Mittwoch, 27. Juni 2012
Gute Dopamine zum bösen Spiel
Das liebste Feindbild des Malers L., für den ich um 1990 öfter privat Modell stand, war der zeitgenössische, fette Knabe, der den ganzen Tag vorm Fernseher hockt und sich dabei Kartoffelchips einwirft. Selbstverständlich war ich von diesem Knaben auch nicht begeistert. Gleichwohl gab ich einmal zu bedenken, der Knabe mache das kaum in böser Absicht, erfahrungsgemäß könne er nicht anders. „War er zu dem, was Sie als Trägheit und Dummheit verdammen, nicht bereits veranlagt – und sei es durch einen sogenannten schwachen Willen – ist er spätestens als Kleinkind von seiner ihn verhätschelnden Mama syste-matisch nach bewegten, bunten Bildchen und krachenden Kartoffelchips süchtig gemacht worden.“ Doch damit biß ich bei L. auf Granit. Man müsse nur wollen, knurrte er und hieb einen satten Strich auf die Leinwand. Ich nehme an, wir redeten damals aneinander vorbei.

15 Jahre später erging es mir auf einem Sozialplenum der Kommune, in der ich damals lebte, kaum besser. Als ich mich in obigem Sinne geäußert hatte, lachte Kommunarde Moritz etwas abfällig auf und nannte mich einen Liefe-ranten von billigen Ausreden. Mit dieser Auffassung ließe sich „alles Schlechte“ ausgesprochen bequem rechtfertigen, spottete er. Nun muß man wissen, daß Moritz nicht nur für seine sogar für Kommunekreise bemerkenswerte Unor-dentlichkeit bekannt, sondern auch selber ihr häufigster Verflucher war. Fand er die Rohrzange, die er vermißte, nach drei Wochen eingerostet im Gras, grämte er sich und zählte zerknirscht nach, wieviel hundertmal er bereits seinen Schwur, ein ordentlicher Mensch zu werden, gebrochen hatte. Daran erinnerte ich ihn. Prompt fuhr er auf: „Was hat das denn mit dem Thema Willensfreiheit zu tun?“ Es mißlang mir, es ihm zu erklären, zumal er von anderen Kommunarden Schützenhilfe bekam.

Wie eng die Grenzen sind, an denen unser Wollen regelmäßig zerschellt, sehe ich seit Jahrzehnten an mir selbst. Meine Ordnungsliebe etwa ist sicherlich nicht weniger zwang- oder krankhaft als die Schlampigkeit von Moritz. Kaum fällt beim Brötchenschneiden ein Krümel auf meine blitzblanke Küchenarbeitsplatte, tupfe ich ihn mit angefeuchtetem Finger auf, statt noch 10 oder 100 weitere Krümel abzuwarten. Ich bringe es fertig, über die Fallukenleiter vom Dachboden meines Häuschens in die Werkstatt zu klettern, um einen Hammer an seinen Platz zurückzulegen, obwohl ich ihn durchaus wahrscheinlich eine halbe Stunde später dort oben erneut gebrauchen könnte. Neigt der erwähnte Moritz zum Aufbrausen, so teile ich diese üble Neigung sogar mit ihm. Wir fahren aus der Haut, entschuldigen uns alsbald, geloben reumütig Besserung – und fahren beim nächsten Faß, das über-gelaufen ist, schon wieder aus der Haut. Ich wundere mich öfter über meine heilen Knochen, weil ich bereits so und so vielen rüpelhaften Autofahrern von meinem Fahrradsitz aus Prügel angedroht habe. Manche bremsen dann scharf, steigen aus und zupfen unternehmungslustig ihre Hemdsärmel hoch, wobei sich nicht selten eindrucksvolle Tätowierungen bewundern lassen. Es wäre selbstverständ-lich ungefährlicher und zudem viel eleganter, auf die empörende Rüpelhaftigkeit mit irgendeiner entwaffnenden Bemerkung oder Geste zu antworten – mit einer Hand-bewegung zum Beispiel, die das berühmte „Vögelchen“ in ein Kratzen am Hinterkopf umwandelt. Aber wie von Zauberhand löst sich dieser Vorsatz beim nächsten Vorfall in Luft auf. Oder sollten doch eher Hirnstrukturen und frühkindliche Prägungen im bösen Spiel sein?

Laut einem Artikel im online-Blatt Telepolis vom 11. Juli 2009 erklärt Hirnforscher Wolf Singer, die neurobio-logische Sichtweise trüge „der trivialen Erkenntnis Rechnung, dass eine Person tat, was sie tat, weil sie im fraglichen Augenblick nicht anders konnte – denn sonst hätte sie anders gehandelt.“ Diese vorgebliche Logik leistet Wolf Singer allerdings einen Bärendienst. Sobald wir vor alternativen Wegen stehen, sind wir gezwungen zu wählen, weil wir nicht zwei oder mehr Wege gleichzeitig einschla-gen können. Ich kann also nur theoretisch „anders handeln“. Praktisch muß ich wählen. Und wenn ich dann handle, sei es auch durch einen Sitzstreik, fällt alles andere außer Betracht. Interessant wird es erst bei der Frage, warum ich gerade diesen und nicht jenen Weg wähle. Und erfreulicherweise erläutert das Singer noch. „Eine Person begeht eine Tat, offenbar bei klarem Bewußtsein, und wird für voll verantwortlich erklärt. Zufällig entdeckt man aber einen Tumor in Strukturen des Frontalhirns, die benötigt werden, um erlernte soziale Regeln abzurufen und für Entscheidungsprozesse verfügbar zu machen. Der Person würde Nachsicht zuteil. Der gleiche 'Defekt' kann aber auch unsichtbare neuronale Ursachen haben. Genetische Dispositionen können Verschaltungen hervorgebracht haben, die das Speichern oder Abrufen sozialer Regeln erschweren, oder die sozialen Regeln wurden nicht rechtzeitig und tief genug eingeprägt, oder es wurden von der Norm abweichende Regeln erlernt, oder die Fähigkeit zur rationalen Abwägung wurde wegen fehlgeleiteter Prä-gung ungenügend ausdifferenziert. Diese Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern. Keiner kann anders als er ist.“

Demnach steckten wir alle auch außerhalb unserer Irrenanstalten in einer Zwangsjacke. Die Doppelmoral scheint dazu zu gehören, ist doch so gut wie niemand imstande, sie abzulegen. Auch Moritz sieht „das Schlechte“ lieber am Nachbarn als an sich selber. Die Fernseh- und Freßsucht jenes fetten Knaben ist ein Verbrechen an der Volkswirtschaft; Moritz' Schlampigkeit dagegen ein bedauerliches Mißgeschick. Unter anderem wegen dieser Doppelmoral haben es Nachsicht und Toleranz so schwer. Israel sieht den Iran mit abschußbereiten Atombomben gespickt. Die Frage, wer es selber eigentlich, vor mehreren Jahrzehnten, dazu ermächtigt habe, sich den Keller voll Atombomben zu packen, dringt nie bis in sein Gehirn vor; sie scheitert an Übersetzungsproblemen.

Auch unsere Zwangsjacken sind gespickt: mit Vorurteilen – der Abwechslung halber in immer anderer Kombination. Neulich wurde Julicka, Ex-Kommunardin wie ich, in ihrem neuen Häuschen von Moritz besucht. Als er seine Nase in ihr winziges Badezimmer steckte und sie ihn von der Seite aus erwartungsvoll ansah, rümpfte er prompt die Nase. Darauf erkundigte sie sich höhnisch: „Na – stinkt es?“ Er nickte etwas betreten und erwiderte: „Ich finde schon.“ Darauf schlossen sie in geheimen Einverständnis mit der Badezimmertür auch das Thema. Sie wollten das Kriegsbeil nicht schon wieder ausgraben. Als Julicka in der Kommune ihre Entschlossenheit erwähnt hatte, ihr Bad mit einem Kompost-Innenklo zu versehen, war es vor allem Moritz gewesen, der naserümpfend meinte, das stänke doch viel zu sehr. Sie hätte ihm jetzt die Statistik ihrer Badbesichtigungen vorlegen können. Danach hatten von 10 Besuchern 10 erklärt, sie röchen trotz des geschlossenen Oberlichts nichts oder so gut wie nichts. Aber Moritz wollte, es stänke.

In diesem Lichte betrachtet stellt sich das Geschenk unse-rer angeblichen „Freiheit“, die uns zu Knechten unserer Erbanlagen, Kinderstuben, Vorurteile, Unzulänglichkeiten, Neurosen, Scheußlichkeiten macht, als Mogelpackung dar, wenn ich mir diese beliebte Verniedlichung einmal gestatten darf. Aber die wenigsten geben es zu, denn unfrei zu sein, wäre gar zu unschön. Im Gegensatz zu Singer, der „das neurobiologische Lager“ für seine Bezweiflung der Willensfreiheit reklamiert, halten seine Kollegen Aa-modt/Wang an ihr fest. Professor Wang und Chefredak-teurin Aamodt machten 2008 mit Welcome to your Brain viel Wind, es wurde gleich zum Kultbuch erhoben. Immerhin ist die Arbeit der beiden NordamerikanerInnen erheblich besser geschrieben als Detlef Linkes Das Gehirn von 1999. Sie hat sogar einen trockenen Witz, der von Koestler stammen könnte.

Allerdings sind beide Werke dem Positiven Denken verpflichtet. Aamodt/Wang empfehlen es ausdrücklich als Mittel zur Steigerung unseres Glücksgefühls. Der Zustand und das Wohlergehen der Gesellschaft interessiert sie nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied, und sei es auf Kosten des Nachbarn oder einer indischen Turnschuh-näherin. Rühmen Aamodt/Wang die Dopamin-Neuronen, die maßgeblich am Erlernen von Verhaltensmustern beteiligt seien, die positive Ergebnisse nach sich ziehen, laden sie neben dem Egoismus zum Opportunismus ein. Erwartetes Wohlverhalten – und schon springt mein Dopamin-Spiegel um drei Grad, denn Wohlverhalten wird augenblicklich belohnt. Deshalb soll man auch die Zuteilungen annehmen, die uns „von oben“ gewährt werden – von Gott, Vater Staat oder einem Chefredakteur. „Glück ist zu wollen, was man bekommt“, zitieren Aamodt/Wang einen Spruch aus unbekannter Quelle. X. bekommt Hartz IV, Wolf Biermann das Große Bundesver-dienstkreuz am Bande, Israel den Gazastreifen. Das be-deutet nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Beispiels-weise empfiehlt das Duo ein Training unseres präfrontalen Kortex, weil es unter anderem unsere Willenskraft stärken könne. „Gehen Sie deshalb mit Fleiß an heikle Aufgaben, wie die, nett zu sein zu Leuten, die Sie nicht leiden können.“ Lächeln Sie jeden an, der Sie schlechtzumachen, über den Tisch zu ziehen, auszubeuten gedenkt. „Womög-lich hilft Ihnen das später, eine Diät durchzuhalten“ – oder Abgeordnetendiäten einzustreichen. Heucheln Sie, ob bei Feinden oder Freunden.

Wer wollte herausbekommen, warum der eine Schrift-steller mehr zur Toleranz und Behutsamkeit, der andere dagegen zu Konsequenz und Polemik neigt? Gene sind nicht alles. Auch Aamodt/Wang versichern, unsere Disposition durch sie könne von allen möglichen Umweltfaktoren beeinflußt werden, darunter „natürlich“ nicht zuletzt die Kinderstube. Aber wie sich diese „gebunkerten“ Faktoren mit akuten Einflüssen aus Amts- oder Redaktionsstuben mischen, nach welchen „Gesetz-mäßigkeiten“ also, weiß kein Schwein. Ähnlich undurch-schaubar ist unsere Gehirntätigkeit selbst. „Kein Wissen-schaftler hat bislang eine vollständige Computersimulation von der biochemischen und elektrischen Leistung jedes einzelnen Neurons zuwege gebracht – geschweige denn von der von 100 Milliarden Neuronen in einem echten Gehirn. Genau vorherzusagen, was ein ganzes Gehirn unternehmen wird, ist im Grunde unmöglich.“ Damit sei in der Praxis eine funktionelle Definition von Freiheit und dem vieldiskutierten Freien Willen gegeben, folgern Aamodt/Wang. Aber sie greifen zu kurz wie fast alle WissenschaftlerInnen. Vielleicht sollte man besser von unserer Bedingtheit, nicht unserer Unfreiheit sprechen. Denn der Einwand, an einer Kette laufen zu dürfen sei immer noch besser, als im Block zu stecken, ist schwer zu entkräften. Es gibt Grade der Freiheit. Aber man kann nicht mehr oder weniger oder nur ein bißchen tot sein. Hier geht es um Grundtatsachen, um die grundsätzliche Beschaffenheit des Menschen. Deshalb sage ich, entweder ist der Mensch bedingt oder nicht. Und selbstverständlich ist er es. Er hat sich weder seine Milchstraße noch seine Mutter ausgesucht. Niemand gab ihm einen Schaltplan seines Gehirnes mit auf die Reise. Räumt aber selbst Moritz ein, sein Gehirn sei ihm diktiert worden, schließt das natürlich auch die Spielräume ein, die ihm dieses Gehirn, weiß der Teufel warum, gnädigerweise gewährt. Das ist nur logisch.

Vermutlich würden sich Aamodt/Wang hüten schmun-zelnd einzuwenden, dann sei ja wohl auch die Logik ein Diktat, gössen sie dadurch doch ersichtlich Wasser auf die Mühlen meiner Argumentation. Nein, sie ziehen es vor, sich in jenen Spielräumen und bei der Ausführung ihrer Taschenspielertricks frei zu fühlen, damit sie sich nicht gedemütigt und gelähmt fühlen müssen. Sie werfen die Erkenntnistheorie dem Pragmatismus zum Fraß vor. Sie möchten schließlich leben, möchten handeln. Also erheben sie ihren Wunsch nach Freiheit zur Tatsache der Freiheit. Das Verfahren ist auch in weniger grundlegenden Fragen weltweit beliebt. Hundertmal in der Woche „markieren“ wir den starken Mann oder die starke Frau – bis wir einmal zusammenbrechen. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia kennt das Verfahren ebenfalls, wenn sie den Anschein von Objektivität in ihren Artikeln als Objektivität selber ausgibt.

Sind die unablässigen Verhandlungen unserer 100 Milliarden Nervenzellen oder Neuronen (mit Hilfe von mindestens 100 Billionen Verbindungen oder Synapsen) schon unübersichtlich genug, gesellt sich noch das Phänomen hinzu, daß sie uns mal bewußt sind, mal nicht. Die Gründe und die Gesetzmäßigkeiten dieser Trennung sind den Forschern nahezu schleierhaft. Und davon, was Bewußtsein eigentlich sei, hat niemand eine Vorstellung. Mit Aamodt/Wang festzustellen, die Nerven- und Glia-zellen des Gehirns erzeugten chemische Veränderungen, die elektrische Impulse und eine Kommunikation von Zelle zu Zelle auslösen und damit sämtliche Gedanken und Handlungen steuern, sagt ja über die Beschaffenheit von „Bewußtsein“ gar nichts aus. Wie erhebt sich aus einer chemischen Substanz und einem elektrischen Funkkontakt die Vorstellung eines Käsebrotes mit Oliven; die Vorstel-lung, ein solches werde im Moment von vielen Millionen Bewohnern dieses Planeten schmerzlich vermißt; die Vorstellung, die wir Gerechtigkeit und Frieden nennen, aber nie erzielen; die Vorstellung, ich selbst (Moritz) und nicht etwa ein anderer (Julicka) zu sein?

Immerhin läßt sich die persönlichkeitsbildende Funktion unseres Gehirns nach den bisherigen Forschungen offenbar nicht mehr ernsthaft bezweifeln. Das heißt, Rousseau oder die RomantikerInnen, auch „Lebensphilo-sophen“ wie Ludwig Klages und noch der Büchnerpreis-träger von 1953 Ernst Kreuder, lagen mit ihrem schwär-merischen Nachtseiten- und Äonen-Gefasel meilenweit daneben. Die ForscherInnen führen dafür säckeweise Belege an. Sie verdanken sie vor allem Untersuchungen von geschädigten Gehirnen; hinzu kommen immer mehr bildgebende Verfahren („Hirnscanner“), mit denen sie uns unter die Schädeldecke blicken können. Sollte ein Mensch zu seinem Peiniger herzlich sein, liegt es nicht an dem Muskel in seinem Brustkorb; der Muskel bekommt seine Befehle. Oder auch nicht. Nach wie vor undurchsichtig bleibt, von welchen „Erwägungen“ sich unsere „oberste Instanz“ leiten läßt, wenn sie so oder so entscheidet. Gibt sie einer Erscheinung den Vorzug, die mit verheißungs-voller Neuigkeit glänzt, oder bleibt sie lieber beim Gewohnten? Beides kann unser Glücksgefühl steigern, wie Aamodt/Wang betonen. Das Gehirn ordnet Erscheinungen gern in vertraute Muster ein; freilich öden uns diese zuweilen derart an, daß wir uns in ein Abenteuer stürzen – lassen. Aber von wem? Wer oder was stürzt uns hier? Um diesen heißen Brei drücken sich Aamodt/Wang in zahlreichen Windungen. Damit lassen sie das hübsche Zitat von Emo Phillips, mit dem sie die Einführung zu ihrem Buch eröffnen, von Seite zu Seite verblassen. „Ich dachte immer, das Gehirn sei mein wichtigstes Organ. Aber dann überlegte ich: Moment mal, wer sagt mir das eigentlich?“

Das erste Kapitel beginnt mit dem starken Satz: „Ihr Gehirn lügt Sie unablässig an.“ Diese Trennung zwischen uns selber und unserem Gehirn behalten Aamodt/Wang im folgenden bei, ohne jemals auch nur anzudeuten, worin der Unterschied zwischen beiden Phänomenen bestehen könnte. Die naheliegende Frage, wieso ich über meinem Gehirn stehen sollte, klammern sie aus. Und womit stünde ich denn, bitteschön? Hier winken wahlweise Seele, Über-Ich, Gott und was dergleichen schon alles bemüht worden ist, doch Aamodt/Wang hüten sich vor einer Festlegung. Detlef Linke entschied sich in dem angeführten Buch für die Seele – hütete sich aber wiederum, sie (im Gegensatz zu Leib und Bewußtsein) zu definieren. Während uns das Bewußtsein immerhin Fährten durch Emotionen, Hirnströme, abgefeuerte Neuronen legt, speist uns die Seele lediglich mit dem unabweisbaren Gefühl ab, daß immer etwas fehle. Die Seele hängt als Besorgnis erregendes, aber mitunter auch erhebendes Fragezeichen über unserem Haupt. Sie gaukelt uns Souveränität vor. Kann mich mein Gehirn anlügen oder kann ich über mein Gehirn nachdenken, kann das Gehirn nicht das letzte Wort sein – so der fadenscheinige Glaube.

Zwar könnte einer auch den Verdacht haben, mit eben diesen Kabinettstückchen narre uns das Gehirn in einem fort. Aber dadurch hätte er jenen nie definierten Unter-schied zwischen uns und unserem Gehirn schon wieder gemacht. Wir sind außerstande, unsere merkwürdige Befangenheit in unseren Widersprüchen zu erklären, geschweige denn zu durchbrechen. Nur das ist das Problem. Aamodt/Wang haben es „natürlich“ auch, nur gestehen sie es nie.

So gilt es denn abschließend tapfer zu bekennen: meine hier gegebene Absage an „Willensfreiheit“ wäre in ihren praktischen Folgen problematisch, vielleicht sogar verhängnisvoll. Zunächst läuft sie offenkundig sowohl in moralischer wie in juristischer Hinsicht darauf hinaus, niemanden mehr wirklich zu verurteilen. Denn „er kann ja nichts dazu“. Ich glaube beinahe, einen solchen Verzicht könnte die Gesellschaft als Gewinn verbuchen. Gewiß muß sie sich vor Gewalttaten schützen – aber sie muß die sogenannten TäterInnen keineswegs strafen. Weder Verbote noch Strafen haben jemals die Welt verbessert, ganz im Gegenteil. Sperrt die Gesellschaft, die ich hier im Auge habe, einen unbelehrbaren Täter ein, dann nur aus den erwähnten Schutzgründen. Es wäre eine erfrischend „trockene“ Gesellschaft, nämlich eine ohne Rachedurst. Übrigens schwebte sie schon dem Schloßherren und zeitweiligen Bürgermeister von Bordeaux Michel de Montaigne vor, der kaum als Anarchist verdächtigt werden kann.

In der gegebenen Gesellschaft jedoch stellt meine Absage an „Willensfreiheit“ in der Tat jenen Freibrief für Böse-wichte, Faulpelze und Windbeutel aus, den mir Moritz unter die Nase rieb. Sie können sich bei allen Schandtaten oder auch nur Fahrlässigkeiten darauf zurückziehen, sie seien lediglich ihrem Naturell gefolgt. Ich beschränke mich zunächst auf die Fahrlässigkeit. Kfz-Mechaniker-Lehrling Christian K. aus der Steiermark fühlte sich 2005 zu einer „Mutprobe“ gedrängt, erklomm einen Strommasten und verbrannte sich in luftiger Höhe beide Arme. In der Folge versah ihn die Gesundheitsindustrie unter beträchtlichem volkswirtschaftlichem Aufwand mit zwei Armprothesen. Die eine Prothese war per Muskelkraft durch den Arm-stummel steuerbar, die andere wurde, über Nervenbah-nen, unmittelbar von K.s Gehirn gesteuert. Der Passiv ist hier keineswegs unangebracht; schließlich hatte sich K., wie wir alle, schon sein Gehirn nicht ausgesucht. Er war bereits eine halbe Maschine gewesen – und jetzt war er fast eine ganze. Durch die Kunstarme konnte er als Lagerist arbeiten und sich auch einer anderen weltweit beliebten Prothese wieder bedienen, nämlich mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahren. Nur glücklich war er offenbar nicht. 2010 fuhr sich der 22jährige bei Leitersdorf (Bezirk Hartberg) mit seinem Subaro an einem Land-straßenbaum tot. Zyniker hielten K.s Gehirn den Verzicht darauf zugute, den Subaro in einen anderen Wagen oder in ein Benzinlager zu steuern. Oder hatte womöglich schon jemand oder etwas von außerhalb die Befehle gegeben?

Auch meine Wende zur Technik kommt wohl nicht von ungefähr. Ich habe Angst vor der neuartigen „Bewußt-seinsindustrie“, die sich eben den Einsichten der postmo-dernen Gehirnforschung verdankt. Diese Industrie arbeitet schon sehr zielstrebig und selbstverständlich auch sehr gewinnbringend an der Überwindung der berüchtigten „Schnittstelle“ zwischen Mensch und Computer. Das Schlachtvieh in den USA wird längst geklont. In Berlin oder Frankfurt am Main dürften bereits Dutzende von Zweibeinern mit soundso vielen unsichtbaren, nämlich implantierten, sende- wie empfangsfähigen Geistes-arbeiterwerkzeugen durch die Gegend laufen, von ihren Kunststoffkniescheiben und ihrer Spenderniere einmal abgesehen. Es wird bald schwierig werden, für einen lügenden oder amoklaufenden Bundestagsabgeordneten irgend jemanden haftbar zu machen. Jeder wird sich darauf zurückziehen können, er sei lediglich eine Mario-nette gewesen – aber niemand wird mehr sagen können, von dem und dem. Die Menschheit trägt zunächst Gott zu Grabe, hebt dann das Gehirn aufs Schild – und vollendet sich in der „vernetzten“ Verantwortungslosigkeit.

Überarbeitet Juni 2013
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