Dienstag, 26. Juni 2012
Vokabelheft
Umfang 16 Druckseiten. Einige Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten.


Deutsch lernen + Schulen + Das Schein-Lexikon + Träume + Vergessen + Bergsteigerbrot + E=mc² + Mogellogik + Das Schlitzohr + Neusprech + Presse + Wahrheit + Tausendgüldenkraut


Deutsch lernen

Falls Ihnen der Arzt zu einem Training Ihres Sammel-triebes geraten hat: es müssen nicht unbedingt Brief-marken, Bücher, Bierdeckel oder Belobigungsschreiben bereits anerkannter SchriftstellerInnen sein. Versuchen Sie’s einmal mit Worten. Ich führe zu diesem Zweck seit über 20 Jahren eine Art Vokabelheft. Zwar hat es zuweilen die materielle Gestalt gewechselt, nie aber seinen Sinn verfehlt, nämlich meinen Wortschatz zu bereichern.

Der Gedanke kam mir um 1985 beim Ubahnfahren in Westberlin. Als Künstlermodell hatte ich fast täglich woan-ders anzutreten, darunter in den entlegensten Bezirken. So nutzte ich diese vielen unersprießlichen Fahrten in Gesellschaft von B.Z.-Lesern, Currywurst-Mampfern, Kopfhörer-Trägern zur Lektüre meines Vokabelheftes aus. Dabei brachte ich auch so manchen Fahrgast, der in mein Heftchen linste, zum Grübeln. Warum hat es nur eine Spalte? Warum liest er diese untereinander geschriebenen deutschen Worte, die keinen Zusammenhang erkennen lassen? Da folgen sich etwa: verpönt / kein Ruhmesblatt / beherzt / das Handwerk legen ... Ist er vielleicht Agent?

Sie ahnen es bereits: in mein Vokabelheft trug ich sämt-liche Worte oder Redewendungen meiner Muttersprache ein, die mir noch nicht geläufig – die mir noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen waren. Ich stolperte über sie, nahm sie entzückt zur Kenntnis, verleibte sie auf der Stelle meinem Vokabelheft ein. Und so verfahre ich noch heute. Als veredelte Leseratte werde ich vor allem in vorzüglichen Büchern fündig. Doch auch der Alltag schenkt mir zuweilen ein Kleinod. So schnappte ich einmal in einem Biergarten vom Nachbartisch her die nüchterne Gegenfrage auf: „Was sollte daran ehrenrührig sein?“

Solche Entdeckungen versuche ich mir durch die beständige Lektüre meines Vokabelheftes einzuprägen. Bin ich hinten angelangt, fange ich wieder von vorn an. Einfaches Runterlesen hilft allerdings wenig. Jedes Wort ist durchzuspielen wie eine Etüde auf dem Klavier. Bilde mindestens drei Sätze, in denen dieses Wort den jeweiligen Glanzpunkt abgibt. Nehmen wir verstümmelt. Während wir in der U-Bahn, in einem Wartezimmer, im ICE nach Zürich sitzen, formulieren wir in Gedanken folgende Sätze. Aus dem Krieg kehrte ihr Vater verstümmelt zurück. Manche Leute verstümmeln ihre Sätze bis sie uns weismachen können, es scheine ein Rätsel darin auf. Die Verstümmelungen, die uns das Fernsehen beibringt, entziehen sich dem Tastsinn. Zugabe: Man predigt jedoch in taube Ohren.

Von Zeit zu Zeit, vorzugsweise an Weihnachten, pflege ich mein Vokabelheft neu anzulegen. Das heißt, ich übertrage nur solche Worte, von denen ich das Gefühl habe, ich hätte sie noch nicht genug gelernt. Zahlreiche andere Worte kann ich unter den Tisch fallen lassen – ich kann sie sozusagen auswendig. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand. Zum einen zwingt mich die Übertragung hinsichtlich meines gewußten Wortschatzes zur Rechen-schaftslegung. Auf der anderen Seite schwillt mein Vokabelheft nie zu einer unlesbaren Schwarte an. Es ist im Gegenteil allmählich dünner geworden. Doch habe ich „objektiv“ sicherlich eine Menge hübscher Worte im Sack. Man könnte sich deshalb fragen, ob ich so nicht große Gefahr liefe, meine Mitmenschen damit zu überhäufen, sie mundtot zu machen, gar zu erschlagen?

Sie wissen es längst: Der Sinn eines umfangreichen Wort-schatzes liegt in der großen Auswahl, die er uns bietet. Von 15 verwandten Worten gibt es nur ein Wort, das in der gegebenen Situation angemessen und überaus treffend ist. Damit hält uns paradoxerweise gerade der umfangreiche, schillernde Wortschatz zum Abwägen, Haushalten, Sparen an. Wahrscheinlich sah das auch Erhart Kästner so, der gegen Ende seines Buches Aufstand der Dinge von 1973 bemerkt: „Ich wünschte, es würde sich nicht wie die Äußerung eines Verrückten anhören, wenn Einer (ich wäre auf seiner Seite) sagen würde: Es komme ihm nicht darauf an, möglichst viel, sondern möglichst wenig zu schreiben.“


Schulen

Es handelt sich um Orte des Schreckens, die sich in Demo-kratien wie Diktaturen gleichermaßen der Anmaßung des Staates verdanken, seine BürgerInnen auch durch die von ihm verordnete sogenannte Allgemeinbildung zu normie-ren. Er maßt sich an zu wissen, was „man“ wissen muß.

In seinem Verständnis natürlich alles, was der Aufrecht-erhaltung seiner gut geschmierten Megamaschine nützt, die wiederum seiner Elite dient. In Wahrheit gibt es unter den Menschen – solange sie noch nicht erfolgreich angepaßt worden sind – eine derart große Vielfalt an Naturellen, Bedürfnissen und Lebensformen, daß sie alle ihrer eigenen, darauf zugeschnittenen Bildung oder auch Schwänzerei bedürften. Aber man läßt sie nicht. Schul-pflicht, Meldepflicht, Steuerpflicht, Versicherungspflicht, Wehrpflicht – Sie können darauf wetten: steigt die Enthaltungsrate weiter so steil an, wird demnächst auch die Wahlpflicht eingeführt. Schließlich müssen sich die Pensionsberechtigten im Bundestag irgendwie legiti-mieren.

Sind Sie Lehrer, werden Sie vermutlich einwenden, wenn jeder gerade unterrichten oder lernen dürfte, was und wie er wollte, bräche doch das Chaos aus. „Sollen die Behör-denformulare von Analphabeten ausgefüllt werden? Die Fabriken von Leuten in Gang gehalten werden, die nicht bis drei zählen können?“

Ach du meine Güte! Nein, die Behördenformulare, die Fabriken und die Staaten müssen weg. Der Mensch der Zukunft lernt in selbstorganisierten Basisgruppen. In meinem Roman Konräteslust demonstriere ich das am Beispiel der BG Montaigne.


Das Schein-Lexikon

Es macht sich die Form herkömmlicher Nachschlagewerke wie Wörterbuch, (Real-)Lexikon, Enzyklopädie in litera-rischer Absicht zunutze. Die Lexikon-Form kann dabei mehr oder weniger verfremdet werden. Die Scheinhaftig-keit des angeblichen Lexikons kann offen eingeräumt oder kunstvoll verbrämt werden. Die Nähe zu Fingierungen, Fälschungen, Fakes kann groß oder gering sein. Selbst die alphabetische Anordnung der einzelnen Textstücke halten nicht alle Autoren für unabdingbar.

In der Spätantike wird die Bezeichnung Lexikon für Wörterbücher der griechischen Sprache verwendet. Das erste deutschsprachige als Lexikon bezeichnete Nach-schlagewerk dürfte vom Barockdichter Gotthilf Treuer stammen, der 1660 einen rund 2.000 Seiten starken Zitatenschatz mit dem für Schein-Lexikographen schon wegweisenden Titel Deutscher Daedalus, begreiffendt ein vollständig außgefuhrtes Poetisch Lexicon vorlegt. Es bleibt nicht bei der Poesie. Als Medium, das ein systematisiertes Chaos präsentiert, strebt das Lexikon nach mehr. Es hat System, weil es sich beim Alphabet ohne Zweifel um ein strenges Ordnungsprinzip handelt. Allerdings unterwirft es die Phänomene, die es erfaßt, genauso zweifellos dem puren Zufall, was bedeutet, es löst das Chaos nie auf. Folgt Berta auf Anton, ist nichts über ihre Beziehung oder über ihr Verhältnis zur Umgebung von Xanten ausgesagt. Aber das Ordnungsprinzip Alphabet ist verblüffend aufnahmefähig; nach Ansicht des Aufklärers Denis Diderot und seiner MitstreiterInnen – die als die ersten „Enzyklopädisten“ gelten – paßt sogar die ganze Welt hinein. Spätestens hier – in Mitteleuropa um 1750 – mußten sich skeptische und gewitzte Köpfe finden, die mit einem (erstmals wohl von mir so genannten) Schein-Lexikon zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen suchten: einerseits Parodie der vielen fragwürdigen Wissensanhäufungsbemühungen der zivilisierten Menschheit, andererseits Präsentation der ureigenen, mehr oder weniger genauso fragwürdigen subjektiven Welt des Schein-Lexikon-Schöpfers.

Den Urvater des deutschen Schein-Lexikons haben wir womöglich in Gottlieb Wilhelm Rabener zu sehen. Der sächsische „Aufklärer“ wartete 1745 mit einem offensicht-lich satirisch gemeinten Versuch eines deutschen Wörterbuchs auf, das verständlicherweise von Lichtenberg begrüßt wurde, der bald darauf mit seinen Sudelbüchern in ähnlicher Richtung ging. Wegweisende ausländische Schein-Lexika waren Ambrose Bierces Wörterbuch des Teufels von 1906/1911 (USA) und Franz Bleis Bestiarium Literaricum von 1920, das die – zumeist berühmteren – Schriftstellerkollegen des Österreichers in Tiere verwan-delt. Seeligers Handbuch des Schwindels von 1922 habe ich schon oft genug erwähnt. In jüngster Zeit warteten verschiedene Autoren mit Spezial-Schein-Lexika auf, die sich wahlweise solchen interessanten Fachgebieten wie Fabeltiere und Engel, Träume, Stilblüten, Fiktive Orte, Fiktive Künstlerbiografien, Nie geschriebene Bücher und dergleichen Absonderlichkeiten widmen.

Leider sind dem Schein-Lexikon-Autor nicht nur in thematischer Hinsicht keine Grenzen gesetzt, sondern auch was die Leichtfertigkeit angeht, mit der er sein Werk arbeitet. Eine alphabetische Anordnung verschiedener Beobachtungen kann selbstverständlich recht bequem sein, indem sich der Autor jede nennenswerte Mühe erspart, andere Zusammenhänge herzustellen. Er zieht der Durchdringung die Reihung vor. Das Erzählen verkommt zum Aufzählen. Andererseits kann das Schein-Lexikon in bewundernswerten Fällen eine beißende Kritik jener Wissensanhäufungsbemühungen (auch der Windbeutel- und Schaumschlägerei) darstellen und dem Alphabet trotzdem eine neue oder jedenfalls aufschlußreiche Sicht auf die Dinge abringen. Übrigens kann es auch die Willkür aller Einengungen verhöhnen oder geißeln, nämlich auf sogenannte Sachgebiete, Themen, Motive, also die Willkür von Abgrenzung und Auswahl. Es selber stemmt sich in den meisten Fällen gegen die bekannte Mauer zwischen „wissenschaftlicher“ und „schöngeistiger“ Literatur. Man wird wohl behaupten können, jedem guten Schein-Lexikon eigne Ambivalenz. Das sehr gute Schein-Lexikon atmet den Geist der Polemik und der Selbstkritik zugleich.

Die Gattung der Schein-Lexika ist noch wenig erforscht. Zu keinem geringen Teil wird die Forschung schon durch die Schwierigkeit vereitelt, einen angemessenen und einiger-maßen breit akzeptierten Namen ihres Sachgebietes zu finden. Die Bochumer Germanistin Monika Schmitz-Emans arbeitet abwechselnd mit den Begriffen lexikogra-phisches Schreiben / enzyklopädisches Schreiben / Lexikofiktion. Vor der Suchmaschine seines Internet-Browsers steht der Forscher ratlos. Ein unanfechtbarer Erfinder des Schein-Lexikons kann bislang so wenig präsentiert werden wie eine Vorhersage darüber, ob sich diese Gattung womöglich mit der Ausbreitung sogenannter Internet-Enzyklopädien erübrigen wird. Bekanntlich stehen und fallen diese nicht mit dem Alphabet, weil sie mit punktgenauer Suchmaschine arbeiten.

Ich möchte zum Schluß dieser kleinen Bestandsaufnahme ein nahezu seriöses Schein-Lexikon aus der Feder des österreichischen Biochemikers und Essayisten Erwin Chargaff hervorheben, der ja viele Jahrzehnte in New York lebte. Er brachte 1986 Serious Questions: An ABC of Sceptical Reflections heraus. Eine von ihm selbst vorgenommene deutsche Bearbeitung erschien dann drei Jahre später unter dem hübschen Titel Alphabetische Anschläge. Chargaff begnügt sich mit je einem Artikel unter jedem Buchstaben des Alphabets. Das genügt ihm für einen weltkritischen Rundschlag. Interessanterweise denkt er unter V („Versuch mit unzulänglichen Mitteln“) über den Essay nach. Zuviel Fachwissen schade ihm, da es die aus dem Inneren kommende Überzeugung (des Essayisten) vergifte. Zu den wesentlichen Vorrausset-zungen eines gelungenen Essays zählt Chargaff ein bestimmtes Temperament – einerlei, welches. Er meint das schreibende Subjekt. „Die Gedanken, die den Text zusammenhalten, fügen sich zu einem Stil, aus dem ein Mensch herausblickt.“

Hat Chargaff recht, ist bei Kollektivwerken wie den herkömmlichen Lexika oder Enzyklopädien die Gefahr gebannt, ihre Artikel mit Essays, vielleicht auch die VerfasserInnen dieser Artikel mit Menschen zu verwech-seln. Bei Wikipedia werden diese Schattenwesen „BenutzerInnen“ genannt.


Träume

Laut Brockhaus mit „trügen“ verwandt, sind sie dem Volksmund als Schäume bekannt. Trotzdem scheint die Gewißheit, mit der Träumende von ihren jeweiligen nächt-lichen Gesichtern erzählen, so gut wie keinen Menschen zu verblüffen.

Da fräste einer mit der Faust eine Mundhöhle aus, Erinnerungsbilder aus dem Elternhaus mischten sich ein – ist es nun die Fresse des „Terminators“ Arnold Schwarzen-egger, der kürzlich den 51jährigen Schwarzen Stanly „Tookie“ Williams trotz zahlreicher Ungereimtheiten und Proteste mit der Giftspritze hinrichten ließ, oder die des lieben großen Bruders gewesen, der einen, wie unter Nicht-Zwillingen seit Urgedenken üblich, tyrannisiert oder mißachtet hat? Die Frage ist voreilig gestellt. Wann „mischten“ sich denn jene Erinnerungsbilder ein? Und wo? Ob ich all diese Traumbilder, die ich nach dem Erwachen noch zu erhaschen meine, 3 Sekunden, 30 Stunden oder 30 Jahre vorher „empfing“, kann doch kein Mensch wissen. Schon vom Erinnern/Erzählen dürften sie in einem unfeststellbaren Maße beeinflußt werden. Brockhaus jedoch kennt nicht ein Hindernis bei der Traumforschung, während Wikipedia immerhin darauf hinweist, Träume seien leider der unmittelbaren Beobachtung entzogen; man müsse den Schläfer wecken, damit er einem seine Träume erzählen könne. Daß sich dessen Märchen ebenfalls der Überprüfbarkeit entziehen könnten, wird nicht erwogen.

Dieser Blickwinkel schließt sogar den Beobachter mit ein. Zu den größten Problemen der HirnforscherInnen zählt, ihren Gegenstand mit ihrem Hirn erforschen zu müssen. Ob frischer Empfangseindruck, aktuelle Bezüge, logische Folgerung, Hirnstrommeßgerät – nichts verfängt bei dem Versuch, das jeweilige Phänomen seinem Charakter, seiner Zeit und seinem Ort nach zweifelsfrei einzuordnen. Man hat keinen unbefangenen Blick auf es. Schlendere ich mit Freunden durch die nahe Pappelallee, werden wir uns wahrscheinlich darauf einigen können, sie bestehe aus 182 Pappeln, die im Schnitt mindestens 70 Jahre auf dem Buckel hätten. Für die Vorgänge in meinem Gehirn dagegen bin der einzige „Zeuge“ ich selbst. Wie sich versteht, bin ich voreingenommen – während alle Dritten, die mich scharf zu beobachten wähnen, nur ahnungslos sind. Detlef Linke (1999) betont, wenn es auch nachweis-bare Zuständigkeiten („Regionen“) im Gehirn gebe, so arbeite doch niemals eine Region allein. Es gleiche eher dem verräucherten Kneipenhinterzimmer eines Philosophenzirkels als einem Apothekerschrank.

Damit werden natürlich nicht nur unsere Träume frag-würdig, sondern alle unsere Gedanken. Ihre Beschaffen-heit ist völlig unklar und leider nicht betastbar. Und was nützt mir die aufgezeichnete Kurve eines Hirnstroms, wenn mir der Schlüssel zur Gehirnstube fehlt? Näheres dazu habe ich unter anderem in meinem Porträt Erwin Chargaffs gesagt (2. Hälfte).


Vergessen

Sollten wir nach der Wiedergeburt wieder nur Mensch werden, fühlt es sich vielleicht wie nach der Operation meines zertrümmerten Handgelenks an. Das Erwachen aus der Narkose machte mich zum Säugling – unverhofft mit Wärme, Licht, Dasein beschenkt! Noch am selben Tag dämmerte mir freilich, in meiner alten Scheiße zu liegen. Während der Schmerz an meinem frisch verschraubten Handgelenk riß und mein Zimmergefährte ohren-betäubend schnarchte, fielen mir alle meine Missetaten wieder ein.

Leider hatte sich auch die Gesellschaft nicht geändert, wie ich dem flackernden Fernsehgerät meines Zimmer-gefährten entnahm; die Tonstöpsel staken ihm noch in den Ohren. Als ich schon einmal 1950 geboren worden war, hatte die große Chance bestanden, mit Volksdemokratie, Sozialisierung, Entmilitarisierung ernst zu machen. Alle Parteien befürworteten dieses Programm. Braunbayer Franz Joseph Strauß verkündete, kein Mensch dürfe jemals wieder ein Gewehr in die Hand nehmen, sonst werde ihm diese verdorren. Kaum war er als „Bundes-verteidigungsminister“ vereidigt und von Abgesandten der Luftfahrtindustrie bestochen worden, knallten seine Starfighter durch Deutschland, die der Volksmund dann vorübergehend „Witwenmacher“ taufte. Von 916 Maschinen stürzten 292 ab, wobei 115 Piloten und indirekt viele tausend Kinder in überseeischen Ex-Kolonien umkamen, die Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hätte vorm Hungertod retten können. Dem Volksgedächtnis entfiel das allerdings so rasch wie das Straußenhirn seine Schwüre vergaß.

Der Schriftsteller Carl Zuckmayer wundert sich in seinen Erinnerungen (1966, Ausgabe 2006) bereits auf Seite 274 darüber, „wie rasch der Mensch vergißt“. Selbst an der Front des Ersten Weltkrieges hätten viele Soldaten schon wenige Wochen nach der furchtbaren Sommeschlacht, in einer Art „Kriegervereinsstimmung“, an der Verklärung des hinter ihnen liegenden, buchstäblich dreckigen Grauens mitgewirkt. Und Zuckmayers Buch ist immerhin 650 Seiten dick. Später bemerkt er, der deutsche Faschismus habe für die meisten Deutschen schon 1946 wie hinter einem Schleier gelegen, als hätten sie die jammervollen Jahre „wie Schlafwandler“ durchquert. Auch die Qualen des Berliner Hungerwinters 1946/47, die er als Besucher aus den USA miterlebt, seien von der Verdrängungskunst rasch geschluckt worden. Von daher hätte es Zuckmayer wahrscheinlich keineswegs erstaunt, daß sich auf solchem, gleichsam verschlossenem Boden inzwischen Tafeln gut halten – die zu seiner Zeit schlicht Suppenküchen für die Armenspeisung hießen. Da tafeln sie dann, die Bettelknaben und Bettelmädchen des Königs Peter Hartz IV. Zuckmayers Bemerkungen zeigen, wie eng der nicht nur grammatische Zusammenhang zwischen Vergessen und Interesse ist. Man vergißt bevorzugt, was einem unangenehm oder überlegen ist, also Ärger zu bereiten droht. Man könnte einwenden, einen Schweineigel von Nebenbuhler oder einen faschistischen Folterknecht vergißt keiner so schnell, ganz im Gegenteil, er setze alles daran, ihn umzubringen und erst dann erleichtert aufzustöhnen. Eben – auch Rache kann süß, jedenfalls befreiend, also angenehm sein. Das haben natürlich auch die Chefs der NSA und der Internet-Giganten Google, Amazon, Facebook, Twitter und Apple begriffen. Sie vergessen nichts. Sie speichern alles.

Von der Gehirnforschung höre ich, die Frage, warum wir und wann wir etwas vergessen oder etwas nicht vergessen, sei bislang kaum geklärt. Na gut. Offensichtlich ist auch dieses Phänomen verwickelt und widersprüchlich. Wenn ich zum Beispiel das Stichwort Verdrängungskunst fallen ließ, will ich dieselbe keineswegs in Bausch und Bogen verurteilt haben. Von meinen Missetaten etwa fielen mir ja nach jener Operation 2003 höchstens 10 Prozent wieder ein. Wie man bereits im Altertum für Korruption anfällig war, wußte man auch schon die heilsame Wirkung des Vergessens zu schätzen. Wären mir alle je erlittenen Beschämungen auf einen Schlag bewußt, fiele ich auf der Stelle tot um. Stünden stets alle Übel der Welt um mich Spalier, müßte ich ersticken. Es genügt, wenn sich das Volk ein paar gedächtnisstarke SchriftstellerInnen hält, die für es Buch führen.


Bergsteigerbrot

Geht eine Bibliothekarin in den Ruhestand, wird sie, wenn wir Glück haben, ersetzt – durch eine Frisöse oder durch eine Analphabetin? „Der verlangt aber auch immer son Scheiß, wo niemand kennt!“ läßt sich die neue Kraft durchs gekippte Oberlicht unsrer Stadtbücherei vernehmen. Ich hatte Sartre, Ilja Ehrenburg, Theodor Lessing „verlangt“.

Unser neuer, hochglanzpolierter Büchereibestand wäre ein guter Anlaß, die Drehständer in unserem zugenagelten Bahnhofsgebäude wieder zu beleben. Ab in die Werra mit den „westlichen Werten“! Um meine Zerknirschung mit frischem Brot zu bekämpfen, betrete ich eine Bäckerei. Obwohl zu befürchten ist, die Verkäuferin kenne Getreide nur als gelbe Kalenderfotoflächen und könne Mehl kaum von Kunstschnee unterscheiden, deute ich über ihre Schultern, wo ein verlockend wirkendes Brot über dem Schildchen Bergsteigerbrot liegt: „Was ist denn das dunkle Krustige für eins ..?“

Sie wendet sich um – und siehe da, sie kann sogar lesen. „Ein Bergsteigerbrot!“ verkündet sie andächtig wie die Heilige Elisabeth.

Im Baumarkt spreche ich einen jungen Mann, der in einem betörenden glänzenden weinroten Kittel steckt, auf Spann-schlösser an. „Spannschlösser ..?“ murmelt er und be-fingert ausgiebig seine Schläfe, während er durch 30 Regalwände in die Ferne starrt. Irgendwo muß doch auch einmal die Bildung gelegen haben, von Ausbildung ganz zu schweigen.

Betrete ich das angeschlossene „Gartencenter“, erübrigt es sich, eine Reise um den Äquator zu buchen. Nur was ein Fleißiges Lieschen oder ein Seidelbast ist, weiß hier kein Depp. Gregor unkt, ich solle mit Thüringer Wald oder Hainich vorlieb nehmen. Da werden nämlich gerade Wanderrouten in Markenwaren verwandelt – von Leuten, die ihr Leben in Automobilen und Nachtbars oder auf Bergsteigerbroten verbringen.

Mit der Flora und Fauna rottet der Kapitalismus des schnellen Reibachs wegen gleich noch alle gewachsene Qualifizierung aus. Sein Goldener Boden liegt nicht im Handwerk, vielmehr in Hohlköpfen, die er im Treibhaus züchtet.


E = m c²

Unsereins ist der einen „Weltformel“ auf den Fersen, die plötzlich alles erklärt. Alle Weltformeln der Konkurrenten sind immer schwachsinnig, weil wir unsere Schwächen lieber am anderen sehen.

Allerdings sind sie bei diesem auch besser zu sehen – und genau deshalb gibt es Literatur. Sie hält uns den Spiegel vor. Als Stefan Zweig seine Erinnerungen Die Welt von gestern schrieb, war er wohl für geschärften selbst-kritischen Rückblick schon zu lebensmüde. Er bekennt seine Abneigung gegen alles Weitschweifige und Lang-wierige, alles Schwelgerische und Vage-Schwärmerische. Und er folgert dreist, sie habe sich „notwendigerweise von der Lektüre fremder Werke auf das Schreiben der eigenen übertragen“ müssen. Ala! wie der feurige Rheinhesse ruft. Sagt mir, in welchem Baumarkt dieser Mechanismus zu bekommen ist, ich renne sofort hin!

Mit Zweigs erzählerischen Ergüssen ließe sich das ganze Hessische Ried wieder aufpäppeln. In Verirrung der Gefühle und Aus dem Leben einer Frau etwa bringt er es fertig, für die Zeichnung eines ältlichen Homosexuellen und einer auf Erlösung sinnenden 40jährigen mehr als 130 Druckseiten zu verschwenden. Aus Mücken macht er Elefanten, die uns von der Riviera bis zum Ärmelkanal schleifen. D. H. Lawrence hätte uns mit 65, George Orwell mit 13 Seiten in Atem gehalten. Den kitschverdächtigen Stoff seines Romans Ungeduld des Herzens, der in eine Senftube paßt, tritt der österreichische Ersehner eines Vereinigten Europa breit wie die ungarische Pußta.

Kurz, das Wesentliche muß genügen – nur, worin bestünde es denn? Das ist allerdings umstritten. Eine Liebesbezie-hung auf eine knallende Tür, einen Heulkrampf und einen Messerstich oder die Welt auf E=mc² zu reduzieren, dürfte uns über kurz oder lang in eine betrübliche Armut stürzen. Nach Jochen Kirchhoff ist jene berühmte Formel übrigens keineswegs auf dem Mist von Albert Einstein gewachsen. Aber auch das sind ja wieder Reduktionen, wie wir sie lieben: Legenden à la Goethe, Einstein, Che Guevara. Die Wahrheit liegt im Detail, im Unübersichtlichen, in der Vielfalt. Und das ungefähr 10.000 Jahre alte Projekt Fortschritt besteht darin, die Wahrheit abzuschaffen. Erzählkunst ist sein Seitenstück.


Mogellogik

Zu den beliebtesten Gummihämmern, die in der Politik unablässig geschwungen werden, zählt die Feststellung, wer A sage müsse auch B sagen. Den Hammer fallen zu lassen, ist unstatthaft. Bin ich schon einmal aufs Klo gegangen, muß ich die Schüssel auch füllen – wieder rauskommen ohne meinen Darm entleert zu haben ist verboten. Auf dem Klo nur ein paar erholsame Comics lesen zu wollen, kommt schon Hochverrat gleich.

Darauf zu pochen, vermeintliche Logik sei oft gar keine Logik, ist aber zu wenig. Wie F. G. Jünger betont hat, folgt die Sprache überhaupt keiner Logik – sie umfaßt alle denkbare Logik. Sie vermeidet auch keine Widersprüche; sie deckt sie auf. Wenn es klappt! Seeliger meint zur Gewalt: Nur auf dieselbe Weise, wie sie in die Welt gekommen sei, könne sie auch wieder daraus verschwin-den, „nämlich auf dem Wege des Denkens“. Das mag unmittelbar einleuchten; mit Alain halte ich es sogar für richtig. Nur zwingend ist Seeligers Schluß nicht die Bohne. Ich frage Sie analog: Wie ist denn Seeliger auf die Welt gekommen? Aha. Und wird er die Welt auf diesem Wege auch wieder verlassen? Die arme Mutter.

Dazu paßt Robert Hofstetters Bemerkung zum land-läufigen Aberglauben, da nach unserer Erfahrung jedes Ereignis eine Ursache habe, müsse auch die Menge aller Ereignisse, oft „Universum“ genannt, eine Ursache haben. Dieser Schluß sei so unsinnig wie beispielsweise die Behauptung, jeder Club müsse eine Mutter haben, da ja auch alle seine Mitglieder eine hätten.

In Remarques Obelisk verkündet ein Priester bei Sauer-braten und ausgesuchtem Weißwein, Speise und Trank seien Gaben Gottes, die wir zu genießen und zu verstehen hätten. Grabsteinhändler Bodmer erwidert, dann sei sicher auch der Tod eine Gabe Gottes – ob sie entsprechend zu behandeln sei?

Als ich mich über das Selbstlob eines mit mir befreundeten Malers erstaunt zeige, versichert mir der gute Mann, er würde seine Bilder genauso beeindruckend finden, wenn sie von einem anderen Maler stammten. Ich stutze – und schmunzele. „Diese Behauptung besitzt ohne Zweifel den Vorteil, daß kein vernünftiger Mensch von dir verlangen kann, sie zu beweisen.“

Um Doppelmoral anzuprangern, wird gern auf die spöttische Feststellung des römischen Komödiendichters Terenz zurückgegriffen, wenn zwei das gleiche täten, sei es nicht das gleiche. Vielleicht sollte man bei jedem Rückgriff vorsichtshalber hinzufügen, dieser Hieb könne keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Zahlen Krösus und ich für ein mit sechs Euro ausgezeichnetes Reclam-Heftchen die gleiche Mehrwertsteuer, ist es in der Tat nicht das gleiche, denn mich trifft die Steuer ungleich mehr. Mahnt Terenz mit seinem satirischen Satz strenge Gleich-behandlung an, klammert er jegliche Relativität aus. Die Ermahnung ist auch als Richtschnur für eine libertäre Rechtsprechung ungeeignet, die jeden Fall als Sonderfall zu betrachten hat.

Unter Philosophen ist der Gummihammer des „Gesetzes“ beliebt, nur Gleiches oder Ähnliches könne einander erkennen und verändern. Reiben sich Autorad und Straße aneinander ab, sind sie also beide rund? Mit gleicher „Evidenz“ könnte ich umgekehrt behaupten: Nur weil ich keine Tomate bin, kann ich eine Tomate schmatzend verformen und in Menschenkot verwandeln. Doch wie auch immer, geben dergleichen „Gesetze“ nicht ein Gramm an Erklärung her. Es sei denn, wir setzen diskret wie Kosmologe Kirchhoff einen aller Gravitation zugrunde liegenden Weltwillen voraus, dann läßt sich hübsch behaupten, dieser wirke ja offensichtlich wirklich, insofern müsse auch das, worauf er wirkt, von seiner Art sein.


Das Schlitzohr

Postmodern formuliert, wäre es ein „flexibles“ Wesen. Die Bezeichnung „Schlitzohr“ kam wahrscheinlich im Barock auf. Um 1700 schmückten die männlichen zweibeinigen Wesen ihren Kopf mit der Allongeperücke, was nach Max von Boehn sogar für Geistliche galt. Nur standen diese vor der Klemme, ihren Kopfputz beim Lesen der Messe abnehmen zu müssen, weil doch just der Kopf es war, der die Weihen zu empfangen hatte. Sie schafften Abhilfe, indem sie ihre Perücken mit einer kleinen Klappe versa-hen, die ihnen so auf gleichermaßen bequeme wie würde-volle Art und Weise gestattete, die Tonsur zu entblößen.

Dummerweise konkurrierte der gelockte und gepuderte Kopfputz mit einer anderen Zierde des männlichen Stolzes, dem Hut. Ein Dreispitz etwa machte schon viel her. Man verfiel auf die Lösung, die Kopfbedeckung nur noch unter dem Arm zu tragen. So konnten auch die Krempen mit Borten und Tressen verziert werden, ohne daß dieser zusätzliche Schmuck – durch den die Krempe vielleicht bis auf die Nase hing – den Blick des betref-fenden Schlitzohres getrübt hätte.

Da mutet es beinahe schäbig an, wenn sich der von Kriegsniederlage und Inflation gebeutelte Berliner um 1920 in einem Vorhemd, auch Hemdenbrust genannt, über den von Schiebern belagerten Kurfürstendamm schob. Das Vorhemd war gerade groß genug, um den Ausschnitt einer Anzugjacke zu bedecken und auf diese Weise ein ganzes Hemd vorzuspiegeln. Nach Ilja Ehrenburgs Erinnerungen waren diese „Aushängeschilder wenn nicht des Wohl-stands, so doch der Wohlanständigkeit“, meistens rosa oder blau gefärbt.

Der russische Schriftsteller erlebte auch eine unter damaligen Ladeninhabern beliebte Methode, die Inflation zu verbrämen, also einen Luftballon als Tischtennisball auszugeben. „Die Preise blieben scheinbar fest, man hatte sie nur mit einer sogenannten Schlüsselzahl zu multipli-zieren. Gestern war die Schlüsselzahl 400, heute 600. In den Vorstadtkinos tobte Doktor Caligari immer noch seinen Irrsinn aus. An einem einzigen Tag wurden in Berlin neun Selbstmorde registriert.“

Wäre es nicht sinnvoll, dieses Verfahren auf die Anzahl der in Afghanistan gefallenen deutschen Soldaten zu über-tragen? Es blieben, sagen wir einmal, stets drei, während die neue Schlüsselzahl jeden Samstag in der Zeitung stünde.


Neusprech

Das Neusprech ist in Orwells 1984 die herrschende Sprache, weil es der Elite das Herrschen erleichtert. Es wird vor allem durch Verarmung, teils auch durch Umpolung der vorhergehenden „alten“ Sprache erzielt. Alles, was uns zum Überschwang verleiten könnte, wird gestrichen: wunderbar, frei, Aufstand. Krieg wird zum Frieden; Feste der Nächstenliebe heißen Haßwochen. Die zentrale Behörde, die die Rationierungen bearbeitet, ist das Ministerium für Überfluß.

Heute wirkt dieses Verfahren gar zu simpel. Es ist viel geschickter, einen Versuch, den Gazastreifen endlich bis zur Unbewohnbarkeit zu zermalmen, als Operation Sommerregen auszugeben (Israel 2007), Opfer von Sturmgewehrkugeln Weichziele zu nennen (Heckler & Koch) oder sich als Außenminister für robuste Konflikt-lösungen auszusprechen. Bismarck war in dieser rhetorischen Frage noch gespalten gewesen. Auf der einen Seite schönfärbte er in seiner berüchtigten Rede vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses (30. September 1862), die nach den Wiener Verträgen Preußen auferlegten Grenzen seien einem „gesunden Staatsleben“ ungünstig; auf der anderen stellte er nahezu klar, die „großen Fragen der Zeit“ würden nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse, vielmehr „durch Eisen und Blut“ entschieden. Unter den großen Fragen verstand er natürlich in erste Linie die Eigentumsfrage. Im Gegensatz zu Marx und Engels hätte er sie allerdings niemals so genannt.

Heute wird die Eigentumsfrage bestenfalls unter dem Aspekt der Chancengleichheit behandelt. Heute hat die Sprache nicht ärmer, sondern gerade üppiger und blumiger zu werden; sie muß wuchern, bis man kein Körnchen Wahrheit mehr sieht. Stahlkäfige für Hühner, Muslime oder Rostocker Demonstranten sind Sammel-stellen. Droht die Profitrate zu sinken, liegt es an einem Reformstau. Um den Reichen massive Steuernachlässe zuzuschustern, brauchen wir ein Wachstumsbeschleu-nigungsgesetz. Weit davon entfernt, an kaiserliche Aktivitäten anzuknüpfen, möchte Deutschland lediglich wieder etwas mehr Verantwortung in der Welt überneh-men. Erklärt sich in einer 30köpfigen anarchistischen Kommune ein Altruist bereit, die Verantwortung für den Speisekammerschlüssel oder die Safekombination zu übernehmen, klingeln 29 Alarmglöckchen.


Presse

Der hohe Wert einer kritischen Presse zeigte sich 2008 in der Untersuchung eines angeblichen Ausspruchs des iranischen Präsidenten. „Israel muß von der Landkarte getilgt werden“, habe Mahmud Ahmadinedschad verkündet. Alle westlichen Medien, die Israels Atomwaffen schon immer durch Schweigen gesegnet haben, nahmen den Satz begierig auf. Nebenbei bemerkt, hatte Israel in den 50er Jahren freundlicherweise seinerseits zu der Tatsache geschwiegen, daß Naziverbrecher (etwa Globke und Oberländer) in der Bonner Regierung hohe Ämter bekleideten. Die Publizistin Gaby Weber hat den begründeten Verdacht geäußert, diese Duldung sei ein Entgelt für just die bundesdeutsche Tolerierung der atomaren Aufrüstung Israels gewesen.

Was den zitierten Satz angeht, trat lediglich die Bremer Zeitschrift Arbeiterfotografie den dornigen Weg zu seinen Quellen an. Ihre Bedenken und Klarstellungen wurden über Monate hinweg von Agenturen, Regierungsstellen und Redaktionen, wenn nicht verleumdet, dann ignoriert. Doch schließlich, am 14. Mai 2008, sah sich sogar der Spiegel bemüßigt, einen „Irrtum“ einzuräumen. Tatsäch-lich habe der Präsident gesagt: „Das Besatzerregime muß Geschichte werden.“ Der Vorgang wurde von der Tages-zeitung Junge Welt aufgegriffen – nur deshalb weiß ich von ihm. In unseren ehemals freigeistigen und deshalb dereinst auch unter Linken geschätzten Blättern Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau hätte ich ihn vermutlich vergeblich gesucht. Sie sind binnen eines Jahrzehnts auf den Hund gekommen. In unsrer jetzt neoliberalen Presselandschaft liegt alles auf Linie, aber alles in Farbe. Die „seriösen“ Blätter verabreichen die neoliberalen Glaubenssätze an Partyspießen, während Bild sie als Katzen- und Hundefutter in anregend beklebten Dosen ausspuckt. Nur der Obermahner vom Demokra-tischen Dienst Heribert Prantl darf bei der SZ noch sein Gnadenbrot verzehren.

Am ekelhaftesten ist der Niedergang der FR. Nach dem irischen Nein zum sogenannten Reformvertrag (ebenfalls 2008) empfiehlt Starprofessor Herfried Münkler im Leitartikel, „Europa als Eliteprojekt“ zu gestalten, „getragen durch den entschiedenen Willen zur Selbst-behauptung in einer globalen Welt.“ Die Welt ist global – mal in der einen, mal in der anderen imperialistischen Hand. Die jeweils Guten gestalten sie zu unserem Besten. Camus zitiert in Der Mensch in der Revolte den Zyniker Nietzsche: „Sind die Ziele groß, legt die Menschheit einen anderen Maßstab an und beurteilt das Verbrechen nicht als solches, mag es auch die schrecklichsten Mittel anwenden.“ Die Iren waren noch zu kleingläubig. Ihre Selbstbehauptung durch Bombardierung der Köpfe jugoslawischer oder afghanischer Frauen und Kinder läßt noch zu wünschen übrig.

Wie lange ich wenigstens die Junge Welt noch lese, frage ich mich immer öfter. Ich muß mich zu ihrer Lektüre bereits zwingen. Als Kommunisten sind ihre MacherInnen ebenfalls in Politik vernarrt und dem sogenannten Zeitgeschehen sklavisch verhaftet. Muten sie mir Tag für Tag die sattsam bekannten Visagen unserer Volksver-treterInnen zu, behelfe ich mir notdürftig mit der Vorstellung, diese säßen ab unterhalb ihrer Krawatten oder Broschen auf meinem angebauten Kompostklohäuschen. Im Oktober 2009 garnieren die Genossen Redakteure einen Kommentar zu Politikerrenten von beispielsweise 9.430 Euro monatlich mit einem Paßbild der langjährigen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul von der SPD. Kommentator Klaus Fischer: „Ohne Häme ist klar, daß die Arbeit von Politikern ordentlich bezahlt werden muß.“ Auf die Idee, solche gemeingefährlichen Arbeitsplätze abzuschaffen, kommen Kommunisten nicht. Sie leben von der Politik, ob sie nun Artikel schreiben oder Parteitagsreden schwingen.

Die schwerste Prüfung halbwegs anspruchsvoller Junge-Welt-LeserInnen stellt das sogenannte Feuilleton dar. Bevor noch der Vierfarbdruck auf die erwähnten Visagen-Fotos übergegriffen hat, biedert sich das jW-Feuilleton Tag für Tag dem bunten Treiben globaler Kulturindustrie an. Es verehrt Pop und Punk, schätzt Gewalt-Apologeten und Zyniker a lá Stephen King und Matt Ruff, rennt in jedes Kino, verbrämt seine Lust an der herrschenden millionen-schweren Sportidiotie mit Ironie, findet unter 200 Agenturmeldungen garantiert die zwei belanglosesten heraus. Vertiefung fürchtet es wie einst Junge Pioniere den düsteren Kohlenkeller fürchteten, weshalb sie stets krampfhaft gepfiffen haben. Das Leben hat Spaßhaft zu sein.


Wahrheit

Wie sich versteht, ist sie jedem Menschen stets willkom-men – falls sie ihm in den Kram paßt. Über denselben Gegenstand, etwa die Berliner Mauer, konnte Die Wahrheit des gleichnamigen SEW-Blattes recht anders aussehen als die des Springer-Blattes Die Welt. Die SEW war einst der Westberliner Ableger der SED gewesen.

Die Wahrheit akzeptiert keine Grenzen; sie wird überall unterdrückt. Zur Begründung ist dabei die „Zauberformel“ (Orwell) sehr beliebt, sie spiele dem Feind oder dem Bösen schlechthin in die Hände. Diese Formel funktioniert eigentlich immer, weil kein Mensch auf der Welt völlig feindlos und das Böse schlechthin weltweit verbreitet ist. Orwell plädierte trotzdem für schonungslose Aufrichtigkeit und hielt sich laut seinem Biografen Shelden auch selber weitgehend daran. Nur unterscheidet schonungslose Aufrichtigkeit leider nicht zwischen Feind und Freund. Sie kann auch diesen kränken oder erschrecken; ja sie kann sogar verhindern, den anderen überhaupt wahrzunehmen. Dies warf einmal Koestler Orwell vor.

Vielleicht sollte man nicht zwischen Feind und Freund sondern öffentlicher und privater Sphäre unterscheiden. Dann wäre ich in persönlichen Belangen nicht unbedingt schonungslos aufrichtig, weil hier eine ganz andere Verletzungsgefahr besteht. Wird gesagt, auch Gruppen, Parteien, Nationen oder Vaterländer könnten einander verletzen (um sich daraufhin gegenseitig totschlagen zu können), fällt das in den Bereich des Zugehörigkeitswahns, den ich hier und dort unter dem Stichwort „Clandenken“ behandele. Der öffentliche Diskurs hat ungeschminkt, sachlich und undemagogisch zu sein – ein Blütentraum.

In jedem Fall bleibt Wahrheit problematisch, da subjektiv. Wir sind Gefangene unserer Wahrnehmung. Nur Nach-zählbares zweifelt niemand an. Es fragt sich auch niemand, wo wir die Unfehlbarkeit des Zählens hernehmen. Ich vermute, sie beruht auf unsrer Einsamkeit. Ich bin ein anderer als Du. Wir sind zwei. Wir sind zwei oder sieben Milliarden Einsame. Das ist die traurige Wahrheit, die Du nachzählen kannst.


Tausendgüldenkraut

Vermutlich kennen Sie das Brennen, Nagen, Flattern, wenn einer unbedingt etwas haben muß, beispielsweise einen Rollkragenpullover. Bei mir liegt das in fernster Beatleszeit. Selbst das Sammeln von Briefmarken, Lieb-schaften, Büchern gab ich vor Jahren auf. Besitz be-schwert. Mit ein paar Notizen über ausgeliehene Bücher gestalten sich Umzüge kinderleicht.

Zum eichernen Bestand in meinem nur schulterhohen verglasten Bücherschrank zählt natürlich Wiecherts Einfaches Leben. Nichts haben zu wollen, sei das Letzte, was man im Leben gewinnen könne, sagt Orla zu der erheblich jüngeren Gutsherrentochter Marianne, die ihn glühend verehrt. Was mich zwischen 5 und 50 allerdings geknechtet hat, war mein Wunsch geistreich zu sein. Als Zehnkämpfer, Dressman oder wie Gunter Sachs mit einer Jacht zu glänzen, kam mir wenig verdienstvoll vor. Geistreich war der häßliche Gnom Lichtenberg, obwohl er keineswegs einen ererbten Witzableiter auf dem Dach hatte. Mühsames Schürfen bringt hier wenig Guthaben, aber viel Anmut ein. Andrerseits kostet einen der Geistreichtum nichts, liegt er doch ausschließlich in der allen zugänglichen Sprache.

Bei unseren Roten Zoren Sahra Wagenknecht und Lucy Redler könnte ein Mißverständnis vorliegen, denn ihre Anmut ist dürftig genug, um auf einem Buchtitelfoto Platz zu haben. Andere wuchern mit den Pfunden, die aus ihrem Bikini quellen. 2006 bin ich in einem Literaturwettbewerb der badischen Stadt Dürkheim mit meinem Essay Öl fürs Herz baden gegangen. Es geht um Hab- und Machtgier, wobei ich mich auf die marxistische Wertkritik stütze. Zur Lektüre im allgemeinen fällt der Satz, womöglich sei sie das einzige, das noch nicht für Geld zu haben ist. Der Satz wurde von den weinseligen Dürkhen, wenn ich so sagen darf, nicht honoriert; 2.500 Euro im Eimer.

2007 ist der Essay in der saarländischen Brücke erschie-nen, die keinen Cent Honorar zahlt, weil ihr Zugpferde wie Wagenknecht und Redler fehlen. Sehr bereichert haben mich kürzlich wahre pinkfarbene Lachen auf einer feuch-ten Waldwiese im Langen Hain: aus Tausendgüldenkraut.



Siehe auch
Bildung in Konräteslust, Kapitel 10, 28 & 29
ABC-Kapitel Abitur
>Erziehung
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