Montag, 25. Juni 2012
Schwarze Löcher
oder

Das Metaphysik-Defizit

Umfang 21 Druckseiten. Einige Stücke sind in meinem Stockraus von 2009 enthalten.



Idylle + Kugelblitz + Abel + Wünschelrute + Palästina + Propheten + Kreuzzüge + Glauben + Kirche + Zigeuner-tuch + Urknall + Das Behälterdenken + Unendlichkeit + Ungewißheit



Idylle

Gegend Abend fließt mildes Septemberlicht wie Honig über meine Veranda und schlängelt sich durch die Pflaumen- und Birnbäume des Hintergrunds, ohne auch nur ein Blatt anzurempeln. Ein Zipdöpp dengelt noch. Von hohen Wipfeln jenseits des brachen Puppenfabrikgeländes schnarrt ein Tannenhäher, während der Grünspecht sein unheimliches Gelächter gern im Überflug zur Geltung bringt. Gregors Hühner kann ich von hier aus nicht sehen, doch ich bilde mir ein, sie im Rücken der Hütte scharren zu hören.

Mit wachsender Eindringlichkeit der Idylle wird mir unverhofft recht mulmig im Leibe; sie kippt um, weil sie zu schön ist, um wahr zu sein. Meine Bäume sind mit Lock-früchten ausstaffiert, zwischen denen der Feind mit Elek-troden und Kanülen lauert. Dahinter gähnt ein Schwarzes Loch. Wenn es regelmäßig ganze Sonnen oder gar Sternen-haufen vertilgt – wie könnte ich Staubkorn vor ihm bestehen? Vor sieben Jahren verschlang es sogar die New Yorker Zwillingstürme, obwohl die USA als uneinnehmbar galten. Niemand sah die Türme mehr; keiner ist es gewesen. Marvin Bush aus dem Vorstand der Firma Stratesec, die bis zum Jahr 2000 für die Sicherheit des Objektes zuständig war, vermutet einen verhängnisvollen „black out“ sämtlicher Schutzengel oder wenigstens seines Bruders George W., dem obersten Hüter des Weltfriedens. Ich schäme mich noch heute, erst nach zwei oder drei Tagen geargwöhnt zu haben, westliche Sicherheit stehe und wanke mit der Methode Reichstagsbrand.

Jetzt gilt mir selbst der eingipflige Inselsberg mit seinen 916 Metern nicht mehr als sicher. Das Gerücht, der Waltershäuser Kunstmaler und Wandersmann Friedrich Holbein habe ihn bis zu seinem Ableben 1940 stolze 2.244 mal erklommen, soll nur die Touristen blenden, die Holbeins Wohnhäuschen in der Bornpforte fotografieren. Da steht's auf einer Tafel. Holbeins Nachlaßverwalter Hubert Sömmerda vertraute mir an, gegenwärtig „eine Bombe“ vorzubereiten, „die Legionen von Kunsthisto-rikern in Verlegenheit stürzen“ werde. Holbeins letztes Ölgemälde sei unsichtbar, narre selbst Polizeihundnasen und trage den Titel Schwarzes Loch.

Ich ziehe mich in meine Hütte zurück und versuche es wieder mit dem Studieren. Während die dünnen Seiten von Armin Müllers 1987 geführtem Tagebuch Ich sag dir den Sommer ins Ohr noch nicht einmal wie Schmetter-lingsflügel zittern, befindet sich unser Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von 240 Sekundenkilometern auf seiner 220 Millionen Jahre langen Umkreisung des Milchstraßenzentrums. Das heißt, es rast in einer Sekunde von Berlin nach Hannover. Doch wir merken nichts davon. Irgendetwas scheint die Welt zusammen zu halten, ohne uns mit dieser Anstrengung zu belästigen. Wir können sogar schlafen. Der Gegensatz zwischen Ruhe (Festigkeit) und Bewegung gehört zu den rätselhaften, ja beunru-higenden Grundzügen unserer Existenz. Ob Tagebuch, Tischplatte oder Brustbein: jedes Atom ein Wirbelsturm. Ich fürchte allerdings, die Frage, wodurch denn die Welt „im Innersten“ zusammen gehalten werde, wird auch von einem Prof. Dr. Dr. Doppelfaust nicht zu beantworten sein, solange er in derselben steckt.

Jener Gegensatz macht sich auch in unserem mulmigen Gefühl geltend, als bewußte Wesen zwar an so etwas wie Dauer, Geschichte, Ewigkeit teilzuhaben, aber trotzdem demnächst zu verfaulen. Auf dem Lehrplan der großen Volkshochschule von 1968 standen auch unsere Ängste, die im Kern stets Todesangst sind – und gewiß ein erheblicher Quell menschlicher, vor allem männlicher Aggressivität. Deshalb wäre mit dem Kapitalismus noch lange nicht der Krieg abgeschafft. Das heißt, ein Kampf, der sich vorwiegend um das Milchstraßenzentrum „Soziale Frage“ dreht, wird niemals wirklich revolutionär sein. Er befreit uns nicht von dem Ohnmachtsgefühl und Miß-trauen, hinter dem die angeblichen, überaus gefräßigen „Schwarzen Löcher“ des Universums lauern.

Höhnen Marxisten, bei knurrendem Magen wäre dem indischen Paria das Brausen aus ein paar kosmischen Löchern wurscht, erwidere ich: Und was machen wir, wenn wir ihn satt bekommen haben? Dann fangen die Fragen in ihm zu nagen an, und bedrohliche All-Schwärze senkt sich auf seine dunkle, krause Nase. Diesen Bedro-hungen, wie auch der nahen ökologischen Katastrophe, werden wir nur im gefaßten Gespräch begegnen. Auf dem Lehrplan von 1968 fehlte Metaphysik.


Kugelblitz

Die eindrucksvollsten Gewitter, die ich jemals erlebt habe, toben unweit einer Mühle in Horst Langes Roman Schwarze Weide und in Tschechows Erzählung Steppe. Beim geringsten Gedanken an das letztgenannte Werk setzt der windige Vorbote des Gewitters die Laufdisteln in Gang. Man kennt sie vielleicht aus Italo-Western.

Mein Korbacher Erlebnis von 2002 ist allerdings auch nicht ohne. Ich saß wie jetzt an der Schreibmaschine. Das Gewitter hatte sich unmittelbar über der Altstadt und damit meiner winzigen Kellerwohnung zusammengebraut. Durch die Finsternis krachten die ersten Donnerschläge. Plötzlich sah ich inmitten des Zimmers einen bläulichen Lichtpunkt vibrieren, wobei ein Knistern wie beim Abbrennen einer Wunderkerze zu hören war, nur erheblich kürzer. Gleich darauf krachte es wieder gewaltig. Doch sowohl meine Tischlampe wie mein Lebenslicht waren nicht erloschen.

Die „Blitzesschnelle“ des Vorgangs hatte mir jede Angst erspart. Das wäre ein schöner Tod gewesen. Nach Jule Renards Eintrag vom 8. August 1899 wäre ich sogar ehrenvoll auf dem Schlachtfeld gefallen: des Schreibtischs. Meine Vermieterin hätte meine Manuskripte, einige freundliche Musterbriefe von Verlagen und die sogenannte Rentenerwartung, die mir jährlich von der Bundesversi-cherungsanstalt unterbreitet wird, in die Altpapiertonne verfrachtet, damit nichts von mir verloren geht.

Brockhaus zufolge bin ich in Korbach einem Kugelblitz begegnet. Kugelblitze seien schon in etlichen Farben und in Größen zwischen Clementine und Kohlkopf beobachtet worden. Verschwänden sie nicht geräuschlos, könnten sie mit lautem Knall explodieren, ohne jedoch beträchtlichen Schaden anzurichten. Eine unstrittige Erklärung dieses Phänomens stehe noch aus.

Bedenken Sie allerdings, daß der Frühmensch überhaupt keine Erklärung solcher gewaltigen Wettererscheinungen besaß, ob die Blitze nun die Brandenhochburg der Renten-räuberInnen zu spalten suchten oder wie tobsüchtige Schildkröteneier durchs Neandertal schossen. Es konnte sich nur um ein auf ihn gemünztes Strafgericht handeln. Schlauberger Kain lenkte es mit Hilfe seiner Bronzeaxt kurzerhand auf Abel ab.


Abel

Der zweite Sohn unser aller Stammeltern Adam und Eva erlangte vor allem als Mordopfer seines Bruders Kain Bekanntheit. Laut Altem Testament hatte Schäfer Abel den Neid und Zorn seines älteren Bruders erregt. Wodurch? Am „Erstgeburtsrecht“ konnte es jedenfalls nicht liegen.

Kain war übrigens Landwirt. Beide waren also Männer, dazu erfolgreiche Unternehmer. Doch sie waren nicht gleichberechtigt. Gott Mammon, dem sie wegen ihres Er-folges Dankopfer darbringen, verschmäht die Gabe Kains. So darf sich Kain zurückgesetzt, ungerecht behandelt, verhöhnt genug fühlen, um seinen Bruder Abel zu erschlagen. Denn an Gott selber war er naturgemäß nicht herangekommen – der war zu allmächtig. Er mußte ersatzweise Abel an den Kragen gehen. Kurz und schlecht, solange wir an Gottes Allmacht glauben, zwingt uns der Vorfall zu der Folgerung, Gott selber als Oberverbrecher und Vater allen Geschwisterkampfes und Krieges anzusehen.

Erklären wir den Vorfall dagegen menschlich oder genauer männlich, muß Kain unter dem Wahlspruch gestanden haben: ich dulde keinen anderen Erfolg neben mir. Mein Erfolg soll so einzig sein wie ich selber einzigartig bin. Hier hätte Canetti beigepflichtet, der den Drang zum ausnahms-losen Überleben für die wichtigste Triebfeder zumindest aller MachthaberInnen hält. Allerdings verleitet diese verengte Sicht dazu, die Vorherrschaft menschlicher, dabei vor allem männlicher Aggressivität für „natürlich“, wenn schon nicht gottgegeben zu halten. Diesem Irrglauben traten beispielsweise der US-Anthropologe Peter Farb in seinem ausgezeichneten Werk Die Indianer (deutsch 1988) und Jost Herbig in einigen gut geschriebenen Büchern entgegen. Er beruht auf der Voreingenommenheit wahrer Rudel „zivilisierter“ Wissenschaftler, die fanden, was sie zu finden wünschten: eine Rechtfertigung kapitalistischen Konkurrenzkampfes und imperialistischer Kriege. Farb jedoch macht die meisten friedlichen Völker unter den sogenannten primitiven aus. Herbig zeigt, daß ein sozialverträgliches Miteinander unsrer in zerstreuten Gruppen um 25 Personen lebenden frühen Vorfahren so wahrscheinlich wie vorteilhaft gewesen sein dürfte. Hätten diese frühen Jäger und Sammler, die alles andere als Raubtiere gewesen seien, ihre Ausbeute nicht geteilt und nicht Verständigung und Bündnis mit benachbarten oder umherstreifenden Gruppen gesucht, hätten sie nur zu ihrer eigenen Ausrottung beigetragen.

Gottes „auserwähltes Volk“ Israel ging später einen anderen Weg. Selbst äußerst verlustreiche Qualen um 1940 konnten es nicht davon abbringen, im „Gelobten Land“ wieder den Kain zu geben. Dafür spaltete sich der palästi-nensische Abel, von Dollarspritzen kräftig angestachelt, in Fatah und Hamas, um nicht auf den Bruderkampf verzichten zu müssen.


Wünschelrute

Aufgeklärten Menschen bereiten Kanzeln, Kirchtürme und fast ebenso lange Orgelpfeifen Unbehagen. Das Empore liegt ihnen nicht. Wollen sie trotzdem nicht auf erhebende Gefühle verzichten, wenden sie sich dem weiten Feld des Spirituellen zu, das nahezu jeden Geschmack bedient – vom wurmfreien Radieschen über Kunstpäpste bis zu einer Schwitzhütte, wo ihnen der Rest an Grips aus den Schädel-poren tritt. Es trägt die rund 150köpfige Lebensgemein-schaft Tamera in Südportugal so gut wie die Radialfelder des Berliner Kosmologen Jochen Kirchhoff oder rund 1.000 Waldorfschulen allein auf unserem Planeten. Man quert es mit nackten Schamanenfüßen oder im biederen geomantischen Wanderschuh.

Auf einer Exkursion zur nahen Leinaquelle, zu der mich Mitkommunardin Iris in Hexenmetern überredet hatte, konnte ich mich eigenhändig davon überzeugen: die Wünschelruten der GeomantikerInnen funktionieren. Zunächst mußte ich allerdings Enttäuschung verkraften, weil die kursierenden Wünschelruten nur entfernt an den „zweizinkigen Stab“ oder gegabelten Stock erinnerten, mit dessen Hilfe der Hufschmied und Landwirt Samuel Hamilton (in Steinbecks Jenseits von Eden) Wasser auf kalifornischem Farmland zu finden pflegt. Der Stock ist oft aus Haselnuß. Sam hielt ihn an den Zinken von sich gestreckt, bis er nach unten ausschlug.

Im Thüringer Wald bedient man sich heutzutage zweier schnöder kupferfarbiger Schweißdrähte. Hinten abge-knickt, lassen sie sich in die Ösen unsrer gelockerten Fäuste stecken, um unsere ausgestreckten Arme zu verlängern. Sind wir – nach E. G. Seeligers Handbuch des Schwindels von 1922 – „unversperrt“, fangen sie bald zu zittern, hüpfen, schwenken an; sie pendeln sich auf irgendeinen Kraftstrom ein, der gerade den Feldweg oder eine Baumwurzel quert. Insofern entbehrt das Spirituelle keineswegs jeder Grundlage.

Ohne ein Quentchen Begabung kann freilich der dümmste Bauer nicht eine Kartoffel ausgraben. Iris versagte! Die arme Hexe war für die Kraftströme ihrer Mutter Erde nicht empfänglich. Da sie betreten wie ein Mauerblümchen wirkte, verlieh ich ihr neuen Schwung, indem ich Wem Gott will rechte Gunst erweisen pfiff.


Palästina

Es ist ein herrliches Land, nach vorherrschender Meinung für die Gründung und beständige Ausweitung eines jüdischen Staates wie geschaffen! Sollte Brockhaus die Welt nicht nur entstellen, müssen wir allerdings darauf hinweisen, daß dieser karge Landstrich an der östlichen Mittelmeerküste ursprünglich von Semiten bevölkert worden ist, die wahrscheinlich um 3.000 v. Chr. von der arabischen Halbinsel herkamen. Jedenfalls dominierten unter ihnen Araber. Demnach wären heutige Schmäher-Innen arabischer BewohnerInnen Palästinas üble Antisemiten?

Nach Brockhaus handelte es sich bei jenen einwandernden Semiten um ein kunterbuntes Völker- und Religionenge-misch, vom „niedersten“ Polydämonismus „vorislami-scher“ Araber bis hin zum „hochentwickelten“ israelitisch-jüdischen Monotheismus. Bekanntlich setzten sich zu Zeiten des Alten Testamentes (bis zur Geburt des Hei-lands) die Hochentwickelten durch: mit Feuer und Schwert. Das scheint sie derart geprägt zu haben, daß sie trotz zahlreicher geschichtlicher Rückschläge, Verstreu-ungen und grausamer Verfolgungen nicht mehr von der imperialistischen Keule lassen können, die sie seit Jahr-zehnten – seit der Vertreibung von 700.000 Palästi-nensern aus ihren angestammten Gebieten – im ganzen Nahen Osten schwingen.

Anläßlich des jüngsten brutalen Überfalls der Israelis auf den Gazastreifen an der Jahreswende 2008/09 nannte Mamdouh Habashi vom Arabisch-Afrikanischen Forschungszentrum in Kairo das vielgehörte und ständig nachgeplapperte Argument, die Staatsgründung Israels verdanke sich den unermeßlichen Leiden unter dem deutschen Faschismus, ein Märchen. Genauso gut hätten beispielsweise die nach Amerika verschleppten Neger-sklaven aus ihrer Entrechtung ein Recht auf Staatsgrün-dung ableiten können – taten sie aber bekanntlich nicht. Dabei seien sie ohne Zweifel homogener als „die“ Juden gewesen. „Anfang des 20. Jahrhunderts, waren da die Jüdinnen und Juden ein Volk? Eine Nation? Oder eine Religionsgemeinschaft?“ Victor Klemperer (ein Jude) wies schon 1947, in seinem Buch LTI, auf die Wahnidee vom „jüdischen Volk“ hin, die Theodor Herzl nie überzeugend habe begründen können. Aber Herzl verfolgte sie mit sehr ähnlichem Fanatismus wie Hitler, der die Wahnidee von der deutschen Auserwähltheit bevorzugte. Dabei war ihnen beiden jedes Mittel recht.

In seinem 2010 auf deutsch erschienen Buch Die Erfin-dung des jüdischen Volkes weist auch Shlomo Sand, ein in Tel Aviv lehrender Historiker, den „Gründungsmythos“ des Staates Israel zurück. Dem Althistoriker Klaus Bringmann zufolge (Süddeutsche Zeitung vom 4. April 2010) kommt Sand zum Ergebnis, der zionistische Nationalismus entspringe der gleichen historischen Epoche wie die europäischen Nationalismen und habe sich also auch in einer ähnlichen Mischung aus mythischen, historischen und biologistischen Motiven herausgebildet. Wenn er sich auf die jüdischen Stammväter berufe, folge er dem Muster, das auch deutsche Mythen um die Germania oder Hermann dem Cherusker zeigten. Plausibel findet Bringmann zudem Sands These, die Mehrheit der osteuropäischen Juden stamme in ethnischer Hinsicht vom Turkvolk der Chasaren ab, die im achten Jahrhundert geschlossen zum Judentum übergetreten seien. Bring-mann bescheinigt dem Buch, „radikal, kenntnisreich und mit großem Mut“ geschrieben zu sein.

In dieselbe Kerbe schlägt der Araber Habashi. Er ver-sichert, für die bereits 60 Jahre alte grausame Groteske in Palästina werde es mit dem Zionismus auch in 600 Jahren keine Lösung geben. Dieser Zionismus sei schon lange vor der Staatsgründung 1948 und auch des Wirkens von Herzl ein kolonialistisches Projekt gewesen, und zwar zunächst vom Britischen Imperium. Dieses sah um 1840 besorgt die Erstarkung Ägyptens unter Mohamed Ali. Außenminister Palmerstone forderte deshalb seinen Botschafter in Istanbul wiederholt dazu auf, dem ottomanischen Sultan die Immigration der Juden nach Palästina vorzuschlagen. „Die Juden würden eine Menschenmauer gegen Mohamed Ali oder seine Nachfolger bilden, die zukünftig solche bösen Vorhaben zu verhindern wissen“, schwärmte der britische Wüstenfuchs. Nach Alfred Norden wird dieser Befund 1967 auch von Anthony Nutting in seinem Buch Die Suezverschwörung 1956 erhärtet. Nutting war damals wie vor ihm Palmerstone britischer Außenminister. Die Briten hätten Israel keineswegs „als Heimstätte und Zukunft für die leidende und verfolgte jüdische Nation gegründet, sondern als Brückenkopf für einen erneuten Vorstoß des Westens in den arabischen Raum sowie als Militärbasis zur Verfolgung westlicher 'imperialistischer' Ziele“, räumt Nutting offenherzig ein.

Heute stemmt sich eben ein paar Nummern größer die von Habashi so genannte „Triade“ USA/EU/Japan gegen „das Böse“, wobei sie ihre hochaufgerüsteten, mit Atomwaffen gesegneten israelischen Vasallen bekanntlich nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Beton mauern läßt. Aller-dings war auch damals schon die CIA im Spiel, wie bei Tim Weiner (2007) zu lesen ist. Der ägyptische Staatschef Nasser zählt zu den Legionen von Häuptlingen, die von der Westlichen Tauschwertgemeinschaft aufgepäppelt – und früher oder später als Kinderschreck hingestellt und entsprechend gejagt werden. Nasser hatte um 1956 von der USA auf die SU umgesattelt, weil ihm die Waffen aus Washington zu spärlich gen Nil flossen. Er hatte sogar den Suez-Kanal verstaatlicht, was die Freie Welt der Kolonisa-toren unerhört fand. Die Umsturz- und Mordpläne gegen Nasser wurden von London und Washington gemeinsam ausgeheckt. Wie sich versteht, war auch Tel Aviv mit von der Partie, das 11 Jahre später den sagenumwobenen Sechstagekrieg gegen Ägypten vom Zaun brach.

Bei dem jüngsten Waffengang Israels hat sich Außenmi-nisterin Tzipi Livni als bemerkenswerte Scharfmacherin erwiesen. Gutes Rüstzeug bekam sie zuvor während einer vierjährigen Tätigkeit für den berüchtigten Geheimdienst Mossad. Zwar ist sie Mutter zweier Kinder, Tierschützerin und Vegetarierin, aber das ist natürlich ihre Privatsache. Der Gazastreifen mit den blutenden, heulenden und getöteten palästinensischen Kindern ist ihre Amtssache. Über 400 tote Kinder stehen in der Bilanz des jüngsten 20tägigen Waffengangs. Es ging mir schon bei der US-Außenministerin Albright (unter Clinton) nicht in den Kopf, wie sich Frauen zu solchen Schwerverbrechen wie der Blockade und dem Überfall eines Landes (damals Irak) hergeben können. Doch spätestens mit Julia Timoschenko, der steinreichen und eisenharten ukrainischen Minister-präsidentin, Condoleezza Rice und jetzt Hillary Clinton auf dem US-Außenministersessel ging mir auf, auch hier – ich spiele auf Schröders „Enttabuisierung des Militärischen“ an – vor der Vollendung der Aufklärung und der 68er Revolte zu stehen. Eva ist ihren Apfel losgeworden und hat endlich eine Eierhandgranate dafür empfangen.

Gott sei Dank gibt es auch unter unseren emanzipierten Frauen löbliche Ausnahmen. Rufen Menschen angesichts der jahrelangen todbringenden Blockade des Gazastreifens durch Israel (und die EU) zum Boykott israelischer Exportwaren auf, ziehen sie sich in Deutschland unweiger-lich den beliebten Antisemitismus-Vorwurf auf den Hals – warum sie nicht gleich Kauft nicht bei Juden! schrien. Im Februar 2009 zu dieser Niederträchtigkeit von der Jungen Welt befragt, verwahrte sich die jüdische Publizistin Evelyn Hecht-Galinski gegen die Zusammenrührung von Antisemitismus und Kritik an Israel. Ein Boykott israe-lischer Exportwaren sei selbstverständlich angebracht, solange Israel fremde Gebiete besetzt halte und zum Teil besiedele, UN-Beschlüsse mißachte und immer wieder Kriege gegen das palästinensische Volk anzettele. Der Begriff des Antisemitismus sei inzwischen durch geradezu inflationären Gebrauch derart entwertet, daß sich die wahren Antisemiten (auf neofaschistischer Seite) nur ins Fäustchen lachen könnten. Parallel dazu sei der deutsche Zentralrat der Juden – dem einst ihr Vater Heinz Galinski vorsaß – zum Sprachrohr der israelischen Regierung verkommen. „Seine heutige Präsidentin, Charlotte Knobloch, befindet sich nach eigenen Worten geistig schon seit langem in Israel. Sie sollte auch ihren Körper dorthin transferieren.“

Ich empfehle außerdem diesen Artikel Mohssen Massarrats aus Ossietzky 14/2012. Die unablässig beschworene „Bedrohtheit von Israels Existenz“ wird darin als ein „Popanz“ entlarvt, an welchem „Tel Aviv, Washington und Berlin“ seit Jahrzehnten „mit großem propa-gandistischem Aufwand“ bauen. So darf der Popanz nun auch in von Berlin gelieferten U-Booten thronen, die er nur zu gern mit seinen als Fata Morganen getarnten Atomwaffen bestückt.


Propheten

Wie der Volksmund im Sauerland sagt, hat Einbildungs-kraft auch ihren Saft. Davon leben die Propheten. Nachbar A hört von Nachbar C, B – mit dem A noch am Wochen-ende Schach spielte – sei von einer ansteckenden Augenentzündung befallen worden; schon beginnt A's Augenlid zu prickeln. Durch sein besorgtes Hinstarren wird es natürlich nicht besser; nach einer Stunde brennt und flattert es bereits. Wer Wind sät, erntet Sturm.

Auch in Handwerksbetrieben herrscht ein rauhes Klima. Unser polnischstämmiger Stift J. wirkte anfänglich etwas tapsig und begriffsstutzig. Prompt trat „michjogi“ (miś heißt Bär) von einer Falle in die andere, weil alle Beteiligten eben dies erwarteten. Um nicht grundlos zu bleiben, sucht sich die Befürchtung ihre Legitimation. Als J's Bären-Naturell nach einem Jahr gründlich ruiniert war, ging er. Etwas Vertrauensvorschuß, und er wäre – nach seiner Begabung – ein ausgezeichneter Polsterer geworden. Nur hätte das meine hellsichtigen Mitgesellen beschämt, die ihn ja für eine Flasche hielten. In diesem Fall hätten sie nicht recht behalten. Sie sorgten deshalb für ihr Recht.

Der Verweis auf die Annehmlichkeit, immer einen noch Dümmeren unter sich zu haben und ihn schikanieren zu können, genügt also nicht. Wir berühren hier den häßlichsten Zug des Propheten. Sagt er ein Übel voraus, muß er es auch wollen, weil er andererseits sein Gesicht verlöre, womöglich auch viel Geld. Also beschwört er es. Die Schilys und Schäubles malen den Terroranschlag an die Wand, bis die Rakete gehorsam oder wutentbrannt hineinkracht. Allerdings liegt es nahe, der eigenen Überzeugungskraft und unserem Glauben durch geeignete Maßnahmen ein wenig nachzuhelfen, sofern es sich nicht gerade um Sintfluten oder Dürren handelt. Dann werden Temperaturkurven von Meßstationen am Institutscom-puter gefälscht, während verkleidete CIA-Agentinnen in Persien statt Wäsche die Baupläne für die Bombe aufhängen.


Kreuzzüge

In seinem um 1930 entstandenen Mann ohne Eigen-schaften nennt Musil die Teilung des moralischen Bewußtseins, also die Doppelmoral, die fürchterlichste Erscheinung des heutigen Lebens. Vermutlich hat sie sich in den folgenden 75 Jahren nicht abgeschwächt. 2006 verbrennt sich Pfarrer Roland Weißelberg im Hof des Erfurter Augustinerklosters, um ein Fanal gegen die drohende Islamisierung der Welt zu setzen. Die journa-listischen Schlagzeilenwächter geben sich „fassungslos“. Fanatismus ist ihnen völlig fremd. Von Kreuzzügen gen Bosperus und Bagdad – für Hartwig Hohnsbein von den „ersten Europaarmeen“ veranstaltet – haben sie noch niemals etwas gehört. Oder von auf Scheiterhaufen gegrillten Hexen oder gottlosen Indianerstämmen, die jäh aus guten Jagdgründen verschwanden, als es Europa in die unberührte Natur hinauszog.

Auch für einen 40jährigen schwäbisch-türkischen Er-werbslosen aus Waghäusel haben sie wenig Verständnis. Er übergoß sich im selben Frühjahr in der „Arbeitsagen-tur“ mit Benzin und drohte mit Schlimmerem, weil er sich ungerecht behandelt sah. Da die Büros naturgemäß von Agenten wimmelten, konnte er überwältigt werden. Jetzt sieht der Türke der Gerechtigkeit entgegen; er wird belangt. Hat er dereinst seine Geldstrafe beglichen, kann die sanktionsweise Kürzung seiner Hartz-IV-Bezüge wieder erwogen werden.

Ob Pfarrer W. im Überlebensfalle Besuch vom Erfurter Staatsanwalt bekommen hätte, darf bezweifelt werden. Nicht wegen des Vorsatzes zum Freitod, den verbietet nur Gott. Sondern wegen Nötigung sowie des Herbeiführens einer Brandgefahr a lá Waghäusel. Schließlich hätten sämtliche Ministerien der Landeshauptstadt zunichte werden können, vom Erfurter Dom ganz zu schweigen. Neben einer Kopie des nie gekündigten Konkordats zwischen Hitler und dem Vatikan dürften auch noch Überbleibsel der erwähnten Kreuzzüge zum Domschatz zählen. Brockhaus versteckt die gewaltige Beute in dem eleganten Resümee, obwohl in politischer Hinsicht ein Mißerfolg, hätten die zwischen 1100 und 1300 durchge-führten sieben Kreuzzüge (mit ihren „Hunderttausenden“ an Toten) gleichwohl die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Abendlandes gefördert. Eben! Sie haben den Umsatz gesteigert und die Doppelmoral vervierfacht.

Unverbrämter äußert sich Montesquieu. Zur Verheißung Papst Urban II., jedem Kreuzzugsteilnehmer würden die Sünden der Vergangenheit vergeben, führt Wolf Schneider die Bemerkung des aufklärerischen Barons an, damit habe Urban jenen Rittern, die den Krieg liebten und zahlreiche Untaten zu sühnen hatten, de facto vorgeschlagen, „ihre Sünden mit ihrer Lieblingsbeschäftigung abzubüßen“. Wenigstens konnte sich auch der Humor entwickeln, während die „Befreiung des Heiligen Landes“ Palästina in der Tat mißlang. Da bedurfte es noch der Hetze Luthers gegen die Türkengefahr und der Entschlossenheit des Zionismus, sich für die deutschen Konzentrationslager an den Muslimen zu rächen.

Unzählige hübsche Anekdoten über Doppelmoral oder Doppelzüngigkeit finden sich, naturgemäß, in Tim Weiners 2007 veröffentlichter CIA-Geschichte. Ich beschränke mich darauf, J. F. Kennedy am Friedensengelshaar zu zupfen. Im November 1961 verkündete der „charisma-tische“ US-Präsident in einem Interview mit der sowje-tischen Iswestija, die USA unterstützten den Gedanken, jedes Volk müsse das Recht haben, „die Regierungsform frei zu wählen, die es für richtig hält.“ Unterdessen zermarterten sich die CIA-Chefs bereits ihre Hirne darüber, wie Cheddi Jagan ein Bein gestellt werden könne – dem gewählten Premierminister Britisch-Guyanas. „Am 15. August 1962 beschlossen Präsident Kennedy, McCone sowie der nationale Sicherheitsberater McGeorge Bundy“, es sei nun an der Zeit, die Sache zu einer Entscheidung zu bringen. „Kennedy initiierte eine mit zwei Millionen Dollar ausgestattete Kampagne, mit deren Hilfe Jagan schließlich aus dem Amt gejagt wurde.“

Da haben wir über die zäh verfolgten Mordpläne gegen Fidel Castro noch gar kein Wort verloren. Nach Weiner wurden sie vom eisenharten Justizminister Robert Kennedy „persönlich geleitet“. Und was war noch gleich mit den atomar bestückten Raketen, die die Sowjets plötzlich (1962) auf Kuba zu stationieren gedachten? Für das Empfinden der Kennedy-Administration hatten sie mit den atomar bestückten Raketen, die sie selber zuvor in der Türkei stationiert hatte, nicht das geringste zu tun. So machte man es jedenfalls der Weltöffentlichkeit weis – und sonnte sich, nach Beilegung der Krise, in der Heldentat, die Welt vor einem sowjetisch angezettelten Atomkrieg bewahrt zu haben.


Glauben

Da jeder Tyrann wie jedermann ungefähr einmal täglich ein paar Stunden Schlaf braucht, könnte er mühelos von jedem erschlagen werden, dem seine Herrschaft nicht paßt. Aber es geschieht nicht.

Der Hinweis, er habe sich eben hinter loyalen Leibwäch-tern oder ganzen Heeren verschanzt, lockt natürlich sofort die Frage nach deren befremdlicher Botmäßigkeit hervor, kann er sie doch allein mit nur einer Zahnbürste weder zum Gehorsam noch zur Liebe zwingen. Auch die Antwort, er habe sie mit Rolex-Armbanduhren oder der Anwart-schaft auf eine Abgeordnetenpension bestochen, greift zu kurz. Sie wären dann immer noch blöd genug, sich mit Hilfe ihrer Hämmer, Sicheln und Mittelstreckenraketen nicht an seine Stelle zu setzen, um nun ihrerseits mit Parker-Füllfederhaltern, Lehrstühlen, Bundesneben-verdienstkreuzen (Dietrich Kittner) zu winken.

Und in der Tat, sie sind so blöd. Sie glauben an den Tyrannen. Sie spüren, er ist ihnen überlegen; sie selbst kämen an seiner Stelle zu leicht unter die Räder. Sie glauben an seine Hemmungslosigkeit, Ausstrahlung, Linie. Da in fortschrittlichen Systemen immer nur eine Linie richtig sein kann (sonst wären es Parallelen oder gar Alternativen), sind sie seiner Linie, etwa der Privatisierung der Bundesbahn, treu bis in den Tod. Alle nennenswerten Schlächtereien der Weltgeschichte wurden für Ideen verübt. Dabei braucht es zur Entfachung von „Kollektiv-psychosen“ (Victor Serge) keineswegs des offiziellen Kriegszustandes; ein McCarthy, eine Birthler, ein bekehrter Raucher genügen. Die Begierde der Menschen, an etwas Richtiges, Großes, Wichtiges zu glauben, ist unersättlich wie ein Schwarzes Loch.


Kirche

Ist er in Form, schlägt Gott durchaus gezielt zu. 2007 verordnete er Südperu ein Erdbeben, das die Stadt Pisco überwiegend, die Kirche San Clemente vollständig zer-trümmerte. Laut Feuerwehrchef Jorge Vera kamen von 300 Gottesdienstbesuchern 140 um. Wahrscheinlich waren das die SünderInnen, womit die anderen wenigstens in der Mehrheit gewesen wären.

Gottes Neigung zum Zynismus ist größer als der gewöhn-liche Sterbliche denkt. So hatte er die Juden Gothas dazu verführt, ihre Synagoge ausgerechnet in der Hohenlohe-straße zu errichten. Sie brannte dann ab. In den christ-lichen Kirchen Gothas und des gesamten „Dritten Reiches“ wurden derweilen emsig „Ariernachweise“ ausgestellt. Wer keinen ergattern konnte, hatte Pech. Jedes ausgestellte Dokument brachte der Kirche eine Reichsmark ein – bis Anfang 1936 immerhin schon 10 Millionen. Was die Kirche bereits früher aus Byzanz, Rom, Tenochtitlán zog, geht natürlich auf keine Kuhhaut. Jene Fata Morgana, die uns Marxisten als ursprüngliche Akkumulation des Kapitals vorzugaukeln suchen, wäre ohne den Freibrief der Kirche niemals Realität geworden. Musketen, Bordkanonen, Webstühle wurden gesegnet. Da fügte sich der „Hitler-Pius-Pakt“ (Reichskonkordat Juli 1933) nahtlos ein.

Den „Anschluß“ Österreichs begrüßten beide Kirchen. Die Deutsche Evangelische Kirche erklärte am 10. April 1938: „Wir haben wieder ein Großreich der Deutschen; wir haben einen deutschen Führer, zu dessen Werk sich Gott der Herr selbst durch seinen Segen bekennt und das gesamte deutsche Volk sich durch sein Ja bekennen wird.“ Pater Dr. Brettle, Herausgeber der Wiener Katholischen Aktion, versichert erfreut, Hitler habe endlich die leidige „Judenfrage“ gelöst – „zwar radikal und umfassend, aber endgültig, human und befriedigend für beide Teile, für Arier und für Juden.“ Laut Günther Schwarbergs Buch* über den Wiener Schlagertexter Fritz Löhner-Beda hat diese Lösung allein im damaligen Österreich zur Verhaftung von 6.000 Menschen geführt, von denen viele gequält und ermordet wurden. Kaum war der Faschismus zusammengebrochen, knüpften zahlreiche Kirchenfürsten (beider Konfessionen) an die Tradition der Ariernachweise an, indem sie nun geplagten „verfolgten“ Nazis zu Persilscheinen und falschen Pässen verhalfen, wie der Journalist Ernst Klee 1991 im gleichnamigen Buch enthüllt hat. Einer dieser ranghohen Obrigkeitsknechte, von 1929 bis 1948 Bischof der württembergischen Evangelischen Landeskirche, hieß ausgerechnet Theophil Wurm.

Die vielbeweihräucherte „Trennung von Staat und Kirche“ stand schon in Weimarer Zeiten nur auf dem Papier – und mit Artikel 140 unseres Grundgesetzes ist es auch dabei geblieben. Der Staat treibt der Kirche die Steuern ein und wirft ihr zusätzlich Subventionen in den Rachen, die vermutlich mehrere Andenvölker ernähren könnten. Nach Carsten Frerk und Hartwig Hohnsbein handelt es sich um mindestens 20 Milliarden Euro im Jahr. Sie schmieren eine gewaltige Liegenschafts- und Arbeitsplatzmaschine-rie, MilitärseelsorgerInnen in Afghanistan eingeschlossen. Zum Neid mancher Mafiabosse wäscht sie das Geld ganz legal.

Um die Anmaßung voll zu machen, wallen des sonntags 7 bis 27 Gläubige in Gottes Opernhaus, während die Glocken den Inselsberg erbeben lassen. Gießt sie ruhig in Pflug-scharen um.

* Dein ist mein ganzes Herz, Göttingen 2000, S. 107, zur Kirche S. 118–20


Zigeunertuch

An einem schönen Sommertag vor rund 10 Jahren zeigte mir Maren die linke Rheinseite bei Eich, wo sie aufgewach-sen war. Der kleine Ort liegt zwischen Guntersblum und Worms. Da die dortige Bahnstrecke, Altrheinbahn genannt, bereits in Marens Kindheit erdrosselt worden war (um 1970), hievten wir unsere Räder aus dem ähnlich alten VW-Bus ihrer Kommune. Es war unser erster gemeinsa-mer Radausflug. In einem Auwald machten wir Rast auf einer Lichtung. Maren breitete ihr „Zigeunertuch“ als Decke im Gras aus; dann rückten wir unserem Picknick-korb zu Leibe. Aber ich hatte nur Augen für Maren, das schwarze Teufelchen. Wahrscheinlich hätte ich statt Tomaten auch Snookerkugeln zermalmt, ohne es zu merken. Wir waren frisch verliebt.

Plötzlich verscheuchte sie meinen gebannten, aufdring-lichen Blick mit dem Handrücken und deutete belustigt auf unsere an die Bäume gelehnten Fahrräder. Dort tummel-ten sich mindestens vier oder fünf große goldgelb gefärbte und schwarz gesprenkelte Schmetterlinge, die ich als Kaisermäntel kannte. Ich sagte es Maren. Neu war mir allerdings das merkwürdige Verhalten dieser Perlmutt-falter, hartnäckig die Blinker aus Plastik anzufliegen, die zwischen den Speichen unserer Räder klemmten. Dieser gleichfalls zweiflügelige Zubehör war kaum weniger gold-gelb wie die Kaisermäntel gefärbt und blinkte entspre-chend verlockend oder aufreizend in der Sonne. Da wurde mir klar, daß die Falter in unseren Blinkern Nebenbuhler oder Liebesbeute sahen. „Die Paarung wird ihnen nicht leichtfallen“, sagte ich lauernd zu Maren, während mein Blick über ihren wenig verhüllten, ziemlich üppigen Busen glitt. „Sie sollten sich lieber auf deine Knospen setzen ..!“

Maren meinte, das sei ein hübscher Gedanke. Aber dann fuhr sie betrübt fort, sie fände ihre Brüste zu dick. Darauf zeigte ich ihr einen Vogel und erkundigte mich, ob sie lieber flachbrüstig wie die Wesermarsch wäre; dort hatte sie erst vor wenigen Wochen ein Kommunetreffen auf dem Hof Land unter besucht. Nein, „sowas dazwischen“ hätte sie gern gehabt. „Nun gut“, knurrte ich und griff nach dem Messer, mit dem sie die Gurke abgesäbelt hatte, „ich kann ja die Hälfte abnehmen.“ Daraus entspann sich eine Art Handgemenge, durch das uns gottseidank zwar kein gemeinsames Kind, mir jedoch wenig später das Zwerglied Wär ich ein Schmetterling geboren wurde. Insofern war der Ausflug fruchtbar.

Mit dem „Zigeunertuch“, auf dem sich jenes Handgemenge abspielte, hatte es gleichfalls eine etwas ungewöhnliche Bewandtnis. In den Adern der impulsiven Maren kreiste auch ein Schuß Romablut. Zum 30. Geburtstag hatten ihr entfernte Verwandte aus Rumänien dieses handgewebte, mit Perlen besetzte bunte Tuch geschickt, das sie in der Folge fast überallhin mitnahm und wie ihren Augapfel hütete. Als ich Maren in einer Weinheimer Kneipe kennenlernte, lag das Zigeunertuch zusammengefaltet neben ihr auf einem Barhocker – und zwar so einladend, daß ich sie fragte, ob ich für einen Moment darauf Platz nehmen dürfe. Ihr kleiner Schrecken deutet bereits auf die Weihe des Tuches. Sie nahm es vom Hocker und erklärte mir, es wäre ein Sakrileg, wenn sie diesem Wunsch eines wildfremden Mannes entspräche. Also nahm ich unge-polstert Platz, womit der Anbändelei nichts mehr im Wege stand.

Rund eine Woche später hatten wir die Idee, mit Hilfe des „magischen“ Zigeunertuches ganz unregelmäßig kleine private Gedenkfeiern abzuhalten. Denn von all den vielen offiziellen hielten wir beide wenig, obwohl Maren einer Landkommune angehörte, in der sich die Feste fast überschlugen. Wir beließen es bei drei Minuten. So konnte es vorkommen, daß wir im Garten der Kommune, auf meinem Weinheimer Balkon oder eben mitten im Wald saßen und plötzlich beschlossen, zum Beispiel drei Schweigeminuten für die hinterhältig ausgerotteten IndianerInnen, für einen von Neonazis erschlagenen Obdachlosen oder für schwarze US-Häftlinge wie Mumia Abu-Jamal einzulegen, denen seit vielen Jahren die Giftspritze drohte. Zu diesem Zwecke hatten wir uns von Angesicht zu Angesicht zu setzen, jedoch die Augen zu schließen. Das bunte Tuch lag auf unseren Knien – als einzige Brücke. Berühren durften wir uns nicht. Schließlich galt unsere Konzentration Dritten.

Ob unser selbstgeschneidertes Ritual mit dazu beitrug, Abu-Jamals Leben bis zur Stunde dieser Berichterstattung (Herbst 2010) zu verlängern, wage ich nicht zu entschei-den. Dagegen muß man klar sagen: vor unserer Liebschaft versagte die Magie. Sie währte keine drei Monate.


Urknall

Es handelt sich um ein kosmisches Phänomen, das vor rund 50 Jahren – als ich in Physik zwangsunterrichtet wurde – lediglich eine Theorie war, und zwar eine unter vielen Theorien. Heute gilt dieses Phänomen in zahlrei-chen Nachschlagewerken, Zeitungsartikeln und Schulauf-sätzen bereits als Tatsache. Die versteckte Bremse im „Urknall“-Eintrag der Brockhaus-Enzyklopädie, die von einem „akzeptierten Standardmodell“ spricht (Band 22 von 1993), hat da wenig bewirkt. Im angeblich kritischen Online-Blatt Telepolis leitet Andrea Naica-Loebell (am 21. Oktober 2010) einen Artikel über jüngste Entdeckungen des Weltraumteleskops Hubble mit der dummdreisten Feststellung ein: „Im Anfang war das Nichts. Alles begann vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren mit dem BigBang, dem mächtigen Urknall, aus dem heraus sich das Univer-sum selbst entfaltete und ausdehnte.“ Das überbietet die Autorin gleich noch durch den eingeklammerten Hinweis auf einen früheren Artikel mit der Überschrift „Das Universum braucht keinen Gott“. Sie kennt die Bedürf-nisse des Universums besser als ihre eigenen. Das Univer-sum begnügt sich mit dem Zwerg BigBang, der sich dann „selbst entfaltet“. Woanders, wohl an Brockhaus ange-lehnt, heißt der Zwerg „ursprüngliche“ oder „kosmolo-gische Singularität“. Dieses gesichts- und bartlose Urstück pickte sich einen explosionsfähigen Tropfen Ursuppe aus einer geknetschten rostigen Coladose, die zufällig in seiner Reichweite lag, und damit ging alles los.

Georges Lemaitre, Begründer jener Theorie, die inzwi-schen zur Tatsache gerann, hatte den „heißen Anfangszu-stand des Universums“ 1931 „primordiales Atom“ oder „Uratom“ genannt, war er doch Theologe und Physiker zugleich. Man könnte diesen Anfangszustand genauso gut Naica-Loebell nennen. Mit welchem Grund? Die Gute setzt etwas voraus, das sich jeglicher Überprüfbarkeit entzieht, damit also unangreifbar wie Gott ist. Schon die Lässigkeit, mit der sie über 13,7 Milliarden Jahre verfügt, ist atemberaubend. Jochen Kirchhoff hat wiederholt den leichtfertigen Umgang der etablierten AstrophysikerInnen mit „monströsen Zeiträumen“ angeprangert. Wenn etwa Einstein behaupte, die Merkurbahn vollziehe in drei Millionen Jahren eine Umdrehung, halte er es offenbar für legitim, „den winzigen Beobachtungszeitraum, der uns zur Verfügung steht, ins Unabsehbare auszuweiten und den Jetzt-Zustand einfach in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein zu extrapolieren.“ Selbstverständlich habe das nichts mit Empirie zu tun; es sei pure Setzung.

Der Physiker und Autor Peter Ripota weist auf haarsträu-bende innere Widersprüche der Urknall-Theorie hin. Wenn aus dem Nichts in einem Augenblick etwas so Gewaltiges wie das gesamte Universum entstehen könne, widerspreche es allen Prinzipien und Gesetzen der Physik, ganz besonders dem Energieerhaltungssatz. Die Theorie der „kosmischen Inflation“ – derzufolge das Weltall nach dem Urknall mit zunehmender Geschwindigkeit expandierte – entbehre nach den Formeln der Physik jeder Grundlage. „Keine Masse kann auch nur annähernd Lichtgeschwindigkeit erreichen, geschweige diese milliar-denfach überschreiten.“ Eine zunehmende Explosions-geschwindigkeit mit wachsender Entfernung sei ohnehin absurd: woher nähmen die beteiligten Objekte die dazu erforderliche Energie? Bekanntlich verhalte es sich bei allen beobachtbaren Explosionen genau umgekehrt: die weggeschleuderten Teilchen werden langsamer.

Schließlich behauptet Ripota, in den Kugelsternhaufen um die Galaxien hätten sich inzwischen Sterne gefunden, die älter als unser angebliches Universum seien, nämlich zum Teil über 15 Milliarden Jahre alt. Aber hier beißt sich die „immanente“ Kritik in den Schwanz. Jochen Kirchhoff hat auch die Fahrlässigkeit beklagt, mit unseren Milchstraßen-maßstäben (von Zeit, Raum, Materie, Energie dergleichen) universell zu hantieren. In diesem Licht muß der oben behaupteten Geschwindigkeit unserer Milchstraße gleichfalls mit Skepsis begegnet werden. Woran will man sie denn messen? Setzte ich vor 50 Jahren meinen Physiklehrer mit der Frage in Verlegenheit, was eigentlich vor dem Ur gewesen sei, griff ich natürlich zu kurz. Denn das ganze Koordinatensystem unsrer Weltauffassungsgabe hängt in der Luft – was zahlreiche hochstudierte Köpfe mal unverschämterweise, mal elegant zu übersehen pflegen. Vorher und nachher sind so willkürliche Kategorien wie unten und oben. Sein oder Nichtsein stellt lediglich für ein Staubkorn namens Hamlet die große Alternative dar. Es sind ja völlig andere „Existenzformen“ denkbar, die sich unserem auf Raumzeitlichkeit und Kausalität* geeichtem Vorstellungsvermögen leider entziehen. Unser Problem ist unsere beschränkte Warte. Seit Gott abgewirtschaftet hat, steht uns kein verläßlicher Bezugspunkt außerhalb unsrer selbst zur Verfügung. Das hindert uns Sterbliche gleichwohl nicht an dem rachsüchtigen Drang, auch der Welt und allen in ihr enthaltenen Dingen einen Anfang und ein Ende zu setzen. Wir stecken ein jedes in seinen Behälter. Am liebsten machten wir gleich mit allem ein Ende. Wie anders wäre unsere notorische Neigung zum Explosiven zu erklären? Feuerbohrer, Flitzebogen, Schießpulver, Dampfmaschine, Benzinmotor, Kernspaltung, Bevölkerungsexplosion, Klima-Klimax – nach männlichem Wunsche soll alles sofort sein. Der Mann liebt den Urknall, den Überfall, den überraschenden Abwurf einer Atombombe.

Die Atombombe verdanke sich der modernen theore-tischen Physik, bemerkt Kirchhoff völlig zurecht. Für ihn gehören „Urknall“ und „Hiroshima“ engstens zusammen. Am tollsten fände es unser Mann, wenn alles nicht nur sofort, sondern auch fort wäre – ausgenommen ihn selber. Für Canetti stellt das Überleben die zentrale Situation der Macht dar. Er hebt einen Sultan hervor, der um 1300 Delhi entvölkern ließ, weil ihm wiederholt Schmähbriefe über die Gartenmauer geworfen worden waren. Der Herrscher ist erst besänftigt, als die restlos ausgeräucherte tote Stadt zu seinen Füßen liegt.

Ob er nach einigen Tagen tobte, weil offensichtlich niemand mehr da war ihn zu fürchten oder zu bewundern, erfahren wir nicht. Aus dieser niederschmetternden Einsamkeit heraus hat „die ursprüngliche Singularität“ die Welt erschaffen.

* Kein Geschehen ohne Ursache; gleiche Ursachen gleiche Wirkungen

Zusatz 2018: Ähnlich halbherzig wie Ripota verfährt der Astrophysiker Hans-Jörg Fahr in seinem Buch Univer-sum ohne Urknall, Heidelberg 1995. Er führt zahlreiche stichhaltige Einwände gegen die herrschende Urknall-, Rotverschiebungs- und Hintergrundstrahlungs-Kosmologie beziehungsweise -Theologie an und stellt sogar deren Universal-Meßlatten wie etwa „die Zeit“ in Frage, doch er scheut einen konsequenten Abschied. Nähme er seine Kritik ernst, müßte er ja beispielsweise vorschlagen, mindestens neun Zehntel der gängigen abenteuerlichen „Forschung“ auf kosmologischem Gebiet sofort einzustellen. Schließlich werden hier für buch-stäblich nichts seit Jahrzehnten Gehälter und Geräte im Werte von sicherlich etlichen Milliarden Dollar verpulvert, mit denen man locker Afrika, Lateinamerika, Mexiko und die USA zusammengenommen vom Elend befreien könnte. Fahr findet jedoch, es müßten weiterhin Universen „konzipiert“ werden, und seien es alternative, beispiels-weise anfangslose, dynamisch-vitalistische. „Die Schöp-fung muß unerschöpflich bleiben“, betet der Bonner Professor (auf S. 149), ganz wie der Topf mit dem Forschungsgeld. Nebenbei hat es für die Entlohnung eines Lektors seines Werkes nicht mehr gereicht. Es wimmelt von Druckfehlern, Füll- und Fremdworten und der Konjunktion daß wie ein bereits stark expandiertes Weltall, hat aber nur 150 Seiten.


Das Behälterdenken

Am 1. September 2010 hielt ich es für angebracht, den Wikipedia-Artikel über Behälter um den folgenden Abschnitt „Zur Geschichte“ zu erweitern. Ich dokumentiere ihn hier, weil er sich nur für eine Stunde in der Enzyklopädie halten konnte.

Über die Behälter der Steinzeit wissen wir naturgemäß wenig, weil sie, im Gegensatz zu Faustkeilen oder den damaligen Äxten, nicht aus Stein waren. Vermutlich wurden sie aus Rinde, Ruten, Leder und dergleichen angefertigt, da sie Transporte erleichtern sollten. Jost Herbig hat den Verdacht, diese Spurenlosigkeit der Behälter habe viele WissenschaftlerInnen dazu verleitet, die kriegerischen Antriebe unserer Urahnen zu über-, ihre sozialen zu unterschätzen. Mit Hilfe von Tragbeuteln beispielsweise konnten Nahrungsmittel nicht nur bevorratet, sondern auch besser ver- und geteilt werden. Mit dem Anthropologen Owen C. Lovejoy nimmt Herbig sogar an, die Herausbildung des Aufrechten Ganges verdanke sich wesentlich dem Wunsch, die Hände zum Tragen frei zu bekommen. [Folgt Fußnote mit der Quelle: Jost Herbig: Im Anfang war das Wort, 1984, Ausgabe München 1986, bes. S. 41 und 52.]

Auch Lewis Mumford beklagt Lücken. Die wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritte, die zwischen 1100 und 1800 durch die Herstellung zweckmäßiger Behälter erzielt worden seien, würden bis heute stark unterschätzt. Es handele sich sowohl um Behälter „für den Hausgebrauch, wie Töpfe, Pfannen, Säcke und Tonnen, als auch solche für kollektiven Gebrauch, wie Kanäle und Schiffe. Daß Behälter Kraft übertragen können, wie ein Mühlengraben, oder Kraft nutzbar machen, wie ein Segelschiff“, sei gleichfalls weithin übersehen worden. [Fußnote: Lewis Mumford: Mythos der Maschine (Originalausgabe 1966/1970), 2. deutsche Ausgabe Frankfurt/Main 1977, S.499/500.]

Somit erstreckt sich der Bereich der Behälter für Mumford über die anerkannten Kisten und Krüge hinaus. Henner Reitmeier geht noch weiter. Für ihn stellen auch Mietshäu-ser, Flugzeugträger, ganze Städte, Nationen oder soge-nannte Vaterländer, aber auch Begriffe, wissenschaftliche Systeme und Vorurteile Behälter dar. Er bescheinigt dem Menschen geradezu ein zwanghaftes „Behälterdenken“; ohne alles und jedes in seinen vorschriftsmäßigen Behälter zu stecken, finde er sich offenbar nicht in der Welt zurecht. Reitmeier weist auf die Ambivalenz aller Behälter hin: sie behüten ihren Inhalt; beengen, fesseln, verbergen ihn aber auch. Analog bieten uns Formen an, sie zu bewahren oder sie zu zerstören. [Fußnote: Henner Reitmeier: Der Große Stockraus. Ein Relaxikon, Berlin 2009, s. im Register „Behälter(denken)“.]

Die gängigen kosmologischen Vorstellungen sperren gleich das gesamte Universum ein – es gibt ja auch dehnbare Behälter, siehe jenen Tragbeutel aus Leder. Andererseits übersteigen unfestgelegte Phänomene wie „Unendlichkeit“ oder „Ewigkeit“ entschieden unser Fassungsvermögen. Wir sind das abgrenzende Tier. Eine Kulturgeschichte der Behälter – die offenbar noch aussteht – dürfte deshalb spannend zu lesen, aber wohl auch ziemlich schwer zu schreiben sein.


Unendlichkeit

Dieses Kapitel ist nahezu wortgleich mit einer Passage meines Bott-Buches, Kapitel III, Abschnitt 3 gegen Ende

Arthur Koestler erwähnt in seinen Erinnerungen, dem Phänomen der Unendlichkeit sei er erstmals mit 14 begegnet. Mir erging es kaum anders. Als Knabe nahm ich mehrmals an Zeltlagern der christlichen Jungschar im Harz teil. Am östlichen Dorfrand gab es einen Anger, auf dem ich zuweilen in der Abenddämmerung hockte, um das Verschwinden der Sonne hinter den jenseits gelegenen Wäldern zu verfolgen. Der Sonnenuntergang hatte sich nämlich als angemessene Kulisse für meine Niedergeschla-genheit herausgestellt. Möglicherweise handelte es sich, genauer gesagt, um Selbstmitleid. So hatte ich keinen „richtigen“ Vater vorzuweisen. Oder ich ahnte, trotz meines Ehrgeizes – ich war schon zum „Mitarbeiter“ aufgestiegen – den Aufgaben und Positionen, die ich mir anmaßte, leider nicht ganz gewachsen zu sein; hier drohte Überforderung. Vielleicht kam auch eine Zurückweisung seitens des zarten, blonden Knaben Clemens hinzu, in dessen Schlafsack man liebend gern gekrochen wäre. Aber dies alles ist hinreichend beschrieben worden. Hier geht es um Unendlichkeit.

Von Knabenleid erfüllt, sah ich den roten Sonnenball hinter dem Saum der Wälder versinken. Was lag dahinter? Vielleicht das Meer. Dann kamen der Horizont und vermutlich der Mond. Was aber lag hinter diesem? Der Weltraum. Angeblich hatte er noch unzählige andere Sonnen, unzählige andere Milchstraßen, ungeheuerliche Entfernungen zu bieten. Aber was kam dann? Eine riesige Wand – und dann nichts mehr? An dieser Stelle hakte es regelmäßig in mir aus; das war geradezu hörbar. Weiter konnte ich nicht mehr denken. Und das war bestürzend: man fiel in so etwas wie ein Loch, ohne sich von diesem Loch die geringste Vorstellung machen zu können. Denn zu einem Loch gehört ja wieder irgendein Drumherum. Wo aber sollte dieses nun wieder enden?

Um mit Koestler zu sprechen, war es eine „unerträgliche Tortur für den Verstand“. Trotzdem läßt sich noch ein wenig dazu sagen. Beide Fälle muten uns „nichts“ zu. Wie es im Loch hinter der Weltraumwand nichts gibt, besagt ja die Rede von der Unendlichkeit des Weltraums, es gebe nichts anderes. Beides übersteigt unsere Vorstellungskraft. Nur muß man leider zugeben: ohne das Nichts geht es offenbar auch nicht. Dringend auf „etwas“ angewiesen, können wir dieses Etwas (das Sein) nur behaupten oder leben in Abgrenzung zu eben dem Nichtsein. Das Nichtsein ist natürlich der Tod. Oder „die absolute Kälte des Weltraums“, wie Canetti metaphorisch polterte.

Witzigerweise ängstigen wir uns vor diesem Phänomen, obwohl oder vielmehr weil wir nicht das geringste von ihm wissen. Denn Gefahren, die ich kenne, sind bereits halb entschärft. Legt mir ein Gegner einen Snooker, weiß ich, was er damit beabsichtigt, und ich kann versuchen, seine finsteren Pläne zu durchkreuzen. Was jedoch sollte ich gegen den Tod tun?

Nichts.


Ungewißheit

Die Frage, die mich seit Jahrzehnten am stärksten bewegt, ist ausgerechnet die, zu der sich am wenigsten sagen läßt. Es ist die Frage, wo die Welt herkommt, was sie soll, wie sie endet – niemand weiß es. Alles andere wäre auch erstaunlich, stehen wir doch nicht über der Welt. Vielmehr stecken wir bis über beide Ohren in ihr und sind entspre-chend befangen.

Die Entgegnung, mit unserem Geist könnten wir doch prima in die Ferne schweifen, unterliegt einem Trugschluß. Denn die Ferne, das ist bereits unsere Kategorie. Als Instrument einer objektiven Untersuchung taugt sie gar nichts. Wo finge sie denn an und wo hörte sie denn auf, die Ferne? Undenkbar. Wie ich eben schon erläutert habe, versagt unsere Vorstellungskraft sowohl vor der Endlich-keit wie vor der Unendlichkeit. In beiden Fällen stürzt sie uns gleichsam in den Sog eines Schwarzen Lochs, von dessen Beschaffenheit wir ebenfalls nicht das geringste wissen. Daher die Angst vor dem Tod. Die Angst gilt nicht der Aussicht, keine Brötchen mit Butter und Feigenmar-melade mehr essen zu können; sie gilt der Ungewißheit.

Das Wissen um den Zusammenhang fehlt uns. Den Plan, den gewisse Webseiten-BetreiberInnen den „Bilder-bergern“ zur Schaffung ihrer Neuen Weltordnung unterstellen, hätte ich gerne für alles. Wieviele Weltalle umfaßt alles? Warum sollte es in Weltallen organisiert sein? Ginge es vielleicht auch ohne Organisation? Muß es überhaupt etwas geben? Und wenn es nichts gäbe – was gäbe es dann? Wer diese Fragen aufmerksam verfolgt und nachvollziehen kann, wird erkennen, wie hoffnungslos wir dem Behälterdenken ausgeliefert sind. Unsere Gehirn-schale möchte auch für alles ein Gefäß. Für Legionen von Astrophysikern und ihrer NachbeterInnen tut es notfalls sogar ein punktförmiges Gefäß, das bereits alles enthält – bevor es sich mit einem grandiosen Urknall entfaltet ...

Ich kenne allerdings auch viele Menschen, denen diese astro- und metaphysischen Fragen – wie sie selber zu sagen pflegen – am Arsch vorbei gehen. Ich glaube, diese Menschen regieren sogar die Gespräche, Diskurse, Staaten, Börsen, Bankhäuser dieser Welt. Zuweilen schmücken sie sich mit dem Prädikat der Demut, doch für mich gehören sie zu dem Heer der GegenaufklärerInnen. Denn die Antwort, warum mich die angeführten Fragen nicht in Ruhe lassen, liegt auf der Hand. Dazu läßt sich durchaus etwas sagen. Als libertär gestimmter Mensch lehne ich undurchschaubare Verhältnisse grundsätzlich ab. Denn die graue Sphäre der Undurchschaubarkeit ist der ideale Nährboden für Herrschaft. Das geht von den Betriebsgeheimnissen meines Chefs, der kaum ein Dutzend Leute beschäftigte, über den Vatikan und die Bilderberg-Konferenzen bis über das uns bekannte Universum hinaus. Sagt eine angeblich anarchistische Kommune einer Bewerberin, über den Zweck, die Entscheidungsstrukturen und die Mitgliederzahl der Kommune werde bislang nur gemunkelt, dürfte sie auf dem Absatz kehrt machen. Poche ich aber dem alles gegenüber auf die entsprechenden Auskünfte, verun-glimpft man mich als Traumtänzer oder Spinner.

Mein Makel ist es, als ein Teil der Welt auf einem Mitbe-stimmungsrecht an ihr zu bestehen. Der Rebell verlange nicht das Leben, sondern die Gründe des Lebens, formuliert Camus einen der wenigen Sätze seines Buches Der Mensch in der Revolte, die würdig sind angeführt zu werden. Ich fordere die vielzitierte Transparenz, weil ich andernfalls nur im Dunkeln tappen kann. Eine nicht offengelegte Schöpfung stempelt mich zum Vollidioten. Davon verstehst du nichts. Sie tritt meine Menschenwürde mit Füßen, die möglicherweise in einigen Milliarden Lichtjahren Entfernung angehoben werden. Ich bin ihr Untertan.

Vielleicht ginge es noch an, wenn wir nur dazu verdonnert wären, mit dem Rätsel der Welt zu leben. Aber wie oft haben wir daran zu leiden – wenn wir beispielsweise hungern müssen wie der junge Van Gogh, mit einem Klumpfuß geboren werden wie Byron oder das Pech haben, gegenwärtig, während die Atomlobby weltweit wieder Oberwasser bekommt, im Schatten des Atomkraftwerks aufzuwachsen, das auch so sicher sein wird wie das in Tschernobyl oder Fukushima. Vor allem jedoch haben wir mit dem Rätsel der Welt auch zu sterben. Das finde ich das Schlimmste. In einem Sarg mit der Ungewißheit – widerlich!

Der tröstliche Hinweis mit Hilfe des bekannten Filmtitels, die Hoffnung sterbe zuletzt, erweist sich als Unfug, sobald einer das zweifelhafte Glück hat, die 60 zu überschreiten. Dann verkümmert die Hoffnung von Monat zu Monat im Quadrat, also gleichsam explodierend wie der Punkt nach dem Urknall, bloß ins Minus gewendet. Ich glaube nicht, daß ich mit 70 auch nur noch einen Fingerhut voll Hoffnung haben werde – schon gar nicht die, noch schnell das Rätsel der Welt zu lösen, bevor es ans Röcheln geht. Hoffnung hat der, in dem die Säfte schwellen. Sie nährt sich von Überschüssen, nicht von Defiziten.

Brieffreund Zander hat schon vor einigen Jahren in einer kargen Bemerkung von der Freudlosigkeit des Alters als dessen wesentliches Merkmal gesprochen. Dem entgehen nur die inzwischen seltenen Zeitgenossen, die an ein Paradies glauben, in dem sie unter bunt angemalten Kindern um den Maibaum tanzen werden. Denkt man an seine Gemälde, zählte der Sozialist Armin Müller wahr-scheinlich zu diesen Gläubigen. Jetzt winkt er mir sicher-lich gerade zu.



Zum Thema Metaphysik/Kosmologie siehe auch
Physik Marke Watson/Crick, in der 2. Hälfte des Beitrags
Eingangskapitel (Teilchenbeschleuniger) und Raumfahrt
Anthropozentrismus: Kapitel Poetologie, in der 2. Hälfte des Beitrags
>Tod
Zwerglied im schlosspark (mp3, 1.394 KB)
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