Dienstag, 26. Juni 2012
Gottes Tintenfaß
Enthalten in meinem Stockraus von 2009


Martin Luther wird überschätzt wie jeder Mann, den die maßgeblichen Kapazitäten – darunter Goethe, Stefan Zweig, Thomas Mann – zu einem „großen“ erklären. Über die im 16. Jahrhundert anschwellende humanistische Bewegung hätte uns die Aufklärung auch ohne den verklemmten Mönch aus Thüringen erreicht. Dafür wäre uns vielleicht das ungeheuerliche Gemetzel des 30jährigen Krieges erspart geblieben. Ein skeptischer Wortführer wie Montaigne hätte es niemals angebahnt.

Katholizismus und Protestantismus, Reformation und Gegenreformation zählen zu den klassischen Scheinalter-nativen in einem gegebenen Herrschaftssystem. Schein-alternativen wiederum sind der klassische Nährboden für die Theorie des Kleineren Übels. Kurz gesagt, hat sich die Reformation mit den vier sogenannten Exklusivpartikeln gegen die päpstliche Schule abgegrenzt. Aber wo wäre der wesentliche Unterschied, ob ich beispielsweise nur durch gute Werke oder allein durch die Gnade Gottes errettet werde, wie die Lutheraner behaupteten? Hier kommt man vom Regen in die Traufe, weil die Abhängigkeit von der Gunst eines übermächtigen Wesens nicht weniger übel ist als der Zwang, mir das Seelenheil durch gute Werke zu verdienen. Die richten ja vielleicht sogar ein bißchen Gutes an. Ähnlich ist es Jacke wie Hose, ob ich dem Glauben des Papstes oder des jeweiligen Landesfürsten anzuhängen habe. Grundsätzlich binden uns beide Strategien ans Herrschaftssystem. Andererseits verfahren die Lutheraner geradezu hinterlistig, wenn sie uns als obersten Herrscher „nur“ einen unbelangbaren Gott vorsetzen – statt des Papstes, den wir immerhin mit Eiern bewerfen oder in den Arsch treten könnten. Seit wenigen Jahren wäre es sogar ein deutscher Arsch.

Auch in materieller Hinsicht kamen die kleinen Leute durch die „Reformen“ ihrer protestantischen Fürsten vom Regen in die Traufe. Diese enteigneten den beim Volk verhaßten fetten Klerus und seine mächtigen Klöster mit Handkuß – um sich die beschlagnahmten Schätze und Liegenschaften unter den eigenen Nagel zu reißen. Hier fing bereits jene Zusammenballung von Finanzkraft an, der sich der absolutistische Staat verdankt. Zum Hohn für ihr Nachsehen hatten die (um 1525) geschlagenen aufrührerischen Bauern und Stadtbürger ihren Fürsten auch noch deftige Strafen zu zahlen. In Max von Boehns Kulturgeschichte Die Mode steht die Reformation nicht nur aus diesen handfesten Gründen verdammt faden-scheinig dar. Werkheiligkeit (Ablaß) ersetzte sie durch Buchstabengläubigkeit (Bibel). Das neue Lehrgebäude war noch enger und finsterer als das abgerissene römische. Die Reformation spaltete Deutschland in zwei fanatische Lager und überantwortete es der despotischen Kleinstaaterei. In politischer und organisatorischer Hinsicht war Luther eine Niete. „Ihm galt der Glaube nur als Mittel zur Seligkeit, während er zum Beispiel für Zwingli ein Mittel zur sittlichen Erneuerung des Lebens bedeutete.“ Luther habe es „nie“ mit dem Volke gehalten, dem er doch so begierig aufs Maul geschaut haben soll. Ist auch kaum zu bestreiten, daß sich Luther um die deutsche Sprache verdient machte – ihrer Willfährigkeit entging er nicht. So konnte er fast in einem Atemzug die bäuerlichen Müntzer-Anhänger als mörderische Rotten verleumden und den Herzog von Braunschweig einen Esel aller Esel zu Wolfenbüttel nennen. Nebenbei rüttelt seine angeblich geniale Übersetzung nicht am katastrophalen Inhalt der Bibel. Davon habe ich bereits anderswo gesprochen. Gegen Juden und Türken hetzte Luther nazireif. So fordert er „die Obrigkeit“ laut Hartmut Hohnsbein auf, „dem Türken zu wehren, daß er ..(..).. Mohammed nicht an unseres lieben Herren Jesu Christi Statt setzt. Darum führen wir einen gottseligen Krieg gegen die Türken und sind heilige Christen und sterben selig ...“

So viel zum toleranten und sanftmütigen Zug des Pro-testantismus. In der Türkenfrage irrt sogar Martin Gregor-Dellin, dem wir einen der wenigen Essays verdanken, der Luther in seinem Zwiespalt und mit seinen Fehltritten zeigt. Er zieht ihn auch von den Wolken auf die von Hühnern beschissenen Pflastersteine herab. Der gedrungene dickschädelige Luther litt unter väterlicher Tyrannei nicht weniger wie vermutlich der schmächtige Rudolf Steiner. Auch Kanzler Gerhard Schröder fing dereinst als Rebell an, bevor er die Welt mit der „Enttabuisierung des Militärischen“ beglückte. Luther war unsicher, körperlich zerrüttet, durchängstigt, von seinem Gewissen gemartert, mehrmals für die Klapsmühle reif.

Auf der anderen Seite bewies er Mut und Sinnenfreude. Er konnte poltern wie Ernst Kreuder und grollen wie der Erzengel Michael persönlich. Jene Kapazitäten haben dies alles zu dem legendären Mönchsgelübde im Gewitter vor Erfurt verdichtet, auf daß der kleine Martin nicht ein Mensch wie du und ich gewesen sei.



Zur Thema Kirche siehe auch
Die Kapitel „Kreuzzüge“ und „Kirche“ bei Metaphysik, im Beitrag ab Mitte
>Religion
Hugo Distler
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