Mittwoch, 27. Juni 2012
Verfallsdatum überschritten
Einige Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten.

Beschleunigungswut + Innovation + Konservativ + Skandale und Katastrophen + Raumfahrt + Zeitungssucht



Beschleunigungswut: auch eine Neuheit

Ich komme wieder einmal auf den Fortschritt zurück. Wahrscheinlich setzte er da ein, wo ein unglücklicher Jungsteinzeitler von Beschleunigungswut übermannt wurde, ohne dadurch fortpflanzungsunfähig zu werden. Er pflanzte sich also fort.

In grauer zähflüssiger Vorzeit war die Beschleunigungswut unbekannt gewesen. Homo erectus hat seinen Faustkeil über eine Million Jahre hinweg nahezu unverändert hergestellt. Auch was unseren gedrungenen und behaarten Vetter aus dem Neandertal angeht, konnten die Forscher-Innen für den beachtlichen Zeitraum von 20.000 Jahren keine erwähnenswerte Veränderung in der Werkzeug-technik auffinden. Dasselbe gilt für die eiszeitlichen Bildwerke, die wir Kunst nennen.

Entsprechende Beobachtungen wurden bei den Überresten sogenannter primitiver Völker oder Stämme getroffen. Hurtige australische Missionare wirkten hier allerdings Wunder. Kaum hatten sie einigen neugierigen Aborigines blinkende Stahlbeile in die Hand gedrückt, zerkrümelten in deren steinzeitlicher Welt soziale und kulturelle Strukturen, die sich seit Jahrtausenden bewährt hatten. Die PrärieindianerInnen Nordamerikas wurden mit Brandy oder Cola auf Touren gebracht. Da die Westliche Tauschwertgemeinschaft dem Gott Mehr anhängt, muß sie das Mehr auch mit immer höheren Geschwindigkeiten zu erlangen suchen. Einen Markstein setzte hier um 1600 die Umrüstung unserer Kirchturmuhren, die nun zu den Stunden zusätzlich die Viertelstunden schlugen. Die Stech- und Stoppuhren für die Produzenten und NutzerInnen fahrbarer Maschinen ließen nicht lange auf sich warten.

Man sollte glauben, in der Postmoderne jage das immer reißendere Lebenstempo den Menschen Entsetzen ein, doch so ist es nicht. Es wird zum einen durch die Beibe-haltung des 24-Stunden-Tages und des 365-Tage-Jahres vermieden (weshalb es auch nach wie vor Tageszeitungen gibt); zum anderen durch den Umstand, daß die revolutionärsten Maßnahmen zur Herbeiführung des Geschichtsendes im Verborgenen stattfinden, nämlich mehr oder weniger unterirdisch. So etwa die Kernschmelze in den japanischen Atomreaktoren bei Fukushima, die infolge eines kleinen Unwetters im Frühjahr 2011 in den Boden gesackt und dann mit Beton übergossen worden sind. Oder sie finden in sogenannten Teilchenbeschleu-nigern statt. Der neuste – seit Spätsommer 2008 von CERN in der Erde bei Genf betrieben – hat einen 27 Kilometer langen Röhrenring, durch den sich sogar die drei Milliarden Euro blasen ließen, die diese angeblich größte Maschine der Welt gekostet hat. Die 100 Tonnen flüssiges Helium, die für die angenehme Betriebs-temperatur von minus 271,3 Grad Celsius sorgen, sind vermutlich auch nicht für einen Apfel und ein Ei zu haben. Helium ist höchstexplosiv.

Zweck der Übung sei, noch unbekannte „Mikrobausteine“ des Universums, womöglich sogar „Schwarze Löcher“, zu finden oder genauer gesagt zu erzeugen. Bislang seien uns lediglich vier Prozent der Materie des Universums bekannt, erläuterte der Generaldirektor des CERN Robert Aymar. „Der Rest, die dunkle Materie und die dunkle Energie, sind uns völlig unbekannt.“ Als SkeptikerInnen warnten, die womöglich erzeugten Schwarzen Löcher könnten sich vielleicht gerade aufgrund ihrer anfänglichen oder angenommenen Zwergenhaftigkeit der Kontrolle des CERN entziehen, um den Genfer Stadtcern nebst Flughafen zu verschlingen, winkte er ab. Solche winzigen Unholde würden sofort verdampfen, bevor sie sich zu Ungetümen entwickeln könnten. Es drohe keine Gefahr.

Logischer ausgedrückt, sind ihm die Unholde also völlig unbekannt, aber ihre Ungefährlichkeit kennt er genau. Als Hans Krieger einzuwenden wagte, noch nie sei ein derart gewaltiger Aufwand zur Klärung der Frage getrieben worden, warum sich der Mensch in wahnsinnige Unter-nehmungen verbeiße, statt seine Gattung weltweit mit Brot und Frieden zu versorgen, knurrte Aymar verächtlich: „Populist!“ Einen anderen Zwischenrufer, der „typisch männliche Selbstüberschätzung!“ höhnte, bezeichnete Aymar mitleidig lächelnd als Weichei. Schließlich habe sich selbst ein derart wichtiger Mann wie der Physiker Homi Jehangir Bhabha, Chef der Indischen Atomenergie-kommission, nicht gescheut, eine Sitzung der Inter-nationalen Atomenergiekommission am 24. Januar 1966 in einer Boing 707 anzufliegen. Sie stürzte ab. (Bei Chamonix-Mont-Blanc, nahe Genf.) Homi wurde dabei zu Humus.

Der Fortschritt fordert natürlich Opfer, bekräftigte Ayma mit einem grimmigen Nicken und raffte seine Spickzettel zusammen. Dann raste er zu seinem unterirdischen Tun-nel, um dem Verfall der Fördergelder zuvorzukommen. Bekanntlich will der typische Mann alles oder nichts – und zwar stets sofort. Durch Wartenkönnen verriete er Schwäche. Während Geduld der lange Weg zum Erfolg ist, stellen Explosion und Ejakulation den kürzesten dar.


Innovation

Im Gegensatz zum sogenannten Rinderwahnsinn – der schon nach kurzem Aufsehen der nächsten Neuigkeit „Vogelgrippe“ zu weichen hatte – ist der Neuigkeitswahn nicht auf Rindviecher beschränkt. Er kann jeden packen, vorzugsweise aber Menschen, die nicht an bleibende Werte glauben, sich selber eingeschlossen. Er setzt auf Angst vor Verfall.

Solange uns ringsum Waren oder Veranstaltungen ihr neu! zujubeln, wähnen wir uns unanfechtbar gegenwärtig. Wir sind aktuell. Statt uns besorgniserregend dem Tod zu nähern, rasen wir in den jeweils angesagten Kleider- und Automodellen von einer Party zur anderen. Wir sind „in“ durch Äußerlichkeiten. Das Kapital reibt sich die Hände, spricht anspornend von Innovation und Wachstum und erneuert auch seine Standorte oder -punkte sowie seine Personalräte und Profite in einem fort. Sein „Fortschritt“ baut auf Vergeudung, Zerstörung, Vernichtung.

Wer große Revolutionäre wie Robespierre, Lenin, Mao in die Nähe dieses befremdlichen Fortschritts rückt, wird wutschnaubend als „konservativer Hund“ aus der brüchigen Gemeinschaft der Linken getreten. Trotzdem schlage ich vor, dem Zerstören das Bewahren vorzuziehen. Das betrifft nicht nur Kinder, Wälder, Würde. Allerdings ärgert uns auch in dieser Frage die Ambivalenz. Wie sich versteht, wünsche ich nicht die Armut zu bewahren, sondern die Menschen, die aufgrund ihrer Armut hungern oder Bild-Zeitung lesen.

Ich habe die mit dem Neuigkeitswahn unumgängliche Zerstörung des Raumes bereits andernorts gezeigt und dort auch den wahrscheinlich tiefsten Grund unseres rastlosen Erfindungs- und Betätigungsdranges genannt: das Gefühl der Demütigung durch die Tatsache, daß wir uns nicht selbst erschaffen – und somit nicht selbst bestimmt haben. Uns leitet in doppeltem Sinne Schöpferwut.

Das beste Medikament gegen Neuigkeitswahn ist Bildung. Ich warne jedoch vor einer nicht immer erfreulichen Nebenwirkung: irgendwann sieht man nur noch Muster. Im Gegensatz zu den vielen Varianten oder Abweichungen sind sie naturgemäß wenig verlockend. Der Mensch küßt lieber vielfältig geschwungene Lippen statt stets nur ein Loch. Nach Victor Klemperer zeigt Neugierschwund untrüglich das Gebrechen an zu altern. Der gewitzte Greis wird aber seine Neugier nun erst recht auf die Muster richten: Häufigkeit, Verbreitung, Tiefe.


Konservativ

Für Linke aller Art war „konservativ“ geraume Zeit das Gegenteil von „progressiv“ und daher zugleich ein Synonym für „schlecht“. Inzwischen greift der Verdacht um sich, es könnte eher umgekehrt sein. Schließlich verdanken wir dem „Fortschritt“ der Progressiven schon fast die Zerstörung unsrer gesamten Lebensgrundlagen. Wogegen uns manche Konservative neue Autobahnen ersparen, weil ihnen die Rettung eines Auwaldes wichtiger erscheint.

Das konservative Prinzip bewahrt und erhält; der Fortschritt zertritt. Große Sprünge nach vorne machte er während der Kolonialisierung durch die Zerstörung verschiedener ritueller Ordnungen, die „primitive“ Gesell-schaften zusammenhielten, und dann im Gefolge der Aufklärung mit Hilfe der Drachentöter Darwin und Nietzsche, die auch unseren zivilisierten Eingott erlegten. Den religiösen Rest – Glaube ans kommunistische Nirwana – erledigte die westliche Wühlarbeit am sogenannten Eisernen Vorhang. Seitdem haben wir der Leere zu wehren. Soweit zum „Überbau“.

An der gesellschaftlichen „Basis“ stellte die um 1750 einsetzende Industrialisierung ein Meisterstück dar, das auf den Trümmern von kleinen Handwerksbetrieben und Bauernhöfen Zuchtanstalten mit Fabriksirenen, Stech-uhren und Videokameras schuf. Fabriken zerstückeln. Konnte es einst zur Menschwerdung kommen, dann nicht unerheblich durch die Schaffung von Behältern wie Ton-krüge, Kanus, Begriffe, Vollversammlungen und Ausschüsse. Behälter behalten oder enthalten etwas – mitunter eine ganze Gesellschaft. Das Geschäft der sich herausbildenden Klassengesellschaften dagegen war die Spaltung. „Teile und herrsche“ – damit war nicht das Teilen der Nahrung gemeint. Vielmehr wurde beispiels-weise der Stamm der Germanen in derzeit ungefähr 50 Millionen AutofahrerInnen zersplittert.

Die Ambivalenz der Entwicklung sei eingeräumt. So kamen in unseren Breiten um 1980 sehr sinnreiche Gehwagen oder Rollatoren auf, die man eigentlich schon im Mittel-alter hätte erfinden können, denn sie stellen ja nicht mehr als Krücken auf Rädern dar. Auch Moskitonetze, Zimmer-öfen oder Verhütungsmittel sind nützliche Erfindungen, zu denen man im Neandertal kaum das Zeug gehabt hätte.* Beim Internet dagegen melden sich schon wieder Zweifel. Vielleicht stellt es die Rache des abgesetzten Eingotts dar, der es auswarf, um die erwähnte Leere mit Belanglosig-keiten und Fragmenten stopfen zu können. Es züchtet Beliebigkeit und Austauschbarkeit.

In der Tat ist auch der alte politische Gegensatz von „links“ und „rechts“ hinfällig geworden. Während die Schweine-reien der „rot-roten“ Karrieristen der Berliner oder der Brandenburger Landesregierung kaum zu überbieten sind, errichtet das thüringische Kaff Waltershausen unter einem CDU-Bürgermeister eine nagelneue Stadtbücherei. Der wesentliche Unterschied von sozialen Kräften wird weder an der Sitzordnung in Parlamenten noch an Pegelständen der Zerstörungs- oder Beharrungskraft festgemacht. Seit den „demokratischen Revolutionen“ in Frankreich und Nordamerika hat die Welt bis zur Stunde kaum zählbare, weil häufig ausgezeichnet getarnte Gewalttaten parlamen-tarischer liberaler oder linker Kräfte gesehen, die den Brutalitäten „böser“ Nazis nicht nachstehen, eher im Gegenteil.**

Der wesentliche Unterschied ist vielmehr der von unten und oben. Das libertäre steht dem autoritären Prinzip gegenüber. Die Faustregel könnte gar nicht einfacher sein: was Herrschaft und Fremdbestimmung untergräbt oder von vornherein verhindert, ist gut; der Rest schlecht. Sie beansprucht durchaus universelle Geltung. Nur ihre Prüfung in der Anwendung auf Einzelfälle erweist sich leider oft als verdammt schwierig.

* Von der Antike an waren Verhütungsmittel durchaus bekannt. Nach Heinsohn/Steiger (Die Vernichtung der weisen Frauen, 1985) diente ihre bewußte Bekämpfung im Mittelalter (Hexenverfolgung) der Auffüllung der durch Seuchen dezimierten arbeitenden Bevölkerung – und bescherte uns später die sogenannte Bevölkerungsexplosion.
** Die VerbrecherInnen sind mitten über uns, 2016



Skandale und Katastrophen

Daß weltweit Jahr für Jahr Millionen von Menschen an Hunger, verseuchtem Wasser, Arzneimangel verrecken, während über eine Billion Euro für Rüstungszwecke verpulvert werden, ist kein Skandal. Es ist zu allgemein. Deshalb wird es nie gesühnt und nie abgestellt werden. Eher erkämpft die Gattin eines abgestürzten Star- oder Eurofighterpiloten ein Schmerzensgeld – für ihr Pech, keinen Gatten aufzutreiben, der einen weniger interes-santen Beruf gewählt hatte. Ohne Personen, an die er sich heften kann, hinge der Skandal in der Luft.

Je ausgefallener dabei das Skandalfeld und je prominenter der Skandalierende, desto höher die Publizität. Schüttelte Rudi Dutschke die Faust, genügte es schon. Dagegen mußte Benno Ohnesorg erst erschossen werden. Dadurch kam etwas in Bewegung. US-Präsident Carter sah sich erst dann genötigt, der Geierbande, die Nicaragua 40 Jahre lang ausgeweidet und in Blut gebadet hatte, seine Unter-stützung zu entziehen, als ein Nationalgardist Somozas im Juni 1979 in Managua den US-Fernsehreporter Bill Stewart abgeknallt hatte. Wäre Queen Elizabeth vom Rinderwahnsinn befallen worden, hätten Blair und Bush sofort die Viehweiden und Regenwälder der ganzen Welt besprühen lassen. Aber sie hatte ihn nicht nötig.

So versickerte die Seuche in den Redaktionsteppichen. Auch die Vogelgrippe verlief glimpflich, weil sie unseren Außenminister Fischer nicht befiel, wobei es interessanter gewesen wäre, wenn sie den Minister Austernfischer erwischt hätte. Kanzler Helmut Kohl hatte das Pech, neben dem Handicap seines Namens Mangel an Phantasie mitzubringen. Er vernichtete, bevor er 1998 den Sessel im Bundeskanzleramt räumte, um wieder promovierter Historiker zu werden, stapelweise Akten, ohne daß es Anstoß erregte. Es ist eben im Nachkriegsdeutschland zu üblich, Akten zu vernichten. Es müßten schon Katzen oder Neger sein. Natürlich vernichtete Kohl die Akten nicht eigenhändig – wenn's hochkommt, hatte er einer aufge-weckten Sekretärin einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben. Das ist nicht strafbar, außer der Wink kommt von links. Pantasievoller und entsprechend publikumswirk-samer wäre es gewesen, die Stasi-Akten zu vernichten. Kohl wäre sofort gesteinigt worden.

Sollte einem Politiker gleichwohl einmal vorgehalten werden, seine Taktik, im friedlichen Ausland mit Bomben auf die Einhaltung der Menschenrechte zu pochen, sei skandalös, läßt sich rasch Abhilfe schaffen, indem er beispielsweise einer mit Aids belasteten Gräfin den Hof macht oder in einem Naturschutzgebiet für Höckerwale vom Fahrrad stürzt. Schon ist „das öffentliche Interesse“ in gefahrlose Kanäle gelenkt. Damit sind wir bei den sogenannten Naturkatastrophen. Stürzen Sie einmal in eine Zeitungsredaktion: „Riesenkatastrophe! Kette von Explosionen! 5.000 Tote, zahlreiche Krüppel, ein Höllen-lärm, die ganze Luft verpestet!“ – „Wo wollen Sie das denn gesehen haben?“

Sie haben es in der Jahresstatistik unsrer Straßenver-kehrsunfälle gesehen. Der Redakteur hält Sie selbstver-ständlich für verrückt. Er möchte, daß ein Hängeschrank den Säugling der Familie Koch aus der Soundsostraße erschlagen hat. Er braucht eine vom Sturm entwurzelte 120jährige Linde, die Oma Schrebers Häuschen, diese selber und ihre fünf Katzen unter sich zermalmt. Andrerseits ist ihm ein Amokläufer umso lieber, je mehr MitschülerInnen oder Passanten er umgemäht hat. Was seine LeserInnen bestürzt und empört, darf nicht anonym und nicht verbreitet sein. Wenn schon ein Autounfall, dann bitte mit Jil Sanders 285 PS starken Porsche 911, ist er doch eigens für die anspruchsvolle Modeschöpferin in einem dunklen Blau lackiert worden, das bei Lichteinfall von vorn schwarz wirkt, dagegen in greller Mittagssonne dezent golden. Ähnlich läßt sich mit irgendwelchen Gefechten oder Massakern in Afghanistan, Irak, Vietnam, Sierra Leone, Indonesien kein Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken – sie sind zu üblich. Die Sprengung Cubas durch ein texanisches Selbstmörder-U-Boot wäre schon etwas anderes.

Außerdem sind die Massaker in Indonesien unter dem US-hörigen General Suharto Vergangenheit. Der Mann ließ ungefähr 500.000 „Kommunisten“ umbringen. Nebenbei zweigte er in seiner „Regierungszeit“ 15 bis 30 Milliarden Dollar für sich und seine Getreuen ab. Keinen geringen Teil davon verdankte er der CIA, wie bei Tim Weiner zu lesen ist. 1998 zum Rücktritt gezwungen, läßt sich Suharto im Jakartaer Nobelviertel Menteng nieder, wo er sich noch für 10 Jahre unbehelligt seiner unglaublichen Schandtaten erinnern kann. Er stirbt mit 86 im Januar 2008. Wen interessiert das schon? Seine Schandtaten sind vorbei.

Hexenverbrennungen und Conterganaffären, Sklaven-handel und Raketenabstürze werden bestenfalls zu ein paar Worten in Lexika und Fachbüchern. Die Toten und Einbeinigen und seelisch Zerrütteten leiden nicht mehr. Das sind alles eingebildete Kranke, denn die Zeit heilt Wunden. Wer weiß, ob es diese Leute und diese Verluste überhaupt gegeben hat. Wir merken nichts von ihnen. Ernst Kreuder sprach von unserem unausrottbaren Gegenwartsstolz. Real ist, was wir auf unseren hänge-schrankgroßen Bildschirmen anzappen können. Und erfreulicherweise sind es stets die anderen, die vor unseren Augen mit Schweißbrennern oder Trennscheiben aus ihren zusammengestauchten Blechkisten geschält werden. Unser Auto steht vor der Tür.


Raumfahrt

Vielleicht sind Sie eine junge und besonders ehrgeizige Leserin? Vielleicht haben Sie Glück und betreten als erste Frau der Welt den Mars. Die Welt wird Sie nach Ihrer Rückkehr bejubeln oder mit Tränen überschütten. Irre ich mich nicht, zerbarst die letzte Rakete 2003, und zwar die Columbia beim Landeanflug über Texas. US-Häuptling George W. Bush war kaum zu trösten. Da ihn aber nie-mand darauf hinwies, die sieben toten RaumfahrerInnen hätten sich vielleicht auch bodenständig ernähren können, etwa als RaumpflegerInnen, verkündete er nach einigen pietätvollen Stunden, das Raumfahrtprogramm gehe weiter. 17 Jahre früher war die Challanger bei gleichviel Toten bereits eine Minute nach dem Start explodiert.

Laut Junge-Welt-Autor Horst Hoffmann stehen die Kosten für nur eine Raumfahrtmission inzwischen auf rund zwei Milliarden Dollar. Trotzdem pocht er echt „sozialistisch“ auf die Vorteile einer „friedlichen Nutzung“ der Raumfahrt. Sie habe uns schon das Satellitenfernsehen, exotische Werkstoffe und die Möglichkeit geschenkt, ungeahnte irdische Bodenschätze zu erkunden. Ja, sicher: Kongo-Uran, Afghanistan-Mohn, Bagdad-Öl.

Allerdings ist Hoffmann (!) nicht der erste, der an die Technik (der Raumfahrt) glaubt. Die Eroberung des Mondes spielte Johannes Kepler schon vor 400 Jahren durch. Francis Godwin, John Wilkins, Poe, Melville träumten von ihr. Um 1900 lag die Mondfahrt geradezu in der Luft; wenige witterten Unheil. Henrik Pontoppidans verschrobener Pastor Fjaltring etwa sah die Räume schrumpfen, unwirtlich werden – verschwinden. An der Entfernung zwischen Nase und Mund sei trotzdem nicht zu rütteln, fügte er gläubig hinzu.

Genau das ärgert die Leute, die ihre Raumfähren Heraus-forderer und ihre Gentechnik einen Segen nennen. Ihr Stolz duldet keine Grenze und keine Unmöglichkeit. Lewis Mumford rätselt (in seinem Buch Der Mythos der Maschine von 1967/70), warum Kepler die Raumfahrt solcher enormen Mühen und Verluste für wert hielt. Dabei hat er vorher selber „das typisch technokratische Motiv“ herausgestellt, etwas allein um des Beweises seiner Machbarkeit willen zu machen. Flucht vor irdischen Problemen, ob sozialer oder seelischer Natur, kommt allerdings hinzu. Aber warum so weit fliehen? Heuern Sie in der nächsten Kohlezeche an und versuchen Sie, 500 oder 800 Meter untertage, die am 13. Oktober 1948 erreichte Norm des DDR-Hauers und -Helden Adolf Hennecke zu übertreffen. Das ist nicht weniger hirnrissig.


Zeitungssucht

1997 verhalf sie mir zur Eröffnung einer mageren publi-zistischen Laufbahn, die sich 10 Jahre später schon wieder erledigt zu haben scheint. Damals enthüllte ich mein schlimmstes Laster in der kleinen, betörenden Zeitschrift für Buchwesen Myosotis. Allerdings hat es sich im Laufe von ungefähr 40 Jahren stark abgemildert. Es wiederholt sich einfach zu viel.

Mancher erkennt das freilich auch in 80 Jahren nicht. Genau darin liegt eine Grundfunktion unserer Presse. Sie serviert ihre „Sagen der Zeit, so wie man Sagen der Vorzeit hat“ (Lichtenberg) derart geschickt, bunt, abgewandelt, daß man nie auf die soziologischen Muster kommt, aber immer schön dem „Zeitgeschehen“ verhaftet bleibt, an dem sich zigtausend Leute die Goldenen Sporen verdienen, mit denen sie uns auf Trab halten. Ohne Bücher wäre man dieser Drogenmafia hilflos ausgeliefert. Hüttenbewohner Thoreau höhnt vor rund 160 Jahren, viele Zeitgenossen ließen sich zu dem Zwecke, das Neuste nicht zu verpassen, schon alle 30 Minuten wecken, erzählten einem dann aber immerhin zum Entgelt, wovon sie gerade geträumt hätten. Heute dürfte die Deckungsfähigkeit zwischen dem Neusten und den Träumen bereits bei über 90 Prozent liegen. Daher zeitgenössische Buchproduktion als Trieb- und Müllabfuhr.

Etwas rätselhaft könnte Lichtenbergs anderer, gleichfalls rund 220 Jahre alter Satz wirken, nach Zeitung sei Räumung. Für mich behauptet Lichtenberg damit, wie Presse Zeit schüfe, so Räumung Platz. So schafft mein beharrliches Ausmisten in allem Gewußten Platz für eine Art einsichtsvoller Gestalt, an der ich mich – wie ich zumindest hoffe – für den Rest meines Lebens noch leidlich würdig aufrechterhalten kann.

Ich betone jedoch, in meinem Fall war die Einsicht der Zeitungssucht abzuringen. In seinem Essay Über die Kindererziehung bemerkt Montaigne, es sei kein Verdienst tugendhaft zu leben, weil man das Laster nicht kenne. Das heißt ja wohl, ein vom Laster unbeleckter Lebenswandel hätte das Prädikat tugendhaft gar nicht verdient.



Zum Neuigkeitswahn siehe auch
Beginn des Kapitels Feuer und Fallen
Kapitel Schürzenjagd, in der 2. Hälfte des Beitrags
Im Köfel-Buch Kapitel VIII, Abschnitte 4 + 5 (Neugier – Muster)
Neuigkeitswahn im Kunstschaffen, Abschnitt Fingerhut
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