zuweilen die Tatsachen, statt sie zu verdrehen, öffentlich anerkennen, also der Wahrheit verpflichtet seien. Damit wären wir bei einem vierten Aspekt. Meine Antwort lautet: rechnen Sie grundsätzlich damit, von jedem Menschen betrogen zu werden, allerdings insbesondere von Machthabern oder deren guthonorierten Sprachrohren. Dazu zählen laut dem Politikwissenschaftler Jörg Becker (Ossietzky 20/2009) seit Jahrzehnten auch PR-Agenturen. Allein in den jüngsten Balkankriegen der 90er Jahre waren Dutzende von ihnen engagiert. James Harff von der nordamerika-nischen Agentur Ruder Finn: „Es ist nicht unsere Aufgabe, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.“ Vielmehr gehe es darum, „Informationen auszustreuen und so schnell wie möglich in Umlauf zu bringen, damit die Anschauungen, die mit unserer Sache im Einklang stehen, als erste öffentlichen Ausdruck finden. Schnelligkeit ist hier die Hauptsache. Wenn eine Infor-mation für uns gut ist, machen wir es uns zur Aufgabe, sie umgehend in der öffentlichen Meinung zu verankern. Denn uns ist klar, daß nur zählt, was einmal behauptet wurde. Dementis sind dagegen völlig unwirksam.“ Als seinen größten PR-Erfolg bezeichnet Harff die Verwand-lung der angeblich verfolgten bosnischen Muslime in Juden. So konnte der Westen den riesigen Antifaschismus-Bonus einheimsen, den ja 1999 auch Scharping/Fischer herbeilogen.

Das Niederschmetternde ist: man muß diese Verlogenheit offizieller Propaganda immer wieder entlarven, obwohl sie eigentlich längst bekannt sein müßte. Ende April 1919 dringen „die Weißen“ in München ein, die abenteuerliche Bayerische Räterepublik läßt sich nicht mehr länger halten. In eine Versammlung der Betriebsräte platzt ein Genosse mit der Nachricht, im von „Roten“ besetzten Luitpoldgymnasium seien neun Gefangene erschossen worden, Bürger der Stadt München. Alle sind entsetzt. Der Schriftsteller Ernst Toller, zu diesem Zeitpunkt noch der Vizekommandant der Roten Armee, eilt sofort ins Gymnasium. Da liegen die Leichen in der Tat, allerdings sind es nicht unschuldig gemeuchelte Geiseln, wie anderntags die weiße Presse schreit, vielmehr (in acht Fällen) Mitglieder der völkischen Thule-Gesellschaft, bei denen gefälschte Stempel und Papiere der Räteregierung gefunden worden waren. Daraufhin hatte sie der Kommandant des Gymnasiums eigenmächtig erschießen lassen. Bekanntlich wüteten die Weißen nach der Niederschlagung der Räterepublik wie tollgewordene Wolfsrudel unter den Besiegten – nun hatten sie einen weiteren Vorwand gefunden. Toller berichtet dazu in seinen 1933 veröffentlichten Erinnerungen Eine Jugend in Deutschland, unter anderem hätte die weiße Propaganda behauptet, „man habe die Leichen verstümmelt aufgefunden, die abgeschnittenen Geschlechtsteile in Kehrichtfässern entdeckt. Als man zwei Tage später die Wahrheit verkündete, in den Fässern hätten Fleischteile geschlachteter Schweine gelegen, niemand sei verstümmelt worden, hatte die erbärmliche Lüge ihre Wirkung getan. Hunderte armer unschuldiger Menschen büßten sie mit unmenschlichen Leiden und grausamem Tod.“ Und nun bedenke man überdies: solche Lügen haben sich seitdem, in bald 100 Jahren, viele zehntausend Male wiederholt.

Verklausulierte Bekenntnisse der jeweils Herrschenden, wie etwa von Truman, zählen zu den unumgänglichen Ausnahmen; die Trumans haben das Problem, schließlich auch ihren Anhängern, Sprachrohrträgern und Kumpanen signalisieren zu müssen, wie der Hase laufen soll. Unverhüllter äußern sie sich unter Umständen lange nach den betreffenden Ereignissen in ihren Memoiren. Diese Äußerungen sind dann der Erziehung des verschlagenen Nachwuchses und der eigenen Eitelkeit geschuldet. Ungefähr dazwischen können wir ein Meeting ansiedeln, auf dem der designierte US-Außenminister John Foster Dulles schon im Januar 1949 vor Schriftstellern in Paris eingestand, hätte man gewollt, hätte man sich mit den Russen in Berlin ohne Zweifel ins Benehmen setzen können, statt die „Rosinenbomber“ anzuwerfen.* Man wollte ersichtlich nicht.

Mit solchen Betrachtungen zieht man sich allerdings unweigerlich das Keulenwort Verschwörungstheoretiker aufs Haupt. Die Bösewichte verlangen nur zu gern von uns, an das Gute im Menschen zu glauben. Nach treuherziger Leseart zockelte der Pharao auf seinem Esel durch die Scharen der Bauersleute, die im Nilschlamm umhersto-cherten, und rief ihnen zu: „Männer und Frauen, ich habe Lust euch zu knechten, macht ihr mit!?“ Brutus ließ den Cäsar zunächst die Schneide seines Dolches prüfen, bevor er diesen unter seinem Gewand verbarg. Fugger schlug seine Gewinn- und Schmiergelderwartungen neben Luthers Thesen ans Kirchenportal. Die Explosion des US-Schlachtschiffes Maine im Hafen von Havanna 1898 löste das Kriegsgeheul der Yankees sicherlich nur aus Versehen aus. Die kleinen Imbisse, die der schillernde Verleger Eugène Merle um 1930 in seinem bei Paris gelegenen Landschlößchen gab, dienten ausschließlich der Anbahnung erotischer Eskapaden. Merles Günstling Georges Simenon laut Steve Trussel: „Alles, was uns gesagt wurde, war falsch. Ich sah Direktoren von Zeitungen, Minister, manchmal sogar Ministerpräsidenten wie Édouard Herriot, mit ihren Augen zwinkern, während sie über all ihre Verschwörungen plauderten. Wie sie über die Ankündigungen und Erklärungen lachten, die sie anderntags der Presse aufbinden würden. In Avrainville erhielt ich meine Ausbildung auf der politischen Bühne. Es ekelte mich ein- für allemal an.“

Möglicherweise ging es auch um die Erörterung neuer, noch nicht abgenutzter Kriegsvorwände a lá Havanna. In Stichworten gesagt: Sender Gleiwitz (1939), Pearl Harbor (1941), Golf von Tonking (1964), Milosevics KZs (1999), Saddams Massenvernichtungswaffen (2003), Gaddafis Terrorherrschaft (2011) – den 11. September 2001 nicht zu vergessen, als Osama Bin Laden mit einem Schulterzucken die US-Luftabwehr aushebelte und drei Wolkenkratzer in sich zusammenfallen ließ. Gegenwärtig (Sommer 2012) werden zum Zwecke der Zertrümmerung Syriens wieder einmal die beliebten „Massaker“ bemüht, die ein blutrünstiger Diktator angerichtet habe. Deren Gestank ist so alt wie der von jenen verstümmelten Bürgerleichen im Münchener Luitpoldgymnasium. Da verliert man schon jede Lust, seine Nase in die angeblichen Einzelheiten zu stecken.

Ich ziehe es vor, im Buch von Weiner zu blättern. Ich lese, Syrien habe „als Drahtzieher von Intrigen, Sabotageakten und Gewaltmaßnahmen gegen die Regierungen der Nachbarländer“ zu erscheinen. So steht es, laut Weiner, in einem Text, der sich 2003 unter den privaten Papieren von Duncan Sandys fand. Sandys war unter Premier MacMillan von 1957 bis 1959 britischer „Verteidigungs-minister“ gewesen. Syrien hatte sowohl den Briten wie den Nordamerikanern schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg besonders am Herzen gelegen. 1949 brachte die CIA mit dem Polizeioberst Adib Shishakli einen US-Günstling an die Macht, aber er konnte sich, trotz offizieller US-Militärhilfe und weiteren Schmiergeldern, nur vier Jahre lang halten. Hinter- oder Untergrund dieser Aktivitäten waren „natürlich“ die Ölreserven im arabischen Boden und die Begehrlichkeiten der Konkurrenz aus dem von Moskau aus befehligten Reich des Bösen. Chefagent Kim Roosevelt sah nun (um 1955, nach dem Machtantritt der Baath-Partei) „in Abdul Hamid Serraj, dem langjährigen Chef des syrischen Geheimdienstes, den mächtigsten Mann des Landes. Serraj sollte zusammen mit dem Chef des syrischen Generalstabs und dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei ermordert“ werden. Dieses Vorhaben schlug fehl, weil die Syrer gewitzt genug waren, um Roosevelts Mann in Damaskus, den „Botschafts-sekretär“ Rocky Stone, an der Nase herum zu führen. Sie enthüllten die imperialistischen Machenschaften, darunter Haufen von Bestechungsgeld, im Fernsehen, nahmen Stone fest und verwiesen ihn des Landes. Könnte es vielleicht unterhaltsam und aufschlußreich sein, sich die Filme von damals heute anzuschauen und auch die Protokolle der Verhöre Stones wiederzulesen, der, so Weiner, vollständig „ausgepackt“ hatte? Aus diesen Wirren erhob sich bekanntlich 1958 die Vereinigte Arabische Republik (VAR), die freilich auch nur drei Jahre hielt. Das erfährt man immerhin aus Wikipedia – das andere nicht.

Diese „Kräfte“, die sich nie miteinander „verschwören“, hüten sich verständlicherweise davor, ihre Aktivitäten an die große Glocke zu hängen. Deshalb finden auch die Preisabsprachen unserer Branchenführer und die Einigung des SPD-Vorstandes darauf, ob der Wähler eher von einem schleimigen Steinmeier oder einem pockennarbigen Müntefering hinters Licht geführt werden könne, in der Regel nicht in der jeweils beliebtesten talkshow statt. Dort werden lieber Phrasen gedroschen – zuweilen recht dreiste. Kanzlerkandidat Steinmeier, mitverantwortlich für den Jugoslawienkrieg 1999 und einen Sozialraub sondergleichen, am 14. Januar 2009 im Bundestag: „Wer nach Schuld fragt, liegt falsch. Wir müssen in die Zukunft blicken.“

Einen prominenten Mann, der Steinmeiers Auffassung nicht teilt, haben wir erstaunlicherweise seit 27. Juni 2010 in dem italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano. Er äußerte sich aus Anlaß des 30. Jahrestages eines Flugzeugabsturzes, der sich erst Jahre später als Abschuß erwies, aber ansonsten noch immer kaum aufgeklärt ist, weil zahlreiche Regierungen, Generalstäbe, Geheimagenten und Justizbeamte nach Kräften bemüht waren, eben dies zu verhindern. Es gebe „Spuren einer Verschwörung“, erkühnte sich Napolitano zu erklären, vielleicht sogar einer „internationalen Intrige“, und dies gelte es in Erinnerung zu rufen. 1980 war eine italienische Linienmaschine (Itavia-Flug 870) bei Sizilien ins Meer gefallen; alle 81 Insassen kamen um. Ursache sei entweder ein Bruch der Douglas DC-9 wegen Materialermüdung oder eine in der Maschine explodierende Bombe gewesen, hieß es sofort. Dummerweise wurde später das Wrack geborgen. 1999 stellte der hartnäckige Untersuchungs-richter Rosario Priore in seinem Abschlußbericht unmiß-verständlich fest, die DC-9 sei „nach einer militärischen Abfangaktion abgeschossen“ worden. Damals hatte über der Absturzstelle ein regelrechter Luftkampf zwischen mehreren französischen, libyschen und vielleicht auch nordamerikanischen Jagdpiloten getobt. Nach der am meisten bevorzugten Theorie sollte eine Maschine abge-schossen werden, in der Gaddafi zu einem Staatsbesuch nach Polen unterwegs war; durch eine Verwechslung habe es dann aber die baugleiche italienische Linienmaschine mit den 81 Passagieren erwischt. Nebenbei gab es während der folgenden Jahre im Zuge der Aufklärung beziehungs-weise Vernebelung etliche weitere Tote durch vorsorgliche Zeugenbeseitigung. Die „Abwehrkräfte“ übertrafen wieder einmal die Autoren unserer Spionage-Reißer.**

Die größten Lügenbolde dieses Planeten sind ohne Zweifel die Staaten und ihre sogenannten Organe, einerlei, wer gerade am Ruder steht. Sie verstecken Rüstungsausgaben in Haushaltsposten für Altkleidersammlungen, erklären PfandflaschenanglerInnen und Karteileichen zu ordentlichen Erwerbstätigen, richten in Nordafrika „Friedenslager“ ein, die 500 eigene Soldaten nebst einer Landebahn für Kampfflugzeuge beherbergen. Hin und wieder kommt es freilich auch in solchen „Friedenszeiten“ zu mehr oder weniger erzwungenen Geständnissen der amtlich bestallten Frisöre. Stuttgarts Innenminister Heribert Rech stellte kürzlich auf einer Veranstaltung in Gechingen fest, zöge er alle seine verdeckten Ermittler-Innen aus den NPD-Gremien ab, würde die NPD in sich zusammenfallen. Im Berliner sogenannten mg-Prozeß, bei dem es um die berüchtigte Mitgliedschaft in einer krimi-nellen Vereinigung nach Paragraph 129 geht, mußte zunächst Verfassungsschutzchef Heinz Fromm einge-stehen, die „Erkenntnisse“ eines wichtigen Informanten und Belastungszeugen beruhten lediglich auf „Hören-sagen“; damit hatten sie den Beweiswert von Luft. Dann mußte das BKA zugeben, zwei wortradikale angebliche mg-Aufrufe in dem linken Blatt Interim selbst verfaßt zu haben, um Leute auf die BKA-Webseite zu locken. Diese war als „Honigtopf“ präpariert: in der Absicht, lüsterne Besucher identifizieren und vielleicht überführen zu können.

Ob Falle, Lüge oder sonst eine Täuschung, die Staaten greifen notwendig dazu, um die Herrschaft ihrer Eliten abzusichern. Ohne Betrug ist Herrschaft undenkbar. Denn wer läßt sich schon gern beherrschen? Also müssen die Funktionäre oder Sprachröhren „gute“ Gründe für die jeweiligen volksfeindlichen Maßnahmen finden, und deshalb lügen sie. Lüge verwandelt sich in Legitimation. Allerdings sind die lieben Untertanen von der betrüge-rischen Neigung keineswegs frei. Denn wie alle Staaten, lügen auch alle Menschen. Ersetzen wir „Herrschaft“ durch „Macht“, sind auch unsere kleinen alltäglichen Lügen inclusive Selbstbetrug einbegriffen. Der begnadete Erzähler Tschechow hatte dafür eine gute Nase. Seine Menschen leiden an der Öde, Verstricktheit, Gemeinheit – und Verlogenheit ihres Daseins. In den Erzählungen Die Dame mit dem Hündchen und In der Schlucht wird dies ausdrücklich thematisiert. Sie könnten erst gestern erschienen sein. Wenn die Statistik einmal nicht lügt, dann mit dem oft angeführten Befund, während einer zehnmi-nütigen Konversation belögen sich 60 Prozent aller GesprächspartnerInnen bis zu dreimal. Ich lüge, um besser dazustehen als die anderen. Ich lüge, um meinen Vorteil zu wahren. Ich lüge, um mein Gesicht nicht zu verlieren. Ich bin darauf erpicht glaubhaft zu machen, ich lebte recht-schaffen. Das rede ich mir auch selber ein. Die Lüge ist das entscheidende Werkzeug der Selbstbehauptung, noch vor der physischen Gewalt.

So gerne sie sich selber etwas vormachen – daß sie das Lügen lieben, wissen die meisten Menschen durchaus. Vielleicht erklärt sich von daher zumindest teilweise die große Nachsicht, die sie ihren prominenten Lügnern entgegenbringen. 2006 erregte vorübergehend eine intern gehaltene, aber an die Öffentlichkeit gedrungene Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány Aufsehen. In einem „vulgären“ Ton räumte der „Sozialist“ darin ein, er und seine Partei hätten das Volk in den vergangenen Jahren und im Wahlkampf 2006 nach Strich und Faden belogen, um an der Macht zu bleiben; geleistet hätten sie so gut wie nichts. Es kam zu Krawallen, aber Gyurcsány blieb im Amt bis April 2009. Bei den Europa-wahlen im Juni gab es allerdings die Quittung: der offen reaktionäre Block, Faschisten eingeschlossen, erzielte sage und schreibe 70 Prozent – woran wir wieder einmal sehen, die „Sozialisten“ sind das kleinere Übel

Sicherlich hat der Wunsch der Welt, betrogen zu werden – wie es schon im Narrenschiff des Sebastian Brant von 1494 heißt – noch einige andere Gesichtspunkte. Wo Gewalt angeblich nur in Knüppeln oder Kanonen steckt, erscheint die Lüge als Kavaliersdelikt. Als sanftestes Kissen für unser Gewissen dient dabei die Unterschlagung, können wir uns doch in allen Fällen, wo wir „nur“ etwas weggelassen haben***, darauf zurückziehen, wir hätten ja gar nicht „direkt“ gelogen. Der Zeitgenosse dankt es uns. Die Wahrheit möchte er gar nicht hören, weil sie zu unbequem wäre. Entsprechend wies ich bereits auf die vielen PolitikerInnen hin, die für frisierte Geheimdienst-berichte dankbar sind. Durch Lügen, Fälschungen, Illusionen wird die Welt erträglicher. Vor der Ahnung, unsere spitzen Bemerkungen rissen beim Busenfreund alte Wunden auf, verschließen wir so gern die Ohren wie vor der Nachricht aus Sri Lanka, die elenden, eingezäunten und bewachten Flüchtlingslager für die vertriebenen Tamilen, die gegenwärtig systematisch nach Regierungs-feinden durchkämmt werden, firmierten offiziell als Wohltätigkeitszentren. Auch die oft gehörte Rechnung, im Schnitt bereite einem die Wahrheit mehr Ungemach als die Lüge, ist keineswegs abwegig. Lieber des Kaisers neue Kleider rühmen als mit dem Fingerknöchel auf seine Nacktheit pochen. Die Wahrheit nicht herauszufordern dient der beliebten Konfliktvermeidungsstrategie.

Die unbequemste Wahrheit ist übrigens die Botschaft, der Mensch sei sterblich; jeder von uns lebe auf den Tod zu. Wie sehr diese Botschaft deshalb verdrängt oder ver-harmlost wird, ist bekannt. Aber auch das Eingeständnis, sie hätten sich über Jahrzehnte hinweg wie die größten Dummköpfe von ihren Obrigkeiten und Spiegeln „verarschen“ lassen, wäre für die meisten Staatsbürger-Innen alles andere als angenehm. Wie stünden sie da, wenn sich plötzlich unwiderlegliche Beweise dafür fänden, 9/11 sei eine Kriegshandlung des US-Imperialismus gewesen? Da lassen wir die nachfolgenden Vertuschungs-manöver lieber unaufgedeckt. Wir wünschen eure Argumente nicht zu hören; sie machen uns Angst.

Hier bietet sich ein Streiflicht auf unsere Kinderstuben an. Was sehen oder hören wir da? Ein Trommelfeuer aus elterlichen Befehlen, das uns anpaßt. Zum Trost fürs Peitschen tischen uns die Erwachsenen als Zuckerbrot ihre verlogenen „Erklärungen“ in Gestalt von Märchen, Horrorgeschichten, Ausreden, Verniedlichungen und erneuten Verboten auf. „Laß das, sonst werden dich Schwarzer Mann oder Außerirdische holen!“ Gustav Regler rankt im Ohr des Malchus seine ganzen Kindheits-erinnerungen um dieses Phänomen, das mit viel Angst verbunden ist. In der Kommunistischen Partei fand es Knirps Gustav später wieder. Der Verdacht, mit ihr in einen finsteren „Orden“ geraten zu sein, kommt ihm während der 30er Jahre. Heuchelei, Mittel-zum-Zweck-Denken, Warnung vorm Gießen von wenn auch wahrem „Wasser auf die Mühlen des Feindes“, Geheimniskrämerei, Inquisition auf allen Ebenen. 1935 wird auf Betreiben von Malraux, Aragon, Ehrenburg, Kolzow und vielen prominenten Liberalen in Paris ein Schriftstellerkongreß im Geiste antifaschistischer Einheitsfront veranstaltet. Als Regler durch seine flammende Ansprache ungewollt das Absingen der Internationale durch das sich geschlossen erhebende Publikum hervorruft, wird er von Genossen wie Johannes R. Becher, Alexander Abusch und durch die Genossin Anna Seghers scharf zurechtgewiesen und als Saboteur beschimpft. Reglers Rechtfertigung auf der Zellensitzung, die Aktion sei doch spontan „aus dem Herzen heraus“ erfolgt, nennt die Autorin des Siebten Kreuzes „sentimentalen Quatsch“. Parteivertreter Abusch, später zeitweilig DDR-Kulturminister, sekundiert: „Revolutionen haben nicht spontan zu sein ... Wir sind in einer Periode der Tarnung. Wer die Tarnung aufdeckt, ist ein Konterrevolutionär.“

Viele Werdegänge, ob nach links oder rechts, deuten darauf hin, daß unsere Kleinen durch das lügenhafte Verfahren nicht besser, vielmehr an dieses Verfahren gewöhnt werden. Man startet oder schluckt dann auch „Rosinenbomber“ oder einen „Aufbau Ost“. 1996 bekennt der ehemalige Hamburger Oberbürgermeister Henning Voscherau (SPD), in Wahrheit seien die fünf Jahre Aufbau Ost „das größte Bereicherungsprogramm für West-deutschland“ gewesen, das es je gegeben habe. Man läßt die „Drohnen“ ausfliegen, stellt im eigenen Keller „Honigtöpfe“ auf, verrät den Freund, belügt die Gattin. Sie tritt an die Stelle unserer lieben Mami. Sperber erinnert in seinem Buch über Adler (von 1970) daran, wie rasch des Säuglings Hilfsschrei, der ihn ursprünglich vorm Hungertod bewahren soll, zum beliebten Erpressungs-mittel in völlig anderen Sachen wird. Das nennt man auf deutsch die Kunst der Verstellung. Nur mal kurz gebrüllt – schon schenkt uns Mami Aufmerksamkeit oder ein Überraschungsei oder auch nur die Genugtuung, uns als Machthaber fühlen zu können. Im zarten Knabenalter erlernen wir dann die Kunst der Auslegung. Reicht es nicht zu einer Laufbahn als PolitikerIn, können wir unsere kleinen Makel und Schandtaten wenigstens im Rahmen unseres Freundeskreises zu segensreichen Eigenschaften oder Handlungen umbiegen, indem wir sie „rationali-sieren“, wie es freudianisch heißt.

Sperber führt dafür ein köstlich schlichtes Musterbeispiel an. Frau A. will Freundin B. ein Stück der Resttorte anbieten, kann aber den Schlüssel zur Speisekammer nicht finden. Kaum ist B. mit vielen tröstenden Worten verschwunden, fällt A. wieder ein, wo der Schlüssel liegen könnte: sie verzehrt den Leckerbissen ohne Gewissens-bisse selbst. Für Anspruchsvolle hält Sperber eine andere Variante bereit. Nun wird die vergebliche Schlüsselsuche von Frau A. nur gespielt, weil sie gegen Gewissensbisse ob ihrer Eigennützigkeit und Niedertracht ausreichend geschützt ist. SkeptikerInnen gehen deshalb davon aus, alle unsere Bushs und Abuschs hätten auch die Suche nach dem Schlüssel zum Heil der Menschheit lediglich fingiert, um der irdischen Speisekammer möglichst nahe zu sitzen.

Mit Sperber erhebt sich hier ein letztes Problem: Hat man sich selbst betrogen – wie durchschaut man das dann selbst? Es handelt sich natürlich um das Problem unserer Befangenheit – die vom verbreiteten Glauben an „Willensfreiheit“ geleugnet wird. Sperber empfiehlt, zum Zwecke des Durchschauens unserer selbst den Blickwinkel zu wechseln. Üben wir uns darin, die Warte anderer Menschen, ungewöhnlicher Meinung, kluger Bücher – kurz Distanz einzunehmen, stellen sich unsere Glaubens-artikel und Selbstbilder oft in enthüllendem, tadelndem Licht dar. Allen Ergebnissen moderner Gehirnforschung fern, scheint Sperber davon überzeugt, diesen Spielraum zum Blickwechsel hätten wir und er genüge auch. Offenbar konnte ihn darin auch das berühmte klassische Schul-beispiel für Paradoxe oder Teufelskreise (Zirkelschlüsse) nicht beirren. Es ist die Aussage Alle Kreter lügen – geäußert von einem Kreter.

* Ralph Hartmann, „Historische Lappalien“, Ossietzky 14/2008
** Ausführliche Betrachtung dieses Vorfalls 2015
*** wie beispielweise Rudolf-Steiner-Anhänger Lindenberg, siehe in diesem Beitrag gegen Ende




Siehe auch
Robert Kurz über Demokratie, in der 2. Hälfte des Beitrags
Kapitel „Untersuchungsausschüsse“ in der 1. Hälfte des Beitrags
Mehrheit & Dummheit im letzten Absatz des Beitrags
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